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Physiologie des Alltagslebens

Honoré de Balzac: Physiologie des Alltagslebens - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorHonore de Balzac
titlePhysiologie des Alltagslebens
publisherGeorg Müller
editorW. Fred
year1912
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121126
modified20171128
projectide5219d1f
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Zweites Kapitel
Beweist die Nützlichkeit der Beamten

Haben wir diese Materie einmal soweit durchgehechelt, gesiebt und eingeteilt, dann drängt sich uns eine neue nicht minder hochpolitische Frage auf: Wozu dienen die Beamten?

Denn, wenn der Beamte nichts leisten kann als Papier vollkritzeln, kann er als Mensch nicht viel wert sein. Nun lässt sich aber aus nichts nichts gewinnen, also – – – –

O ihr Feinde der Bureaukratie! Wie lange werdet ihr noch solche Phrasen wiederholen, die ebensowenig Sinn haben wie die Beamten selbst?

Wenn ihr eine Schraube aufhebt, einen Nagel, eine Eisenstange, irgendein Stückchen Stahl, seht ihr darin auch keinerlei Wert. Der Mechaniker aber sagt sich: »Ohne diesen Kram ginge die Maschine nicht.«

Diese Parabel, die ich recht im Sinne unserer Zeit dem Gebiete der Industrie entlehne, erklärt den allgemeinen Nutzen des Beamten.

Natürlich ist die Statistik eine Spielerei der modernen Staatsmänner, die da glauben, die Ziffern allein müssen auch schon das richtige Resultat geben; trotzdem aber müssen wir uns der Ziffern bedienen, um zu rechnen. Also – rechnen wir. Die Ziffer ist ja so sehr der ausschlaggebende Faktor unserer ganz auf dem persönlichen Interesse und dem Gelde aufgebauten Gesellschaften, in denen alles so schnell sich ändert, dass man immer ausdrücklich vom Stande der Dinge am 1. März, 29. Oktober, 15. April reden muss. Auch wirkt nichts überzeugender auf die »intelligente Masse« als so ein paar Ziffern. Alles, sagen unsere Staatsmänner, lässt sich schliesslich in Zahlen ausdrücken, alles ausrechnen. Zählen wir . . . Rechnen wir . . .

Man zählt ungefähr vierzigtausend Beamte in Frankreich; nicht mitgerechnet sind Leute wie Bahnwärter, Strassenkehrer, Zigarrenarbeiterinnen, die zwar Gehälter bekommen, aber doch nicht zu den Beamten gezählt werden können. Der Durchschnitt des Gehaltes ist fünfzehnhundert Franken. Man multipliziere vierzigtausend mit fünfzehnhundert, das sind sechzig Millionen. Und nun wollen wir einmal Europa, China, Russland, wo alle Beamten stehlen, Oesterreich, den amerikanischen Republiken, der Welt vorhalten, dass Frankreich für diese lächerliche Summe eine Verwaltung bekommt, die das Maximum an Schnüffelei, Kleinlichkeit, Schreibseligkeit, Papierbeschmierung leistet, eine, wo immerzu Inventar gemacht wird, kurz eine mit der Seele eines Dienstboten, einer kleinen Hausfrau, wie keine Verwaltung der Vergangenheit, der Gegenwart oder Zukunft sonst. Nicht ein Centime wird in Frankreich ausgegeben oder eingenommen, der nicht durch einen Brief angewiesen, durch einen Brief verlangt wäre, aktenmässig belegt, gebucht und dann auf Tabellen verbucht, gegen Bestätigung ausgezahlt. Dann werden Eingabe und Quittung von brillentragenden Männern nochmals registriert, kontrolliert, auf ihre Echtheit geprüft. Beim geringsten Formfehler gerät der Beamte aus dem Häuschen. Die Beamten, die ja von den administrativen Skrupeln leben, erhalten und pflegen sie; im Bedarfsfalle erzeugen sie sie künstlich und sind glücklich, Verstösse konstatieren zu können, um so ihre eigene Nützlichkeit zu erweisen.

Dies alles schien der geistreichsten Nation der Welt aber noch nicht genügend.

Man hat auf dem Quai d' Orsay in Paris eine grosse Hühnersteige errichtet, so weit wie das Kolosseum in Rom, um daselbst einen in der Welt einzig dastehenden Senat allerhöchster Verwaltungsbeamter unterzubringen. Diese Herren verbringen ihre Tage mit der Untersuchung aller Bons, Papierfetzen, Register, Kontrollisten, Quittungen, Zahlungsnachweise aller empfangenen und verausgabten Steuern usw., welche die Beamten geschrieben haben. Diese strengen Richter treiben das Talent der Bedenken, das Genie der Untersuchung, das Auge des Luchses, den Scharfblick des Rechenmeisters so weit, alle Additionen nochmals zu machen, um Substraktionen zu entdecken. Diese erhabenen Opfer der Ziffern bringen es fertig, nach zwei Jahren einem Rechnungsoffizier einen Rechenschaftsbericht zurückzuschicken, in dem es eine Unklarheit über zwei Centimes gibt.

