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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
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Vierundzwanzigste Betrachtung. Ueber das Fasten.

Definition.

116. Das Fasten ist eine willkürliche Enthaltung von Nahrungsmitteln zu einem moralischen oder religiösem Zweck.

Obgleich das Fasten einer unserer Neigungen oder vielmehr einem unserer alltäglichen Bedürfnisse widerstreitet, stammt es doch schon aus dem entferntesten Alterthum.

Ursprung des Fastens.

Man höre, wie die Autoren den Ursprung dieser Sitte erklären.

Bei besondern Unglücksfällen, sagen sie, wenn z. B. ein Vater, eine Mutter, ein geliebtes Kind in der Familie starb, gerieth das ganze Haus in Trauer: man weinte, wusch den Leichnam, balsamirte ihn ein und bestattete ihn mit den dem Range des Todten entsprechenden Ehren. Bei solchen Gelegenheiten dachte man kaum ans Essen: man fastete, ohne dessen inne zu werden.

Das nämliche geschah bei öffentlichen Calamitäten, wenn man von außerordentlicher Dürre, übermäßigem Regen, blutigen Kriegen, ansteckenden Krankheiten, kurzum von jenen Plagen heimgesucht ward, gegen die weder Kraft noch Kunst etwas vermögen. Man vergoß Thränen, schrieb all dies Unglück dem Zorn der Götter zu, demüthigte sich vor ihnen und brachte ihnen mit den Nöthen der Enthaltsamkeit ein Opfer dar. Das Unglück nahm ein Ende, man redete sich ein, dies sei eine Wirkung des Fastens und der Thränen, und fuhr fort, bei ähnlichen Gelegenheiten zu diesem Mittel seine Zuflucht zu nehmen.

Zunächst also gaben die von einem öffentlichen oder häuslichen Unglück heimgesuchten Menschen sich der Traurigkeit hin und versäumten daher, Nahrung zu sich nehmen. Dann aber betrachteten sie diese freiwillige Enthaltsamkeit als eine religiöse Handlung.

Sie meinten, sie könnten das Mitleid der Götter erregen, wenn sie, so oft ihre Seele litt, ihren Körper peinigten, und diese Vorstellung, die bei allen Völkern Eingang fand, gab ihnen die Trauer, die Gelübde, die Gebete, die Opfer, die Kasteiungen und die Enthaltsamkeit ein.

Endlich hat dann Christus bei seinem Erscheinen auf Erden das Fasten geheiligt, und alle christlichen Secten haben es in mehr oder weniger strenger Form angenommen.

Wie man fastete.

117. Es steht nicht zu leugnen, daß die Andachtsübung des Fastens ungemein in Verfall und Vergessenheit gerathen ist. Zur Erbauung der Ungläubigen aber, oder auch zu ihrer Bekehrung, will ich hier berichten, auf welche Weise wir um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts dabei verfuhren.

An den gewöhnlichen Tagen frühstückten wir vor neun Uhr morgens Brot, Käse und Früchte, bisweilen auch Pasteten und kaltes Fleisch.

Zwischen zwölf und ein Uhr wurde zu Mittag gegessen und zwar Suppe und Hausmannskost mit mehr oder weniger Beilagen, je nach den Vermögensverhältnissen und den äußern Umständen.

Gegen vier Uhr vesperte man. Dies Mahl war nur leicht und besonders für die Kinder und diejenigen bestimmt, die sich der Nachahmung vorsündflutlicher Gebräuche befleißigten.

Es gab aber auch Abend-Vesperessen, die um fünf Uhr begannen und ins Unendliche fortdauerten. Bei diesen Mahlzeiten ging es in der Regel sehr vergnügt und heiter her, und die Damen ließen sich dieselben von Herzen gefallen. Sie hielten sogar bisweilen dergleichen Essen ganz unter sich ab, wo dann die Männer durchaus keinen Zutritt hatten. Ich finde in meinen Geheimen Denkwürdigkeiten verzeichnet, daß bei solchen Gelegenheiten unbändig viel geklatscht und gelästert wurde.

Gegen acht Uhr kam das Abendbrot: Vorspeise, Braten, Beiessen, Salat und Nachtisch. Dann spielte man seine Partie und ging zu Bett.

