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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 18
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authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
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Zwölfte Betrachtung. Ueber die Feinschmecker.

Nicht jeder ist Feinschmecker, der möchte.

61. Es giebt Individuen, denen die Natur entweder jene Feinheit der Organe oder jene ausdauernde Achtsamkeit versagt hat, ohne welche die schmackhaftesten Gerichte unbemerkt hinuntergleiten.

Die Physiologie hat die erste von diesen beiden Spielarten bereits anerkannt, indem sie dargethan hat, daß die Zunge dieser Unglücklichen nicht zur Genüge mit jenen Nervenbüscheln besetzt ist, die zum Einsaugen und Beurtheilen der Geschmäcke bestimmt sind. Diese Stiefkinder der Natur haben nur eine dunkle Empfindung von den verschiedenen Geschmäcken und verhalten sich zu ihnen wie die Blinden zum Licht.

Die zweite Klasse besteht aus den Zerstreuten, den Schwätzern, den Beschäftigten, den Ehrgeizigen und andern, die zu gleicher Zeit zweierlei thun möchten und nur essen, um ihren Magen zu füllen.

Napoleon.

Zu dieser zweiten Klasse gehörte unter andern auch Napoleon. Er speiste sehr unregelmäßig und aß dann schnell und schlecht. Aber auch in diesem Punkte zeigte sich der unumschränkte Wille, den er bei allen Dingen an den Tag legte. Sobald sich sein Appetit fühlbar machte, mußte er auch befriedigt werden, und seine Feldküche war demzufolge so eingerichtet, daß man ihm an jedem Ort und zu jeder Stunde aus den ersten Befehl hin Geflügel, Cotelettes und Kaffee vorsetzen konnte.

Feinschmecker durch Prädestination.

Es giebt aber auch eine bevorzugte Klasse, die durch eine materielle und organische Prädestination zu den Genüssen des Geschmacksinns berufen ist.

Ich bin von jeher ein Anhänger Lavaters und Galls gewesen: ich glaube an die angeborenen Neigungen und Fähigkeiten.

Da es Individuen giebt, die offenbar mit der Bestimmung auf die Welt gekommen sind, schlecht zu sehen, schlecht zu gehen oder schlecht zu hören, da sie kurzsichtig, lähm oder taub geboren wurden, warum soll es da nicht auch andere geben, die im voraus die Anlage empfangen haben, gewisse Arten von Empfindungen ganz besonders zu genießen?

Ueberdies trifft man, wenn man nur einigermaßen zum Beobachten geneigt ist, in jedem Augenblick in der Gesellschaft auf Physiognomien, die unverkennbar den Stempel einer vorherrschenden Charaktereigenschaft wie des Hochmuths, der Selbstzufriedenheit, der Misanthropie, der Sinnlichkeit u. s. w. tragen. Allerdings kann man auch mit einem nichtssagenden Gesichte im Besitze jener Eigenschaften sein, wenn aber die Physiognomie einen bestimmten Stempel trägt, so trügt sie selten.

Die Leidenschaften wirken auf die Muskeln ein, und nicht selten vermag man auf dem Gesichte eines Menschen, wenngleich er schweigt, die Gefühle zu lesen, von denen er beherrscht wird. Wenn nun derartige Muskelspannungen nur einigermaßen zur Gewohnheit werden, so hinterlassen sie schließlich sichtbare Spuren und verleihen auf diese Weise dem Gesicht einen bleibenden und kenntlichen Charakter.

Sinnliche Prädestination.

62. Die zur Feinschmeckerei Prädestinirten sind in der Regel von mittlerer Größe und haben ein rundes oder viereckiges Gesicht, glänzende Augen, eine schmale Stirn, eine kurze Nase, fleischige Lippen und ein rundes Kinn. Die Frauen sind voll und rund, mehr hübsch als schön und neigen ein wenig zur Fettleibigkeit.

Die Näscherinnen haben feinere Züge, ein zarteres Aussehen, sind niedlicher und zeichnen sich besonders durch eine ihnen eigenthümliche Beweglichkeit der Zunge aus.

