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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 27
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typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
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Einundzwanzigste Betrachtung. Ueber die Fettleibigkeit.

99. Wäre ich wohlbestallter Arzt und Doctor der Medicin geworden, so würde es mein Erstes gewesen sein, eine gute Monographie über die Fettleibigkeit zu schreiben. Damit hätte ich meine Herrschaft in diesem Zweige der Wissenschaft begründet und nun den doppelten Vortheil genossen, die Leute, die sich am besten befinden, zu Kranken zu haben und mich tagtäglich von der schönern Hälfte des Menschengeschlechts belagert zu sehen, denn ein richtiges Maß von Fülle und Rundung zu besitzen, nicht zu viel und nicht zu wenig, ist ja für die Frauen das Studium ihres ganzen Lebens.

Was ich nicht gethan habe, wird ein anderer Arzt thun, und wenn er zugleich tüchtig, verschwiegen und ein hübscher Bursche ist, so prophezeie ich ihm wunderbare Erfolge.

Exoriare aliquis nostris ex ossibus haeres! Möge aus unserm Gebein ein würdiger Erbe erstehn.

Inzwischen aber will ich doch den Reigen eröffnen, denn in einem Werke, das den Menschen, in sofern er sich ernährt, zum Gegenstande hat, ist ein Abschnitt über die Fettleibigkeit unerläßlich.

Ich verstehe unter Fettleibigkeit jenen Grad von Fettanhäufung, wo die Glieder, ohne daß das Individuum krank ist, allmählich an Umfang zunehmen und ihre ursprüngliche Gestalt und Harmonie verlieren.

Eine Art von Fettleibigkeit beschränkt sich auf den Unterleib. An Frauen habe ich dieselbe nie beobachtet: da diese nämlich im allgemeinen eine weichere Faser haben, so verschont die Fettleibigkeit, wenn sie ein Mitglied der schöneren Hälfte der Menschheit befällt, keinen Theil des Körpers. Ich nenne diese Art von Fettleibigkeit Gastrophorie und die damit Behafteten Gastrophoren (Bauchträger). Ich gehöre selbst zu dieser Klasse, aber obgleich mit einem stattlichen Bäuchlein gesegnet, habe ich immer noch dürre Waden und vorstehende Sehnen wie ein arabischer Renner.

Nichtsdestoweniger habe ich meinen Bauch immer für einen gefährlichen Feind angesehen. Ich habe ihn besiegt und auf eine majestätische Rundung beschränkt – aber ich mußte kämpfen, um zu siegen, und was in diesem Abschnitte Gutes enthalten sein mag, das verdanke ich einem dreißigjährigen Kampfe.

Ich beginne mit einem Auszuge aus mehr als fünfhundert Zwiegesprächen, die ich mit Tischnachbarn hatte, welche entweder schon von der Fettleibigkeit befallen oder doch von ihr bedroht waren.

 

Der Dicke. Mein Gott, was für köstliches Brot! Woher beziehen Sie das?

 

Ich. Von Limet in der Rue de Richelieu, dem Bäcker ihrer Kgl. Hoheiten des Herzogs von Orleans und des Prinzen Condé. Ich nahm ihn, weil er mein Nachbar ist, und behalte ihn bei, weil ich den ersten Bäcker der ganzen Welt in ihm erkannt habe.

 

Der Dicke. Das werde ich mir merken. Ich esse viel Brot, und bei solchen Brötchen, wie diese sind, könnte ich mich alles übrigen entschlagen.

 

Ein zweiter Dicker. Aber was machen Sie denn? Sie schöpfen die Fleischbrühe von Ihrer Suppe ab und lassen den schönen Reis auf dem Teller?

 

Ich. Das ist eine besondere Diät, die ich mir zum Gesetz gemacht habe.

 

Der Dicke. Eine schlechte Diät, mein Herr! Reis ist eine Delicatesse für mich, ebenso wie die Mehlspeisen, die Pasteten und dergleichen: das sind die nahrhaftesten, billigsten und leicht verdaulichsten Speisen.

 

Ein ganz Dicker. Haben Sie die Güte, mein Herr, und reichen Sie mir die Kartoffeln her, die da vor Ihnen stehen. Man ist so im Zuge, daß ich nachher zu spät zu kommen fürchte.

 

Ich. Hier sind die Kartoffeln, mein Herr.

 

Der Dicke. Aber auch Sie werden sich doch bedienen? Der Vorrath reicht für uns beide aus, und nach uns die Sündflut!

