Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/balzac/physiehe/physiehe.xml
typetractate
authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1920
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090512
cmodified20180315
projectid6c2df39b
Schließen

Navigation:

Die letzten Symptome

Der Verfasser dieses Buches ist in der Welt so vielen Leuten begegnet, die von einer Art Fanatismus für richtige Zeit, für mittlere Zeit, für Sekundenuhren und für Pünktlichkeit in ihrem ganzen Dasein besessen waren, daß nach seiner Meinung diese Betrachtung für die Ruhe einer großen Zahl von Ehemännern zu notwendig ist, um sie auslassen zu können. Es wäre grausam gewesen, Menschen, die durchaus alles genau auf die Stunde wissen müssen, einen Kompaß vorzuenthalten, nach dem sie die letzten Abweichungen vom ehelichen Zodiakus beurteilen und genau den Augenblick bestimmen können, in dem das Zeichen des Minotauros am Horizont erscheint.

Die ›Bestimmung des Ehebettes‹ erforderte vielleicht eigentlich ein Buch ganz für sich, so genau und sorgfältig müssen die Beobachtungen gemacht werden. Der Magister gesteht, daß er in seinen jungen Jahren bisher nur sehr wenig Symptome hat sammeln können; aber er empfindet einen gerechten Stolz, daß er hier, wo er beim Schluß seiner schwierigen Unternehmung anlangt, darauf aufmerksam machen kann, daß er seinen Nachfolgern einen neuen Gegenstand der Untersuchung hinterläßt, und daß bei einem dem Anschein nach so abgenutzten Stoff nicht nur lange nicht alles gesagt war, sondern daß noch sehr viele Umstände aufzuklären bleiben. Er überliefert also hier, ohne Ordnung und ohne verknüpfendes Band, die unförmlichen Elemente, die er bis zum heutigen Tage hat sammeln können; doch hofft er, er werde Muße finden, sie später zu ordnen und zu einem vollständigen System auszuarbeiten. Sollte er zugunsten dieses im besten Sinne nationalen Unternehmens voreingenommen sein, so glaubt er doch – ohne befürchten zu müssen, dieserhalb der Eitelkeit geziehen zu werden – an dieser Stelle auf die natürliche Einteilung dieser Beobachtungen hinweisen zu müssen. Sie scheiden sich notwendigerweise in zwei Arten: die einhörnigen und die zweihörnigen. Der einhörnige Minotauros ist der weniger bösartige: die beiden Schuldigen halten sich an die platonische Liebe, oder zum mindesten hinterläßt ihre Leidenschaft keine Spuren, die noch in der Nachwelt sichtbar sind; der zweihörnige Minotauros dagegen ist das Unglück mit allen seinen bösen Früchten.

Wir haben die Symptome, die uns diese letztgenannte Art zu betreffen scheinen, durch ein Sternchen bezeichnet.

Minotaurische Beobachtungen

*I. Wenn eine Frau ihrem Ehemann, nachdem sie lange Zeit von ihm getrennt gewesen war, gar zu auffällig entgegenkommt, um ihn zur Liebe zu verlocken, so handelt sie nach dem Grundsatz des Seerechts: die Flagge deckt die Ware.

II. Eine Frau ist auf dem Ball; eine ihrer Freundinnen kommt nach ihr und sagt zu ihr:

»Ihr Mann hat recht viel Geist.«

»Finden Sie? . . .«

III. Deine Frau findet, es sei an der Zeit, euer Kind, von dem sie sich bis dahin niemals trennen wollte, in Pension zu geben.

*IV. In dem Scheidungsprozeß des Lord Abergaveny sagte der Kammerdiener aus: »Die Frau Viscounteß hatte einen solchen Widerwillen gegen alles, was Mylord gehörte, daß ich sehr oft sah, wie sie sogar Papierschnitzel verbrannte, die er in ihrem Zimmer angerührt hatte.«

V. Ein entscheidendes Symptom ist es, wenn eine bequeme Frau plötzlich Tatkraft entwickelt, wenn eine Frau, die Abscheu vor dem Lernen hatte, sich mit einer fremden Sprache beschäftigt, und überhaupt, wenn in ihrem Charakter eine vollständige Wandlung eintritt.

