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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 29
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Die Verbündeten der Frau

Von allen Leiden, die ein innerer Krieg über ein Land bringen kann, ist es das größte, daß eine der beiden Parteien sich zuletzt stets um Hilfe an das Ausland wendet.

Leider müssen wir gestehen, daß alle Frauen dieses große Unrecht begehen, denn ihr Liebhaber ist nur der erste von ihren Soldaten, und meines Wissens gehört er nicht zu ihrer Familie, es sei denn ein Vetter von ihr.

Diese Betrachtung ist also dazu bestimmt, zu prüfen, welchen Grad von Hilfe alle die verschiedenen Mächte, die das menschliche Leben beeinflussen, deiner Frau gewähren können; oder noch besser, wir wollen die Listen untersuchen, deren sie sich bedienen wird, um diese Hilfsstreitkräfte gegen dich zu bewaffnen.

Zwei Menschen, die durch die Ehe vereinigt sind, stehen unter dem Einfluß der Religion und der Gesellschaft, des Privatlebens und, hinsichtlich ihrer Gesundheit, unter der der Medizin: wir wollen daher diese wichtige Betrachtung in sechs Abschnitte teilen:

  1. Die Religionen und die Beichte in ihren Beziehungen zur Ehe,
  2. Die Schwiegermutter,
  3. Die Pensionsfreundinnen und die intimen Freundinnen,
  4. Die Verbündeten des Liebhabers,
  5. Die Kammerzofe,
  6. Der Arzt.

1. Die Religionen und die Beichte in ihren Beziehungen zur Ehe

La Bruyère hat sehr geistreich gesagt: »Frömmigkeit und Galanterie gegen einen Ehemann verbündet, das ist zu viel: eine Frau sollte sich beschränken und nur eins von den beiden Mitteln wählen.«

Der Verfasser ist der Meinung, daß La Bruyère sich geirrt hat. Denn,

Faksimile von Geheimschrift
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2. Die Schwiegermutter

Bis zum Alter von dreißig Jahren ist das Antlitz einer Frau ein Buch, das in einer fremden Sprache geschrieben ist und das man auch übersetzen kann – trotz den Schwierigkeiten, die die vielen ›Gynäcismen‹ des Idioms bereiten; ist sie aber über die Vierzig hinaus, so wird eine Frau ein unentzifferbares Gekritzel, und wenn überhaupt jemand eine alte Frau erraten kann, so ist es eine andere alte Frau.

Einige Diplomaten haben sich mehrmals an das diabolische Unternehmen gewagt, alte Damen, die sich ihren Plänen widersetzten, für sich zu gewinnen; aber wenn sie Erfolg gehabt haben, so geschah dies nur um den Preis von Opfern, die für sie selber ungeheuer waren; denn alte Diplomaten sind sehr abgenutzte Herren, und wir glauben nicht, daß dir ihr Rezept bei deiner Schwiegermutter etwas nützen kann. Sie wird also der erste Adjutant deiner Frau sein; denn wenn die Mutter nicht zur Partei ihrer Tochter gehörte, so wäre das eine jener Ungeheuerlichkeiten, die zum Unglück für die Ehemänner leider sehr selten sind.

Wenn ein Mann so glücklich ist, eine Schwiegermutter zu besitzen, die sich sehr gut konserviert hat, so ist es für ihn leicht, sie eine gewisse Zeitlang in Schach zu halten, wenn er nur irgendeinen mutvollen jungen Mann kennt. Im allgemeinen aber wissen die Ehemänner, die nur ein bißchen Verständnis für ihren Beruf haben, ihre eigene Mutter gegen die Mutter ihrer Frau auszuspielen, und hierdurch neutralisieren die beiden einander auf eine ziemlich natürliche Weise.

Seine Schwiegermutter in der Provinz zu haben, während man selber in Paris wohnt, das ist einer jener Glücksfälle, die immer allzu selten vorkommen.

Mutter und Tochter miteinander entzweien? Das ist möglich; aber um ein solches Unternehmen durchzuführen, muß man wissen, daß man ein ehernes Herz hat wie Richelieu, der einen Sohn und seine Mutter zu verfeinden wußte. Indessen kann die Eifersucht eines Ehemanns sich alles erlauben, und ich bezweifle, daß jener Herr, der seiner Frau verbot, zu den männlichen Heiligen zu beten, und von ihr verlangte, sie solle sich nur an die weiblichen Heiligen wenden – ich bezweifle, sage ich, daß dieser Herr seiner Frau erlaubt hat, mit ihrer Mutter zusammen zu sein.

Viele Schwiegersöhne sind auf einen Gewaltstreich verfallen, der alle Schwierigkeiten beseitigt und darin besteht, daß sie mit ihrer Schwiegermutter ganz offen auf gespanntem Fuße stehen. Diese Feindschaft wäre eine Eingebung einer recht geschickten Politik, wenn sie nicht unglücklicherweise unfehlbar dahin führte, eines Tages die Bande zwischen einer Tochter und ihrer Mutter enger zu knüpfen.

