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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
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Zwanzigste Betrachtung. Ueber den Einfluß der Ernährungsweise auf die Ruhe, den Schlaf und die Träume.

94. Mag der Mensch ruhen, schlafen oder träumen, immer steht er unter der Herrschaft der Gesetze der Ernährung und tritt nie aus dem Gebiete der Gastronomie heraus.

Theorie und Erfahrung verbinden sich zu dem Beweise, daß die Qualität und die Quantität der Nahrungsmittel auf die Arbeit, die Ruhe, den Schlaf und die Träume von bedeutendem Einfluß ist.

Einwirkung der Ernährungsweise auf die Arbeit.

95. Ein schlecht genährter Mensch kann den Strapazen einer anhaltenden Arbeit nicht lange die Spitze bieten. Sein Körper bedeckt sich mit Schweiß, die Kräfte verlassen ihn, und für ihn ist die Ruhe nur die Unmöglichkeit der Thätigkeit.

Handelt es sich um eine geistige Arbeit, so mangelt es den Gedanken an Kraft und Klarheit, die Ueberlegung weigert sich, sie mit einander zu verknüpfen, die Urtheilskraft, sie zu analysiren, das Gehirn ermüdet bei diesen vergeblichen Anstrengungen, und man schläft auf dem Schlachtfelde ein.

Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß die Soupers in Auteuil sowie in den Hôtels Rambouillet und Soissons den Schriftstellern des Zeitalters Ludwigs XIV. sehr viel Gutes gethan haben, und der caustische Geoffroy hätte, wenn eben die Thatsache feststände, nicht so Unrecht gehabt, als er die Poeten der letzten Jahre des achtzehnten Jahrhunderts mit dem Zuckerwasser aufzog, das er für ihr Lieblingsgetränk hielt.

Ich habe die Werke einzelner Autoren, von denen man weiß, daß sie in Armuth und Dürftigkeit lebten, auf Grund dieser Principien einer Prüfung unterworfen und gefunden, daß sie wirklich nur dann Energie zeigen, wenn die Autoren augenscheinlich durch ihr Elend oder durch schlecht verhehlten Neid angestachelt wurden.

Der Mensch dagegen, der sich gut nährt und seine Kräfte mit Umsicht und Einsicht ersetzt, ist einer Arbeitslast gewachsen, wie kein anderes lebendes Wesen sie zu ertragen vermag.

Napoleon arbeitete vor seiner Abreise nach Boulogne mit dem Staatsrathe und den verschiedenen Ministern dreißig Stunden lang, ohne eine andere Erquickung zu sich zu nehmen als zwei höchst kurze Mahlzeiten und einige Tassen Kaffee.

Brown erzählt von einem Secretär der englischen Admiralität, der durch Zufall einige Listen verloren hatte, die nur er allein wieder aufzustellen vermochte, und der ununterbrochen zweiundfünfzig Stunden an der Neuanfertigung derselben arbeitete. Ohne eine zweckmäßige Art der Ernährung hätte er diesem enormen Kraftabgang nicht begegnen können, er erhielt sich aber auf folgende Weise: zuerst Wasser, dann leichte Speisen, dann Wein, dann Kraftbrühen und endlich Opium.

Ich traf eines Tags einen mir noch von der Armee her bekannten Courier, der eben aus Spanien zurückkam, wohin die Regierung ihn mit Depeschen geschickt hatte ( correa ganando horas). Da er sich in Madrid nur vier Stunden aufgehalten hatte, so hatte er die ganze Reise in zwölf Tagen zurückgelegt. Einige Gläser Wein und einige Tassen Fleischbrühe waren alles, was er während dieser langen Zeit, in der er fast beständig in rüttelnder Bewegung und ohne Schlaf war, zu sich genommen hatte, und er behauptete, festere Nahrungsmittel würden ihm unfehlbar die Fortsetzung der Reise unmöglich gemacht haben Auch die tartarischen Couriere genießen bekanntlich während ihrer weiten Reisen, die sie mit fabelhafter Schnelligkeit zurückzulegen pflegen, nur ein wenig Reis und Opium. D. Uebers..

Einwirkung auf die Träume.

96. Von nicht geringerem Einfluß ist die Ernährungsweise auf den Schlaf und auf die Träume.

Der Hungrige kann nicht einschlafen. Die Leere seines Magens hält ihn auf schmerzhafte Weise wach, und wenn Schwäche und Erschöpfung ihn dennoch zum Schlummer zwingen, so ist sein Schlaf leicht, unruhig und unterbrochen.

Wer dagegen bei seinem Abendessen die Grenzen der Mäßigkeit überschritten hat, verfällt sogleich in tiefen Schlaf, und wenn er träumt, bleibt ihm nichts davon im Gedächtnis, weil das Nervenfluidum sich in den Empfindungskanälen nach allen Richtungen hin gekreuzt hat. Aus demselben Grunde ist auch sein Erwachen ein jähes: er findet sich nur mit Mühe ins gesellige Leben zurück, und wenn der Schlaf völlig verschwunden ist, verspürt er noch lange die Strapazen der Verdauung.

