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Physiologie des Alltagslebens

Honoré de Balzac: Physiologie des Alltagslebens - Kapitel 26
Quellenangabe
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typeessay
authorHonore de Balzac
titlePhysiologie des Alltagslebens
publisherGeorg Müller
editorW. Fred
year1912
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121126
modified20171128
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Elftes Kapitel
Der Bureauchef

Über all den Gestalten, die man sich nach den geschilderten Beamtentypen wohl vorstellen kann, schwebt die durchaus nicht uninteressante Figur des Bureauchefs. Er ist in der Verwaltung, was in der Armee der Oberst ist. Aber ach! er sieht viel mehr nach einem Schulvorsteher als nach einem Oberst aus.

Man erreicht den Posten eines Bureauchefs nicht vor seinem vierzigsten oder fünfzigsten Lebensjahre, und fast alle Bureauchefs haben von der Pike auf gedient. Man muss schon von der Natur mit besonderen Kräften ausgerüstet sein und ganz ausserordentliche Fähigkeiten haben, um bis zu diesem Posten vorzudringen. Der Bureauchef muss natürlich ein rastloser Arbeiter sein, und in diesem Alter trägt sein müdes Gesicht dann jenen Ausdruck, der sagt: Ich bin mit mir zufrieden. Er hat fast immer einen Orden und eine Glatze, ist weder sorgfältig noch elegant angezogen. Vor allem aber drücken seine Züge eine gewisse Ablehnung aller Dinge aus: Er findet, dass das Spiel nie den Einsatz wert ist. Wie weit hätte er es in jeder anderen Karriere gebracht . . .!

Wohl gibt es unter den Bureauchefs manchen gutmütig blickenden, behäbigen, wohlbeleibten Herrn, aber weitaus die meisten haben etwas undefinierbar Säuerliches, Despotisches in ihrem Gesichtsausdruck. Sie haben stets zu klagen, sei es über die Menschen oder über die Dinge oder über die Minister. Ein jeder ist eben im Innersten von der Richtigkeit dessen durchdrungen, was im vorigen Kapitel angeführt worden ist. Nicht einen gibt es, der Ihnen nicht in traulicher Verschwiegenheit unter vier Augen sagte: »Die Behörden sind schon eine komische Einrichtung, mir können Sie's glauben!« Sie haben mitangesehen, wie alles Gute, das in der Theorie möglich schien, in der Praxis unmöglich war; sie haben die vielversprechendsten Anläufe zu den traurigsten Resultaten führen sehen. Sie glauben an nichts mehr und glauben schliesslich alles. Innerlich resigniert versehen sie ihre Amtsgeschäfte, wie Pilatus das Urteil über Jesus Christus aussprach, die Hände sich in Unschuld waschend. In ihrem Blick und ihrem Lächeln ist etwas Eigenes, so dass eine sehr geringe Kenntnis der Pariser Physiognomien dazu gehört, im Omnibus in dem Herrn mit dem roten Bändchen im Knopfloch seines blauen oder schwarzen Anzuges, mit dem müden Gesicht, das ausgemergelt ist, – wie das des guten Charles Nodier, aber dem das feine Lächeln Villemains fehlt, dafür ist es desillusioniert, wie das Henry Monniers, – unfehlbar den Bureauchef zu erkennen.

Im Amte ist der Bureauchef entweder ein »Hund« oder ein »Guter Kerl«; es gibt nur diese zwei Sorten.

Der »Hund« ist hart, anspruchsvoll, kleinlich, ein Plagegeist. Er ist nie recht gesund, man hat ihn oft bei Avancements übergangen und nun zahlt er seinen Beamten heim, was ihm angetan worden. Im Verkehr mit dem Publikum ist er schlau und hochmütig, gegen seine Untergebenen scharf und herrisch. Er versüsst die bitteren Pillen nicht, die er zu verabreichen hat. Er hat zugleich etwas von einem Gymnasialprofessor, einem Richter und dem neidischen Akademiker.

Der »gute Kerl« ist ruhig, duldsam, nachgiebig, – ohne dass er sich auf dem Kopf herumtanzen liesse – er erfreut sich des besten Wohlseins. Die Bureauchefs dieses Genres haben gewöhnlich Glück beim schönen Geschlecht. Sie sind liebenswürdig mit den Frauen, Weltleute, ziemlich soigniert in der Toilette. Sie vergolden die bitteren Pillen und sprechen keinen Verweis aus, ohne zwanzigmal zu versichern, wie schwer es ihnen fällt, derlei sagen zu müssen.

In der Regel trennt eine scharfe Grenzlinie den Bureauchef von den übrigen Beamten. Die Bureauchefs ihrerseits stehen sich meist ziemlich gut mit den Abteilungschefs, etwa so wie die Oberste mit den Generälen. Wenn man einmal in diese höheren Bezirke der Menschheit emporsteigt, werden ja bekanntlich die Umgangsformen, die Ideen einfacher, der Horizont wird weiter, in den Knopflöchern blüht's, die Köpfe bekommen Charakter, der ganze Mann einen Bauch – sein Gehalt gestattet ihm, in Paris zu »leben«.

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