Dies sind so ziemlich alle Mittel, die dir zu Gebote stehen, um den mütterlichen Einfluß in deinem Haushalt zu bekämpfen. Die Dienste dagegen, die deine Frau von ihrer Mutter verlangen kann, sind ungeheuer, und die negativen Hilfen, die ihr von dieser Seite zuteil werden, fallen nicht am leisesten in das Gewicht. Aber dies alles läßt sich wissenschaftlich nicht feststellen, denn alles ist Geheimnis. Die Beihilfen, die eine Mutter ihrer Tochter leistet, sind ihrer Natur nach so veränderlich, hängen dermaßen von den Umständen ab, daß es Wahnsinn wäre, eine Liste von ihnen aufstellen zu wollen. Nur kannst du unter den heilsamsten Lehren dieses Eheevangeliums die folgenden Denksprüche verzeichnen:

Ein Ehemann wird niemals seine Frau allein zu ihrer Mutter gehen lassen.

Ein Ehemann muß die Gründe studieren, die alle Junggesellen von weniger als vierzig Jahren, mit denen deine Schwiegermutter in freundschaftlichem Verkehr steht, an sie fesseln; denn während eine Tochter nur selten den Liebhaber ihrer Mutter gern hat, hat eine Mutter stets eine Schwäche für den Liebhaber ihrer Tochter.

3. Die Pensionsfreundinnen und die intimen Freundinnen

Luise von L., Tochter eines bei Wagram gefallenen Offiziers, hatte die besondere Protektion Napoleons genossen. Sie verließ dann das Pensionat von Écouen, um den sehr reichen Baron von V. zu heiraten.

Luise war achtzehn Jahre alt und der Baron vierzig. Sie hatte ein recht gewöhnliches Gesicht, und ihre Hautfarbe konnte nicht als ein Muster von Weiße angeführt werden, aber sie hatte eine reizende Figur, schöne Augen, einen kleinen Fuß, eine schöne Hand, einen natürlichen Geschmack und viel Geist. Der Baron, der durch die Strapazen des Kriegs und noch mehr durch die Ausschweifungen einer stürmischen Jugend stark mitgenommen war, hatte eines jener Gesichter, auf denen die Republik, das Direktorium, das Konsulat und das Kaiserreich ihre Ideen zurückgelassen zu haben schienen.

Er wurde in seine Frau so verliebt, daß er den Kaiser um eine Stellung in Paris bat, um seinen Schatz überwachen zu können. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt. Er war eifersüchtig wie der Graf Almaviva, und zwar noch mehr aus Eitelkeit als aus Liebe. Die junge Waise, die ihren Gatten unter dem Zwang der Notwendigkeit geheiratet hatte, hatte sich geschmeichelt, sie würde eine gewisse Herrschaft über einen viel ältern Mann ausüben, und erwartete von ihm Rücksichten und Aufmerksamkeiten; aber ihr Zartgefühl wurde gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe durch alle die Gewohnheiten und Ansichten eines Mannes verletzt, dessen Sitten noch nach der republikanischen Zügellosigkeit schmeckten. Er war ein Prädestinierter.

Ich weiß nicht genau, wie lange für den Baron der Honigmond dauerte, und auch nicht, wann in seiner Ehe der offene Krieg losbrach; aber man schrieb, glaube ich, das Jahr 1816, als auf einem sehr glänzenden Ball bei einem seiner Vorgesetzten der Baron, der inzwischen zum Militärintendanten befördert war, die schöne Frau B., die Frau eines Bankiers, bewunderte und sie viel verliebter ansah, als ein verheirateter Mann es sich hätte erlauben dürfen.

Gegen zwei Uhr morgens stellte es sich heraus, daß dem Bankier das Warten zu langweilig geworden und daß er nach Hause gefahren war, seine Frau allein auf dem Ball lassend.

»Nun, da werden wir dich nach Hause bringen,« sagte die Baronin zu Frau B. »Herr von V., bieten Sie doch Emilie den Arm!«

Und da saß der Intendant in seinem Wagen neben einer Frau, die den ganzen Abend über von tausend Huldigungen umschwärmt gewesen war, die tausend Huldigungen zurückgewiesen hatte, und von der er, jedoch vergeblich, einen einzigen Blick erhofft hatte. Da saß sie, glänzend von Jugend und Schönheit und ließ die weißesten Schultern, die entzückendsten Umrisse sehen. Ihr Antlitz, das noch von der Lust des Abends bewegt war, schien an Glanz mit dem Atlas ihrer Robe zu wetteifern, ihre Augen mit dem Feuer der Diamanten und ihre Hautfarbe mit der sanften Weiße einiger Marabufedern, die ihre Haare schmückten und das Ebenholzschwarz ihrer Flechten und die neckischen Windungen ihrer Locken hervortreten ließen. Ihre sanft eindringende Stimme bewegte die gefühllosesten Fibern des Herzens. Mit einem Wort, sie zog so mächtig zur Liebe hin, daß vielleicht sogar Robert d'Arbrissel unterlegen wäre.

Der Baron sah seine Frau an, die ermüdet in einer der Ecken des Coupés schlief. Er verglich unwillkürlich die Toiletten Luisens und Emiliens. Nun ist bei derartigen Gelegenheiten die Gegenwart unserer Frau ein eigentümlicher Stachel, für die unwiderstehlichen Begierden einer verbotenen Liebe. Daher waren denn auch die Blicke, die der Baron abwechselnd auf seine Frau und auf deren Freundin richtete, leicht zu verdolmetschen, und Frau B. verdolmetschte sie.

