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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 38
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authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
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Vermischtes.

I.
Der Eierkuchen des Pfarrers.

Jeder weiß, daß Madame Recamier unbestritten zwanzig Jahre lang in Paris den Thron der Schönheit eingenommen hat. Ebenso weiß man, daß sie im höchsten Grade mildthätig war und sich zu einer gewissen Zeit an fast allen Unternehmungen betheiligte, welche die Linderung der Noch zum Zwecke hatten, die in der Hauptstadt bisweilen drückender ist als an jedem andern Orte Namentlich sind die sogenannten verschämten Armen zu beklagen, deren Bedürfnisse niemand kennt, denn das muß man den Parisern zu ihrem Lobe nachsagen: sie sind mitleidig und mildthätig. Im Jahre X zahlte ich einer alten Nonne, die am halben Körper gelähmt im sechsten Stocke lag, eine kleine wöchentliche Pension. Diese brave Person wurde von den mildthätigen Nachbarn so reichlich bedacht, daß sie nicht blos beinahe behaglich davon leben, sondern auch noch eine Laienschwester erhalten konnte, die sich ihrer Pflege gewidmet hatte..

Da sie eines Tages in einer derartigen Angelegenheit mit dem Pfarrer von ... zu sprechen hatte, begab sie sich gegen fünf Uhr nachmittags zu ihm und war nicht wenig verwundert, Se. Ehrwürden bereits bei Tisch zu finden.

Die liebe Bewohnerin der Rue du Mont-Blanc stand in dem Glauben, daß in Paris jedermann erst um sechs Uhr speise, und wußte nicht, daß die Geistlichen im allgemeinen sehr frühzeitig diniren, weil viele von ihnen noch am Abend ein leichtes Mahl einzunehmen pflegen.

Madame Recamier wollte sich wieder entfernen, der Pfarrer aber nöthigte sie zum Bleiben, theils weil die Angelegenheit, über die sie zu reden hatten, nicht derart war, daß sie ihn am Essen gehindert haben würde, theils wohl auch weil eine hübsche Frau für niemand ein Freudenstörer ist, oder endlich vielleicht deshalb, weil er die Wahrnehmung machte, daß nur eine angenehme Unterhaltung fehle, um seinen Salon zu einem wahren gastronomischen Elysium zu machen.

Das Tischzeug war in der That von bemerkenswerther Sauberkeit, in einer Krystallflasche funkelte ein ausgezeichneter alter Wein, das Porzellan war von besonderer Weiße und Feinheit, die aufgetragenen Schüsseln wurden durch kochendes Wasser warm erhalten, und eine wohlgekleidete Aufwärterin im kanonischen Alter stand der Befehle ihres Brotherrn gewärtig.

Das Mahl hielt die Mitte zwischen Einfachheit und Auserlesenheit. Eben war eine Krebssuppe abgetragen worden, und man erblickte nun auf dem Tische noch eine Lachsforelle, einen Eierkuchen und Salat.

»Mein Mahl sagt Ihnen, was Sie vielleicht nicht wissen: daß nämlich heute nach dem Kirchengesetz ein Fasttag ist«, bemerkte der Pfarrer lächelnd. Unsere Freundin machte eine zustimmende Verbeugung, einige geheime Denkwürdigkeiten aber versichern, daß sie dabei ein wenig roth geworden sei, was indessen Se. Ehrwürden nicht hinderte, ruhig weiter zu essen.

Er hatte die Schlacht mit einem forcirten Angriff auf die Forelle eröffnet, deren oberer Theil sich bereits auf dem Wege zur Unterwelt befand. Die Sauce verrieth eine Künstlerhand, und auf dem Antlitz des Pfarrers spiegelte sich das Gefühl innerer Befriedigung.

Nach diesem ersten Gerichte machte Se. Ehrwürden sich an den Eierkuchen, der rund, dick und wohl durchbacken erschien.

Gleich beim ersten Stoße mit dem Löffel drang aus dem Innern desselben eine sämige Brühe hervor, die ebenso das Gesicht wie den Geruch ergötzte. Die ganze Schüssel war damit angefüllt, und die liebe Juliette gestand, daß ihr das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre.

Gewohnt, die Leidenschaften der Menschen zu überwachen. hatte der Pfarrer diese sympathische Regung wohl bemerkt, und als ob er eine Frage beantworte, die zu stellen Madame Recamier sich sorglich gehütet hatte, sagte er: »Das ist ein Eierkuchen mit Thunfisch. Meine Köchin versteht sich trefflich darauf, und bis jetzt haben wenig Leute davon gekostet, ohne ihn gelobt zu haben«. – »Das glaube ich gern,« erwiderte die reizende Bewohnerin der Chaussee d'Antin. »Auf unsern weltlichen Tafeln habe ich einen so appetitlichen Eierkuchen noch nie erblickt.«

Dann kam der Salat an die Reihe. (Ich empfehle den Salat denen, die mir Vertrauen schenken wollen: er erfrischt, ohne zu schwächen, stärkt, ohne zu erregen; ich pflege zu sagen: er verjüngt.)

Das Essen beeinträchtigte aber die Unterhaltung durchaus nicht. Man plauderte über die Angelegenheit, welche den Besuch veranlaßt hatte, über den Krieg, der damals wüthete, über die allgemeinen Weltbegebenheiten, über die Hoffnungen der Kirche und ähnliche Dinge, deren Erörterung über ein schlechtes Diner hinweghilft und ein gutes verschönt.

Bald erschien dann das Dessert: es bestand aus einem Septmoncel-Käse, drei Calville-Aepfeln und einem Topf mit Eingemachtem.

Zum Schluß schob die Aufwärterin einen kleinen runden Tisch heran, wie sie früher unter der Bezeichnung guéridon in Gebrauch waren, und servirte darauf eine Tasse heißen, klaren Mokkas, der das ganze Zimmer mit seinem Dufte erfüllte.

Nachdem der Pfarrer den Kaffee geschlürft ( siped) hatte, sprach er sein Gratias und bemerkte dann beim Aufstehen: »Liqueure trinke ich niemals: es ist das ein Luxus, den ich meinen Gästen zur Verfügung stelle, mir selbst aber nie gestatte. Ich spare mir ans diese Weise ein Wärmmittel für das Greisenalter auf, falls Gottes Gnade mich dahin gelangen lassen sollte.«

Während dessen war die Zeit verstrichen, und es schlug sechs Uhr. Madame Recamier beeilte sich daher, wieder zu ihrem Wagen zu kommen, denn sie hatte an jenem Tage einige Freunde eingeladen, zu denen auch ich gehörte. Wie das ihre Gewohnheit war, kam sie spät, aber sie kam doch endlich, noch ganz bewegt von dem, was sie gesehen und gerochen hatte.

Während des ganzen Mahles war nur von dem Küchenzettel des Pfarrers und insbesondere von seinem Thunfisch-Eierkuchen die Rede.

Madame Recamier lobte ihn in jeder Hinsicht über die Maßen, und da ihre Angaben über seine Größe, Rundung und Farbe durchaus bestimmt waren, so kam man einstimmig zu dem Schlusse, daß er vortrefflich gewesen sein müsse. Es war das eine Art sinnlicher Gleichung, die jeder nach seiner Weise löste.

Nachdem dieser Gegenstand der Unterhaltung erschöpft war, ging man zu andern über und dachte nicht weiter daran. Ich aber in meiner Eigenschaft als Verbreiter nützlicher Wahrheiten glaubte ein Gericht, das mir ebenso gesund wie angenehm erschien, aus dem Dunkel der Verborgenheit hervorziehen zu sollen. Ich beauftragte daher meinen Koch, sich das Recept bis auf die geringfügigsten Einzelheiten zu verschaffen, und theile dasselbe nun hier um so lieber mit, da ich es noch in keinem Kochbuche gefunden habe.

 

Zubereitung des Thunfisch-Eierkuchens.

Man nehme zu einem Eierkuchen für sechs Personen die Milch von zwei Karpfen, wasche sie tüchtig und koche sie durch fünfminutenlanges Eintauchen in leicht gesalzenem, siedendem Wasser ab.

Ebenso nehme man ein eigroßes Stück frischen Thunfisches und füge demselben eine kleine, sehr fein gewiegte Chalotte hinzu.

Dann hacke man die Karpfenmilch und den Thunfisch zusammen, so daß sie sich innig mit einander vermischen, thue das Ganze in eine Pfanne, setze ein hinlänglich großes Stück guter Butter zu und schüttle die Mischung in der Pfanne auf, bis die Butter geschmolzen ist. Auf diesem Theile der Zubereitung beruht die besondere Eigenschaft des Eierkuchens.

Nun nehme man ein weiteres, beliebig großes Stück Butter, thue es mit Petersilie und Zwiebel in eine fischförmige Schüssel, die zur Aufnahme des Eierkuchens bestimmt ist, gebe den Saft einer Citrone dazu und setze die Schüssel auf heiße Asche.

Dann schlage man ein Dutzend Eier auf, je frischer, je besser, schütte die Karpfenmilch und den Thunfisch hinzu und rühre das Ganze tüchtig zusammen.

Alsdann wird der Eierkuchen ganz auf die gewöhnliche Weise fertig gebacken, wobei vorzüglich darauf zu achten ist, daß er dehnbar, dick und weich wird. Schließlich stürze man ihn auf die Schüssel, die man zu seiner Aufnahme hergerichtet hat, und bringe ihn unverzüglich auf den Tisch.

Dies Gericht paßt für feine Frühstücke, für Zusammenkünfte von Kennern, wo man weiß, was man thut, und mit Ueberlegung ißt. Besonders wenn man es mit gutem alten Weine anfeuchtet, wird man Wunder erleben.

 

Theoretische Bemerkungen für die Zubereitung.

1. Man muß die Karpfenmilch und den Thunfisch in der Pfanne aufschütteln, ohne sie kochen zu lassen, damit sie nicht hart werden, weil sie sich sonst nicht hinlänglich mit den Eiern vermischen.

2. Man muß eine tiefe Schüssel wählen, damit die Sauce dick wird und mit dem Löffel servirt werden kann.

3. Die Schüssel muß leicht erwärmt werden, denn wäre sie kalt, so würde sie dem Eierkuchen alle Wärme entziehen und derselbe in Folge dessen nicht im Stande sein, die Butter zu schmelzen, auf die er gestürzt wird.

II.
Die Eier mit Bratensauce.

Eines schönen Tages begleitete ich zwei Damen nach Melun.

Wir waren nicht allzu frühzeitig aufgebrochen und kamen daher nach Montgeron mit einem Appetite, der alles zu vernichten drohte.

Eitle Drohung! Die Herberge, vor der wir abstiegen, war trotz ihres ziemlich angenehmen Aeußern gänzlich von Vorräthen entblößt: drei Diligencen und zwei Postchaisen hatten hier Rast gemacht und ägyptischen Heuschrecken gleich alles verzehrt.

So berichtete der Koch.

Doch sah ich einen höchst ansehnlichen Schafschlegel am Spieße braten, dem die Damen aus alter Gewohnheit recht kokette Blicke zuwarfen.

Vergebene Liebesmüh'! Der Schlegel gehörte drei Engländern, die ihn mitgebracht hatten und bei einer Flasche Champagner ( prating over a bottle of champaign) in aller Ruhe sein Erscheinen auf ihrem Tische erwarteten.

»Aber könnten Sie denn nicht wenigstens für uns jene Eier dort in die Bratensauce schlagen?« fragte ich den Koch mit halb verdrießlicher, halb bittender Miene. »Damit und mit einer Tasse Sahnenkaffee würden wir uns schon begnügen.« – »O, sehr gern,« erwiderte der Küchen-Häuptling; »die Bratensauce ist nach Land- und Völkerrecht unser Eigenthum, und Sie sollen auf der Stelle bedient werden.« Und in der That begann er sogleich mit aller Vorsicht die Eier aufzuschlagen.

Als ich ihn auf diese Weise beschäftigt sah, trat ich an das Feuer, zog mein Messer aus der Tasche und brachte der verbotenen Hammelkeule ein Dutzend klaffender Wunden bei, durch welche der Saft bis zum letzten Tropfen ausfließen mußte.

Nach dieser That wohnte ich auch noch der Zubereitung der Eier bei, aus Besorgnis, daß nicht zu unserm Nachtheil eine Saucen-Unterschlagung stattfände. Als dann das Gericht fertig war, bemächtigte ich mich seiner und trug es selbst nach dem Zimmer, das man uns angewiesen hatte.

Dort verspeisten wir es und lachten dabei wie toll, weil wir auf diese Weise in Wirklichkeit die Essenz des Bratens verzehrten, während unsere Freunde, die Engländer, sich an dem nichtsnutzigen Rückstand die Zähne ausbeißen mußten.

III.
Nationaler Sieg.

Während meines Aufenthaltes in New-York brachte ich meine Abende bisweilen in einer Art Speise-Café zu, das von einem Herrn Little gehalten wurde, bei dem man morgens Schildkrötensuppe und abends alle in den Vereinigten Staaten üblichen Erfrischungen erhalten konnte.

In der Regel führte ich den Vicomte de la Massue und einen ehemaligen Waarenmäkler, Johann Rudolf Fehr aus Marseille, dorthin, die beide gleich mir Emigranten waren. Ich bewirthete sie mit einem welsh-rabbit Welsh-rabbit (wälsches Kaninchen) nennen die Engländer spottweise ein Stück auf Brot gerösteten Käse. Dies Gericht ist sicher nicht so kräftig und nahrhaft wie ein Kaninchen, aber es reizt zum Trinken, erhöht den Geschmack des Weins und läßt sich unter Freunden sehr gut als Dessert verzehren., das wir mit Ale oder Cider anfeuchteten, und bei einer Unterhaltung über unser Unglück, unsere Vergnügungen und unsere Hoffnungen ging dann der Abend ganz angenehm hin.

In diesem Speisehause lernte ich Mr. Wilkenson, einen Pflanzer aus Jamaika, und noch einen andern Herrn kennen, der zweifelsohne Mr. Wilkinsons Freund war, da er ihm nie von der Seite wich. Dieser Herr, dessen Namen ich nie erfahren habe, war einer der seltsamsten Menschen, denen ich im Leben begegnet bin. Er hatte ein vierkantiges Gesicht und äußerst lebhafte Augen, die alles mit Aufmerksamkeit zu beobachten schienen, aber er sprach nie, und seine Züge waren unbeweglich wie die eines Blinden. Nur wenn ihm ein Witzwort oder eine lachenerregende Anekdote zu Ohren kam, dann erheiterte sich sein Gesicht, seine Augen schlossen sich, sein Mund öffnete sich zur Weite des Schalstücks eines Horns, und er stieß einen langanhaltenden Ton hervor, der halb einem Gelächter, halb jenem Wiehern glich, das die Engländer horse laugh nennen; alsdann aber nahm sein Gesicht unverzüglich wieder den gewöhnlichen Ausdruck an, und er verfiel wieder in seine gewohnte Schweigsamkeit. Die ganze Erscheinung ging mit der Schnelligkeit des Blitzes vorüber, der die Wolken zerreißt. Was Mr. Wilkinsons anlangt, der etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, so hatte er die Manieren und das Aeußere eines vollendeten Weltmanns ( gentleman).

Diesen beiden Engländern schien unsere Gesellschaft zu behagen, und sie hatten bereits mehrmals an dem frugalen Mahle Theil genommen, das ich meinen Freunden zu geben pflegte, als Mr. Wilkinson mich eines Abends bei Seite nahm und mir erklärte, er beabsichtige uns alle Drei zum Diner einzuladen.

Ich dankte ihm, und da ich mich für diese Angelegenheit, die augenscheinlich in erster Linie mich selbst anging, mit hinlänglicher Vollmacht bekleidet glaubte, so nahm ich die Einladung für uns alle Drei an, und das Rendezvous wurde für den dritten Tag um drei Uhr nachmittags verabredet.

Der Abend verging im Uebrigen wie gewöhnlich. In dem Augenblicke aber, wo ich mich entfernen wollte, nahm der Kellner ( waiter) mich bei Seite und eröffnete mir, daß unsere Gastgeber ein tüchtiges Essen bestellt, namentlich aber vorzügliche Getränke befohlen hätten, weil sie ihre Einladung als eine Herausforderung auf gefüllte Gläser betrachteten, und daß der Herr mit dem großen Munde bemerkt hätte, er hoffe die Franzosen ganz allein unter den Tisch zu trinken.

Diese Eröffnung würde mich bestimmt haben, das angebotene Gastmahl noch nachträglich wieder abzulehnen, wenn ich das mit Ehren gekonnt hätte, denn ich bin dergleichen Gelagen immer ausgewichen: aber das war leider nicht mehr möglich. Die Engländer würden dann überall ausposaunt haben, daß wir uns nicht zum Kampfe zu stellen gewagt und ihre bloße Herausforderung genügt hätte, um uns aus dem Felde zu schlagen. Obgleich wir daher zur Genüge von der Gefahr unterrichtet waren, folgten wir doch dem Grundsatze des Marschalls von Sachsen: der Wein war eingezapft, wir rüsteten uns also, ihn auszutrinken.

Ich hegte allerdings einige Besorgnis, aber in Wahrheit nicht für meine eigene Person.

Denn da ich jünger, größer und kräftiger war als unsere Gastgeber, so war ich überzeugt, daß ich bei meiner noch nicht durch bacchische Ausschweifungen geschwächten Constitution die beiden Engländer leicht überwältigen würde, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits durch den Genuß starker Getränke abgenutzt sein mußten.

Ich würde also ohne Zweifel inmitten der vier andern, zu Boden gestreckten Tischgenossen zum Sieger ausgerufen worden sein, aber dieser rein persönliche Sieg wäre durch den Fall meiner beiden Gefährten, die man in dem häßlichen Zustande, der einer solchen Niederlage folgt, mit den Besiegten zusammen hinausgetragen haben würde, ungemein abgeschwächt worden. Ich wünschte ihnen diese Schmach zu ersparen, mit einem Wort: ich wollte den Triumph der Nation, nicht den des Individuums. Daher bat ich Fehr und la Massue zu mir und hielt ihnen in aller Form eine ernste Rede, in der ich ihnen meine Befürchtungen auseinandersetzte, ihnen anempfahl, so viel als möglich nur in kleinen Zügen zu trinken und, wenn möglich, einige Gläser wegzuschütten, während ich die Aufmerksamkeit der Gegner ablenken würde, und ihnen vor allem anrieth, langsam und mäßig zu essen und sich auf diese Weise während der ganzen Sitzung einigen Appetit zu erhalten, da die Vermengung des Getränks mit Nahrungsmitteln das Feuer desselben mindert und es verhindert, mit voller Heftigkeit in den Kopf zu steigen. Schließlich Heilten wir uns dann noch einen Teller voll bittrer Mandeln, die, wie man mir gesagt hatte, die Fähigkeit besitzen, die Weindünste niederzuhalten.

Auf solche Weise physisch und moralisch gerüstet, begaben wir uns zu Little, wo wir die beiden Jamaikaner bereits vorfanden, und nach kurzer Weile das Mittagessen aufgetragen wurde. Es bestand aus einem ungeheuren Stück Roastbeef, einem im eigenen Saft geschmorten Truthahn, gekochten Rüben, rohem Kohlsalat und einer Obsttorte.

Man trank à la française, d. h. der Wein wurde gleich zu Anfang des Diners gegeben. Es war vortrefflicher Claret, der damals in New-York weit wohlfeiler war als in Frankreich, weil kurz nach einander mehrere Schiffsladungen eingetroffen waren, von denen die letzten sich sehr schlecht verkauft hatten.

Mr. Wilkinson machte den Wirth in ganz ausgezeichneter Weise, indem er uns zum Essen einlud und selbst mit gutem Beispiel voranging. Sein Freund schien ganz in seinen Teller vertieft, sprach wie gewöhnlich kein Wort, sah uns von der Seite an und lachte mit den Mundwinkeln.

Ich für mein Theil war entzückt über meine beiden Genossen. Obgleich von Natur mit einem ziemlich umfassenden Appetite begabt, aß la Massue doch mit der Zurückhaltung einer Modedame, während Fehr von Zeit zu Zeit mit großer Gewandtheit einige Gläser Wein zu unterschlagen wußte, die er in einen am Ende der Tafel aufgepflanzten Bierkrug schüttete. Ich meinerseits bot den Engländern rundweg die Spitze, und je weiter das Mahl vorrückte, um so zuversichtlicher wurde ich.

Nach dem Claret kam Porto, nach dem Porto Madeira. Bei diesem blieben wir lange Zeit stehen.

Das Dessert wurde aufgetragen: es bestand aus Butter, Käse, Cocus- und Hycorynüssen. Das war der Augenblick für die Toaste, wir tranken also in reichlichem Maße auf die Macht der Könige, auf die Freiheit der Völker und auf die Schönheit der Damen. Wir tranken auch mit Mr. Wilkinson auf die Gesundheit seiner Tochter Maria, die nach seiner Versicherung das schönste Mädchen auf ganz Jamaika war.

Nach dem Weine kamen die spirits, d. h. Rum, Cognac, Korn und Fruchtbranntweine, mit den spirits die Lieder, und ich sah, daß es heiß hergehen würde. Ich fürchtete die Branntweine: um sie zu umgehen, forderte ich Punsch, und nun brachte Little selbst uns eine Bowle, die ohne Zweifel schon im voraus fertig gestellt war und für vierzig Personen ausgereicht hätte. Wir haben in Frankreich gar keine Gefäße von solcher Größe.

Dieser Anblick flößte mir wieder Muth ein. Ich aß fünf oder sechs geröstete Brotschnitten mit ausnehmend frischer Butter und fühlte meine Kräfte sich erneuen. Dann warf ich einen prüfenden Blick auf meine Umgebung, denn ich begann doch wegen des Ausgangs besorgt zu werden. Meine beiden Freunde schienen mir noch ziemlich frisch: sie tranken und kernten dabei Hycorynüsse aus. Mr. Wilkinson hatte ein purpurrothes Gesicht, seine Augen waren trübe, er schien abgespannt und schlaff; sein Freund schwieg wie immer, aber sein Kopf rauchte wie ein Dampfkessel und sein ungeheurer Mund hatte sich zur Gestalt eines Hühnerbürzels zusammengezogen. Ich sah, daß die Katastrophe herannahte.

In der That stand Mr. Wilkinson, als ob er aus dem Schlafe aufschrecke, plötzlich auf und stimmte mit noch ziemlich fester Stimme das Nationallied Rule Britania an. Aber er kam nicht weit: die Kräfte ließen ihn im Stich, er sank auf seinen Stuhl zurück und rollte von dort unter den Tisch. Als sein Freund ihn in diesem Zustande erblickte, stieß er sein geräuschvollstes Gewieher aus, bückte sich, um ihm wieder auf die Beine zu helfen, und fiel bei diesem Versuche neben ihm nieder.

Ich kann unmöglich beschreiben, mit welcher Befriedigung diese jähe Lösung mich erfüllte, und wie sehr ich mich erleichtert fühlte. Unverzüglich griff ich nach dem Klingelzuge. Little kam herauf, und nachdem ich pflichtgemäß die gemeinübliche Phrase an ihn gerichtet hatte: »Sorgen Sie dafür, daß diese Gentlemen passend behandelt werden«, tranken wir mit ihm noch ein letztes Glas Punsch auf die Gesundheit der Besiegten. Bald erschien denn auch der waiter mit seinen Gehilfen, bemächtigte sich unserer Gastgeber und ließ sie, getreu der Regel: The feet foremost Dieses Ausdrucks bedient man sich im Englischen zur Bezeichnung derer, die todt oder betrunken vom Platze getragen werden., mit den Füßen voran nach Hause tragen, wobei der Freund sich absolut ruhig und unbeweglich verhielt, Mr. Wilkinson aber noch immer Rule Britannia, zu singen versuchte.

