Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/balzac/physiehe/physiehe.xml
typetractate
authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1920
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090512
cmodified20180315
projectid6c2df39b
Schließen

Navigation:

Allgemeine Betrachtungen

Gegen unvernünftige Gesetze werden wir Reden halten, bis man sie bessert, und unterdessen werden wir uns ihnen blindlings unterwerfen.

        Diderot.

Der Gegenstand

Physiologie, was willst du von mir?

Ist es dein Zweck, uns nachzuweisen, daß die Ehe zwei Wesen, die sich nicht kennen, für das ganze Leben vereinigt?

Daß Leben gleichbedeutend ist mit Leidenschaft und daß keine Leidenschaft der Ehe standhält?

Daß die Ehe eine zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft notwendige Einrichtung ist, daß sie aber den Gesetzen der Natur widerspricht?

Daß die Scheidung, dieses wunderbare Mittel gegen die Leiden der Ehe, durch einstimmiges Begehren zurückgefordert werden wird?

Daß trotz allen ihren Unannehmlichkeiten die Ehe die erste Quelle des Eigentums ist?

Daß sie den Regierungen unschätzbare Unterpfänder der Sicherheit darbietet?

Daß etwas Rührendes darin liegt, wenn zwei Wesen sich vereinigen, um gemeinsam die Mühen des Lebens zu ertragen?

Daß etwas Lächerliches darin liegt, verlangen zu wollen, daß ein und derselbe Gedanke zwei Seelen lenke?

Daß die Frau als Sklavin behandelt wird?

Daß es keine vollständig glückliche Ehe gibt?

Daß die Ehe mit Verbrechen schwanger geht und daß die bekannt gewordenen Mordtaten nicht die schlimmsten sind?

Daß Treue unmöglich ist, wenigstens dem Mann?

Daß eine Untersuchung über die Erbüberlieferung des Eigentums – wenn eine solche Untersuchung überhaupt möglich wäre – mehr Beunruhigungen als Sicherheit hervorrufen würde?

Daß der Ehebruch mehr Nachteile verursacht, als die Ehe Vorteile?

Daß die eheliche Untreue der Frau in die ältesten Zeiten gesellschaftlicher Bildungen hinaufreicht und daß, diesen beständigen Betrügereien zum Trotz, die Ehe fortbesteht?

Daß die Gesetze der Liebe zwei Wesen so fest miteinander verbinden, daß kein Menschengesetz sie trennen kann?

Daß es nicht nur Ehen gibt, die in die Standesamtsregister eingetragen werden, sondern auch Ehen, die durch ein Verlangen der Natur sich bilden, durch eine süße Übereinstimmung oder gänzliche Verschiedenheit im Denken und durch körperliche Gestaltungen – daß also Himmel und Erde ohne Unterlaß einander widersprechen?

Daß es Ehemänner von stattlicher Gestalt und überlegenem Geiste gibt, deren Frauen sehr häßliche, kleine oder dumme Liebhaber haben? – –

Jede dieser Fragen würde im Notfall für ein Buch ausreichen; aber diese Bücher sind bereits geschrieben, und die Fragen werden beständig beantwortet.

Physiologie, was willst du von mir?

Offenbarst du neue Grundsätze? Willst du behaupten, man müsse die Frauen zu Gemeingut machen? Lykurg und einige griechische Stämme, Tataren und Wilde haben es versucht.

Müßte man etwa die Frauen einsperren? Die Mohammedaner haben es getan und setzen sie heute in Freiheit.

Müßte man etwa die Mädchen ohne Mitgift vermählen und sie vom Erbfolgerecht ausschließen? Englische Schriftsteller und Sittenlehrer haben nachzuweisen gesucht, daß diese Bestimmung und die Scheidung das sicherste Mittel wäre, die Ehen glücklich zu machen.

Gehörte etwa zu jeder Ehe eine kleine Hagar? Dazu ist kein Gesetz nötig. Aus dem Paragraphen des Strafgesetzes, das die ehebrecherische Frau mit Strafe bedroht, einerlei, an welchem Ort das Verbrechen begangen wird, und aus dem andern Paragraphen, der einen Ehemann nur dann bestraft, wenn seine Konkubine unter dem ehelichen Dache wohnt, muß notwendigerweise gefolgert werden, daß es erlaubt ist, außer dem Hause sich Mätressen zu halten.

