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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Biographisches.

Der Doctor, den ich im vorstehenden Dialoge auf die Scene gebracht habe, ist nicht etwa ein phantastisches Wesen wie die Daphnen früherer Zeiten, sondern ein wirklicher, lebendiger Doctor! Diejenigen, die mich kennen, werden bereits den Dr. Richerand in ihm errathen haben.

Indem ich seiner gedachte, erinnerte ich mich zugleich seiner Vorgänger und ward mit einigem Stolze inne, daß meine Heimat, der Kreis Belley im Departement des Ain, sich seit langer Zeit des Vorzugs erfreut, der Hauptstadt der Welt die ausgezeichnetsten Aerzte zu liefern. Ich habe daher der Versuchung nicht widerstehen können, diesen Männern hier in einer kurzen Note ein bescheidenes Denkmal zu setzen.

Zur Zeit der Regentschaft waren die Doctoren Genin und Civoct Practiker ersten Ranges und ließen ihrer Heimat ein ehrenvoll erworbenes Vermögen zu Gute kommen. Genin war durch und durch Hippokratiker und curirte nach den strengen Regeln der Kunst; Civoct dagegen, der viele schöne Damen zu behandeln hatte, war nachsichtiger und willfähriger: res novas milientem, würde Tacitus von ihm gesagt haben.

Um 1750 zeichnete sich La Chapelle in der gefahrvollen Laufbahn eines Militärarztes aus. Wir haben einige gute Werke von ihm und verdanken ihm die Einführung der Behandlung der Lungenentzündung mit frischer Butter, ein Verfahren, das wie durch Zauber zur Heilung führt, wenn es in den ersten sechsunddreißig Stunden der Krankheit zur Anwendung kommt.

Um 1760 errang Dubois die großartigsten Erfolge in der Behandlung der Vapeurs, einer Modekrankheit, die damals gerade so häufig war wie jetzt die Nervenleiden, die an ihre Stelle getreten sind. Der große Ruf, zu dem er gelangte, war um so bemerkenswerther, da er nichts weniger als hübsch war.

Unglücklicherweise erwarb er gar zu bald ein selbständiges Vermögen, sank der Faulheit in die Arme und begnügte sich, ein liebenswürdiger Tischgenosse und überaus amüsanter Erzähler zu sein. Er besaß eine robuste Constitution und wurde daher trotz oder vielmehr Dank den Diners des alten und des neuen Regimes mehr als achtundachtzig Jahre alt Beim Niederschreiben obigen Satzes mußte ich unwillkürlich lächeln: ich dachte dabei an einen großen Herrn von der Akademie, dem Fontenelle die Lobrede zu halten hatte. Der Verstorbene verstand nichts weiter als alle Spiele zu spielen, der ständige Secretär der Akademie aber wußte über diese Eigenschaft einen wohlgedrechselten Panegyrikus von angemessener Länge vom Stapel zu lassen. Man vergleiche übrigens die vierzehnte Betrachtung, wo der Doctor selbst auf der Scene erscheint..

Gegen Ende der Regierung Ludwigs XV. kam Coste, aus Châtillon gebürtig, nach Paris. Er überbrachte einen Empfehlungsbrief Voltaire's an den Herzog von Choiseul und hatte das Glück, gleich bei den ersten Besuchen das Wohlwollen des Herzogs zu gewinnen.

Von diesem großen Herrn und dessen Schwester, der Herzogin von Grammont, begünstigt und unterstützt, machte der junge Coste sich bald bemerklich, und schon nach wenig Jahren zählte Paris ihn zu seinen hoffnungsvollsten Aerzten.

Dieselbe Gunst aber, die ihn emporgebracht hatte, entriß ihn dieser ruhigen und erfolgreichen Laufbahn, um ihn an die Spitze des Sanitätsdienstes bei der Armee zu stellen, die Frankreich den für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Amerikanern zu Hilfe schickte.

Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte, kehrte Coste nach Paris zurück, machte ziemlich unbeachtet das böse Jahr 1793 durch und wurde später zum Maire von Versailles gewählt, wo man sich noch heute seiner kräftigen, aber milden und väterlichen Verwaltung erinnert.

Bald darauf berief das Directorium ihn wieder zur Verwaltung des Sanitätsdienstes bei der Armee. Napoleon machte ihn zu einem der drei General-Inspectoren für diese Abtheilung, und in dieser Stellung zeigte sich der Doctor beständig als Freund, Beschützer und Vater der jungen Leute, die sich diesem Dienste widmeten. Schließlich wurde er zum Arzt des Invalidenhauses ernannt, und diesem Amte hat er bis zu seinem Tode vorgestanden.

So langjährige Dienste konnten unter dem Regimente der Bourbonen nicht unbelohnt bleiben, und Ludwig XVIII. erfüllte nur eine Pflicht der Gerechtigkeit, als er dem Doctor Coste das Band des St. Michaelordens verlieh.