Unter einer solchen Außenseite darf man stets die liebenswürdigsten Tischgenossen vermuthen. Sie nehmen von allem, was man ihnen anbietet, essen langsam und schmecken mit Ueberlegung. Sie beeilen sich nicht, das Haus zu verlassen, wo man sie mit erlesener Gastlichkeit empfangen hat: man besitzt sie für den ganzen Abend, da sie mit jedem Zeitvertreib und allen Spielen vertraut sind, die das gewöhnliche Zubehör einer regelrechten gastronomischen Zusammenkunft bilden.

Diejenigen dagegen, denen die Natur die Befähigung zu gastronomischen Genüssen versagt hat, haben ein langes Gesicht, eine lange Nase, tiefliegende Augen und überhaupt immer etwas Längliches in ihrer Haltung, von welchem Wuchse sie auch sein mögen. Ueberdies besitzen sie in der Regel schwarze, glatt anliegende Haare und durchaus keine Körperfülle: sie sind die Erfinder der langen Hosen.

Die Frauen, über welche die Natur dasselbe Unglück verhängt hat, sind eckig, langweilen sich bei Tische und leben nur von Klatsch und Kartenspiel.

Diese physiologische Theorie wird, wie ich hoffe, wenig Widerspruch finden, da jeder sich durch Beobachtungen in seiner Umgebung von ihrer Richtigkeit überzeugen kann. Zum Ueberfluß will ich sie indessen noch durch Thatsachen erhärten.

Eines Tages wohnte ich einem großen Festmahl bei und hatte zum Gegenüber ein reizendes junges Mädchen, dessen Gesicht ganz Sinnlichkeit war. Ich neigte mich zu meinem Nachbar und bemerkte ihm mit leiser Stimme, ich erachtete es bei solchen Zügen für unmöglich, daß die junge Dame nicht eine sehr ausgeprägte Feinschmeckerin sei. »Welche Thorheit!« gab der Herr zur Antwort, »sie zählt ja kaum fünfzehn Jahre! Das ist noch nicht das Alter der Feinschmeckerei. Indessen – geben wir Obacht.«

Der Anfang war mir wenig günstig. Schon glaubte ich, mich compromittirt zu haben, denn während der beiden ersten Gänge beobachtete die junge Dame eine Zurückhaltung, die mich in Erstaunen setzte und mich befürchten ließ, daß ich hier auf eine Ausnahme gestoßen sei, wie jede Regel sie hat. Endlich aber erschien das Dessert, ein Dessert, das ebenso glänzend wie reichhaltig war und mir wieder Hoffnung gab. Und diese Hoffnung wurde nicht betrogen: sie aß nicht bloß von allem, was ihr vorgesetzt ward, sondern ließ sich sogar Schüsseln reichen, die weit entfernt von ihr standen. Kurzum, sie kostete alles, und mein Nachbar wunderte sich über die Maßen, wie ein so kleiner Magen überhaupt so viele Dinge fassen könne. So wurde meine Diagnose bestätigt und errang die Wissenschaft einen neuen Triumph.

Zwei Jahre später traf ich abermals mit gedachter Dame zusammen. Es war acht Tage nach ihrer Hochzeit. Sie hatte sich in allem zu ihrem Vortheil entwickelt, ließ ein wenig Koketterie blicken, und indem sie alle die Reize zur Schau trug, welche die Mode zu zeigen erlaubt, war sie wirklich bezaubernd. Ihr Gatte war zum Malen: er glich jenem Bauchredner, der mit der einen Hälfte des Gesichts zu lachen und mit der andern zu weinen verstand, d. h. er schien höchst zufrieden damit, daß man seine Frau bewunderte, sobald aber ein Liebhaber des schönen Geschlechts Miene machte, ihr beharrlich zuzusetzen, wurde er sichtlich vom Fieber der Eifersucht befallen. Dies letztere Gefühl gewann denn auch schließlich die Oberhand: er entführte seine Frau in ein entferntes Departement, und damit war ihre Biographie für mich zu Ende.

Ein ander Mal machte ich eine ähnliche Bemerkung über den Herzog Decrès, der so lange Zeit Marine-Minister war.

Wie man weiß, war er dick, kurz, braunhäutig, kraushaarig und vierkantig. Dabei hatte er ein zum mindesten rundliches Gesicht, ein vorstehendes Kinn, dicke Lippen und einen riesigen Mund. Ich erklärte ihn daher auf der Stelle für einen prädestinirten Verehrer der guten Küche und des schönen Geschlechts.

