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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Gespräch zwischen dem Autor und seinem Freunde.

(Nach Austausch der ersten Artigkeiten).

Der Freund. Heute Morgen beim Frühstück haben meine Frau und ich in unserer Weisheit beschlossen, daß Sie so bald als möglich Ihre Gastronomischen Betrachtungen drucken lassen sollen.

Der Autor. Des Weibes Wille ist Gottes Wille – das ist in sechs Worten das ganze Staatsgrundgesetz der Pariser. Aber ich gehöre nicht zur Gemeinde, und ein Junggesell – – –

Der Freund. Du lieber Gott, die Junggesellen sind dem Gesetz ebenso unterthan wie wir andern, und bisweilen sogar zu unserm großen Schaden. In diesem Falle aber vermag das Cölibat Sie nicht zu retten, denn meine Frau behauptet, das Recht zum Befehlen zu besitzen, da Sie bei ihr auf dem Lande die ersten Seiten Ihres Werks geschrieben haben.

Der Autor. Lieber Doctor, du kennst meine Willfährigkeit gegen die Damen, du hast mehr als einmal meine Folgsamkeit gegen ihre Befehle gepriesen, du gehörst sogar zu denen, welche behaupten, ich würde einen vortrefflichen Ehemann abgeben ... und doch werde ich nicht drucken lassen.

Der Freund. Und warum nicht?

Der Autor. Weil mein Stand mir ernste Studien zur Pflicht macht und ich befürchten muß, diejenigen, welche mein Buch nur dem Titel nach kennen, möchten zu der Meinung kommen, ich beschäftige mich einzig mit Lappalien.

Der Freund. Unnöthige Besorgnis! Sichert nicht eine sechsunddreißigjährige ununterbrochene öffentliche Thätigkeit Ihnen einen ganz entgegengesetzten Ruf? Ueberdies glauben wir, meine Frau und ich, daß jeder Ihr Werk lesen wird.

Der Autor. Wirklich?

Der Freund. Die Gelehrten werden es lesen, um das, was Sie nur angedeutet haben, zu errathen und zu studiren.

Der Autor. Das könnte wohl möglich sein.

Der Freund. Die Frauen werden es lesen, weil sie sehen werden, daß – – –

Der Autor. Bester Freund, ich bin alt, ich bin von der Weisheit befallen: miserere mei Hab' Erbarmen mit mir..

Der Freund. Die Feinschmecker werden es lesen, weil Sie ihnen Gerechtigkeit wiederfahren lassen und ihnen endlich den Rang in der Gesellschaft anweisen, der ihnen gebührt.

Der Autor. In diesem Punkte hast du Recht: es ist unbegreiflich, wie sie so lange verkannt werden konnten, diese lieben Feinschmecker! Ich habe für sie ein wahres Vaterherz – sie sind so allerliebst! sie haben so glänzende Augen!

Der Freund. Und haben Sie nicht oft gesagt, daß Ihr Werk in unsern Bücherschränken fehle?

Der Autor. Allerdings habe ich das gesagt, und ich würde mich lieber hängen lassen, als es widerrufen.

Der Freund. Sie sind also vollkommen überzeugt und werden demnach sogleich mit mir zum – – –

Der Autor. O, nicht doch! Wenn das Schriftstellerhandwerk seine Süßigkeiten hat, so hat es auch seine Dornen, und ich vermache beides meinen Erben.

Der Freund. Aber Sie enterben Ihre Freunde, Ihre Bekannten, Ihre Zeitgenossen! Werden Sie dazu den Muth haben?

Der Autor. Alles meinen Erben! Ich habe sagen hören, daß die Schatten sich stets durch die Lobsprüche der Lebenden geschmeichelt fühlen, und ich will mir diese Seligkeit für das Jenseits aufsparen.

Der Freund. Sind Sie aber auch sicher, daß die Lobsprüche auch an ihre Adresse abgehen werden? Sind Sie der Pflichttreue Ihrer Erben sicher?

Der Autor. Ich habe keine Ursache zu der Vermuthung, daß sie eine Pflicht hintansetzen könnten, zu deren Gunsten ich sie von vielen andern entbinden würde.

Der Freund. Werden sie, können sie für Ihr Werk jene Vaterliebe, jene Autorensorgfalt hegen, ohne welche ein Werk sich dem Publikum immer in etwas unbeholfener Weise präsentirt?

Der Autor. Ich werde das Manuscript durchsehen, ins Reine schreiben und fix und fertig machen: es wird nur noch gedruckt zu werden brauchen.

Der Freund. Und nun das Kapitel der Zufälle! Ach Gott! ähnliche Umstände haben bereits den Verlust manches kostbaren Werkes verursacht, unter andern den der Schrift des berühmten Lecat über den Zustand der Seele während des Schlafes, die Arbeit eines ganzen Lebens.

Der Autor. Das war zweifelsohne ein großer Verlust, und ich bin weit entfernt von dem Verlangen nach einer gleichen Trübsal.

Der Freund. Glauben Sie mir, die Erben haben immer genug zu thun, um mit der Kirche, dem Gericht, den Aerzten und unter sich selbst abzurechnen, und wenn nicht der Wille, so wird ihnen doch die Zeit fehlen, sich mit den mannigfachen Sorgen zu befassen, welche der Veröffentlichung auch des kleinsten Buches vorausgehen, sie begleiten und ihr folgen.

Der Autor. Aber der Titel! der Stoff! die Spötter!

