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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 7
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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XIV. In physischer Beziehung ist ein Mann länger Mann, als eine Frau Frau ist.

Soweit die Ehe in Betracht kommt, beläuft sich also der Unterschied in der Zeitdauer des Liebeslebens des Mannes und der Frau auf fünfzehn Jahre. Dieses beträgt drei Viertel der Zeit, während welcher ein Mann unter der Untreue seiner Frau leiden kann. Bei dem Abzug jedoch, den wir von der Gesamtzahl der Männer gemacht haben, beträgt der Unterschied nur höchstens ein Sechstel im Vergleich mit dem Ergebnis des Abzugs, den wir bei der Gesamtzahl der Frauen vorgenommen haben.

Groß ist die Bescheidenheit unserer Berechnungen! Unsere Gründe hinwiederum sind von einer so hausbackenen Augenfälligkeit, daß wir sie nur der Genauigkeit wegen auseinandergesetzt haben und um jeder Kritik zuvorzukommen.

Es ist also jedem Philosophen – wenn er auch nur ein ganz klein wenig rechnen kann – bewiesen, daß es in Frankreich eine Durchschnittszahl von drei Millionen Männern im Alter von mindestens siebzehn bis höchstens zweiundfünfzig Jahren gibt, die sich's alle wohl sein lassen, gute Zähne haben, mit denen sie zu beißen gedenken und auch beißen, und die an nichts weiter denken, als stracks und stramm den Weg zum Paradiese zu wandeln.

Nach den bereits angestellten Beobachtungen dürfen wir aus dieser Gesamtzahl eine Million Ehemänner ausscheiden. Nehmen wir einen Augenblick an, daß diese, zufrieden und immer glücklich wie unser Mustergatte, sich mit der ehelichen Liebe zufriedengeben.

Aber unsere zwei Millionen Junggesellen brauchen keine fünf Sous Rente, um Liebesabenteuer zu haben.

Aber ein Mann braucht nur gut zu Fuß zu sein und seine Augen zu gebrauchen zu wissen, um das Porträt eines Ehemannes vom Nagel zu heben.

Aber er braucht kein hübsches Gesicht zu haben, braucht nicht einmal stattlich von Gestalt zu sein.

Aber wenn ein Mann nur Geist, eine vornehme Erscheinung und Lebensart hat, fragen die Frauen ihn niemals, wo er herkommt, sondern nur, wo er hin will.

Aber die Reize der Jugend sind das einzige Gepäck der Liebe.

Aber ein Frack von Vuisson, ein Paar Handschuhe von Boivin, elegante Stiefel, die der Meister mit Zittern auf Kredit geliefert hat, eine gutgeknotete Krawatte genügen, um einen Mann zum König eines Salons zu machen.

Aber bilden nicht die Militärs – wenn auch die Vorliebe für Epaulettenfransen und Achselschnüre recht tief gesunken ist – immer noch, ganz für sich allein, eine höchst gefährliche Legion von Junggesellen? . . . Von Eginhard wollen wir nichts sagen, denn er war ja nur ein Privatsekretär – aber hat nicht ganz kürzlich erst eine Zeitung berichtet, daß eine deutsche Prinzessin einem einfachen Kürassierleutnant von der Kaisergarde ihr ganzes Vermögen vermacht hat?

Aber der Dorfnotar, der hinten in der Gascogne jährlich höchstens seine sechsunddreißig Urkunden auszufertigen hat, schickt seinen Sohn als stud. jur. nach Paris; der Strumpfwirker wünscht, daß sein Sohn Notar werde; der Rechtsanwalt bestimmt den seinigen für die Verwaltungslaufbahn; der Verwaltungsbeamte will Minister werden, um seinen Kindern die Pairswürde zu verschaffen. Zu keiner Zeit, solange die Welt steht, war ein so brennender Durst nach Bildung vorhanden. Heutzutage läuft nicht mehr der Esprit auf allen Straßen herum, sondern das Talent. Aus allen klaffenden Spalten unserer Gesellschaftsordnung sprießen leuchtende Blumen, wie im Frühjahr auf verfallenden Mauern; selbst in den Gewölben der Kellerhöhlen wachsen blasse Gewächse, die in frischen Farben prangen werden, wenn nur die Sonne der Bildung einen Strahl auf sie fallen läßt. Seitdem die Gedanken sich in so ungeheurer Weise entwickelt haben, seitdem das befruchtende Licht so gleichmäßig sich verteilt hat, haben wir beinahe keine überlegenen Geister mehr, weil in jedem Menschen die gesamte Bildung seines Jahrhunderts sich verkörpert. Wir sind von lebenden Enzyklopädien umgeben: sie gehen, denken, handeln und wollen ewig werden. Daher diese beunruhigenden Erschütterungen hochstrebenden Ehrgeizes und rasender Leidenschaft: wir brauchen andere Welten; wir brauchen Bienenkörbe, die bereit sind, alle diese Schwärme aufzunehmen, und vor allen Dingen brauchen wir viele hübsche Frauen.

