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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 35
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1920
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Nachschrift

Und werden Sie sich verheiraten?« fragte die Herzogin, der der Verfasser soeben sein Manuskript vorgelesen hatte.

(Diese Herzogin war eine von den beiden Damen, deren scharfem Verstande der Verfasser bereits in der Einleitung seines Buchs seine Ehrerbietung bezeigt hat.)

»Gewiß, Madame,« antwortete er. »Einer Frau zu begegnen, die kühn genug ist, von mir noch etwas wissen zu wollen, wird mir von jetzt an die teuerste Hoffnung sein.«

»Ist das Resignation oder Geckenhaftigkeit?«

»Das ist mein Geheimnis.«

»Nun, mein Herr Doktor der ehelichen Künste und Wissenschaften – erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine morgenländische Fabel zu erzählen, die ich mal in irgendeiner Sammlung gelesen habe, wie sie früher alljährlich in Almanachform erschienen. Im Anfang der Kaiserzeit brachten die Damen ein neues Spiel in Mode; es bestand darin, von der Person, die den Partner bei diesem Spiel machte, nichts anzunehmen, ohne das Wort ›Diadeste‹ zu sagen. Eine Partie dauerte, wie Sie sich wohl denken können, wochenlang, und die Hauptfeinheit bestand darin, den Gegner zu überraschen, indem er irgendeine Kleinigkeit annahm, ohne das vorgeschriebene Wort auszusprechen.«

»Galt dies auch für einen Kuß?«

»Oh! Auf diese Weise habe ich das ›Diadeste‹ zwanzigmal gewonnen!« sagte sie lachend. – »Es war, glaube ich, um jene Zeit, und weil gerade damals dieses Spiel von arabischem oder chinesischem Ursprung Mode wurde, daß meine Fabel der Ehre der Druckerschwärze gewürdigt wurde. – Aber wenn ich sie Ihnen erzähle,« sagte sie – und dabei unterbrach sie sich, um mit dem Zeigefinger ihrer Rechten auf eine reizend kokette Art ihren einen Nasenflügel zu kratzen – »so erlauben Sie mir, sie an das Ende Ihres Buches zu stellen.«

»Würde es nicht dadurch einen wahren Schatz erhalten? Ich habe gegen Sie bereits so viele Verpflichtungen, daß Sie es mir unmöglich gemacht haben, sie wieder wettzumachen. Ich bin also einverstanden.«

Sie lächelte boshaft und begann ihre Erzählung:

»Ein Philosoph hatte eine sehr umfangreiche Sammlung aller Streiche geschrieben, die unser Geschlecht den Männern spielen kann; und um sich gegen uns zu schützen, trug er dies Manuskript beständig bei sich. Eines Tages gelangte er auf einer Reise in die Nähe eines Araberlagers. Eine junge Frau, die im Schatten einer Palme saß, stand bei der Annäherung des Wanderers plötzlich auf und lud ihn so zuvorkommend ein, sich in ihrem Zelt auszuruhen, daß er nicht umhin konnte, die Einladung anzunehmen. Der Gemahl der Dame war augenblicklich abwesend. Kaum hatte der Philosoph sich auf einen weichen Teppich gesetzt, so bot seine anmutige Wirtin ihm frische Datteln und einen Krug von Milch; unwillkürlich bemerkte er die vollkommene Schönheit der Hände, die ihm das Getränk und die Früchte darreichten. Um sich aber den Empfindungen zu entziehen, die die Reize der jungen Araberin in ihm erregten, ergriff der weise Mann sein Buch und begann zu lesen. Etwas empfindlich über diese Mißachtung, sagte das verführerische Weib mit der wohllautendsten Stimme zu ihm:

›Das Buch muß sehr interessant sein, da es allein dir würdig erscheint, um deine Aufmerksamkeit zu fesseln. Ist es unbescheiden von mir, wenn ich dich frage, von welcher Wissenschaft es handelt?‹

Der Philosoph antwortete, ohne die Augen aufzuschlagen:

›Der Gegenstand dieses Buches gehört nicht zum Bereiche der Frau.‹

Dieser abschlägige Bescheid des Philosophen erregte immer mehr die Neugierde der jungen Araberin. Sie streckte das hübscheste Füßchen vor, das jemals seine flüchtige Spur auf dem beweglichen Sande der Wüste zurückgelassen hatte. Der Philosoph wurde zerstreut; die Versuchung war für sein Auge zu groß, und bald wanderte es von diesen verheißungsreichen Füßen empor zu dem noch entzückendern Mieder; und nicht lange dauerte es, da verschmolz die Flamme seiner Bewunderung mit dem Feuer, das aus den glühenden schwarzen Augen der jungen Asiatin sprühte. Sie wiederholte ihre Frage nach dem Buche mit einer so lieblichen Stimme, daß der Philosoph entzückt antwortete:

›Ich bin der Verfasser des Buches, aber der Inhalt ist nicht von mir: es enthält nämlich alle Listen, die von den Frauen erfunden worden sind.‹

›Wie? alle ohne Ausnahme?‹ fragte die Tochter der Wüste.

›Ja alle, und nur durch ein beständiges Studium der Frauen bin ich dahin gelangt, sie nicht mehr zu fürchten.‹

›Ah!‹ sagte die junge Araberin und senkte die langen Wimpern ihrer weißen Augenlider.