Der Freund. Bei dem bloßen Worte Gastronomie spitzt schon alles die Ohren, der Stoff ist in der Mode und die Spötter sind ebenso gut Feinschmecker wie andere Leute. Das mag Sie beruhigen. Ueberdies kann Ihnen ja auch nicht unbekannt sein, daß bisweilen die würdigsten Beamten leichtfertige Werke geschrieben haben, wie z. B. der Präsident Montesquieu Herr de Montucla, durch eine vortreffliche Geschichte der Mathematik bekannt, hat ein Geographisches Lexikon für Tafelfreunde verfaßt; er zeigte mir während meines Aufenthalts in Versailles verschiedene Bruchstücke davon. Ebenso versichert man, daß Herr Berriat-Saint-Prix, der ausgezeichnete Lehrer des Civilrechts, einen mehrbändigen Roman geschrieben hat..

Der Autor ( mit Lebhaftigkeit). Das ist meiner Treu wahr! Er hat den Tempel von Gnidos verfaßt, und man darf behaupten, daß es weit nützlicher ist, über das Betrachtungen anzustellen, was alle Tage ein Bedürfnis, ein Vergnügen und eine Beschäftigung für uns ist, als die Reden und Handlungen zweier Gelbschnäbel mitzutheilen, von denen einer vor zweitausend Jahren in den Hainen Griechenlands dem andern nachlief, der ohnehin wenig Lust hatte, ihm zu entfliehen.

Der Freund. Sie geben also endlich nach?

Der Autor. Ich? Durchaus nicht! Es ist da nur eben das Eselsohr ein wenig zum Vorschein gekommen, und das erinnert mich an eine Scene aus einem englischen Lustspiele, die mich ungemein ergötzt hat. Sie findet sich, wenn ich nicht irre in dem Stück: The natural daughter (Die natürliche Tochter). Du magst selber urtheilen Der Leser wird bemerkt haben, daß mein Freund sich duzen läßt, ohne Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Es kommt das daher, weil ich dem Alter nach sein Vater sein könnte und es ihn, obgleich er ein in jeder Hinsicht bedeutender Mann geworden ist, tief schmerzen würde, wenn ich jetzt die Anrede ändern wollte..

Es handelt sich in diesem Falle um Quäker, und du weißt, daß die Mitglieder dieser Secte alle Welt duzen, sich einfach kleiden, keine Kriegsdienste leisten, keinen Eid schwören, höchst gelassen handeln und vor allein niemals in Zorn gerathen dürfen.

Der Held des Stückes also ist ein junger, hübscher Quäker, der im braunen Rock, mit breitkrämpigem Hute und schlicht gescheiteltem Haar auf der Bühne erscheint, was alles ihn indessen nicht hindert, ungemein verliebt zu sein.

Sein Nebenbuhler, ein Laffe, den dies Aeußere und die Gesinnung, die er bei dem Quäker voraussetzt, beherzt und verwegen machen, verspottet, foppt und beleidigt ihn, so daß der junge Mann allmählich warm wird, endlich in Wuth geräth und dem Grobian, der ihn herausfordert, meisterlich den Rücken bläut.

Nach geschehener That nimmt er plötzlich wieder seine frühere Haltung an, sammelt sich und sagt betrübten Tones: »Ach, ich glaube, das Fleisch hat über den Geist gesiegt.«

Ich mache es ebenso, und nach einer sehr verzeihlichen Regung komme ich auf meine anfängliche Ansicht zurück.

Der Freund. Das ist nicht mehr möglich! Sie haben nach Ihrem eigenen Geständnis das Ohr gezeigt: daran halte ich Sie fest und führe Sie zum Verleger. Ueberdies will ich Ihnen nur sagen, daß schon mehr als einer Ihr Geheimnis ausgespürt hat.

Der Autor. Wag' es nicht, denn ich werde in dem Buche von dir reden – und wer weiß, was ich von dir sagen werde!

Der Freund. Was können Sie von mir sagen? Sie vermögen mich nicht einzuschüchtern.

Der Autor. Ich werde nicht sagen, daß unsere gemeinschaftliche Vaterstadt Belley, die Hauptstadt des Bugey, einer reizenden Gegend mit hohen Bergen, Hügeln, Flüssen, klaren Bächen, Wasserfällen und Abgründen, ein wahrer englischer Park von hundert Stunden im Geviert, wo vor der Revolution der dritte Stand verfassungsmäßig den beiden andern Ständen gegenüber das Veto hatte. sich deiner Geburt rühmt, daß du bereits mit vierundzwanzig Jahren ein Handbuch herausgabst, daß seitdem klassisch geblieben ist, daß ein wohlverdienter Ruf dir allenthalben Vertrauen erwirbt, daß dein Aeußeres den Kranken neue Zuversicht einflößt, deine Geschicklichkeit sie in Erstaunen setzt, dein Mitgefühl sie tröstet: das weiß die Welt ohnehin. Aber ich werde ganz Paris, ( mich in die Höhe reckend) ganz Frankreich, ( mich in die Brust werfend) dem ganzen Weltall den einzigen Fehler enthüllen, den ich an dir kenne!

Der Freund ( in ernstem Tone). Und welchen, wenn's beliebt?

Der Autor. Einen Gewohnheitsfehler, von dem alle meine Ermahnungen dich nicht heilen konnten.

Der Freund ( erschreckt). So nennen Sie ihn endlich – Sie spannen mich allzu lange auf die Folter.

Der Autor. Du ißt zu schnell! Historische Thatsache.

( Hier nimmt der Freund seinen Hut und geht lächelnd fort in der Ueberzeugung, daß er einem Bekehrten gepredigt habe).

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