 

Ich. Ich danke, mein Herr. Ich betrachte die Kartoffel nur als ein Schutzmittel gegen Hungersnoth, im übrigen aber finde ich, daß sie entsetzlich fade schmeckt.

 

Der Dicke. Eine gastronomische Ketzerei! Es giebt nichts Besseres als Kartoffeln. Ich esse sie auf jede Art zubereitet, und sollten noch im zweiten Gange Kartoffelgerichte auf den Tisch kommen, so gebe ich hiermit die übliche Erklärung zur Wahrung meiner Rechte ab.

 

Eine dicke Dame. Sie würden mich sehr verbinden, mein Herr, wenn Sie mir die Bohnen von Soisfons reichen lassen wollten, die ich da unten auf dem Tische sehe.

 

Ich ( nach Ausführung des Befehls leise nach bekannter Melodie vor mich hinsummend).

O in Soissons zu sein,
Wo die Bohnen gedeih'n ...

 

Die Dame. Spotten Sie nicht, die Bohnen sind ein wahrer Schatz für jene Gegend: Paris bezieht von dort für ganz bedeutende Summen. Auch die kleinen Ackerbohnen, die man für gewöhnlich englische Bohnen nennt, empfehle ich ihrer Gewogenheit: grün gekocht und gegessen, sind sie ein Essen für Götter.

 

Ich. Fluch den Ackerbohnen! Fluch den Bohnen von Soissons! ...

 

Die Dame ( mit entschlossener Miene). Ich verlache Ihren Fluch. Sollte man nicht meinen, Sie machten für sich ganz allein ein Concil aus?

 

Ich ( zu einer andern). Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer herrlichen Gesundheit, Madame. Wie mir scheint, sind Sie ein wenig beleibter geworden, seit ich das letzte Mal die Ehre hatte, Sie zu sehen.

 

Die Dame. Das verdanke ich wahrscheinlich meiner neuen Diät.

 

Ich. Wie so?

 

Die Dame. Ich nehme nämlich seit einiger Zeit zum Frühstück eine gute Fleischsuppe, eine Portion wie für zwei, und was für eine Suppe! der Löffel würde darin stehen. –

 

Ich ( zu einer dritten). Madame, wenn Ihre Augen mich nicht täuschen, so würden Sie ein Stück von dieser Apfeltorte annehmen? Ich werde Sie zu Ihrer Genugtuung anschneiden.

 

Die Dame. Bitte, mein Herr, diesmal täuschen meine Augen Sie wirklich. Ich habe hier zwei Lieblingsgerichte, die aber beide männlichen Geschlechts sind: jenen Reiskuchen da mit der goldglänzenden Kruste und dies colossale Savoyer Zuckerbrot. Denn merken Sie sich ein für alle Mal: ich schwärme für süßes Backwerk. –

 

Ich ( zu einer vierten). Wünschen Sie vielleicht, Madame, daß ich, während man da unten politisirt, diese Marzipantorte für Sie zur Rede stelle?

 

Die Dame. Wenn Sie die Güte haben wollen – nichts geht mir über Backwerk. Wir haben einen Kuchenbäcker zum Miether, und ich glaube, meine Tochter und ich verzehren bei ihm den ganzen Miethzins, wenn nicht gar mehr.

 

Ich ( nachdem ich die junge Dame einer Musterung unterworfen). Diese Diät bekommt Ihnen beiden vortrefflich. Ihr Fräulein Tochter ist wirklich ein sehr schönes Mädchen, vollkommen entwickelt.

 

Die Dame. Werden Sie glauben, daß ihre Freundinnen ihr bisweilen sagen, sie sei zu fett?

 

Ich. Das geschieht vielleicht aus purem Neid ...

 

Die Dame. Das ist schon möglich. Uebrigens verheirathe ich sie jetzt, und das erste Kindbett wird schon alles in Ordnung bringen. –

Durch Gespräche dieser Art verschaffte ich mir Klarheit über eine Theorie, deren erste Grundlage ich einer Beobachtung an andern Geschöpfen als dem Menschen entnommen hatte, nämlich daß die Fettleibigkeit zur Hauptursache stets eine Diät hat, in der die Mehl- und Stärke-Elemente allzu sehr vorherrschen. Auf dieselbe Weise vergewisserte ich mich auch, daß eine derartige Ernährungsweise stets die nämliche Wirkung hat.

Die fleischfressenden Thiere, wie z. B. der Wolf, der Schakal, die Raubvögel, der Rabe u. s. w., werden in der That niemals fett.