Coste ist erst vor einigen Jahren gestorben. Er hinterließ ein geachtetes Andenken, ein höchst bescheidenes Vermögen und eine einzige Tochter, die Gattin des Herrn Lalot, der sich in der Deputirten-Kammer durch tiefe und lebendige Beredtsamkeit auszeichnete, was ihn indessen nicht verhindert hat, mit vollen Segeln auf den Grund zu fahren.

Eines Tages, als wir bei Herrn Favre, dem Pfarrer von Saint-Laurent, gespeist hatten, erzählte unser Landsmann Coste mir von dem hitzigen Streite, den er am selben Tage mit dem Grafen Cessac, damaligem Director der Militärverwaltung, wegen einer Ersparnis gehabt hatte, die der Graf in Vorschlag bringen wollte, um sich bei Napoleon in Gunst zu setzen.

Diese Ersparnis bestand darin, daß den kranken Soldaten die Hälfte ihrer Ration Brotwasser gestrichen und sie angehalten werden sollten, die von den Wunden abgenommene Charpie auszuwaschen, so daß dieselbe zum zweiten und dritten Male gebraucht werden könnte.

Der Doctor hatte rücksichtslos gegen diese Maßregeln protestirt, die er als abscheulich bezeichnete, und war bei der Erzählung noch so voll von seinem Gegenstande, daß er von neuem in Eifer gerieth, als ob der Gegenstand seines Zornes gegenwärtig gewesen wäre.

Ich habe nie erfahren können, ob der Graf in Wirklichkeit bekehrt worden war und sein Project in der Mappe behalten hatte – soviel aber steht fest, daß die kranken Soldaten jederzeit nach Belieben trinken durften, und daß die einmal gebrauchte Charpie nach wie vor weggeworfen wurde.

Um 1780 kam der Doctor Bordier, aus der Gegend von Amberieux gebürtig, zur Ausübung seiner Kunst nach Paris. Seine Behandlungsweise war gelind, sein System ein abwartendes, seine Diagnose sicher.

Er wurde zum Professor bei der medicinischen Facultät ernannt. Der Stil seiner Vorträge war einfach, seine Lehrweise aber väterlich und ersprießlich. Die Ehrenbezeigungen suchten ihn auf, als er gar nicht daran dachte, und er ward zum Arzt der Kaiserin Marie Louise ernannt. Er hatte jedoch diese Stelle nicht lange inne: das Kaiserreich brach zusammen, und der Doctor selbst wurde von einem Beinübel weggerafft, gegen das er sein ganzes Leben hindurch gekämpft hatte.

Bordier war von ruhiger Gemüthsart, wohlwollendem Charakter und verläßlichem Umgang.

Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts trat Bichat auf, Bichat, dessen Schriften ohne Ausnahme den Stempel des Genies tragen, der seine Lebenskraft bei Forschungen und Arbeiten zur Förderung der Wissenschaft abnutzte, der das Feuer der Begeisterung mit der unermüdlichen Geduld beschränkter Köpfe vereinte, und der, obschon er mit dreißig Jahren starb, doch die öffentlichen Ehren verdient hat, die seinem Gedächtnis zuerkannt wurden.

Später hauchte Montègre der Klinik einen philosophischen Geist ein. Er redigirte mit vieler Kenntnis die Gazette de santé (Sanitäts-Zeitung) und starb, vierzig Jahre alt, in unsern westindischen Colonien, wohin er sich begeben hatte, um seine geplanten Abhandlungen über das gelbe Fieber und den Vomito negro zu vervollständigen und zum Abschluß zu bringen.

Gegenwärtig nimmt Dr. Richerand den ersten Platz unter den Operateuren ein, und seine Elements de physiologie (Grundriß der Physiologie) sind in alle Sprachen übersetzt worden. Frühzeitig zum Professor an der Pariser Facultät ernannt, erfreut er sich des allerhöchsten Zutrauens. Niemand kann eine trostreichere Sprache, eine sanftere Hand und ein schnelleres Messer haben.

Seinem Landsmann zur Seite steht der Doctor Recamier, Professor an derselben Facultät ...

Während so die Gegenwart gesichert ist, bereitet die Zukunft sich vor: unter der Aegide dieser beiden hervorragenden Lehrer wachsen junge Leute aus demselben Landstriche heran, die so ehrenvollen Vorbildern zu folgen versprechen.

Schon rollen die Doctoren Janinund Manjot über das Pflaster von Paris. Manjot befaßt sich hauptsächlich mit den Kinderkrankheiten. Er hat glückliche Eingebungen und wird bald dem Publikum Mittheilung davon machen.

Wie ich hoffe, wird der wohlgeborene Leser diese Abschweifung einem Greise verzeihen, bei dem ein fünfunddreißigjähriger Aufenthalt in Paris seine Heimat und seine Landsleute nicht in Vergessenheit gebracht hat. Es kostet mich wahrlich schon Ueberwindung genug, so viele Aerzte mit Stillschweigen zu übergehen, deren Gedächtnis in dem Landstriche, wo ihre Wiege stand, ehrenvoll fortlebt, und die deshalb, weil sie nicht auf einem großen Schauplatze glänzten, doch weder weniger Wissen noch weniger Verdienst besaßen.

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