Am Nächsten Tage brachten die Journale von New-York, und nach ihnen dann auch alle übrigen Zeitungen der Vereinigten Staaten, einen ziemlich genauen Bericht über den ganzen Vorgang, und da sie hinzufügten, daß die beiden Engländer an den Folgen dieses Abenteuers krank lägen, so machte ich mich zu einem Besuche bei den beiden auf. Ich fand den Freund durch die Folgen eines horribeln Katzenjammers völlig in einen narkotischen Zustand versetzt und Mr. Wilkinson durch einen Gichtanfall, der aller Wahrscheinlichkeit nach unserm Weinkampfe das Dasein verdankte, an den Lehnstuhl gefesselt. Er schien über meine Aufmerksamkeit sehr erfreut und sagte mir im Laufe der Unterhaltung unter anderm: » O! dear Sir, you are very good company indeed, but too a drinker for us!« Mein lieber Herr, Sie sind in der That ein ganz vorzüglicher Gesellschafter, aber ein zu starker Trinker für uns!

IV.
Die Waschungen.

Ich habe im ersten Theile meines Werkes die Behauptung ausgesprochen, daß die Vomitorien der Römer mit unsern feinern Sitten unverträglich seien. Aber ich fürchte fast, damit eine Voreiligkeit begangen zu haben und zu einem Widerrufe gezwungen zu sein.

Ich will mich näher erklären.

Vor etwa vierzig Jahren pflegten einige Personen der höhern Stände, und vorzüglich Damen, sich unmittelbar nach dem Essen den Mund auszuspülen.

Zu diesem Zwecke drehten sie in dem Augenblicke, wo sie von der Tafel aufstanden, der Gesellschaft den Rücken zu, ein Lakai präsentirte ihnen ein Glas Wasser, sie nahmen einen Schluck davon, den sie schnell wieder in die Unterschale ausspieen, der Diener trug alles bei Seite, und der ganze Vorgang vollzog sich in solcher Weise, daß er kaum bemerkt ward.

Bei uns hat sich das alles geändert.

In den Häusern, wo man sich der feinsten Lebensart befleißigt, vertheilen die Diener gegen Ende des Desserts an die Gäste Schalen mit kaltem Wasser, in denen ein Becher mit warmem Wasser steht. Da taucht dann einer vor den Augen des andern die Finger in das kalte Wasser, als ob er sie wüsche, nimmt einen Schluck von dem warmen Wasser, gurgelt sich damit auf geräuschvolle Weise und speit es wieder in den Becher oder in die Schale.

Ich bin nicht der Einzige, der sich gegen diese Neuerung ausgesprochen hat, die ebenso unnütz, wie unanständig und widerwärtig ist.

Sie ist unnütz, denn bei allen, die zu essen verstehen, ist der Mund zu Ende des Mahles rein, weil er theils durch das Obst, theils durch die letzten Gläser Wein gesäubert wird, die man beim Dessert zu trinken pflegt. Was die Hände anlangt, so darf man sie eben beim Essen nicht beschmutzen, und überdies hat ja jeder seine Serviette, an der er sie reinigen kann.

Sie ist unanständig, denn einem allgemein anerkannten Grundsatze zufolge soll jede Waschung mit dem Geheimnis der Verrichtung des Ankleidens umgeben sein.

Namentlich aber ist sie widerwärtig, denn der schönste und blühendste Mund büßt seine Reize ein, sobald er sich die Verrichtung der Ausleerungsorgane zueignet – was muß also geschehen, wenn dieser Mund nicht schön und blühend ist? Wie soll man den Anblick jener ungeheuren Höhlungen bezeichnen, die sich aufthun, um Abgründe zu zeigen, die man für grundlos halten würde, wenn man nicht einige unförmliche Stümpfe darin entdeckte, die die Zeit zerfressen hat? Proh pudor!

In diese lächerliche Lage hat uns eine gekünstelte Reinlichkeitssucht versetzt, die weder in unserm Geschmack noch in unsern Sitten begründet ist.

Sobald gewisse Grenzen einmal überschritten sind, vermag niemand mehr zu sagen, wo die eingeschlagene Richtung ein Ziel finden wird: ich vermag also nicht anzugeben, was für Reinigungen man uns noch auferlegen wird.

Seit dem officiellen Auftreten jener Waschschalen bin ich Tag und Nacht vor Kummer außer mir. Ein neuer Jeremias, bejammere ich die Verirrungen der Mode, und durch meine Reisen nur zu gut belehrt, betrete ich keinen Salon mehr, ohne zu befürchten, den abscheulichen chamber-pot darin vorzufinden Bekanntlich giebt es, oder gab es wenigstens vor einigen Jahren, in England Speisesäle, wo man austreten ( faire son petit tour) konnte, ohne darum das Zimmer verlassen zu müssen – eine höchst seltsame Bequemlichkeit, die jedoch in einem Lande, wo die Damen sich entfernen, sobald die Männer Wein zu trinken anfangen, etwas weniger unerträglich ist.
(Diese bequeme Einrichtung soll noch im sechzehnten Jahrhundert zu den Landessitten der Isländer gehört haben: bei den festlichen Gelagen der Männer gingen der Krug und der chamber-pot in traulichem Verein von Hand zu Hand. Auf gleiche, wenn nicht noch naturwüchsigere Weise trug man in Pommern im siebzehnten Jahrhundert dem natürlichen Bedürfnis Rechnung in den Fällen, wo die ganze Zechgesellschaft, um das Entweichen unsich'rer Cantonnisten zu verhindern, sich mittelst eines durch das Ohrläppchen gezogenen Messingdrahtes an einander koppelte, so daß niemand den Tisch verlassen konnte, ohne sich den Ohrlappen durchzureißen. – Bei einigen ost-sibirischen Völkern gehört der chamber-pot noch heute zu den unerläßlichsten Möbeln des Speisesaales, und zwar seltsamer Weise aus rein ökonomischen Rücksichten. Das bei jenen Nationen übliche, aus dem Saft der Heidelbeere und dem Fliegenschwamm bereitete narkotische Getränk hat nämlich die merkwürdige Eigenschaft, daß es seiner Wirksamkeit unbeschadet vier bis fünf Mal den Organismus passiren kann. Der Trinker ist in Folge dessen im Stande, den schwersten Katzenjammer am Morgen nach durchzechter Nacht mit einem Glase seines Harns zu curiren und sich ohne neue Kosten zum zweiten, dritten, vierten und fünften Male in die Wonnen des Rausches zu versenken. Sparsame Familienväter und besonnene Zecher halten daher streng darauf, daß kein Tröpfchen verloren geht, und kommen auf diese Weise eine ziemliche Weile mit einer einzigen Portion ihres Getränkes aus. D. Uebers.)
.

V.
Mystification des Professors und Niederlage eines Generals.

Vor mehreren Jahren berichteten die Journale über einen neuen Riechstoff, den man in der Hemerocallis (Asphodill-Lilie) entdeckt hatte, einem Zwiebelgewächs, das in der That einen sehr angenehmen, dem Jasmin ähnlichen Geruch besitzt.

Ich bin sehr neugierig und ein leidlicher Pflastertreter, und diese beiden verbündeten Ursachen trieben mich nach dem Faubourg Saint-Germain, wo das neue Parfüm, die »Wonne der Nasen«, wie die Türken sagen, zu haben sein sollte.

Dort ward ich mit der einem Kenner gebührenden Liebenswürdigkeit empfangen und für mich aus dem Tabernakel einer reichlich ausgestatteten Apotheke eine wohlverpackte kleine Schachtel hervorgeholt, die zwei Unzen des kostbaren Parfüms zu enthalten schien. Den Gesetzen der Ausgleichung gemäß, deren Principien und Wirkungskreis noch täglich durch Herrn Azaïs Azaïs, der Philosoph der Compensation, gehörte damals (Sommer 1825) zu den öffentlichen Charakteren von Paris. Nach Art der Alten wandelte er alltäglich würdigen Schritts im Garten des Palais Luxembourg einher und unterhielt sich dabei mit seinen Schülern und Verehrern über Gegenstände der Philosophie. Diese Gewohnheit trug ihm den Titel des »Peripatetikers des Luxembourg« ein. D. Uebers. erweitert werden, zeigte ich mich für diese Zuvorkommenheit durch Hinterlassung von drei Franken erkenntlich.

Ein junger Sausewind hätte die Schachtel unverzüglich ausgeschält, geöffnet, gerochen und geschmeckt. Ein Professor verfährt anders: ich glaubte, daß in einem solchen Falle Ruhe von Nöthen sei, begab mich im Amtsschritt nach Hause, nahm auf dem Sopha Platz und schickte mich zum würdigen Genusse einer neuen Empfindung an.

Ich zog das duftende Schächtelchen aus der Tasche, befreite es von den Windeln, in die es eingehüllt war, und fand drei verschiedene Drucksachen, die sich alle auf die Hemerocallis, ihre Naturgeschichte, ihre Zucht, ihre Blüte und die köstlichen Genüsse bezogen, die der Riechstoff derselben gewähren sollte, je nachdem er in Pastillenform oder als Zusatz zu Küchenpräparaten oder auch bei Tisch in Liqueuren oder Eis-Crêmes verwendet würde. Ich las diese drei Beilagen mit größter Aufmerksamkeit durch, erstens um mich meinerseits für die Entschädigung schadlos zu halten, von der ich oben sprach, und zweitens um mich in angemessener Weise auf die rechte Würdigung dieses neuen Schatzes vorzubereiten, den man dem Pflanzenreiche abgerungen hatte.

Mit geziemender Ehrfurcht öffnete ich dann die Schachtel, die ich mit Pastillen angefüllt glaubte. Aber o Schreck und Schmerz! ich fand darin zunächst nur ein zweites Exemplar der drei erwähnten Druckstücke und dann erst, gewissermaßen als Zugabe, etwa zwei Dutzend von den gerühmten Täfelchen, deretwegen ich einzig und allein die weite Reise nach dem vornehmen Faubourg unternommen hatte.

Vor allem kostete ich, und um bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich gestehen, daß ich die Pastillen sehr angenehm fand. Aber eben deshalb bedauerte ich um so mehr, daß sie dem Scheine zum Trotz in so geringer Anzahl vorhanden waren, und je mehr ich darüber nachdachte, um so mehr wurde mir klar, daß ich angeführt sei.

Ich sprang daher auf in der Absicht, die Schachtel ihrem Erzeuger zurückzutragen, mochte er auch die Entschädigung dafür behalten. Bei dieser Bewegung aber zeigte mir der Spiegel meine grauen Haare: ich lachte über mein Ungestüm und setzte mich wieder nieder, ohne jedoch meinen Groll fahren zu lassen – und man sieht, daß er lange angehalten hat.

Ueberdies hielt noch eine besondere Erwägung mich zurück: ich hatte es mit einem Apotheker zu thun, und noch vor kaum vier Tagen war ich Zeuge des unzerstörbaren Gleichmuths eines Mitgliedes dieser ehrenwerthen Zunft gewesen.

Auch diese Anekdote vermag ich dem Leser nicht vorzuenthalten. Ich bin heute (17. Juni 1825) einmal mit dem Erzählen im Zuge. Gott gebe, daß das keine öffentliche Calamität werde!

Eines Morgens also besuchte ich meinen Freund und Landsmann, den General Bouvier des Eclats.

Ich fand ihn mit erregter Miene in seinem Zimmer auf und ab gehen. Mit der Rechten zerknitterte er ein Papier, das mir von weitem mit Versen beschrieben schien.

»Lesen Sie,« sagte er, indem er mir das Blatt hinreichte, »und sagen Sie mir Ihre Meinung. Sie verstehen sich ja auf dergleichen«.

Ich nahm das Papier und war nicht wenig erstaunt, als ich sah, daß es eine Rechnung über gelieferte Medicamente war: ich wurde also nicht in meiner Eigenschaft als Dichter, sondern als Arzneimittelkenner in Anspruch genommen.

»Meiner Treu, werther Freund,« sagte ich, indem ich das Blatt zurückgab, »Sie kennen ja die Gewohnheit der edlen Zunft, die Sie da in Ihrem Interesse aufgeboten haben. Die Grenze mag in diesem Falle ein wenig allzu sehr überschritten worden sein – aber warum tragen Sie einen gestickten Rock, drei Orden und einen Tressenhut? Das sind drei erschwerende Umstände, und ich glaube, Sie werden diesmal wenig Glück haben.« – »Schweigen Sie nur,« erwiderte mir der General ärgerlich, »diese Rechnung ist ja schändlich, entsetzlich, empörend. Uebrigens werden Sie meinen Schinder sogleich sehen, ich habe ihn rufen lassen. Er wird bald kommen, und Sie sollen mir beistehen«.

Er sprach noch, als die Thür sich aufthat und ein sorgfältig in Schwarz gekleideter Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren zu uns in das Zimmer trat. Der Ankömmling war von hohem Wuchse und ernstem Wesen, und seine ganze Physiognomie würde einen gleichmäßig strengen Ausdruck gehabt haben, wenn der Mund und die Augen ihr nicht etwas Sardonisches gegeben hätten.

Er trat an den Kamin, lehnte die Einladung zum Niedersitzen ab, und ich wurde nun Ohrenzeuge des folgenden Zwiegesprächs, das ich getreulich im Gedächtnis behalten habe.

 

Der General. Mein Herr, die Rechnung, die Sie mir da geschickt haben, ist eine wahre Pillendreher-Rechnung – – –

 

Der Schwarze. Mein Herr, ich bin kein Pillendreher.

 

Der General. Was sind Sie denn, mein Herr?

 

Der Schwarze. Ich bin Pharmaceut, mein Herr.

 

Der General. Schön, Herr Pharmaceut, Ihr Lehrbursche wird Ihnen gesagt haben – – –

 

Der Schwarze. Ich habe keinen Lehrburschen, mein Herr.

 

Der General. Wer war denn dieser junge Mensch?

 

Der Schwarze. Das ist ein Eleve, mein Herr.

 

Der General. Ich wollte Ihnen also sagen, mein Herr, daß Ihr Dreckzeug – – –

 

Der Schwarze. Ich verkaufe keinen Dreck, mein Herr.

 

Der General. Was verkaufen Sie denn, mein Herr?

 

Der Schwarze. Mein Herr, ich verkaufe Medicamente.

Damit endete die Discussion. Beschämt, daß er so viele Solöcismen begangen und sich mit dem pharmaceutischen Sprachgebrauch so wenig vertraut gezeigt hatte, gerieth der General in Verwirrung, vergaß, was er sagen wollte, und bezahlte alles, was man verlangte.

VI.
Der Aal.

In der Chaussée-d'Antin wohnte ein Rentier, namens Briguet, der anfangs Kutscher, dann Pferdehändler gewesen war und sich mit der Zeit ein kleines Vermögen erworben hatte.

Briguet war aus Talissien gebürtig, und da er sich dahin zurückzuziehen beabsichtigte, heirathete er eine vermögende Frau, die bei Fräulein Thevenin Köchin gewesen war, bei jener Thevenin, die ganz Paris unter ihrem Spitznamen Pique-Aß gekannt hat Pique-Aß gehörte mit der Stainville, der Lévêque, der schönen Bäurin und dem König Theodor zu den Koryphäen der Pariser Demi-monde der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie verdankte ihren Ruf dem Umstande, daß sie, aus der Ferne betrachtet, blond erschien, bei Lichte besehen sich aber als ausgeprägte Brünette präsentirte. D. Uebers..

Bald fand sich Gelegenheit zum Ankaufe eines kleinen Besitzthums in seinem heimatlichen Dorfe. Briguet benutzte sie und ließ sich zu Ende des Jahres 1791 mit seiner Frau in Talissieu nieder.

Zu jener Zeit pflegten die Pfarrer jedes erzpriesterlichen Sprengels einmal monatlich bei je einem von den Amtsbrüdern zusammenzukommen, um über geistliche Angelegenheiten zu berathen. Man feierte das Hochamt, berieth und speiste dann.

Man nannte das die Conferenz, und der Pfarrer, bei dem dieselbe stattfinden sollte, versäumte nie, im voraus auf einen guten und würdigen Empfang seiner Amtsbrüder bedacht zu sein.

Als nun die Reihe an den Pfarrer von Talissieu gekommen war, geschah es, daß eins der Pfarrkinder demselben einen prächtigen Aal zum Geschenk machte, der in den klaren Gewässern von Serans gefangen worden und mehr als drei Fuß lang war.

Hocherfreut über den Besitz eines solchen Prachtexemplars, glaubte der brave Pfarrer etwas Außergewöhnliches für den Fisch thun zu müssen, und da er befürchtete, seine Köchin möchte der Bereitung eines Gerichts, das zu so großen Hoffnungen berechtigte, nicht gewachsen sein, so begab er sich zu Frau Briguet und bat sie unter achtungsvoller Anerkennung ihres überlegenen Wissens, dieser Schüssel, die eines Erzbischofs würdig war und seiner Tafel die größte Ehre machen sollte, den Stempel der Vollendung aufzudrücken.

Das folgsame Beichtkind erklärte sich ohne Widerstreben bereit dazu, und das, wie sie bemerkte, mit um so größerm Vergnügen, als sie noch ein Kästchen mit verschiedenen, seltenen Gewürzen besäße, von denen sie für die Tafel ihrer ehemaligen Herrin Gebrauch gemacht habe.

Der Aal wurde also mit größter Sorgfalt zubereitet und in vorzüglicher Weise servirt. Er hatte nicht blos ein elegantes Aussehn, sondern strömte auch einen bezaubernden Duft aus, und als man davon kostete, fehlte es den braven Seelsorgern im wahren Sinne des Worts an Ausdrücken, um ihn nach Verdienst zu loben. Fisch und Sauce verschwanden denn auch bis zum letzten Atom.

Beim Dessert aber fühlten sich die ehrwürdigen Herrn auf ganz ungewohnte Weise erregt, und in Folge des unvermeidlichen Einflusses des Physischen auf das Moralische gerieth die Unterhaltung mit einem Male auf das Gebiet der Leichtfertigkeit.

Die einen erzählten lockere Abenteuer aus ihrer Seminaristen-Zeit, andere neckten ihre Nachbarn mit einigen Gerüchten der Chronique scandaleuse, kurzum, die Unterhaltung drehte sich ausschließlich um die lieblichste der sieben Todsünden, und was das Seltsamste dabei war: der Teufel war so verschmitzt, daß die geistlichen Herrn gar nichts von dem Aergernis merkten.

Erst spät trennte man sich, und meine geheimen Quellen reichen für diesen Tag nicht weiter. Als sich aber die Tafelgenossen bei der nächsten Conferenz wiedersahen, schämten sie sich dessen, was sie gesagt hatten, baten einander um Verzeihung wegen dessen, was sie einander vorgeworfen hatten, und schoben endlich einstimmig die Schuld auf den Aal, so daß man allerdings einräumte, er wäre über die Maßen vortrefflich gewesen, es aber doch für gerathen erklärte, das Können der Frau Briguet nicht zum zweiten Male zu erproben.

Ich habe mich vergebens bemüht, über die Natur des Würzstoffes, der so wunderbare Wirkungen erzeugt hatte, Gewißheit zu erhalten, obschon ich mich um so mehr dafür interessirte, weil niemand sich über eine gefährliche oder ätzende Nachwirkung desselben beklagt hatte.

Die Künstlerin gab allerdings zu, eine stark gepfefferte Krebssauce verwendet zu haben, aber ich halte es für ausgemacht, daß sie nicht die ganze Wahrheit sagte.

VII.
Der Spargel.

Sr. Hochwürden Courtois de Quincey, dem Bischof von Velley, wurde eines Tages gemeldet, daß auf einem Beete seines Küchengartens ein Spargel von wunderbarer Größe aus der Erde hervorbreche.

Die ganze Gesellschaft brach daraufhin unverzüglich nach dem Küchengarten auf, um die Thatsache festzustellen, denn auch in den bischöflichen Palästen ist man erfreut, wenn man irgend etwas zu thun findet.

Die Nachricht war, wie der Augenschein lehrte, weder falsch noch übertrieben. Die Pflanze hatte die Erde durchbrochen und zeigte sich bereits über der Bodenfläche. Ihr Kopf war rund, glänzend, zart violett und verhieß einen faustdicken Stamm. Man schrie Wunder, über dies Phänomen, gestand, daß einzig Sr. Hochwürden das Recht zukomme, diese Stange von der Wurzel zu trennen, und bestellte unverzüglich bei dem nächsten Messerschmied ein besonderes Messer für diese wichtige Operation.

Während der nächsten Tage nahm der Spargel noch an Reiz und Schönheit zu. Er wuchs langsam, aber stetig empor, und bald begann sich der weiße Theil zu zeigen, mit welchem die Eßbarkeit der Spargel aufhört.

Sobald seine Reife durch dies Zeichen festgestellt war, bereitete man sich durch ein gutes Diner auf die Ernte vor und setzte den Augenblick der feierlichen Handlung auf die Zeit der Rückkehr vom Spaziergange fest.

Als der feierliche Moment gekommen war, bewaffneten Se. Hochwürden sich mit dem officiellen Messer, traten an das Beet und bückten sich ernst und würdig hinab, um das stolze Gewächs von der Wurzel zu trennen, während der ganze bischöfliche Hof mit Ungeduld dem Augenblick entgegensah, wo er die Fasern und den Bau desselben würde untersuchen können.

Aber welch ein Schreck! welche Enttäuschung! welch ein Schmerz! Hochwürden erhoben sich mit leeren Händen – der Spargel war von Holz!

Diese etwas starke Fopperei war ein Werk des Domherrn Rosset, der, aus Saint-Claude gebürtig, vortrefflich drechselte und ganz erträglich malte.

Rosset hatte den falschen Spargel mit größter Kunst angefertigt, ihn heimlich eingesenkt und dann täglich ein wenig in die Höhe gehoben, um das natürliche Wachsthum nachzuahmen.

Se. Hochwürden wußten im ersten Augenblick nicht recht, wie sie diese Fopperei – denn eine solche war es allerdings – aufnehmen sollten. Da er aber sah, daß sich auf den Gesichtern der Umstehenden eine innere Heiterkeit abspiegelte, so lächelte er, und diesem Lächeln folgte der allgemeine Ausbruch eines wahrhaft homerischen Gelächters. Man trug das Corpus delicti fort, ohne sich weiter mit dem Verbrecher zu beschäftigen, und wenigstens für diesen Abend genoß die Spargel-Statue die Ehren des Salons.

VIII.
Die Falle.

Der Chevalier de Langeac hatte ein ziemlich ansehnliches Vermögen besessen, das aber durch die unvermeidlichen Abzugskanäle, die sich um jeden Mann aufthun, der reich, jung und schön ist, allmählich ins Nichts hinausgeflossen war.

