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Physiologie des Geschmacks

Jean Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorJean Anthelme Brillat-Savarin
titlePhysiologie des Geschmacks
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorRobert Habs
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130716
projectid539c9440
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Neunte Betrachtung. Ueber die Getränke. Dies Kapitel ist rein philosophisch. Auf Einzelheiten über die verschiedenen bekannten Getränke einzugehen, lag nicht in meinem Plane: ich hätte kein Ende gefunden.

52. Unter Getränk versteht man jede Flüssigkeit, die unsern Nahrungsmitteln zugesellt werden kann.

Das Wasser scheint das natürlichste Getränk zu sein. Es findet sich überall, wo es Thiere giebt, ersetzt für die Erwachsenen die Milch und ist ebenso unentbehrlich für uns wie die Luft.

Wasser.

Das Wasser ist das einzige Getränk, das den Durst wirklich stillt. Deshalb kann man auch immer nur eine geringe Menge davon trinken. Die meisten übrigen Getränke, die der Mensch sich einschüttet, sind nur Scheinmittel, und hätte er sich immer an das Wasser allein gehalten, so würde man nie von ihm gesagt haben, es sei eins von seinen Privilegien, über den Durst trinken zu können.

Schnelle Wirkung der Getränke.

Die Getränke werden vom thierischen Haushalt mit ungemeiner Leichtigkeit aufgenommen. Sie wirken daher sehr schnell, und die von ihnen gewährte Erleichterung tritt gewissermaßen schon im Augenblicke des Genusses ein. Gebt einem ermatteten Menschen die kräftigsten Speisen – er wird sie nur mit Mühe und Noth hinunterbringen und zunächst nur wenig von ihrer wohlthätigen Wirkung verspüren. Aber gebt ihm ein Glas Wein oder Branntwein, und im Nu befindet er sich besser und kommt wieder zu Kräften.

Ich kann diese Theorie mit einem ziemlich merkwürdigen Vorkommnis begründen, das mir mein Neffe, der Oberst Guigard, mitgetheilt hat, der zwar von Natur wenig mittheilsam ist, auf dessen Wahrhaftigkeit man sich aber verlassen kann.

Er befand sich an der Spitze einer Truppenabtheilung, die von der Belagerung von Jaffa zurückkam und nur noch einige hundert Klafter von dem Orte entfernt war, wo man Halt machen und Wasser finden sollte, als man ab und zu auf dem Wege auf die Leichen von Soldaten stieß, die einen Tagemarsch voraus sein sollten, aber vor Hitze umgekommen waren.

Unter diesen Opfern der sengenden Sonne des Orients befand sich ein Scharfschütz, den mehrere Soldaten von der Abtheilung meines Neffen kannten.

Er mußte seit mehr als vierundzwanzig Stunden todt sein: die Sonne, die ihn den ganzen Tag beschienen, hatte ihm bereits das Gesicht rabenschwarz gebrannt.

Einige von der Abtheilung näherten sich ihm, entweder um ihn zum letzten Male zu sehen oder um ihn zu beerben, im Fall er noch etwas hätte, und erstaunten nicht wenig, als sie sahen, daß seine Glieder noch biegsam waren, und daß sich sogar in der Nähe des Herzens noch einige Wärme bemerkbar machte.

»Gebt ihm einen Tropfen Rachenreißer,« rief der Compagnie-Spaßvogel. »Ich wette, wenn er noch nicht gar zu weit ins Himmelreich hineinmarschirt ist, kehrt er noch einmal um, um davon zu kosten.«

Wirklich schlug der Tode nach Einflößung des ersten Löffels Branntwein die Augen auf. Man schrie Wunder, rieb ihm die Schläfe, ließ ihn noch ein wenig trinken, und nach Verlauf einer Viertelstunde war er im Stande, sich bei einiger Unterstützung auf einem Esel aufrecht zu erhalten.

So führte man ihn bis zum Brunnen, pflegte ihn während der Nacht, gab ihm einige Datteln zu essen, nährte ihn mit aller Vorsicht, und am nächsten Tage zog er mit den übrigen auf seinem Esel in Kairo ein.

