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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 28
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Strategische Grundsätze

Der Erzherzog Karl hat eine sehr schöne Abhandlung über Kriegskunst herausgegeben, die ›Grundsätze der Strategie und ihre Anwendung auf die Feldzüge von 1796‹. Diese Grundsätze scheinen uns einige Ähnlichkeit zu haben mit so mancher Poetik, die für bereits veröffentlichte Gedichte nachträglich aufgestellt ist. Heutzutage haben wir es viel weiter gebracht: wir erfinden die Regeln für die Werke und die Werke für die Regeln. Aber was haben die alten Grundsätze der Kriegskunst genützt, als sie sich dem stürmischen Geist Napoleons gegenüber befanden? Wenn man also heute die Lehren dieses großen Feldherrn, dessen neue Taktik die alte Taktik über den Haufen geworfen hat, in ein System bringen wollte – welche Bürgschaft besitzt es, daß nicht die Zukunft einen zweiten Napoleon gebären wird? Die Bücher über Kriegskunst teilen mit wenigen Ausnahmen das Los der alten Werke über Chemie und Physik. Alles ändert sich – entweder auf der Stelle oder in jahrhundertelangen Perioden.

Dies ist, um es in wenige Worte zusammenzufassen, auch bei unserm Werke der Fall.

Solange wir mit einer untätigen, schlafenden Frau zu tun hatten, war nichts leichter, als die Netze zu flechten, in denen wir sie gefangen hielten; aber sobald sie erwacht und sich wehrt, gerät alles in Verwirrung. Sollte ein Ehemann versuchen wollen, die Grundsätze des vorhergehenden Systems unseres zweiten Teiles anzuwenden, um seine Frau in den zerlöcherten Netzen desselben zu fangen, so gliche er Wurmser, Mack und Beaulieu, welche Märsche und Gegenmärsche machten, während Napoleon sie schnell umzingelte und sich ihre eigenen Kombinationen zunutze machte, um sie zu vernichten.

So wird es deine Frau machen.

Wie könntest du die Wahrheit erfahren, wenn ihr sie euch einander unter der gleichen Lüge verhehlt und wenn ihr euch die gleiche Falle stellt? Wem wird der Sieg bleiben, wenn ihr beide mit den Händen in die gleiche Schlinge geraten seid?

»Mein lieber Schatz, ich muß ausgehen, ich muß zu Madame Soundso, ich habe den Wagen bestellt. Wollen Sie mit mir kommen? Bitte, seien Sie mal liebenswürdig und begleiten Sie Ihre Frau.«

Du denkst bei dir selber:

»Sie wäre schön hereingefallen, wenn ich annähme! sie bittet mich nur darum so sehr, weil sie ein Nein von mir haben will.«

Du antwortest ihr also:

»Das trifft sich gut: ich habe gerade eine Angelegenheit mit dem Herrn Soundso zu erledigen; er hat nämlich einen Bericht zu erstatten, der unsere Interessen bei dem und dem und jenem schädigen kann; ich muß daher unbedingt mit ihm sprechen. Hierauf muß ich ins Finanzministerium gehen; es trifft sich also ganz ausgezeichnet.«

»Schön, mein Engel! Zieh dich an, während Céline meine Toilette fertig macht; aber laß mich nicht warten.«

»Hier, mein Herz, bin ich fix und fertig!« sagst du, indem du eine Minute darauf angezogen und rasiert in ihr Zimmer trittst.

Aber inzwischen hat sich alles geändert: Ein Brief ist angekommen; Madame ist unwohl; das Kleid sitzt schlecht; die Schneiderin soll gleich kommen, oder wenn es nicht die Schneiderin ist: dein Sohn, deine Mutter. Von hundert Ehemännern gehen neunundneunzig ganz zufrieden ab und halten ihre Frauen für wohlbehütet, während sie in Wirklichkeit von diesen an die Luft gesetzt werden.