In Paris gab es zu jeder Zeit Soupers, die einer höhern Ordnung angehörten und erst nach dem Theater stattfanden. Die Theilnehmer waren je nach den Umständen hübsche Frauen, beliebte Schauspielerinnen, elegante Courtisanen, große Herren, Finanzleute, Wüstlinge und Schöngeister.

Dort erzählte man die Tagesneuigkeiten, sang die neuesten Couplets, sprach von Politik, Literatur und Theater – vor allem aber liebelte man.

Sehen wir nun, wie man sich an den Fasttagen verhielt.

Man aß Fastenspeisen, frühstückte nicht und hatte in Folge dessen mehr Appetit als gewöhnlich.

Zur bestimmten Stunde aß man zu Mittag und verzehrte so viel man nur konnte. Aber Fisch und Gemüse sind schnell verdaut, und noch vor fünf Uhr kam man schon vor Hunger um. Man sah nach der Uhr, wartete und fuhr vor Ungeduld aus der Haut, während man so für sein Seelenheil litt und kämpfte.

Um acht Uhr wurde leider kein gutes Abendessen, sondern die sogenannte Collation aufgetragen, deren Name aus dem Kloster stammt, indem die Mönche sich abends zu Redeübungen über die Kirchenväter zu versammeln pflegten und nach Schluß dieser Uebungen ein Glas Wein erhielten.

Die Collation durfte weder Butter, noch Eier, noch sonst ein Nahrungsmittel aus dem Thierreich enthalten. Man mußte sich also mit Salat, Confitüren und Früchten begnügen, Gerichte, die leider von wenig Gewicht waren gegenüber dem Hunger, den man zu jener Zeit hatte. Aus Liebe zur himmlischen Seligkeit faßte man sich indessen in Geduld, ging zu Bett und fing die ganze Fastenzeit über mit jedem Tage dies Hungerleben von neuem an.

Was die Theilnehmer an den oben erwähnten galanten Soupers betrifft, so hat man mich versichert, daß sie nie die Fasten hielten und nie gefastet haben.

Das Meisterstück der Küche jener Zeit war eine streng apostolische Collation, die dennoch einem guten Abendessen ähnlich sah.

Die Wissenschaft war, Dank der stillschweigenden Zulassung der blau gesottenen Fische, der Wurzel-Kraftbrühen und des Backwerks mit Oel wirklich mit der Lösung dieses Problems zu Stande gekommen.

Die genaue Beobachtung der Fasten gab aber Veranlassung zu einem Vergnügen, das uns unbekannt ist, nämlich zu der Wollust, sich durch das Frühstück am ersten Ostertage zu entfasten.

Betrachtet man nämlich die Sache genauer, so findet man, daß die Grundlagen unserer Freuden die Schwierigkeit, die Entbehrung und das Verlangen nach dem Genusse sind. Diese drei Umstände aber fanden sich in der Handlung vereint, durch welche der Enthaltsamkeit ein Ziel gesetzt wurde, und ich habe zwei von meinen Groß-Onkeln, brave und tugendhafte Männer, vor Entzücken die Besinnung verlieren sehen in dem Momente, wo sie am Ostertage einen Schinken anschneiden und eine Pastete ausweiden sahen. Wir würden heutzutage, entartet wie wir sind, so gewaltigen Empfindungen gar nicht mehr gewachsen sein.

Erschlaffung der Fastenzucht.

118. Ich habe die Erschlaffung in der Beobachtung der Fasten entstehen sehn. Sie kam ganz allmählich.

Die Kinder bis zu einem gewissen Alter waren nicht an das Fasten gebunden. Ebenso waren die Frauen, die schwanger waren oder es zu sein glaubten, wegen ihres Zustandes nicht dazu verpflichtet und erhielten Fleisch und ein Abendbrot, das die Fastenden in die größte Versuchung führte.

Nun bemerkten die Leute reifern Alters plötzlich, daß das Fasten sie in einen krankhaft gereizten Zustand versetze, ihnen Kopfweh verursache und sie am Schlafe hindere. Alle jene kleinen Zufälle, die im Frühling auf den Menschen einstürmen, die leichten Hautausschläge, der Schwindel, das Nasenbluten und andere Symptome der Gährung der Säfte, wie das Erwachen der Natur sie hervorruft, wurden jetzt dem Fasten in die Schuhe geschoben, und so fastete denn der eine nicht, weil er sich für krank hielt, der andere, weil er es gewesen war, und der dritte, weil er es zu werden fürchtete, woher dann die Fastenspeisen und die Collationen mit jedem Tage seltener wurden.