Starke Getränke.

53. Eine im höchsten Grade bemerkenswerthe Erscheinung ist jener ebenso allgemeine wie gebieterische Instinkt, der uns zum Aufsuchen der starken Getränke anreizt.

Der Wein, das liebenswürdigste aller Getränke, stammt schon aus dem Kindesalter der Welt, mögen wir ihn nun dem Vater Noah, der den ersten Weinstock pflanzte, oder dem Bacchus verdanken, der zuerst das Blut der Traube auszupressen verstand, und das Bier, dessen Erfindung man dem Osiris zuschreibt, reicht ebenfalls in Zeiten zurück, über die hinaus wir nichts Bestimmtes mehr wissen.

Alle Menschen, sogar die sogenannten Wilden, sind von diesem Gelüst nach starken Getränken dermaßen gequält worden, daß sie schließlich immer zur Beschaffung solcher gelangten, wie beschränkt auch ihre Kenntnisse sein mochten.

Sie brachten die Milch ihrer Hausthiere zum Gähren, preßten den Saft mancher Früchte oder Wurzeln aus, in denen sie die Grundstoffe der Gährung vermutheten, und allenthalben, wo man Menschen in geselligem Zusammenleben antraf, hat man sie auch mit geistigen Getränken versehen gefunden, von denen sie bei ihren Festen, Opfern, Hochzeiten und Leichenfeiern, kurzum, bei allen festlichen und feierlichen Gelegenheiten Gebrauch machten.

Viele Jahrhunderte lang hat man den Wein getrunken und besungen, ohne zu ahnen, daß der spirituöse Theil, der seine Stärke ausmacht, aus demselben ausgezogen werden könne. Nachdem aber die Araber die Destillirkunst erfunden hatten, die sie zunächst zur Extraction der Blumendüfte und namentlich des Duftes der von ihnen hochgefeierten Rose in Anwendung brachten, da begann man es für möglich anzusehen, auch im Weine die Ursache der Steigerung der Schmackhaftigkeit aufzufinden, die den Geschmack so eigentümlich reizt, und von Versuch zu Versuch entdeckte man den Alkohol, den Weingeist, den Branntwein.

Der Alkohol ist der König der Getränke und erzeugt die höchste Steigerung der Thätigkeit des Gaumens. Seine mannigfachen Präparate haben neue Quellen des Genusses Die Tafel-Liqueure. eröffnet, er verleiht gewissen Arzneimitteln eine Wirksamkeit, die ihnen ohne dies Lösungsmittel abgehen würde Die Elixire., er ist sogar in unsern Händen eine furchtbare Waffe geworden, denn die Völker der neuen Welt sind beinahe ebenso sehr durch das Feuerwasser wie durch das Feuergewehr unterworfen und vernichtet worden.

Die Methode, durch welche wir den Alkohol entdeckt haben, hat noch zu andern wichtigen Ergebnissen geführt, denn da sie in der Aussonderung und Isolirung der Theile besteht, die das Wesen eines Körpers ausmachen und ihn von allen andern unterscheiden, so hat sie denen, die ähnliche Untersuchungen anstellten, als Vorbild gedient und uns völlig neue Substanzen kennen gelehrt, wie z. B. das Chinin, das Morphin, das Strychnin und andere dieser Art, die schon entdeckt oder noch zu entdecken sind.

Wie dem aber auch sein mag, dieser Durst nach einer Flüssigkeit, welche die Natur mit tausend Schleiern verhüllt hatte, dies merkwürdige Gelüst, das bei allen Menschenracen, unter allen Himmelsstrichen und bei jeder Temperatur thätig ist, ist der höchsten Aufmerksamkeit des philosophischen Beobachters würdig.

Wie mancher andere habe auch ich darüber nachgedacht und fühle mich sehr geneigt, das Gelüst nach gegohrenem Getränk, das den Thieren unbekannt ist, der Besorgnis vor der Zukunft zur Seite zu stellen, die ihnen gleichfalls fremd ist, und beide für die unterscheidenden Merkmale des Meisterstücks der letzten sublunaren Umwälzung anzusehen.

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