Auch die Pflanzenfresser werden selten fett, wenigstens so lange das Alter sie nicht ruhig macht. Dagegen mästen sie sich schnell und zu jeder Zeit, sobald man sie mit Kartoffeln, Getreide oder sonstigen Mehlarten füttert.

Bei den Wilden und in den Gesellschaftsklassen, wo man arbeitet, um zu essen, und ißt, um zu leben, tritt die Fettleibigkeit niemals auf.

Ursachen der Fettleibigkeit.

100. Im Anschluß an die vorstehend aufgeführten Beobachtungen, von deren Richtigkeit sich jeder überzeugen kann, ist es leicht, die Hauptursachen der Fettleibigkeit anzugeben.

Die erste ist die natürliche Anlage des Individuums. Beinahe alle Menschen werden mit gewissen Anlagen geboren, die schon auf ihrer Physiognomie ausgeprägt stehen. Von hundert Personen, die an der Schwindsucht sterben, haben neunzig braunes Haar, ein langes Gesicht und eine spitze Nase. Von hundert Fettleibigen haben neunzig ein rundes Gesicht, runde Augen und eine Stumpfnase.

Es giebt also unzweifelhaft Personen, die gewissermaßen zur Fettleibigkeit prädestinirt sind, und deren Verdauungskräfte unter sonst gleichen Umständen eine größere Quantität Fett aus den Nahrungsstoffen ausziehen.

Diese physikalische Wahrheit, von der ich fest überzeugt bin, beeinflußt in gewissen Fällen meine Anschauungsweise auf eine recht unangenehme Art.

Trifft man in der Gesellschaft ein kleines, lebhaftes, rosiges Fräulein mit keckem Stumpfnäschen, gerundeten Formen, weichen Patschhändchen, kurzen und fleischigen Füßchen, so ist alle Welt entzückt und findet sie reizend, während ich, durch die Erfahrung belehrt, sie mit Blicken betrachte, die um zehn Jahre vorauseilen, schon die Verwüstungen sehe, welche die Fettleibigkeit alsdann unter diesen thaufrischen Reizen angerichtet haben wird, und im Stillen über Uebel seufze, die noch gar nicht existiren. Dies vorgängige Mitleid ist ein peinliches Gefühl und bietet einen Beweis mehr für die Wahrheit, daß der Mensch noch weit unglücklicher sein würde als jetzt, wenn er die Zukunft vorhersehen könnte.

Die zweite Hauptursache der Fettleibigkeit bilden die Mehlspeisen, die der Mensch zur Grundlage seiner täglichen Nahrung macht. Wie schon gesagt, werden alle Thiere, die von Mehl enthaltenden Stoffen leben, fett, ob sie wollen oder nicht, und auch der Mensch unterliegt diesem allgemeinen Gesetze.

Noch schneller und sicherer bringt das Mehl seine Wirkung hervor, wenn es mit dem Zucker verbunden wird. Der Zucker und das Fett enthalten als gemeinsames Princip den Wasserstoff, beide sind verbrennlich. Mit dieser Beimischung wird aber die Stärke um so wirksamer, da sie nun dem Geschmacke weit mehr zusagt und man doch die gezuckerten Nebenspeisen erst dann zu essen pflegt, wenn der natürliche Appetit bereits befriedigt und nur noch jener Luxusappetit vorhanden ist, den man durch alles anstacheln muß, was die ausgesuchteste Kunst und der verlockendste Wechsel herzugeben vermögen.

Nicht weniger fettbildend wirkt das Stärkemehl, wenn es als Beimischung zu Getränken, wie z. B. zum Bier und ähnlichen, in den Körper eingeführt wird. Die staunenerregendsten Bäuche sind daher auch bei den biertrinkenden Völkern zu finden, und einige pariser Familien, die 1817 aus Sparsamkeit Bier tranken, weil der Wein zu theuer war, sind dafür mit einer Leibesfülle belohnt worden, mit der sie durchaus nichts mehr anzufangen wissen.

Fortsetzung.

101. Eine Doppelursache der Fettleibigkeit giebt langes Schlafen und Mangel an Leibesübung ab.

Der menschliche Körper bringt während des Schlafes viele Verluste wieder ein und erleidet dagegen nur geringe Einbußen, weil die Muskelthätigkeit eingestellt ist. Der gewonnene Ueberschuß müßte also durch Leibesübungen aufgezehrt werden, aber eben durch das lange Schlafen beschränkt man auch die Zeit, die der Thätigkeit und der Bewegung gewidmet werden könnte.