Eine Ehefrau, der ihr Mann nicht entgehen kann, die von keiner pekuniären Verlegenheit gequält wird, und die, um den Überschuß ihrer Intelligenz zu verwenden, Tag und Nacht über die wechselnden Bilder ihres Daseins nachdenkt – eine solche Frau hat bald den Fehler entdeckt, den sie beging, indem sie sich in einer Falle fangen oder durch eine Peripetie sich überraschen ließ; sie wird also versuchen, diese Waffen gegen dich selbst zu kehren.

In der Gesellschaft ist ein Mensch, dessen Anblick deiner Frau ein eigentümliches Unbehagen erweckt; sein Ton, seine Manieren, die ganze Art seines Geistes sind ihr unleidlich. Alles an ihm verletzt sie; sie fühlt sich von ihm verfolgt, er ist ihr verhaßt; man darf zu ihr nicht von ihm sprechen. Es sieht aus, als ob sie dich absichtlich damit ärgern wolle; denn zufällig ist es ein Mann, auf den du die größten Stücke hältst; du liebst seinen Charakter, weil er dir schmeichelt: darum behauptet denn auch deine Frau, deine Achtung für ihn entspringe bloß aus Eitelkeit. Wenn bei euch ein Ball, eine Abendgesellschaft, ein Konzert sein soll, habt ihr fast immer Streit um diesen Mann, und deine Frau zankt mit dir und behauptet, du zwängest sie, Leute zu empfangen, die ihr nicht passen.

»Zum wenigsten, mein Herr, werde ich mir nicht vorzuwerfen haben, daß ich Sie nicht gewarnt habe. Wir werden von diesem Menschen noch irgendeinen Ärger haben. Verlassen Sie sich nur auf die Frauen, wenn ein Urteil über einen Mann zu fällen ist. Und erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß dieser ›Baron‹, in den Sie förmlich verliebt sind, ein sehr gefährlicher Mensch ist, und daß Sie das größte Unrecht haben, ihn in Ihr Haus zu führen. Aber so sind Sie: Sie zwingen mich, ein Gesicht zu sehen, das ich nicht ausstehen kann, und wenn ich Sie bitten würde, Herrn Soundso einzuladen, so würden Sie dazu nicht Ihre Zustimmung geben, weil Sie glauben, ich habe Vergnügen an seiner Gesellschaft! Ich muß gestehen, er ist ein gewandter Plauderer, ist ein zuvorkommender liebenswürdiger Herr; aber er kann doch nicht gegen Sie an.«

In diesen noch unförmlichen ersten Ansätzen einer weiblichen Taktik, die durch trügerische Gebärden, durch Blicke von einer unglaublichen Berechnung, durch heimtückische Klangfärbungen der Stimme und sogar durch die Fallen eines hinterlistigen Schweigens verstärkt wird, ist gewissermaßen schon der Geist ihres Benehmens erkennbar.

Hierbei verfallen nun fast alle Ehemänner auf den Gedanken, eine kleine Mausefalle aufzustellen; sie erheben zu ihren Hausfreunden sowohl den Herrn Soundso, wie den phantastischen Baron, den von ihrer Frau verabscheuten Typus, in der Hoffnung, in der Person des anscheinend geliebten Junggesellen einen Liebhaber zu entdecken.

Oh! Ich habe in der Gesellschaft oft junge Leute getroffen, rechte Springinsfelde, die sich völlig durch die erlogene Freundschaft einer Frau täuschen ließen, die in der Zwangslage war, ihren Mann abzulenken und ihm einen Brennkegel anzusetzen, wie früher ihr Mann ihr welche angesetzt hatte! Diese armen Unschuldsknaben hatten nichts weiter zu tun, als sorgfältig alle möglichen Aufträge zu erledigen, Theaterlogen zu mieten und auszureiten, indem sie zu Pferde die Kalesche ihrer vermeintlichen Geliebten ins Bois de Boulogne begleiteten; man hielt sie allgemein für die Liebhaber von Frauen, denen sie nicht einmal die Hand küßten; ihre Eitelkeit verhinderte sie, gegen diese freundschaftlichen Gerüchte Einsprache zu tun; und wie jene jungen Priester, die unbezahlte Messen lesen, hatten sie, als wahre Überzählige der Liebe, den Genuß einer Paradeleidenschaft.