VI. Eine Frau, die von Herzen sehr glücklich ist, geht nicht mehr in Gesellschaft.

VII. Eine Frau, die einen Liebhaber hat, wird sehr nachsichtig.

*VIII. Ein Ehemann gibt seiner Frau monatlich hundert Taler für ihre Toilette; alles gut gerechnet, gibt sie mindestens fünfhundert Franken aus, ohne einen Sou Schulden zu machen; der Ehemann wird bestohlen; der Dieb kommt nächtlicherweise, führt Waffen bei sich, steigt ein – aber erbrochen wird nichts.

*IX. Zwei Ehegatten schliefen im selben Bett; die Frau war beständig krank; sie schlafen getrennt – sie hat keine Migräne mehr, und ihre Gesundheit ist glänzender denn je: erschreckendes Symptom.

X. Eine Frau, die sehr wenig auf sich hielt, entfaltet plötzlich einen ausgesuchten Luxus in ihrer Toilette. Da ist Minotauros in der Nähe!

XI. »Ach, meine Liebe, ich kenne keine größere Qual, als nicht verstanden zu werden.«

»Ja, meine Liebe – aber wenn man verstanden wird!«

»Oh! das kommt fast niemals vor.«

»Ich gebe zu, so etwas ist sehr selten. Ach! Das ist ein gar großes Glück. Aber es gibt keine zwei Menschen auf der Welt, die eine Frau wie mich zu begreifen wissen.«

*XII. An dem Tage, wo eine Frau gegen ihren Mann rücksichtsvoll wird . . . ist alles gesagt.

XIII. Ich frage sie:

»Woher kommst du, Jeanne?«

»Ich komme von deinem Paten, um das Tafelgeschirr abzuholen, das du dagelassen hattest.«

»Holla,« dachte ich; »noch ist alles mein!«

Im nächsten Jahre wiederhole ich dieselbe Frage bei derselben Gelegenheit.

»Ich habe unser Tafelgeschirr abholen lassen.«

»Aha!« denke ich; »wir haben noch einen Anteil daran.«

Aber wenn ich sie später frage, so wird sie mir in ganz anderm Tone antworten:

»Sie wünschen alles zu wissen wie die großen Herrschaften, und dabei haben Sie keine drei Hemden. Ich habe mein Tafelgeschirr von meinem Paten abholen lassen, wo ich gespeist habe.«

»Hm!« denke ich; »dieser Punkt ist jetzt klargestellt!«

XIV. Hüte dich vor einer Frau, die von ihrer Tugend spricht.

XV. Man sagte der Herzogin von Chaulnes, deren Zustand zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß gab:

»Der Herr Herzog von Chaulnes möchte Sie gern wiedersehen.«

»Ist er da?«

»Ja.«

»Er soll warten! Er kann zusammen mit den Sakramenten hineinkommen.«

Diese minotaurische Anekdote ist von Chamfort bereits mitgeteilt worden; aber sie mußte hier eingeführt werden, da sie mustergültig ist.

*XVI. Es gibt Frauen, die ihrem Gatten einzureden versuchen, er habe gewissen Personen gegenüber Verpflichtungen zu erfüllen.

»Ich versichere Ihnen, Sie müssen Herrn Soundso einen Besuch machen.« – »Wir können nicht umhin, Herrn Dingsda zum Essen einzuladen . . .«

XVII. »Höre mal, mein Sohn, halt dich doch hübsch gerade; versuche doch, gute Manieren anzunehmen! Sieh doch nur auf Herrn Soundso! Sieh, wie er geht! Schau dir seinen Anzug an!«

XVIII. Wenn eine Frau den Namen eines Mannes nur zweimal täglich ausspricht, so kann vielleicht Ungewißheit darüber obwalten, was für Gefühle sie ihm entgegenbringt; aber dreimal? . . . Oh! Oh!