Aber dann die Krankheiten, von denen ein Mann betroffen werden kann – sie bewirken keinen Ausfall in der Gesamtzahl der männlichen Leidenschaften. Zu unserer Schande ist es wahr, daß eine Frau niemals so innig an uns hängt, wie wenn wir leidend sind! . . .

Und wenn wir hieran dächten, dann müßten alle gegen das kleine Geschlecht – vom ›schönen Geschlecht‹ zu reden, ist ja jetzt recht altmodisch –, dann müßten, sage ich, alle gegen das kleine Geschlecht geschleuderten Epigramme ihre scharfen Stachel ablegen und sich in Madrigale verwandeln! Alle Männer sollten bedenken, daß Liebe die einzige Tugend der Frau ist, daß alle Frauen in wunderbarem Maße tugendhaft sind, und sollten damit das Buch zuklappen und die Betrachtung schließen.

Ah! Erinnerst du dich jenes traurigen, schwarzen Augenblicks, wo du einsam und leidend alle Menschen, besonders deine Freunde, anklagtest, wo du schwach und entmutigt an den Tod dachtest, wo dein Kopf auf einem widerlich heißen Kissen lag und dein Leib auf einem Bettuch, dessen weißes Linnengewebe sich schmerzhaft in deine Haut eindrückte, wo du deine weit aufgerissenen Augen über die grüne Tapete deines stillen Zimmers schweifen ließest? Erinnerst du dich, sage ich, wie du sie sahst, als sie geräuschlos deine Tür öffnete, ihren jungen blonden Kopf im Rahmen goldener Locken und eines neuen Hutes zeigte, wie sie erschien gleich einem Stern in einer Gewitternacht, wie sie lächelnd, halb bekümmert, halb glücklich, ins Zimmer eilte und auf dich zustürzte!

»Wie hast du es angefangen? Was hast du deinem Mann gesagt!« fragtest du.

Ein Ehemann! . . . Ah! Da sind wir wieder mitten in unserm Thema.

 

XV. In moralischer Beziehung ist der Mann öfter und länger Mann, als die Frau Frau ist.

Indessen müssen wir in Betracht ziehen, daß es unter diesen zwei Millionen Junggesellen viele unglückliche gibt, bei denen ein tiefes Bewußtsein ihres Elends und die Notwendigkeit, hart zu arbeiten, die Flamme der Liebe ersticken.

Daß sie nicht alle das Gymnasium besucht haben, daß es viele Handwerker gibt, viele Lakaien – der sehr häßliche und kleine Herzog von Gèvres bemerkte bei einem Spaziergang im Versailler Park einige sehr schön gewachsene Lakaien und sagte zu seinen Freunden: »Guckt nur mal, wie wir diese Kerle machen und wie sie uns machen!« – viele Bauunternehmer, viele Industrielle, die nur an Geld denken, viele Ladenschwengel.

Daß es Männer gibt, die dümmer und wirklich auch häßlicher sind, als Gott sie gemacht haben würde.

Daß es Männer gibt mit einem Charakter wie eine ausgehöhlte Kastanienschale.

Daß die Geistlichkeit im allgemeinen keusch ist.

Daß es Männer gibt, die ihrer Stellung wegen niemals in den glänzenden Kreis eintreten können, in dem sich die anständigen Frauen bewegen – die keinen Frack haben, oder schüchtern sind, oder denen der Kornak fehlt, um sie einzuführen.