Ich ließ diese physiognomische Bemerkung leise und insgeheim in das Ohr einer hübschen Dame gleiten, die ich für verschwiegen hielt. Ach Gott! wie täuschte ich mich: sie war eine Tochter Evas, und mein Geheimnis hätte sie erstickt. Se. Excellenz wurde also noch am selben Abend von der wissenschaftlichen Folgerung in Kenntnis gesetzt, die ich aus seiner Gesammterscheinung hergeleitet hatte.

Ich erfuhr das am andern Tage durch einen äußerst liebenswürdigen Brief, den mir der Herzog schrieb, und in welchem er bescheiden den Besitz der beiden sonst höchst schätzbaren Eigenschaften abläugnete, die ich an ihm entdeckt hatte.

Ich hielt mich keineswegs für besiegt. Ich erwiderte dem Herzog, daß die Natur nichts umsonst thue, daß sie ihn offenbar für gewisse Aufgaben geschaffen habe, und daß er ihrer Absicht entgegenarbeite, wenn er dieselben nicht erfülle; daß ich im übrigen auf derartige vertrauliche Eröffnungen kein Recht hätte u. s. w. u. s. w.

Damit war unsere Correspondenz zu Ende. Kurze Zeit darauf aber wurde ganz Paris durch die Zeitungen von der denkwürdigen Schlacht in Kenntnis gesetzt, welche zwischen dem Minister und seinem Koch stattgefunden hatte, eine Schlacht, die wild und heiß gewesen war, und in der die Excellenz nicht immer die Oberhand behauptet hatte. Wenn nun der Koch nach einem solchen Abenteuer nicht weggejagt ward (und er wurde es wirklich nicht), so glaube ich daraus mit allein Fug und Recht den Schluß ziehen zu dürfen, daß der Herzog durchaus von den Talenten dieses Künstlers beherrscht wurde, und daß er daran verzweifelte, einen andern zu finden, der seinen Gaumen auf ebenso angenehme Weise zu kitzeln verstände: nie würde er sonst den Widerwillen haben überwinden können, den er ganz natürlicher Weise gegen die Dienste eines so streitbaren Küchenbeamten empfinden mußte.

Während ich an einem herrlichen Winterabend diese Zeilen niederschrieb, trat Herr Cartier, früher erster Violinist der großen Oper und ein sehr tüchtiger Lehrer, zu mir ins Zimmer und ließ sich am Kamine nieder. Ganz erfüllt von meinem Gegenstande, sah ich ihn aufmerksam an und fragte dann: »Wie kommt es doch, werther Professor, daß Sie kein Feinschmecker sind, da Sie doch alle charakteristischen Züge eines solchen haben?« – »Ich war es auch in hohem Grade«, gab er mir zur Antwort, »jetzt aber befasse ich mich nicht mehr damit.« – »Sollte die Weisheit daran schuld sein?« forschte ich. Er antwortete nicht, stieß aber einen Seufzer à la Walter Scott aus, d. h. einen Seufzer, der völlig einem schmerzlichen Stöhnen glich.

Feinschmecker von Standeswegen.

63. Wenn es Feinschmecker durch Vorherbestimmung giebt, so giebt es auch Feinschmecker von Standeswegen, und ich werde nachstehend das Signalement von vier großen Kategorien derselben entwerfen: von den Geldmännern, den Aerzten, den Literaten und den Betbrüdern.

Die Geldmänner.

Die Geldmänner sind die Heroen der Feinschmeckerei. Heroen ist hier durchaus das richtige Wort, denn es fand wirklich ein Kampf statt, und die Adels-Aristokratie würde zweifelsohne die Geld-Aristokratie unter dein Gewicht ihrer Wappen und Titel erdrückt haben, wenn diese ihr nicht ihre prächtigen Tafeln und ihre gefüllten Kassenschränke entgegengestellt hätte. Die Köche schlugen die Genealogisten, und wenn auch die Herzöge oft nicht einmal warteten, bis sie vor der Thür waren, um ihre Wirthe zu verhöhnen, so waren sie doch gekommen, und ihre Anwesenheit bekundete ihre Niederlage.

Ueberdies sind alle, die ohne Mühe große Reichthümer anhäufen, fast unausweichlich genöthigt, Feinschmecker zu werden.

