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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 32
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Entschädigungen

Die Ehekatastrophe, die eine gewisse Anzahl von Ehemännern nicht vermeiden kann, führt fast immer einen Umschwung herbei. Alles um dich herum wird ruhig. Deine Resignation – vorausgesetzt, daß du dich in Resignation schickst – erweckt starke Gewissensbisse in der Seele deiner Frau und ihres Liebhabers. Denn gerade ihr Glück zeigt ihnen die ganze Größe des Schadens, den sie dir zufügen. Du bist, ohne eine Ahnung davon zu haben, bei allen ihren Liebesfreuden als dritte Person anwesend. Das Wohlwollen und die Güte, die auf dem Grunde des menschlichen Herzens liegen, lassen sich nicht so leicht ersticken, wie man glaubt; daher meinen es gerade die beiden Menschenseelen am besten mit dir, die dich am meisten quälen.

In jenen durch ihre Vertraulichkeit so lieblichen Plaudereien, die das verknüpfende Band der Liebesfreuden bilden und gewissermaßen die Liebkosungen unserer Gedanken sind, sagt oft deine Frau zu deinem Doppelgänger:

»Weißt du, August, ich kann dir versichern, ich möchte jetzt wirklich, daß mein armer Mann glücklich wäre, denn im Grunde ist er gut: wäre er nicht mein Mann, wäre er mein Bruder, so könnte ich gar vieles ihm zu Gefallen tun! Er liebt mich – und – seine Freundschaft ist mir unbequem.«

»Ja, er ist ein braver Mann!«

Von nun an behandelt dich dieser Junggeselle mit größter Achtung; er möchte dich für das Unrecht, das er dir antut, in jeder ihm möglichen Weise entschädigen, aber ihn hält der verächtliche Stolz zurück, der sich in jedem deiner Worte und in jeder deiner Bewegungen kundgibt.

In den ersten Augenblicken der Ankunft des Minotauros gleicht nämlich ein Mann einem Schauspieler, der auf einer ihm ungewohnten Bühne in Verlegenheit gerät. Es ist sehr schwer, das Los des dummen Ehemanns mit Würde zu ertragen; indessen sind doch die edlen Charaktere noch nicht so selten, daß man nicht unter ihnen einen Mustergatten finden könnte.

Unmerklich gewinnen dich die anmutigen Aufmerksamkeiten, mit denen dich deine Frau umgibt. Sie behandelt dich mit einem freundschaftlichen Ton, den sie von nun an niemals mehr verleugnen wird. Ein angenehmes häusliches Leben ist eine der ersten Entschädigungen, die einem Ehemann den Minotauros weniger verhaßt machen. Und da es in der Natur des Menschen liegt, sich auch an die härtesten Lebensbedingungen zu gewöhnen, so bringt dich, trotz einer unerschütterlichen vornehmen Denkungsart, die unaufhörlich wirkende Zaubermacht dahin, schließlich auch die kleinen Annehmlichkeiten deiner Lage dir nicht zu versagen.

Nehmen wir an, das eheliche Unglück habe einen Mann betroffen, dem sein Magen das Höchste ist. Natürlich sucht er seinen Trost in der Befriedigung seines Geschmacks.

 

Eines Tags gehst du aus deinem Bureau im Ministerium nach Hause; du stehst lange Zeit bewundernd vor Chevets reicher und leckerer Pastetenbibliothek und wägst eine Summe von hundert Franken, die du ausgeben müßtest, gegen die Genüsse ab, die dir eine Straßburger Gänseleberpastete verspricht. Als du nach Hause kommst, siehst du zu deiner Verblüffung die Pastete protzig auf dem Anrichteschrank deines Eßzimmers stehen. Kann dies eine Art gastronomischer Luftspieglung sein? In dieser Ungewißheit gehst du festen Schrittes auf sie los – eine Pastete ist ein beseeltes Geschöpf – du wieherst sozusagen, als du die Trüffeln witterst, deren Duft durch die kunstvoll bereitete goldige Pastetenwand dringt; zweimal neigst du dich über sie; jedes einzelne der Geschmackswärzchen deines Gaumens hat eine Seele; du durchkostest die Wonnen eines wirklichen Festes, und in diesem Zustande der Verzückung – dabei aber von einem Gewissensbiß verfolgt – kommst du zu deiner Frau.