Man darf als gemeingiltige Regel den Satz aufstellen, daß der Kaffee den Schlaf verscheucht. Die Gewohnheit schwächt allerdings diese üble Wirkung und hebt sie sogar völlig auf, sie tritt aber unfehlbar bei allen Europäern ein, die erst mit dem Gebrauche des Kaffees beginnen. Einige Speisen dagegen machen auf angenehme Weise zum Schlafen geneigt, so alle die, bei denen die Milch die Hauptrolle spielt, ferner die ganze Familie der Lattiche, das Geflügel, der Portulak, die Orangenblüte und vor allem der Reinettapfel, wenn man ihn unmittelbar vor dem Zubettgehen ißt.

Fortsetzung.

97. Auf Millionen von Beobachtungen gestützt, ist die Erfahrung zu der Erkenntnis gelangt, daß die Nahrung die Träume bestimmt.

Im allgemeinen bewirken alle leicht erregenden Nahrungsmittel Träume, so Rind- und Hammelfleisch, Tauben, Enten, Wildpret und besonders Hasen.

Auch dem Spargel, der Sellerie, den Trüffeln, dem Confect und vor allem der Vanille wird diese Eigenschaft zuerkannt.

Man würde aber einen schweren Fehler begehen, wenn man diese schlafbefördernden Substanzen deshalb von unsern Tafeln verbannen wollte, denn die von ihnen erregten Träume sind in der Regel leichter, angenehmer Art und verlängern unser Dasein selbst bis in jene Zeit hinein, während der sie eine Unterbrechung zu erleiden scheint.

Für manche Personen ist der Schlaf ein Leben für sich, eine Art sich fortspinnenden Romans, d. h. ihre Träume haben eine Fortsetzung, sie träumen in der zweiten Nacht weiter, was sie in der vorhergehenden zu träumen begannen, und sehen im Traume Gesichter, die sie als Bekannte begrüßen, ohne ihnen doch je im wirklichen Leben begegnet zu sein.

Ergebnis.

98. Der Mensch, der über sein physisches Dasein nachdenkt und es den von uns dargelegten Grundsätzen gemäß einrichtet, trifft mit Umsicht die Einleitungen zu seiner Ruhe, seinem Schlafe und seinen Träumen.

Er theilt seine Arbeit so ein, daß nie des Guten zu viel wird, er erleichtert sie sich, indem er mit Verständnis und Einsicht für Abwechslung sorgt, und frischt sein Talent durch kurze Ruhepausen auf, die ihm wohl thun, ohne die Stetigkeit und Einheit aufzuheben, die bisweilen eine Pflicht ist.

Wenn er während des Tages einer längeren Ruhe bedarf, so giebt er sich ihr immer nur sitzend hin und enthält sich des Schlafs, falls dieser nicht etwa mit unwiderstehlicher Gewalt auf ihn eindringt; dann aber hütet er sich, diesen Tagschlummer zur Gewohnheit werden zu lassen.

Hat die Nacht die Stunde der Ruhe herbeigeführt, so zieht er sich in ein luftiges Zimmer zurück, verkriecht sich aber nicht hinter dichte Vorhänge, zwischen denen er hundert Mal dieselbe Luft athmen müßte, und hütet sich sorglich, die Fensterläden zu schließen, damit ihm jedes Mal, wenn er die Augen öffnet, ein lichter Schimmer Trost zuspreche.

Im Bette liegt er mit leicht erhöhtem Kopfe ausgestreckt. Sein Kopfpfühl ist mit Haaren gestopft, seine Nachtmütze von Leinwand, seine Brust wird nicht von der Last der Decken beengt, die Füße aber hält er mit Sorgfalt warm bedeckt.

Vorher hat er mit Verständnis gespeist und weder gute noch vorzügliche Gerichte verschmäht. Er hat guten und, mit gebührender Vorsicht, sogar feurigen Wein getrunken.

Beim Nachtisch hat er mehr von Galanterie als von Politik gesprochen und mehr Liebesverse als Epigramme gemacht. Er hat eine Tasse Kaffee getrunken, wenn seine Constitution es erlaubt, und einige Minuten später ein Gläschen guten Liqueurs genommen, nur um den Mund zu Parfümiren. Er hat sich im Ganzen als liebenswürdiger Tischgenosse und trefflicher Kenner gezeigt und doch die Grenzen des Bedürfnisses nur um ein Geringes überschritten.

In diesem Zustande legt er sich nieder, zufrieden mit andern und mit sich selbst. Seine Augen schließen sich, er gleitet durch die Dämmerung des Schlummers und verfällt für einige Stunden in den festen Schlaf.

Bald hat die Natur ihren Tribut eingezogen: die Assimilation hat den Verlust ersetzt. Nun verleihen ihm angenehme Träume ein geheimnisvolles Dasein, er sieht die Personen, die er liebt, findet seine Lieblingsbeschäftigungen wieder und versetzt sich an die Orte, wo es ihm behagt hat.

Endlich fühlt er dann den Schlaf allmählich schwinden und kehrt in die Gesellschaft zurück, ohne die verlorene Zeit bedauern zu müssen, da er selbst im Schlafe sich einer mühelosen Thätigkeit und einer ungetrübten Lust erfreut hat.

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