Aber wir wollen einem jeden die Mühe überlassen, die Zahl dieser Ausnahmen nach seiner eigenen Erfahrung zu vermehren – denn der Zweck eines Buches ist vor allem, zum Denken anzuregen – und wollen mit einem Federzuge die Hälfte der Gesamtzahl streichen. Rechnen wir also nur eine Million Herzen, die würdig sind, den anständigen Frauen zu huldigen: dies ist so ziemlich die genaue Zahl unserer hervorragenden Persönlichkeiten auf allen Gebieten. Die Frauen lieben nicht nur geistreiche Männer; aber, noch einmal sei's gesagt, wir wollen der Tugend das Spiel nicht zu schwer machen.

Wenn wir nun einmal unsere liebenswürdigen Junggesellen anhören, da erzählt ein jeder von ihnen eine Menge Abenteuer, die ohne Ausnahme darauf hinauslaufen, daß durch sie die anständigen Frauen in bedenklicher Weise bloßgestellt werden. Wir sind recht bescheiden und zurückhaltend, wenn wir auf jeden Junggesellen nur drei solcher Abenteuer rechnen; aber wenn einige ihre Liebschaften dutzendweise berechnen, so gibt es soundso viele andere, die sich ihr ganzes Leben lang mit zwei oder drei Leidenschaften oder gar nur mit einer einzigen begnügt haben. Wir haben daher das in der Statistik übliche Verfahren uns zu eigen gemacht und verteilen die Gesamtzahl auf die einzelnen Köpfe. Wenn man nun die Zahl der Junggesellen mit der Zahl der Liebschaften multipliziert, so kommen drei Millionen solcher Abenteuer heraus; und um dieser Nachfrage zu genügen, haben wir nur vierhunderttausend anständige Frauen!

Wenn der gütige und nachsichtige Gott, der über den Welten schwebt, nicht eine zweite Generalwäsche des Menschengeschlechts veranstaltet, so ist ohne Zweifel der Grund der, daß die erste so geringen Erfolg gehabt hat.

Da haben wir also ein Volk untersucht! Da haben wir eine Gesellschaft durch das Sieb gestrichen! Und da haben wir gesehen, was dabei herauskam!

 

XVI. Die Sitten sind die Heuchelei der Völker; die Heuchelei ist mehr oder weniger vollkommen.

XVII. Tugend ist vielleicht nur Höflichkeit der Seele.

Die physische Liebe ist ein Bedürfnis, das dem Hunger gleicht – mit dem Unterschiede jedoch, daß der Mensch immer ißt, daß aber in der Liebe sein Appetit nicht so ausdauernd und nicht so regelmäßig ist wie bei Tische.

Ein Stück Schwarzbrot und ein Krug Wasser stillen den Hunger eines jeden Menschen; aber unsere Zivilisation hat die Gastronomie geschaffen.

Die Liebe hat ihr Stück Brot, aber sie hat auch jene Kunst des Liebens, die wir Koketterie nennen – ein reizendes Wort, das nur in Frankreich existiert, wo diese Wissenschaft entstanden ist.

Nun, haben nicht alle Ehemänner einigen Anlaß zu zittern, wenn sie daran denken, daß der Mensch von Natur ein Bedürfnis hat, Abwechslung in seine Kost zu bringen? Dieses Bedürfnis geht ja so weit, daß die Forschungsreisenden auch in den wildesten Ländern geistige Getränke und Ragouts gefunden haben!

Aber der Hunger ist nicht so heftig wie die Liebe; aber die Launen der Seele sind viel zahlreicher, viel prickelnder, viel raffinierter in ihrer Heftigkeit als die Launen der Gastronomie; aber alles, was die Dichter und das Leben uns über die menschliche Liebe offenbart haben, bewaffnet unsere Junggesellen mit einer furchtbaren Macht: sie sind die Löwen des Evangeliums, die brüllend einhergehen und suchen, wen sie verschlingen.

Möge einmal ein jeder sein Gewissen prüfen, in seinen Erinnerungen nachsuchen und sich fragen, ob ihm jemals ein Mann begegnet ist, der sich mit der Liebe einer einzigen Frau begnügt hätte!