Sanchez hat das ganze Strafrecht der Ehe in allen Einzelfällen behandelt; er hat sogar über die Legitimität und die Opportunität jedes einzelnen Vergnügens Betrachtungen angestellt; er hat alle sittlichen, religiösen, fleischlichen Pflichten der Gatten genau umschrieben – kurz, sein Werk würde zwölf Oktavbände geben, wenn man von seinem dicken Folianten ›De Matrimonio‹ einen Neudruck veranstalten würde.

Haufen von Rechtsgelehrten haben Haufen von Abhandlungen erscheinen lassen über die juristischen Schwierigkeiten, die aus der Einrichtung der Ehe entspringen; es gibt sogar Werke über den gerichtlichen Begriff der Beiwohnung.

Legionen von Ärzten haben Legionen von Büchern erscheinen lassen über die Ehe in ihren Beziehungen zur Chirurgie und Medizin.

Im neunzehnten Jahrhundert ist also die Physiologie der Ehe entweder eine nichtssagende Zusammenstoppelung oder ein Werk, das ein Dummkopf für andere Dummköpfe schreibt: alte Priester haben ihre Goldwagen hergenommen und die geringsten Skrupel gewogen; alte Juristen haben ihre Brillen aufgesetzt und alle Arten unterschieden; alte Ärzte haben die Sonde zur Hand genommen und sie in alle Wunden eingeführt; alte Richter haben sich in ihren Richterstuhl gesetzt und über alle Klagen auf Rücknahme der Waren wegen mangelhafter Lieferung abgeurteilt; ganze Menschengeschlechter sind vorübergezogen und haben ihr Freudengeschrei ausgestoßen oder ihr Klagelied angestimmt; jedes Jahrhundert hat seine Stimme in die Urne gelegt; der Heilige Geist, die Dichter, die Schriftsteller haben alles zu Protokoll genommen: von Eva bis zum Trojanerkrieg, von Helena bis zur Madame de Maintenon, von Ludwigs XIV. Gattin bis zur Contemporaine.

Physiologie, was willst du also von mir?

Solltest du etwa zufällig uns mehr oder minder gut gezeichnete Gemälde vorzuführen wünschen, um uns nachzuweisen, daß die Gründe, aus denen ein Mann sich verheiratet, folgende sind:

Alter: um mal ein Ende zu machen;

Berechnung: liegt fast immer zugrunde;

Charakterstärke: das Fräulein ist schwach gewesen;

Dankbarkeit: man gibt mehr, als man bekommen hat;

Eselei: denn eine solche ist das Heiraten immer;

Frömmigkeit: Beispiel der Herzog von Saint-Aignan, der keine Sünden begehen wollte;

Gutmütigkeit: um eine Tochter der Tyrannei ihrer Mutter zu entreißen;

Häßlichkeit: man hat Angst, man werde eines Tages keine Weiber mehr haben;

Jugendlichkeit: kaum vom Gymnasium abgegangen, heiratet der Grünschnabel;

Kränklichkeit: die Weiber machen krank, das Weib macht gesund;

Leidenschaft: um sich auf die sicherste Art davon zu heilen;

Machiavellismus: um eine Alte schnell zu beerben;

Notwendigkeit: ›unser‹ Sohn muß einen Namen haben;

Onkel: siehe unter ›Testament‹;

Prozeß: man schafft ihn durch Heirat mit der Tochter oder Witwe des Gegners aus der Welt;

Quatsch: man hat keinen Grund, gibt aber 1001 an;

Reichtum: entweder kriegt man ihn durch eine Frau oder eine Frau durch ihn;

Scherz: ein sehr empfehlenswerter Grund, vorausgesetzt, daß kein Ernst daraus wird;

Testament: ein toter Onkel vermacht einem seine Tochter als Erbschaft;

Überdruß: an dem köstlichen Junggesellenleben;

Verachtung: einer ungetreuen Mätresse;

Wette: Beispiel Lord Byron: (X fehlt vielleicht hat man das X, weil es als Anfangsbuchstabe selten vorkommt, zur Bezeichnung unbekannter Größen gewählt);

Yatidi: türkisches Wort für die Stunde des Schlafengehens; bezeichnet zugleich alle damit verbundenen Bedürfnisse;

Zorn: um Verwandte um ihre Erbschaft zu bringen.

Aber alle diese Geschichten haben die Stoffe zu dreißigtausend Komödien und hunderttausend Romanen geliefert.

Physiologie, zum dritten und letztenmal, was willst du von mir?

