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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 35
Quellenangabe
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authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigste Betrachtung. Die classische Feinschmeckerei in praktischer Bethätigung.

Geschichte des Herrn de Borose.

146. Herr de Borose wurde um 1780 geboren. Sein Vater war Secretär des Königs. Schon in früher Jugend verlor er beide Eltern und kam dadurch in den Besitz von vierzigtausend Livres Renten. Das war damals ein hübsches Vermögen: heute reicht es gerade hin, um nicht Hungers zu sterben. Ein Oheim von väterlicher Seite sorgte für seine Erziehung.

Er lernte Latein, nicht ohne sich im Stillen darüber zu wundern, warum man, da man doch alles sehr gut auf Französisch sagen konnte, so schwere Mühe darauf verwende, ganz dasselbe in einer fremden Sprache ausdrücken zu lernen. Dessenungeachtet machte er tüchtige Fortschritte, und als er bis zum Horaz vorgedrungen war, bekehrte er sich, fand großes Vergnügen daran, über so elegant ausgedrückte Gedanken nachzudenken, und strengte sich herzhaft an, die Sprache, die jener geistreiche Dichter gesprochen hatte, gründlich kennen zu lernen.

Er erlernte auch die Musik und entschied sich nach mehreren Versuchen für das Piano. Er befaßte sich aber nicht mit den endlosen Schwierigkeiten, die dies Instrument bietet, sondern beschränkte sich auf das Studium der eigentlichen Bestimmung desselben und begnügte sich mit einer hinlänglichen Fertigkeit im Spiel, um den Gesang begleiten zu können Das Piano ist bestimmt, das Componieren zu erleichtern und den Gesang zu begleiten. Für sich gespielt, hat es weder Wärme noch Ausdruck. Die Spanier bedienen «sich zur Bezeichnung der Thätigkeit des Spielens solcher Instrumente, die gegriffen werden, des Wortes bordonear ..

In dieser Hinsicht aber zog man ihn sogar den Musikern von Beruf vor, weil er sich nicht in den Vordergrund zu drängen suchte, weder Arme noch Augen machte Musikalische Kunstausdrücke: Arme machen heißt die Arme und Ellbogen aufheben, als ob man von seinen Gefühlen erstickt würde; Augen machen heißt die Augen zum Himmel erheben, als ob man vor Vergnügen ohnmächtig werden wollte. und gewissenhaft die erste Pflicht für jeden Begleitenden erfüllte, den Sänger oder die Sängerin zu unterstützen und zu heben.

Dank seinem Alter kam er ohne Unfall durch die schrecklichen Zeiten der Revolution. Als er später zum Soldaten ausgehoben wurde, kaufte er einen Ersatz-Mann, der sich wackern Sinnes für ihn tödten ließ, und mit dem Totdenschein seines Sosias bewaffnet, konnte er nun in aller Gemüthsruhe unsere Triumphe feiern oder unsere Niederlagen bedauern.

Herr de Borose war von mittlerer Größe, aber von vollkommen ebenmäßigem Körperbau. Sein Gesicht war sinnlich, und man wird sich am leichtesten eine Vorstellung davon machen können, wenn wir sagen, daß, wenn man ihn mit Gavaudan vom Théâtre des Variétés, Michot vom Théâtre français und dem Vaudevilledichter Désaugiers zusammengebracht hätte, sich zwischen allen vieren eine Art Familienähnlichkeit bemerkbar gemacht haben würde. Im allgemeinen war es gebräuchlich, ihn einen hübschen Burschen zu nennen, und er hatte bisweilen Ursache, sich selbst dafür zu halten.

Die Wahl eines Berufs war für ihn eine wichtige Angelegenheit. Er versuchte sich in mehreren, fand bei allen Schattenseiten und entschied sich endlich für den beschäftigten Müßiggang, d. h. er ließ sich in mehrere literarische Vereine aufnehmen, trat in den Wohlthätigkeitsausschuß seines Bezirks ein, betheiligte sich an Versammlungen zu philanthropischen Zwecken und hatte daher, um so mehr da er auch sein Vermögen und zwar aufs Beste verwaltete, seine Geschäfte, seine Correspondenz und sein Arbeitszimmer wie jeder andere.