Da kommt es denn vor, daß ein Ehemann beim Nachhausekommen den Hausmeister fragt: »Ist jemand dagewesen?« – »Der Herr Baron hat um zwei Uhr vorgesprochen und nach dem gnädigen Herrn gefragt; da er nur die gnädige Frau anwesend fand, ist er gar nicht nach oben gegangen; aber Herr Soundso ist bei ihr.«

Du trittst ein, du siehst ein junges Herrchen, geschniegelt und gebügelt, salbenduftend, mit eleganter Krawatte – einen vollkommenen Dandy. Er behandelt dich mit vielen Rücksichten; deine Frau horcht im geheimen auf das Geräusch seiner Schritte und tanzt fortwährend mit ihm; wenn du ihr verbietest, ihn zu empfangen, erhebt sie ein lautes Geschrei, und erst nach langen Jahren – vergleiche die Betrachtung über die ›letzten Symptome‹ – bemerkst du, daß der Herr Soundso völlig unschuldig und daß der Herr Baron der Schuldige war.

Eine der geschicktesten Leistungen, die wir auf diesem Gebiete beobachten durften, war das Manöver einer jungen Frau, die von einer unwiderstehlichen Leidenschaft fortgerissen wurde: sie verfolgte mit ihrem Haß einen Mann, den sie nicht liebte, und überhäufte ihren Liebhaber mit heimlichen Beweisen ihrer Liebe. Im Augenblick, wo ihr Mann überzeugt war, daß sie den Cicisbeo liebte und den Patito verabscheute, brachte sie selber sich mit dem Patito in eine Lage, deren Risiko sie zum voraus berechnet hatte; sie brachte dadurch ihren Ehemann und den verabscheuten Hagestolz zum Glauben, daß ihre Abneigung ebenso erheuchelt sei wie ihre Liebe. Als sie ihren Mann in diese Ungewißheit gestürzt hatte, ließ sie einen leidenschaftlichen Brief in seine Hände fallen. Eines Abends brachte die Frau diese wunderbare Peripetie zum Klappen, warf sich ihrem Mann zu Füßen, umklammerte seine Knie, die sie mit ihren Tränen überströmte, und rief:

»Ich achte und ehre Sie so sehr, daß ich keinen andern Vertrauten haben will als Sie. Ich liebe! Ist dies ein Gefühl, das ich leicht unterdrücken kann? Nein! Aber eins kann ich, ich kann Ihnen diese Liebe gestehen, ich kann Sie anflehen, mich gegen mich selber zu beschützen, mich vor mir selber zu retten. Seien Sie mein Herr und seien Sie ein strenger Herr gegen mich; reißen Sie mich aus dieser Umgebung heraus; entfernen Sie ihn, der die Ursache all dieses Übels ist; trösten Sie mich; ich werde ihn vergessen, ich wünsche es! Ich will Sie nicht verraten. Ich bitte Sie in aller Demut um Verzeihung für die Hinterlist, auf die ich in meiner Liebe verfallen bin. Ja, ich will Ihnen gestehen, daß das Gefühl, das ich für meinen Vetter zur Schau trug, nur eine Schlinge für Ihren Scharfblick war. Ich habe für ihn eine herzliche Freundschaft – aber Liebe . . . o verzeihen Sie mir! . . . lieben kann ich nur . . . (lautes Schluchzen) . . . oh! fort von hier, fort aus Paris!«

Sie weinte; ihre aufgelösten Haare umflossen sie, ihre Toilette war in Unordnung; es war Mitternacht – der Gatte verzieh. Von nun an ging der Vetter ohne Gefahr in seinem Hause aus und ein, und der Minotauros verschlang ein neues Opfer.

Welche Vorschriften kann man geben für den Kampf mit solchen Gegnern? Sie haben die ganze Diplomatie des Wiener Kongresses in ihren Köpfen; sie sind ebenso stark, wenn sie sich hingeben, wie wenn sie sich der Umarmung entziehen. Welcher Mann ist geschmeidig genug, um seine Kraft und Stärke abzulegen, um seiner Frau in dieses Labyrinth folgen zu können?

