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Pietro von Abano

Ludwig Tieck: Pietro von Abano - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titlePietro von Abano
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20151207
senderwww.gaga.net
created20081213
projectidba39fe61
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Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt, Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta abstieg.

In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimnis war. Kaum hatte sich die Finsternis dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im innersten Zimmer seines Hauses alle Geräte, alle seine künstlichen Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner Wirkung gewiß zu sein. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht, und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.

Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern angetan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so, wie dieser es nötig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für den glücklichsten erachtete.

Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja, antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen Hausrat munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch. Geht's los? rief Beresynth. – Schweig, erwiederte der Alte feierlich, und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel gestaltet.

Dichte Finsternis, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. – Sie sind mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen. Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von unten heraufgemacht, und wütet mit Feuer und wilden krachenden Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert. Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.

Törichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte! Alle Türen reiß auf, eröffne auch das Tor des Hauses.

Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten. Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit wilder Gebärde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen.

Der Alte erhob vom Boden ein totenbleiches Antlitz, und verzerrt und unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und störe das Werk nicht. Gib Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist noch zurück.

Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und beschwor er wieder, der Atem schien ihm oft zu fehlen, es war, als müsse die ungeheure Anstrengung ihn töten. Da hörte man plötzlich Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten, sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von wundersamen Instrumenten. Alle Geräte wurden lebendig und schritten vor und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen Wesen aller Art, Getier und Ungeheuer und abenteuerliche Fratzen im buntesten Gewirre.

Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer gräulicher, immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen Gewölben, und noch schießen die Kreaturen hervor, und vermehren sich mit dem wachsenden Räume. Könnt Ihr nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen?

Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.

Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.

Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte und alle jene Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß und Tränen ab und holte freier Atem. Sein Diener kam zurück und sagte: Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Tür der Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen geschmückt, sie schwebte aus dem Tor und Lichtstrahlen bereiteten ihr eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese, auf welche Ihr gewartet habt?

Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, wenn Du Dein Leben achtest.

Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück warf.

Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem Totenschmucke, das Krucifix noch in den gefalteten Händen haltend. Er stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging neben ihm, starr und ohne Teilnahme, ohne sich umzusehn.

Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die roten Decken und atmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund, wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und Zaubergeräten den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu erwarten.


Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach der Erzählung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden, jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich sein sollte. Kann es sein, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte?

Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden sein sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten. Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Teil des Tages so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück, rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren.

In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen. Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigentümer des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna gereist, um eine alte Schuld einzukassieren.

Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange gewogen war.


Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?

Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urteil über ihn widerrufen.

Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, wie sein Meister, belügen kann.

Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen?

Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen ist, gehe ihm aus dem Wege.

Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urteilen dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die Nase vor Zorne fast immer rot anläuft? Ihr mit Euren krummen Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die Kanzel hinaus, wenn es dorten hantiert, und ist so schmalbeinig und schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind einmal stark weht; den die Gemeinde kaum erkennt, wenn er vor dem Altar gestikuliert, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der Hoffnung, er sei wirklich zugegen: – wie, ein solcher Knirps und geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formieren könnte, wobei ich meinen doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung bringe.

Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen Gesellen seinen Mutwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht auch an zu moralisieren! das leide ich einmal von keinem andern als meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie und dergleichen zu dozieren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund auftun, wo ich mein ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief; Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon angehängt, als sie Eurem erlauchten Großvater die ersten Hosen antaten, darum erzeigt den Respekt da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt.

Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit Dir.

Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph sein wollt.

In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Kreatur zu spotten.

Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein notwendiger Ersatz, um sich über seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugeteilt sind?

Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.

Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in der Tür mit grinsender Freundlichkeit!

In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen Instrumente und den wunderlichen Hausrat des Greises erstaunt war. Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mitteilt, demütig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen.

Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nötig sind; wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht unbegreiflich erscheint.

Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Tür, die verschlossen schien, war nur angelehnt, sie tat sich auf, und der Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrotem Lichte erfüllt war, aber in dieser Rosenglut stand an der Tür ein bleiches Gespenst, welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich um, warf donnernd die Tür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimnis, mein junger Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf.

Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten.

Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Türen verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen. Schert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest zusammenfangen muß.

Antonio verließ wie betäubt den Saal.


Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern bekommen, und einiges Gerät, mit welchem sie als Kind gespielt hatte; vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligtum, als den letzten Überrest seines irdischen Glückes.

Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht.

Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmut zu rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern.

Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildnis seiner Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem Hindernis heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes Bildnis. Es lag auf dem breiten Knauf einer Tür, die in der Mauer war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Tür öffnete sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des Hauses diese geheime Öffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter der Tür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsternis umgab ihn. Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete sich die Mauer und ein roter Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die Öffnung hineintrat, untersuchte er die Tür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgetan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. Rote kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und endlich dünkte ihm, er vernähme des Säuseln des Athems, wie von einem Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück – und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß schlummernd, das Bildnis seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röte war den blassen Lippen angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunklen Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildnis umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmutigen Bewegungen dem Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Ärmel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und glänzend.

Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen Ausruf der Überraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!

Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Überraschung und dem tiefsten Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren Füßen stürzen, oder in Tränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes Gefühl erstickte.

Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?

Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht tot, und lebe doch nicht. Reich' mir die Schale dort.

Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu tun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.

Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich atme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. – O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der befreite Sklave zu Ketten und Gefängnis. Hilf mir, Treuer, rette mich.

Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie muß ich Dich wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?

Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Rätsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los von der Kette.

Was kann ich für Dich tun? fragte Antonio.

Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben.

Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den Gerichten und der Inquisition zu überliefern?

Nein! nein! nein! ächzte das Bildnis in der höchsten Angst: Du kennst ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.

Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. – Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Krucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Tür wieder einfügen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Tränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen.

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