Im Alter von achtundzwanzig Jahren glaubte er die Zeit zum Heirathen gekommen. Er wollte seine künftige Frau nur bei Tische sehen, und schon nach der dritten Zusammenkunft war er überzeugt, daß sie ebenso hübsch, wie gutherzig und geistreich wäre.

Sein eheliches Glück war von kurzer Dauer. Achtzehn Monate nach der Vermählung starb die junge Frau im Wochenbette und hinterließ ihm den tiefsten Schmerz über diese schnelle Trennung, zum Troste aber auch ein Töchterchen, das er Hermine nannte, und von dem wir noch weiter unten reden werden.

Herr de Borose fand ziemlich viel Vergnügen an den Beschäftigungen, die er sich geschaffen hatte. Doch ward er mit der Zeit inne, daß selbst in den gewähltesten Versammlungen Anmaßung, Selbstüberhebung und bisweilen sogar ein wenig Neid sich geltend machen. Er schob alle diese Erbärmlichkeiten auf die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, die nirgends vollkommen ist, und fuhr darum nicht weniger unverdrossen in seiner Thätigkeit fort, nur gab er jetzt, ohne es gewahr zu werden, mehr und mehr dem Schicksalsschlusse Folge, der deutlich genug auf seinem Gesichte zu lesen stand, und gelangte so allmählich dahin, daß er die Genüsse des Geschmackssinns zu seinem Hauptstudium machte.

Herr de Borose behauptete, die Gastronomie sei nichts anderes als die Anwendung der urtheilenden Reflexion auf die vervollkommnende Wissenschaft.

Er meinte wie Epikur: »Ist denn der Mensch geschaffen, um die Gaben der Natur zu verschmähen? Kommt er etwa auf die Erde, nur um deren bittere Früchte zu kosten? Für wen sind denn die Blumen bestimmt, welche die Götter zu den Füßen der Sterblichen aus dem Boden sprießen lassen? ... Es heißt der Vorsehung gefallen, wenn man sich den Neigungen hingiebt, die sie uns einpflanzt, unsere Pflichten entspringen ihren Gesetzen, unsere Wünsche ihren Eingebungen Alibert, Physiologie des passions, t. I, p. 211.

Er behauptete mit dem segusianischen Philosophen, daß die guten Dinge für die guten Menschen bestimmt seien, da man sonst in eine Widersinnigkeit verfallen und glauben müßte, Gott habe sie ausschließlich für die bösen geschaffen.

Seine erste Arbeit auf dem Gebiete der Gastronomie nahm Herr de Borose an seinem Koch vor, indem er demselben sein Amt vom richtigen Standpunkte aus zu zeigen suchte.

Er sagte ihm, daß ein tüchtiger Koch, der durch die Theorie ein Gelehrter werden könne, es schon durch die Praxis immer sei, und daß die Art seiner Obliegenheiten ihm zwischen dem Chemiker und dem Physiker eine Stelle anweise; er verstieg sich sogar zu der Versicherung, daß der Koch, der fortdauernd mit der Erhaltung des thierischen Mechanismus betraut ist, über dem Apotheker stehe, der nur gelegentlich von Nutzen sei.

Und mit einem ebenso geistreichen wie gelehrten Arzte fügte er hinzu: »Der Koch hat der Kunst der Veränderung der Nahrungsmittel durch die Einwirkung des Feuers, die den Alten noch unbekannt war, auf den Grund gehen müssen. Diese Kunst erfordert in der Jetztzeit eingehende Studien und gelehrte Berechnungen. Man muß lange und gründlich über die Producte des Erdballs nachgedacht haben, um die Würzen geschickt verwenden und die Bitterkeit gewisser Speisen verdecken, um andere Gerichte schmackhafter machen, um die besten Zuthaten anbringen zu können. Der europäische Koch zeichnet sich vor allen andern in der Welt in der Kunst der Hervorbringung dieser wunderbaren Mischungen aus Alibert, Physiologie des passions, t. I, p. 196. «.

Diese Ansprache that ihre Wirkung: tief von seiner Wichtigkeit durchdrungen, hielt der Chef In jedem wohlgeordneten Haushalt wird der Koch Chef genannt. Er hat unter sich den Hilfskoch, den Pastetenbäcker, den Bratkoch und die Küchenjungen (die Vorrathskammer bildet eine eigene Abtheilung). Die Küchenjungen, so zu sagen die Schiffsjungen der Küche, erhalten wie diese nicht selten Schläge und machen wie diese bisweilen ihren Weg. sich immer auf der Höhe seines Amts.