»Sie ist ganz abgespannt, die arme Luise!« sagte sie. »Das Gesellschaftstreiben ist nichts für sie – sie hat mehr Geschmack für das Einfache. In Écouen las sie fortwährend.«

»Und Sie, was machten Sie da?«

»Ich, mein Herr? Oh! Ich dachte nur ans Theaterspielen. Das war meine Leidenschaft!«

»Aber warum besuchen Sie meine Frau so selten? Wir haben ein Landhaus in Saint-Prix; dort hätten wir zusammen Komödie spielen können auf einer kleinen Bühne, die ich habe einrichten lassen.«

»Wer hat schuld daran, wenn ich Frau von V. nicht gesehen habe?« antwortete sie. »Sie sind so eifersüchtig, daß Sie ihr weder erlauben, ihre Freundinnen zu besuchen, noch sie zu empfangen.«

»Ich eifersüchtig!« rief Herr von V. »Nach einer vierjährigen Ehe und nachdem wir drei Kinder gehabt haben!«

»Bst!« sagte Emilie, indem sie dem Baron einen Schlag mit dem Fächer auf die Finger gab; »Luise schläft nicht!«

Der Wagen hielt, und der Intendant bot der schönen Freundin seiner Frau die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

»Ich hoffe,« sagte Frau B., »Sie werden Luise nicht verhindern, auf den Ball zu kommen, den ich diese Woche gebe?«

Der Baron verneigte sich ehrerbietig.

Dieser Ball war der Triumph der Frau B. und die Niederlage des Barons; denn er verliebte sich bis über die Ohren in Emilie, der er hundert legitime Frauen aufgeopfert hätte.

Einige Monate nach dieser Gesellschaft, auf der der Baron die Hoffnung faßte, es werde ihm bei der Freundin seiner Frau glücken, befand er sich eines Morgens bei Frau B., als die Zofe die Baronin von V. meldete.

»Ach!« rief Emilie, »wenn Luise Sie um diese Stunde bei mir sähe, sie wäre imstande, mich bloßzustellen. Gehen Sie in dieses Kabinett nebenan und machen Sie nicht das leiseste Geräusch.«

Der Ehemann, der wie in einer Mausefalle gefangen war, versteckte sich in dem Kabinett.

»Guten Tag, meine Teure!« sagten die beiden Frauen zueinander, indem sie sich küßten.

»Warum kommst du denn so frühzeitig?« fragte Emilie.

»Oh! Meine Liebe, errätst du es nicht? Ich komme zu dir, um mit dir eine Auseinandersetzung zu haben.«

»Bah! Ein Duell?«

»Ganz recht, meine Liebe, ich bin nicht wie du! Ich liebe meinen Mann und bin eifersüchtig auf ihn. Du, du bist schön, reizend, du hast das Recht, kokett zu sein; du kannst sehr wohl dich auf B.'s Kosten lustig machen, der sich aus deiner Tugend sehr wenig zu machen scheint; aber da es dir an Liebhabern in der Gesellschaft nicht fehlen wird, so bitte ich dich, mir meinen Mann zu lassen . . . Er ist fortwährend bei dir, und er würde gewiß nicht hierher kommen, wenn du ihn nicht herzögest.«

»Schau, du hast da ein ganz reizendes Halstuch!«

»Findest du? Meine Kammerzofe hat es mir arrangiert.«

»Schön, ich werde meine Anastasie zu deiner Flora schicken, um sich das zeigen zu lassen.«

»Also, meine Liebe, ich rechne auf deine Freundschaft – du wirst mir keinen häuslichen Kummer machen.«

»Aber, mein armes Kind, ich weiß gar nicht, wie du auf den Gedanken kommen kannst, ich könnte deinen Mann lieben! Er ist dick und fett wie ein Zentrumsabgeordneter. Er ist klein und häßlich. Freigebig ist er allerdings, aber das ist auch alles, was er für sich hat, und das ist eine Eigenschaft, die höchstens einer Operntänzerin gefallen könnte. Also, du begreifst, meine Liebe, wenn ich mir einen Liebhaber zu suchen hätte, wie es dir anzunehmen beliebt, so würde ich nicht einen alten Herrn wählen wie deinen Baron. Wenn ich ihm einige Hoffnung gemacht, wenn ich ihn bei mir empfangen habe, so geschah dies ganz gewiß, um mir damit einen Spaß zu machen und um ihn dir vom Halse zu schaffen, denn ich habe geglaubt, du habest eine Schwäche für den jungen de Rostanges . . .«

»Ich?« rief Luise. »Gott soll mich davor bewahren, meine Liebe! Das ist ja der unerträglichste Geck von der Welt! Nein, ich versichere dir, ich liebe meinen Mann! . . . Du hast gut lachen, aber es ist so. Ich weiß wohl, ich mache mich damit lächerlich – aber urteile selber: er hat mein Glück gemacht, er ist nicht geizig, und er ist für mich alles und alles, da das Unglück gewollt hat, daß ich Waise werden sollte. Und selbst wenn ich ihn nicht liebte, so müßte mir doch daran liegen, mir seine Achtung zu erhalten. Habe ich eine Familie, zu der ich eines Tages meine Zuflucht nehmen könnte?«

»Höre, mein Engel, sprechen wir nicht mehr von all diesen Geschichten,« fiel Emilie ihrer Freundin ins Wort; »denn das ist ja gräßlich langweilig.«

Nach einem Austausch von einigen gleichgültigen Bemerkungen ging die Baronin.

