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Pietro von Abano

Ludwig Tieck: Pietro von Abano - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titlePietro von Abano
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20151207
senderwww.gaga.net
created20081213
projectidba39fe61
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Die untergehende Sonne warf schon ihre roten Strahlen an die Türme, und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für die anmutigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung zurück.

Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßroten Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die trauernden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich Figuren aus der Tür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände gefaltet, die ein Krucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein Kranz von Rosen, Zypressen und Myrten prangte. Man stellte den Sarg mit seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmütig an die Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.

Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern, Verwandten, Priester und Leidtragenden störte und erschreckte. Alles sah unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studierenden der Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt, unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer langer Bart auf das schwarzsamtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er ernst und mit einer Träne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten nach, und finde nun, – wie? eure Crescentia, das Musterbild aller Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Tränen und Herzensweh zu ihrer Ruhestelle zu geleiten? – Er winkte seinen Begleitern und sprach einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder, indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt und mit uns spricht!

Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Ratschlusses zu greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Atem gegen die ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie Lust und Freude sein, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der jede unsrer Tränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmut zerrinnen will, sind sie nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden Tränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Tränen zählt. Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht. Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demut, damit durch euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und geängstigt werde.

Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was gibt es? schrie der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.

Die Finsternis umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.


Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus dem fernen Polenlande hierher schwärmt?

Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tiefbewegt. Mein Geist erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum, daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der christlichen Welt.

Wollt wohl auch unter ihm studieren? fragte der Priester im grimmigen Ton.

Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen.

Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht selbst, wie es so Viele, Unzählige schon getan haben, seid auf Eurer Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?

Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?

Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief der alte Priester bewegt aus.

Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels teilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit des Mitbruders stärken will?

Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nötig, in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte. Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu retten.

Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war empört und sagte jetzt, um seinem Gefühl Luft zu machen: wozu nur, geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden zu horchen.

Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle Stirn, schönen Mund der Überredung, und majestätische Gebärden geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein Bekenntnis, meinen Glauben habe, um darzutun, daß ich ein Christ sei. Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde von den Überklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demütig, ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe sein wird.

War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.

Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als Narr ausstaffiert hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?

Ich hielt alles dies für Maske.

Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser Beresynth, wie sie ihn nennen. – Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?

Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft dem Manne nicht schuldig sein, der so den Herrlichen durch Verleumdung schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen Gesinnungen könnt.

Sie trennten sich, beide verstimmt.

Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet war, sprengte wie rasend durch das Tor und rannte dann in ungemessener Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte; nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du mich aus meinem Schlummer? Tödlich muß ich dich hassen um deine Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. Leben! Was ist dieses törichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt' ich nur gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, das atmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.

Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht wohin er geraten war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, Tränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich, und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Tal und Busch ein hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke Finsternis zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in einen Traum zergangen.

Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm dünkte, aber die Finsternis machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.

Die Tür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Herde entgegen schimmerte. In der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Herde zu tun, und lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht näher prüfen, lange konnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse des Donners alles übertäubte.

Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?

Ich komme von Padua, seit heut Abend.

Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr denn hin, da hier keine Landstraße geht?

Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl würde mir sein, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe.

Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht sein. – Ei! rief sie aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige Gewitter also einen lieben Gast beschert; denn wißt nur, mein junger Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch einmal wieder auf deinen Boden treten und die teuren Berge und Gärten wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr?

Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte.

O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.

Der war mein Vater, rief Antonio.

Und lebt nicht mehr?

Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange entrissen.

Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon fünfzehn Jahre sein, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn meines Wohltäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die Hand darauf, junges Blut.

Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?

Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen –

Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!

Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir –

Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl, sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Festung da in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildnis dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine törichte Künstlerin, sie macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brot und Rinderbraten zu kauen. Ei, ein, – zeigt – weiter auf den Mund – die stehn aber so sonderbar, – hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken.

Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich heiter zu sein, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia! ausrief.

Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt Ihr von ihr?

Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.

Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Herde; aber wie ward dem Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist tot, seufzte Antonio, sie starr betrachtend. –

Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte, und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und schlummern kann das unnütze Geschöpf.

Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre Anmut. Antonio fühlte sich dem Wahnsinn nahe, daß er diejenige wieder vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hierher geraten?

Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine Tochter, und ist es von je an gewesen.

Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold errötend. Ich bin nie in der Stadt gewesen.

Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem Wahnsinn befangen zu sein, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimat weile, nur seine Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.

Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hierher getrieben hat.

Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.

Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.

Also das wißt Ihr auch?

Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüte.

Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht tun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältnis, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.

Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in der Haushaltung zu?

Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu erzählen.

Die Alte leerte ein Glas roten Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigertiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander getan, wohl gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Zymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar, – doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen.

Crescentia sah den Erstaunten wehmütig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche. In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Szenen mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.

Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus seiner staunenden Träumerei.

Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust!

Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. – Nun, und Du? Erzähle doch weiter.

Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.

So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen, das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein köstliches Wort.

Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.

Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in die Welt?

Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als ich in das Haus des Podesta kam –

Nun? sprich heraus, Kind!

Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die Wüste hierher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gib Dich endlich, endlich zu erkennen, teure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben? Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.

Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, eine solche Wehmut im Angesicht, daß ihm die Tränen aus den Augen stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, sagt, ist denn die Tochter des Podesta tot? Gestorben wäre sie? und wann?

Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.

Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte. Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.

Warum?

Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.

Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.

Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann auch wohl erraten. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen Wunsch anführen. – Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken aus der Stirn: gut! Nun gib die linke Hand: die rechte; ei! ei! sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor, aber wenn du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.

Jenseit! seufzte Antonio.

Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es gibt kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und kann tun, was ihn gelüstet.

Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die blasse Crescentia legte einen so demütig flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem Herde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer. Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte Jüngling endlich.

Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Tür kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem Totenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.

Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu entsetzlich! Und daß ich nichts tun, nichts hindern kann, daß ich den Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es erfahren.

So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß Du nur die Worte wieder findest.

Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den gräulichen Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen. Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes sein, Euch keine Hülfe, Euch keine Rettung bieten.

Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Mut und Entschlossenheit wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu sein?

Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier über das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich sein. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?

Komm, rief Antonio, die Tür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der Wald werden uns ihren Schutz verleihen.

Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Tür des Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht von sich gibt. Saht Ihr nicht, wie sie die Tür ins Schloß warf, als Ihr hereingetreten wart?

So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel –

Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.

Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Türe leise von ihrer Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Tür, mit Vorsicht brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. Die Tür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto.

Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den Schlüssel? Wohin?

Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wütend an der Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Tür. Jetzt wollte Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren Anführer tot am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der Finsternis von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wut blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die Tür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden, er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen mußten. In dieser höchsten Not traf er auf einer kleinen Waldwiese sein Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Übermüdung erholt zu haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Tier seine Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor sich liegen.

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