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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Fünfundzwanzigste Betrachtung. Ueber die Erschöpfung.

119. Man versteht unter Erschöpfung einen durch vorhergehende Umstände erzeugten Zustand von Schwäche, Erschlaffung und Niedergeschlagenheit, der die Ausübung der Lebensfunctionen erschwert. Läßt man die durch Entziehung der Nahrungsmittel verursachte Erschöpfung bei Seite, so kann man drei Arten unterscheiden:

Die Erschöpfung durch Muskelanstrengung, die Erschöpfung durch geistige Arbeit und die Erschöpfung durch geschlechtliche Genüsse.

Ein gemeinsames Heilmittel für alle drei Arten von Erschöpfung ist die unverzügliche Einstellung der Handlungen, die diesen, wenn nicht durchaus krankhaften, so doch der Krankheit sehr nahe stehenden Zustand erzeugten.

Behandlung.

120. Nach dieser ersten, unumgänglich nothwendigen Maßregel kommt die Gastronomie, die immer Mittel in Bereitschaft hält.

Dem durch allzu anhaltende Muskelanstrengung Erschöpften bietet sie eine gute Suppe, feurigen Wein, saftigen Braten und gesunden Schlaf.

Dem Gelehrten, der sich vom Zauber seines Studiums hat hinreißen lassen, verordnet sie Bewegung in freier Luft, um sein Gehirn zu erfrischen, ein Bad, um seine gereizten Fibern zur Ruhe herabzustimmen, Geflügel, Krautgemüse und Ruhe.

Aus dem folgenden Abschnitte endlich werden wir ersehen, was sie für den zu thun vermag, der vergißt, daß die Wollust ihre Grenzen und das Vergnügen seine Gefahren hat.

Glückliche Cur des Professors.

121. Ich besuchte eines Tages einen meiner besten Freunde, den Herrn Rubat. Man sagte mir beim Betreten seiner Wohnung, daß er krank wäre, und wirklich fand ich ihn in einer Haltung, welche eine völlige Entkräftung verrieth, im Schlafrock am Kamine sitzen.

Sein Anblick erschreckte mich. Sein Gesicht war blaß, seine Augen glühten, und die Unterlippe hing so kraftlos herab, daß man die Zähne des Unterkiefers sehen konnte, was einen wirklich häßlichen Eindruck machte.

Ich erkundigte mich theilnehmend nach der Ursache dieser plötzlichen Veränderung. Rubat zögerte, ich ward dringender, und nach einigem Widerstande eröffnete er mir endlich erröthend: »Du weißt, lieber Freund, daß meine Frau eifersüchtig ist, und daß diese ihre Tollheit mir schon manche böse Stunde bereitet hat. Seit einigen Tagen nun war eine fürchterliche Krise bei ihr eingetreten, und einzig in dem Verlangen, ihr den Beweis zu liefern, daß sie nichts von meiner Zuneigung verloren habe und der ihr gebührende eheliche Tribut nicht anderswohin geflossen sei, habe ich mich in diesen Zustand versetzt.« – »Du hast also vergessen,« rief ich, »daß du fünfundvierzig Jahre alt bist, und daß gegen die Eifersucht kein Kraut gewachsen ist? Weißt du nicht, furens quid femina possit?« Was ein wütendes Weib vermag. Ich führte noch mehrere andere, wenig galante Reden, denn ich war wirklich zornig.