Er hatte schließlich die Trümmer desselben zusammengerafft, und mit Hilfe einer kleinen Pension, die er von der Regierung empfing, führte er in der besten Gesellschaft Lyons ein ganz angenehmes Leben, da die Erfahrung ihn Ordnung und Sparsamkeit gelehrt hatte Ein Graf de Langeac war Titular-Gatte der Maitresse des Grafen Phélipeaux de Saint-Florentin, spätern Herzogs de la Brillière, und Titular-Vater des unehelichen Ehesegens seiner ehrenwerthen Hälfte, die, bevor sie durch ihn zur Gräfin avancirte, schlichtweg Madame Sabbatin hieß. Wir vermögen nicht zu entscheiden, ob der Held der Erzählung ein jüngerer Bruder jenes Langeac oder vielleicht gar dieser selbst ist. D. Uebers..

Obgleich noch immer galant, hatte er sich doch aus dem activen Dienste der Damen zurückgezogen. Er machte bei den Gesellschaftsspielen, auf die er sich trefflich verstand, noch immer gern ihren Partner, aber er vertheidigte sein Geld gegen sie mit jener Kaltblütigkeit, die diejenigen charakterisirt, welche auf ihre Gunstbezeigungen verzichtet haben.

Dagegen hatte die Feinschmeckerei aus dem Untergange seiner übrigen Leidenschaften Vortheil gezogen: man darf behaupten, daß er sich eine Ehre und eine Pflicht aus ihr machte, und da er überdies ein höchst liebenswürdiger Gesellschafter war, so empfing er so viel Einladungen, daß er ihnen nicht immer nachkommen konnte.

Lyon ist eine Stadt des Wohllebens. In Folge seiner Lage sind dort die Weine von Bordeaux, von Burgund und der Eremitage mit gleicher Leichtigkeit zu haben, das Wildpret von den benachbarten Höhenzügen ist ausgezeichnet, der Genfer und der See von Bourget liefern die besten Fische von der Welt, und die Kenner strahlen vor Entzücken beim Anblick des gemästeten Geflügels aus der Bresse, für das Lyon den Stapelplatz bildet.

Der Chevalier de Langeac hatte also an den bestbestellten Tischen der Stadt seinen bestimmten Platz, am meisten aber behagte es ihm an der Tafel des Herrn A***, eines reichen Banquiers und gediegenen Kenners.

Der Chevalier setzte diese Vorliebe auf Rechnung des Freundschaftsbundes, den er während der Schuljahre mit dem Gastgeber geschlossen hatte, böse Zungen aber – denn deren giebt es überall – schrieben sie vielmehr dem Umstande zu, daß Herr A*** den besten Schüler Ramiers, eines geschickten Garkochs jener sagenhaften Zeit, zum Koch hatte.

Wie dem nun aber auch sei, gegen Ende des Winters 1780 empfing der Chevalier de Langeac ein Billet, durch welches Herr A*** ihn zu einem Souper einlud – denn damals soupirte man noch – das über zehn Tagen stattfinden sollte, und meine geheimen Quellen versichern, daß er vor Freude erbebte, als er bedachte, daß eine so weit im voraus erlassene Einladung eine feierliche Sitzung und ein Festmahl ersten Ranges bedeuten müsse.

Am bezeichneten Tage stellte er sich pünktlich zur festgesetzten Stunde bei dem Gastgeber ein und fand die Tischgenossen, zehn an der Zahl und alle Freunde des Vergnügens und leckerer Bissen, bereits versammelt. Das Wort Gastronom war damals noch nicht aus dem Griechischen herübergenommen, oder wenigstens noch nicht so allgemein gebräuchlich wie heute.

Nach kurzer Weile wurde ein kerniges Mahl aufgetragen, darunter ein kolossaler Lendenbraten, ein treffliches Hühnerfricassee, ein zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Kalbsbraten und ein prächtiger gefüllter Karpfen.

Das war alles recht schön und gut, entsprach aber in den Augen des Chevaliers durchaus nicht der Erwartung, zu der er sich durch die ungewöhnlich frühzeitige Einladung berechtigt geglaubt hatte.

Noch ein anderer Umstand fiel ihm auf: die Gäste, sonst Leute mit vortrefflichem Appetit, aßen entweder gar nicht oder doch nur sehr wenig. Der eine hatte Migraine, den andern fröstelte, der dritte hatte erst spät zu Mittag gegessen, und so fort. Der Chevalier wunderte sich über das Spiel des Zufalls, der alle dem Tafelgenusse feindlichen Mächte gerade für diesen Abend entfesselt zu haben schien, und da er sich berufen glaubte, alle diese Invaliden zu vertreten, so griff er unerschrocken an, hieb mit Entschiedenheit ein und brachte ein gewaltiges Schlingvermögen zur Geltung.

Der zweite Gang zeigte keine minder solide Basis: ein gewaltiger Crémieu-Puter bot einem prächtigen, blaugesottenen Hechte die Stirn, und beiden standen, den Salat ungerechnet, sechs Zwischengerichte zur Seite, unter denen sich eine große Schüssel Macaroni mit Parmesankäse auszeichnete.

Bei diesem Anblick fühlte der Chevalier seinen erlöschenden Muth sich von neuem beleben, während die übrigen Tischgenossen in den letzten Zügen zu liegen schienen. Durch den Wechsel der Weinsorten zur Begeisterung entflammt, triumphirte er über ihre Ohnmacht und leerte auf ihre Gesundheit manchen schäumenden Becher, um das riesige Hechtfragment zu begießen, das er dem Schenkel des Truthahns zum Nachfolger gab.

Auch die Zwischengerichte wurden nicht vernachlässigt, und so schloß er glorreich seine Laufbahn ab, indem er sich für das Dessert nur ein Stück Käse und ein Glas Malaga vorbehielt, denn das Zuckerwerk brachte er nie in Anschlag.

Wir haben gesehen, daß er an diesem Abende bereits zwei Ueberraschungen erlebt hatte: einmal, ein allzu substanzielles Mahl zu finden, und zweitens, sich unter allzu wenig aufgelegten Genossen zu sehen – er sollte noch eine dritte erleben, die noch weit zureichender begründet war.

Anstatt nämlich das Dessert aufzutragen, räumten die Diener die Tafel ab, brachten den Gästen frische Bestecke und frische Servietten und servirten dann vier neue Vorspeisen, deren Duft zum Himmel emporstieg.

Kein Zweifel, das war Kalbfleisch mit Reis und Krebssauce, Fischmilch mit Trüffeln, ein gefüllter und gespickter Hecht und Rebhuhngeflügel mit Champignons!

Aehnlich jenem greisen Zauberer, der, wie Ariost erzählt, die schöne Armida in seiner Gewalt hatte, aber sich vergeblich abmühte, sie zu entehren, saß der Chevalier beim Anblick dieser trefflichen Gerichte, für die er keinen Raum mehr hatte, wie versteinert vor Schreck und Schmerz und begann zu ahnen, daß böse Absicht im Spiele gewesen sei.

Die übrigen Gäste dagegen schienen wie neu belebt: der Kopfschmerz verschwand, der Appetit kehrte zurück, ein ironisches Lächeln schien ihren Mund zu dehnen und zu weiten, und nun war an ihnen die Reihe, auf die Gesundheit des Chevaliers zu trinken, dessen Kräfte erschöpft waren.

Er verlor jedoch die Fassung nicht und schien dem Sturme die Stirn bieten zu wollen. Aber schon beim dritten Bissen lehnte die Natur sich auf und drohte sein Magen an ihm zum Verräther zu werden. Er war also genöthigt, unthätig zu bleiben, und zählte Pausen, wie die Musiker zu sagen pflegen.

Was empfand er aber nicht, als er beim dritten Gange Dutzende von fettglänzenden Schnepfen auf den unerläßlichen gerösteten Brotschnitten erscheinen sah! als ein Fasan, damals noch ein seltener Vogel, der von den Ufern der Seine gekommen war, auf den Tisch gesetzt ward!! als ein frischer Thunfisch und das Vorzüglichste, was Küche und Backofen jener Zeit an Zwischengerichten zu erzeugen vermochten, am Horizonte auftauchte!!!

Er überlegte und war nahe daran, zu bleiben, weiter zu essen und als Held auf dem Schlachtfelde zu sterben: das war die erste Eingebung des gut oder auch schlecht verstandenen Ehrgefühls. Bald aber kam der Egoismus ihm zu Hilfe und gab ihm bessere Gedanken ein.

Er erwog, daß in einem solchen Falle Klugheit keine Feigheit ist, daß an einer Unverdaulichkeit sterben immer etwas Lächerliches an sich hat, und daß die Zukunft ihm zweifelsohne noch viele Entschädigungen für diese Enttäuschung bieten würde. Er faßte also seinen Entschluß, warf seine Serviette von sich und rief, zu dem Banquier gewendet: »Mein Herr, man stellt seine Freunde nicht in solcher Weise bloß! Sie haben hinterlistig gehandelt, und ich werde Sie in meinem Leben nicht mehr besuchen!« Sprach's und verschwand.

Sein plötzlicher Aufbruch erregte kein großes Befremden: diese Lösung war das Wahrzeichen des glücklichen Ausgangs einer Verschwörung, die den Zweck hatte, den Chevalier einem guten Mahle gegenüber zu stellen, ohne daß er die Gelegenheit benutzen könnte, und alle Tafelgenossen waren in das Geheimnis eingeweiht.

Der Chevalier aber schmollte länger, als man hätte glauben sollen: es bedurfte einigen Entgegenkommens von Seiten des Banquiers, um ihn wieder zu besänftigen. Mit den Baumlerchen kam er endlich wieder zurück, und beim Erscheinen der Trüffeln hatte er den ganzen Vorfall bereits vergessen.

IX.
Der Steinbutt.

Die Zwietracht hatte sich in eine der innigst verbundenen Haushaltungen der Hauptstadt einzuschleichen versucht. Es war an einem Samstag, einem Sabbat, es handelte sich um einen Steinbutt, der zubereitet werden sollte, es war auf dem Lande, und der Ort hieß Villecrêne.

Der Fisch, der dem Gerüchte nach ursprünglich eine weit glorreichere Bestimmung gehabt hatte, sollte am nächsten Tage einer Gesellschaft schlichter Bürger vorgesetzt werden, zu denen auch ich gehörte. Mit seiner Frische, seinem Fett und seinem glänzenden Aussehen konnte man nur zufrieden sein, seine Größe aber überschritt die Fassungskraft sämmtlicher Gefäße, die man zur Verfügung hatte, dermaßen, daß man nicht wußte, wie man ihn zubereiten sollte.

»Ei was, wir hauen ihn entzwei,« rief der Mann. – »Würdest du wirklich das Herz haben, die arme Creatur auf solche Weise zu verhunzen?« entgegnete die Frau. – »Es muß sein, Schätzchen, da die Sache einmal nicht anders zu machen steht. Vorwärts, man bringe mir das Hackemesser her, und es soll bald geschehen sein.« – »Warte doch, mein Freund, dazu ist es ja noch immer Zeit. Du weißt ja überdies, daß der Vetter kommt: der ist Professor und wird uns gewiß aus der Verlegenheit helfen.« – »Ein Professor ... uns aus der Verlegenheit helfen? ... Bah!« Und wahrheitsgetreue Berichte versichern, daß der Sprecher kein großes Zutrauen zu dem Professor zu haben schien. Und doch war dieser Professor kein anderer als ich! Schwerenoth!

Man war allem Anschein nach nahe daran, die Schwierigkeit nach der Weise Alexanders zu lösen, als ich im Laufschritt und mit jenem Appetite anlangte, den man immer verspürt, wenn man eine Fußreise gemacht hat, wenn es sieben Uhr abends ist, und wenn der Duft eines guten Diners die Nase kitzelt und den Geschmackssinn anregt.

Vergebens suchte ich beim Eintreten die üblichen Begrüßungsworte anzubringen: man antwortete mir nicht, weil man mich gar nicht gehört hatte. Vielmehr wurde mir unverzüglich die Frage, die aller Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, beinahe im Duo vorgetragen und auseinandergesetzt, und dann pausirten beide Stimmen gleichsam verabredetermaßen, wobei die Cousine mich mit Augen ansah, die zu sagen schienen: Ich hoffe, daß wir beide uns nicht blamiren werden, während der Cousin dagegen eine spöttische und pfiffige Miene aufsteckte, als hätte er die Gewißheit, daß ich mich allerdings blamiren würde, und seine Rechte sich auf das entsetzliche Hackmesser stützte, das auf sein Verlangen herbeigebracht worden war.

Diese verschiedenen Schattirungen verschwanden aber, um dem Ausdruck der lebhaftesten Neugier Platz zu machen, als ich mit ernster, orakelhafter Stimme die feierlichen Worte sprach: »Der Steinbutt wird bis zu seinem officiellen Erscheinen bei Tische unzerstückelt bleiben.«

Ich hatte bereits die Gewißheit, daß ich meinem Rufe nichts vergeben würde, denn schlimmsten Falls hätte ich den Antrag gestellt, den Fisch im Backofen schmoren zu lassen. Da aber dies Verfahren manche Schwierigkeiten bieten konnte, so sprach ich mich noch nicht näher aus, sondern wandte mich schweigend der Küche zu, wobei ich die Procession eröffnete, und die beiden Ehegatten mir als Acolyten dienten, während die übrige Familie die Schaar der Gläubigen vorstellte und die Köchin in fiocchi den Zug schloß.

Die beiden ersten Räume boten nichts, was meinem Vorhaben günstig gewesen wäre. Aber in der Waschküche angelangt, erblickte ich einen sorgfältig in den Herd eingelassenen, wenn auch kleinen Kessel. Ich war sogleich über die Verwendung desselben mit mir im Reinen, und von jenem Glauben durchdrungen, der Berge versetzt, rief ich meinem Gefolge zu: »Seid unbesorgt, der Steinbutt wird unzerstückt gekocht werden! Ich werde ihn in Dampf kochen, und zwar auf der Stelle!«

Und in der That ließ ich, obschon es Essenszeit war, unverzüglich Hand ans Werk legen. Während die einen Feuer unter dem Kessel anzündeten, schnitt ich aus einem Flaschenkorbe eine Hürde von der genauen Größe des Riesenfisches zurecht. Auf diese Hürde ließ ich eine Schicht Zwiebeln und würziger Kräuter legen, und auf diese wurde dann der Fisch gebettet, nachdem er sorgfältig ausgewaschen, abgetrocknet und gesalzen worden war. Eine zweite Lage Zwiebeln und Kräuter diente ihm zur Decke. Die Hürde wurde nun sammt ihrer Last über den zur Hälfte mit Wasser gefüllten Kessel gelegt, über das Ganze eine Bütte gestülpt und um diese trockener Sand aufgeschüttet, um das allzu leichte Entweichen des Dampfes zu verhindern. Nach kurzer Weile begann das Wasser im Kessel zu kochen, und bald füllte der Dampf die ganze Bütte an, die dann nach Verlauf einer halben Stunde abgenommen wurde. Alsdann wurde die Hürde von dem Kessel abgehoben, und nun zeigte sich, daß der Steinbutt wunderschön gekocht, schneeweiß und vom besten Aussehn war.

Nach vollbrachtem Werke eilten wir mit einem durch die Verzögerung, die Arbeit und die Freude über den glücklichen Erfolg verschärften Appetit zu Tisch, und es dauerte eine geraume Weile, bevor wir zu jenem glücklichen Momente gelangten, den der brave Homer niemals anzumerken vergißt In dem häufig wiederkehrenden Verse:
Aber nachdem die Begierde nach Trank und Speise gestillt war. D. Uebers
, wo der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der Speisen den Hunger aus dem Felde geschlagen hatten.

Am folgenden Tage wurde der Steinbutt beim Diner den ehrenwerthen Consumenten vorgesetzt, und man schrie Wunder über sein vortreffliches Aussehn. Dann theilte der Hausherr aus eigenem Antriebe den Versammelten mit, auf welche unerwartete Weise der Fisch gekocht worden war, und ich ward nicht blos wegen der Zeitgemäßheit meiner Erfindung, sondern auch wegen ihrer Wirkung belobt, denn nach aufmerksamem Kosten wurde einstimmig anerkannt, daß der auf diese Weise bereitete Fisch unvergleichlich besser schmecke, als wenn er in einer Fischbackschüssel geschmort worden wäre.

Dies Urtheil nahm übrigens niemand Wunder, denn da er nicht mit dem Wasser in Berührung gekommen war, so hatte er nichts von seinen Bestandtheilen eingebüßt, sondern im Gegentheil das ganze Arom der Würze eingesogen.

Während mein Ohr sich an den Lobsprüchen weidete, mit denen ich überschüttet wurde, suchte mein Auge noch beweiskräftigere durch Beobachtung der Gäste zu erhaschen, und da bemerkte ich denn mit stillem Vergnügen, wie der General Labassée so zufrieden war, daß er bei jedem Bissen lächelte, wie der Pfarrer zum Zeichen innerer Beseligung einen langen Hals machte und verzückt zur Decke emporschaute, und wie von zwei ebenso geistvollen wie feinschmeckerischen Akademikern, die sich in unserer Mitte befanden, der eine, Herr Auger, vor Wonne strahlte wie ein Autor, dem ein rauschender Beifall zu Theil wird, während der andere, Herr Villemain, das Haupt zur Seite neigte und das Kinn vorstreckte wie jemand, der mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhört.

Man wird übrigens gut thun, wenn man sich mein Verfahren ein wenig einprägt, denn es giebt wohl nur wenige Landsitze, wo sich das zum Aufbau des bei dieser Gelegenheit von mir benutzten Apparates Erforderliche nicht vorfände, und man kann jedes Mal zu diesem Mittel greifen, wenn es sich um die Zubereitung eines Stückes handelt, das sich unverhofft darbietet und die gewöhnlichen Dimensionen übersteigt.

Doch würden meine Leser dessenungeachtet der Kunde von diesem großen Abenteuer beraubt geblieben sein, wenn es mir nicht schiene, daß dasselbe, zu gemeinnützigern Resultaten führen könne.

Diejenigen, denen die Natur und die Wirkung des Dampfes bekannt ist, wissen, daß seine Wärme der der Flüssigkeit gleichkommt, aus welcher er aufsteigt, daß dieselbe sogar durch leichten Druck noch um einige Grade gesteigert werden kann, und daß der Dampf sich anhäuft, wenn er keinen Ausgang findet.

Daraus folgt aber, daß man, unter sonst gleichen Verhältnissen nur bei einer Vergrößerung der Bütte oder Ersetzung derselben beispielsweise durch ein Faß, vermittelst des Dampfes in kurzer Zeit und mit wenig Kosten mehrere Scheffel Kartoffeln oder Wurzeln, kurzum alles kochen kann, was man für Menschen oder auch für das Vieh auf der Hürde aufstapelt und mit der Tonne bedeckt. Dies alles würde in sechsmal weniger Zeit und mit sechsmal weniger Holz gar zu kochen sein, als man braucht, um einen Kessel von einem Hectoliter Inhalt zum Sieden zu bringen.

Ich glaube, daß dieser einfache Apparat für jede ein wenig bedeutendere Wirtschaft sowohl in der Stadt wie auf dem Lande vortheilhaft sein kann, und deshalb habe ich ihn so beschrieben, daß jeder es verstehen und Nutzen aus meinen Angaben ziehen kann.

Ich bin überhaupt der Meinung, daß die Dampfkraft noch immer nicht zur Genüge für den häuslichen Gebrauch ausgenutzt wird, und hoffe, daß der Tagesbericht des Vereins zur Ermuthigung der nationalen Industrie den Landwirthen eines Tages zeigen wird, daß ich mich weiter damit beschäftigt habe.

P. S. Eines Tages, als die Professoren im engern Kreise in der Rue de la Paix Nr. 14 versammelt waren, erzählte ich die wahrhafte Geschichte vom in Dampf gekochten Steinbutt. Als ich geendet hatte, wandte sich mein Nachbar zur Linken zu mir und sagte mit vorwurfsvoller Miene: »War ich denn nicht auch dabei? Und habe ich nicht ebenso gut wie die andern meine Stimme abgegeben?« – »O gewiß,« erwiderte ich, »Sie saßen dicht neben dem Pfarrer und haben, ohne Vorwurf gesagt, ein ganz gehöriges Stück beim Kragen genommen. Seien Sie überzeugt« ...

Der Reclamant war Herr Lorrain, ein mit den vorzüglichsten Schmeckwarzen ausgestatteter Kenner und ebenso liebenswürdiger wie umsichtiger Finanzmann, der im Hafen vor Anker gegangen ist, um die Wirkungen des Sturms um so sicherer beurtheilen zu können, und also in mehr als einer Hinsicht auf Nennung seines Namens an dieser Stelle Anspruch hat.

X.
Einige Stärkungsmittel.

Für den in der fünfundzwanzigsten Betrachtung mitgetheilten Fall vom Professor erfunden.

 

A.

Man nehme sechs große Zwiebeln, drei Mohrrüben und eine Handvoll Petersilie, hacke das Ganze, thue es in eine Casserole, lasse es kochen und bräune es mit einem Stück guter, frischer Butter.

Ist dies Gemenge gar, so setze man sechs Unzen Kandiszucker, zwanzig Gran gestoßene Ambra, eine gröstete Brotkruste und drei Flaschen Wasser zu, lasse das Ganze drei Viertelstunden kochen und gieße beständig Wasser nach, um den durch das Kochen verursachten Verlust zu ersetzen, so daß immer drei Flaschen Flüssigkeit bleiben.

Während dies geschieht, schlachte und rupfe man einen alten Hahn, nehme ihn aus und stampfe Fleisch und Knochen mit einem eisernen Stößel im Mörser zusammen. Gleichzeitig werden zwei Pfund guten Rindfleisches fein gehackt.

Ist das geschehen, so mengt man die beiden Fleischsorten und würzt sie hinlänglich mit Salz und Pfeffer.

Dann bringt man dies Gemenge in eine Pfanne auf ein lebhaftes Feuer, so daß es schnell mit Wärme gesättigt wird, und thut von Zeit zu Zeit etwas frische Butter zu, damit man es umschütteln kann, ohne daß es sich ansetzt.

Sieht man, daß es sich bräunt, d. h. daß das Osmazom geröstet ist, so seiht man die Brühe durch, die sich in der Casserole befindet, und gießt sie nach und nach in die Pfanne. Ist dies geschehen, so läßt man das Ganze drei Viertelstunden lang stark kochen und gießt von Zeit zu Zeit warmes Wasser nach, um stets die nämliche Menge Flüssigkeit zu erhalten.

Damit ist die Operation beendet, und man hat nun einen Trank, auf dessen gute Wirkung man unter allen Umständen rechnen kann, sobald nur der Kranke, der durch eine von den früher angegebenen Ursachen in einen Erschöpfungs-Zustand verfallen ist, sich noch einer ungestörten Thätigkeit des Magens erfreut.

Bei der Anwendung dieses Stärkungsmittels giebt man am ersten Tage alle drei Stunden bis zum Einschlafen des Patienten eine Tasse voll, an den folgenden Tagen aber nur morgens und abends eine Tasse, bis die drei Flaschen geleert sind. Der Kranke hat sich dabei an eine leichte, aber nahrhafte Kost, wie z. B. Hühnerschenkel, Fisch, süßes Obst und Eingemachtes zu halten, und bei genauer Befolgung dieser Vorschrift wird beinahe nie eine zweite Auflage des Trankes nöthig werden. Am vierten Tage mag er seine gewöhnlichen Geschäfte wieder aufnehmen, muß sich aber bemühen, in Zukunft vernünftiger zu sein, wenn das eben möglich ist.