O Frankreich, Du geistreichstes Land der Welt, man wird Dich besiegen können, aber Dich betrügen? . . . Ah – niemals! Du bist unzweifelhaft weiblichen Geschlechts.

So hat die französische Verwaltung, die reinste aller federfuchsenden Administrationen der Welt, den Diebstahl unmöglich gemacht. In Frankreich ist die Veruntreuung eine Chimäre.

O glücklicher Steuerzahler, schlafe in Frieden! Wenn Du einen einzigen Franken zuviel bezahlen würdest, der erste Präsident Barthe, dem man fälschlich vorwirft, keinen klaren Blick zu haben, er würde ihn erspähen, er würde Dir ihn zurückschicken und Du würdest ihn wiedersehen, Deinen Franken! Ich wiederhole Dir, schlafe in Frieden!

Jetzt aber wendet sich diese Physiologie an alle Industriellen, Kaufleute, Krämer, Wucherer, Landwirte, Unternehmer dieses schönen Landes, ja auch an die anderen Länder; denn dieses Buch möchte gerne wissenschaftlich Nutzen stiften, sein leichtes Kleid sozusagen durch Blei beschweren. Welcher tüchtige Geschäftsmann würde nicht mit Freuden fünf Prozent des Kapitales, das den Umsatz seines Betriebes ausmacht, irgendeiner Versicherungsgesellschaft in den Rachen werfen, um sich gegen Verluste durch Veruntreuung, Schmiergelder zu schützen? Die Industriellen beider Welten würden sicher gerne einen solchen Pakt gegen jenes ärgste Übel, das man »Coulage« nennt, schliessen. Nun, Frankreich hat ein Einkommen von zwölfhundert Millionen und gibt es aus: zwölfhundert Millionen fliessen in seine Kassen und verlassen sie wieder. Zwei Milliarden und vierhundert Millionen gehen also durch seine Hände, und es bezahlt nur sechzig Millionen, das sind zwei und ein halb Prozent, für die Sicherheit, dass jede Veruntreuung ausgeschlossen erscheint. Die Vergeudung kann also nur moralischer oder legislativer Natur sein, die Kammern sind Mitschuldige, die Vergeudung wird sozusagen durch das Gesetz geheiligt. Diese Coulage (Veruntreuung) besteht in der Vergeudung von Arbeiten, die weder dringlich noch zweckmässig sind, in der Errichtung von Monumenten an Stelle von Eisenbahnanlagen, in der Adjustierung und Wiederneuadjustierung der Truppen, darin, dass man Schiffe bestellt, ohne zu wissen, woher das Holz nehmen, das man zu teuer bezahlen muss, in der Rüstung von Kriegen, die man nicht führt, in der Bezahlung der Schulden fremder Staaten ohne Garantien für die Rückerstattung usw. usw. Aber diese höhere Gattung der Veruntreuung kümmert den Beamten nicht. Diese üble Führung der Geschäfte des Landes geht den Staatsmann an. Der Beamte begeht derlei Fehler so wenig, wie der Maikäfer Naturgeschichte doziert; er begnügt sich, ihre Existenz zu dokumentieren.

Diese in hohem Grade regierungsfreundlichen Betrachtungen sind diktiert von Mitgefühl mit dem Elend des Beamten, der sich von der Presse so grausam bedroht, von der Kammer angegriffen sieht, und auf dessen Haupt immer wieder die bösen Worte fallen: »Die Zentralisation, die Bureaukratie!«

Gewiss, die Bureaukratie hat ihre Fehler: sie ist langsam und rücksichtslos, sie beschränkt die ministerielle Bewegungsfreiheit ein wenig, sie erstickt manches Projekt, sie hält den Fortschritt auf; allein, die französische Verwaltung bringt doch einen Nutzen, den man bewundern muss, sie fördert die Papierfabrikation. Sie ist zwar wie die meisten musterhaften Hausfrauen ein bisschen kleinlich, aber sie ist zu jeder Stunde bereit, Rechnung zu legen.

Unsere politische Wirtschaft kostet sechzig Millionen, aber die Gendarmerie kostet mehr und hindert nicht, dass wir bestohlen werden. Die Gerichtshöfe, die Gefängnisse, die Polizei kosten ebensoviel und bringen uns keinen Ertrag. Darum, die Bureaus und ihre erhabenen Berichte, sie leben hoch!

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