Wie sollen wir denn nun in einer Weise, daß die Ehre aller Beteiligten unangetastet bleibt, das Problem lösen, daß drei Millionen glühender Leidenschaften zu ihrer Sättigung nur vierhunderttausend Frauen finden? Will man vier Junggesellen auf jede Frau annehmen und die Rechnung aufstellen, daß die anständigen Frauen recht wohl instinktmäßig und unbewußt eine Art Turnus untereinander und unter den Junggesellen eingerichtet haben könnten, etwa in derselben Art wie die Gerichtspräsidenten, die ihre Räte alle nacheinander immer nach einer Anzahl von Jahren von einer Abteilung zur andern versetzen?

Das wäre eine traurige Art, die Schwierigkeit zu lösen!

Will man gar annehmen, daß bei der Verteilung der Junggesellen gewisse anständige Frauen es machen wie der Löwe der Fabel? Wie? Dann wären zum mindesten die Hälfte unserer Altäre übertünchte Gräber!

Will man zur Ehre der französischen Damen mit in Anschlag bringen, daß in Friedenszeiten die andern Länder, besonders England, Deutschland und Rußland, eine gewisse Anzahl ihrer anständigen Frauen in unser Land einführen? Da werden aber die europäischen Nationen behaupten, das gleiche sich wieder aus, indem Frankreich eine gewisse Anzahl hübscher Frauen ausführe.

Derartige Berechnungen sind so schmerzhaft für Moral und Religion, daß ein anständiger Mann, von dem Wunsche beseelt, die verheirateten Frauen unschuldig zu finden, recht gerne glauben möchte, daß die Witwen und jungen Mädchen an dieser allgemeinen Verderbnis zur Hälfte beteiligt seien; oder noch lieber: daß die Junggesellen lögen. Aber was plagen wir uns lange mit Rechnungen? Denkt nur an unsere Ehemänner, die, zur Schande unserer Sitten sei's gesagt, sich fast alle wie Junggesellen aufführen und untereinander sich mit ihren geheimen Abenteuern brüsten.

Oh, dann glauben wir also, daß jeder Verheiratete, wenn er ein bißchen auf die Ehre seiner Frau hält, sich nur einfach nach einem Strick und einem Nagel umsehen kann: ›Foenum habet in cornu!

Unter diesen vierhunderttausend anständigen Frauen müssen wir jedoch, die Laterne in der Hand, die Zahl der tugendhaften Frauen suchen, die es in Frankreich gibt! In unserer Ehestatistik haben wir nur Geschöpfe abgestrichen, um die die Gesellschaft sich tatsächlich nicht bekümmert. Stimmt es nicht, daß in Frankreich die ›anständigen Leute‹, die ›feinen Leute‹ kaum eine Gesamtzahl von drei Millionen Individuen ausmachen, nämlich: unsere Million Junggesellen, fünfhunderttausend anständige Frauen, fünfhunderttausend Ehemänner und eine Million Witwen, Kinder und Backfische?

Wundert ihr euch jetzt noch über Boileaus berühmten Vers? Dieser Vers beweist, daß der Dichter in die mathematischen Berechnungen, die wir soeben in diesen betrübenden Untersuchungen den Augen unserer Leser unterbreitet haben, tief eingedrungen war, und daß er nicht übertrieben hat.

Indessen – es gibt doch tugendhafte Frauen:

Ja – diejenigen, die niemals in Versuchung geraten sind, und diejenigen, die in ihrem ersten Kindbett sterben, vorausgesetzt, daß sie Jungfrauen waren, als ihre Gatten sie heimführten.

Ja – diejenigen, die häßlich sind wie die Kaïfakatadary aus ›Tausendundeine Nacht‹; ja – diejenigen, die Mirabeau ›Gurkenfeen‹ nennt, und die genau aus denselben Atomen bestehen wie die Wurzeln der Erdbeere und der Seerose; indessen – darauf wollen wir uns lieber nicht verlassen.

Dann wollen wir zur Ehre des Jahrhunderts gestehen, daß man seit der Wiederaufrichtung der Moral und Religion in gegenwärtiger Zeit hier und da einigen Frauen begegnet, die so moralisch sind, so religiös, so pflichteifrig, so redlich, so abgezirkelt in ihrem Benehmen, so steif, so tugendhaft, so . . . . daß der Teufel sie nicht einmal anzusehen wagt; sie sind auf allen Seiten schützend umgeben von Rosenkränzen, Gebetsübungen und Beichtvätern . . . pst!