Bei Weglassung der Ambra und des Kandiszuckers kann man auf dieselbe Weise eine höchst schmackhafte Suppe bereiten, die würdig ist, Kennern vorgesetzt zu werden.

Der alte Hahn darf auch durch vier alte Rebhühner und das Rindfleisch durch ein Stück Hammelkeule ersetzt werden, ohne daß die Wirksamkeit und die Schmackhaftigkeit des Gerichts darunter leidet.

Die Methode, das Fleisch zu hacken und anzurösten, bevor man die Brühe hinzuthut, kann in allen Fällen angewandt werden, wo man Eile hat. Sie beruht auf der physikalischen Wahrheit, daß das auf solche Weise behandelte Fleisch weit mehr Wärme aufnimmt, als wenn es in Wasser gethan würde. Man mag daher diese Methode jedesmal anwenden, wenn man einer guten, fetten Suppe bedarf, ohne fünf oder sechs Stunden darauf warten zu können, wie das namentlich auf dem Lande sehr häufig vorkommt. Selbstverständlich hat jeder, der das Verfahren in Anwendung bringt, dabei ein Loblied auf den Professor zu singen.

 

B.

Es ist gewiß von Nutzen, wenn alle Welt die Wahrheit erfährt, daß die Ambra zwar als Parfüm den Laien, die schwache Nerven haben, nachtheilig werden kann, daß sie aber bei innerlicher Anwendung außerordentlich stärkend und erheiternd wirkt. Unsere Vorfahren machten für die Küche viel Gebrauch davon und befanden sich nicht schlecht dabei.

Wie mir gesagt worden ist, pflegte der Marschall de Richelieu glorreichen Angedenkens immer Ambra-Pastillen zu kauen, und ich selbst thue an solchen Tagen, wo die Last des Alters sich fühlbar macht, wo die Gedanken sich nur mühsam entwickeln und man sich wie von einer fremden Gewalt niedergedrückt fühlt, in eine große Tasse Chocolade ein bohnengroßes Stück gestoßener und mit Zucker gemischter Ambra und habe mich stets vortrefflich dabei befunden. Die Lebensthätigkeit wird durch dies tonische Mittel erleichtert, die Denkfähigkeit gesteigert, und ich verfalle bei Anwendung desselben nie in jene Schlaflosigkeit, welche unfehlbar nach dem Genusse einer zur Erreichung desselben Zwecks genommenen Tasse Kaffee eintreten würde.

 

C.

Das Mittel A ist für robuste Naturen, für entschlossene Charaktere, überhaupt für solche Leute bestimmt, bei denen die Erschöpfung eine Folge angestrengter Thätigkeit ist.

Der Zufall hat mich zur Bereitung eines zweiten Mittels veranlaßt, das noch weit angenehmer schmeckt, von milderer Wirkung ist, und das ich den schwachen Temperamenten, den unentschiedenen Charaktern, kurzum allen denen empfehle, denen die Erschöpfung wenig Anstrengung kostet. Hier das Recept.

Man nehme ein Kalbsknie im Gewichte von mindestens zwei Pfund, spalte es in vier gleich lange Stücke und bräune es unter Zusatz von vier in Scheiben geschnittenen Zwiebeln und einer Handvoll Brunnenkresse an. Sobald es nahezu gar ist, gieße man drei Flaschen Wasser darüber, lasse das Ganze zwei Stunden lang kochen und ersetze den durch das Sieden verursachten Verlust an Flüssigkeit durch wiederholtes Nachgießen von Wasser. Man erhält auf diese Weise eine gute Kalbfleischbrühe, die man mäßig salzt und pfeffert.

Alsdann zerstoße man drei alte Tauben und ebenso fünfundzwanzig lebende Krebse im Mörser, mische diese beiden Bestandtheile mit einander und bräune sie an, wie ich das oben unter A beschrieben habe. Sobald dann die Hitze die Mischung durchdrungen hat und diese zu rösten beginnt, gieße man die Fleischbrühe darüber und schüre eine Stunde lang das Feuer tüchtig an. Schließlich seiht man die auf solche Weise potenzirte Fleischbrühe durch und nimmt davon morgens und abends oder auch nur morgens, zwei Stunden vor dem Frühstück. Sie giebt auch eine köstliche Suppe.

Auf dies letztbeschriebene Stärkungsmittel wurde ich durch ein literarisches Pärchen gebracht, das, da es mich in ziemlich behäbigem Körperzustand sah, zu mir Vertrauen faßte und seine Zuflucht zu meiner höhern Einsicht nahm, wie die beiden sich ausdrückten.

Sie haben mein Recept in Anwendung gebracht und keinen Anlaß zur Reue gehabt. Der Dichter, der bis dahin ein einfacher Elegiker war, ist jetzt Romantiker geworden, und die Dame, die nur erst einem blassen Roman mit unglücklicher Schlußkatastrophe das Dasein gegeben hatte, hat seitdem einen zweiten, weit bessern geschrieben, der mit einer hübschen, soliden Heirath abschließt. Man ersieht daraus, daß bei beiden eine Steigerung des Vermögens stattgefunden hat, und ich glaube, daß ich mir das ein wenig zum Ruhme anrechnen darf.

XI.
Das Huhn aus der Bresse.

An einem der ersten Tage des laufenden Jahres 1825 hatte ein junges Ehepaar, Herr und Frau de Versy, einem großen Austernfrühstück mit Stiefel und Sporen beigewohnt. Man weiß, was das sagen will.

Derartige Frühstücke haben einen besondern Reiz, theils wegen der auserlesenen Gerichte, die dabei servirt werden, theils wegen der Heiterkeit, die dabei zu herrschen pflegt: aber sie haben den Nachtheil, daß in der Regel dadurch die ganze Tagesordnung über den Haufen geworfen wird. Das geschah auch in diesem Falle. Als die Stunde des Diners gekommen war, setzten zwar die beiden Gatten sich zu Tisch, aber das war nur eine leere Förmlichkeit. Die gnädige Frau aß ein wenig Suppe, der gnädige Herr trank ein Glas Rothwein, dann kamen einige Freunde, man spielte eine Partie Whist, der Abend ging allmählich hin und die beiden Gatten begaben sich mit einander zu Bett.

Gegen zwei Uhr morgens wachte Herr de Versy plötzlich auf. Er fühlte sich unbehaglich, gähnte und warf sich dermaßen im Bett umher, daß seine Frau besorgt wurde und ihn fragte, ob er krank wäre. »Durchaus nicht, Herzchen, aber es kommt mir wahrhaftig vor, als wenn ich Hunger hätte, und da dachte ich eben an das hübsche, fette Huhn, das man uns beim Diner vorsetzte, und das wir mit solcher Geringschätzung behandelt haben.« – »Wenn ich die Wahrheit sagen soll, mein Freund, so muß ich gestehen, daß ich nicht weniger Appetit habe als du, und da dir das Huhn in den Sinn gekommen ist, so muß es herbeigeschafft und gegessen werden.« – »Welch' närrischer Einfall! Alles im Hause schläft, und morgen würde man sich über uns lustig machen.« – »Wenn alles schläft, so wird doch alles erwachen können, und man wird sich schon deshalb nicht über uns lustig machen, weil man nichts erfahren wird. Wer weiß denn, ob nicht eins von uns beiden über Nacht Hungers stirbt? Dem will ich mich auf keinen Fall aussetzen. Ich klingle Justinen.«

Gesagt, gethan. Das arme Kammerkätzchen, das gut zu Abend gegessen hatte und nun schlief, wie man mit neunzehn Jahren zu schlafen pflegt, wenn einem nicht die Liebe die Ruhe raubt A pierna tendida, wie die Spanier sagen., wurde ohne Verzug aus dem Schlafe geschellt.

Gähnend, mit verschlafenen Augen und ganz verstört kam Justine herbei und setzte sich, die Arme reckend, auf einen Stuhl.

Aber das war erst der leichtere Theil der Aufgabe: es handelte sich darum, die Köchin zu wecken, und das bot keine geringen Schwierigkeiten. Die Küchen-Regentin war eine Größe in ihrem Fach und mithin im höchsten Grade widerhaarig. Sie gähnte, murrte, grollte, brüllte Zorn und schnaubte Wuth, endlich aber stand sie doch auf, und die gewichtige Maschine begann sich in Bewegung zu setzen.

Inzwischen hatte Frau de Versy ein Negligé-Jäckchen angezogen, ihr Gatte sich so gut als möglich eingerichtet, Justine ein Tischtuch über das Bett gebreitet und das erforderliche Geräth zu dem improvisirten Mahle herbeigeschafft.

Nach diesen Vorbereitungen erschien endlich auch das Huhn: es wurde unverzüglich zerlegt und ohne Erbarmen verzehrt.

Nach dieser ersten Heldenthat theilten die Gatten sich in eine große Saint-Germain-Birne und aßen noch ein wenig Orangen-Confitüren.

In den Pausen hatten sie eine Flasche Grave-Wein bis auf den Grund gelehrt und einander mit mannigfachen Variationen wiederholentlich betheuert, daß sie noch nie angenehmer gespeist hätten.

Wie alles in diesem irdischen Jammerthale, nahm aber auch dies Mahl ein Ende. Justine räumte das Gedeck weg, brachte die Beweisstücke für die nächtliche That bei Seite, und der Vorhang des ehelichen Betts verhüllte die beiden Tafelgenossen mit seinen Falten.

Am andern Morgen aber eilte Frau de Versy zu ihrer Freundin, Frau de Franval, um ihr den ganzen Vorfall haarklein zu berichten, und der Indiscretion dieser verdankt das Publikum die vorliegende Kunde von dem Abenteuer.

Frau de Franval verfehlte nie, die Bemerkung hinzuzufügen, daß Frau de Versy zu Ende ihres Berichts zweimal gehustet habe und unzweideutig roth geworden sei.

XII.
Der Fasan.

Der Fasan ist ein Räthsel, dessen Lösung nur den Adepten offenbart wird. Nur diese können ihn in seiner ganzen Vorzüglichkeit genießen.

Jede Substanz erreicht den Gipfel ihrer Eßbarkeit zu einer bestimmten Zeit. Einige, wie die Kapern, der Spargel, die grauen Rebhühner, die Suppentauben u. s. w., gelangen schon vor Abschluß ihrer Entwicklung dazu; andere, wie die Melonen, die meisten Baumfrüchte, das Schaf, das Rind und das rothe Rebhuhn, erreichen diesen Höhepunkt erst im Augenblicke der höchsten Vollkommenheit ihres Seins; ein dritter Theil endlich gewinnt denselben erst in dem Momente, wo bereits die Zersetzung beginnt. Zu diesen letztern gehören die Mispel, die Schnepfen und vor allem der Fasan.

Wird dieser Vogel in den drei ersten Tagen nach seinem Ableben gegessen, so hat er durchaus nichts Besonderes. Er ist dann weder so zart wie das Masthuhn, noch so würzhaft wie die Wachtel.

Aber zur rechten Zeit verzehrt, ist er ein überaus zarter, köstlicher und schmackhafter Bissen, denn sein Fleisch vereint dann die Vorzüge des zahmen Geflügels mit denen des Wildfleisches.

Dieser so wünschenswerte rechte Augenblick ist nun aber der Moment, wo der Fasan sich zu zersetzen beginnt. Alsdann erst entwickelt sich sein ganzes Aroma und vereint sich mit einem Oele, zu dessen Läuterung es eines Hauches von Gährung bedurfte, wie ja auch zur Gewinnung des aromatischen Oels des Kaffees immer die Röstung von nöthen ist.

Den Laien offenbart sich dieser Moment durch einen leichten Geruch und durch den Farbenwechsel am Bauche des Vogels, die Inspirirten aber errathen ihn vermöge eines gewissen Instinkts, der sich bei verschiedenen Gelegenheiten kundgiebt, und vermittelst dessen ein geschickter Bratkünstler z. B. auf den ersten Blick erkennt, ob man einen Vogel vom Bratspieß zu nehmen oder ihn noch einige Male herumzudrehen hat.

Erst wenn der Fasan auf diesem Punkte angelangt ist, und nicht eher, wird er gerupft und mit dem frischesten und festesten Speck gespickt, den man auftreiben kann.

Ein frühzeitigeres Rupfen ist keineswegs ohne Nachtheile: mit größter Sorgfalt angestellte Versuche haben ergeben, daß die in ihrem Federkleide aufbewahrten Fasanen von weit würzigerm Geschmacke sind als die andern, sei es nun, daß die Berührung mit der Luft einige Theile des Duftstoffes neutralisirt, oder sei es, daß ein Theil der zur Ernährung der Federn bestimmten Säfte wieder aufgesogen wird und den Geschmack des Fleisches erhöht.

Ist der Vogel gerupft und gespickt, so handelt es sich um das Füllen desselben. Dies geschieht auf folgende Weise:

Man nimmt zwei Wachteln, beint sie aus, nimmt die Eingeweide heraus und legt diese mit den Lebern bei Seite.

Alsdann nimmt man das Fleisch der Wachteln und stellt daraus ein Füllsel her, indem man es sein zerhackt und mit in Dampf gekochtem Rindermark, ein wenig geschabtem Speck, Pfeffer, Salz, seinen Küchenkräutern und einer Anzahl guter Trüffeln vermengt, so daß das Ganze zur Füllung des innern Fasans hinreicht.

Dies Füllsel muß nun so befestigt werden, daß es nicht aus der Körperhöhlung des Vogels heraustreten kann, was bisweilen, wenn die Zersetzung etwas weit vorgeschritten ist, seine Schwierigkeiten hat. Doch gelangt man, anderer Mittel nicht zu gedenken, in solchem Falle schon zum Ziele, wenn man eine Brotkruste zurechtschneidet und mit einem kleinen Bändchen unter dem Bauche festbindet, so daß sie als Schließscheibe dient.

Hiernach röstet man eine Brotscheibe, die den Fasan in der Richtung seiner Längenaxe auf jeder Seite um zwei Fingerbreit überragt, und nimmt dann die Lebern und Eingeweide der Wachteln, um sie mit zwei großen Trüffeln, einer Sardelle, ein wenig geschabtem Speck und einer entsprechenden Quantität guter, frischer Butter im Mörser zu bearbeiten.

Dieser Brei wird nun gleichmäßig auf der gerösteten Brotscheibe ausgebreitet und der nach obigen Angaben zugerichtete Fasan darauf gebettet, so daß aller Saft, der beim Braten von ihm herabtröpfelt, die Scheibe benetzen muß.

Ist der Fasan gebraten, so richtet man ihn anmuthig auf der Brotscheibe an, garnirt ihn mit Orangen und kann dann über die Folgen ruhig sein.

Dies über alles schmackhafte Gericht muß vorzugsweise mit Weinen aus Hochburgund angefeuchtet werden. Diese wichtige Wahrheit habe ich aus einer Reihe von Beobachtungen herausgeschält, die mir mehr Arbeit gekostet haben als die Anfertigung einer Logarithmentafel.

Ein auf solche Weise bereiteter Fasan wäre würdig, Engeln vorgesetzt zu werden, wenn diese noch wie zu Zeiten Loths auf Erden reisten.

Doch was sage ich! Der Versuch ist ja gemacht worden. Im Schlosse La Orange, bei meiner reizenden Freundin Frau de Ville-Plaine ist ein gefüllter Fasan unter meinen Augen von dem würdigen Küchen-Oberhaupte Picard zubereitet und dann vom Haushofmeister Louis im Processionsschritt aufgetragen worden. Man untersuchte ihn mit derselben Sorgfalt wie einen Hut aus dem Geschäft der Madame Herbault, man kostete ihn mit der größten Aufmerksamkeit, und bei dieser gelehrten Beschäftigung blitzten die Augen der Damen wie Sterne, glänzten ihre Lippen wie Korallen und nahm ihr Gesicht einen verzückten Ausdruck an. (Man vergleiche das Kapitel über die gastronomischen Probirsteine.)

Ich bin sogar noch weiter gegangen: ich habe einen solchen Fasan einem Comité vorgesetzt, das aus Mitgliedern des höchsten Gerichtshofes bestand, die da wußten, daß man bisweilen die Toga des Senators ablegen muß, und die ich mit leichter Mühe überzeugte, daß eine gute Tafel die natürliche Entschädigung für die Langweiligkeit der amtlichen Sitzungen ist. Nach eingehender Prüfung sprach der Alterspräsident mit ernster Stimme das Wort vorzüglich! aus. Und alle Häupter neigten sich einmüthig zum Zeichen der Beistimmung, und der Beschluß ging mit Einstimmigkeit durch.

Während der Berathung beobachtete ich, wie die Nasen der ehrwürdigen Herren sehr ausgeprägte Riechbewegungen ausführten, wie ihre erhabenen Stirnen von friedlicher Heiterkeit strahlten, und wie um ihren wahrheitredenden Mund ein Zug des innern Jubels spielte, der einem halben Lächeln glich.

Diese wunderbaren Wirkungen sind aber durchaus in der Natur der Dinge begründet. Bei der Zubereitung nach dem angegebenen Recepte wird nämlich der Fasan, der schon an und für sich ein vortrefflicher Bissen ist, von außen mit dem Fette des verkohlenden Specks getränkt, während er gleichzeitig von innen die Duftgase der Wachteln und der Trüffeln aufnimmt. Die schon an sich so reich ausgestattete Brotscheibe aber saugt auch noch die dreifach gemischten Säfte auf, die von dem bratenden Vogel herabrinnen.

Auf diese Weise entschlüpft kein Atom von den köstlichen Bestandtheilen dieses Gerichts der Würdigung, und in Anbetracht der Vorzüglichkeit dieser Schüssel, halte ich dieselbe für würdig, auf den erhabensten Tafeln zu erscheinen.

Parve, nec invideo, sine me liber ibis in aulam. Ohne mich, doch neid' ich dir's nicht, wirst du zu Hofe geh'n, mein Büchlein.

XIII.
Gastronomische Betriebsamkeit der Emigranten.

Ein wenig Kochen, das weiß ich genau,
Versteht jedwede französische Frau.

Die schöne Arsène, 3. Act.

Ich habe in einem früheren Kapitel die bedeutenden Vortheile auseinandergesetzt, die Frankreich unter den durch die politischen Ereignisse herbeigeführten Umständen des Jahres 1815 aus der Feinschmeckerei gezogen hat. Von nicht geringerm Nutzen war diese allgemein verbreitete Neigung auch für die Emigranten, und diejenigen von ihnen, die einiges Talent für die Kochkunst besaßen, haben eine werthvolle Hilfsquelle daran gehabt.

Bei meiner Durchreise durch Boston lehrte ich den Restaurateur Julien Julien stand um 1794 im besten Flor. Er war ein geschickter Bursche und, wie er sagte, Koch des Erzbischofs von Bordeaux gewesen. Wenn Gott ihm das Leben geschenkt hat, muß er ein bedeutendes Vermögen erworben haben. die Bereitung des Rühreis mit Käse. Dies für die Amerikaner neue Gericht wurde mit solchem Beifall aufgenommen, daß er sich erkenntlich zeigen zu müssen glaubte und mir das Hintertheil eines jener kleinen, hübschen Rehe nach New-York schickte, die man im Winter aus Canada bezieht, und das von einem bei dieser Gelegenheit von mir zusammenberufenen Comité für höchst vortrefflich erklärt wurde.

Ebenso gewann der Hauptmann Collet in New-York in den Jahren 1794 und 1795 sehr viel Geld mit der Bereitung von Eis und Sorbet.

Besonders die Frauen der großen Handelsstadt wurden dieses für sie neuen Genusses gar nicht müde, und es war höchst ergötzlich und unterhaltend, ihr Mienenspiel zu beobachten, so oft sie davon kosteten. Sie konnten gar nicht begreifen, wie sich das bei 26° R. so kalt erhalten könne.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Köln traf ich einen bretonischen Edelmann, der zum Gewerbe eines Garkochs gegriffen hatte und sich sehr gut dabei stand, und so könnte ich noch hundert weitere Beispiele anführen. Ich ziehe es jedoch vor, hier nur noch die seltsame Geschichte eines Franzosen zu erzählen, der sich in London durch seine Geschicklichkeit im Salatanmachen ein Vermögen erwarb.

Er stammte aus dem Limousin und hieß, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, d'Aubignac oder d'Albignac.

Obgleich seine Kost bei dem Stande seiner Finanzen für gewöhnlich eine sehr schmale war, speiste er doch eines Tages in einer der berühmtesten Speisewirthschaften Londons, denn er gehörte zu denen, die dem Grundsatz huldigen, daß man mit einer einzigen Schüssel zu Mittag auskommen könne, wenn diese Schüssel nur gut sei.

Während er einem saftigen Roastbeef den Rest gab, näherte sich ihm ein junger Mann, der mit vier oder fünf Genossen aus den besten Familien ( dandies) an einem benachbarten Tische speiste, und redete ihn in höflichem Tone an: »Herr Franzose, man sagt, daß Ihre Nation es in der Kunst, den Salat anzumachen, allen andern zuvorthue. Würden Sie uns wohl die Gunst erweisen, und einen Salat für uns anrichten?«

D'Albignac willigte nach kurzem Bedenken ein, verlangte alles, was er für erforderlich hielt, um das Meisterwerk zu Stande zu bringen, verwandte alle erdenkliche Sorgfalt darauf und hatte das Glück, einen vollständigen Triumph zu erringen.

Während er die Quantität der einzelnen Zuthaten abwog, antwortete er freimüthig auf die Fragen, die bezüglich seiner gegenwärtigen Lage an ihn gestellt wurden. Er sagte, daß er ein Emigrant sei, und gestand nicht ohne einiges Erröthen, daß er von der englischen Regierung eine Unterstützung empfange, ein Umstand, der ohne Zweifel die Veranlassung war, daß einer von den jungen Leuten ihm eine Fünfpfundnote in die Hand drückte, die er dann auch nach leichtem Widerstreben annahm.

Er hatte den jungen Leuten seine Adresse gegeben und war daher nur wenig überrascht, als er einige Tage später einen Brief erhielt, durch welchen er in den höflichsten Ausdrücken ersucht wurde, sich in einem der prächtigsten Häusern von Grosvenor Square einzufinden und dort einen Salat zu bereiten.

D'Albignac, der daraus einen dauernden Vortheil erwachsen zu sehen begann, zögerte keinen Augenblick und fand sich pünktlich mit einigen neuen Würzen ein, die er für befähigt hielt, seinem Werke einen höhern Grad von Vollkommenheit zu geben.

Er hatte Zeit gehabt, über seine Aufgabe nachzudenken. Es glückte ihm daher, abermals den Beifall der Auftraggeber zu erringen, und diesmal empfing er eine solche Vergütigung, daß es Thorheit gewesen wäre, sie zurückzuweisen.

Wie man annehmen darf, hatten die jungen Leute den Salat, den er für sie angemacht hatte, bis zur Uebertreibung gerühmt. Die zweite Gesellschaft machte noch mehr Aufhebens von seiner Kunstfertigkeit, d'Albignacs Ruf breitete sich mit merkwürdiger Schnelligkeit aus, man bezeichnete ihn als den fashionable salatmaker , und alles, was in der Hauptstadt dieses nach Neuigkeiten lüsternen Landes auf Eleganz Anspruch machte, war nun mit einem Male zum Sterben in einen von dem französischen Gentleman bereiteten Salat vernarrt: I die for it, hieß es an allen Ecken und Enden.

Einer Nonnen Gelüst wie zehrend Feuer ist,
Doch englischer Frau'n Begier ist hundertmal ärger schier.

