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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 8
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Die Prädestinierten

Prädestiniert bedeutet: im voraus zu Glück oder Unglück bestimmt. Die Theologie hat sich dieses Wortes bemächtigt und bedient sich seiner stets, um die Seligen zu bezeichnen; wir dagegen legen diesem Ausdruck eine Bedeutung bei, die für unsere Auserwählten – von denen man im Gegensatz zu denen des Evangeliums sagen kann: »Viele sind berufen und viele sind auserwählt« – nicht eben angenehm ist.

Die Erfahrung hat gelehrt, daß gewisse Menschenklassen mehr als andere gewissen Schwächen und Leiden unterliegen: die Gascogner zum Beispiel übertreiben gern; die Pariser sind eitel; vom Schlagfluß werden besonders Kurzhalsige getroffen; der Karbunkel – eine Art Beulenpest – stürzt sich mit Vorliebe auf die Fleischer, die Gicht auf die Reichen, die Gesundheit auf die Armen, die Schwerhörigkeit auf die Könige, die Gliederlähmung auf die Verwalter. So hat man auch bemerkt, daß gewisse Klassen von Ehemännern besonders bevorzugte Opfer der illegitimen Leidenschaften werden. Diese Ehemänner und ihre Frauen beanspruchen den größten Teil der Junggesellen. Sie bilden eine Aristokratie etwas eigentümlicher Art. Sollte irgendein Leser sich in einer dieser aristokratischen Klassen befinden, so werden er oder seine Frau – wenigstens hoffen wir es – Geistesgegenwart genug besitzen, sich sofort des Lieblingssatzes in Lhomonds lateinischer Grammatik zu erinnern: »Keine Regel ohne Ausnahme.« Ein Hausfreund kann sogar den Spruch zitieren:

Die Anwesenden sind immer ausgenommen.

Und alsdann wird ein jeder von ihnen im stillen Innern das Recht haben, sich für eine Ausnahme zu halten. Aber unsere Pflicht, unsere Teilnahme für die Ehemänner und unser Wunsch, alle die vielen jungen und hübschen Frauen vor den Launen und Unannehmlichkeiten zu bewahren, unter denen ein Liebhaber sie wird leiden lassen – dies alles nötigt uns, die Ehemänner, die sich ganz besonders in acht nehmen müssen, in Reih und Glied aufmarschieren zu lassen.

In dieser Aufzählung müssen die erste Stelle jene Ehemänner einnehmen, die durch ihre Geschäfte, Ämter oder Dienstobliegenheiten zu bestimmten Stunden und während einer bestimmten Zeit von Hause ferngehalten werden. Diese werden das Banner der Gilde zu tragen haben.

Unter ihnen nennen wir mit besonderer Auszeichnung die unabsetzbaren und absetzbaren Beamten, die genötigt sind, einen großen Teil des Tages im Justizpalast zu verweilen. Die andern Beamten machen es doch zuweilen möglich, ihr Bureau zu verlassen; aber ein Richter oder königlicher Staatsanwalt, die auf den liliengeschmückten Sesseln thronen – die müssen sozusagen während der Gerichtsverhandlung sterben. Das ist ihr Schlachtfeld.

Dasselbe gilt von den Abgeordneten und Pairs, die über die Gesetze zu beraten haben; von den Ministern, die mit dem König arbeiten; von den Abteilungsvorständen, die mit den Ministern arbeiten; von den Militärs, die im Felde liegen; und endlich vom Korporal, der Patrouillendienst hat – wie aus Lafleurs Brief in der ›Sentimentalen Reise‹ hervorgeht.

Gleich hinter den Leuten, die sich zu bestimmten Stunden aus ihrer Wohnung entfernen müssen, kommen jene, denen umfangreiche und ernste Geschäfte keine Minute Zeit lassen, um liebenswürdig zu sein; ihre Stirnen sind stets sorgenvoll, ihre Unterhaltung ist selten heiter.

An die Spitze dieser zum Hörnertragen besonders veranlagten Scharen stellen wir jene Bankiers, die fortwährend mit Millionen arbeiten, deren Kopf dermaßen mit Berechnungen angefüllt ist, daß schließlich die Zahlen die Hirnschale durchdringen und sich in Additionsreihen über ihrer Stirn erheben.