Die Ungleichheit der Lebensstellungen hat die Ungleichheit des Vermögens zur Folge, aber die Ungleichheit des Vermögens führt nicht zur Ungleichheit der Bedürfnisse, und oft ist jemand, der ein Diner für hundert Personen bezahlen könnte, schon satt, nachdem er einen Hühnerschenkel verzehrt hat. Die Kunst muß daher alle ihre Mittel zu Hilfe rufen, um diesen Funken von Appetit durch Gerichte zu beleben, die ihn erhalten, ohne ihn zu beinträchtigen, und ihn reizen, ohne ihn zu ersticken. Auf diese Weise wurde Mondor zum Feinschmecker und fühlten sich alle Feinschmecker zu ihm hingezogen.

Daher findet man auch in den Kochbüchern fast in jeder Abtheilung ein oder mehrere Gerichte, die den Titel: à la finançière führen. Und wie bekannt, war es nicht der König, sondern die General-Pächter, die früher die erste Schüssel grüner Erbsen aßen, die immer mit 800 Franken bezahlt wurde.

Auch heute hat sich die Lage der Dinge in dieser Hinsicht nicht verändert: die Tafeln der Geldmänner bieten noch immer das Vollkommenste, was die Natur, das Frühzeitigste, was das Treibhaus, das Auserlesenste, was die Kunst zu liefern vermag, und selbst die in der Geschichte berühmtesten Personen verschmähen es nicht, sich an diesen Tafeln niederzulassen.

Die Aerzte.

64. Andere, aber nicht minder gewaltige Ursachen wirken auf die Aerzte ein: sie sind Feinschmecker durch Verführung, und müßten von Stahl und Eisen sein, wenn sie der Gewalt der Umstände widerstehen sollten.

Die lieben Doctoren werden um so zuvorkommender empfangen, da die Gesundheit, die unter ihrer Obhut steht, das kostbarste aller Güter ist. Daher sind sie denn auch verzogene Schooskindchen in der vollsten Bedeutung des Worts.

Immer mit Ungeduld erwartet, werden sie stets mit stürmischem Eifer empfangen. Eine hübsche Patientin lädt sie ein, ein junges Mädchen liebkost sie, ein Vater, ein Gatte empfehlen ihnen ihr Theuerstes auf Erden. Die Hoffnung packt sie am linken Flügel, die Dankbarkeit am rechten, man schnäbelt sie wie Tauben, sie lassen sich das gefallen, nach einem halben Jahre ist die Gewohnheit eingewurzelt, und sie sind unwiderruflich ( past redemption) der Feinschmeckerei verfallen.

Eben dies wagte ich eines Tages bei einem Mahle auszusprechen, an welchem ich unter dem Vorsitze des Dr. Corvisart als neunter im Bunde theilnahm. Es war im Jahre 1806.

»Ihr seid,« rief ich im begeisterten Tone eines puritanischen Predigers aus, »ihr seid die letzten Reste einer Körperschaft, die früher über ganz Frankreich verbreitet war! O bitterer Schmerz, die Mitglieder derselben sind jetzt vernichtet oder zerstreut: es giebt keine Generalpächter, keine Abbés, keine Chevaliers, keine Benedictiner mehr! Ihr allein bildet jetzt die ganze schmeckende Körperschaft. Tragt diese gewaltige Last mit unerschütterlicher Festigkeit, und sollte euch auch das Loos der Dreihundert im Paß der Thermopylen beschieden sein!«

Ich sprach's, und niemand wagte Widerspruch: wir thaten demgemäß, und die Wahrheit bleibt bestehen.

Bei diesem Diner machte ich übrigens eine Beobachtung, die mitgetheilt zu werden verdient.

Dr. Corvisart, der, wenn er wollte, höchst liebenswürdig war, trank nur mit Eis gekühlten Champagner. Zu Anfang des Mahles und während die übrigen Tafelgenossen völlig mit dem Essen beschäftigt waren, war er daher auch ungemein ausgelassen, gesprächig und spaßig. Beim Dessert dagegen, und als die Unterhaltung lebhafter zu werden begann, wurde er ernst, schweigsam und bisweilen sogar mürrisch.

Aus dieser und mehreren ähnlichen Beobachtungen habe ich folgenden Lehrsatz abgeleitet: Der Champagner, der zu Anfang ( ab initio) erheiternd wirkt, übt in zweiter Linie ( in recessu) eine betäubende Wirkung. Es ist das übrigens nur eine allbekannte Wirkung der Kohlensäure, die er enthält.