Bei diesem Gegenstand ist alles banal wie ein Straßenpflasterstein, gewöhnlich wie eine Straßenecke. Die Ehe ist bekannter als der Passionsbarrabas; alle alten Ideen, die sie wachruft, laufen in den Literaturen um, seitdem die Welt Welt ist, und es gibt keine verständige Meinung und kein abgeschmacktes Projekt, die sich nicht auf die Suche nach einem Schriftsteller, einem Buchdrucker, einem Buchhändler und einem Leser gemacht hätten.

Erlauben Sie mir, zu Ihnen zu sprechen wie Rabelais, unser aller Meister:

»Wackere Leute, Gott schütze euch und behüte euch! Wo seid ihr? Ich kann euch nicht sehen. Wartet, ich will meine Brille aufsetzen. Aha, jetzt sehe ich euch. Seid ihr, eure Frauen, eure Kinder, seid ihr alle bei erwünschter Gesundheit? Das freut mich.«

Aber nicht für euch schreibe ich. Ihr habt ja große Kinder: damit ist die Sache erledigt.

»Ah! Da seid ihr, hocherlauchte Zecher, ihr, höchst kostbare Gichtkrüppel, und ihr, unermüdliche Schorfkratzer, ihr angebrannten Liebeshelden: ihr pantagruelisiert den ganzen Tag, ihr habt ja eure recht galanten geheimen Frömmigkeiten, ihr geht zur Tertie, zur Sexte, zur None und gleichermaßen zur Vesper, zur Komplete – mit einem Wort, ihr geht immerzu.«

Nicht an euch wendet sich daher die Physiologie der Ehe, denn ihr seid ja nicht verheiratet. Möge das immer so bleiben!

»Und ihr! Muckerbande! Heuchler, Schwätzer, Duckmäuser, Windmacher und all ihr andern, die ihr euch hinter Masken verbergt, um die Welt zu betrügen! Packt euch, Brummochsen! Aus dem Wege! Raus, ihr Kerle mit euren Fallhüten! Zum Teufel auch – seid ihr immer noch da?«

So bleibt mir denn vielleicht kein anderes Publikum übrig als die guten Seelen, die gerne lachen. Fort mit diesen Heulmeiern, die bei jeder Gelegenheit in Vers und Prosa sich ersäufen wollen; die in Oden, in Sonetten, in Lehrgedichten die Kranken spielen! Fort mit diesen querköpfigen Grüblern aller Art – aber gebt mir dafür einige von diesen alten Pantagruelisten, die es nicht so genau nehmen, wenn es einen Becherlupf und einen Ulk gilt, die ihre Freude haben an Rabelais' Buch über Löffelerbsen mit Speck, cum commento, an dem Buch über die Würde der Hosenlätze, und die diese schönen Bücher hoch in Ehren halten.

Über die Regierung, meine lieben Freunde, kann man kaum noch lachen, seitdem sie es fertig gebracht hat, fünfzehnhundert Millionen Steuern zu erheben. Die Mönche und Mönchinnen sind noch nicht reich genug, um bei ihnen trinken zu können; aber es soll nur der heilige Michel kommen, der den Teufel aus dem Himmel jagte – dann werden wir vielleicht die gute Zeit wiederkommen sehen! Folglich bleibt uns in diesem Augenblick in Frankreich nur die Ehe als Gegenstand der Heiterkeit. Jünger Panurgs, euch allein will ich zu Lesern haben! Ihr wißt ein Buch zur rechten Zeit in die Hand zu nehmen und wieder fortzuwerfen, ihr seid leicht von Begriff, versteht eine halbe Andeutung und wißt aus einem Markknochen Nahrung zu ziehen!

Diese Mikroskopgucker, die nur einen Punkt sehen – ich meine die Zensoren – haben sie auch alles gesagt, alles untersucht? Und haben sie ihr unumstößliches Urteil verkündet, daß ein Buch über die Ehe zu schreiben ebenso unmöglich ist, wie einen zerbrochenen Krug wieder neu zu machen?

»Ja, Meister Narr! quetscht noch so viel an der Ehe herum – es wird nie etwas anderes herauskommen, als Vergnügen für die Junggesellen und Verdruß für die Ehemänner. Das ist die ewige Moral. Eine Million gedruckte Seiten können kein anderes Thema behandeln.«

Hiergegen habe ich indessen einige Sätze aufzustellen; nämlich erstens: die Ehe ist ein Kampf auf Leben und Tod, vor welchem die beiden Gatten den Himmel um seinen Segen bitten – denn sich lieben ist stets das kühnste Wagnis; der Kampf beginnt sofort, und der Sieg, das heißt die Freiheit, verbleibt dem gewandtesten.