Eine weitere Folge besteht darin, daß die Langschläfer vor jeder auch noch so geringfügigen Anstrengung zurückschrecken. In Folge dessen wird der Ueberschuß der Assimilation durch den Blutumlauf fortgeführt, nimmt dabei mittelst eines Processes, dessen Geheimnis sich die Natur vorbehalten hat, einen Zusatz von einigen hundert Theilen Wasserstoff auf, und so bildet sich das Fett, das dann durch denselben Kreislauf in den Kapseln des Zellgewebes abgesetzt wird.

Fortsetzung.

102. Eine letzte Ursache der Fettleibigkeit bildet das übermäßige Essen und Trinken.

Man hat mit Recht die Behauptung aufgestellt, es sei eines der Privilegien des Menschen, daß er ohne Hunger essen und ohne Durst trinken könne, und in der That ist dies Vorrecht den Thieren unzugänglich, denn es entspringt aus dem Ueberdenken des Tafelvergnügens und aus dem Verlangen, dessen Dauer zu verlängern Diese Behauptung widerspricht der sehr alltäglichen Erfahrung, daß namentlich fleischfressende Thiere sich bei guter Gelegenheit bis zum Erbrechen vollstopfen und dann nicht selten eine höchst elende Figur spielen. Jedenfalls würden sie auch über den Durst trinken, wenn nicht ihr einziges Getränk Wasser oder höchstens einmal Milch wäre. Der Elephant soll bekanntlich dem Arak ergeben sein: gäbe man ihm davon nach seinem Begehr, so würde er sich zweifelsohne einen elephantenmäßigen Zopf antrinken. D. Uebers..

Ueberall, wo sich Menschen fanden, hat man auch diese doppelte Neigung angetroffen: die Wilden fressen bekanntlich übermäßig und berauschen sich bis zur Verthierung jedes Mal, wo sich ihnen Gelegenheit dazu bietet.

Was uns anlangt, die Bürger zweier Welten, die wir auf der Höhe der Civilisation zu stehen glauben, so steht fest, daß wir zu viel essen.

Ich sage das nicht von der geringen Anzahl derer, die aus Geiz oder aus Noth einsam und zurückgezogen leben, die erstern erfreut über das, was sie zusammenscharren, die letztern betrübt über ihr Unvermögen, aber ich behaupte es mit aller Bestimmtheit von allen denen, die, im Verein mit uns lebend, abwechselnd Gastgeber oder Gäste sind, die mit Liebenswürdigkeit einladen oder mit Zuvorkommenheit annehmen, die, obschon ihr Bedürfnis gestillt ist, doch noch von einem Gerichte essen, weil es verführerisch, und von einem Weine trinken, weil er fremden Ursprungs ist. Von diesen behaupte ich es mit aller Bestimmtheit, gleichviel ob sie täglich in ihrem Speisesaal das gastronomische Zepter schwingen, oder ob sie nur Sonntags und bisweilen Montags ein Essen geben. Bei jeder größeren Versammlung essen und trinken diese alle zuviel, und ungeheure Massen von Lebensmitteln werden täglich ohne jedes Bedürfnis verspeist.

Diese Ursache, die beinahe ununterbrochen vorhanden ist, wirkt je nach der Constitution der Individuen sehr verschieden, und bei denen, die einen schlechten Magen haben, erzeugt sie nicht Fettleibigkeit, sondern vielmehr Verdauungsbeschwerden.

Anekdote.

103. Wir haben dafür ein Beispiel vor Augen gehabt, das in halb Paris bekannt war.

Herr Lang führte einen glänzenden Haushalt. Besonders seine Tafel war ausgezeichnet, sein Magen aber war ebenso schlecht, wie seine Feinschmeckerei groß. Er machte in vollkommener Weise die Honneurs und aß namentlich mit einem Muthe, der eines besseren Lohnes würdig war.

Bis nach dem Kaffee ging alles gut. Dann aber sträubte sich der Magen gegen die Arbeit, die man ihm auferlegt hatte. Die Schmerzen begannen, und der unglückliche Gastronom war genöthigt, sich auf ein Sopha zu werfen, wo er bis zum folgenden Tag liegen blieb und die kurze Lust, die er genossen, mit langen Leiden büßte.