Hierauf warf sie plötzlich dem hochweisen Herrn einen so lebhaften Blick zu, daß er bald sein Buch und alle darin enthaltenen Streiche vergaß. Auf einmal ist mein Philosoph der allerverliebteste Mann. Da er im Benehmen der jungen Frau eine leichte Koketterie zu bemerken glaubte, so wagte der Fremde ein Geständnis. Wie hätte er auch widerstehen können? Der Himmel war blau, der Sand glänzte in der Ferne wie eine goldene Woge, der Wüstenwind brachte den Hauch der Liebe mit sich, und die Araberin schien alle Feuer zurückzustrahlen, von denen sie umgeben war. Die durchdringenden Augen des Philosophen wurden feucht; und mit einer Neigung des Kopfes, die diese lichterfüllte Atmosphäre in eine Wellenbewegung zu versetzen schienen, willigte die Araberin ein, die Liebesworte des Fremden anzuhören. Der Weise berauschte sich schon in den süßesten Hoffnungen, als plötzlich in der Ferne der Galopp eines anscheinend mit Flügeln begabten Pferdes sich hören ließ und die junge Frau ausrief:

›Wir sind verloren! Mein Gatte wird uns überraschen. Er ist eifersüchtig wie ein Tiger und noch unbarmherziger. Im Namen des Propheten, und wenn dir dein Leben lieb ist, verstecke dich in dieser Truhe!‹

Der Buchschreiber bekam Angst; er sah keinen Ausweg aus dieser bösen Lage und kroch in die Truhe hinein; die Frau sperrte den Deckel zu und steckte den Schlüssel zu sich. Dann ging sie ihrem Gatten entgegen, und nachdem sie ihn mit einigen Liebkosungen begrüßt hatte, die ihn in gute Stimmung versetzten, sagte sie:

›Ich muß dir ein recht seltsames Abenteuer erzählen.‹

Der Araber setzte sich auf einen Teppich, kreuzte nach morgenländischer Sitte die Beine und antwortete:

›Ich höre, meine Gazelle.‹

›Heute kam eine Art Philosoph. Er behauptet, in einem Buche alle Schelmenstreiche gesammelt zu haben, deren mein Geschlecht fähig ist, und dieser vorgebliche Weise hat mir von Liebe gesprochen.‹

›So? und . . .?‹ schrie der Araber.

›Ich habe ihn angehört!‹ antwortete sie kaltblütig; ›er ist jung, stürmisch und . . . du bist gerade zur rechten Zeit angekommen, um meiner wankenden Tugend beizustehen!‹

Der Araber machte einen Satz wie ein Löwe und riß brüllend seinen Handschar aus dem Gürtel. Der Philosoph, der in seiner Truhe jedes Wort hörte, wünschte sein Buch, die Weiber und alle Männer des steinigen Arabiens zu Ahriman.

›Fatme!‹ rief der Gatte; ›wenn dir etwas an deinem Leben liegt, so antworte! Wo ist der Schurke?‹

Erschreckt über das Gewitter, das sie zu ihrem Spaß heraufbeschworen hatte, warf sich Fatme ihrem Mann zu Füßen. Unter dem drohenden Stahl des Dolches zitternd, bezeichnete sie mit einem einzigen ebenso schnellen wie furchtsamen Blick die Truhe. Mit schamroten Wangen stand sie auf, nahm aus ihrem Gürtel den Schlüssel und reichte ihn dem Eifersüchtigen; aber im Augenblick, wo er die Truhe öffnen wollte, lachte die schlaue Araberin laut auf. Ganz verdutzt hielt Farun inne und sah seine Frau mit einer gewissen Unruhe an. Diese aber rief, vor Freude hüpfend:

›Endlich bekomme ich meine schöne goldene Kette! Gib sie mir! Du hast das ›Diadeste‹ verloren. Ein anderes Mal sei nicht so vergeßlich.‹

Verblüfft ließ der Gatte den Schlüssel fallen, überreichte auf seinen Knien die wundervolle goldene Kette und versprach seiner geliebten Fatme, er wolle ihr alle Kleinode der im Laufe des Jahres vorüberziehenden Karawanen bringen, wenn sie in Zukunft nicht mehr so grausame Listen anwenden wolle, um das ›Diadeste‹ zu gewinnen; und da er ein Araber war und nicht gerne eine goldene Kette verlor, wenn sie auch in den Besitz seiner Frau überging, so bestieg er flugs wieder seinen Renner und ritt ab, um in der Wüste nach Belieben schimpfen zu können – denn er liebte Fatme zu sehr, um ihr ins Gesicht zu zeigen, daß ihm etwas an ihr nicht recht war. Die junge Frau aber zog jetzt den Philosophen aus der Truhe heraus, in der er mehr tot als lebendig lag, und sagte ernst zu ihm: ›Herr Doktor, vergessen Sie in Ihrer Sammlung ja nicht diesen Streich.‹«

»Madame,« sagte ich zur Herzogin, »ich verstehe! Wenn ich mich verheirate, muß ich irgendeiner unbekannten Teufelei unterliegen; aber in diesem Falle – verlassen Sie sich darauf – werde ich meinen bewundernden Zeitgenossen den Anblick einer Musterehe darbieten.«

 

Paris, 1824-1829.

 


 

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