»Zugegeben. Inwiefern finden Sie aber hierin eine neue Auffassung?«

Nun, ich wende mich an die Neuvermählten von gestern und heute, an die, die eben aus der Kirche oder vom Standesamt kommen und sich der Hoffnung hingeben, ihre Frauen für sich allein behalten zu können; an die, die irgendein Egoismus oder sonst ein unerklärliches Gefühl verleitet, beim Anblick der Leiden ihres Nächsten zu sagen: »Mir passiert so etwas nicht!«

Ich wende mich an die Schiffer, die zur See gehen, nachdem sie manches Schiff haben scheitern sehen; an die Junggesellen, die sich zu verheiraten wagen, nachdem sie den Schiffbruch mehr als einer ehelichen Tugend verschuldet haben. Und dies ist mein Gegenstand – er ist ewig neu, ewig alt!

Ein junger Mann, oder auch vielleicht ein ältlicher Herr, verliebt oder nicht, erwirbt als sein Eigentum durch einen allen Vorschriften entsprechend protokollierten, auf dem Standesamt und im Himmel unterzeichneten und in die Steuerlisten eingetragenen Ehevertrag ein junges Mädchen mit langen Haaren, mit schwarzen feuchten Augen, mit kleinen Füßchen, mit zierlichen, spitzen Fingern, mit rotem Mund, mit elfenbeinweißen Zähnen – gut gewachsen, lebenatmend, appetitlich, sauber, weiß wie eine Lilie, mit den begehrenswertesten Schätzen der Schönheit reich bedacht: ihre gesenkten Wimpern gleichen den Stacheln der Eisernen Krone; ihre Haut ist frisch wie die Blumenkrone einer weißen Kamelie, gehoben durch den Purpur der roten Kamelie; in ihrer jungfräulichen Gesichtsfarbe glaubt das Auge den Duft einer jungen Frucht und den kaum wahrnehmbaren Flaum eines bunten Pfirsichs zu sehen; ihre azurnen Adern verbreiten eine wonnige Wärme über die klare Haut; sie fordert und gibt das Leben; sie ist ganz Freude und ganz Liebe, ganz Anmut und ganz Naivität. Sie liebt ihren Gatten, oder glaubt ihn wenigstens zu lieben.

Der verliebte Ehemann hat in seinem tiefsten Herzen zu sich gesagt: »Diese Augen werden nur mich sehen, dieser Mund wird nur für mich in Liebe zucken, diese weiche Hand wird nur über mich streichelnd die Schätze der Wonne ergießen, nur für mich wird dieser Busen wogen, nur meinem Willen wird diese schlummernde Seele erwachen; ich allein werde meine Finger in diese glänzenden Locken tauchen; ich allein werde in träumerischer Liebkosung dieses erzitternde Köpfchen streicheln. Ich werde den Tod zum Wächter bestellen, um dem fremden Räuber den Zugang zu unserm Ehebett zu wehren; dieser Thron der Liebe wird vom Blute der Unbesonnenen schwimmen oder von meinem Blute. Ruhe, Ehre, Glück, Blutsbande, Vermögen meiner Kinder – alles ist in unserm Ehebett; ich will das alles verteidigen, wie eine Löwin ihre Jungen. Wehe dem, der seinen Fuß in meine Höhle setzt!«

Nun, mutiger Ringer, wir klatschen deinem Vorhaben Beifall! Bis jetzt hat kein Mathematiker die Längen- und Breitengrade auf dem Meere der Ehe zu bestimmen gewagt. Die alten Ehemänner haben sich geschämt, die Sandbänke, die Riffe, die Klippen, die Brandungen, die Monsune, die Küsten und die Strömungen zu bezeichnen, die ihre Schiffe zerstört haben – so sehr schämten sie sich ihres Schiffbruchs. Es fehlte ein Führer, ein Kompaß für die verheirateten Pilger; dieses Werk ist bestimmt, ihnen diesen Dienst zu leisten.