Ein wenig Zeit, Ueberlegung und Erfahrung belehrten Herrn de Borose sehr bald, daß, da die Anzahl der Gerichte nahezu durch die Sitte festgestellt ist, ein gutes Mahl nur wenig mehr kostet, als ein schlechtes, daß ferner, wenn man immer nur guten Wein trinkt, die Mehrausgabe sich kaum auf fünfhundert Franken jährlich beläuft, und daß endlich alles vom Willen des Hausherrn, von der Ordnung, die er in seinem Haushalt schafft, und von der Regsamkeit abhängt, zu der er in mehr oder minder hohem Grade alle die anfeuert, die er für ihre Dienste bezahlt.

Vom Tage der Feststellung dieser Fundamentalsätze an nahmen die Diners des Herrn de Borose einen klassischen und feierlichen Anstrich an: Fama pries die paradiesischen Freuden derselben, man schätzte es sich zur Ehre, dazu eingeladen zu werden, und manche rühmten ihre Reize, ohne sie je genossen zu haben.

Niemals lud er jene sogenannten Gastronomen ein, die in Wahrheit nur Fresser sind, deren Bauch ein Abgrund ist, und die allenthalben, von allem und alles essen. Er fand unter seinen Freunden in den drei obern Klassen der Gesellschaft ganz nach seinem Wunsche liebenswürdige Gäste, die mit wahrhaft philosophischer Aufmerksamkeit schmeckten, und diesem Studium alle erforderliche Zeit widmeten dabei aber nie vergaßen, daß es einen Moment giebt, wo die Vernunft zum Appetite sagt: Non procedes amplius – bis hierher und nicht weiter!

Es kam häufig vor, daß Eßwaarenhändler ihm auserlesene Leckerbissen ins Haus brachten und sie ihm zu einem mäßigen Preise verkauften, weil sie die Gewißheit hatten, daß diese Gerichte mit Ruhe und Ueberlegung verzehrt werden würden, daß man in der Gesellschaft davon reden und daß der Ruf ihres Geschäfts dadurch nicht wenig steigen würde.

Die Zahl der Gäste des Herrn de Borose belief sich selten auf mehr als neun, und auch die Gerichte waren nicht sehr zahlreich, wohl aber in Folge der unermüdlichen Beharrlichkeit des Gastgebers und seines auserlesenen Geschmacks von höchster Vollkommenheit. Die Tafel bot zu jeder Zeit alles, was die Jahreszeit an durch Seltenheit oder Frühzeitigkeit Ausgezeichnetem zu liefern vermochte, und die Bedienung war eine so sorgfältige, daß sie nichts zu wünschen übrig ließ.

Die Unterhaltung bei Tische war immer allgemein, heiter und nicht selten lehrreich. Diese letztere Eigenschaft verdankte sie einer ganz eigenthümlichen Vorsichtsmaßregel, die Borose zu nehmen pflegte.

Allwöchentlich stieg nämlich ein ausgezeichneter, aber armer Gelehrter, dem er ein Jahrgehalt zahlte, aus seinem Stübchen im siebenten Stockwerk herab und stellte ihm eine Liste über eine Anzahl solcher Gegenstände zu, die zur Erörterung am Speisetische geeignet waren. Der Gastgeber trug nun Sorge, diese Dinge sogleich aufs Tapet zu bringen, sobald der gewöhnliche Gesprächsstoff verbraucht war. Dadurch wurde aber die Unterhaltung neu belebt und zugleich die politischen Gespräche abgekürzt, die ebenso die Einfuhr wie die Verdauung der Speisen stören.

Zweimal wöchentlich lud er die Damen ein und wußte dann die Dinge immer derart einzurichten, daß jede von ihnen unter den Tischgenossen einen Cavalier fand, der sich einzig und allein mit ihr beschäftigte. Diese Vorsicht machte die Gesellschaft sehr angenehm, denn selbst die unerbittlichste Spröde fühlt sich gedemüthigt, wenn sie unbemerkt bleibt.

