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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Physiologie des Geschmacks.
Zweiter Theil.

Uebergang.

Wer mir mit jener Aufmerksamkeit, die ich fortwährend zu erwecken und zu erhalten gesucht habe, bis hierher gefolgt ist, wird bemerkt haben, daß ich einen doppelten Zweck verfolgte und niemals aus den Augen verlor: einmal wollte ich die theoretischen Grundlagen der Gastronomie feststellen, damit diese unter den Wissenschaften den Rang einnehmen könne, der ihr unstreitig zukommt, und zweitens wollte ich mit aller Schärfe und Genauigkeit klarlegen, was man unter Feinschmeckerei zu verstehen hat, und diese gesellschaftliche Eigenschaft für immer von der Gefräßigkeit und der Unmäßigkeit absondern, mit der man sie ungerechtfertigter Weise zusammengeworfen hat.

Veranlaßt ward diese Verwechslung durch die Predigten intoleranter Moralisten, die in blindem Eifer Ausschweifungen witterten, wo nur von wohlverstandenem Genuß die Rede sein konnte, denn die Schätze der Natur sind doch nicht da, um verschmäht und verachtet zu werden; befördert und verbreitet aber wurde sie durch ungesellige Grammatiker, die blind drauflos definirten und in verba magistri schworen.

Nunmehr aber ist es Zeit, daß dieser Irrthum ein Ende nimmt, denn jetzt kommt alle Welt in ihren Ansichten über diesen Punkt überein, wie schon daraus erhellt, daß jeder nicht ungern einen leisen Anflug von Feinschmeckerei einräumt und sich dessen sogar rühmt, die Beschuldigung aber, er sei der Gefräßigkeit, Völlerei oder Unmäßigkeit ergeben, für eine grobe Beleidigung ansieht.

Wie mir scheint, kommt nun das, was ich bis jetzt geschrieben habe, einem vollkommenen Beweise für jene beiden Hauptpunkte gleich und wird zur Ueberzeugung derer hinreichen, die überhaupt zu überzeugen sind. Ich könnte also jetzt die Feder niederlegen und meine Aufgabe als beendet betrachten. Aber indem ich mich in Fragen vertiefte, die alle möglichen Gegenstände streifen, ist mir so Manches, unbekannte Anekdoten, gelegentliche Bonmots, vorzügliche Küchenrecepte und ähnliches Beiwerk, ins Gedächtnis gekommen, das mir der Aufzeichnung würdig erschien.

In den theoretischen Theil eingeschaltet, würden diese Dinge die Einheit des Ganzen gestört haben. In ihrer Zusammenstellung zu einer besondern Abtheilung aber wird man sie, wie ich hoffe, mit Vergnügen lesen, weil man, während man sich unterhält, zugleich auch auf einige auf Erfahrung beruhende Wahrheiten und nützliche Erörterungen stoßen wird.

Dabei habe ich allerdings, wie ich schon in der Vorrede ankündigte, ein wenig Biographie geschrieben und zwar Biographie von jener Art, die weder zu Erörterungen noch zu Ausdeutungen Anlaß giebt. In diesem Theile meines Werkes, wo ich mich sammt meinen Freunden finde, habe ich den Lohn für meine Arbeit gesucht. Wenn man sich dem Ziele seiner Laufbahn nähert, wird einem ja das Ich besonders Werth und theuer, und die Freunde bilden unstreitig einen Bestandtheil desselben.

Ich will indessen nicht verhehlen, daß mich beim Durchlesen der Stellen, die mich persönlich betreffen, doch einige Unruhe erfaßt hat.

Dies unbehagliche Gefühl rührte von meiner letzten Lectüre und von den Glossen her, die über Denkwürdigkeiten gemacht worden sind, welche sich in jedermanns Händen befinden.

Ich fürchtete, irgend ein Schalk, der schlecht verdaut und schlecht geschlafen hat, möchte die Bemerkung machen: »Seht doch, dieser Herr Professor sagt sich wirklich keine Injurien nach! Dieser Herr Professor lobt sich wahrhaftig ins Gesicht hinein! Das ist mir ein rechter Professor, der ... ein netter Professor, den ...«

Darauf erwidere ich, zur Vertheidigung fertig, im voraus, daß, wer niemand Böses nachsagt, gewiß auch berechtigt ist, sich selbst mit einiger Nachsicht zu behandeln, und daß ich nicht einsehe, weshalb ich, der ich nie gehässigen Gefühlen Raum gegeben habe, mir selbst nicht ebenfalls mit Wohlwollen begegnen sollte.

Nach dieser Erwiderung, die Thatsachen zur Grundlage hat, glaube ich unter dem Schutze meines Philosophenmantels ruhig schlafen zu können. Diejenigen aber, die trotzdem bei ihrer schlechten Meinung beharren sollten, erkläre ich hiermit für schlechte Schlafkameraden. Schlechte Schlafkameraden! – das ist eine noch unbekannte Beleidigung, auf die ich mir ein Patent ertheilen lassen werde, weil ich zuerst die Entdeckung gemacht habe, daß sie eine nahrhafte Excommunication enthält.

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