Rüge.

65. Da ich hier einmal die approbirten Aerzte beim Wickel habe, so will ich auch nicht sterben, ohne ihnen die übertriebene Strenge zum Vorwurf gemacht zu haben, mit der sie gegen ihre Kranken verfahren.

Sobald man das Unglück hat, ihnen in die Hände zu fallen, muß man sich eine endlose Litanei von Verboten gefallen lassen und von allen angenehmen Gewohnheiten Abschied nehmen.

Ich lehne mich hiermit gegen die meisten von diesen Verboten auf, weil sie unnütz sind.

Ich sage: unnütz, denn die Kranken haben beinahe nie ein Gelüst nach Dingen, die ihnen schädlich sein würden.

Der vernünftige Arzt darf nie die natürliche Richtung unserer Neigungen außer Acht lassen und nie vergessen, daß, wenn die schmerzhaften Empfindungen in Folge ihrer Natur nachtheilig sind, andererseits die angenehmen Empfindungen der Gesundheit förderlich sind. Ein wenig Wein, ein Löffel Kaffee, einige Tropfen Liqueur haben schon auf manchem hippokratischen Gesicht ein Lächeln hervorgezaubert.

Ueberdies sollte diesen gestrengen Verordnern doch bekannt sein, daß ihre Vorschriften beinahe immer unbefolgt bleiben. Der Kranke sucht sie zu umgehen, seiner Umgebung fehlt es nie an Gründen, um ihm in dieser Hinsicht gefällig zu sein, und man stirbt deshalb nicht mehr und nicht weniger.

Die Ration, die man 1815 einem kranken Russen verordnete, würde einen Sackträger berauscht und die für die Engländer einen Provençalen zum Platzen gebracht haben. Und dabei war keine Verringerung derselben möglich, denn in unsern Lazarethen waren beständig Militär-Inspectoren anwesend, welche die Lieferung und den Verbrauch sorgfältig überwachten.

Ich bringe meine Ansicht mit um so größerer Zuversicht vor, da sie sich auf zahlreiche Thatsachen stützt, und die bedeutendsten Practiker sich mehr und mehr zu diesem Systeme bequemen.

Der Domherr Rollet, der vor ungefähr fünfzig Jahren starb, war nach der Sitte seiner Zeit ein starker Trinker. Er wurde krank, und der Arzt verbot ihm mit dem ersten Satze, der über seine Lippen kam, allen und jeden Genuß von Wein. Beim zweiten Besuche indessen fand der Doctor den Patienten zwar im Bett, vor dem Bett aber auch ein beinahe vollständiges Corpus delicti, nämlich einen Tisch mit einem schneeweißen Tischtuche, einem Krystallbecher, einer Flasche von angenehmem Aeußern und einer Serviette zum Abwischen der Lippen.

Natürlich gerieth der Jünger Aesculaps bei diesem Anblick in einen heiligen Zorn und drohte, seine Besuche einzustellen, bis der unglückliche Domherr ihm mit kläglicher Stimme zurief: »Aber erinnern Sie sich doch, lieber Doctor, daß Sie mir, als Sie mir das Trinken verboten, nicht das Vergnügen verboten haben, wenigstens die Flasche zu sehen!«

Der Arzt, der Herrn de Montlusin de Pont-de-Veyle behandelte, war noch grausamer, denn er verbot seinem Patienten nicht bloß den Wein, sondern verordnete ihm noch obenein den Genuß großer Quantitäten Wassers.

Wenige Minuten, nachdem er sich entfernt hatte, erschien denn auch Frau de Montlusin in der Absicht, der Verordnung nachzukommen und die Genesung des theuren Gatten zu beschleunigen, mit einem großen Glase voll des schönsten und klarsten Wassers.

Gehorsam nahm der Kranke es an und begann geduldig zu trinken. Nach dem ersten Schlucke aber machte er Halt und gab das Glas seiner Frau zurück. »Nimm das, meine Theure,« sagte er, »und hebe es für ein ander Mal auf: ich habe immer sagen hören, daß man mit Arzneien nicht spaßen dürfe.«

Die Literaten.

66. Das Quartier der Literaten im Reiche der Gastronomie liegt dicht neben dem der Aerzte.

Zur Zeit Ludwigs XIV. waren die Literaten Trinker: sie bequemten sich der Mode an, und die Denkwürdigkeiten aus jenen Tagen berichten erbauliche Dinge darüber. Gegenwärtig sind sie Feinschmecker: das ist ein Fortschritt.