Diese Millionäre vergessen die meiste Zeit die heiligen Gesetze der Ehe und die Pflege, auf die die von ihnen zu hegende zarte Blume Anspruch macht, und denken niemals daran, sie zu begießen, sie vor Frost oder Hitze zu bewahren. Kaum wissen sie, daß das Glück einer Gattin ihnen anvertraut worden ist; sie erinnern sich höchstens daran, wenn sie bei Tische eine reichgeschmückte Frau vor sich sehen oder wenn die Kokette anmutig wie Venus zu dem gefürchteten groben Brummbär kommt, um einen Griff in seine Kasse zu tun . . . Oh! dann erinnern sie sich manchmal am Abend recht deutlich der im Artikel 213 des Bürgerlichen Gesetzbuchs näher bezeichneten Rechte. Und ihre Frauen erkennen diese Rechte an; aber es ist damit wie mit den hohen Zöllen, die auf fremde Waren gelegt werden: sie dulden diese Rechte und finden sich damit ab, nach dem Sprichwort: »Ohne Leid keine Freud'!«

Die Gelehrten, die ganze Monate damit verbringen, an dem Knochen eines vorsintflutlichen Tieres herumzunagen, die Gesetze der Natur zu berechnen oder ihre Geheimnisse zu erspähen; die Griechen und Lateiner, deren Mittagessen ein Gedanke aus dem Tacitus, deren Abendessen ein Satz aus dem Thukydides ist, die ihr Leben lang auf der Jagd nach einem Manuskript oder Papyrus den Staub der Bibliotheken schlucken, sind lauter Prädestinierte. Von dem, was um sie her vorgeht, merken sie niemals etwas, so sehr sind sie fortwährend in ihre Arbeit vertieft oder in Ekstase. Und wenn ihr Unglück sich am hellen Mittag vollzöge, sie würden es kaum sehen. Glückliche! O tausendmal Glückliche! Beispiel: Beauzée kommt aus einer Sitzung der Akademie nach Hause und überrascht seine Frau mit einem Deutschen. »Quand je vous avertissais, madame. qu'il fallait que je m'en aille . . .« ruft der Fremde. – »Eh! monsieur, dites moi au moins: ›Que je m'en allasse!‹« – versetzt der Akademiker.

Dann kommen, die Leier in der Hand, einige Poeten, deren animalische Kräfte alle miteinander das Entresol verlassen haben, um das höhere Stockwerk zu beziehen. Da sie den Pegasus besser zu reiten wissen, als die Stute des Gevatters Peter, so verheiraten sie sich selten; sie sind gewöhnt, von Zeit zu Zeit einmal an einer vagabundierenden oder nur in ihrer Einbildung vorhandenen Chloris ihren Liebesdrang auszulassen.

Aber die Männer, deren Nase mit Tabak besudelt ist;

aber diejenigen, die das Unglück haben, mit einem Dauerschnupfen auf die Welt gekommen zu sein;

aber die rauchenden oder priemenden Seeleute;

aber die Leute, die infolge ihres barschen und galligen Charakters immer aussehen, als hätten sie einen sauren Apfel gegessen;

aber die Männer, die in ihrem persönlichen Benehmen einige zynische Unarten, die gewisse Angewohnheiten haben, die immerzu unsauber aussehen;

aber die Ehemänner, die man mit dem schimpflichen Beinamen ›Bettwärmer‹ belegt;

und endlich die Greise, welche junge Mädchen heiraten –

alle diese Leute sind in hervorragendem Maße prädestiniert! Noch eine letzte Klasse von Prädestinierten gibt es, die ebenfalls ihres Unglücks beinahe gewiß sind. Wir meinen die Plagegeister und Nörgler, die Topfgucker und Haustyrannen, die ganz merkwürdige Ideen über häusliche Herrschaft haben, die ganz offen von den Frauen schlecht denken und vom Leben nicht mehr verstehen, als ein Maikäfer von der Naturgeschichte. Die Ehen dieser Leute gleichen einer Wespe, der ein Schüler den Kopf abgeschnitten hat und die bald hier, bald da gegen eine Fensterscheibe anstößt. Für diese Sorte von Prädestinierten ist unser Buch ein Buch mit sieben Siegeln. Für diese Dummköpfe, welche wandelnden Statuen aus einer Kathedrale gleichen, schreiben wir so wenig wie für die alten Maschinen von Marly, die die Wasserkünste im Versailler Park speisen, und die man nicht mehr in Betrieb setzen kann, ohne befürchten zu müssen, daß sie aus allen Fugen gehen.