Das Merkwürdigste war, daß er sich trotzdem niemals besserte: so lange er lebte, blieb er diesem seltsamen Wechsel unterworfen, und die Leiden des vorhergehenden Tages waren niemals von Einfluß auf das Mahl des folgenden.

Bei den Individuen mit gesundem Magen wirkt das Uebermaß an Nahrung in der Weise, die wir im vorhergehenden Abschnitte geschildert haben. Es wird alles verdaut, und was nicht zur Aufbesserung des Körpers verwandt wird, setzt sich an und wird in Fett umgewandelt.

Bei den übrigen dagegen herrscht ewige Unverdaulichkeit: die Nahrungsmittel passiren den Magen und den Darm, ohne Nutzen zu stiften, und der mit der Ursache nicht Vertraute wundert sich, daß so viele vortreffliche Dinge kein besseres Endergebnis liefern.

Man wird übrigens bemerken, daß ich hier den Gegenstand nicht völlig erschöpfe: es giebt noch eine große Anzahl untergeordneter Ursachen, die unsern Gewohnheiten, unsern Neigungen, unsern Vergnügungen und dem gewählten Berufe entspringen und die oben angegebenen Hauptursachen wirksam unterstützen.

Dies alles vermache ich dem Nachfolger, den ich zu Anfang dieses Kapitels auf die Scene gebracht habe, und begnüge mich mit einigen Vorbemerkungen, wie das immer das Recht dessen ist, der einen Gegenstand zuerst behandelt.

Die Unmäßigkeit hat sehr lange die Blicke der Beobachter gefesselt. Die Philosophen haben die Mäßigkeit gerühmt, die Fürsten haben Luxusgesetze erlassen, die Kirche hat gegen die Feinschmeckerei gedonnert – aber ach! man hat deshalb keinen Bissen weniger gegessen, und die Kunst, zu viel zu essen, blüht täglich mehr.

Vielleicht bin ich glücklicher, wenn ich einen neuen Weg einschlage und die physischen Nachtheile der Fettleibigkeit auseinandersetze. Die Sorge um das liebe Selbst ( self-preservation) ist vielleicht wirksamer als die Moral, beredter als die Predigten, mächtiger als die Gesetze, und das schöne Geschlecht vielleicht sehr geneigt, die Augen dem Lichte zu erschließen.

Nachtheile der Fettleibigkeit.

104. Die Fettleibigkeit übt einen bedeutenden Einfluß auf beide Geschlechter: sie beeinträchtigt sowohl die Kraft wie die Schönheit.

Sie beeinträchtigt die Kraft, weil sie das Gewicht der zu bewegenden Masse vermehrt, ohne die bewegende Kraft zu erhöhen, und ferner auch dadurch, daß sie die Respiration erschwert, was jede Arbeit, die eine längere Anspannung der Muskelkraft erfordert, unmöglich macht.

Sie beeinträchtigt die Schönheit durch Zerstörung der ursprünglichen Harmonie, da nicht alle Theile in gleichem Maße zunehmen.

Sie beeinträchtigt sie ferner durch Ausfüllung der Vertiefungen, welche die Natur dazu bestimmt hatte, gewissermaßen als Schönpflästerchen zu dienen; daher sieht man so häufig Gesichter, die früher höchst picant waren, durch die Fettleibigkeit einen beinahe nichtssagenden Ausdruck erhalten.

Sogar das Oberhaupt der vorigen Regierung, der Kaiser Napoleon, war diesem Gesetze verfallen. Er war während seiner letzten Feldzüge sehr fett geworden, sein früher bleiches Gesicht hatte eine aschgraue Farbe angenommen, und seine Augen hatten einen Theil ihres stolzen Ausdrucks verloren.

Die Fettleibigkeit hat den Widerwillen gegen den Tanz, das Spazierengehen und das Reiten oder die Untüchtigkeit zu allen den Beschäftigungen und Vergnügungen im Gefolge, die ein wenig Beweglichkeit oder Geschicklichkeit erfordern.

Ebenso prädisponirt sie zu verschiedenen Krankheiten, wie z. B. Schlagfluß, Wassersucht und Beingeschwüren, und erschwert die Heilung aller andern Uebel.

Beispiele von Fettleibigkeit.

105. Von dicken Helden habe ich nur Cajus Marius und Johann Sobieski im Gedächtnis behalten.

Marius war von kleiner Gestalt, aber so breit wie er lang war, und vielleicht erschreckte eben diese ungeheure Dicke den Cimbrer, der ihn tödten sollte.