Wir wollen nicht versuchen, die Frauen zu zählen, die aus Dummheit tugendhaft sind; es ist allgemein anerkannt, daß in der Liebe alle Frauen Geist haben.

Schließlich wäre es jedoch nicht unmöglich, daß es in irgendeinem Winkel junge, hübsche und tugendhafte Frauen gäbe, von denen die Welt keine Ahnung hat.

Eine tugendhafte Frau dürft ihr aber nicht die nennen, die gegen eine unwillkürliche Leidenschaft ankämpft und einem Liebhaber, den sie zu ihrer Verzweiflung vergöttern muß, nichts bewilligt hat. Dies ist der blutigste Schimpf, der einem verliebten Ehegatten angetan werden kann. Was bleibt ihm von seiner Frau? Ein namenloses Ding, ein lebender Leichnam. Inmitten der Liebeslust ist seine Frau wie jener Gast, dem Borgia beim Gelage sagte, einige von den Speisen seien vergiftet: er hat keinen Hunger mehr und ißt nicht mehr, sondern tut nur noch, wie wenn er kaute. Er bedauert, daß er eine andere Einladung abgelehnt hat, um bei dem fürchterlichen Kardinal zu Tische zu gehen, und sehnt seufzend den Augenblick herbei, wo das Fest zu Ende sein wird und er vom Tische aufstehen kann.

Was folgt nun aus diesen Betrachtungen über die weibliche Tugend? Fünf Grundsätze, von denen uns aber die beiden letzten von einem eklektischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts überliefert sind. Hier sind sie:

 

XVIII. Eine tugendhafte Frau hat im Herzen eine Fiber mehr oder weniger als die übrigen Frauen: sie ist dumm oder erhaben.

XIX. Die Tugend der Frauen ist vielleicht eine Frage des Temperaments.

XX. Die tugendhaftesten Frauen haben in sich ein gewisses Etwas, das niemals keusch ist.

XXI. Daß ein geistvoller Mann Zweifel an seiner Geliebten hegt, das läßt sich begreifen; aber an seiner Frau . . .! da muß man gar zu dumm sein.

XXII. Die Männer wären zu unglücklich, wenn sie bei den Frauen auch nur im leisesten sich dessen erinnerten, was sie auswendig wissen.

Die Zahl der seltenen Frauen, die wie die Jungfrauen des Gleichnisses das Öl ihrer Lampe zu sparen wußten, wird in den Augen der Verteidiger von Tugend und redlichem Gefühl stets zu schwach sein. Aber noch obendrein müssen wir sie von der Gesamtzahl der anständigen Frauen abziehen, und diese an und für sich trostreiche Subtraktion macht die Gefahr für die Ehemänner noch größer, das Ärgernis noch häßlicher, und befleckt um so mehr die Ehre der übrigen legitimen Ehefrauen.

Welcher Ehemann wird jetzt noch ruhig an der Seite seiner jungen hübschen Frau schlafen können, wenn er vernimmt, daß mindestens drei Junggesellen auf der Lauer liegen? Wenn sie auf seiner kleinen Besitzung auch noch keinen Schaden angerichtet haben, so betrachten sie doch die Verheiratete als eine Beute, die ihnen von Rechts wegen zukommt und die ihnen früher oder später auch zufallen wird, entweder durch List oder durch Gewalt, die sie mit dem Rechte des Eroberers oder mit freier Zustimmung erlangen werden. Und es kann nicht anders sein, als daß sie eines Tages siegreich aus diesem Kampf hervorgehen.

Furchtbare Schlußfolgerung!