Selten beobachte ich in den Salons die schnurrigen Ehemannsgestalten, von denen es dort wimmelt, ohne daß mir eine Szene ins Gedächtnis kommt, an der ich einmal in meiner Jugend meinen Spaß hatte.

Im Jahre 1819 bewohnte ich ein Häuschen in dem entzückenden Tal von Isle-Adam. Meine Einsiedelei lag unmittelbar am Cassanschen Park, dem lieblichsten aller Ruhesitze, die Luxus und Kunst geschaffen haben: wonnig anzusehen, von den kokettesten Spazierwegen durchzogen, unbeschreiblich kühl und wasserreich im Sommer. Diese grüne Kartause verdankt ihr Entstehen einem Generalpächter der guten alten Zeit, einem gewissen Bergeret, der einst durch seine Originalität und viele heliogabalische Streiche berühmt war: er ging zum Beispiel mit goldgepuderten Haaren in die Oper, veranstaltete für sich allein eine glänzende Illumination seines Parks oder gab sich selber ein prunkvolles Fest. Dieser bürgerliche Sardanapal hatte von einer italienischen Reise eine solche Begeisterung für die Naturschönheiten jenes Landes mitgebracht, daß er in einem Anfall von Fanatismus vier oder fünf Millionen ausgab, um in seinem Park alle in seiner Mappe mitgebrachten Landschaftsbilder kopieren zu lassen. Die entzückendsten Zusammenstellungen verschiedener Laubarten, die seltensten Bäume, lange Täler, die malerischsten Aussichtspunkte, Borromeische Inseln, die auf klaren, neckisch bewegten Fluten schwimmen, sind die Einzelstrahlen, die ihre optischen Schätze in einem einzigen Punkte vereinigen: einer Isola bella, von der aus das bezauberte Auge jede Einzelheit in Muße betrachten kann; einer Insel, auf der unter den nickenden Wipfeln hundertjähriger Weiden ein Häuschen sich versteckt; einer Insel, die, von Wasserlilien, Sträuchen und Blumen umsäumt, einem reichgefaßten Smaragd gleicht. Ein Zufluchtsort, den zu finden man tausend Meilen reisen möchte! Der kränklichste, verdrießlichste, trockenste von allen unsern genialen Männern, die sich nicht wohl befinden, würde an diesem Ort, von den leckern Gaben eines rein vegetativen Daseins überhäuft, binnen vierzehn Tagen an Fettsucht und Zufriedenheit sterben. Der damalige Besitzer dieses Paradieses – der sich übrigens aus seinem Eden nicht viel machte – hatte sich in Ermangelung eines Kindes oder einer Frau als Liebling einen großen Affen zugelegt. Vielleicht hatte er als früherer Liebhaber einer Kaiserin – wenigstens erzählte man sich von diesem Verhältnis Geschichten – von dem Menschengeschlecht genug gekriegt. Ein eleganter Holzkäfig, der von einer gedrechselten Säule getragen wurde, bildete die Behausung des boshaften angeketteten Tieres, das von seinem launenhaften Herrn, der öfter in Paris als auf seinem Landgut war, nur selten mit einer Liebkosung bedacht wurde. Der Affe stand in sehr schlechtem Ruf. Ich erinnere mich, mit angesehen zu haben, wie er mehreren Damen gegenüber beinahe so unverschämt wurde wie ein Mann. Später war der Besitzer genötigt, ihn töten zu lassen, da seine Bösartigkeit immer zunahm.