In jedem Augenblick für die Lüge reden, um die Wahrheit zu erfahren – für die Wahrheit, um die Lüge zu entdecken: unversehens die Batterie wechseln und sein Geschütz vernageln, in dem Augenblick, wo es Feuer geben soll; mit dem Feind auf einen Berg steigen, um fünf Minuten darauf wieder unten in der Ebene zu sein; ihn auf seinen Zickzackbewegungen zu verfolgen, die so schnell und so verworren sind, wie der Flug eines Kiebitzes in der Luft; gehorchen, wenn es not tut; und zur rechten Zeit einen Widerstand der Trägheit entgegensetzen; wie ein junger Künstler, der in einem einzigen Zuge die ganze Tonleiter von der niedrigsten Taste seines Pianos bis zur höchsten durchläuft, in einem Nu die ganze Stufenfolge aller möglichen Mutmaßungen durchmessen und die geheime Absicht zu erraten wissen, die eine Frau bewegt; sich vor ihren Liebkosungen in acht nehmen und darin weniger Liebeswonnen, als geheime Hintergedanken suchen – dies alles ist ein Kinderspiel für einen klugen Mann, der jene leuchtende Vorstellungs- und Beobachtungsgabe besitzt, die das Denken zu einem Handeln machen. Aber es gibt eine ungeheure Menge von Ehemännern, die der bloße Gedanke erschreckt, solche Grundsätze gegen eine Frau in Anwendung bringen zu sollen.

Diese Leute bringen lieber ihr ganzes Leben damit zu, sich alle mögliche Mühe zu geben, um ein Schachspieler zweiten Ranges zu werden oder auf dem Billard mit Eleganz einen Ball machen zu können.

Einige werden dir sagen, sie seien nicht imstande, beständig in solcher Weise ihren Geist in Spannung zu halten und mit allen ihren Lebensgewohnheiten zu brechen. Dann triumphiert eben die Frau. Sie erkennt, daß sie ihrem Mann an Geist oder Energie überlegen ist, obwohl diese Überlegenheit nur eine augenblickliche ist, und hieraus entsteht in ihr ein Gefühl der Verachtung gegenüber dem Familienoberhaupt.

Wenn so viele Männer nicht Herren in ihrem eigenen Hause sind, so liegt das nicht an Mangel an gutem Willen, sondern an Mangel an Talent.

Allerdings haben die Kühnen, die sich auf diesen, wenn auch kurz dauernden, furchtbaren Zweikampf einlassen, eine große moralische Kraft nötig.

Denn im Augenblick, wo man alle Hilfsmittel dieser geheimen Strategie anwenden muß, ist es oft zwecklos, diesen satanischen Geschöpfen Schlingen zu legen. Sind die Frauen einmal auf einem bestimmten Punkt angelangt, so daß sie sich verstellen wollen, so wird ihr Antlitz so undurchdringlich wie das Nichts. Die folgende Geschichte ist ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung!

Eine sehr junge, sehr hübsche und sehr geistreiche Pariser Kokette lag noch im Bett; neben ihrem Bett saß einer ihrer liebsten ›Freunde‹. Da kommt ein Brief eines andern Freundes, eines sehr leidenschaftlichen Herrn, dem sie das Recht eingeräumt hatte, als Herr und Meister zu sprechen. Das Briefchen war mit Bleistift geschrieben und lautete folgendermaßen:

»Ich erfahre, daß in diesem Augenblick Herr C. bei Ihnen ist; ich warte auf ihn, um ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen.«

Frau D. fährt ruhig in der Unterhaltung mit Herrn C. fort; sie bittet ihn, ihr eine kleine Schreibmappe von rotem Maroquinleder zu geben; er bringt sie ihr.