Ich bin durchaus nicht der Meinung des Cynikers Geoffroy, der die Behauptung aufstellte, wenn es den Erzeugnissen der modernen Literatur an Kraft und Feuer fehle, so habe man den Grund in dem Umstände zu suchen, daß die Schriftsteller nur noch Zuckerwasser trinken.

Ich glaube ganz im Gegentheil, daß er sich in einem zweifachen Irrthum befunden und sich sowohl bezüglich der Thatsache als der daraus gezogenen Folgerung getäuscht hat.

Die Gegenwart ist reich an Talenten, und vielleicht stehen diese gerade durch ihre Menge einander im Lichte, die Nachwelt aber, die mit größerer Ruhe richtet, wird manches zu bewundern finden. Haben doch auch erst wir den Werken Molières und Racines Gerechtigkeit widerfahren lassen, während die Zeitgenossen der Dichter sie mit Kälte aufnahmen.

Nie ist die Stellung der Literaten in der Gesellschaft angenehmer gewesen als heut zu Tage. Sie logiren nicht mehr in jener luftigen Höhe, die man ihnen früher zum Vorwurf machte: die Gefilde der Literatur sind fruchtbarer geworden, und die Fluten der Hippokrene rollen Körner Goldes. Jedem ebenbürtig, hören sie jetzt nicht mehr die Sprache der Protectorschaft, und um ihr Glück zu vollenden, überschüttet die Feinschmeckerei sie mit den werthvollsten Zeichen ihrer Gunst.

Man lädt die Literaten ein, weil man Achtung vor ihren Talenten hegt, weil ihre Unterhaltung etwas Picantes hat, und zum Theil auch, weil es seit einiger Zeit Regel geworden ist, daß jede Gesellschaft ihren Literaten haben muß.

Diese Herren kommen immer etwas zu spät, aber man empfängt sie um so besser, da man sie herbeigesehnt hat. Man giebt ihnen die leckersten Bissen, damit sie wiederkommen, man bewirthet sie mit auserlesenen Weinen, damit sie ihren Witz leuchten lassen, und da sie das alles sehr natürlich finden, so werden, sind und bleiben sie Feinschmecker.

Die Sache ist sogar so weit getrieben worden, daß es ein wenig Aergernis gegeben hat. Einige Spürnasen behaupteten, gewisse Frühstücker hätten sich bestechen lassen, gewisse Beförderungen wären gewissen Pasteten entsprungen, und der Tempel der Unsterblichkeit wäre mit Messer und Gabel geöffnet worden. Aber das waren böse Zungen, und diese Gerüchte sind verschwunden wie so viele andere: was geschehen ist, ist geschehen, und ich erwähne diese Dinge nur, um zu zeigen, daß ich über alles unterrichtet bin, was mit meinem Gegenstande in Zusammenhang steht.

Die Betbrüder.

67. Endlich zählt die Feinschmeckerei auch viele Betbrüder zu ihren getreuesten Anhängern.

Wir verstehen unter Betbrüdern das, was Ludwig XIV. und Molière darunter verstanden: Leute, deren ganze Religion in Aeußerlichkeiten besteht. Die wahrhaft Frommen und Mildthätigen haben nichts damit zu schaffen.

Sehen wir, wie jenen der Beruf zur Feinschmeckerei kommt. Die Mehrzahl von denen, die das Heil ihrer Seele suchen, wählt den angenehmsten Weg: diejenigen, welche sich von den Menschen absondern, auf der nackten Erde schlafen und das härene Gewand anlegen, sind immer und können immer nur Ausnahmen sein.

Nun giebt es aber Dinge, die unstreitig verdammenswerth sind, und die man sich nie gestatten darf, wie z. B. der Tanz, das Theater, das Spiel und ähnlicher Zeitvertreib.

Während man nun diese Laster und ihre Jünger verabscheut, erscheint und schleicht sich die Feinschmeckerei mit völlig geistlicher Miene ein.

Nach göttlichem Recht ist der Mensch der König der Schöpfung und alles, was die Erde trägt und hervorbringt, nur für ihn geschaffen worden. Für ihn mästet sich die Wachtel, für ihn haucht der Mokka seinen Duft, für ihn spendet der Zucker seine gesundheitfördernde Kraft.