Nur an diesen Tagen war ein bescheidenes Ecarté erlaubt, an allen übrigen wurde einzig Piquet und Whist geduldet, zwei ernste, schwierige Spiele, die eine sorgfältige Erziehung voraussetzen. Meistens aber wurden diese Abende in angenehmem Geplauder verbracht, das hin und wieder durch den Vortrag eines Liedes unterbrochen ward, welches Borose mit dem ihm eigenen Talente begleitete, dessen wir bereits gedacht haben, und wofür ihm ein Beifall zu Theil ward, gegen den er durchaus nicht unempfindlich war.

Am ersten Montag jedes Monats erschien der Pfarrer des Kirchspiels zum Diner und ward von seinem Pfarrkinde mit allen möglichen Rücksichten empfangen. An diesem Tage hatte die Unterhaltung einen etwas ernsteren Anstrich, der jedoch einen unschuldigen Scherz nicht ausschloß. Der brave Seelenhirt floh den Zauber dieser Sitzung nie und ertappte sich bisweilen sogar bei dem sündigen Wunsche, daß jeder Monat vier erste Montage haben möchte.

An diesem Tage erschien auch die junge Hermine, die im Hause der Frau Migneron Frau Migneron-Remy leitet in der Rue de Valois Nr. 4 (Faubourg de Roule) eine Erziehungsanstalt, die unter der Protection der Frau Herzogin von Orleans steht. Das Lokal ist prächtig, die Leitung eine treffliche, der Ton vorzüglich, der Unterricht ausgezeichnet, und bei all diesen Vorzügen ist, was den Professor am meisten rührt, der Preis so gestellt, daß er sogar bei nahezu bescheidenen Vermögensverhältnissen zu erschwingen ist. in Pension war, im väterlichen Heim, meistens in Begleitung der würdigen Dame. Bei jedem dieser Besuche entfaltete das junge Mädchen neue Reize; sie betete ihren Vater an, und wenn dieser sie mit einem Kusse auf die jugendliche Stirne segnete, gab es keine glücklichern Wesen auf der Welt als diese beiden.

Viel Sorgfalt und Mühe verwandte Borose namentlich darauf, daß die Ausgabe für seine Tafel auch für die Moral von Nutzen sei.

Er schenkte nur solchen Lieferanten sein Vertrauen, die sich durch strenge Offenheit hinsichtlich der Qualität ihrer Waaren und durch Mäßigkeit in der Preisstellung auszeichneten. Er empfahl sie und unterstützte sie im Nothfalle, denn er pflegte zu sagen, daß die Leute, die gar zu schnell reich werden wollen, oft in der Wahl der Mittel wenig gewissenhaft seien.

Sein Weinlieferant gelangte ziemlich schnell zu Vermögen, weil ihm nachgerühmt wurde, daß er kein Mischer sei, eine Eigenschaft, die schon bei den Athenern zur Zeit des Perikles selten war und im neunzehnten Jahrhundert ganz und gar zu den Ausnahmen gehört.

Man glaubt auch, daß Borose durch seine Rathschläge das Verfahren Hurbains bestimmte, jenes Restaurateurs im Palais-Royal, bei welchem man für zwei Franken ein Diner erhält, das anderwärts mehr als das Doppelte kosten würde, und der um so sicherer zu Vermögen gelangen wird, als die Menge seiner Gäste im geraden Verhältnis zur Mäßigkeit seiner Preise wächst.

Die von der Tafel unseres Gastronomen abgehobenen Schüsseln wurden nicht der Dienerschaft überlassen, die für diesen Ausfall anderweit entschädigt ward, sondern alles, was noch ein hübsches Aussehen bewahrt hatte, erhielt vom Hausherrn seine besondere Bestimmung.

Als Mitglied des Wohlthätigkeitsausschusses hatte er von den Bedürfnissen und der Sittlichkeit eines großen Theils seiner Umgebung Kenntnis und war somit sicher, daß seine Geschenke auch immer die rechte Stätte fanden.

Auf diese Weise vermochten Speisereste, die noch recht appetitlich waren, wie z. B. das Schwanzstück eines fetten Hechts, der Bürzel eines Truthahns, ein Stück Lendenbraten oder Pastete u. s. w., hin und wieder die Noth zu vertreiben und Freude zu bereiten.