D'Albignac benutzte die enthusiastische Vorliebe, deren Gegenstand er war, als Mann von Geist. Schon nach kurzer Zeit schaffte er sich Pferd und Wagen an, um sich schneller in den verschiedenen Häusern einfinden zu können, wohin er berufen wurde, und nahm sich einen Bedienten, der ihm alle Zuthaten, mit denen er sein Repertorium bereichert hatte, wie z. B. verschiedene parfümirte Essigsorten, Oele mit und ohne Fruchtgeschmack, Soya, Caviar, Trüffeln, Sardellen, Katschup, Bratensauce und sogar Eidotter, das charakteristische Kennzeichen der Majonaise, in einem Mahagony-Kästchen nachtragen mußte.

Später ließ er ähnliche Kästchen anfertigen, stattete sie vollständig aus und verkaufte sie zu Hunderten.

Kurzum, es gelang ihm durch unermüdliche und umsichtige Verfolgung seiner Vortheile schließlich, ein Vermögen von über achtzigtausend Franken zu erwerben, das er dann, als die Zeiten besser geworden waren, mit nach Frankreich herüberbrachte.

Nach der Rückkehr ins Vaterland verlor er nicht seine Zeit damit, auf dem Pariser Pflaster zu glänzen, sondern er beschäftigte sich mit seiner Zukunft. Er legte sechzigtausend Franken in Staatspapieren an, die damals auf fünfzig Procent standen, und kaufte für zwanzigtausend Franken ein kleines Rittergut im Limousin, wo er wahrscheinlich noch lebt, glücklich und zufrieden, weil er seine Wünsche zu beschränken wußte.

Diese Einzelheiten wurden mir ihrer Zeit von einem Freunde mitgetheilt, der in London mit d'Albignac verkehrt und ihn dann bei seiner Durchreise durch Paris von neuem getroffen hatte.

XIV.
Andere Erinnerungen aus der Zeit der Emigration.

 

Der Weber.

Im Jahre 1794 befanden wir, Herr Rostaing Der Baron Rostaing, mein Verwandter und Freund, ist heute Militär-Intendant in Lyon. Ein ausgezeichnetes Verwaltungstalent, hat er ein so klares System des militärischen Rechnungswesen aufgestellt, daß man dazu früher oder später wird greifen müssen. und ich, uns in der Schweiz. Wir zeigten dem Unglück ein heiteres Gesicht und bewahrten im Herzen die Liebe zum Vaterlande, das uns verfolgte.

Wir kamen nach Mondon, wo ich Verwandte hatte, und wurden von der Familie Trolliet mit einer Herzlichkeit empfangen, deren Andenken immer in meinem Gedächtnis fortleben wird.

Da der Ammann Trolliet nur eine Tochter und diese keine männlichen Kinder hinterlassen hat, so ist die Familie, eine der ältesten des Landes, jetzt ausgestorben.

Bei einem Gange durch die Stadt machte man mich auf einen jungen französischen Officier aufmerksam, der das Weberhandwerk betrieb. Seine Geschichte war folgende.

Als dieser junge Mann, der aus sehr guter Familie stammte, auf dem Wege zur Armee Condés durch Mondon kam, traf er an der Wirthstafel einen Greis mit einem jener würdigen und doch lebendigen Gesichter, wie die Maler sie den Genossen Wilhelm Tells' zu geben pflegen.

Beim Dessert plauderte man. Der Officier machte kein Hehl aus seiner Lage und sein Tischnachbar bezeigte ihm aufrichtige Theilnahme. Er beklagte ihn, daß er, so jung, allem entsagen müsse, was ihm lieb und theuer sei, und machte ihn insbesondere auf die Nichtigkeit des Rousseau'schen Grundsatzes aufmerksam, wonach jeder Mann sich auf ein Handwerk verstehen soll, damit er im Nothfall dazu greifen und sich überall ernähren kann. Er für sein Theil, erklärte der Greis, sei Weber, kinderloser Witwer und mit seinem Loose ganz zufrieden.

Damit endete die Unterhaltung. Der junge Mann reiste am andern Morgen weiter und war kurze Zeit darauf schon in das Condé'sche Heer eingereiht. Aber alles, was er innerhalb wie außerhalb dieses Heeres vorgehen sah, brachte ihn bald zu der Einsicht, daß das nimmermehr die Pforte sei, durch die er nach Frankreich zurückkommen könne. Bald begegneten ihm dann auch einige von jenen Widerwärtigkeiten, wie sie denen, die kein anderes Verdienst besaßen als ihren Eifer für die königliche Sache, bisweilen zustießen, und später erlitt er sogar eine Zurücksetzung oder etwas Aehnliches, das ihm ein schreiendes Unrecht schien.

Da kam ihm das Gespräch mit dem Weber wieder ins Gedächtnis. Er dachte einige Zeit darüber nach, und nachdem er zum Entschlusse gekommen war, verließ er die Armee, eilte nach Mondon, suchte den Weber auf und bot sich ihm zum Lehrling an.

»Ich will mir diese Gelegenheit zu einer guten That nicht entgehen lassen,« erwiderte ihm der Greis. »Sie werden mit mir essen, ich verstehe nur eine Fertigkeit, diese werde ich Sie lehren, ich habe nur ein Bett, Sie werden es mit mir theilen. Sie werden so ein Jahr lang lernen, nach Verlauf dieser Zeit aber für Ihre eigene Rechnung arbeiten und gewiß glücklich sein in einem Lande, wo die Arbeit geehrt und befördert wird.«

Gleich am nächsten Tage machte der Officier sich ans Werk, und es gelang ihm so wohl, daß schon nach sechs Monaten sein Lehrmeister ihm erklärte, er könne ihn nichts mehr lehren, er betrachte sich als bezahlt durch die Pflege, die sein Zögling ihm habe angedeihen lassen, und von jetzt an solle derselbe den ganzen Nutzen von seiner Arbeit haben.

Als ich damals nach Mondon kam, hatte der neugebackene Handwerker schon Geld genug erworben, um sich einen Webstuhl und ein Bett zu kaufen. Er arbeitete mit bemerkenswerther Ausdauer, und man nahm soviel Antheil an ihm, daß die ersten Häuser der Stadt ihn genommener Abrede gemäß der Reihe nach Sonntags zum Essen einluden.

An diesem Tage legte er seine Uniform an und nahm seinen Rang in der Gesellschaft wieder ein, und da er sehr liebenswürdig und sehr unterrichtet war, so ward er von aller Welt gefeiert und gehätschelt. Am Montag aber wurde er wieder Weber, und es hatte den Anschein, als ob er bei diesem Wechsel mit seinem Loose nicht unzufrieden sei.

 

Der Hungerleider.

Diesem Bilde von den Vortheilen des Gewerbfleißes kann ich ein anderes anfügen, das von ganz entgegengesetzter Art ist.

In Lausanne traf ich nämlich einen Emigranten aus Lyon, einen großen, hübschen Mann, der nur zweimal wöchentlich aß, um nur nicht arbeiten zu müssen. Er würde mit dem schönsten Anstand von der Welt Hungers gestorben sein, wenn ihm nicht ein braver Kaufmann in der Stadt bei einem Garkoch einen Credit eröffnet hätte, so daß er am Sonntag und Mittwoch jeder Woche dort zu Mittag essen konnte.

Am bestimmten Tage stellte sich der Emigrant ein, stopfte sich bis zum Platzen voll und entfernte sich dann unter Mitnahme eines großen Stückes Brot. So war es ausgemacht.

Mit diesem Supplement-Mundvorrath ging er so sparsam als möglich um, trank Wasser, wenn ihm der Magen knurrte, brachte einen Theil des Tages im Bett in einem träumerischen Zustande zu, der nicht ohne Reize war, und schlug sich auf diese Weise bis zur nächsten Mahlzeit durch.

Als ich mit ihm zusammentraf, führte er diese Lebensweise schon drei Monate lang. Er war nicht krank, aber in seiner ganzen Erscheinung prägte sich eine solche Mattigkeit aus, seine Züge erschienen so in die Länge gezogen, und zwischen den Ohren und der Nase zeigte sich ein so hippokratischer Zug, daß sein Anblick einen peinlichen Eindruck machte.

Ich wunderte mich, daß er sich lieber solchen Leiden aussetzte, als seine Person nützlich zu machen suchte, und lud ihn in meiner Herberge zum Essen ein, wo er in wahrhaft schaudererregender Weise einhieb. Ich wiederholte jedoch meine Einladung nicht, denn ich liebe es, daß man dem Mißgeschick die Stirn bietet und, wenn nöthig, dem Befehle Gehorsam leistet, der das ganze Menschengeschlecht angeht: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.

 

Der silberne Löwe.

Welche trefflichen Mahlzeiten hielten wir damals in Lausanne im silbernen Löwen!

Für fünfzehn Batzen erhielten wir drei vollständige Gänge, in denen unter anderm das treffliche Wildpret von den benachbarten Bergen und der köstliche Fisch aus dem Genfer See auf den Tisch kam, und das alles begossen wir nach Wunsch und Belieben mit einem leichten Weißwein, der hell und klar war wie Quellwasser und einen Wasserscheuen zum Trinken verführt hätte.

Am obern Ende der Tafel saß ein Domherr von Notre-Dame de Paris – möge er noch heute leben! – der da wie zu Hause war, und dem der Kellner stets das Beste vorsetzte, was der jedesmalige Küchenzettel aufwies.

Er that mir die Ehre an, mich in Anerkennung meines Appetits als Adjutanten an seine Seite zu berufen. Aber ich erfreute mich dieses Vortheils nicht lange: die Ereignisse rissen mich fort, und ich brach nach den Vereinigten Staaten auf, wo ich eine Freistatt, Arbeit und Ruhe fand.

 

Aufenthalt in Amerika.

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Schlacht.

Ich schließe dies Kapitel mit dem Berichte über ein Begebnis, das den Beweis liefert, daß nichts auf Erden sicher und gewiß ist, und daß das Unglück uns gerade in dem Augenblicke überraschen kann, wo man am wenigsten daran denkt.

Ich stand im Begriff, die Rückreise nach Frankreich anzutreten. Nach dreijährigem Aufenthalte verließ ich die Vereinigten Staaten, wo ich mich so wohl befunden hatte, und die einzige Bitte, die ich in jenen Momenten der Rührung, die der Abreise voranzugehen pflegen, zum Himmel emporschickte (er hat sie erhört!), war der Wunsch, er möchte mich in der alten Welt nicht unglücklicher sein lassen, als ich es in der neuen gewesen war.

Dies Glück verdankte ich vor allem und in erster Linie dem Umstande, daß ich sogleich nach meiner Ankunft bei den Amerikanern sprach wie sie Ich speiste eines Tages neben einem Creolen, der schon seit zwei Jahren in New-York wohnte, aber noch nicht soviel Englisch gelernt hatte, daß er Brot hätte fordern können. Ich gab ihm meine Verwunderung darüber zu erkennen. »Bah!« erwiderte er, indem er die Achseln zuckte, »halten Sie mich für dumm genug, daß ich mir die Mühe geben sollte, die Sprache eines so mundfaulen, verdrießlichen Volkes zu studiren?«, mich kleidete wie sie, mich hütete, witziger zu sein als sie, und alles vortrefflich fand, was sie thaten. Ich bezahlte auf diese Weise die Gastfreundschaft, die ich bei ihnen fand, durch ein Entgegenkommen, das ich für nothwendig hielt, und das ich allen denen anrathe, die in eine gleiche Lage kommen sollten.

Ich verließ also ein Land, wo ich mit aller Welt in Frieden gelebt hatte, friedfertig und still, und sicher gab es in der ganzen Schöpfung keinen Zweifüßler ohne Federn, der in jenem Momente mehr von Nächstenliebe erfüllt war als gerade ich, als ein Ereignis eintrat, das von meinem Willen durchaus unabhängig war, mich aber um ein Haar in tragische Begebenheiten verwickelt hätte.

Ich befand mich auf dem Paquetboote, das mich von New-York nach Philadelphia bringen sollte. Zum bessern Verständnis sei noch bemerkt, daß man, um diese Strecke schnell und ungefährdet zurückzulegen, den Augenblick benutzen muß, wo die Ebbe beginnt.

Das Meer stand eben, d. h. es war im Begriff, zurückzufluten, und mithin der Augenblick zur Abreise gekommen, aber man traf durchaus keine Anstalten, die Anker zu lichten.

Wir waren eine ganze Anzahl Franzosen auf dem Schiffe, und unter andern auch ein Herr Gauthier, der noch in diesem Augenblicke in Paris sein muß, ein braver Kerl, der sich dadurch ruinirt hat, daß er ultra vires das Haus ausbauen wollte, das die Südwest-Ecke des Finanzministeriums bildet.

Die Ursache der Verzögerung wurde bald bekannt. Man wartete noch auf zwei Amerikaner, die die Reise mitmachen wollten, sich aber noch nicht eingefunden hatten, was uns der Gefahr aussetzte, von der Ebbe überrascht zu werden und doppelt so viel Zeit zur Ueberfahrt zu gebrauchen, denn das Meer wartet auf niemand.

Es entstand daher ein lautes Gemurr, besonders unter den Franzosen, die weit hitziger und leidenschaftlicher sind als die Leute jenseits des Oceans.

Ich nahm nicht nur keinen Theil daran, sondern ich bemerkte es kaum, denn das Herz war mir schwer, und ich dachte an das Schicksal, das mir in Frankreich zu Theil werden würde, so daß ich nicht genau weiß, was vorging. Plötzlich aber vernahm ich einen klatschenden Ton und sah, daß Gauthier einem Amerikaner eine Ohrfeige verabreicht hatte, die ein Rhinoceros hätte zu Boden schmettern können.

Diese Gewaltthätigkeit rief eine unbeschreibliche Verwirrung hervor. Da die Worte Franzosen und Amerikaner wiederholt einander gegenübergestellt wurden, so nahm jetzt der Streit einen nationalen Anstrich an, und es handelte sich um nichts Geringeres, als uns sämmtlich über Bord zu werfen, was indessen doch einige Schwierigkeit gehabt haben würde, da wir acht gegen elf waren.

Ich war meinem äußern Ansehn nach derjenige, der der Transbordation den meisten Widerstand entgegensetzen mußte, denn ich bin vierschrötig, groß und zählte damals erst neununddreißig Jahre. Das war denn ohne Zweifel auch der Grund, weshalb man den stattlichsten Krieger des feindlichen Heeres gegen mich abschickte.

Der Brave pflanzte sich in kampfbereiter Stellung vor mir auf. Er war groß wie ein Kirchthurm und von entsprechender Dicke, als ich ihn aber mit jenem Blicke maß, der Lenden und Nieren prüft, sah ich, daß er wässrigen Temperaments war, ein aufgedunsenes Gesicht, starre Augen, einen kleinen Kopf und Weiberbeine hatte.

Mens non agitat molem Diese Masse bewegt kein Geist., sprach ich zu mir selbst; sehen wir, ob er Stand hält, und sterben wir nachher, wenn's sein muß.

Dann hielt ich nach Art der homerischen Helden wörtlich und buchstäblich folgende Ansprache an ihn:

» Do you believe Man duzt im Englischen einander nicht. Sogar der Kärrner, der sein Pferd halb zu Tode prügelt, ruft ihm dabei fortwährend zu: » Go, sir! go, Sir, I say! (Vorwärts, mein Herr, vorwärts, sage ich Ihnen).« to bully me, you damned rogue? By God! it will not be so ... and I'll overboard you like dead cat ... If I found you too heavy, I'll cling to you with hands, legs, teeth, nails, every thing, and if I cannot do better, we will sink together to the bottem. My life is nothing to send such dog to hell. Now, just now« ...

»Denkt Ihr mir Furcht einzujagen, verdammter Schurke? Bei Gott! das wird Euch nicht gelingen ... ich werde Euch über Bord werfen wie eine todte Katze. Seid Ihr zu schwer, so werde ich mich mit den Händen, den Beinen, den Nägeln, den Zähnen, mit jeder Faser an Euch festklammern, und wenn es nicht anders geht, sinken wir zusammen in den Grund. Mein Leben gilt mir nichts, wenn es darauf ankommt, einen solchen Hund zur Hölle zu senden. Nun zu, nur zu In allen Ländern, in denen das englische Gesetz Giltigkeit hat, gehen den Schlägereien immer erst Verbal-Injurien voraus, weil man den Grundsatz hat, daß »Schimpfworte keine Knochen brechen« ( high words break no bones). Oft beschränkt man sich auch ganz aufs Schimpfen und hütet sich, zuzuschlagen, denn nach dem Gesetze bricht derjenige, der zuerst schlägt, den Landfrieden und wird stets zur Strafe verurtheilt, welchen Ausgang auch der Kampf gehabt haben mag.« – – –

Bei diesen Worten, mit denen zweifelsohne meine ganze Person in Einklang stand, denn ich fühlte die Kräfte eines Herkules in mir, sah ich meinen Gegner um einen ganzen Zoll zusammenschrumpfen, seine Arme sanken herab, seine Wangen fielen ein, kurzum, er gab so augenscheinliche Zeichen von Furcht und Schrecken, daß derjenige, der ihn ohne Zweifel gegen mich abgeschickt hatte, es gewahr ward und näher trat, als ob er sich ins Mittel legen wollte. Und daran that er wirklich wohl, denn ich war einmal im Zuge, und der Bewohner der neuen Welt hätte mir wohl spüren sollen, daß diejenigen, die sich im Furens Ein klares Flüßchen, das oberhalb Rossillon entspringt, an Belley vorbeifließt und sich oberhalb Peyrieux in die Rhone ergießt. Die darin gefangenen Forellen haben ein rosenrothes Fleisch und die Hechte sind weiß wie Elfenbein. Gut! sehr gut! baden, hart gestählte Nerven haben.

Am andern Ende des Schiffes hatte man inzwischen zum Frieden geredet, das endliche Eintreffen der erwarteten Nachzügler lenkte die Aufmerksamkeit ab, die Anker mußten aufgehoben, die Segel beigesetzt werden, und so hörte der Tumult, während ich noch immer in Fechterstellung dastand, mit einem Male auf.

Die ganze Geschichte endete sogar aufs Beste, denn als alles beruhigt war und ich Gauthier aufsuchte, um ihn wegen seiner Heftigkeit auszuzanken, fand ich den Geohrfeigten friedlich mit ihm an demselben Tische sitzen, und vor ihnen prangte ein ellenhoher Bierkrug und ein trefflicher Schinken.

XV.
Das Bündel Spargel.

Als ich an einem schönen Februartage durch das Palais Royal kam, blieb ich vor dem Laden der Madame Chevet stehen, der berühmtesten Eßwaarenhändlerin von Paris, die mich zu allen Zeiten mit einem besondern Wohlwollen beehrt hat. Ich erblickte da im Schaufenster ein Bündel Spargel, deren kleinster immer noch dicker war als mein Zeigefinger, und fragte nach dem Preise.

»Vierzig Franken,« gab mir Madame Chevet zur Antwort.

»Der Spargel ist allerdings sehr schön, zu diesem Preise aber kann nur der König oder ein Prinz ihn essen.«

»Da sind Sie sehr im Irrthum, mein Herr. Dergleichen kommt nie ins königliche Schloß: man verlangt dort Schönes, aber keine Prunkgerichte. Mein Spargelbündel wird aber nichtsdestoweniger abgehen – hören Sie, wie. In dem Augenblicke, wo wir jetzt reden, giebt es in Paris mindestens dreihundert reiche Käuze, Banquiers, Capitalisten, Lieferanten und dergleichen Leute, die durch die Gicht, durch den Schnupfen, durch die Befehle ihres Arztes und andere Ursachen, die nicht am Essen hindern, an ihr Zimmer gefesselt sind. Da sitzen sie nun am Kamin und zerbrechen sich den Kopf, was ihnen wohl zusagen dürfte, und wenn sie lange genug gegrübelt haben, ohne zum Zweck zu kommen, so senden sie ihren Kammerdiener auf Entdeckungsreisen aus. Dieser kommt zu mir, sieht die Spargel, erstattet Bericht darüber, und das Bündel wird um jeden Preis gekauft. Oder aber es geht da ein kleines hübsches Frauchen mit ihrem Liebhaber vorüber und sagt zu diesem: »Ei, sieh doch, lieber Freund, die schönen Spargel! Kaufen wir sie! Du weißt ja, meine Köchin macht eine treffliche Sauce dazu.« In einem solchen Falle aber weigert sich ein rechter Liebhaber nie, noch feilscht er wegen des Preises. Oder es gilt eine Wette, es fällt eine Taufe vor, ein plötzliches Steigen der Rente, oder sonst Gott weiß was! ... Kurz und gut, die allerkostspieligsten Dinge verkaufen sich hier in Paris weit schneller als alle übrigen, weil hier der Lauf des Lebens soviel ungewöhnliche Umstände herbeiführt, daß immer genügende Gründe zu ihrem Ankauf vorhanden sind.«

Während wir noch plauderten, blieben zwei wohlbeleibte Engländer, die Arm in Arm vorübergingen, bei uns stehen, und ihr Gesicht nahm fast augenblicklich den Ausdruck tiefster Bewunderung an. Der eine ließ dann das wunderbare Bündel einpacken, ohne auch nur nach dem Preise zu fragen, bezahlte, nahm es unter den Arm und trug es fort, indem er God save the king vor sich hinpfiff.

»Sehen Sie, mein Herr,« sagte Madame Chevet lachend, »das ist eine Möglichkeit, die ebenso gewöhnlich ist wie alle andern, und die ich noch nicht einmal erwähnt hatte.«

XVI.
Ueber die Fondue.

Die Fondue stammt aus der Schweiz und ist nichts anderes als Rührei mit Käse in einem gewissen Verhältnis gemischt, das Zeit und Erfahrung uns offenbart haben. Ich theile unten das officielle Recept dazu mit.

Die Fondue ist ein gesundes, schmackhaftes, appetitliches Gericht, das sich in kürzester Zeit zubereiten läßt und daher bei der Ankunft unerwarteter Gäste von größtem Vortheil ist. Im übrigen aber erwähne ich diese Speise hier nur zu meinem persönlichen Vergnügen und weil das Wort an ein Begebnis erinnert, das noch heute im Gedächtnis der Greise des Districts Belley lebt.

Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts wurde ein Herr de Madot zum Bischof von Belley ernannt und kam in der Stadt an, um von seinem Bisthum Besitz zu ergreifen.

Die mit seinem Empfange und seiner Einführung in den bischöflichen Palast beauftragten Personen hatten für ein dieser feierlichen Gelegenheit angemessenes Festmahl Sorge getragen und zur Feier der Ankunft Sr. Hochwürden alle Hilfsmittel der damaligen Kochkunst aufgeboten.

Unter den Zwischengerichten zeichnete sich eine gewaltige Fondue aus, der der Prälat im ausgedehntesten Maße zusprach. Aber o Staunen und Bestürzung! er ließ sich durch das Aussehen täuschen, hielt sie für eine Crêmespeise und aß sie mit dem Löffel, anstatt sich der Gabel zu bedienen, die seit unvordenklichen Zeiten zu dieser Verrichtung verwandt wird.

Ueber diesen wunderlichen Einfall erstaunt, sahen die Tafelgenossen mit unmerklichem Lächeln einander von der Seite an. Der Respect hielt jedoch alle Zungen gefesselt, denn was ein Bischof, der von Paris kommt, bei Tafel thut, und noch dazu am ersten Tage seiner Ankunft, das muß unfehlbar wohlgethan sein.