»Aber wirklich, liebe Freundin, wir haben kein solches Vermögen, daß wir uns erlauben können, Pasteten zu kaufen.«

»Aber sie kostet uns nichts!«

»Oho!«

»Ja, der Bruder des Herrn Achille hat sie ihm geschickt.«

Du bemerkst Herrn Achille in einer Ecke. Der Junggeselle macht dir eine Verbeugung, er scheint glücklich darüber zu sein, daß du die Pastete annimmst. Du siehst deine Frau an – sie wird rot; du fährst dir mit der Hand über den Bart und streichelst dir mehrere Male das Kinn; und da du nicht einmal ›danke‹ sagst, so erraten die beiden Liebenden, daß du mit der Entschädigung einverstanden bist.

Das Ministerium ist plötzlich verabschiedet worden. Ein Ehemann und Staatsrat fürchtet, von der Beförderungsliste gestrichen zu werden, während er am Tage vorher noch auf die Stellung eines Generaldirektors gehofft hatte; alle neuen Minister sind ihm feindlich gesinnt; infolgedessen gedenkt er zur konstitutionellen Partei überzuschwenken. Seine Ungnade voraussehend, ist er nach Auteuil gegangen und hat bei einem alten Freunde Trost gesucht, der mit ihm von Horaz und Tibull gesprochen hat. Als er nach Hause kommt, sieht er eine gedeckte Tafel, wie wenn die einflußreichsten Persönlichkeiten der ganzen Sippe eingeladen wären.

»Aber wirklich, Frau Gräfin,« sagt er verdrießlich, indem er ihr Zimmer betritt, wo sie eben die letzte Hand an ihre Toilette legt; »ich erkenne heute Ihren sonstigen Takt nicht wieder! Sie suchen sich eine recht passende Zeit aus, um Diners zu geben . . . zwanzig Personen werden erfahren . . .«

»Daß Sie Generaldirektor sind!« ruft sie, indem sie ihm ein königliches Dekret zeigt.

Er ist verblüfft. Er nimmt den Brief, dreht ihn hin und her, erbricht das Siegel. Er setzt sich, faltet das Schreiben auseinander und sagt:

»Ich wußte wohl, daß man mir Gerechtigkeit würde widerfahren lassen – mag das Ministerium sein, wie es will.«

»Ja, mein Lieber! Aber Herr von Villeplaine hat für Sie, wie er's nur für sich selber könnte, Seiner Eminenz dem Kardinal X. gegenüber gebürgt; er ist dessen . . .«

»Herr von Villeplaine?«

Dies ist eine so opulente Entschädigung, daß der Ehemann mit einem Generaldirektorstitel hinzusetzt:

»Alle Wetter, meine Liebe! Aber das haben Sie fertig gebracht!«

»Ach! Messen Sie mir kein Verdienst daran bei! Adolphe hat es aus reinem Instinkt und aus Anhänglichkeit an Sie besorgt!«

Eines Abends muß ein armer Ehemann wegen eines strömenden Regens zu Hause bleiben, vielleicht ist er es auch müde, seine Abende fortwährend im Spiel, im Café, in Gesellschaft zu verbringen, wo ihn alles langweilt. Genug, er sieht sich genötigt, nach dem Essen seiner Frau in das eheliche Schlafgemach zu folgen. Er versenkt sich in die Polster eines Lehnsessels und wartet mit der Miene eines Sultans auf seinen Kaffee; es ist, als ob er zu sich selber sagte:

»Schließlich ist sie doch meine Frau!«

Die Sirene bereitet eigenhändig und mit besonderer Sorgfalt sein Lieblingsgetränk, tut den Zucker hinein, kostet es und reicht es ihm dar. Und lächelnd, wie eine unterwürfige Odaliske, wagt sie einen Spaß, um die Stirn ihres Herrn und Gebieters zu entrunzeln. Bis dahin hatte er geglaubt, seine Frau sei dumm; als er aber ein feines Scherzwort hört – nehmen Sie an, Madame, es sei so fein wie eins, womit Sie ihn necken würden – da hebt er den Kopf auf jene eigentümliche Art eines Jagdhundes, der einen Hasen aufstöbert.

»Wo, zum Teufel, hat sie das her? Oder sollte es ein Zufall sein?« sagt er bei sich selber.