Nun werden uns vielleicht Moralhelden, die Lobpreiser der guten alten Zeit, beschuldigen, wir brächten gar zu trostlose Berechnungen vor: sie werden sich zu Verteidigern entweder der anständigen Frauen oder der Junggesellen aufwerfen wollen; aber für diese Herren haben wir uns eine letzte Beobachtung aufgespart:

Vermehrt nach Belieben die Zahl der anständigen Frauen und vermindert die Zahl der Junggesellen – stets werdet ihr das Ergebnis erhalten, daß es mehr galante Abenteuer als anständige Frauen gibt; stets werdet ihr eine ungeheure Menge von Junggesellen finden, die durch unsere Sitten sich darauf angewiesen sehen, zwischen drei Arten von Verbrechen zu wählen:

Wenn sie keusch bleiben, wird infolge der schmerzhaftesten Aufregungen ihre Gesundheit Schaden nehmen; sie werden die erhabensten Absichten der Natur vereiteln und werden in die Schweizer Berge reisen, um dort Milch zu trinken und an der Schwindsucht zu sterben.

Wenn sie ihren berechtigten Versuchungen unterliegen, werden sie entweder anständige Frauen kompromittieren – und dann sind wir ja wieder bei dem Thema unseres Buches angelangt – oder sie werden sich durch den abscheulichen Umgang mit jenen fünfhunderttausend Frauen entwürdigen, von denen wir im letzten Absatz der ersten Betrachtung sprachen – und wie groß sind nicht auch in diesem letztern Fall die Aussichten, daß sie Milch trinken und in der Schweiz sterben müssen!

Ist es euch denn niemals wie uns aufgefallen, daß die Einrichtung unserer Gesellschaftsordnung an einem bösen Fehler leidet, dessen nähere Betrachtung als moralischer Beweis unserer letzten Berechnungen dienen wird?

Das Durchschnittsalter, in dem der Mann sich verheiratet, beträgt dreißig Jahre; das Durchschnittsalter, in dem seine Leidenschaften, seine heftigsten Begierden nach Schöpferfreuden sich entwickeln, ist das zwanzigste Lebensjahr. Während der zehn schönsten Jahre seines Lebens, während der Periode voller Saft und Kraft, in der seine Schönheit, seine Jugend und sein Geist ihn für die Ehemänner bedrohlicher machen, als zu jeder andern Zeit seines Daseins – während all dieser Jahre gibt es für ihn kein Mittel, das unwiderstehliche Liebesbedürfnis, das sein ganzes Wesen erschüttert, auf gesetzmäßige Weise zu befriedigen. Da dieser Zeitraum ein Sechstel des menschlichen Lebens ausmacht, so müssen wir zugeben, daß mindestens ein Sechstel von der Gesamtzahl unserer Männer, und zwar gerade das kräftigste Sechstel, sich beständig in einer Lage befindet, die ebenso beschwerlich für sie, wie gefährlich für die Gesellschaft ist.

»Warum verheiratet man sie denn nicht?« ruft vielleicht eine Betschwester.

Aber welcher vernünftige Vater möchte seinen Sohn mit zwanzig Jahren verheiraten?

Kennt man denn nicht die Gefahr dieser allzu frühen Ehen? Allem Anschein nach muß die Ehe mit den natürlichen Gewohnheiten bedeutend im Widerspruch stehen, denn sie verlangt eine ganz besondere Reife der Vernunft. Allgemein bekannt ist ja Rousseaus Wort: »Eine gewisse Zeit der Ausschweifung ist stets notwendig – entweder vor der Ehe oder in der Ehe. Wir haben in uns einen schlechten Gärungsstoff, der früher oder später doch zu wirken beginnt.«

Welche Familienmutter würde das Glück ihrer Tochter den Zufällen dieser Gärung aussetzen, wenn sie nicht vor der Ehe stattgefunden hat?

Wozu brauchen wir übrigens eine Tatsache zu rechtfertigen, die in allen Gesellschaften besteht, ohne daß diese daran zugrunde gehen? Gibt es nicht in allen Ländern, wie wir nachgewiesen haben, eine ungeheure Anzahl von Männern, die auf die ehrenwerteste Art von der Welt ohne Zölibat und ohne Ehe fertig werden?

»Können denn nicht diese Männer« – wird wieder die Betschwester fragen – »Enthaltsamkeit üben wie die Priester?«

Zugegeben, meine Gnädige.