Abgesehen von Gewürz- und Schnittwarenkrämern gibt es so viele Leute, die zu reinem Zeitvertreib sich mit Nachforschungen nach den geheimen Gründen der Handlungsweise der Frauen beschäftigen, daß es ein Werk der Barmherzigkeit ist, ihnen abschnitts- und kapitelweise alle geheimen Situationen der Ehe aufzuzählen; ein gutes Inhaltsverzeichnis wird sie instand setzen, alle Herzbewegungen ihrer Frauen zu durchschauen, wie sie in der Logarithmentafel das Ergebnis einer Multiplikationsaufgabe finden.

Nun, was meinen Sie dazu? Zu zeigen, wie man eine Frau verhindern kann, ihren Gatten zu betrügen – ist das nicht ein neues Unternehmen, an das sich noch kein Philosoph herangewagt hat? Ist das nicht die Komödie der Komödien? Ist das nicht ein anderes ›speculum vitae humanae‹? Es handelt sich nicht mehr um jene müßigen Fragen, denen wir in dieser Betrachtung ihren Anteil eingeräumt haben. Heutzutage verlangt das Jahrhundert auf dem Gebiete der Moral wie auf dem der exakten Wissenschaften Tatsachen, Beobachtungen. Wir liefern sie.

Prüfen wir also zunächst den wahren Stand der Dinge, analysieren wir die Kräfte der beiden Parteien. Ehe wir den von unserer Phantasie geschaffenen Kämpen wappnen, wollen wir einen Überschlag über die Zahl seiner Feinde machen, wollen die Kosaken zählen, die in sein kleines Vaterland einfallen wollen.

So schiffe sich denn mit uns ein, wer Lust hat; lache wer kann! Den Anker gelichtet! Die Segel gehißt! Ihr kennt den kleinen runden Punkt, von dem ihr abfahrt. Das ist ein großer Vorteil, den wir vor vielen Büchern voraushaben.

Und wenn wir nun einmal eine Vorliebe dafür haben, beim Weinen zu lachen und beim Lachen zu weinen, wie der göttliche Rabelais beim Essen trank und beim Trinken aß – wenn wir die Manie haben, auf ein und derselben Seite von Heraklit und Demokrit zu schreiben, weder stilgerecht noch in ausgeklügelten Sätzen zu schreiben – daß keiner von der Mannschaft sich erlaube, darüber zu brummen! . . . Herunter vom Deck, ihr alten Köpfe mit Fallhüten auf, ihr Klassiker in Windeln, ihr Romantiker in Leichentüchern! – Vorwärts! Komme, was da will!

Alle diese Leute werden uns vielleicht vorwerfen, wir machten's wie gewisse Menschen, die mit lustigem Gesicht sagen: »Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen – da werden Sie aber lachen!« Als ob es sich um etwas zum Lachen handelte, wenn man von der Ehe spricht! Erraten Sie denn nicht, daß wir diese als eine leichte Krankheit ansehen, der wir alle unterworfen sind, und daß dieses Buch die Monographie besagter Krankheit ist?

»Aber Sie selber, Ihr Schiff oder Ihr Buch sehen aus wie jene Postillione, die bei der Abfahrt mit der Peitsche knallen, weil sie Engländer im Wagen haben. Sie werden noch keine halbe Meile in gestrecktem Galopp gefahren sein, so werden Sie schon absteigen, um einen Strang wieder in Ordnung zu bringen oder Ihre Pferde verschnaufen zu lassen. Warum die Trompete blasen, ehe der Sieg erfochten ist?«

Ei, liebe Pantagruelisten! Heutzutage genügt es, nach einem Erfolg zu streben, um ihn zu erhalten; und da schließlich große Werke vielleicht nichts weiter sind als langatmig ausgeführte kleine Ideen, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht versuchen sollte, Lorbeern zu pflücken – wär's auch nur, um damit die scharfgesalzenen Schinken zu umkränzen, die uns helfen werden, mit wackerem Durst den Topf leer zu schlürfen. – Einen Augenblick noch, Lotse! Ehe wir abfahren, wollen wir noch eine kleine Definition geben: Leser, wenn ihr von Zeit zu Zeit, wie in der Welt, in diesem Werk den Worten ›Tugend‹ oder ›tugendhafte Frauen‹ begegnet, so soll unter dieser Tugend nichts weiter verstanden sein, als jene mühselige Leichtigkeit, womit eine Gattin ihr Herz einem Gatten bewahrt – es sei denn, daß das Wort in einem allgemeinen Sinn angewandt werde: diese Unterscheidung ist dem natürlichen Scharfsinn eines jeden anheimgestellt.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.