»Nun, mein Herr?« rief Frau B., indem sie die Tür zur Kammer öffnete, in der der Baron ganz frosterstarrt stand – denn der Vorfall spielte sich im Winter ab – »nun? Schämen Sie sich denn nicht, daß Sie eine so interessante kleine Frau nicht anbeten? Mein Herr, sprechen Sie mir nicht mehr von Liebe! Sie könnten mich eine Zeitlang ›vergöttern‹, wie Sie es nennen – aber Sie würden mich niemals so lieben, wie Sie Luisen lieben. Ich fühle, ich werde niemals in Ihrem Herzen die Teilnahme aufwiegen, die eine tugendhafte Frau, Kinder, eine Familie einflößen müssen! Eines Tages stände ich schutzlos vor der ganzen Strenge Ihrer Ansichten. Sie würden kalt von mir sagen: ›Diese Frau da habe ich mal gehabt!‹ – denn diese Redensart höre ich fortwährend von den Männern mit der beleidigendsten Gleichgültigkeit aussprechen. Sie sehen, mein Herr, ich erwäge die Gründe mit kaltem Blut, und ich liebe Sie nicht, weil Sie selbst mich nicht lieben können . . .«

»Aber was muß ich denn tun, um Sie von meiner Liebe zu überzeugen?« rief der Baron, indem er die junge Frau ansah.

Niemals war sie ihm so entzückend erschienen wie in diesem Augenblick, wo ihre neckische Stimme ihn mit Worten überschüttete, deren Härte durch die Anmut ihrer Gebärden, durch ihre Kopfbewegungen und durch ihre ganze kokette Haltung Lügen gestraft zu werden schien.

»Oh! Wenn ich einmal sehe, daß Luise einen Liebhaber hat,« erwiderte sie; »wenn ich weiß, daß ich ihr nichts genommen habe und daß sie es nicht zu bedauern braucht, wenn sie Ihre Zuneigung verliert; wenn ich ganz sicher bin, daß Sie sie nicht mehr lieben, und wenn ich einen sichern Beweis Ihrer Gleichgültigkeit gegen sie erhalte . . . oh! dann . . . ja dann werde ich Sie anhören können! Diese Worte müssen Ihnen abscheulich erscheinen,« fuhr sie mit einem tiefen Klang der Stimme fort; »sie sind es in der Tat, aber glauben Sie nicht, daß diese Worte von mir ausgesprochen seien! Ich bin der strenge Mathematiker, der aus einer Voraussetzung alle Folgerungen zieht. Sie sind verheiratet – und Sie lassen sich's einfallen, lieben zu wollen? Ich wäre wahnsinnig, wenn ich die geringste Hoffnung auf einen Mann setzen würde, der mir nicht ewig angehören kann!«

»Teufelin!« rief der Baron. »Ja, Sie sind eine Teufelin und keine Frau!«

»Aber Sie sind wirklich scherzhaft!« sagte die junge Dame, indem sie nach der Klingelschnur griff.

»O nein, Emilie!« rief mit ruhigerer Stimme der vierzigjährige Liebhaber. »Läuten Sie nicht, halten Sie ein! Verzeihen Sie mir! Ich werde Ihnen alles opfern!«

»Aber ich verspreche Ihnen nichts!« rief sie schnell und mit lautem Lachen.

»Gott! wie lassen Sie mich leiden! rief er.

»Ei! Haben Sie nicht in Ihrem Leben mehr als ein Unglück angerichtet?« fragte sie. »Erinnern Sie sich aller der Tränen, die um Ihretwillen geflossen sind! Oh! Ihre Leidenschaft flößt mir nicht das geringste Mitleid ein! Wenn Sie wollen, daß ich nicht darüber lache, so bringen Sie mich dazu, sie zu teilen . . .«

»Adieu, Madame! In Ihrer Grausamkeit liegt noch eine gewisse Milde. Ich weiß die Lektion zu schätzen, die Sie mir geben. Ja, ich habe Verirrungen gutzumachen . . .«

»Schön, dann gehen Sie hin und tun Sie Buße!« sagte sie mit einem spöttischen Lächeln; »indem Sie Luisen glücklich machen, werden Sie die allerhärteste Buße tun.«

Er ging.

Aber die Liebe des Barons war zu heftig, als daß die harten Worte Frau B.'s nicht ihren Zweck erreicht hätten, nämlich, die beiden Gatten auseinanderzubringen.

Einige Monate darauf lebten der Baron von V. und seine Frau in demselben Hause, aber getrennt. Man beklagte allgemein die Baronin, die vor der Welt stets die Partei ihres Mannes nahm und deren Entsagung als eine Musterleistung angesehen wurde. Die sittenstrengste Frau der Gesellschaft fand nichts an der Freundschaft auszusetzen, die Luisen mit dem jungen Herrn de Rostanges verband, und alles wurde auf Rechnung einer verrückten Laune des Herrn von V. geschrieben.

Als dieser der Frau B. alle Opfer gebracht hatte, die ein Mann nur bringen kann, reiste seine hinterlistige Geliebte unter dem Vorwande, ihre Gesundheit wiederherstellen zu wollen, nach den Bädern von Mont Dor, nach der Schweiz und weiter nach Italien.

Der Intendant starb an einem Leberleiden, von seiner Gemahlin mit der rührendsten Sorgfalt gepflegt; und da er sein aufrichtiges Bedauern aussprach, daß er sie verlassen habe, so scheint er niemals geahnt zu haben, daß seine Frau an dem ihm gespielten Streich beteiligt war.