Von seiner erhabenen Höhe herab antwortet er mit einer pikanten Bemerkung. Seine Frau gibt ihm darauf eine schlagfertige Erwiderung, das Gespräch wird ebenso lebhaft wie interessant, und der Ehemann, ein ziemlich bedeutender Mensch, ist ganz erstaunt, den Geist seiner Frau mit den mannigfachsten Kenntnissen geschmückt zu finden; mit wunderbarer Leichtigkeit weiß sie stets das richtige Wort anzubringen; taktvoll und zartfühlend findet sie Bemerkungen von einer anmutigen Originalität. Sie ist nicht mehr dieselbe Frau. Sie bemerkt die Wirkung, die sie auf ihren Mann hervorbringt; und teils um sich für seine Vernachlässigung zu rächen, teils ihn den Liebhaber bewundern zu lassen, von dem sozusagen die Schätze ihres Geistes stammen, wird sie immer lebhafter, wird sie blendend. Der Ehemann, der mehr als irgendein anderer imstande ist, eine Entschädigung zu würdigen, die einigen Einfluß auf seine Zukunft üben muß, denkt bei sich selber: die Liebesverhältnisse einer Frau sind vielleicht eine Art von notwendiger Kultur.

Von dem Augenblick, wo die letzten Symptome auftreten, bis zur Epoche des ehelichen Friedens, mit dem wir uns sogleich beschäftigen wollen, verstreichen ungefähr zehn Jahre . . . Während dieses Zeitraumes nun, ehe die beiden Gatten den Friedensvertrag unterzeichnen, der zwischen dem weiblichen Volk und seinem rechtmäßigen Herrn eine aufrichtige Aussöhnung zustande bringt und ihrer kleinen häuslichen Restauration die Weihe gibt, mit einem Wort: ehe sich, wie Ludwig der Achtzehnte es ausdrückte, der Abgrund der Revolution schließt – kommt es selten vor, daß eine anständige Frau nur einen einzigen Liebhaber gehabt hat. Die Zeit der Anarchie hat ihre unvermeidlichen verschiedenen Phasen. An Stelle der stürmischen Herrschaft der Tribunen tritt eine Herrschaft des Säbels oder der Feder – denn man trifft selten Liebhaber, deren Beständigkeit ein Jahrzehnt dauert. Da ferner unsere Berechnungen nachweisen, daß eine anständige Frau ihre physiologischen oder diabolischen Steuern nur gerade eben pünktlich entrichtet hat, wenn sie nur drei Liebhaber glücklich macht – so spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie fast mehr als eine Provinz der Liebe betreten hat. Wenn nun einmal ein Interregnum der Liebe ein wenig lange gedauert hat, daß eine Frau, entweder aus Laune oder einem Gelüste unterliegend oder wegen des Reizes der Neuheit, den Versuch unternimmt, ihren Mann zu verführen.

Stelle dir die reizende Frau von T. vor, die Heldin unserer Betrachtung über die Strategie, wie sie auf einmal mit einem entzückend schlauen Gesicht sagt: »Aber ich habe Sie ja niemals so liebenswürdig gesehen!«

Deine Frau kost und schmeichelt, sie bringt dich in Versuchung, stachelt die Neugier, scherzt, nährt in dir den leisesten Wunsch, bemächtigt sich desselben und macht dich stolz auf dich selber. Und nun kommt für einen Ehemann die Nacht der Entschädigungen. Die Frau verblüfft die Phantasie ihres Gatten. Wie gewisse Erdballbummler erzählt sie Wunderdinge von den Ländern, die sie durcheilt hat. Sie mischt in ihre Erzählungen Wörter aus mehrern fremden Sprachen. Die leidenschaftliche Bildersprache des Morgenlands mischt sich in die kräftige Beweglichkeit der spanischen Ausdrucksweise. Deine Frau zeigt dir die Schätze ihres Albums mit der ganzen Geheimnistuerei der Koketterie; sie ist entzückend; du hast sie nie gekannt. Mit der den Frauen eigentümlichen Kunst, sich alles anzueignen, was man sie lehrt, hat sie die verschiedenen Nuancen so zu verschmelzen gewußt, daß daraus eine nur ihr eigentümliche Art entstand. Du hattest aus Hymens Hand eine linkische und naive Frau empfangen, der freigebige Liebhaber schenkt dir dafür zehn Frauen in einer. Freudig entzückt sieht plötzlich der Gatte sein Lager von der ausgelassenen Schar neckischer Kurtisanen überfallen, von denen wir in der Betrachtung über: ›Die ersten Symptome‹ gesprochen haben. Diese Göttinnen bilden Gruppen unter den zarten Musselinvorhängen des Ehebetts, lachen und schäkern. Die Phönizierin wirft dir ihre Kränze zu und wiegt sich üppig in den Hüften, die Chalkidierin überrascht dich durch die Wunder ihrer weißen, zarten Füße, die Unelmane erscheint, die Mundart des schönen Ioniens sprechend, und enthüllt dir, indem sie dich in die tiefsten Tiefen einer einzigen Sinnenfreude einweiht, unbekannte Schätze von Glück.