Um aber diese Geschenke noch ersprießlicher zu machen, pflegte er sie für den Montag Morgen oder den Tag nach einem Feste anzukündigen und erleichterte auf diese Weise die Einstellung der Arbeit an den Sonn- und Feiertagen, indem er gleichzeitig die Nachtheile des blauen Montags Die meisten Pariser Arbeiter arbeiten noch den Sonntag Morgen über, um die begonnene Arbeit zu vollenden, abzuliefern und den Lohn in Empfang zu nehmen: dann brechen sie auf und gehen den übrigen Theil des Tages ihrem Vergnügen nach.
Am Montag Morgen versammeln sie sich zu kleinen Rotten, legen den Rest ihres Geldes zusammen und gehen nicht eher wieder auseinander, als bis alles bis auf den letzten Heller verthan ist.
Dieser Zustand, der noch vor zehn Jahren buchstäblich Regel war, hat sich in Folge der Bemühungen der Meister und der Einführung der Sparkassen und der Arbeitervereine ein wenig gebessert. Aber das Uebel ist noch immer sehr groß, und noch immer geht zum Vortheil der Tanzböden, Restaurationen, Weinschenken und Bierkneipen der Vorstädte und der Umgegend von Paris viel Zeit und Arbeitskraft verloren.
bekämpfte und den sinnlichen Genuß zum Gegengift der Völlerei machte.

Hatte Herr de Borose unter den Kaufleuten dritten oder vierten Ranges ein junges Ehepaar entdeckt, das ein Herz und eine Seele war, und dessen umsichtiges Verfahren jene Eigenschaften verrieth, auf denen die äußere Wohlfahrt der Nationen beruht, so machte er ihnen zuvorkommend einen Besuch und lud sie zum Essen ein.

Am bestimmten Tage fand dann die junge Frau bei Tische Damen, die mit ihr über die Einrichtung eines Hauswesens plauderten, und der Gatte Männer, die über Handel und Fabrikwesen mit ihm sprachen.

Diese Einladungen, deren Ursache bekannt war, wurden schließlich Auszeichnungen, und jeder bemühte sich angelegentlichst, sie zu verdienen.

Während all dieser Vorgänge im Hause des Vaters wuchs und blühte die junge Hermine im Schatten der Rue de Valois heran. Wir müssen dem Leser zur Vervollständigung der Biographie des Vaters ein Portrait der Tochter geben.

Fräulein Hermine de Borose ist groß (5 Fuß 1 Zoll). Ihr Körperbau vereint die Leichtigkeit einer Nymphe mit der Anmuth einer Göttin.

Die einzige Frucht einer glücklichen Ehe, besitzt sie eine vortreffliche Gesundheit und eine bemerkenswerthe Körperkraft. Sie scheut weder Hitze noch Sonnenbrand, und die weitesten Spaziergänge erschrecken sie nicht.

Aus der Ferne könnte man sie für brünett halten, in der Nähe aber sieht man, daß sie kastanienbraunes Haar, schwarze Wimpern und azurblaue Augen hat.

Die meisten ihrer Züge sind griechisch, die Nase aber ist echt gallisch. Diese reizende Nase macht einen so anmuthigen Eindruck, daß ein Comité von Künstlern, welches dreimal an der Mittagstafel über diesen Gegenstand zu Rathe saß, zu dem Schlusse gelangt ist, daß, wenn irgend einer, so dieser ganz französische Typus würdig sei, durch den Pinsel, den Meißel und den Grabstichel unsterblich gemacht zu werden.

Der Fuß Herminens ist auffallend klein und wohlgeformt. Der Professor hat sie bezüglich dieses Punktes so sehr gepriesen und sogar umschmeichelt, daß sie ihm zu Neujahr 1825 mit Bewilligung ihres Vaters einen reizenden kleinen Atlasschuh geschenkt hat, den er den Auserwählten bisweilen vorzeigt, und der ihm als Beweis dafür dienen muß, daß die ausgeprägte Geselligkeit auf die einzelnen Formen wie auf die ganze Person von Einfluß ist. Er behauptet nämlich, daß ein kleiner Fuß, wie wir ihn jetzt bevorzugen, ein Erzeugnis der sorgfältigsten Körperpflege ist, das sich bei den Landleuten fast niemals vorfindet und beinahe immer einer Person angehört, deren Vorfahren schon lange im Wohlstande gelebt haben.