»Danke, Lieber!« sagt sie. »Reden Sie nur ruhig weiter, ich höre.«

Herr C. spricht, und sie antwortet ihm, wobei sie nachstehendes Briefchen schreibt:

»Sobald Sie eifersüchtig auf C. sind, könnt ihr euch alle beide eine Kugel durch den Kopf schießen, ganz nach eurem Belieben; ihr könnt sterben, aber den Geist aufgeben . . . wohl kaum.«

»Mein guter Freund,« sagt sie zu C., »zünden Sie bitte diese Kerze an. Schön, Sie sind anbetungswürdig. Und nun bereiten Sie mir das Vergnügen, mich aufstehen zu lassen, und übergeben Sie diesen Brief Herrn von H., der vor meiner Tür darauf wartet.«

Dies alles wurde mit einer unnachahmlichen Kaltblütigkeit gesagt. Keine Bewegung war im Ton ihrer Stimme, in den Zügen ihres Antlitzes wahrnehmbar. Der kühne Einfall wurde durch einen vollständigen Erfolg gekrönt. Als Herr von H. die Antwort aus der Hand des Herrn C. empfing, fühlte er seinen Zorn sich besänftigen, und es quälte ihn nur noch eins, nämlich der Zwang, den er sich antun mußte, um sein Lachen zu verbergen.

Aber je mehr Fackeln man in die ungeheure Höhle hineinwirft, die wir aufzuhellen versuchen, desto tiefer wird man sie finden. Es ist ein bodenloser Abgrund. Wir glauben unsere Aufgabe auf eine angenehmere und lehrreichere Art zu erfüllen, indem wir die strategischen Prinzipien nachweisen, die in Tätigkeit treten, wenn die Frau es bereits zu einem hohen Grade ihrer sündhaften Kunst gebracht hat. Aus einem Beispiel begreift man mehr Grundsätze und lernt man mehr Hilfsmittel, als aus allen möglichen Theorien.

Eines Tages waren beim Fürsten Lebrun einige intime Freunde an der Tafel versammelt. Vom Champagner angeregt, kamen die Gäste auf das unerschöpfliche Kapitel: Weiberlist. Die Unterhaltung war von dem neuesten Abenteuer ausgegangen, das man von der Gräfin R. D. S. I. D. A. erzählte und das ein Halsband betraf.

Ein schätzenswerter Künstler und Gelehrter, der ein Liebling des Kaisers gewesen war, vertrat nachdrücklich die nicht eben mannhafte Meinung, daß es einem Mann nicht möglich sei, erfolgreich gegen die von einer Frau angesponnenen Intrigen anzukämpfen.

»Ich habe glücklicherweise erlebt,« sagte er, »daß Ihnen nichts heilig ist.«

Die Damen protestierten.

»Aber ich könnte eine wahre Geschichte anführen.«

»Das ist eine Ausnahme!«

»Hören wir doch die Geschichte!« sagte eine junge Dame.

»O ja! Erzählen Sie sie uns doch!« riefen alle Gäste.

Der vorsichtige alte Herr ließ seine Augen um sich schweifen und sagte lächelnd, nachdem er sich über das Alter der Damen vergewissert hatte:

»Da wir alle schon eigene Erfahrungen im Leben gemacht haben, so bin ich bereit, Ihnen die Geschichte zu erzählen.«

Es entstand ein tiefes Schweigen, und der Erzähler las aus einem ganz kleinen Buche, das er in der Tasche hatte:

»Ich liebte leidenschaftlich die Gräfin von X. Ich war zwanzig Jahre alt und war ein unschuldiger Junge, sie betrog mich; ich machte ihr Vorwürfe, sie verließ mich; ich war ein harmloser Junge, ich sehnte mich nach ihr; ich war zwanzig Jahre alt, sie verzieh mir; da ich zwanzig Jahre alt, immer noch harmlos, immer noch betrogen, aber nicht mehr verlassen war, so hielt ich mich für den allergeliebtesten Liebhaber, folglich für den allerglücklichsten Menschen. Die Gräfin war eine Freundin von Frau von T., die einige Absichten auf mich zu haben schien, ohne daß jedoch jemals ihre Würde kompromittiert worden wäre; denn sie war sehr gewissenhaft und hatte viel Gefühl für den Anstand. Eines Tages, als ich auf die Gräfin in ihrer Loge warte, höre ich mich aus der Nebenloge rufen. Es war Frau von T.:

»Wie?« sagte sie zu mir; »schon angekommen! Ist das Treue oder haben Sie nichts zu tun? Schnell, kommen Sie herüber!« In ihrer Stimme und in ihrem Benehmen lag etwas Neckisches, aber ich war weit entfernt, auf irgend etwas Romanhaftes mich gefaßt zu machen.