Aber die Sache wurde ruchbar, und schon am nächsten Morgen konnten zwei Bürger von Belley nicht mit einander zusammentreffen, ohne daß einer den andern fragte: »Wissen Sie schon, auf welche Weise unser Bischof gestern Abend seine Fondue gegessen hat?« – »Gewiß weiß ich's,« war dann die Antwort, »er hat sie mit dem Löffel gegessen. Ich habe es von einem Augenzeugen« u. s. w. Von der Stadt aus verbreitete sich dann das Gerücht über die Umgegend, und nach drei Monaten wußte es der ganze Sprengel.

Das Bemerkenswertheste dabei war, daß dieser Vorfall beinahe den Glauben unserer Väter erschüttert hätte. Es fanden sich nämlich Neuerer, die für den Löffel Partei nahmen, sie wurden jedoch bald vergessen: die Gabel triumphirte, und noch nach mehr als einem Jahrhundert amüsirte einer meiner Großonkel sich darüber und erzählte mir unter ungeheurem Gelächter, wie Herr de Madot einstmals die Fondue mit dem Löffel gegessen hätte.

 

Recept zur Bereitung der Fondue.

Aus den Papieren des Herrn Trolliet, Ammanns von Mondon im Canton Bern.

Man wiege die Eier, die man nach der Anzahl der Gäste zur Fondue verwenden will.

Alsdann nimmt man ein Stück guten Schweizerkäse, das ein Drittel, und ein Stück Butter, das ein Sechstel vom Gewicht der Eier hat.

Die Eier werden in eine Casserole geschlagen und tüchtig umgerührt und dann die Butter und der geschabte oder in kleine Scheibchen geschnittene Käse zugesetzt.

Nun setze man die Casserole auf ein lebhaftes Feuer und rühre die Mischung mit einem Spatel um, bis sie hinlänglich dickflüssig und weich ist. Je nachdem der Käse mehr oder weniger alt war, setze man ein wenig oder gar kein Salz zu, thue aber eine gehörige Menge Pfeffer daran, denn dieser bildet eine der charakteristischen Eigenheiten dieses antiken Gerichts. Dann servirt man die Fondue auf einer leicht erwärmten Schüssel, läßt den besten Wein aufsetzen, von dem gehörig getrunken werden muß, und man wird Wunder sehen.

XVII.
Enttäuschung.

Im Wirthshaus zum Französischen Wappen in Bourg in der Bresse war alles ruhig, als sich plötzlich ein starkes Rollen vernehmen ließ und man einen prächtigen, mit vier Pferden bespannten Reisewagen erscheinen sah, der sich besonders durch zwei allerliebste Kammerkätzchen auszeichnete, die oben vom Kutscherbocke herabschauten und sorgfältig in eine weite, gefütterte Scharlachdecke mit blauem Rande eingehüllt waren.

Bei diesem Anblicke, der einen kleine Tagereisen machenden Lord ankündigte, eilte Chicot – so hieß der Wirth – mit der Mütze in der Hand herbei, trat seine Frau in die Thür des Hotels, brachen die Mädchen beim Hinabeilen der Treppe beinahe den Hals und liefen die Stallknechte in Erwartung eines guten Trinkgeldes eilig herbei.

Man packte die Kammerkätzchen ab, nicht ohne daß dieselben in Anbetracht der Schwierigkeiten des Abstiegs dabei ein wenig roth wurden, und dann spie der Reisewagen erstens einen stämmigen, kleinen Mylord mit rothem Gesicht und üppigem Bauche, zweitens zwei lange, bleiche, rothhaarige Misses und drittens eine Mylady aus, die sich zwischen dem ersten und dem zweiten Stadium der Auszehrung zu befinden schien.

Diese letztere ergriff das Wort.

»Herr Wirth,« sagte sie, »lassen Sie meine Pferde gut verpflegen, geben Sie uns ein Zimmer zum Ausruhen und meinen Kammermädchen eine kleine Erquickung. Das Ganze darf indessen nicht mehr als sechs Franken kosten, richten Sie sich danach.«

Kaum waren diese ökonomischen Worte dem Munde der Lady entflohen, als Chicot seine Mütze wieder aufsetzte, seine Frau in das Haus zurückkehrte und die Mädchen wieder an ihre Arbeit gingen.

Die Pferde wurden in den Stall gestellt und bekamen die Zeitung zu lesen, den Damen wurde ein Zimmer im ersten Stock ( up stairs) angewiesen, und die Kammerjungfern erhielten Gläser und eine Flasche klaren Wassers vorgesetzt.

Dessenungeachtet aber wurden die bedungenen sechs Franken doch nur mit Nasenrümpfen und als eine höchst armselige Entschädigung für die verursachte Unruhe und die getäuschten Hoffnungen in Empfang genommen.

XVIII.
Wunderbare Wirkung eines classischen Diners.

»Ach Gott! wie bin ich zu beklagen!« seufzte im elegischen Tone ein Gastronom vom königlichen Appellations-Gericht. »Da ich in Kürze auf mein Landgut zurückzugehen gedachte, so habe ich meinen Koch dort gelassen, und nun halten die Amtsgeschäfte mich hier fest, und ich befinde mich in den Händen einer diensteifrigen Magd, die mir mit ihrer Kocherei den Magen verdirbt. Meine Frau ist mit allem zufrieden, die Kinder verstehen noch nichts davon – halbgekochtes Suppenfleisch, verbrannter Braten: Kochtopf und Bratspieß arbeiten gleichzeitig an meinem Untergang ... o Gott! o Gott!«

So klagte er, während er betrübten Gangs über die Place Dauphine hinschritt. Zum Glück für das Wohl des Staates vernahm der Professor seine gerechten Klagen und erkannte in dem Unglücklichen einen Freund. Er legte ihm sogleich die Hand auf die Schulter. »Sie sollen nicht sterben, theurer Freund,« sagte er in liebreichem Tone zu dem Märtyrer. »Nein, Sie sollen nicht an einem Uebel zu Grunde gehen, gegen das ich Ihnen mit einem Heilmittel dienen kann. Nehmen Sie für morgen eine Einladung zu einem classischen Diner im engern Kreise an: nach dem Diner eine Partie Piquet, die wir so einrichten werden, daß jeder sich dabei amüsirt, und wie alle übrigen wird auch noch dieser Abend in den Abgrund der Vergangenheit versinken.«

Die Einladung wurde angenommen, die heilige Handlung ging nach allen Regeln, Riten und Gebräuchen vor sich, und seit jenem Tage (23. Juni 1825) genießt der Professor das Glück, dem königlichen Appellations-Gericht der Seine eins seiner würdigsten Mitglieder erhalten zu haben.

XIX.
Wirkungen und Gefahren der gebrannten Wasser.

Der künstliche Durst, dessen wir in der achten Betrachtung gedacht haben, und den die geistigen Getränke immer nur für den Augenblick löschen, wird mit der Zeit so stark und so zur Gewohnheit, daß diejenigen, die ihm die Herrschaft über sich einräumen, schließlich nicht mehr die Nacht zubringen können, ohne zu trinken, und das Bett verlassen müssen, um ihn zu stillen.

Alsdann wird dieser Durst zu einer wirklichen Krankheit, und wenn das Individuum erst auf diesem Punkte angelangt ist, so darf man mit Bestimmtheit behaupten, daß es höchstens noch zwei Jahre zu leben hat.

Ich reiste in Holland mit einem reichen Danziger Kaufmann zusammen, der in seiner Heimatstadt seit mehr als fünfzig Jahren das größte Detailgeschäft in Spirituosen hatte.

»Man ahnt in Frankreich gar nicht,« sagte mir dieser Patriarch, »welchen Umfang und welche Bedeutung das Geschäft hat, das wir jetzt von Vater zu Sohn seit mehr als hundert Jahren betreiben. Ich habe die Arbeiter, die zu mir kommen, aufmerksam beobachtet: sobald sie sich erst der bei den Deutschen nur zur gewöhnlichen Neigung zu den Spirituosen ohne Rückhalt hingeben, enden sie fast alle ohne Ausnahme auf ein und dieselbe Weise.

»Anfangs nehmen sie nur morgens ein kleines Gläschen Branntwein, und diese Quantität genügt ihnen in der Regel während mehrerer Jahre. (Dies Morgenschnäpschen ist übrigens, beiläufig bemerkt, bei allen Arbeitern Sitte, und wer es sich versagen wollte, würde von allen seinen Kameraden verhöhnt werden). Später verdoppeln sie dann die Dosis, d. h. sie nehmen nicht nur morgens, sondern auch gegen Mittag ein Gläschen. Bei diesem Satze bleiben sie abermals mehrere Jahre stehen, dann trinken sie regelmäßig morgens, mittags und abends, bis sie schließlich zu jeder Stunde des Tages kommen und nur noch mit Gewürznelken abgezogenen Branntwein nehmen. Sind sie erst auf diesem Punkte angelangt, so kann man mit Bestimmtheit behaupten, daß sie höchstens noch sechs Monate zu leben haben; sie verdorren, werden vom Fieber ergriffen, gehen ins Spital, und man sieht sie niemals wieder.«

XX.
Die Chevaliers und die Abbés.

Ich habe dieser beiden Klassen von Feinschmeckern, welche die Zeit vernichtet hat, schon zu wiederholten Malen gedacht.

Da sie seit bereits mehr als dreißig Jahren verschwunden sind, so hat der größere Theil der gegenwärtigen Generation sie nicht zu Gesicht bekommen.

Vielleicht tauchen sie zu Ende des Jahrhunderts wieder auf, da aber ein solches Phänomen das Zusammentreffen einer großen Anzahl sehr entfernter Möglichkeiten erfordert, so glaube ich, daß nur sehr wenige von den gegenwärtig Lebenden Zeuge dieser Wiedergeburt sein werden.

In meiner Eigenschaft als Sittenmaler muß ich daher ihrem Bilde noch einige Striche hinzufügen, um mir aber die Sache bequemer zu machen, entlehne ich einem Autor, der mir nichts verweigern darf Nämlich sich selbst. Die Stelle ist der in der Einleitung erwähnten Historisch-kritischen Abhandlung über das Duell entnommen. D. Uebers., die nachfolgende Auseinandersetzung.

»Nach Recht und Herkommen hätten nur die mit einem Orden ausgezeichneten Personen oder die jüngeren Söhne der mit Titeln versehenen Häuser den Titel Chevalier führen dürfen, viele von den Chevaliers aber hatten es vortheilhafter gefunden, sich selbst den Ritterschlag zu ertheilen ( self-created), und wenn der Herr Chevalier nur eine gute Erziehung und adligen Anstand besaß, so fiel es in jenem Zeitalter der Leichtfertigkeit niemand ein, sich um das Weitere zu bekümmern.

»Die Chevaliers waren fast durchgängig hübsche Burschen. Sie trugen beim Gehen den Degen schnurgerade nach unten, die Nase hoch, den Kopf hintenüber und das Bein gestreckt. Sie waren Spieler, Wüstlinge, Händelsucher und bildeten einen wesentlichen Bestandtheil des Gefolges einer Modeschönheit.

»Außerdem zeichneten sie sich durch einen glänzenden Muth und durch einen übermäßigen Hang zum Gebrauch des Degens aus. Ein Blick reichte bisweilen hin, um einen Handel mit ihnen zu haben.«

So endete z. B. der Chevalier de S***, einer der bekanntesten seiner Zeit.

Er hatte ganz ohne Grund und Ursache mit einem jungen Mann angebunden, der eben erst aus Charolles nach Paris gekommen war, und schlug sich mit ihm am äußersten Ende der Chaussee d'Antin, wo sich damals noch große Moräste befanden.

Schon beim Auslegen sah der Chevalier sehr wohl, daß er es mit keinem Neuling zu thun hatte, ließ sich aber nichtsdestoweniger verleiten, die Geschicklichkeit des Gegners auf die Probe stellen zu wollen. Doch gleich bei der ersten Bewegung, die er machte, fiel der Charoller aus und brachte ihm einen so kräftigen und geschickten Stoß bei, daß der Chevalier todt war, bevor er noch die Erde berührte. Einer seiner Freunde, der als Secundant zugegen war, untersuchte lange schweigend die fürchterliche Wunde und den Weg, den der Degen genommen hatte. »Eine famose Quart!« sagte er dann plötzlich, indem er sich zum Gehen wandte, »der junge Mann hat eine verteufelt sichere Hand!« ... Das war die ganze Leichenrede, die dem Todten gehalten wurde.

Beim Beginn der Revolutionskriege traten die meisten Chevaliers in die Volksbataillone ein, andere gingen ins Ausland, der Rest verlor sich in der Menge. Die wenigen Ueberlebenden sind noch jetzt an der Haltung des Kopfes zu erkennen, aber sie sind mager und schreiten nur mühsam einher: sie haben die Gicht.

Waren in einer adligen Familie viele Söhne vorhanden, so wurde einer von ihnen für die Kirche bestimmt. Er begann dann seine Laufbahn mit dem Antritt einfacher Pfründen, welche die Kosten seiner Erziehung hergaben, und wurde später Erzbischof, Commenden-Inhaber oder Bischof, je nachdem er mehr oder weniger Anlagen zum Apostelamte hatte.

Das war der legitime Typus der Abbés. Es gab aber auch falsche, und viele junge Leute von einigem Vermögen, denen der immerhin nicht ungefährliche Beruf eines Chevaliers nicht behagte, traten in Paris unter dem Titel eines Abbé auf.

Nichts war in der That bequemer: durch eine leichte Veränderung in der Tracht gab man sich ohne weitere Umstände das Ansehn eines Pfründenbesitzers, stellte sich mit jedem auf gleichen Fuß und wurde gefeiert, gehätschelt und gesucht, denn jedes Haus hatte seinen Abbé.

Die Abbés waren klein, stämmig, rund, wohlgekleidet, liebenswürdig, gefällig, neugierig, leckerhaft, gewandt und schmeichlerisch. Diejenigen, welche noch leben, haben Fett angesetzt und sind Betbrüder geworden.

Es gab auf der ganzen Welt kein glücklicheres Loos als das eines reichen Priors oder eines weltlichen Abts: sie hatten Ansehn, Geld, keine Obern und nichts zu thun.

Wenn der Friede lange anhält, so darf man hoffen, daß die Chevaliers wieder auftauchen werden, das Geschlecht der Abbés aber ist ohne einen gewaltigen Umschwung im Kirchenwesen auf ewig dahin. Es giebt jetzt keine Sinecuren mehr, und man ist zu dem Grundsatze der ersten Kirche zurückgekehrt: Beneficium propter officium.

XXI.
Miscellen.

»Herr Gerichtsrath,« rief eines Tages eine alte Marquise des Faubourg Saint-Germain über den ganzen Tisch hinweg, »was ziehen Sie vor, Bordeaux oder Burgunder?« – »Madame,« gab mit Druidenstimme der Richter zur Antwort, »die Durchsicht der Acten dieses Processes bereitet mir solches Vergnügen, daß ich die Fällung des Endurtheils immer um acht Tage hinausschiebe.«

Ein Amphitryon der Chaussee d'Antin hatte eine Schlackwurst von heroischer Gestalt auftragen lassen. »Nehmen Sie ein Stück davon,« sagte er zu seiner Nachbarin, »das ist doch gewiß ein Möbel, das ein gutes Haus verräth.« – »Sie ist in der That von außerordentlicher Größe,« erwiderte die Dame, indem sie die Wurst mit boshafter Miene durch das Lorgnon beschaute, »schade, daß sie nach gar nichts aussieht Im Original: » C'est dommage que cela ne resemble à rien«. Dieser Ausdruck wird aber sowohl vom Unvergleichlichen wie vom Erbärmlichen gebraucht, und darin liegt eben das Salz der Antwort, das die Uebersetzung nicht wiederzugeben vermag. D. Uebers.

Die Feinschmeckerei wird vor allem von den Leuten von Geist in Ehren gehalten: die andern sind einem Werke, das in einer langen Reihe von Werthbestimmungen und Endurtheilen besteht, gar nicht gewachsen.

Die Gräfin Genlis rühmt sich in ihren Denkwürdigkeiten einer deutschen Dame, von der sie gut aufgenommen worden war, die Zubereitung von sieben ausgezeichneten Gerichten gelehrt zu haben.

Der Graf de la Place hat eine ganz vorzügliche Weise entdeckt, die Erdbeeren anzurichten: er benetzt sie mit dem Safte einer Apfelsine.

Ein anderer Gelehrter hat den Herrn Grafen noch überboten, indem er dazu noch das mittelst eines Stückes Zucker abgeriebene Gelbe der Schale einer Orange fügt, und behauptet, durch einen Pergamentfetzen, der den Flammen entrissen ward, welche die Bibliothek von Alexandria zerstörten, beweisen zu können, daß die Erdbeeren mit dieser Würze bei den Festmahlen der Götter auf dem Ida servirt wurden.

»Ich habe keine hohe Vorstellung von diesem Menschen,« sagte Graf M*** von einem Candidaten, der eben zu einem Amte befördert worden war. »Er hat nie Blutwurst à la Richelieu gegessen und kennt keine Cotelettes à la Soubise.«

Einem Trinker wurden beim Dessert Weintrauben angeboten. »Ich danke,« sagte er, indem er den Teller von sich schob, »ich pflege meinen Wein nicht in Pillenform zu nehmen.«

Man beglückwünschte einen Kenner, der zum Steuer-Director in Périgueux ernannt worden war, und rühmte ihm die Annehmlichkeiten des Aufenthaltes im Centrum aller Tafelfreuden, im Lande der Trüffeln, der Rebhühner, der getrüffelten Puter u. s. w. u. s. w. »Ach Gott!« seufzte der betrübte Gastronom, »darf man denn wohl annehmen, daß es sich in einem Lande leben läßt, wohin kein Seefisch kommt?«

XXII.
Ein Tag bei den Bernhardinern.

Es war gegen ein Uhr morgens in einer wunderschönen Sommernacht des Jahres 1782, als wir uns, nicht ohne den Schönen, die das Glück hatten, uns zu interessiren, eine schallende Nachtmusik gebracht zu haben, zu einem Reiterzuge ordneten und uns in Bewegung setzten.

Wir verließen Belley und machten uns nach Saint-Sulpice auf den Weg, einer Bernhardiner-Abtei, die auf einem der höchsten Berge des Bezirks wenigstens fünftausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel liegt.

Ich war damals Dirigent eines musikalischen Dilettanten-Vereins, der aus lauter jungen Leuten bestand, die sämmtlich Freunde des Vergnügens und in hohem Grade mit allen Vorzügen der Jugend und der Gesundheit ausgerüstet waren.

»Lieber Herr,« hatte eines Tages der Abt von Saint-Sulpice zu mir gesagt, indem er mich nach dem Diner in eine Fensternische zog, »es würde sehr liebenswürdig von Ihnen sein, wenn Sie mit ihren Freunden am St. Bernhardstage ein wenig Musik bei uns machen wollten. Der Heilige würde sich einer würdigern Feier erfreuen, unsere Nachbarn würden ein Vergnügen genießen, und Sie selbst würden die Ehre haben, der erste Orpheus in unserer Ueberwelt zu sein.«

Ich ließ mir eine Bitte, die einen angenehmen Ausflug versprach, nicht zweimal vortragen, sondern sagte mit einem Kopfnicken zu, das den ganzen Salon erschütterte:

Annuit, et totum nutu tremefecit Olympum Neigte gewährend das Haupt und erschütterte ganz den Olympos..

Alle Zurüstungen waren im voraus getroffen worden, und so brachen wir denn in früher Morgenstunde auf, denn wir hatten eine vierstündige Reise vor uns, und das auf Wegen, vor denen wohl selbst jene kühnen Wanderer zurückschrecken würden, welche die gewaltige Höhe des Montmartre erklimmt haben.

Das Kloster lag in einem Bergkessel, der im Westen vom Gipfel des weiter oben erwähnten Berges und im Osten durch einen Hügel von geringerer Höhe begrenzt ward.

Den westlichen Gipfel krönte ein gewaltiger Tannenwald, in welchem ein einziger Windstoß eines Tages siebenunddreißigtausend Stämme zu Boden legte Das Oberforstamt ließ sie zählen und verkaufte sie. Der Handel hatte Vortheil davon, die Mönche zogen ihren Nutzen dabei, große Summen kamen dadurch in Umlauf, und der Wirbelwind wurde von niemand beklagt.. Die Tiefe des Thales nahm eine weite Wiese ein, auf der hochstämmige Buchen unregelmäßige Gruppen bildeten und Riesenmodelle der kleinen englischen Gärten darstellten, die jetzt so sehr beliebt sind.

Wir trafen bei Tagesanbruch im Kloster ein und wurden von dem Pater Küchenmeister, einem würdigen Herrn mit viereckigem Gesicht und einem wahren Obelisken von Nase, in Empfang genommen.

»Seien Sie willkommen, meine Herren,« redete der brave Pater uns an. »Unser ehrwürdiger Abt wird sehr erfreut sein, wenn er hört, daß sie angekommen sind. Er schläft augenblicklich noch, da er gestern sehr ermüdet war, aber folgen Sie mir nur, und Sie werden sehen, daß wir Sie erwartet haben.«

Sprach's und schritt voraus, wir aber folgten ihm in der berechtigten Hoffnung, daß er uns ins Refectorium führen würde.

Dort wurden alle unsere Sinne durch den Anblick eines Frühstücks überwältigt, eines Frühstücks, das verführerisch und classisch war im ganzen Umfang des Worts.

Im Mittelpunkte einer geräumigen Tafel ragte eine Pastete empor, groß wie eine Kirche. Daran lehnte sich auf der Nordseite ein kaltes Kalbsviertel, im Süden ein ungeheurer Schinken, ostwärts ein grandioser Ballen Butter und im Westen ein ganzer Scheffel Artischocken in Pfefferbrühe.

Außerdem erblickte man noch verschiedene Sorten Obst, Teller, Servietten, Messer, Silbergeschirr in kleinen Körben und am Ende der Tafel Laienbrüder und Lakaien, die, wenngleich ein wenig erstaunt, daß man sie so früh auf die Beine gebracht hatte, zur Aufwartung bereit standen.

In einem Winkel des Refectoriums erhob sich ein Stoß von mehr als hundert Flaschen, über den ununterbrochen das Wasser eines lebendigen Quells herabrieselte, der ein melodisches Evoe Bacche! zu murmeln schien, und wenn unsere Nasen nicht vom Duft des Mokka gekitzelt wurden, so lag das nur daran, daß man in jenen heroischen Zeiten noch nicht zu so früher Stunde Kaffee zu trinken pflegte.

Der ehrwürdige Pater Küchenmeister weidete sich einige Minuten an unserer Ueberraschung. Dann hielt er folgende Ansprache an uns, die wir in unserer Weisheit für vorbereitet hielten:

»Meine Herren, ich möchte Ihnen wohl Gesellschaft leisten, aber ich habe meine Messe noch nicht gelesen, und heute ist für uns ein hoher Feiertag. Ich sollte Sie eigentlich zum Essen nöthigen, aber Ihr Alter, die Reise und die frische Bergluft überheben mich dieser Pflicht. Nehmen Sie mit Vergnügen an, was wir Ihnen mit Freuden anbieten. Und nun verlasse ich Sie, um die Frühmesse zu singen.«

Nach diesen Worten verschwand er.