Das ist aber noch nicht alles. Es traten einige so strenge Winter ein, daß man einen Mangel an Wurzeln befürchten mußte. Die geistliche Gewalt selbst ließ daher von Amtswegen in der Strenge ihrer Anforderungen nach, während die Hausväter über den Mehraufwand klagten, den die Fastendiät veranlaßte, andere die Behauptung laut werden ließen, Gott könne unmöglich verlangen, daß man seine Gesundheit aufs Spiel setze, und die Ungläubigen die Bemerkung hinzufügten, das Paradies könne überhaupt nicht durch Hungern gewonnen werden.

Die Verpflichtung erkannte man aber nichtsdestoweniger noch immer an, und beinahe immer ersuchte man die Geistlichen erst noch um Entbindung von derselben, die sie allerdings selten verweigerten, aber doch meistens nur unter der Bedingung ertheilten, daß die Enthaltsamkeit durch einige Almosen ersetzt werde.

Nun aber brach die Revolution aus, die alle Gemüther mit ganz andern Sorgen, Befürchtungen und Interessen erfüllte und niemand Zeit und Gelegenheit ließ, sich an die Priester zu wenden, von denen die einen als Feinde des Staats verfolgt wurden, was sie indessen nicht hinderte, die andern als Schismatiker zu betrachten.

Zu dieser Ursache, die glücklicherweise heute nicht mehr besteht, kam noch eine zweite, nicht minder wirksame. Die Stunde unserer Mahlzeiten ist eine völlig andere geworden: wir essen nicht mehr so oft und auch nicht zu denselben Tageszeiten wie unsere Vorfahren, und das Fasten müßte daher von Grund aus neu organisirt werden.

Dies ist von so unzweifelhafter Wahrheit, daß ich, der ich doch nur ordentliche, sittsame und sogar ziemlich gläubige Leute besuche, mich nicht erinnere, während der letzten fünfundzwanzig Jahre außerhalb meiner Behausung zehn Fastenmahlzeiten und auch nur eine einzige Collation angetroffen zu haben.

Viele Leute könnten in einem solchen Falle sehr in Verlegenheit gerathen, ich aber weiß, daß St. Paulus diesen Fall vorausgesehen hat und halte mich unter seinem Schutze für gesichert.

Uebrigens würde man sich sehr täuschen, wenn man meinte, daß diese neue Ordnung der Dinge der Unmäßigkeit zu gute gekommen wäre.

Die Zahl der Mahlzeiten hat sich beinahe um die Hälfte vermindert. Die Trunksucht ist verschwunden, um nur noch an gewissen Tagen in den untersten Volksschichten zum Vorschein zu kommen. Man feiert keine Orgien mehr: ein grobsinnlicher Wüstling würde sich die öffentliche Verachtung zuziehen. Mehr als ein Drittel der Bewohner von Paris nimmt morgens nur ein leichtes Frühstück zu sich, und wenn einige den Genüssen einer gewählten und verfeinerten Feinschmeckerei fröhnen, so kann ihnen das nicht zum Vorwurf gereichen, denn wir haben ja weiter oben gesehen, daß alle Welt dabei gewinnt und niemand dabei verliert.

Wir wollen dies Kapitel nicht abschließen, ohne auf die neue Richtung aufmerksam gemacht zu haben, die der Geschmack des Volkes genommen hat.

Jeden Tag bringen tausende von Menschen den Abend im Theater oder im Café zu. Vierzig Jahre vorher würden sie ihn in der Schenke verbracht haben.

Die Sparsamkeit gewinnt bei dieser neuen Sitte ohne Zweifel nichts, in moralischer Hinsicht aber ist dieselbe von großem Vortheil. Durch das Theater werden die Sitten gemildert, man unterrichtet sich im Café durch das Lesen der Journale, vor allem aber und mit aller Gewißheit entgeht man den Streitereien, den Krankheiten und der Verthierung, welche der häufige Besuch der Schenke unfehlbar im Gefolge hat.

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