»Uebrigens laß doch einmal sehen,« fuhr ich dann ruhiger fort. »Dein Puls ist matt, hart, krampfhaft zusammengezogen; was gedenkst du denn nun zu thun?« – »Der Doctor ist eben hier gewesen,« erwiderte er mir. »Er meint, ich hätte ein nervöses Fieber, und hat mir einen Aderlaß verordnet, zu welchem Zwecke er mir unverzüglich den Chirurgen schicken will.« – »Den Chirurgen?!« rief ich entsetzt. »Hüte dich vor dem, oder du bist ein Kind des Todes! Wirf ihn aus dem Hause wie einen Meuchelmörder und sag' ihm, ich hätte mich deiner bemächtigt, des Leibes wie der Seele. Uebrigens kennt dein Arzt die Ursache deines Uebels?« – »Leider nicht: eine unzeitige Scham hat mich verhindert, ihm ein Bekenntnis abzulegen.« – »Gut, dann laß ihn ersuchen, nochmals mit vorzusprechen. Ich werde dir einen Trank bereiten, wie er für deinen Zustand paßt; inzwischen aber nimm dies.« Damit reichte ich ihm ein Glas Zuckerwasser, das er denn auch mit dem Vertrauen Alexanders und dem Glauben eines Köhlers hinunterschluckte.

Dann verließ ich ihn und eilte nach Hause, um dort ein stärkendes Elixir zu bereiten, das man unter dem Vermischten S. den zehnten Abschnitt des zweiten Theils. angeführt finden wird sammt den verschiedenen Methoden, deren ich mich zur Beschleunigung des Verfahrens bediente; denn in derartigen Fällen kann eine Verzögerung von nur wenigen Stunden unersetzlichen Schaden stiften.

Mit meinem Tranke bewaffnet, kehrte ich bald zu Rubat zurück und fand ihn bereits besser. Die Wangen begannen sich wieder zu röthen, und die Augen hatten ihre Starrheit verloren, die Unterlippe aber hing noch immer häßlich herab.

Bald darauf kam auch der Arzt. Ich setzte ihn von meinen Maßnahmen in Kenntnis, und der Kranke beichtete. Zuerst nahm die doctorale Stirn einen strengen Ausdruck an, dann aber sagte er, indem er uns ein wenig ironisch ansah, zu meinem Freunde: »Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich eine Krankheit nicht errieth, die weder mit Ihrem Alter noch mit Ihrem Stande in Einklang steht, und Sie haben wirklich die Bescheidenheit zu weit getrieben, indem Sie mir die Ursache derselben verbargen, die Ihnen doch nur zur Ehre gereichen kann. Ich muß Sie deshalb tadeln, denn Sie haben mich dadurch einem Irrthum ausgesetzt, der Ihnen hätte verderblich werden können. Im übrigen aber hat mein verehrter Herr College« – dabei machte er mir eine Verbeugung, die ich ihm mit Zinsen zurückgab – »Sie bereits auf den rechten Weg gebracht. Nehmen Sie seinen Trank, unter welchem Namen er Ihnen denselben auch reichen mag, und wenn dann das Fieber Sie verläßt, wie ich das erwarte, so genießen Sie morgen zum Frühstück eine Tasse Chocolade, die mit dem Gelben von zwei frischen Eiern versetzt ist.«

Damit nahm er Stock und Hut und verließ uns, während wir nicht wenig Lust verspürten, auf seine Kosten in lautes Gelächter auszubrechen.

Ich reichte nun meinem Kranken eine große Tasse von meinem Lebenselixir. Er trank begierig und verlangte eine zweite Auflage, ich bestand jedoch auf einem zweistündigen Aufschub und gab ihm erst unmittelbar vor meinem Weggehen eine zweite Tasse.

Am nächsten Morgen war er bereits fieberfrei und fast wiederhergestellt. Er frühstückte der Verordnung des Doctors gemäß, nahm abermals meinen Trank und konnte schon am folgenden Tage wieder seinen gewöhnlichen Geschäften nachgehen; die rebellische Lippe aber kehrte erst nach dem dritten Tage in ihre natürliche Stellung zurück.

Kurze Zeit darauf wurde die Geschichte unter der Hand ruchbar, und die Damen zischelten einander in die Ohren.

Einige bewunderten meinen Freund, fast alle bedauerten ihn, der Professor aber ward hoch gepriesen.

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