Der Augenblick zur That war gekommen, und wir griffen mit einem Nachdruck an, der in der That die drei erschwerenden Umstände, die der Pater Küchenmeister so scharfsinnig dargelegt hatte, zur Voraussetzung hatte. Aber was vermochten schwache Erdensöhne gegen ein Mahl, das für die Bewohner des Sirius zugerichtet zu sein schien! Alle unsere Anstrengungen waren fruchtlos: obgleich über und drüber gesättigt, hatten wir doch nur unmerkliche Spuren unseres Durchzugs zurückgelassen.

Auf diese Weise bis zum Diner hinlänglich versehen, gingen wir auseinander, und ich für meinen Theil vertiefte mich in ein treffliches Bett, wo ich, ähnlich dem Helden von Rocroy und einigen andern, die bis zum Beginn der Schlacht ruhig schliefen, bis zur Messe in friedlichem Schlummer lag.

Ich wurde durch einen robusten Klosterbruder geweckt, der mir beinahe den Arm ausgerissen hätte, und eilte nun in die Kirche, wo ich jeden schon auf seinem Posten fand.

Wir spielten zur Opferung eine Symphonie, bei der Aufhebung der Hostie eine Motette und schlossen mit einem Quartett für Blasinstrumente. Und allen schlechten Witzen über die Dilettanten-Musik zum Trotz zwingt mich die Achtung vor der Wahrheit zu der Versicherung, daß wir mit Ehren bestanden.

Ueberhaupt möchte ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß diejenigen, die sich nie für befriedigt erklären, beinahe immer Ignoranten sind, die nur deshalb so absprechend urtheilen, weil sie hoffen, diese Verwegenheit werde Kenntnisse bei ihnen vermuthen lassen, die zu erwerben sie keinen Trieb in sich fühlen.

Wir nahmen huldvoll die Lobsprüche entgegen, mit denen man uns natürlich überschüttete, und nachdem uns auch noch der Abt seinen Dank abgestattet hatte, setzten wir uns zu Tisch.

Das Diner wurde im Geschmack des fünfzehnten Jahrhunderts servirt: wenig Zwischengerichte, wenig überflüssige Dinge – aber auserlesene Fleischspeisen, einfache, aber kernige Ragoûts, kurzum eine gute Küche in vortrefflicher Zubereitung und vor allem Gemüse von einer Schmackhaftigkeit, wie man sie in den Niederungen gar nicht kennt, ließen gar kein Verlangen nach dem aufkommen, was man nicht sah.

Von dem Ueberflusse, der an diesem gottgesegneten Orte herrschte, wird man sich übrigens ein Bild machen können, wenn man erfährt, daß beim zweiten Gange vierzehn verschiedene Braten auf den Tisch kamen.

Das Dessert war um so bemerkenswerther, da es zum Theil aus Früchten bestand, die in dieser Höhe nicht mehr fortkommen, und die aus dem Unterland herbeigeschafft worden waren. Man hatte zu diesem Zwecke die Gärten von Machuraz, La Morflent und andern mehr von der Sonne begünstigten Orten gebrandschatzt.

Auch an Liqueuren fehlte es nicht; der Kaffee aber verdient eine besondere Erwähnung.

Er war überaus klar, duftig und heiß, namentlich aber wurde er nicht in jenen entarteten Gefäßen servirt, die man am Seinestrande Tassen zu nennen wagt, sondern er erschien in schönen, tiefen Schalen, in welche die fetten Lippen der ehrwürdigen Väter eintauchten und die belebende Flüssigkeit mit einem Geräusche aufsogen, das einem Paar Wallfischen vor dem Sturme Ehre gemacht hätte.

Nach dem Mittagessen gingen wir zur Vesper und führten zwischen den einzelnen Psalmen Wechselgesänge aus, die ich eigens zu diesem Zwecke componirt hatte. Es war leichte Musik, wie sie damals in der Mode war, und ich sage weder Gutes noch Böses darüber, aus Furcht, ich möchte durch die Bescheidenheit zurückgehalten oder durch die Vaterliebe beeinflußt werden.

Damit war das officielle Tagewerk zu Ende. Die Nachbarn begannen sich zu entfernen, die übrigen aber setzten sich zu einigen Spielpartien zusammen.

Ich für mein Theil zog es vor, einen Spaziergang zu machen, und wandelte in Gesellschaft einiger Freunde über den weichen, dichten Rasen hin, der wohl den besten Teppichen aus der Savonnerie das Gleichgewicht hält, und athmete dabei die reine Luft dieser Hochregion, welche die Seele erfrischt und den Geist zum Nachdenken und zur Romantik stimmt Ich habe unter gleichen Umständen stets die nämliche Wirkung verspürt und bin daher zu der Ansicht geneigt, daß die Leichtigkeit der Luft auf den Bergen gewisse Hirnkräfte zur Thätigkeit kommen läßt, die in der Ebene durch ihre Schwere unterdrückt werden..

Wir kamen erst spät ins Kloster zurück. Der Abt kam mir bereits entgegen, um mir guten Abend und zugleich gute Nacht zu wünschen. »Ich werde mich in mein Zimmer zurückziehen,« sagte er, »und Sie den Abend allein beschließen lassen – nicht daß ich fürchte, meine Gegenwart könne unsern Vätern lästig sein, aber ich wünsche, sie sollen wissen, daß sie völlige Freiheit haben. Es ist nicht alle Tage St. Bernhardstag – morgen kehren wir zur gewohnten Ordnung zurück: cras iterabimus aequor Morgen geht's wieder auf's Meer.«.

Wirklich kam nach der Entfernung des Abts mehr Leben in die Gesellschaft. Sie wurde lärmender, und man brachte mehr von jenen eigenthümlichen Klosterwitzen vor, die nicht gerade viel sagen wollen, und über die man lachte, ohne zu wissen warum.

Gegen neun Uhr wurde das Abendbrot aufgetragen, ein vortreffliches, delicates Essen, das um mehrere Jahrhunderte von dem Diner abstand.

Man aß aufs Neue, plauderte, lachte, sang, und einer der Väter las uns sogar einige Verse eigener Fabrik vor, die für einen Klosterbruder gar nicht übel waren.

Gegen Ende der Sitzung rief plötzlich eine Stimme: »Aber Pater Küchenmeister, wo bleibt denn deine Schüssel?« – »Ganz recht,« erwiderte der Ehrwürdige, »ich bin nicht umsonst Küchenmeister.«

Er ging einen Augenblick hinaus und kehrte bald darauf mit drei Dienern zurück, von denen der erste geröstete und mit vorzüglicher Butter bestrichene Brotschnitten auftrug, während die beiden andern einen Tisch schleppten, auf dem eine Schüssel gezuckerten und angezündeten Branntweins prangte. Das ersetzte beinahe den Punsch, der damals noch nicht bekannt war.

Die Ankömmlinge wurden mit lautem Zuruf begrüßt, die Butterschnitten verzehrt, die Schüssel leer getrunken, und als die Uhr der Abtei Mitternacht schlug, zog jeder sich in sein Zimmer zurück, um sich dort den Wonnen eines Schlafes hinzugeben, zu dem die Tagesarbeit ihn befähigt und berechtigt hatte.

N. B. Als der Pater Küchenmeister, dessen in dieser wahrheitsgetreuen Geschichte Erwähnung geschehen ist, alt geworden war, sprach man einstmals in seiner Gegenwart von einem neuernannten Abte, der von Paris erwartet wurde, und dessen Strenge man fürchtete.

»Ich bin deswegen unbesorgt,« sagte der ehrwürdige Pater. »Mag er so schlimm sein, wie er will, nie wird er den Muth haben, einem Greise den Platz am Feuer zu rauben und den Schlüssel zum Keller abzunehmen.«

XXIII.
Reiseglück.

Eines Tages bestieg ich mein gutes Rößlein La Joie und ritt durch die blühenden Gefilde des Jura dahin.

Es war in den bösesten Tagen der Revolution, und ich ging nach Dôle, um mir vom Volksrepräsentanten Prôt einen Sicherheitsschein geben zu lassen, der mich vor dem Gefängnis und damit vor dem Schaffot bewahren sollte.

Als ich gegen elf Uhr vormittags in einem Wirthshause des kleinen Fleckens oder Dorfes Mont-sous-Vaudrey anlangte, ließ ich zuerst mein Pferd besorgen und trat dann in die Küche, wo sich mir ein Anblick bot, der jeden Reisenden hätte entzücken müssen.

Vor einem helllodernden Feuer drehte sich ein Spieß, der über und über mit Wachteln, Wachtelkönigen und jenen kleinen, grünfüßigen Rallen besetzt war, die immer über die Maßen fett sind. Dies vorzügliche Wildpret träufelte eben die letzten Tropfen seines herabfließenden Safts auf eine ungeheure Scheibe gerösteten Brots, deren Zuschnitt eine Jägerhand verrieth, und daneben stand, bereits zum Auftragen fertig, ein rundleibiger, gebratener junger Hase, wie er in Paris gar nicht vorkommt, und dessen Duft eine ganze Kirche durchräuchert haben würde.

– Vortrefflich! dachte ich bei mir selbst, durch diesen Anblick wunderbar gestärkt. Die Vorsehung läßt dich noch nicht ganz in Stich. Pflücken wir noch dies Blümchen am Wege, zum Sterben wird immer noch Zeit sein.

Dann wandte ich mich an den Wirth, eine wahre Hünengestalt, der währenddessen mit den Händen auf dem Rücken pfeifend in der Küche auf und ab gegangen war, und fragte ihn: »Was werden Sie mir denn zum Mittagessen geben, mein Lieber?« – »Nur Gutes, mein Herr: gutes Kochfleisch, gute Kartoffelsuppe, guten Hammelbraten und gute Bohnen.«

Bei dieser unerwarteten Antwort lief ein Schauder der Enttäuschung durch alle meine Glieder. Wie man weiß, esse ich kein Suppenfleisch, weil es Faser ohne Saft ist, Bohnen und Kartoffeln machen fett, und endlich fühlte ich mich nicht mit stählernen Zähnen ausgerüstet, um den zähen Hammelbraten zu zermalmen: dieser Küchenzettel war also durchaus dazu angethan, mich in Trostlosigkeit zu versenken, und das Gefühl meines Unglücks machte sich in ganzer Stärke von neuem geltend.

Der Wirth betrachtete mich mit duckmäuserischer Miene und schien die Ursache meines Verdrusses zu errathen. »Für wen ist denn aber dies schöne Wild bestimmt?« fragte ich aufgebracht. – »Ach Gott, mein Herr,« erwiderte er in theilnehmendem Tone, »darüber kann ich nicht verfügen. »Es gehört mehreren Herren vom Gericht, die sich seit zehn Tagen hier aufhalten, um im Interesse einer reichen Dame einige Ländereien zu besichtigen. Gestern sind sie damit fertig geworden und halten nun heute zur Feier dieses glücklichen Ereignisses einen Schmaus. Das nennt man so bei uns Revolution machen.« – »Herr Wirth«, entschied ich nach einigem Nachdenken, »seien Sie so freundlich und sagen Sie jenen Herren, daß ein Mann der guten Gesellschaft sie um die Vergünstigung bittet, mit ihnen speisen zu dürfen: er wird seinen Antheil an den Kosten tragen und ihnen vor allem überaus zu Dank verpflichtet sein.« Ich sprach's, er ging und kam vorläufig nicht wieder.

Bald darauf aber sah ich ein dickes, frisches, rothbäckiges, fettes, lustiges Männchen in die Küche treten. Es strich darin herum, rückte einige Geräthe von der Stelle, hob den Deckel von einem Topfe und verschwand dann wieder.

– Schön! sagte ich zu mir selbst, das ist der Bruder Probirer, der mich recognosciren soll. Und nun begann ich Hoffnung zu schöpfen, denn die Erfahrung hatte mich bereits gelehrt, daß mein Aeußeres nicht gerade abstoßend ist.

Aber dessenungeachtet schlug mir doch das Herz wie einem Candidaten gegen Ende der Abstimmung, als der Wirth zurückkam und mir meldete, die Herren fühlten sich durch meinen Antrag sehr geschmeichelt und warteten nur noch auf mein Erscheinen, um sich ungesäumt zu Tisch zu setzen.

Auf Flügeln der Freude flog ich zu ihnen, wurde auf das Liebenswürdigste empfangen und hatte schon nach wenig Minuten völlig Wurzel gefaßt ...

Welch ein köstliches Essen! Ich will hier keine eingehende Schilderung davon geben, darf aber auf keinen Fall ein Hühnerfricassée unerwähnt lassen, das so vollendet zubereitet war, wie man es eben nur in der Provinz findet, und einen solchen Trüffelsegen in sich schloß, daß selbst der alte Tithon dadurch wieder zu Kräften gekommen wäre.

Den Braten kennt man schon, und sein Geschmack entsprach völlig seinem Aussehn: er war vollkommen gar, und die Schwierigkeit, welche die Annäherung an ihn für mich gehabt hatte, erhöhte noch seine Schmackhaftigkeit.

Das Dessert bestand aus einer Vanille-Crême, vorzüglichem Käse und ausgezeichnetem Obst. Wir befeuchteten das alles mit einem leichten, rubinfarbenen Wein, dem später Ermitage und noch später ebenso süßer wie feuriger Strohwein folgte. Den Schluß bildete ein ausgezeichneter Kaffee, den der lustige Bruder Probirer zubereitete, der uns auch an gewissen Liqueuren von Verdun, die er einer Art Tabernakel entnahm, zu dem er allein den Schlüssel hatte, keinen Mangel leiden ließ.

Das Diner war nicht blos sehr gut, es war auch über die Maßen heiter.

Nachdem die Herren vorsichtig und behutsam die weltgeschichtlichen Vorgänge jener Tage erörtert hatten, griffen sie einander mit Scherzen und Neckereien an, wodurch ich gleichzeitig über einen Theil ihrer Lebensgeschichte aufs Laufende gesetzt ward. Von dem Geschäft, das sie hier zusammengeführt hatte, sprachen sie nur wenig, um so eifriger aber wurden Anekdoten erzählt und Lieder gesungen, woran ich mich durch den Vortrag einiger neuen Strophen betheiligte. Ich wartete sogar mit einer Strophe aus dem Stegreif auf, die, wie üblich, lebhaften Beifall fand. Hier ist sie:

Nah' ich mich auf meiner Reise
Liebenswürd'gem Zecherkreise,
Jauchzt mein Herz vor Seligkeit.
Aufgenommen in die Runde,
Weilt' ich gerne Stund' auf Stunde,
Sorgenlos und angstbefreit,
Sieben Tage,
Vierzehn Tage,
Dreißig Tage,
Monde lang,
Und dem Schicksal wüßt' ich Dank.

Ich theile diese Strophe hier mit, nicht weil ich sie für vortrefflich halte – Gott sei Dank! ich habe schon bessere Verse gemacht und hätte auch diese verbessern können, aber ich habe ihr absichtlich den Charakter eines Stegreifgedichts gelassen, damit der Leser mir einräumt, daß der, der mit einem Revolutions-Comité auf dem Nacken sich auf solche Weise vergnügen konnte, sicher Kopf und Herz eines wahren Franzosen haben mußte.

Wir saßen schon gegen vier Stunden bei Tisch, und man begann nun zu berathschlagen, auf welche Weise der Rest des Tages hinzubringen sei. Man wollte einen längeren Spaziergang unternehmen, um die Verdauung zu befördern, dann nach der Rückkehr von demselben eine Partie L'hombre spielen und so das Abendessen erwarten, das aus einem in Reserve behaltenen Gericht Forellen und den noch sehr respectabeln Resten des Mittagbrots bestehen sollte.

Ich mußte leider auf alle diese Vorschläge einen abschläglichen Bescheid ertheilen: die sinkende Sonne mahnte mich zum Aufbruch. Die Herren drangen in mich, so weit es die Höflichkeit erlaubt, standen aber von ihren Bitten ab, als ich ihnen versicherte, daß ich keinesfalls zu meinem Vergnügen reise.

Man wird bereits errathen haben, daß sie von meinem Beitrag zu den Kosten des Mahls nichts hören wollten. Ohne mich mit weitern Fragen zu behelligen, begleiteten sie mich hinaus, um mich zu Pferde steigen zu sehen, und nach dem herzlichsten Abschiede trennten wir uns von einander.

Wenn noch einer von denen, die mich damals so liebenswürdig aufnahmen, am Leben ist und dies Buch ihm in die Hände fällt, so mag er wissen, daß dies Kapitel mehr als dreißig Jahre später mit dem lebhaftesten Gefühle der Dankbarkeit geschrieben wurde.

Ein Glück kommt nie allein, und meine Reise hatte einen Erfolg, wie ich ihn kaum erhofft hatte.

Ich fand den Repräsentanten Prôt allerdings sehr stark gegen mich eingenommen: er betrachtete mich mit unheilverkündender Miene, und ich glaubte schon, er würde mich verhaften lassen. Aber ich kam mit dem Schrecken davon, und nachdem ich ihm einige Aufklärungen gegeben hatte, schien es mir, als ob seine Züge sich ein wenig entrunzelten.

Ich gehöre nicht zu denen, welche die Furcht grausam macht, und glaube, daß Prôt in Wahrheit kein böser Mensch war. Aber er besaß wenig Fähigkeiten und wußte nicht, was er mit der furchtbaren Macht anfangen sollte, die ihm anvertraut war: er war ein Kind, mit der Keule des Hercules bewaffnet.

Herr Amondru, dessen Namen ich hier mit dem größten Vergnügen aufzeichne, bewog ihn nur mit einiger Mühe, die Einladung zu einem Abendessen anzunehmen, zu dem auch ich mich einfinden sollte. Doch kam er, empfing mich aber auf eine Weise, die bei weitem nicht geeignet war, mich zu beruhigen.

Einen weniger übeln Empfang fand ich bei Madame Prôt, der ich meine Huldigung darbringen zu müssen glaubte. Die Umstände, unter denen ich mich ihr vorstellte, schlossen wenigstens das Interesse der Neugier nicht aus.

Gleich nach den ersten allgemeinen Phrasen fragte sie mich, ob ich ein Liebhaber der Musik sei. Unverhofftes Glück! sie schien von dieser Kunst völlig eingenommen zu sein, und da ich selbst ein recht guter Musiker bin, so herrschte von diesem Augenblicke ab zwischen unsern Seelen die reinste Sympathie.

Wir plauderten vor dem Essen zusammen und nahmen die Sache gründlich vor, wie man zu sagen pflegt. Sie sprach mir von den Lehrbüchern der Composition: ich kannte sie alle; sie ging auf die neuesten Opern ein: ich wußte sie auswendig; sie nannte mir die bekanntesten Componisten: ich war mit den meisten in persönliche Berührung gekommen. Sie konnte gar kein Ende finden, denn seit langer Zeit hatte sie niemand getroffen, mit dem sie diesen Gegenstand hätte erörtern können, über den sie mir gegenüber als Kennerin und Liebhaberin sprach, obschon sie, wie ich später erfuhr, Gesanglehrerin gewesen war.

Nach dem Essen ließ sie ihre Notenhefte holen. Sie sang, ich sang, wir sangen, und nie habe ich mehr Eifer entwickelt und nie ein größeres Vergnügen dabei empfunden. Herr Prôt hatte schon mehrmals vom Nachhausegehen gesprochen, sie aber achtete nicht darauf, und wir schmetterten eben wie zwei Trompeten das Duett aus der Falschen Magie:

Vous souvient-il de cette fête? Gedenkst du noch des schönen Tags?

als er endlich den bestimmten Befehl zum Aufbruch ertheilte.

Wir mußten also ein Ende machen, aber in dem Augenblicke, wo wir uns von einander verabschiedeten, sagte Madame Prôt zu mir: »Bürger, wer wie Sie die Künste liebt, der verräth sein Vaterland nicht. Ich weiß, daß Sie ein Gesuch an meinen Mann haben: es soll Ihnen gewährt werden, dafür verbürge ich mich.«

Ich küßte ihr für diese tröstenden Worte mit wahrer Innigkeit die Hand, und am andern Morgen erhielt ich wirklich meinen Geleitsbrief, sauber unterschrieben und mit einem prächtigen Siegel versehen.

So war denn der Zweck meiner Reise erfüllt. Erhobenen Hauptes eilte ich nach Hause zurück, und Dank der liebenswürdigen Himmelstochter Harmonie wurde meine Himmelfahrt noch um eine gute Anzahl von Jahren hinausgeschoben.

XXIV.
Poetik.

Nulla placere diu nec vivere carmina possunt,
Quae scribuntur aquae potoribus: ut male sanos
Adscripsit Liber Satyris Faunisque poëtas,
Vina fere dulces oluerunt mane Camenae.
Laudibus arguitur vini vinosus Homerus;
Ennius ipse pater nunquam nisi potus ad arma
Prosiluit dicenda: »Forum putealque Libonis
Mandabo siccis, adimam cantare severis.«
Hoc simul edixit, non cessavere poëtae
Nocturno certare mero, potare diurno
Es kann ein poetisches Werk nie lange gefallen noch leben,
Das Liebhaber des Wassers verfertigten. Seit die verrückten
Dichter dem Chore der Faunen und Satyrn Bacchus gesellt hat,
Duften gewöhnlich von Wein früh morgens die holden Camenen.
Weil er dem Wein Lob singt, heißt Weinliebhaber Homerus.
Vater Ennius selbst sprang stets nur trunken hervor, um
Waffen zu preisen: »Das Forum und Libos heiliges Blitzmal
Weis' ich den Nüchternen an, Murrköpfen verbiet ich das Singen!«
Kaum war dieses gesprochen, so rasteten nimmer die Dichter,
Nachts um die Wette zu zechen, den Tag durch Wein zu verdunsten.

Hätte ich Zeit gehabt, so würde ich eine systematisch geordnete Sammlung gastronomischer Dichtungen von den Griechen und Lateinern an bis zur Neuzeit zusammengestellt und sie nach historischen Zeitabschnitten eingetheilt haben, um zu zeigen, welche innige Verbindung zu allen Zeiten zwischen der Dichtkunst und der Speisekunst bestanden hat.

Was ich nicht gethan habe, wird ein anderer thun Wenn ich nicht irre, ist dies das dritte Werk, das ich meinen Nachfolgern übertrage: erstens eine Monographie der Fettleibigkeit, zweitens eine theoretische und praktische Abhandlung über die Jagdmahle und drittens eine chronologisch geordnete Sammlung gastronomischer Dichtungen.. Wir werden sehen, wie der Tisch zu jeder Zeit der Leier den Ton angegeben hat und damit einen neuen Beweis für den Einfluß des Physischen auf das Geistige gewinnen.

Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hatten die Dichtungen dieser Art besonders die Feier des Weingottes und seiner Gaben zum Gegenstand, weil damals Wein trinken und zwar viel Wein trinken die höchste Stufe geschmacklichen Genusses war, zu der man sich erheben konnte. Um indessen die Eintönigkeit zu vermeiden und die Bahn zu erweitern, gesellte man in der Regel Amor dem Bacchus bei, eine Verbindung, von der nicht gerade mit Bestimmtheit behauptet werden kann, ob die Liebe dabei ihre Rechnung findet.

Die Entdeckung der neuen Welt und die Errungenschaften, welche die Folge dieser Entdeckung waren, haben zu einer neuen Ordnung der Dinge geführt.