Was den Polenkönig anlangt, so wäre seine Fettleibigkeit ihm beinahe verderblich geworden, denn als er auf eine türkische Reitermasse stieß und flüchten mußte, ging ihm bald der Athem aus, und er wäre unfehlbar niedergesäbelt worden, wenn nicht einige von seinen Adjutanten den fast Ohnmächtigen im Sattel erhalten hätten, während andere großherzig ihr Leben opferten, um den Feind aufzuhalten.

Wenn ich nicht irre, war auch der Herzog von Vendome, dieser würdige Sproß des großen Heinrich, außerordentlich wohlbeleibt. Er starb, von aller Welt verlassen, in einer Herberge und hatte noch Besinnung genug, um zu sehen, wie der letzte von seinen Leuten das Kissen wegriß, auf welchem er eben den letzten Seufzer aushauchte.

Die Bücher sind voll von Beispielen enormer Fettleibigkeit. Ich lasse dieselben hier unberücksichtigt und gedenke nur in wenig Worten derer, die mir selbst im Leben vorgekommen sind.

Herr Rameau, mein Mitschüler und später Maire von La Chaleur in Burgund, maß nur fünf Fuß zwei Zoll, wog aber fünfhundert Pfund.

Der Herzog von Luynes, neben dem ich oft zu sitzen kam, war mit der Zeit ungeheuer dick geworden. Das Fett hatte sein sonst schönes Gesicht geradezu verunstaltet, und die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in einem fast ununterbrochenen Zustande von Schlafsucht.

Das Außerordentlichste aber, was ich in dieser Art gesehen habe, war ein Bürger von New-York, den noch viele jetzt in Paris lebende Franzosen auf dem Broadway jener Stadt gesehen haben mögen, wo er in einem ungeheuren Sessel ruhte, dessen Beine als Kirchenpfeiler hätten verwendet werden können.

Edward maß mindestens fünf Fuß zehn Zoll, und da das Fett ihn nach allen Richtungen hin aufgetrieben hatte, so hatte er wenigstens acht Fuß im Umfang. Seine Finger glichen denen jenes römischen Kaisers, der die Halsbänder seiner Frau als Ringe ansteckte, seine Arme und Schenkel bildeten Cylinder von der Dicke eines Mannes mittlerer Statur, seine Füße glichen denen des Elephanten und verschwanden unter der Ueberfülle seiner Waden.

Die Fettlast hatte die untern Augenlider herabgezogen, so daß sich unter den Augen ein rothklaffender Fleck zeigte, am meisten aber entstellte ihn ein dreifaches Kinn, das ihm mehr als fußlang über die Brust herabhing, so daß sein Gesicht dem Knaufe eines Säulenrumpfes glich.

In diesem Zustande brachte Edward sein Leben am Fenster eines niedrigen Zimmers zu, das nach der Straße hinaus lag, indem er von Zeit zu Zeit ein Glas Ale trank, das stets in einem Kruge von bedeutender Fassungskraft im Bereiche seiner Hände stand.

Eine so seltsame Gestalt mußte natürlicherweise die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden fesseln. Sie durften sich aber nicht lange aufhalten, denn Edward zögerte nicht, sie in die Flucht zu treiben, indem er ihnen mit Grabesstimme zuschrie: » What have you to stare like wild cats? ... Go your way, you lazy body! ... Be gone, you good for nothing! dogs! Was habt ihr mich da anzuglotzen wie wilde Katzen? ... Geht eures Weges, fauler Schlingel! ... Weg da, Nichtsnutze! Hunde!« und dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr.

Nachdem ich ihn öfter mit Beifügung seines Namens gegrüßt hatte, plauderte ich bisweilen mit ihm. Er versicherte mich, daß er sich durchaus nicht langweile, sich keineswegs unglücklich fühle und gern in dieser Weise das Ende der Welt abwarten würde, wenn der Tod ihn nicht vorher umbrächte.

Aus dem Vorstehenden erhellt, daß die Fettleibigkeit, wenn auch keine Krankheit, so doch ein unangenehmes Uebel ist, dem wir fast immer durch eigene Schuld in die Hände fallen.

Ferner aber erhellt daraus, daß jeder wünschen muß, sich vor diesem Uebel zu bewahren, wenn er noch nicht mit demselben behaftet ist, oder sich davon zu befreien, falls es sich seiner bereits bemächtigt hat. Aus diesem Grunde wollen wir zu Gunsten aller untersuchen, welche Hilfsmittel uns die von der Beobachtung unterstützte Wissenschaft dagegen bietet.

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