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Physiologie des Alltagslebens

Honoré de Balzac: Physiologie des Alltagslebens - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorHonore de Balzac
titlePhysiologie des Alltagslebens
publisherGeorg Müller
editorW. Fred
year1912
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Physiologie des Beamten

Trimolet

Erstes Kapitel
Definition

Was ist das: ein Beamter? Bei welchem Rang fängt einer an, Beamter zu sein, auf welcher Stufe hört man auf, es zu sein?

Wenn man sich nach den politischen Ideen des Jahres 1830 zu richten hätte, müsste man sagen: Die Klasse der Beamten schliesst schon den Portier des Ministerpalais in sich ein, und auch der Minister selbst ist noch nicht der höchste Beamte. M. de Cormenin, dessen Göttin die Zivilliste ist, scheint versichern zu wollen, dass der König der Franzosen auch nur ein Beamter ist, Beamter mit zwölf Millionen Gehalt, absetzbar vom Volk, mit der gütigen Hilfe von Pflastersteinen, die von der Strasse zu ihm fliegen, oder der Kammer durch ihre Abstimmungen.

Die ganze Maschinerie der Politik wäre also beschlossen zwischen den dreihundert Franken Sold des Bahnwärters oder Gendarmen und den zwölfhundert Franken des Friedensrichters; zwischen den zwölfhundert Franken des Portiers und den zwölf Millionen der königlichen Zivilliste. Eine Tabelle mit all diesen Ziffern gäbe nach dieser Auffassung Aufschluss über sämtliche Pflichten und Rechte, die schlechten und die guten Gehälter, kurz alles, was man wissen muss.

Wahrlich, das wäre das Ideal einer Gesellschaft, die nur noch an eines glaubt! Ans Geld, und deren Existenz einzig auf Steuervorschreibungen und Strafgesetzen basiert.

Doch die hohe Moral der politischen Prinzipien dieser Physiologie kann eine solche Auffassung nicht zugestehen. M. de Cormenin ist ein Mann von Herz und Geist, aber ein schlechter Politiker. Und diese Physiologie verzeiht ihm seine Pamphlete nur um des vielen Guten, das sie unfreiwillig, aber reichlich geschaffen haben: sie haben ja den Beweis erbracht, dass es nichts Unhöflicheres geben kann, als die Bezahlung des Hofes! Von nun an dürfen die Könige von Frankreich und Navarra von ihren Untertanen für ihren Unterhalt nichts mehr annehmen, man muss ihnen durchaus königliche Domänen geben und nicht Gehälter.

Vielleicht lautet die beste Definition des Beamten so:

Ein Mann, der, um leben zu können, sein Gehalt haben muss, der nicht in der Lage ist, seinen Posten aufzugeben, weil er nichts anderes kann als Papier vollkritzeln.

Stimmt nicht alles, sowie man diese Definition annimmt? Sogleich sind die dunkelsten Zusammenhänge zwischen dem Manne und seinem Amt klar. Und jeder weiss: Der König von Frankreich kann nie ein Beamter sein, wie der famose Herr von Cormenin implizite behauptet. Denn er kann von seinem Thron herabsteigen und ohne Zivilliste leben.

Die öffentliche Erklärung des Maréchal Soult lässt die politische Lage der Marschälle von Frankreich einigermassen beunruhigend erscheinen; doch die mangelnde oratorische Begabung dieses grossen Generals verbietet die weitere Erörterung dieses Gegenstandes.

Es ist klar, auch der Soldat ist kein Beamter: er wünscht zu sehr, seinen Platz zu verlassen, steht aber zu selten auf dem Platz, den er will. Er arbeitet zu viel und bekommt zu wenig »Metall« zu fassen, ausser das Metall seiner Flinte.

Nach diesen Kommentaren muss ein Beamter also ein Mann sein, der in seinem Bureau sitzt und schreibt. Zum Beamten gehört das Bureau wie zur Schnecke ihr Haus. Kein Beamter ohne Bureau, kein Bureau ohne Beamten. Demnach ist der Grenzaufseher auf bureaukratischem Gebiet eine Art Neutrum. Er ist halb Soldat, halb Beamter. Er lebt auf der Grenzlinie des Bureaus und des Heeres, wie auf jener der Länder: weder ganz Soldat, noch ganz Beamter.

Und die letzte Stufe des Beamten? Fürwahr, eine ernste Frage.

Ist ein Präfekt ein Beamter? Unsere Physiologie negiert es.

Erstes Axiom:

Wo der Beamte aufhört, Beamter zu sein, fängt er an, Staatsmann zu sein.

Allein, es gibt wenig Staatsmänner unter den Präfekten. Diese subtilen Unterscheidungen führen also zu dem Schlusse, dass der Präfekt eine Zwischenstufe höherer Ordnung darstellt. Er steht zwischen dem Staatsmann und dem Beamten wie der Zollbeamte zwischen Zivil und Militär.

Fahren wir fort, diese schwierigen Fragen zu entwirren.

Könnte man nicht das folgende Axiom formulieren?

Zweites Axiom:

Wer mehr als zwanzigtausend Franken Gehalt hat, ist kein Beamter mehr.

Erster Zusatz. Die Erscheinung des Staatsmannes gehört in die Sphäre der hohen Gehälter.

Zweiter Zusatz. Generaldirektoren können Staatsmänner sein.

Vielleicht ist das der Grund, dass mancher Deputierte sich sagt: »Es muss was sehr Schönes sein, Generaldirektor zu sein.«

Vier Generaldirektoren machen soviel Geld wie ein Minister.

Beamter ist man also bis zum Abteilungschef. Die Frage wäre nun wohl klargestellt, es gibt keine Unsicherheit mehr. Nun ist der Beamte, der undefinierbar erschien, endgültig festgestellt.

Beamter sein, heisst der Regierung dienen. Jene aber, die die Macht der Regierung für ihre Zwecke benützen, lassen sich von der Regierung bedienen, statt ihr zu dienen, wie Mr. Thiers zum Beispiel, und diese geschickten Mechaniker nennt man eben – Staatsmänner.

Im Interesse der französischen Sprache und der Akademie wollen wir bemerken: während der Chef noch ein Beamter ist, der Abteilungschef muss ein Bureaukrat sein. In den Bureaus wird man diese feine Nuance zu würdigen wissen.

Ein Richter, der unabsetzbar ist und ein Gehalt bezieht, das nicht im Einklang mit der von ihm geleisteten Arbeit steht, darf zu den Beamten kaum gerechnet werden.

Machen wir ein Ende mit den Definitionen. Parodieren wir lieber den berühmten Ausspruch Ludwigs XVIII. und stellen das Axiom auf:

Drittes Axiom:

Eng benachbart dem Bedürfnisse zu definieren, ist die Gefahr, sich in Worte zu verirren.

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