Diese Anekdote, die wir aus tausend ähnlichen ausgewählt haben, ist vorbildlich für die Dienste, die zwei Frauen einander leisten können.

Von dem Worte an: ›Tu mir den Gefallen und schaff mir meinen Mann vom Halse‹, bis zum Entwurf eines Dramas, dessen Lösung eine Leberentzündung war, ist weiblicher Lug und Trug immer das gleiche. Gewiß kommen allerlei Zufälle vor, die dem von uns angeführten Musterbeispiel eine größere oder geringere Abweichung von Typus geben, aber der Verlauf ist stets so ziemlich derselbe. Daher darf ein Ehemann keiner einzigen Freundin seiner Frau trauen. Die feinen Listen dieser lügenhaften Geschöpfe verfehlen selten ihre Wirkung, denn sie werden unterstützt von zwei Feinden, die den Mann überallhin begleiten: Eitelkeit und Begierde.

4. Die Verbündeten des Liebhabers

Derselbe Mensch, der sich beeilt, einen andern darauf aufmerksam zu machen, daß ein Tausendfrankenschein aus seiner Brieftasche gefallen ist, oder auch nur, daß er ein Taschentuch aus der Tasche verliert – er sieht es als eine Gemeinheit an, ihn davor zu warnen, daß man ihm seine Frau raubt. Gewiß liegt in dieser moralischen Inkonsequenz etwas Sonderbares; immerhin aber kann man sie sich erklären: da das Gesetz es sich versagt hat, in die gegenseitigen Rechte von Ehegatten einzugreifen, so haben die Bürger noch viel weniger als die Gesetze das Recht, eine Art Ehepolizei zu spielen; und wenn man dem Verlierer einen Tausendfrankenschein zurückgibt, so liegt darin eine Art Verpflichtung, die aus dem Grundsatz abgeleitet ist: ›Handle gegen deinen Nächsten, wie du wünschest, daß dein Nächster gegen dich handelt.‹

Aber durch welche Gründe will man es rechtfertigen, und wie soll man es bezeichnen, wenn ein Junggeselle sich niemals vergeblich um Hilfe umsieht, sondern stets den Beistand eines andern Junggesellen empfängt, um einen Ehemann zu hintergehen? Ein Mensch, der sich nicht dazu überwinden kann, einem Gendarmen bei der Nachsuchung nach einem Mörder zu helfen, macht sich durchaus kein Gewissen daraus, einen Ehemann ins Theater, ins Konzert oder gar in ein zweideutiges Haus mitzunehmen, um einem Kameraden, den er vielleicht am nächsten Tage im Zweikampf töten wird, ein Stelldichein zu erleichtern, dessen Ergebnis es ist, entweder ein im Ehebruch erzeugtes Kind in eine Familie zu bringen und dadurch zwei Brüder um einen Teil ihres Vermögens zu berauben, indem sie einen Miterben erhalten, den sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten – oder drei Menschen unglücklich zu machen. Man muß gestehen, Rechtschaffenheit ist eine sehr seltene Tugend, und der Mensch, der sie im höchsten Grade zu besitzen glaubt, hat sie oft am wenigsten. So mancher Haß hat eine Familie in zwei Parteien geteilt, so mancher Brudermord ist begangen worden, was niemals stattgefunden hätte, wenn ein Freund sich geweigert hätte, die Hand zu einer Schändlichkeit zu bieten, die man in der höhern Gesellschaft als einen bloßen Eulenspiegelstreich ansieht.

Irgendein Steckenpferd hat unbedingt jeder Mensch; wir alle lieben entweder die Jagd oder das Angeln oder das Spiel oder die Musik oder das Geld oder die Tafelfreuden usw.; nun, deine Lieblingsleidenschaft wird stets eine Rolle dabei spielen, wenn dich ein Liebhaber in eine Falle lockt; seine Hand wird unsichtbar deine oder seine Freunde lenken; sie werden freiwillig oder unfreiwillig eine Rolle in der kleinen Szene spielen, die er ersinnt, um dich aus dem Hause zu bringen oder um ihm freie Hand bei deiner Frau zu lassen. Ein Liebhaber wird, wenn es nötig ist, zwei volle Monate darauf verwenden, um die Konstruktion der Mausefalle auszudenken.

Ich habe in solchem Kampfe den schlausten Menschen der ganzen Welt unterliegen sehen.

Dies war ein früherer Advokat in der Normandie. Er wohnte in der kleinen Stadt B., wo das Cantalsche Jägerregiment in Garnison lag. Ein eleganter Offizier liebte die Frau des Rechtsvertreters; das Regiment sollte aber abmarschieren, ohne daß es den beiden Liebenden möglich gewesen wäre, auch nur den geringsten geheimen Verkehr miteinander zu haben. Der Offizier war der vierte Militär, über den der Advokat triumphierte. Eines Abends gegen 6 Uhr ging der Ehemann gleich nach Tisch auf einer Terrasse seines Gartens spazieren, von wo man eine Aussicht über die ganze Landschaft hatte. Plötzlich blitzt am Horizont die furchtbare Flamme einer Feuersbrunst auf. »O mein Gott! die Daudinière brennt!« ruft der Major. In diesem Augenblick kamen die Offiziere, um sich von ihm zu verabschieden. Der Major war ein alter Soldat, der von der Pike auf gedient hatte und keiner Arglist fähig war. Alles wirft sich auf die Pferde. Die junge Frau aber lächelt, als sie sich allein sieht, denn der in einem Gebüsch versteckte Liebhaber hatte ihr gesagt: »Es ist ein Strohfeuer!« Die Befestigungswerke des Ehemanns waren im Nu umgangen, und dies wurde dem Kapitän um so leichter, da ein ausgezeichneter Renner ihn erwartete; zudem wußte mit einem Zartgefühl, das sich bei der Kavallerie ziemlich selten findet, der Liebende einige Augenblicke des Glückes zu opfern, um der Kavalkade nachzureiten und in Gesellschaft des Ehegatten zurückzukehren!