Eines Morgens saß ich im Park unter einem schönen blühenden Tulpenbaum. Ich war damit beschäftigt, nichts zu tun. Während ich die liebeatmenden Blumendüfte einsog, die von hohen Pappelbäumen an dem köstlichen Ort festgehalten wurden, während ich im Schweigen des Waldes schwelgte, dem Murmeln des Wassers und dem Rauschen der Blätter zuhörte, den blauen Himmelsgrund bewunderte, auf dem über meinem Kopfe perlmutterfarbene und goldige Wolken sich abzeichneten, während vielleicht meine Gedanken in meinem künftigen Leben spazieren gingen – da hörte ich plötzlich einen Tölpel, der am Tage vorher von Paris gekommen war, mit dem unmotivierten Eifer eines Menschen, der nichts zu tun hat, auf der Geige spielen. Ich möchte meinem grausamsten Feinde nicht wünschen, auf einmal so aus der erhabenen Harmonie der Natur herausgerissen zu werden. Ja, wenn die fernen Töne von Rolands Horn die Lüfte belebt hätten, dann vielleicht . . . aber daß ein kreischendes Quintengekratze sich anmaßt, einem menschliche Ideen und Worte in den Sinn zu rufen . . .!

Der Amphion ging im Speisesaal auf und ab und setzte sich schließlich auf eine Fensterbrüstung, genau dem Affen gegenüber. Vielleicht suchte er ein Publikum. Plötzlich sehe ich das Tier sachte von seinem kleinen Gefängnisturm heruntersteigen: es stellt sich auf seine beiden Hinterfüße, senkt den Kopf wie ein Schwimmer und kreuzt die Arme auf der Brust mit dem Stolz eines gefesselten Spartakus oder eines Catilina, der Ciceros Reden anhört. Plötzlich wird der Bankier von einer sanften Stimme gerufen, deren Silberklang das Echo eines mir bekannten Boudoirs erweckte; er legt die Geige auf die Fensterbrüstung und enteilt wie eine Schwalbe, die in schnellem Fluge auf ihre Genossin zusegelt. Der große Affe, dessen Kette von beträchtlicher Länge war, ging an das Fenster und nahm mit ernstem Gesicht die Violine in die Hand. Ich weiß nicht, ob schon jemand wie ich das Vergnügen gehabt hat, einen Affen zu sehen, der das Geigenspiel zu lernen versucht; aber noch jetzt, wo ich nicht mehr so viel lache wie in jenen sorglosen Tagen, kann ich niemals ohne ein Lächeln an meinen Affen denken. Zunächst packte der Halbmensch das Instrument mit derber Faust und beschnüffelte es, wie wenn er einen Apfel hätte essen wollen. Wahrscheinlich entlockte die Atmungstätigkeit seiner Nase dem tönenden Holz einen leisen Wohlklang; denn jetzt wiegte der Orang-Utan den Kopf, drehte die Geige hin und her, hob und senkte sie, hielt sie mit steifem Arm von sich ab, schwenkte sie, legte sie an sein Ohr, ließ sie fallen und fing sie wieder auf – und dies alles mit einer Gelenkigkeit und Schnelligkeit, wie sie nur diesen Tieren eigen ist. Er befragte das stumme Holz mit einer dummschlauen Miene, die etwas merkwürdig Unverständliches an sich hatte. Endlich versuchte er auf höchst groteske Art, die Geige unter sein Kinn zu klemmen, indem er mit der einen Hand den Griff hielt; aber wie ein verzogenes Kind wurde er bald einer Übung müde, die eine schwer zu erlangende Geschicklichkeit erforderte, und rupfte nur an den Saiten, ohne ihnen etwas anderes entlocken zu können als grelle Mißtöne. Jetzt wurde er ärgerlich, legte die Geige auf die Fensterbrüstung, packte den Bogen und begann ihn heftig hin und her zu stoßen, wie ein Steinmetz, der einen Stein sägt. Da auch dieser neue Versuch seine verständnisvollen Ohren nur noch mehr belästigte, so packte er den Bogen mit beiden Händen und schlug aus Leibeskräften auf das unschuldige Instrument, die Quelle von so viel Lust und Wohllaut. Er kam mir vor wie ein Schüler, der einen Kameraden unter sich hat, dem er zur Strafe für eine Niederträchtigkeit schnell, aber wohlgezielt, eine gehörige Tracht Prügel verabfolgt. Nachdem die Geige gerichtet und verurteilt war, setzte sich der Affe auf ihre Trümmer und ergötzte mit einer stumpfsinnigen Freude sich daran, mit dem zerbrochenen Bogen sich durch den blonden Pelz zu fahren.