Aufrichtig betrübt, weil er solche Reize verschmäht, oftmals auch ermüdet durch die Treulosigkeiten, die er bei der Venuspriesterin nicht weniger zahlreich angetroffen hat, als bei den anständigen Frauen, beschleunigt ein Ehemann zuweilen durch seine Galanterie den Augenblick der Versöhnung, nach der gebildete Leute ja stets streben. Diese Nachlese von Glück wird vielleicht mit noch größerer Lust eingeerntet als die erste Ernte. Der Minotauros hatte dir Geld genommen – er gibt dir dafür Diamanten zurück. Hier ist es vielleicht angebracht, eine Tatsache von der höchsten Bedeutung hervorzuheben. Man kann eine Frau haben, ohne sie zu besitzen. Wie die meisten Ehemänner, hattest du von der deinigen vielleicht noch gar nichts empfangen, und um euren Bund vollkommen zu machen, bedurfte es der Mitwirkung der gewaltigen Junggesellenschaft. Wie sollen wir dieses Wunder bezeichnen – das einzige, das sich an einem Patienten in seiner Abwesenheit vollzieht? Ach, Brüder – wir haben die Natur nicht gemacht!

Aber durch wie viele andere, nicht weniger kostbare Kompensationen weiß nicht zuweilen ein edler und hochherziger junger Liebhaber sich Verzeihung zu erwirken! Ich erinnere mich, einer der wundervollsten Genugtuungen beigewohnt zu haben, die ein Liebhaber dem von ihm minotaurisierten Ehemann gewähren kann.

An einem heißen Sommerabend des Jahres 1817 sah ich in einem der tortonischen Säle einen der zweihundert jungen Leute erscheinen, die wir mit so viel Zuversicht unsere ›Freunde‹ nennen. Er prangte im ganzen Glanze seiner Bescheidenheit, als er in eines der damals so beliebten schmucken tortonischen Boudoirs eine wunderschöne und mit auserlesenem Geschmack gekleidete Frau einführte. Sie war einer eleganten Kalesche entstiegen, die auf dem Boulevard mit aristokratischer Rücksichtslosigkeit sich einen Platz auf dem eigentlich nur für Fußgänger bestimmten Trottoir angemaßt hatte. Mein junger Liebhaber führte seine junge Königin, hinter ihnen ging der Ehemann, der zwei engelschöne Kinderchen an der Hand hielt. Die beiden Liebenden gingen schneller als der Familienvater und betraten vor ihm das vom Aufwärter ihnen angewiesene Kabinett. Im vordersten Saal stieß der Ehemann gegen irgendeinen Dandy an, der ihn darüber zur Rede stellte. Es entstand ein Streit, der sofort bedenklich ernsthaft wurde, da von beiden Seiten heftige Worte gebraucht wurden. Der Stutzer erlaubte sich sogar, eine Handbewegung zu machen, die eines Mannes, der etwas auf sich hält, unwürdig ist. In diesem Augenblick kam der Liebhaber dazwischen und fiel dem Dandy in den Arm. Der Stutzer war überrascht, verblüfft – der Liebhaber war prachtvoll! Er sagte zum Angreifer nur:

»Mein Herr?!«

Dieses: ›Mein Herr?!‹ ist eine der schönsten Reden, die ich je gehört habe. Der junge Liebhaber scheint damit zu sagen: »Dieser Familienvater gehört zu mir; da ich mich seiner Ehre bemächtigt habe, so ist es an mir, ihn zu verteidigen. Ich kenne meine Pflicht, ich bin sein Stellvertreter und werde mich für ihn schlagen.« Die junge Frau war großartig! Bleich, aufgeregt hatte sie den Arm ihres immerzu sprechenden Gatten ergriffen, und ohne ein Wort zu sagen, zog sie ihn und ihre Kinder mit sich fort zu ihrem Wagen. Sie war eine von jenen Frauen der großen Welt, die stets die Heftigkeit ihrer Gefühle mit dem guten Ton in Einklang zu bringen wissen.