Die Ehe ist ein richtiges Duell, wobei man keinen Augenblick unaufmerksam sein darf, wenn man über seinen Gegner triumphieren will; denn wenn du unglücklicherweise einen Augenblick den Kopf wegwendest, durchbohrt dich der Degen des Hagestolzen.

5. Die Kammerzofe

Die hübscheste Kammerzofe, die ich je gesehen habe, ist die der Frau V . . . y, die noch heute in Paris unter den ersten Modedamen eine sehr schöne Rolle spielt und im Rufe steht, mit ihrem Mann in sehr guter Ehe zu leben. Fräulein Celestine ist eine Person mit so zahlreichen Vollkommenheiten, daß man zu ihrer Beschreibung die dreißig Verse übersetzen müßte, die, wie man sagt, im Serail des Großherrn angeschrieben stehen, und von denen ein jeder die genaue Beschreibung einer der dreißig Schönheiten der Frau enthält.

»Es ist eine recht große Eitelkeit, daß Sie bei sich ein so vollendetes Geschöpf behalten!« sagte eine Dame zur Herrin des Hauses.

»Ach, meine Teure, vielleicht werden Sie mich eines Tages noch um Celestine beneiden!«

»Dann muß sie also wohl recht seltene Vorzüge besitzen. Vielleicht ist sie sehr geschickt im Ankleiden?«

»Oh! Sehr ungeschickt.«

»Näht sie gut?«

»Sie rührte niemals eine Nadel an.«

»Ist sie treu?«

»Ihre Treue ist eine von jenen, die einem teurer zu stehen kommen als die verschmitzteste Unredlichkeit.«

»Sie setzen mich in Erstaunen, meine Liebe. Dann ist sie wohl Ihre Milchschwester?«

»Auch das nicht. Mit einem Wort: sie ist überhaupt zu gar nichts gut; trotzdem aber ist in meinem ganzen Hause keine Person, die mir nützlicher wäre. Ich habe ihr zwanzigtausend Franken versprochen, wenn sie zehn Jahre bei mir bleibt. Oh! Das Geld wird ehrlich verdient sein, und ich werde es nicht bedauern, ihr es auszuzahlen!« sagte die junge Frau, indem sie auf eine sehr bezeichnende Weise den Kopf hin und her wiegte.

Die junge Besucherin begann endlich zu begreifen.

Wenn eine Frau keine so intime Freundin hat, die ihr helfen kann, sich die ehemännliche Liebe vom Halse zu schaffen, dann ist die Zofe ein letztes Aushilfsmittel, das selten die erwartete Wirkung vermissen läßt.

Oh! Wenn man nach zehnjähriger Ehe unter seinem Dach ein junges Mädchen findet und täglich und stündlich sieht – ein junges Mädchen von sechzehn bis achtzehn Jahren, frisch, kokett angezogen, deren unschuldige Miene eine unwiderstehliche Anziehungskraft übt, deren gesenkte Augen dich zu fürchten scheinen, deren schüchterner Blick dich in Versuchung führt, und für die das Ehebett keine Geheimnisse hat – ein Mädchen, jungfräulich und wissend zugleich: wie kann ein Mann kalt bleiben wie der heilige Antonius, wenn er es mit einer so starken Zauberkunst zu tun hat? Wie kann er den Mut haben, den guten Grundsätzen treu zu bleiben, deren Vertreterin eine hochmütige Frau mit strengem Antlitz, mit abweisenden Manieren ist – eine Frau die sich meistens den Ansprüchen seiner Liebe versagt? Welcher Ehemann ist so stoisch, um so viel Feuer, so viel Eis widerstehen zu können?

Aber da, wo du eine neue Fülle von Freuden winken siehst, hat die junge Unschuld es nur auf Renten abgesehen und deine Frau auf ihre Freiheit. Das ist ein kleiner Familienvertrag, der durch gütliche Übereinkunft abgeschlossen wird.

In diesem Falle macht es deine Frau mit der Ehe, wie die jungen Lebemänner mit dem Vaterland. Wenn bei der Aushebung das Los sie trifft, kaufen sie sich einen Mann, um für sie das Gewehr zu tragen, um an ihrem Platz zu sterben und ihnen alle Unannehmlichkeiten des Militärdienstes zu ersparen.

Bei derartigen geschäftlichen Abmachungen, die im Eheleben vorkommen, weiß eine jede Frau ihren Mann ins Unrecht zu setzen. Ich habe bemerkt und sehe es als den Höhepunkt der Klugheit an, daß die meisten Frauen nicht immer ihre Zofe in die Geheimnisse einweihen, die sie ihnen zu spielen geben. Sie verlassen sich auf die Natur und bewahren dadurch eine kostbare Autorität über den verliebten Ehemann und über dessen Geliebte.