Warum also nicht, mit schicklicher Mäßigung natürlich, die Gaben genießen, welche die Vorsehung uns bietet, besonders wenn wir sie dabei immer als vergängliche Dinge betrachten und wenn sie unsere Dankbarkeit gegen den Schöpfer aller Dinge steigern!

Dazu kommen dann noch andere, nicht minder gewichtige Gründe. Kann man wohl die, welche unsere Seele zum Guten lenken und uns auf dem Wege des Heils erhalten, jemals zu gut empfangen? Muß man nicht Zusammenkünfte, die zu einem so vortrefflichen Zweck stattfinden, so viel als möglich angenehm und eben dadurch besuchter machen?

Zuweilen kommen auch des Comus Gaben, ohne daß man sie ausdrücklich sucht: bald als Erinnerungszeichen an die Schulzeit, bald als Geschenk aus alter Freundschaft, bald als Gabe eines Beichtkindes, das Buße thut, eines Seitenverwandten, der der Familienbande gedenkt, eines Schützlings, der sich erkenntlich zeigt. Warum dergleichen Opfer zurückweisen? warum sie nicht passend zusammenstellen? Das ist eine pure Nothwendigkeit!

Ueberdies ist das zu allen Zeiten so gewesen.

Die Klöster waren wahre Magazine voll der köstlichsten Leckereien, und das ist der Grund, weshalb sie von gewissen Kennern so schmerzlich betrauert werden Die besten Liqueure Frankreichs kamen aus dem Kloster Mariä Heimsuchung in La Côte. Die Nonnen vom Orden der Heimsuchung in Niort erfanden die Engelwurz-Confitüren; ebenso berühmt sind die Pomeranzen-Brötchen der Schwestern von Château-Thierry, und die Ursulinerinnen von Belley besaßen ein Recept zur Herstellung überzuckerter Nüsse, das aus diesen Früchten einen wahren Schatz für Liebe und Leckerheit machte. Leider steht zu befürchten, daß dies wunderbare Recept verloren gegangen ist..

Mehrere Mönchsorden, und insonderheit die Bernhardiner, erklärten die gute Küche für eine Cardinaltugend. Die Köche des Clerus haben das Gebiet der Kunst erweitert, und als Herr de Pressigny, der als Erzbischof von Besançon starb, von dem Conclave zurückkam, in welchem Pius VI. erwählt worden war, erklärte er, daß er das beste Diner in Rom bei dem Capuciner-General eingenommen habe.

Die Chevaliers und die Abbés.

68. Wir können diesen Abschnitt nicht besser abschließen, als indem wir in ehrender Weise zweier Körperschaften gedenken, die wir selbst noch in all ihrem Glanze gesehen haben, die aber von der Revolution vernichtet worden sind: wir meinen die Chevaliers und die Abbés.

Welche Feinschmecker, diese theuern Freunde! Schon die offenen Nüstern, die runden Augen, die glänzenden Lippen, die bewegliche Zunge verriethen ihren Beruf, man konnte sich unmöglich darüber täuschen. Doch befolgte jede Klasse beim Essen eine eigene Manier.

Die Chevaliers hatten etwas Militärisches in ihrer Haltung. Sie zerlegten das Gericht mit Würde, kauten mit Ruhe und ließen dabei einen Blick des Beifalls in horizontaler Linie vom Hausherrn zur Hausfrau gleiten.

Die Abbés dagegen beugten sich nach vorn, um dem Teller näher zu sein, ihre Rechte rundete sich wie die Pfote des Kätzchens, das die Kastanien aus dem Feuer holt, ihr Antlitz strahlte Seligkeit, und ihr Blick hatte etwas Schwärmerisches, das sich leichter denken als beschreiben läßt.

Da drei Viertel der Menschen der gegenwärtigen Generation nichts den Chevaliers und Abbés Aehnliches gesehen haben, die Bekanntschaft mit ihnen aber zum Verständnis vieler Bücher des achtzehnten Jahrhunderts unerläßlich ist, so werden wir dem Verfasser der Historischen Abhandlung über das Duell einige Seiten entlehnen, die in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig lassen werden. (Siehe den Abschnitt XX im zweiten Theile.)

Lange Lebensdauer der Feinschmecker.