XIX. Wenn eine Frau einem Mann, der weder Advokat noch Minister ist, bis an die Tür ihrer Wohnung das Geleit gibt, so ist sie sehr unvorsichtig.

XX. Es ist für einen Ehemann ein schrecklicher Tag, wenn er für eine Handlung seiner Frau keine Erklärung zu finden weiß.

*XXI. Die Frau, die sich ertappen läßt, verdient ihr Schicksal.

Wie muß sich nun ein Ehemann verhalten, wenn er ein ›letztes Symptom‹ bemerkt, das ihm keinen Zweifel mehr über die Untreue seiner Frau läßt? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Es bleibt ihm nur die Wahl zwischen zwei Entschlüssen: entweder Resignation oder Rache; ein Mittelding zwischen diesen beiden Extremen gibt es nicht. Entscheidet man sich für die Rache, so muß diese vollständig sein. Der Ehemann, der sich nicht für immer von seiner Frau trennt, ist einfach ein Tölpel. Wenn dagegen ein Ehemann und eine Ehefrau sich noch für würdig halten, in einer Freundschaft verbunden zu leben, wie sie zwei Menschen aneinanderknüpft – so liegt etwas Widerwärtiges darin, wenn ein Mann seine Frau fühlen läßt, daß er imstande wäre, von einem Vorteil gegen sie Gebrauch zu machen.

Im folgenden teile ich einige Anekdoten mit, von denen mehrere noch unveröffentlicht sind und aus denen sich meiner Meinung nach die verschiedenen Möglichkeiten des Verhaltens, das ein Ehemann in ähnlichem Falle beobachten muß, ziemlich gut ersehen lassen.

Herr de Roquemont schlief jeden Monat einmal im Zimmer seiner Frau, und wenn er ging, sagte er:

»Ich bin meins los; jetzt kann pflanzen, wer will!«

Das ist Verderbtheit und zugleich doch eigentlich ein ziemlich hoher Begriff von Ehepolitik.

Ein Diplomat sah den Liebhaber seiner Frau kommen, verließ sein Arbeitszimmer, betrat das Zimmer seiner Frau und sagte zu den beiden:

»Schlagen Sie sich doch wenigstens nicht!«

Das ist Gutmütigkeit.

Man fragte Herrn von Boufflers, was er tun würde, wenn er nach einer sehr langen Abwesenheit zurückkehrte und seine Frau schwanger fände?

»Ich würde meinen Schlafrock und meine Pantoffeln zu ihr bringen lassen.«

Das ist Seelengröße.

»Madame, dieser Mensch mag Sie schlecht behandeln, wenn Sie mit ihm allein sind – daran sind Sie selber schuld; aber ich werde es nicht dulden, daß er sich in meiner Gegenwart schlecht gegen Sie benimmt – denn das ist eine Ungezogenheit gegen mich.«

Das ist Vornehmheit.

Erhaben aber ist jener Richter, der, während die beiden Schuldigen schlafen, sein viereckiges Barett auf das Fußende des Bettes legt.

Es gibt recht schöne Beispiele derartiger Rache. Mirabeau hat in einem der Bücher, die er schrieb, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, mit bewunderungswürdiger Kunst die düstere Resignation jener Italienerin geschildert, die von ihrem Gatten dazu verurteilt wurde, mit ihm in den Maremmen umzukommen.

Letzte Merksprüche

XCII. Seine Frau mit ihrem Liebhaber zu überraschen und sie zu töten, während sie einander in den Armen liegen, das ist keine Rache – das ist der allergrößte Dienst, den man ihnen erweisen kann.

XCIII. Niemals wird ein Ehemann eine so vollkommene Rache finden, wie durch den Liebhaber seiner Frau.

 

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.