In diesen geheimen Tücken der Frauen liegt die Erklärung für einen großen Teil der ehelichen Sonderbarkeiten, denen man in der Gesellschaft begegnet; aber ich habe die Gespräche von Frauen mit angehört, die mit einem tiefen Verständnis über die Gefahren disputierten, die dieses furchtbare Angriffsmittel mit sich bringt: man muß sowohl seinen Ehemann wie auch das Geschöpf, dem man ihn preisgibt, ganz genau kennen, um sich die Anwendung dieses Mittels erlauben zu können. Mehr als eine Frau ist das Opfer ihrer eigenen Berechnungen geworden.

Daher wird eine Frau um so weniger diesen Notbehelf anzuwenden wagen, je stürmischer und leidenschaftlicher ihr Gatte sich gezeigt hat. Indessen wird ein Ehemann, der in diese Falle gegangen ist, seiner gestrengen Ehehälfte niemals widersprechen können, wenn sie ihre Zofe, nachdem sie deren Fehltritt bemerkt hat, mit einem Kinde und einer Abfindungssumme nach Hause schickt.

6. Der Arzt

Der Arzt ist einer der stärksten Verbündeten einer anständigen Frau, wenn sie auf gütlichem Wege eine Trennung von ihrem Ehemann durchsetzen will. Die Dienste, die ein Arzt, und zwar meistens unbewußt, einer Frau leistet, haben eine derartige Bedeutung, daß es in ganz Frankreich kein Haus gibt, dessen Arzt nicht von der Hausherrin ausgewählt ist.

Nun wissen alle Ärzte sehr wohl, welche Bedeutung für ihren Beruf die Frauen ausüben; daher trifft man auch wenig Ärzte, die nicht instinktmäßig den Frauen zu gefallen suchen. Wenn ein begabter Arzt einmal berühmt geworden ist, gibt er sich ohne Zweifel nicht mehr zu den boshaften Verschwörungen her, die die Frauen anzustiften wünschen – aber er nimmt ohne sein Wissen daran teil.

Nehmen wir an, ein Ehemann, der durch die Abenteuer seiner eigenen Jugend klug geworden ist, beschließe, gleich in den ersten Tagen seiner Ehe seiner Frau einen Arzt seiner Wahl zu geben. Solange seine Gegnerin noch nicht begriffen hat, wozu ihr dieser Verbündete nützlich sein kann, wird sie sich stillschweigend fügen; später aber, wenn alle ihre Verführungskünste an dem von ihrem Gatten ausgesuchten Arzt wirkungslos abprallen, wird sie den nächsten günstigen Augenblick ergreifen, um ihrem Mann das eigentümliche Geständnis zu machen:

»Die Art und Weise, wie der Doktor mich beklopft, ist mir unangenehm!«

Und damit ist die Verabschiedung des Doktors besiegelt.

Eine Frau wählt also entweder ihren Arzt selber, oder sie verführt den, den ihr Mann ins Haus gebracht hat, oder sie läßt ihm den Laufpaß geben.

Aber ein solcher Kampf kommt sehr selten vor, denn die meisten jungen Männer, die sich verheiraten, kennen nur ebenso junge Ärzte, und es liegt ihnen sehr wenig daran, einen solchen Freund zum Leibarzt ihrer Frau zu machen, und fast immer wird der Äskulap eines Hauses von der weiblichen Macht ausgewählt.

So kommt also eines schönen Morgens der Doktor aus dem Zimmer deiner Frau heraus, die sich seit vierzehn Tagen zu Bett gelegt hat, und sagt dir auf ihre Veranlassung:

»Ich finde zwar nicht, daß der Zustand der gnädigen Frau gerade zu ernsten Beunruhigungen Anlaß gibt; aber diese beständige Schlafsucht, dieser allgemeine Lebensüberdruß sind erste Anzeichen, die auf ein Rückenmarksleiden schließen lassen, und da muß sorgfältig aufgepaßt werden. Ihre Lymphe ist zu dick. Ihr täte eine Luftveränderung not; man sollte sie ins Bad schicken – nach Barèges oder nach Plombières.«

»Schön, Doktor.«

Du läßt deine Frau nach Plombières gehen; aber sie geht dorthin, weil Hauptmann Charles in den Vogesen in Garnison liegt. Als sie wiederkommt, befindet sie sich ausgezeichnet, und die Bäder von Plombières haben bei ihr Wunder gewirkt. Sie hat dir jeden Tag geschrieben, hat dich aus der Ferne mit allen möglichen Liebkosungen überhäuft. Der erste Ansatz von Rückenmarksschwindsucht ist völlig verschwunden.

Es gibt ein kleines Pamphlet, das ohne Zweifel von einem Gefühl des Hasses eingegeben wurde – es ist in Holland gedruckt worden – das aber sehr interessante Einzelheiten darüber enthält, wie Frau von Maintenon sich mit Fagon zu verständigen wußte, um Ludwig den Vierzehnten zu beherrschen. Nun, auch dein Arzt wird eines Morgens – genau wie Fagon es mit seinem Herrn machte – dir mit einem Schlagfluß drohen, wenn du nicht strenge Diät hältst. Dieses ziemlich komische Scherzspiel, betitelt ›Mademoiselle de Saint-Tron‹ – ohne Zweifel das Werk eines Hofmanns – ist von dem modernen Theaterdichter erahnt worden, der den Einakter ›Der junge Arzt‹ verfaßte. Aber sein köstliches Lustspiel ist dem andern, dessen Titel ich für Bücherliebhaber zitiert habe, weit überlegen, und wir wollen mit Vergnügen gestehen, daß das Werk unseres geistreichen Zeitgenossen und die Rücksicht auf den Ruhm des siebzehnten Jahrhunderts uns verhindert haben, die Bruchstücke des alten Pamphlets zu veröffentlichen.

