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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Sechsundzwanzigste Betrachtung. Ueber den Tod.

Omnia mors poscit; lex est, non poena, perire.

122. Sechs große und wesentliche Nothwendigkeiten hat der Schöpfer dem Menschen auferlegt: die Geburt, die Arbeit, das Essen, den Schlaf, die Fortpflanzung und den Tod.

Der Tod ist die vollständige Unterbrechung aller sinnlichen Beziehungen und die gänzliche Vernichtung der Lebenskräfte, die den Körper den Gesetzen der Auflösung preisgiebt.

Jene verschiedenen Nothwendigkeiten werden durch gewisse, ihnen zur Begleitung dienende Lustempfindungen versüßt, und selbst der Tod ist nicht ohne Reize, wenn er ein natürlicher ist, d. h. erst dann eintritt, wenn der Körper die verschiedenen Phasen der Entwicklung, der Männlichkeit, des Alters und des Verfalls, zu denen er bestimmt ist, durchlaufen hat.

Wäre ich nicht entschlossen, hier nur ein ganz kurzes Kapitel zu geben, so würde ich die Aerzte zu Hilfe rufen, welche Beobachtungen darüber angestellt haben, durch welche unmerklichen Abstufungen die belebten Körper in den Zustand der todten Materie übergehen. Ich würde Philosophen, Könige, Schriftsteller anführen, die an der Pforte der Ewigkeit, anstatt dem Schmerze zur Beute zu fallen, vielmehr holdselige Gedanken hatten und sie durch den Reiz der Poesie verschönten. Ich würde an die Antwort des sterbenden Fontenelle erinnern, der auf die Frage, was er empfinde, zur Antwort gab: »Nichts als eine gewisse Schwierigkeit zu leben.« Ich ziehe indessen vor, einfach meiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, eine Ueberzeugung, die nicht blos die Analogie zur Stütze hat, sondern auch auf verschiedenen Beobachtungen beruht, die ich mit aller Sorgfalt angestellt zu haben glaube, und unter denen folgende die letzte ist.

Ich hatte eine Groß-Tante von dreiundneunzig Jahren, die augenscheinlich dem Tode entgegenging. Obgleich sie aber seit einiger Zeit das Bett hütete, hatte sie doch alle ihre Fähigkeiten bewahrt, und nur aus der Abnahme ihres Appetits und der Schwäche ihrer Stimme hatte man ihren Zustand errathen.

Sie war stets sehr gütig gegen mich gewesen, und ich stand daher an ihrem Bett, bereit, sie zuvorkommend und mit Herzlichkeit zu bedienen, was mich indessen nicht verhinderte, sie mit jenem philosophischen Blicke zu beobachten, mit dem ich stets meine Umgebung betrachtet habe.

»Bist du da, Neffe?« fragte sie mit kaum vernehmlicher Stimme. – »Gewiß, liebe Tante, ich stehe Ihnen ganz zu Diensten und glaube, Sie würden gut thun, wenn Sie ein Schlückchen guten, alten Wein tränken.« – »Gieb her, mein Freund, Flüssiges bringt man immer noch hinunter.« Ich beeilte mich, sie sanft aufzurichten, und gab ihr ein halbes Glas von meinem besten Wein zu trinken. Ihre fast erstorbenen Lebensgeister belebten sich im Augenblick, und indem sie mich mit Augen ansah, die einst sehr schön gewesen waren, sagte sie: »Vielen Dank für diesen letzten Dienst. Wenn du je mein Alter erreichst, so wirst du einsehen, daß der Tod ein Bedürfnis wird, ganz wie der Schlaf.«

Das waren ihre letzten Worte – eine halbe Stunde später war sie bereits für immer entschlafen.

Dr. Richerand hat von den letzten Stufen im Verfall des beseelten Körpers und den letzten Augenblicken im Dasein des Individuums eine so wahre und philosophisch gehaltvolle Schilderung gegeben, daß der Leser mir gewiß Dank wissen wird, wenn ich eine längere Stelle daraus mittheile.