»Haben Sie für heute abend etwas vor?« sagt sie zu mir. »Ich bitte Sie, gefälligst nichts vorzuhaben. Wenn ich Sie aus der Langeweile Ihrer Einsamkeit rette, so muß man mir ergeben sein. Ah! Keine Fragen, nur Gehorsam. Rufen Sie meine Leute!«

Ich sträube mich, sie bittet mich dringend, hinunterzugehen; ich gehorche.

»Gehen Sie in die Wohnung des Herrn«, sagt sie zu dem von mir gerufenen Lakaien, »und sagen Sie Bescheid, daß er erst morgen nach Hause kommen werde.«

Hierauf macht sie ihm ein Zeichen, er tritt näher, sie sagt ihm etwas ins Ohr; und er geht ab. Die Oper beginnt. Ich will ein paar Worte sagen, sie heißt mich schweigen; dann wieder hört sie auf mich oder tut doch so. Nach dem Ende des ersten Aktes überbringt der Lakai einen Brief und meldet, es sei alles bereit. Da lächelt sie mich an, bittet mich um meinen Arm, zieht mich fort, läßt mich in ihren Wagen steigen, und ich bin auf der Landstraße, ohne eine Ahnung zu haben, was man mit mir vorhat. Sooft ich eine Frage wage, antwortet sie mir nur mit einem lauten Gelächter. Hätte ich nicht gewußt, daß sie eine Frau war, die in der Liebe nur die große Leidenschaft suchte, daß sie seit langer Zeit eine Neigung für den Marquis V. empfand und daß sie unbedingt wissen mußte, daß ich von diesem Umstand unterrichtet war – so hätte ich an ein Liebesabenteuer geglaubt; aber sie kannte den Zustand meines Herzens, und die Gräfin X. war ihre vertraute Freundin. Ich bildete mir also nichts ein, sondern wartete. Von der ersten Poststation fuhren wir sofort weiter, nachdem mit Blitzesschnelligkeit die Pferde gewechselt waren. Die Geschichte wurde ernst. Ich fragte dringend, wohin mich dieser Scherz führen würde.

»Wohin?« sagte sie lachend. »An den schönsten Ort der Welt; aber raten Sie nur! Oder zerbrechen Sie sich lieber nicht den Kopf, denn Sie würden es doch niemals erraten. Ich führe Sie zu meinem Mann. Kennen Sie ihn?«

»Keine Ahnung!«

»Ah! um so besser – ich fürchtete schon das Gegenteil. Aber ich hoffe, Sie werden mit ihm zufrieden sein. Man ist dabei, uns miteinander auszusöhnen. Seit sechs Monaten spielen schon die Verhandlungen darüber; und seit einem Monat schreiben wir uns wieder. Es ist, meine ich, recht freundlich von mir, daß ich den Herrn aufsuche!«

»Zugegeben. Aber ich? Was soll denn ich da machen? Was kann ich bei einer solchen Aussöhnung tun?«

»Oh! Das ist meine Sache! Sie sind jung, liebenswürdig und nicht abgelebt; Sie sind mir gerade recht, und Sie werden mich vor der Langeweile des Zusammenseins unter vier Augen bewahren!«

»Aber daß man gerade den Tag oder die Nacht einer Aussöhnung wählt, um Bekanntschaft zu schließen, das kommt mir doch recht sonderbar vor – bedenken Sie die Verlegenheit eines ersten Zusammenseins, und dann: was für eine Figur werden wir alle drei machen? In alledem sehe ich nicht viel Amüsantes!«

»Ich habe Sie mitgenommen, um mich zu amüsieren!« sagte sie mit ziemlich gebieterischer Miene. »Also halten Sie keine Predigten!«