Seit diesem Tage habe ich das Ehewesen der Prädestinierten niemals mit ansehen können, ohne die meisten Ehemänner mit diesem Orang-Utan zu vergleichen, der die Geige spielen wollte.

Die Liebe ist die melodiöseste aller Harmonien, und eine Ahnung davon ist uns allen angeboren. Die Frau ist ein köstliches Instrument der Lust, aber man muß die erzitternden Saiten kennen, muß lernen, wie es anzusetzen ist, wie mit wechselndem Fingersatz die Töne zu meistern sind.

Wie viele Orangs . . . Menschen wollte ich sagen . . . verheiraten sich, ohne zu wissen, was eine Frau ist! Wie viele Prädestinierte haben sie behandelt, wie der Affe von Cassan seine Geige! Sie brachen das Herz, das sie nicht verstanden, wie sie das Kleinod, dessen Geheimnis ihnen unbekannt war, schändeten und verachteten. Kinder ihr ganzes Leben lang, scheiden sie aus dem Leben mit leeren Händen – sie haben vegetiert, haben von Liebe und Lust gesprochen, von Ausschweifung und Tugend, wie die Sklaven von der Freiheit sprechen. Fast alle haben sich verheiratet, ohne von der Frau und von der Liebe auch nur die allergeringste Kenntnis zu haben. Sie haben in einem fremden Hause die Tür eingeschlagen und haben verlangt, im Salon eine gute Aufnahme zu finden! Aber der gewöhnlichste Künstler weiß, daß zwischen ihm und seinem Instrument – das doch nur aus Holz oder Elfenbein ist! – eine Art von unerklärbarer Freundschaft besteht. Er weiß aus Erfahrung, daß er Jahre gebraucht hat, um diese geheimnisvolle Beziehung zwischen einem unbelebten Stoff und ihm herzustellen. Er hat nicht beim ersten Versuch alle Freudenquellen und bösen Launen, alle Mängel und Tugenden seines Instruments geahnt. Erst nach langen Studien wird dieses für ihn eine Seele und eine unerschöpfliche Quelle des Wohllauts; wie zwei Freunde lernen sie sich erst nach den tiefsinnigsten Zwiegesprächen kennen.

Kann ein Mensch, der im Leben hockt, wie ein Seminarist in seiner Zelle, die Frau verstehen und dieses wunderbare Noten-Abc lesen lernen? Kann das ein Mann, dessen Beruf es ist, für andere zu denken, über andere zu richten, andere zu regieren, andere zu bestehlen, andere zu ernähren, zu heilen, zu verwunden? Mit einem Wort, können alle unsere Prädestinierten ihre Zeit darauf verwenden, eine Frau zu studieren? Sie verkaufen ihre Zeit – wie sollten sie sie denn aufs Glück verwenden? Das Geld ist ihr Gott. Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen. Daher ist denn auch die Welt voll von jungen Frauen, die blaß und schwach, krank und leidend sich durchs Leben schleppen. Die einen leiden an mehr oder minder gefährlichen Erhitzungen, andern ist das grausame Los beschieden, von mehr oder minder heftigen Nervenzufällen heimgesucht zu werden. Die Ehemänner aller dieser Frauen sind Dummköpfe und Prädestinierte. Sie haben sich ihr Unglück selber bereitet und haben darauf eine Sorgfalt verwandt, womit ein Ehekünstler die köstlichen und lange blühenden Blumen der Wonne zur Entfaltung gebracht hätte. Die Zeit, die ein Dummkopf darauf verwendet, sein eignes Glück zu vernichten, weiß ein Gescheiter dazu zu benutzen, sein Glück heranzubilden.

 

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