Wenn Hermine den Wald von Haaren, der ihr Haupt bedeckt, mit dem Kamme aufgesteckt und ein einfaches Kleid mit einem Bandgürtel geschürzt hat, findet jeder sie bezaubernd, und man vermag sich nicht vorzustellen, daß Blumen, Perlen oder Diamanten ihre Schönheit noch erhöhen könnten.

Ihre Unterhaltung ist einfach und fließend, und man sollte danach kaum glauben, daß sie alle unsere besten Schriftsteller kennt. Bisweilen aber geräth sie in Feuer, und dann verräth die Feinheit ihrer Bemerkungen ihr Geheimnis. Sobald sie aber dessen inne wird, erröthet sie und schlägt die Augen nieder, und dies Erröthen ist ein Beweis für ihre Bescheidenheit.

Fräulein de Borose spielt gleich gut Clavier und Harfe, sie zieht aber das letztere Instrument vor, ohne Zweifel aus einer gewissen Begeisterung für die Himmelsharfen der Engel und Seligen und für die goldenen Harfen, die Ossian so sehr gefeiert hat.

Ihre Stimme ist von himmlischer Milde und Reinheit. Dessenungeachtet ist sie etwas zaghaft, singt aber doch, ohne sich lange bitten zu lassen, und wirft dann, bevor sie beginnt, einen Blick auf das Auditorium, der dasselbe bezaubert, so daß sie falsch singen könnte, wie so viele andere, ohne daß man es bemerken würde.

Auch die weiblichen Handarbeiten, diese Quelle unschuldiger Freuden und stets bereite Schutzmauer gegen die Langeweile, sind von ihr nicht vernachlässigt worden. Sie arbeitet mit der Nadel wie eine Fee, und jedesmal, wenn etwas Neues auf diesem Gebiete erscheint, wird die erste Stickerin des Père de famille ins Haus berufen, um sie darin zu unterrichten.

Das Herz Herminens hat noch nicht gesprochen: bis jetzt hat die kindliche Liebe zu ihrem Glücke ausgereicht. Sie hat indessen eine wahre Leidenschaft für den Tanz, den sie bis zum Rasen liebt.

Wenn sie zu einem Contretanze antritt, scheint sie um zwei Zoll zu wachsen, und man könnte auf den Gedanken kommen, daß sie davonfliegen wolle. Nichtsdestoweniger ist ihr Tanz gemäßigt und sind ihre Pas durchaus schlicht und einfach: sie begnügt sich, sich mit bezaubernder Leichtigkeit im Kreise zu drehen und dabei ihre lieblichen und anmuthigen Formen zu entfalten. Einige unwillkürliche Uebereilungen verrathen indessen ihr Können und Vermögen, und man ahnt, daß Madame Montessu eine Rivalin haben würde, wenn Hermine alle ihre Mittel zur Verwendung brächte:

Même quand l'oiseau marche, on voit qu' il a des ailes Selbst wenn der Vogel hüpft, zeigt sich, daß er beschwingt ist..

Mit dieser reizenden Tochter, die er aus der Pension genommen hatte, und im Genusse eines umsichtig verwalteten Vermögens und einer wohlverdienten Achtung lebte Herr de Borose sehr glücklich und glaubte noch eine lange Zeit des Wirkens vor sich zu haben. Aber jede Hoffnung ist trügerisch, und niemand kann für die Zukunft Bürge sein.

Mitte März des vergangenen Jahres erhielt Herr de Borose eine Einladung, mit einigen Freunden einige Tage auf dem Lande zuzubringen.

Es war an einem jener vorzeitig warmen Tage, welche die Vorboten des Frühlings sind. Am fernen Horizonte hörte man jenes dumpfe Rollen, von dem man sprichwörtlich sagt, der Winter breche den Hals. Nichtsdestoweniger brach man zu einem Spaziergang auf. Bald aber nahm der Himmel ein drohendes Aussehen an, die Wolken ballten sich zusammen, und ein furchtbares Gewitter brach mit Donner, Regen und Hagel über die Gesellschaft herein.