69. Ich bin glücklich, überglücklich, meinen Lesern auf Grund meiner jüngsten Studien eine gute Nachricht mittheilen zu können: daß nämlich das Wohlleben der Gesundheit durchaus nicht nachtheilig ist, und daß die Feinschmecker unter sonst gleichen Umständen länger leben als andere Menschen. Diese Thatsache ist zahlenmäßig in einer vortrefflichen Denkschrift nachgewiesen, die neuerdings vom Dr. Villermet in der Akademie der Wissenschaften vorgelesen wurde.

Dr. Villermet hat die verschiedenen Stände der Gesellschaft, die eine gute Tafel führen, mit denen verglichen, die schlecht speisen, und die ganze Stufenleiter derselben durchmessen. Ebenso hat er die verschiedenen Arrondissements von Paris unter sich verglichen, in denen mehr oder weniger Wohlstand herrscht, und die bekanntlich in dieser Hinsicht unter einander höchst verschieden sind, wie z. B. das Faubourg Saint-Marceau und die Chaussee d'Antin.

Endlich hat unser Doctor seine Untersuchungen auch auf die Departements ausgedehnt und zum gleichen Zwecke die mehr und die minder fruchtbaren mit einander verglichen. Allenthalben hat sich als Gemeinresultat ergeben, daß die Sterblichkeit in demselben Verhältnis abnimmt, in welchem die Mittel zu guter Ernährung zunehmen, und daß daher diejenigen, die das Unglück zu schlechter Nährweise verdammt hat, wenigstens sicher sein dürfen, daß der Tod sie schneller von diesem Leiden befreien wird.

Als Endresultat hat sich aus all diesen Vergleichen ergeben, daß unter den günstigsten Lebensverhältnissen jährlich auf fünfzig Individuen ein Todesfall kommt, während in den Ständen, die am meisten dem Elend ausgesetzt sind, in demselben Zeitraum schon auf vier Personen ein Todesfall zu rechnen ist.

Das kommt nicht etwa daher, daß die, welche vortrefflich zu speisen pflegen, niemals krank würden: leider fallen auch sie hin und wieder den Aerzten in die Hände, die ihnen die Qualification guter Patienten zu ertheilen pflegen – aber da sie eine größere Dosis Lebenskraft besitzen und alle Theile des Organismus sich in besserm Zustande befinden, so hat die Natur mehr Hilfsmittel und widersteht ihr Körper weit besser der Zerstörung.

Diese physiologische Wahrheit findet auch in der Geschichte eine Stütze, denn wir wissen, daß jedes Mal, wenn verderbliche Umstände, wie Krieg, Belagerungen oder Nothjahre, die Mittel zur Ernährung verminderten, diese Nothstände ansteckende Krankheiten und eine bedeutende Vermehrung der Sterblichkeit zur Folge hatten.

Die Rentencasse Lafarge, die den Parisern so wohlbekannt ist, würde sicher bessere Geschäfte gemacht haben, wenn die Gründer ihren Berechnungen die von Dr. Villermet dargelegte Wahrheit zu Grunde gelegt hätten.

Sie hatten die durchschnittliche Sterblichkeit nach den von Buffon, Parcieux und andern aufgestellten Tabellen berechnet, die sämmtlich auf Zahlen beruhen, die alle Klassen und alle Lebensalter einer Bevölkerung umfassen. Nun sind aber die, welche Capitalien anlegen, um ihre Zukunft zu sichern, in der Regel schon den Gefahren des Kindesalters entronnen und an eine geregelte, gute und bisweilen sogar üppige Lebensweise gewöhnt, der Tod hat daher keinen Ertrag geliefert, die Hoffnungen wurden getäuscht und die Speculation schlug fehl.

Dieser Umstand war ohne Zweifel nicht die einzige, wohl aber die hauptsächlichste Ursache des Mißgeschicks, dem jenes Unternehmen erlag.

Diese letztere Beobachtung verdanken wir dem Herrn Professor Pardessus.

Der Erzbischof von Paris, Herr de Belloy, der nahe an hundert Jahre alt ward, besaß einen ziemlich bedeutenden Appetit. Er liebte die gute Küche nicht wenig, und mehrmals sah ich beim Erscheinen eines vorzüglichen Gerichts sein patriarchalisches Antlitz sich verklären. Napoleon bezeigte ihm bei jeder Gelegenheit die größte Achtung und Ehrerbietung.

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