»Oh, Herr Adolphe!« rief die junge Dame, als sie ihren Freund mit heiterer Miene wieder in die Kalesche einsteigen sah.

»'s ist nichts, Madame. Der Herr ist einer meiner Freunde. Wir haben uns umarmt.«

Am nächsten Morgen empfing jedoch der mutige Junggeselle einen Degenstich, der sein Leben in Gefahr brachte. Er mußte sechs Monate hindurch das Bett hüten, die beiden Gatten pflegten ihn mit der rührendsten Sorgfalt. Welche Belohnungen!

Einige Jahre nach diesem Vorfall versuchte ein alter Onkel des Gatten, den jungen Liebhaber aus dem Hause zu bringen. Seine Ansichten stimmten nicht mit denen des Hausfreundes überein, und er hatte sich bei einer Unterhaltung über politische Angelegenheiten noch besonders über ihn geärgert. Der alte Herr ging so weit, seinem Neffen zu sagen, er müsse ihn vor die Wahl stellen, entweder sein Erbe zu bleiben oder den ungezogenen jungen Mann fortzuschicken. Da sagte der ehrenwerte Geschäftsmann – der Gatte war nämlich Börsenagent – zu seinem Onkel:

»Ah! niemals werden Sie, lieber Onkel, mich dahin bringen, gegen die Pflichten der Dankbarkeit zu verstoßen! Der junge Mann würde sich ja für Sie totschlagen lassen, wenn ich es ihm sagte! Er hat mir meinen Kredit gerettet, er würde für mich durchs Feuer gehen, er nimmt mir alle Unbequemlichkeiten ab, die mir meine Frau machen könnte, er führt mir Kunden zu, er hat mir beinahe den ganzen Gewinn verschafft, den ich bei der Villeleschen Anleihe gemacht habe . . . er hat mir das Leben gerettet . . . er ist der Vater meiner Kinder . . . so etwas läßt sich nicht vergessen!«

Alle von uns bisher aufgeführten Entschädigungen können für vollständig gelten. Leider gibt es aber Entschädigungen aller Art: negative, trügerische und endlich auch solche, die negativ und trügerisch zugleich sind.

Ich kenne einen alten Ehemann, der vom Spielteufel besessen ist. Fast jeden Abend kommt der Liebhaber seiner Frau und spielt mit ihm. Der Junggeselle gönnt ihm verschwenderisch alle Genüsse, die die Ungewißheiten und Wechselfälle des Spieles dem Spieler verschaffen, und weiß regelmäßig jeden Monat etwa hundert Franken zu verlieren. Aber Madame gibt sie ihm. Diese Entschädigung ist trügerisch.

Du bist Pair von Frankreich und hast immer nur Mädchen bekommen. Deine Frau bringt einen Jungen zur Welt! Diese Entschädigung ist negativ.

Das Kind, das deinen Namen vor der Vergessenheit bewahrt, sieht der Mutter ähnlich. Die Frau Herzogin redet dir ein, das Kind sei von dir. Die negative Entschädigung wird zu einer trügerischen.

Eine der entzückendsten Entschädigungen, die bekannt geworden sind, ist die folgende:

Eines Morgens begegnet der Fürst von Ligne dem Liebhaber seiner Frau, eilt auf ihn zu, lacht wie ein Besessener und ruft:

»Mein Lieber, heute nacht habe ich dich zum Hahnrei gemacht!«

Wenn so viele Ehemänner ganz sachte, sachte zum ehelichen Frieden gelangen und so willig die imaginären Kennzeichen der weiblichen Oberherrschaft tragen, so bestärkt sie ohne Zweifel in ihrer Philosophie der ›Komfortabilismus‹ gewisser Entschädigungen, von denen müßige Beobachter nichts ahnen können.

Einige Jahren verstreichen, und die beiden Gatten erreichen das letzte Stadium des unnatürlichen Daseins, zu welchem sie sich verdammt haben, als sie ihren Bund schlossen.

 

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