Oft wird ein Doktor von den geschickten Manövern einer jungen Frau von zarter Gesundheit übertölpelt; da wird er zu dir kommen und dir im geheimen sagen:

»Mein Herr, ich möchte Ihre Frau Gemahlin nicht erschrecken, indem ich ihr die Wahrheit über ihren Zustand mitteile; aber ich empfehle Ihnen, wenn ihre Gesundheit Ihnen lieb ist, so lassen Sie sie vollständig in Ruhe. Die Krankheit scheint sich in diesem Augenblick auf die Brust ziehen zu wollen, und wir werden ihrer Herr werden; aber sie braucht Ruhe, viel Ruhe; die geringste Aufregung könnte den Sitz der Krankheit verändern. In diesem Augenblick würde eine Schwangerschaft den Tod für sie bedeuten.«

»Aber – Doktor . . .?«

»Oh! Oh, ich weiß schon!«

Er lacht und geht.

Wie Moses' Zauberstab schafft und zerstört die ärztliche Vorschrift. Ein Arzt setzt dich, wenn es sein muß, wieder in die Rechte des Ehebettes ein, und bringt dabei dieselben Gründe vor, mit denen er dich zuvor verjagt hatte. Er behandelt bei deiner Frau Krankheiten, die sie gar nicht hat, um sie von denen zu heilen, an denen sie wirklich leidet, und du wirst davon niemals etwas begreifen; denn das wissenschaftliche Kauderwelsch der Ärzte läßt sich den Oblaten vergleichen, in die sie ihre Pillen einwickeln.

Im Bunde mit ihrem Arzt ist eine anständige Frau in ihrer Kammer dasselbe, was in seiner Abgeordnetenkammer ein Minister ist, der seiner Mehrheit sicher ist; denn sie läßt sich Ruhe, Zerstreuung, Landleben oder Stadtleben, Bäder, Ausreiten, Spazierenfahren verordnen – ganz nach ihrer Laune oder wie es ihr für ihre Interessen angebracht erscheint. Ganz nach ihrem Belieben schickt sie dich fort oder erlaubt dir den Zutritt. Bald wird sie eine Krankheit vorschützen, damit ihr Schlafzimmer von dem deinigen getrennt werde; bald wird sie sich mit dem ganzen Apparat einer Krankenstube umgeben: ihre Garde wird eine alte Krankenwärterin sein, sie wird Regimenter von Salbentöpfen und Medizinflaschen aufmarschieren lassen und wird dich in ihren Verschanzungen durch ihr mattes Aussehen herausfordern. Man wird dich so unbarmherzig von den Brustlatwergen unterhalten und von den Beruhigungstränklein, die sie eingenommen hat, von den Hustenanfällen, die sie gehabt hat, ihren Pflastern und Breiumschlägen, daß sie mit all diesen Krankheitsgeschichten schließlich deine Liebe totmacht, vorausgesetzt, daß diese geheuchelten Schmerzen nicht überhaupt nur Schlingen waren, die sie gelegt hatte, um jenen eigentümlichen abstrakten Begriff zu zerstören, den wir ›deine Ehre‹ nennen.

So wird also deine Frau aus allen Berührungspunkten, die du mit der Welt, mit der Gesellschaft oder mit dem Leben hast, sich Stützpunkte ihres Widerstandes zu schaffen wissen. So wird also alles sich gegen dich bewaffnen, und inmitten so vieler Feinde wirst du allein stehen.

Aber nehmen wir an, dir sei der unerhörte Vorzug und das unglaubliche Glück zuteil geworden, eine nicht übermäßig fromme Frau zu besitzen, die Waise ist und keine intimen Freundinnen hat; du seiest so scharfsinnig, daß du alle Fallstricke ahnst, in die der Liebhaber deiner Frau dich zu locken versuchen wird; du liebst deine schöne Feindin noch mutig genug, um allen Kammerkätzchen der ganzen Welt Widerstand leisten zu können; und endlich, dein Arzt sei eine jener Berühmtheiten, die keine Zeit haben, auf die Koketterien der Frauen zu hören; oder – wenn euer Äskulap ein Getreuer deiner Frau ist, du verlangest jedesmal, wenn der Lieblingsdoktor eine beunruhigende Vorschrift erläßt, eine Konsultation, zu der du einen unbestechlichen andern Arzt hinzuziehst – nun, durch all dieses wird deine Lage auch nicht viel glänzender werden. Denn wenn du dem Angriff der Verbündeten noch nicht unterliegst, so bedenke, daß bis dahin dein Gegner sozusagen noch gar nicht zum entscheidenden Schlage ausgeholt hat. Wenn du dich wider Erwarten noch länger hältst, so wird deine Frau, nachdem sie wie eine Spinne Faden um Faden ein unsichtbares Netz um dich gesponnen hat, jetzt von den Waffen Gebrauch machen, die die Natur ihr gegeben und die die Zivilisation vervollkommnet hat. Hiervon in der folgenden Betrachtung.

 

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