Indessen müssen wir darauf aufmerksam machen, daß das Keuschheitsgelübde eine der stärksten der von der Gesellschaftsordnung notwendig gemachten Ausnahmen vom Naturzustande ist; daß die Enthaltsamkeit der schwierige Punkt im Beruf des Priesters ist; daß dieser keusch sein muß, wie der Arzt unempfindlich ist gegen die körperlichen Leiden; wie der Notar und der Advokat unempfindlich sind gegen Armut und Elend, die vor ihnen ihre Wunden enthüllen; wie der Soldat unempfindlich ist gegen den Tod, der ihn auf einem Schlachtfeld umgibt. Wenn die Bedürfnisse der Kultur gewisse Fibern des Herzens verknöchern und gewisse Membranen der Denkkraft verhärten – so dürfen wir daraus nicht schließen, daß alle Menschen verpflichtet sind, in solcher Weise ihre Seele zum Teil absterben zu lassen. Das hieße das Menschengeschlecht zu einem abscheulichen moralischen Selbstmord treiben!

Aber es erscheine nur im jansenistisch-sittenstrengsten Salon, den es überhaupt gibt, ein achtundzwanzigjähriger junger Mann, der aufs sorgsamste sein Unschuldskleid bewahrt hat und so jungfräulich ist wie jene Auerhähne, an denen die Feinschmecker ihr Entzücken haben – seht ihr nicht die Szene vor euch, wie die herbste tugendhafte Frau irgendein recht bitteres Kompliment über seinen Mut an ihn richtet, wie der strengste Beamte, der jemals auf dem Richterstuhl saß, lächelnd den Kopf schüttelt, wie alle Damen ihre Köpfe verstecken, damit er nicht ihr Lachen höre? Und kaum verläßt das unglaublich heldenmütige Opferlamm den Salon, welch eine Sintflut von Witzen regnet da auf sein unschuldiges Haupt hernieder! Wie viel Beleidigungen! Gibt es in Frankreich etwas Schimpflicheres als Impotenz, Kälte, völlige Leidenschaftslosigkeit, Trottelhaftigkeit?

Der einzige König von Frankreich, der nicht einen solchen Tropf laut ausgelacht hätte, wäre vielleicht Ludwig XIII.: sein forscher Vater dagegen hätte vielleicht ein solches Bürschchen verbannt, indem er entweder ihn beschuldigt, kein Franzose zu sein, oder geglaubt hätte, er könnte ein gefährliches Beispiel abgeben.

Seltsamer Widerspruch! Ein junger Mensch wird gleichermaßen getadelt, wenn er sein Leben ›im heiligen Lande‹ verbringt, um uns eines landläufigen Ausdrucks des Junggesellenlebens zu bedienen. Sollten vielleicht zum Besten der anständigen Frauen die Polizeipräfekten und Bürgermeister aller Zeiten angeordnet haben, daß die im Dienste der Öffentlichkeit stehenden Leidenschaften erst mit Dunkelwerden zu beginnen und um elf Uhr abends aufzuhören haben?

Wo sollen sich denn all unsere Junggesellen ihre Hörner ablaufen? Und – wie Figaro fragt – wen betrügt man denn hier? Die Regierenden oder die Regierten?

Ist es mit der Gesellschaftsordnung wie mit jenen Jüngelchen, die sich im Theater die Ohren zuhalten, um die Flintenschüsse nicht zu hören? Hat sie Angst davor, die Sonde in ihre Wunde führen zu lassen? Oder sollte man allgemein der Meinung sein, daß es gegen dieses Übel kein Heilmittel gibt und daß man die Dinge gehen lassen muß, wie sie gehen? Aber hier liegt eine Frage vor, die die Gesetzgebung angeht; denn es ist unmöglich, dem materiellen und sozialen Dilemma zu entgehen, in das wir geraten, indem wir die Bilanz der ehelichen Tugend unserer Gesellschaft ziehen. Es ist nicht unseres Amtes, diese schwierige Frage zu lösen; nehmen wir indessen einen Augenblick an, daß zum Schutze so vieler Familien, so vieler Frauen, so vieler ehrbaren Mädchen, die Gesellschaft sich genötigt sähe, gewissen Herzen ein Patent und damit ein Recht zu geben, die Bedürfnisse der Junggesellen zu befriedigen; mußten alsdann nicht unsere Gesetze diesen weiblichen Deziussen, die sich für das Staatswohl aufopfern und aus ihren Leibern eine Schutzwehr für die anständige Familie machen, Zunftrechte verleihen? Die Gesetzgeber haben sehr unrecht, daß sie bis jetzt es verschmäht haben, dem Lose der Kurtisanen feste Regeln zu geben.