Jeder suchte eine Zuflucht, wo und wie er konnte. Herr de Borose flüchtete unter einen Pappelbaum, dessen untere, schirmförmig herabgebogene Zweige ihn schützen sollten.

Ein verhängnisvolles Obdach! Der Wipfel des Baumes zog das elektrische Fluidum aus den Wolken an, und der Regen, der an den Zweigen niederrann, diente ihm als Leiter. Bald krachte ein schmetternder Donnerschlag, und der unglückliche Spaziergänger stürzte todt zu Boden, ohne auch nur zu einem Seufzer Zeit gehabt zu haben.

Durch eine Todesart, wie Cäsar sie gewünscht hatte, und die zu keinen beißenden Bemerkungen Anlaß bot, dem Leben entrissen, ward Herr de Borose mit allen kirchlichen Ehren bestattet. Eine nicht geringe Menge zu Fuß und zu Wagen folgte seiner Leiche bis zum Friedhof Père Lachaise, sein Lob war in aller Munde, und als eine befreundete Stimme an seinem Grabe eine rührende Rede hielt, fand sie im Herzen aller ein Echo.

Hermine ward von diesem großen und unerwarteten Unglück niedergeschmettert. Sie verfiel nicht in Krämpfe, hatte keine Ohnmachten und verbarg ihren Schmerz nicht im Bette, aber sie beweinte ihren Vater mit solcher Innigkeit, Ausdauer und Bitterkeit, daß ihre Freunde hoffen durften, gerade dies Uebermaß des Schmerzes werde das beste Heilmittel gegen denselben sein, denn der Mensch ist nicht stark genug, um ein so lebhaftes Gefühl lange Zeit empfinden zu können.

Die alles heilende Zeit hat denn auch auf dies junge Herz ihre beruhigende Wirkung ausgeübt. Hermine kann jetzt ihren Vater nennen, ohne in Thränen zu zerfließen, aber sie spricht von ihm mit einer so innigen Frömmigkeit, einem so ungekünstelten Schmerze, einer so lebendigen Liebe und einer so herzlichen Betonung, daß man sie nicht anhören kann, ohne ihre Rührung zu theilen.

Glücklich derjenige, dem Hermine das Recht geben wird, sie zu begleiten und mit ihr einen Kranz auf das Grab ihres Vaters zu legen!

In einer Seiten-Kapelle der ... Kirche bemerkt man jeden Sonntag zur Mittagsmesse ein großes, schönes Mädchen in Begleitung einer ältern Dame. Ihr Wuchs und ihre Haltung sind reizend, das Gesicht aber ist mit einem dichten Schleier verhüllt. Indessen müssen die Züge desselben doch wohl bekannt sein, denn in der Nähe der Kapelle bemerkt man immer eine Menge jugendlicher Betbrüder ganz neuen Datums, die alle sehr elegant gekleidet und von denen einige recht hübsche Burschen sind.

Aufzug einer reichen Erbin.

147. Als ich eines Tages von der Rue de la Paix nach der Place Vendôme ging, wurde ich durch das Ehrengefolge der reichsten Erbin in Paris aufgehalten, die damals zu verheirathen war und eben aus dem Boulogner Wäldchen zurückkam.

Der Zug war folgendermaßen zusammengesetzt:

1. Die Schöne selbst, das Ziel aller Wünsche, auf einem prächtigen Braunen, den sie mit großer Geschicklichkeit lenkte. Costüm: blaues Reitkleid mit langer Schleppe, schwarzer Hut mit weißen Federn;

2. Ihr Vormund, der mit ernstem Gesicht und würdiger Haltung, wie sein Amt das erheischte, ihr zur Seite ritt;

3. Ein Trupp von zwölf bis fünfzehn Freiern, die sich alle auf die eine oder die andere Weise hervorzuthun strebten, der eine durch seine Zuvorkommenheit, ein anderer durch seine Gewandtheit im Reiten, ein dritter durch seine Melancholie;

4. Ein prächtig bespannter Wagen, für den Fall, daß es regnen oder die Schöne müde werden sollte: der Kutscher dick wie ein Faß, der Jockey nicht größer als eine Faust;

5. Eine große Anzahl Reitknechte in allen möglichen Livreen und in buntem Gemisch.

Sie zogen vorüber ... und ich setzte meine Betrachtungen fort.

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