Der Zucker, der Kaffee, der Thee, die Chocolade, die geistigen Getränke und deren mannigfache Mischungen haben aus der guten Tafel ein sehr zusammengesetztes Ganzes gemacht, von dem der Wein nur einen mehr oder minder unerläßlichen Bestandtheil bildet, denn beim Frühstück z. B. kann er sehr wohl durch Thee ersetzt werden Die Engländer und Holländer essen zum Frühstück Brot, Butter, Fisch, Schinken, Eier und trinken beinahe immer nur Thee..

Auf diese Weise hat sich den Dichtern der Neuzeit eine weitere Bahn aufgethan. Sie können die Freuden der Tafel besingen, ohne sich nothwendigerweise in das Weinfaß stürzen zu müssen, und schon haben einzelne reizende Stücke die neuen Schätze gefeiert, mit denen die Gastronomie sich bereichert hat.

Wie alle andern habe auch ich die Liedersammlungen zur Hand genommen und den Duft dieser ätherischen Opfer eingesogen. Aber während ich die Macht des Talents bewunderte und mich an der Harmonie der Verse ergötzte, genoß ich noch eine Befriedigung mehr, indem ich die Beobachtung machte, daß alle diese Dichter sich meinem Lieblingssysteme anbequemen, denn die meisten von diesen hübschen Sachen sind für die Tafel, bei der Tafel oder nach der Tafel geschaffen worden.

Ich hoffe, daß tüchtige Nachfolger den Theil meines Gebiets, den ich ihnen überlasse, gehörig ausbeuten werden, und begnüge mich für jetzt mit der Anführung einer Anzahl nach Laune und Gutdünken ausgewählter Stücke, denen ich kurze Bemerkungen beigebe, damit der Leser sich nicht über den Grund meiner Wahl den Kopf zerbricht.

 

Lied des Demokares beim Festmahl des Denias.

Dies Lied ist der Reise des jungen Anacharsis entnommen: dieser Grund genügt.

»Laßt uns trinken, Bacchus singen!

»Er ergötzt sich an unsern Tänzen, ergötzt sich an unsern
Sängen. Er vertreibt den Haß und den Neid und die
Pein. Die bestrickenden Grazien, die lockenden Liebesgötter,
Bacchus erzeugte sie.

»Laßt uns lieben, laßt uns trinken, Bacchus singen!

»Die Zukunft ist noch nicht, die Gegenwart bald nicht
mehr. Der einzige Augenblick wahren Lebens ist der
Augenblick des Genusses.

»Laßt uns lieben, laßt uns trinken, Bacchus singen!

»Weise durch unsere Thorheit, reich durch unsere Freuden
laßt die Erde und ihre nicht'gen Größen uns mit
Füßen treten, und in der süßen Trunkenheit, in die die
Wonne des Augenblicks unsere Seelen versenkt,

Laßt uns trinken, Bacchus singen!«

Das nachstehende Gedicht ist von Motin, der in Frankreich die ersten Trinklieder geschrieben haben soll. Es stammt aus der guten, alten Zeit der Völlerei, ist aber nicht ohne Schwung und Feuer.

 

Die Schenke.

Die Schenke lieb' ich allerwegen!
Wie frei kann ich mich da bewegen –
Ihr gleicht kein Haus im ganzen Amt!
Dort find ich alles zum Ergötzen,
Dort scheint mir Atlas, Seid' und Sammt
Jedweder Lumpen, jeder Fetzen.

Bedrängt im Sommer mich die Hitze,
Kein Laubdach bietet kühl're Sitze,
Als sie die Schenke mir gewährt.
Und sprengt der Frostwind Bäum' und Steine,
Behagt der Klotz dort auf dem Herd
Mir mehr als alle Lorbeerhaine.

Dort schweigt der Wünsche Drang und Tosen,
Die Disteln werden dort zu Rosen,
Es wird der Spatz zum Ortolan.
Statt Waffen dort die Gläser gleißen:
Die Schenke wie das Spielhaus kann
Ein Paradies auf Erden heißen.

Dem großen Bacchus laßt uns leben!
Der Nektar, den er uns gegeben,
Hebt uns empor gewalt'gen Schwungs,
Und wer sich rühmt, als Weinverächter
Ein Mensch zu sein, als Mann des Trunks
Wär' er ein sel'ger Himmelswächter.

Hold lacht der Wein, ich lache wieder:
Er schlägt des Lebens Sorgen nieder,
Erfreut das Herz und füllt den Kopf.
Wir packen uns voll heißer Triebe,
Ich ihn beim Hals, er mich beim Schopf,
Und küssen uns in Lust und Liebe.

Hab' ich mich gründlich vollgesogen,
Läuft stets mein Weg in weitem Bogen
Die Kreuz, die Quer und über Eck.
Ich remple an, man rempelt wieder,
Und kunstvoll dreh ich mich im Dreck,
So ungelenk mir sonst die Glieder.

So mögen denn, bis ich verscheide,
Der Weiß- und Rothwein, alle beide,
In meinem Leib vereinigt ruhn –
Versteht sich, daß sie sich vertragen,
Denn wenn sie ungemüthlich thun,
Muß ich sie aus dem Hause jagen.

Ein drittes Lied entlehne ich Racan, einem unserer ältern Dichter. Es ist voll Anmuth und Lebensweisheit, hat für viele spätere als Muster gedient und scheint jünger als sein Geburtszeugnis.

 

An Maynard.

Warum sich mit Sorgen plagen?
Laß uns lieber mit Behagen
Schlürfen diesen Rebensaft,
Der den Nectar Ganymedens,
Der die Jugendquelle Edens
Uebertrifft an holder Kraft.

Wein verkürzt des Jahres Länge
Uns zu eines Tages Enge,
Wein verjüngt uns stets auf's Neu.
Wein wiegt ein in sanften Schlummer
Des Vergang'nen bittern Kummer
Und der Zukunft bange Scheu.

Trinke, Maynard, sonder Weile,
Denn die Zeit in grimmer Eile
Reißt des Todes Pforten auf.
Eitel sind Gebet und Klage:
Flüsse und verflossne Tage
Wenden nie zurück den Lauf.

Nach des Winters kalter Strenge
Kehrt des Frühlings grün Gepränge,
Flut auf Ebbe zeigt das Meer:
Aber wem der Jugend Schimmer
Erst erblich, der freut sich nimmer
Ihrer holden Wiederkehr.

Ueber königliche Hallen,
Ueber Hütten, halbverfallen,
Herrscht mit gleicher Macht der Tod.
Bettler, Bürger, Graf und König,
Alle sind ihm unterthänig,
Alle zwingt sein starr Gebot.

Was am festesten begründet,
Was am innigsten verbündet,
Sprengt sein Spruch wie sprödes Glas.
Und auch uns wird einst er winken,
Und auch wir, wir werden trinken
Von des Lethestromes Naß.

Das folgende Gedicht ist vom Professor selbst und auch von ihm in Musik gesetzt worden; er hat sich jedoch ungeachtet des Vergnügens, daß der Gedanke, auf allen Klavieren zu prangen, ihm bereitet haben würde, nicht entschließen können, es stechen zu lassen. In Folge eines unerhört glücklichen Zufalls aber kann und wird man es nach der Melodie des Vaudevilles in Figaros Hochzeit singen.

 

Die Wahl der Wissenschaften.

Laßt Euch nicht vom Ruhme irren:
Theuer wird er stets ertrotzt!
Noch von der Geschichte kirren,
Die von Schreckenskunden strotzt.
Mit den Gläsern laßt uns klirren:
Köstlich schmeckt der Väter Wein,
Wenn er alt und klar und rein!

Früher schaut' ich nach den Sternen:
Nun ade, Astronomie!
Scheidekunst wollt' ich erlernen:
Fahre wohl auch du, Chemie!
Zu den Küchen, den Tavernen
Lenkt jetzt meiner Neigung Strom:
Glücklich ist der Gastronom!

Jung hab' eifrig ich und lange
Die Philosophie studirt,
Aber blaß ward mir die Wange,
Und mein Haar ward grau melirt.
Nun fröhn' ich dem Müßiggange:
O wie wohl und sonder Weh
Ruht's sich auf dem Canapé.

Auch der Heilkunst war beflissen
Ich mit Lust und mit Genie,
Doch betrüglich ist ihr Wissen,
Und den Tod nur fördert sie.
Jetzt leb' ich den guten Bissen,
Preise hoch der Kochkunst Geist
Und den Künstler, der mich speist.

Diese Mühen sind beträchtlich,
Darum, wenn der Abend naht,
So erquicke ich mich rechtlich
Bei der Liebe süßer That.
Thun die Prüden auch verächtlich:
Liebe ist ein süßes Spiel,
Lieben kann man nie zu viel!

Die nachstehende Strophe habe ich entstehen sehen, und eben deshalb setze ich sie hierher. Die Trüffel ist der Tagesgötze, vielleicht aber macht dieser Götzendienst uns nicht gerade viel Ehre.

 

Impromptü.

Auf die Trüffel laßt uns trinken:
Leert das Glas mit Stiel und Stumpf!
Wo die schönsten Kämpfe winken,
Sichert sie uns den Triumph!
Süßer Liebe
Heißem Triebe
Ward zur Hilfe auserlesen
Einst von Gott dies schwarze Wesen:
Möge es uns drum auf Erden
Täglich aufgetragen werden!

Diese Stegreifdichtung hat Herrn Boscary de Villeplaine, den vorzüglichen Kenner und geliebten Zögling des Professors, zum Verfasser.

Ich schließe mit einem Gedicht, das zur sechsundzwanzigsten Betrachtung gehört.

Ich habe versucht, es in Musik zu setzen, bin aber nicht zu meiner Zufriedenheit damit zu Stande gekommen. Einem andern wird es besser gelingen, besonders wenn er sich ein wenig begeistert. Die Harmonie muß kräftig sein und bei der zweiten Strophe die Verschlimmerung im Befinden des Kranken andeuten.

 

Der Todeskampf.

Physiologische Romanze.

Weh! meinen Sinnen schwindet Kraft und Leben,
Mein Leib ist kalt, mein Auge trüb und schwach.
Louise weint und forscht mit stillem Beben
Nach meines Herzens müdem, mattem Schlag.
Der Freunde Schwarm entwich mit leisen Tritten
Dem Haus, das ihnen manche Freude bot,
Der Arzt geht auch, der Priester kommt geschritten –
Es naht der Tod.

Ich möchte beten, doch mein Geist verwirrt sich –
Ich möchte reden, doch die Stimme bricht –
Ein wirres Klingen in dem Ohr umflirrt mich,
Und vor den Augen schwimmt's wie trübes Licht.
Schon seh' ich nichts mehr ... Nur der Brust entwindet
Ein letzter Seufzer sich in höchster Noth,
Der hörbar kaum dem blassen Mund entschwindet –
Es naht der Tod.

XXV.
Henrion de Pansey.

Ich glaubte bona fide der erste zu sein, der, in der Neuzeit, den Einfall einer Akademie der Gastronomen gehabt hätte, fürchte aber jetzt sehr, daß man mir doch zuvorgekommen ist, wie das bisweilen geschieht. Man mag darüber nach folgendem Vorfall urtheilen, der vor etwa fünfzehn Jahren statt hatte Suum cuique: der Gedanke einer gastronomischen Akademie gehört weder Brillat-Savarin noch seinem Freunde Henrion, sondern Grimod de la Reynière, der denselben sogar in der bereits zu verwirklichen bestrebt gewesen war und sich schon 1808 über diese Verwirklichung folgendermaßen ausgelassen hatte: »Eine Jury von respectabeln Kinnbacken, die unter der Fahne der Feinschmeckerei ergraut sind, und deren in allen Zweigen der Schmeckkunst bewanderter Gaumen die ihnen zur Beurtheilung unterbreiteten Dinge nach jeder Richtung hin zu schätzen weiß – eine solche Jury ist zweifelsohne ein so vollkommener Gerichtshof, wie das eine menschliche Einrichtung überhaupt nur sein kann. Sie ißt und trinkt alles, was sie zu kosten beauftragt worden, ohne die Namen der Urheber zu kennen, und auf diese Weise wird ihr Urtheil einzig durch die Vorzüge der einzelnen Produkte bestimmt und kann weder durch den Glanz eines bereits berühmten, noch durch die Dunkelheit eines noch unbekannten Namens beeinflußt werden.« D. Uebers..

Der Präsident Henrion de Pansey, dessen geistige Rüstigkeit und Regsamkeit dem Eis des Alters getrotzt hat, sagte um 1812 zu dreien der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit, den Herren Laplace, Chaptal und Berthollet: »Ich betrachte die Entdeckung einer neuen Speise, die unsern Appetit erhält und unsere Genüsse verlängert, als ein weit interessanteres Begebnis als die Entdeckung eines neuen Sterns, deren man ja doch zu jeder Zeit genug erblickt.«

»Ich werde auch,« fuhr der würdige Beamte fort, »die Wissenschaften nie für hinlänglich geehrt noch für angemessen vertreten ansehen, so lange ich nicht einen Koch an den Sitzungen der Akademie theilnehmen sehe.«

Dieser liebe Präsident dachte immer nur mit inniger Freude an den Gegenstand meiner Arbeit. Er wollte mir ein Motto dazu liefern und behauptete, nicht der Geist der Gesetze habe Herrn de Montesquieu die Pforten der Akademie erschlossen. Von ihm erfuhr ich auch, daß der Professor Berriat Saint-Prix einen Roman geschrieben habe, und ebenso wurde mir durch ihn jener Abschnitt eingegeben, der von der gastronomischen Betriebsamkeit der Emigrirten handelt. Um ihm gerecht zu werden, habe ich ihm daher folgenden Viervers gewidmet, der zugleich seine Geschichte und sein Lob erhält:

 

Verse
unter das Bildnis des Herrn Henrion de Pansey.

Im geist'gen Schaffen voller Rüstigkeit,
In Amt und Würden seines Kreises Segen,
War er, obschon gelehrt und überlegen,
Doch niemals ohne Liebenswürdigkeit.

Im Jahre 1814 wurde der Präsident Henrion Justizminister. Die Beamten dieses Ministeriums gedenken noch jetzt mit Vergnügen der Antwort, die er ihnen damals ertheilte, als sie ihm ihre Aufwartung machten.

»Meine Herren,« sagte er in jenem väterlichen Tone, der so trefflich mit seiner reckenhaften Gestalt und seinem hohen Alter harmonirt, »aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich nicht lange genug mit Ihnen zusammenbleiben, um Ihnen Gutes zu thun – seien Sie aber zum wenigstens versichert, daß ich Ihnen nichts Böses zufügen werde.«

XXVI.
Nachweise.

Mein Werk ist beendet. Um jedoch zu zeigen, daß ich nicht außer Athem gekommen bin, will ich zum Abschied noch drei Fliegen mit einem Schlage treffen.

Ich gebe hier meinen Lesern aus aller Herren Ländern Nachweise, die ihnen zu statten kommen dürften, weihe meinen bevorzugten Künstlern ein Wort des Andenkens, dessen sie durchaus würdig sind, und biete endlich dem Publikum eine Probe von dem Holze, mit dem ich zu heizen pflege.

1. Madame Chevet, Delicatessenhändlerin im Palais Royal Nr. 220, neben dem Théâtre français. Ich bin für sie eher ein treuer, als ein bedeutender Kunde. Unsere Beziehungen stammen noch aus der Zeit ihres ersten Auftauchens am Horizonte der Gastronomie, und sie hatte einmal die Güte, meinen Tod zu beweinen: zum Glück beruhte das nur auf einem Mißverständnis, das aus einer Namenähnlichkeit hervorgegangen war.

Madame Chevet ist die unerläßliche Vermittlerin zwischen den höhern Eßwaaren und den reichen Essern. Sie verdankt das Aufblühen ihres Geschäfts ihrer commerziellen Zuverlässigkeit und Rechtlichkeit: alles, was die Zeit seiner Vortrefflichkeit erreicht hat, verschwindet bei ihr wie durch Zauber. Die Art ihres Handels macht einen ziemlich bedeutenden Preisaufschlag unerläßlich, ist man aber einmal über den Preis mit ihr einig, so darf man auch überzeugt sein, daß man auf das Vorzüglichste bedient wird.

Diese Zuverlässigkeit wird erblich sein: kaum der Kindheit entwachsen, folgen ihre Töchter bereits unwandelbar denselben Grundsätzen Madame Chevet hatte sich die berühmte Antwort Napoleons an Frau von Staël zu Herzen genommen und vierzehn Kinder geboren. D. Uebers..

Madame Chevet hat in allen Ländern, wohin nur die Wünsche des verwöhntesten Gastronomen zu eilen vermögen, ihre Agenten, und je mehr Rivalen ihr erwachsen sind, um so höher ist sie in der Meinung der Kenner und des Publikums gestiegen.

2. Herr Achard, Zuckerbäcker in der Rue de Gramont Nr. 9, aus Lyon gebürtig und seit ungefähr zehn Jahren in Paris ansässig, begründete seinen Ruf durch Stärkemehl-Biscuits und Vanille-Waffeln, in deren Herstellung ihm lange Zeit niemand gleichkam.

Alles in seinem Laden hat etwas Feines und Zierliches, das man anderwärts vergebens suchen würde: es sieht gar nicht aus, als ob es von Menschenhänden hergestellt wäre, sondern scheint ein natürliches Product irgend eines Feeenlands zu sein. Daher wird auch alles noch am Tage der Herstellung verkauft, so daß man sagen darf: er kennt kein Morgen.

In der schönen Zeit der Tag- und Nachtgleichen sieht man beinahe in jedem Augenblicke irgend ein glänzendes Gefährt, das in der Regel mit einem hübschen Titus-Kopfe und einem reizenden Federhute besetzt ist, in der Rue de Gramont halten. Der Titus-Kopf stürzt sich in den Achard'schen Laden, bewaffnet sich dort mit einer großen Zuckertüte und wird dann bei seiner Rückkehr zum Wagen mit einem »O, wie hübsch das aussieht, theurer Freund!« oder auch: » O dear! how it looks good, my mouth!« ... begrüßt. Das Pferd zieht an und führt das alles ins Bois de Boulogne.

Die Feinschmecker sind so eifrig und gutmüthig, daß sie lange Jahre hindurch die Schroffheiten einer unliebenswürdigen Ladenjungfer ertragen haben. Diese Unannehmlichkeit ist jetzt verschwunden: der Ladentisch ist neu besetzt, und das zierliche kleine Händchen des Fräulein Anna Achard verleiht den Näschereien, die sich schon von selbst empfehlen, einen noch höhern Werth.

3. Herr Limet in der Rue de Richelieu Nr. 79, mein Nachbar und Leibbäcker mehrerer fürstlicher Hoheiten, ist auch von mir zu diesem Amte bei meiner eigenen Person ausersehen worden.

Er brachte vor mehreren Jahren das damals ziemlich unbedeutende Geschäft käuflich an sich und hat dasselbe binnen kurzer Zeit zu einem glücklichen Aufschwung und bedeutendem Ruf zu bringen gewußt.

Sein zur gesetzlichen Taxe geliefertes Brot ist vorzüglich, und sein Luxusbrot dürfte an Weiße, Leichtigkeit und Schmackhaftigkeit schwerlich seines Gleichen haben.

Die Ausländer, und ebenso die Bewohner der Departements, finden stets bei Herrn Limet das Brot, an das sie in der Heimat gewöhnt waren. Daher finden sich auch die Kunden in eigener Person bei ihm ein und sind bisweilen sogar gezwungen, Queue zu machen, um bedient zu werden.

Dieser bedeutende Zulauf kann nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß Herr Limet nicht in den Geleisen des alten Schlendrians bleibt, sondern unausgesetzt neue Hilfsquellen zu entdecken sucht und dabei von Gelehrten ersten Ranges unterstützt wird.

XXVII.
Die Entbehrungen.

 

Historische Elegie.

Urahnen des Menschengeschlechts, deren Lüsternheit historisch geworden ist, die ihr euch für einen Apfel ins Verderben stürztet, was würdet ihr nicht erst für einen getrüffelten Truthahn gethan haben?! Aber es gab im irdischen Paradiese weder Köche noch Conditor.

O wie beklage ich euch!

Machtvolle Fürsten, die ihr die stolze Troja zerstörtet, euer Ruhm wird die Jahrhunderte überdauern, aber euer Tisch war herzlich schlecht. Auf Ochsenschlegel und Schweineziemer beschränkt, kanntet ihr nimmer die Reize einer Matelotte noch die Wonnen eines Hühnerfricassees.

O wie beklage ich euch!

Aspasia, Chloë und ihr alle, deren bezaubernde Formen der Meißel der Griechen zur Verzweiflung der Schönen aller kommenden Geschlechter im Marmor verewigt hat, nie schlürfte euer reizender Mund die Süßigkeit einer Vanillen- oder Rosen-Meringue: kaum daß ihr euch zum Honigkuchen aufschwangt.

O wie beklage ich euch!

Sanfte Priesterinnen der Vesta, die ihr mit so vielen Ehren überhäuft und zugleich mit so entsetzlichen Strafen bedroht wurdet, hättet ihr wenigstens jene lieblichen Fruchtsäfte gekostet, die das Herz erquicken, jene eingemachten Früchte genossen, die den Jahreszeiten trotzen, jene duftigen Crêmes gekannt, die das Wunder unserer Tage bilden.

O wie beklage ich euch!

Ihr römischen Steuerpächter, die ihr die ganze damals bekannte Welt aussoget, nie sah man in euern berühmten Speisesälen jene saftigen Gelées, die Wonne der Weichlinge, noch jene verschiedenen Eise, deren Kälte der Glut der Tropen trotzt.

O wie beklage ich euch!

Ihr unüberwindlichen Paladine, die ihr von Troubadours und Minnesängern gefeiert seid, wenn ihr Riesen gespalten, Damen befreit, Heere vernichtet hattet, so ward euch nie, ach! nie von der schönen Hand einer schwarzäugigen Gefangenen ein Becher schäumenden Champagners, süßen Malvoisirs oder duftigen Liqueurs credenzt: Kräuterbier und Grüneberger war euer unvermeidlich Loos.

O wie beklage ich euch!

Ihr Aebte mit Mütze und Stab, die ihr der Welt die himmlischen Gnaden ausspendetet, ihr furchtbaren Tempelritter, die ihr eure Arme zur Vernichtung der Ungläubigen wappnetet, ihr kanntet weder die Süßigkeit der krafterneuernden Chocolade, noch den Duft der arabischen Bohne, die zum Denken anregt.

O wie beklage ich euch!

Ihr stolzen Burgfrauen, die ihr während des Interregnums, das die Kreuzzüge schufen, eure Burgpfaffen und eure Pagen zum höchsten Range erhobt, ihr theiltet doch mit ihnen weder die Reize eines Biscuits noch die Süßigkeit einer Makrone.

O wie beklage ich euch!

Und endlich ihr, ihr Gastronomen des Jahres 1825, die ihr im Schooße des Ueberflusses bereits an Uebersättigung krankt und von neuen, unerhörten Genüssen träumt, ihr werdet euch weder der Entdeckungen des Jahres 1900 erfreuen, der eßbaren Mineralien und der bei hundert Atmosphären Druck bereiteten Liqueure, noch werdet ihr die gastronomischen Schätze genießen, die noch ungeborene Forscher aus jenem Theile des Erdballs herbeibringen werden, der noch zu entdecken und auszubeuten bleibt.

O wie beklage ich euch!

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