 

XXIII. Wenn die Kurtisane ein Bedürfnis ist, sollte sie eine Staatseinrichtung sein.

Diese Frage starrt von so vielen Wenn und Aber, daß wir sie unsern Enkeln vermachen; man muß auch ihnen noch etwas zu tun übrig lassen. Übrigens ist sie für dieses Werk vollkommen nebensächlich; denn heutzutage ist das Feingefühl höher entwickelt denn je; zu keiner Zeit hat man so viel von Sitte gewußt, weil man niemals so deutlich empfunden hat, daß echte Lust aus dem Herzen kommt. Und angesichts unserer vierhunderttausend jungen und hübschen Frauen, die mit allem Glanz des Reichtums, mit aller Anmut des Geistes geschmückt sind, die über alle Schätze der Koketterie verfügen und freigebige Spenderinnen des Glücks sind – welcher feinfühlige Mann, welcher Junggeselle ginge da . . .? Pfui!

Fassen wir also für unsere künftigen Gesetzgeber die Lehren dieser letzten Jahre in klarer und kurzer Form zusammen:

 

XXIV. In der gesellschaftlichen Ordnung entspringen die unvermeidlichen Mißbräuche aus Naturgesetzen, nach denen der Mensch sich seine Begriffe von bürgerlichen und staatlichen Gesetzen bilden muß.

XXV. »Der Ehebruch«, sagt Chamfort, »ist ein Bankrott, jedoch mit dem Unterschied, daß nicht der Bankrottierer, sondern der durch den Bankrott Geschädigte der Entehrte ist.«

In Frankreich bedürfen die Gesetze über den Ehebruch und über den Bankrott tiefgreifender Abänderungen. Sind sie zu milde? Liegt ihr Fehler darin, daß sie von falschen Grundsätzen ausgehen? Caveant consules!

Nun, mutiger Athlet, der du die kleine Ansprache an die mit einer Frau Behafteten in unserer ersten Betrachtung auf dich bezogen hast – was sagst du dazu?

Wir wollen hoffen, daß du bei unserm flüchtigen Überblick über diese Fragen keine Angst bekommen hast, daß du nicht zu den Leuten gehörst, denen das Rückgrat siedendheiß wird und ihr Nervenfluidum zu Eis erstarrt, wenn sie einen Abgrund oder eine Boa constrictor erblicken! Ei, mein lieber Freund: Wer da hat Land, hat auch Kriegsbrand. Die Männer, die nach deinem Gelde trachten, sind noch viel zahlreicher als diejenigen, die nach deiner Frau trachten.

Und schließlich steht es ja den Ehemännern frei, diese Tändeleien für Berechnungen oder diese Berechnungen für Tändeleien zu nehmen. Das Allerschönste am ganzen Leben sind seine Illusionen. Das Allerachtungswerteste sind unsere an und für sich ganz wertlosen Glaubensmeinungen. Gibt es nicht viele Leute, deren Grundsätze nur Vorteile sind, die nicht stark genug sind, um ein ›Glück an sich‹ und eine ›Tugend an sich‹ begreifen zu können, und die sich daher mit einer von den Gesetzgebern fix und fertig gelieferten Glückseligkeit und Tugend zufriedengeben? Daher wenden wir uns auch nicht an alle diese Manfreds, die zu viele Röcke hochgehoben haben und daher jetzt in den Augenblicken, wo eine Art von moralischem Spleen sie quält, alle Schleier lüften wollen. Soweit sie in Betracht kommen, haben wir jetzt die Frage klipp und klar aufgestellt, und wir kennen die Ausdehnung des Übels.

Es erübrigt uns zu betrachten, welche Aussichten im allgemeinen jeder Mann hat, wenn er eine Ehe eingeht, und besonders die Umstände zu untersuchen, die in dem Kriege, aus dem unser Kämpe als Sieger hervorgehen soll, seine Kräfte schwächen.

 

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