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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Zehnte Betrachtung. Episode über das Ende der Welt.

54. Die letzte sublunare Umwälzung, sagte ich, und dieser Gedanke hat mich weit, weit fortgeführt.

Unverwerfliche Denkmäler belehren uns, daß unser Erdball schon mehrere durchgreifende Veränderungen erfahren hat, deren eine jede der Welt Ende war, und ein geheimer Instinkt sagt uns, daß noch weitere Umwälzungen folgen werden.

Schon wiederholt hat man den Augenblick dieser Umwälzungen nahe geglaubt, und es leben noch viele, die einst, der Wasser-Komet des braven Jerôme Lalande in die Beichte trieb Noch stärker als durch den Gedanken an das Ende der Welt wird jedoch das Nervensystem des Gastronomen erschüttert, wenn er hört, daß Lalande Vergnügen daran fand, Raupen und Spinnen zu verzehren. Das ist unstreitig einer von jenen Geschmäcken, die dem spanischen Sprichwort zufolge Prügel verdienen. D. Uebers..

Dem zufolge, was über diesen Punkt gesagt und geschrieben worden ist, scheint man durchaus geneigt, diese große Katastrophe als Ausstattungsstück mit Rachegeistern, Zerstörungsengeln, Posaunenbläsern und anderm nicht minder schrecklichem Zubehör zu betrachten.

Du lieber Gott! es bedarf bei unserer Ausrottung gar nicht so vielen Spektakels: wir sind so viele Unkosten gar nicht werth, und wenn der Herr es will, kann er die Oberfläche des Erdballs ohne alle diese Zurüstungen verändern.

Nehmen wir z. B. an, einer jener Irrsterne, deren Straße und Bestimmung niemand kennt, und deren Erscheinen stets einen traditionellen Schrecken verursacht hat: nehmen wir also an, ein Komet streife nahe genug an der Sonne vorüber, um eine überreichliche Menge Wärme aufzunehmen, und komme alsdann der Erde nahe genug, um sechs Monate lang eine allgemeine Temperatur von 60° R. (gerade das Doppelte der vom Kometen von 1811 erzeugten Wärme) auf derselben zu erzeugen und zu erhalten.

Nach Ablauf dieser unheilvollen Epoche wird alles thierische und pflanzliche Leben erstorben, jedes Geräusch verstummt sein, und lautlos wird die Erde durch den Weltraum rollen, bis andere Umstände andere Keime zur Entwicklung gebracht haben. Und dabei wird die Ursache dieser furchtbaren Verwüstung in den weiten Gefilden der Luft verloren geblieben und uns kaum auf einige Millionen Meilen nahe gekommen sein!

Eine solche Begebenheit, die so gut möglich ist wie manche andere, ist mir stets als schönster Stoff zur Träumerei erschienen, und ich habe keinen Augenblick gezögert, mich dabei aufzuhalten.

Es ist interessant, diese steigende Wärme in Gedanken zu verfolgen, ihr Wachsen, ihre Wirkung und ihre Resultate vorauszusehen und sich zu fragen:

Quid während des ersten Tages, während des zweiten, des dritten und so fort bis zum letzten?

Quid in der Luft, auf der Erde und im Wasser, bei der Bildung, Mischung und Explosion der Gase?

Quid bei den Menschen in Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Kraft und Schwäche?

Quid in Bezug auf die Unterordnung unter die Gesetze, den Gehorsam gegen die Obrigkeit und die Achtung vor den Personen und dem Eigenthum?

Quid bezüglich der Mittel und Versuche, der Gefahr zu entgehen?

Quid in Bezug auf die Bande der Liebe, Freundschaft und Verwandtschaft, auf den Egoismus und die Aufopferung?

Quid in Bezug auf die religiösen Gefühle, den Glauben, die Ergebung, die Hoffnung u. s. w. u. s. w.?

Die Geschichte vermag über den moralischen Einfluß manche Angaben zu liefern, denn das Ende der Welt ist schon mehrmals prophezeit und sogar auf einen bestimmten Tag festgesetzt worden.

Es thut mir wirklich leid, daß ich meinen Lesern verschweigen muß, wie ich das alles in meiner Weisheit geordnet habe: aber ich will sie um keinen Preis des Vergnügens berauben, sich selbst damit zu beschäftigen. Diese Beschäftigung vermag einige schlaflose Nächte zu verkürzen und einige siestas Mittagsschläfchen. herbeizuführen.

Große Gefahren lockern alle Bande. Als 1792 in Philadelphia das gelbe Fieber wüthete, sah man Ehegatten ihren Frauen die Thür der ehelichen Wohnung verschließen, Kinder ihre Eltern verlassen und ähnliche Erscheinungen in großer Menge auftreten.

Quod a nobis Deus avertat! Mag uns Gott davor behüten.

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