Da ich sie in so entschlossener Stimmung sah, so fügte ich mich in die Umstände. Ich lachte über die Rolle, die ich spielte, und wir wurden sehr lustig. Wir hatten abermals die Pferde gewechselt. Die geheimnisvolle Silberfackel der Nacht beleuchtete einen Himmel von außerordentlicher Reinheit und verbreitete ein wollüstiges Halbdunkel. Wir näherten uns dem Ort, wo unser Tete-a-tete ein Ende nehmen mußte. Ab und zu ließ sie mich die Schönheit der Landschaft, die Stille der Nacht, das durchdringende Schweigen der Natur bewundern. Um zusammen bewundern zu können, beugten wir uns natürlich aus demselben Wagenfenster heraus, und unsere Wangen streiften sich. Als es unvermutet einen Stoß gab, drückte sie mir die Hand, und infolge eines Zufalles, der mir recht merkwürdig vorkam – denn der Stein, an den unser Wagen anstieß, war nicht sehr groß – lag plötzlich Frau von T. in meinen Armen. Ich weiß nicht, was wir eigentlich zu sehen suchten; so viel ist aber gewiß, daß trotz dem klaren Mondenschein die Gegenstände vor meinen Augen zu verschwimmen begannen, als sie sich plötzlich mit einem Ruck von mir losmachte und sich in den Hintergrund des Wagens zurückwarf.

»Gehen etwa«, sagte sie, nachdem sie eine Zeitlang in recht tiefem Träumen verbracht hatte, »Ihre Absichten dahin, mich von der Unvorsichtigkeit meines Schrittes zu überzeugen? Denken Sie sich meine Verlegenheit!«

»Absichten?« antwortete ich; »auf Sie? Das wäre eine schöne Narrheit! So etwas würden Sie ja schon aus weitester Ferne merken! Aber eine Überraschung, ein Zufall – dergleichen läßt sich wohl verzeihen.«

»Darauf haben Sie wohl gerechnet, wie mir scheint?«

Über diesem Gespräch merkten wir gar nicht, daß wir in den Schloßhof einfuhren. Alles war hell erleuchtet und sprach von Lust und Freude, nur nicht das Gesicht des Schloßherrn, das sich bei meinem Anblick augenscheinlich gegen jeden Ausdruck von Freude sträubte. Herr von T. erschien am Wagenschlag, indem er eine zweideutige Zärtlichkeit bekundete, die durch das Bedürfnis nach Aussöhnung geboten war. Ich erfuhr später, daß diese Wiederherstellung der Einigkeit aus Familienrücksichten dringend notwendig war. Ich werde vorgestellt – er macht mir eine leichte Verbeugung. Er bietet seiner Frau den Arm, und ich folge dem Ehepaar, indem ich träumerisch an die Rolle denke, die ich gespielt habe, spiele und spielen werde. Ich durchschritt Gemächer, die mit auserlesenem Geschmack eingerichtet waren. Der Schloßherr hatte in den feinsten Luxus noch ein besonderes Raffinement gelegt, um durch eine Umgebung, die die Sinne kitzelte, seinen abgenutzten Körper wieder zu beleben. Da ich nicht wußte, was ich sonst sagen sollte, griff ich zu dem Aushilfsmittel lauter Bewunderung. Die Göttin des Tempels, die mit größter Gewandtheit mir alle Schätze desselben zeigte, empfing meine Komplimente.

»Was Sie hier sehen,« sagte sie, »ist noch gar nichts. Ich muß Sie in die Wohnung meines Herrn Gemahls führen.«

»Madame, vor fünf Jahren habe ich sie vermauern lassen.«

»Ah! ah!« sagt sie.

Bei Tisch bietet sie auf einmal ihrem Herrn Gemahl vom Kalbsbraten an, und dieser antwortet:

»Madame, seit drei Jahren lebe ich nur von Milch.«

»Ah! ah!« sagt sie abermals.