»Die Ordnung, sagt Richerand, »in der die geistigen Fähigkeiten ihre Thätigkeit einstellen und verschwinden, ist folgende. Die Vernunft, dies Attribut, für dessen ausschließlichen Besitzer sich der Mensch ansieht, läßt ihn zuerst im Stich. Er verliert zunächst das Vermögen, Urtheile mit einander zu verbinden, und bald darauf auch die Fähigkeit, mehrere Ideen zu vergleichen, zu combiniren, zu verknüpfen und zu ordnen, um über ihr Verhältnis zu einander ein Urtheil abzugeben. Man sagt dann, der Kranke verliere den Kopf, er fasele, delirire. Dies Delirium umfaßt in der Regel die Vorstellungen, die dem betreffenden Individuum am geläufigsten sind, und läßt mit Leichtigkeit die vorherrschende Leidenschaft erkennen: der Geizige schwatzt unbedachtsam von seinen vergrabenen Schätzen, ein anderer stirbt, von religiösen Schreckbildern bestürmt und geängstigt. Das ist auch der Moment, wo liebliche Erinnerungen an das ferne Vaterland mit aller Stärke und allem Zauber in der Seele erwachen.

»Nach der Verstandesthätigkeit und der Urtheilskraft wird das Vermögen der Ideenverknüpfung von der fortschreitenden Zerstörung ergriffen. Dies findet sogar schon bei jenem Zustande statt, den wir als Ohnmacht bezeichnen, wie ich das an mir selbst erfahren habe. Ich unterhielt mich eben mit einem Freunde, als ich plötzlich ein unüberwindliches Hindernis empfand, zwei Vorstellungen, über deren Aehnlichkeit ich ein Urtheil aufstellen wollte, mit einander zu verknüpfen. Doch war diese Ohnmacht keine vollständige: ich behielt noch die Erinnerungskraft und das Empfindungsvermögen, denn ich vernahm deutlich, wie die umstehenden Personen sagten: ›Er wird ohnmächtig,‹ und sich bemühten, mich diesem Zustande zu entreißen, der nicht ganz ohne Reiz war.

»Alsdann erlischt das Gedächtnis. Der Kranke, der während seines Deliriums noch immer die Anwesenden erkannte, erkennt jetzt seine Angehörigen und schließlich sogar die nicht mehr, mit denen er in engster Vertraulichkeit lebte. Endlich verliert er auch das Vermögen der sinnlichen Empfindung; aber die Sinne erlöschen in einer ganz bestimmten Reihenfolge: Geschmack und Geruch geben kein Zeichen ihres Daseins mehr, die Augen bedecken sich mit einer trüben Wolke und nehmen einen unheimlichen Ausdruck an, nur das Ohr ist immer noch für Töne und Geräusche empfänglich. Das ist ohne Zweifel auch der Grund, weshalb die Alten, um sich vom wirklichen Eintreten des Todes zu überzeugen, dem Dahingeschiedenen laut in die Ohren zu schreien pflegten. Der Sterbende riecht, schmeckt, sieht und hört nicht mehr. Aber der Gefühlssinn ist noch rege: er wirft sich auf seinem Lager hin und her, streckt tastend die Arme aus, wechselt in jedem Augenblick die Lage und macht Bewegungen, welche ganz denen gleichen, die der Foetus im Mutterleibe ausführt. Der Tod, der ihn zu überschleichen im Begriff steht, kann ihm keinen Schrecken einflößen, denn er hat keine Vorstellungen mehr, und so hört er auf zu leben, wie er zu leben begonnen hatte: ohne ein Bewußtsein davon zu haben.« ( Richerand, Nouveaux Eléments de Physiologie, 9. Aufl., 2. Bd., S. 600.)

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