Man stelle sich das Erstaunen von drei Leuten wie wir vor, die sich plötzlich zusammenfinden! Der Ehegatte sah mich hochmütig an; ich machte ein möglichst unverschämtes Gesicht. Frau von T. lächelte mich an und war reizend; Herr von T. nahm mich als ein notwendiges Übel hin, und Frau von T. vergalt es ihm. Ich habe wirklich in meinem ganzen Leben kein so sonderbares Abendessen mitgemacht. Als wir fertig waren, dachte ich, wir würden zeitig zu Bett gehen; aber diese Mutmaßung traf nur für Herrn von T. zu. Als wir den Salon betraten, sagte er:

»Ich bin Ihnen, Madame, dankbar für Ihre Vorsicht, den Herrn mitzubringen. Sie haben mich richtig beurteilt, wenn Sie dachten, ich würde für langes Aufbleiben ein schlechter Gesellschafter sein, und Sie haben es recht gemacht, denn ich ziehe mich zurück.«

Hierauf wandte er sich zu mir und fügte mit beißender Ironie hinzu:

»Mein Herr, Sie werden die Güte haben, mich zu entschuldigen und auch meine Entschuldigungen bei Madame zu übernehmen.«

Er ging. Gedanken schossen mir in einer Minute so viele durch den Kopf, daß sie für ein Jahr ausgereicht hätten. Als wir allein waren, sahen Frau von T. und ich uns mit einem so eigentümlichen Blick an, daß sie, um unsere Gedanken abzulenken, mir vorschlug, einen Spaziergang auf der Terrasse zu machen; nur wollten wir, setzte sie hinzu, lieber warten, bis die Dienerschaft zu Nacht gegessen hätte.

Die Nacht war prachtvoll; sie ließ alle Gegenstände kaum in schwachen Umrissen sehen und schien sie uns zu verhüllen, um der Phantasie einen höhern Schwung zu geben. Der Park, der auf einem Berghang angelegt war, stieg terrassenförmig bis an das Ufer der Seine herab, deren mannigfaltige Krümmungen und grüne malerische Inselchen der Blick umfaßte. Es war eine Aussicht auf tausend Landschaftsbilder, die diesen an sich so entzückenden Ort um tausend fremdartige Schätze bereicherten. Wir lustwandelten auf der größten Terrasse, die mit dichtbelaubten Bäumen besetzt war. Die Dame hatte sich von dem Ärger über den Spott ihres Gemahls erholt und machte mir unterwegs einige vertrauliche Geständnisse. Geständnisse ziehen sich gegenseitig an, ich machte ihr ebenfalls welche, und unsere Geständnisse wurden immer intimer und interessanter. Frau von T. hatte mir zuerst ihren Arm gegeben; dann hatte dieser Arm sich, ich weiß selber nicht wie, mit dem meinigen verschlungen, so daß ich sie beinahe trug und ihr Fuß kaum den Boden berührte. Diese Stellung war angenehm, aber auf die Dauer ermüdend. Wir waren schon lange spaziert und hatten uns noch viel zu sagen. Eine Rasenbank fand sich auf unserm Wege, und Frau von T. ließ sich auf sie nieder, ohne ihre Haltung zu ändern. So aneinander geschmiegt begannen wir Loblieder auf das Vertrauen zu singen, auf seinen Zauber, seine Wonnen.

»Ach!« sagte sie zu mir, »wer könnte es besser und furchtloser genießen als wir? Ich weiß ja, wie Sie jenes mir bekannte Band hält, und brauche daher in Ihrer Nähe nichts zu befürchten.«

Vielleicht erwartete sie einen Widerspruch von meiner Seite. Aber ich schwieg. Wir überredeten uns also wechselseitig, wir könnten uns nur zwei unantastbare Freunde sein.

»Ich fürchtete aber doch,« sagte ich, »jene Überraschung von vorhin im Wagen hätte Ihnen Angst gemacht.«

»Oh! so leicht erschrecke ich nicht!«

»Ich fürchte doch, der Vorfall könnte irgendeinen Schatten zurückgelassen haben.«

»Was brauchen Sie, um sich darüber zu beruhigen?«

»Geben Sie mir hier den Kuß, den der Zufall . . .«

»Gerne; denn sonst würden Sie in Ihrer Eitelkeit sich einbilden, ich hätte Furcht vor Ihnen.«

Ich bekam den Kuß. Mit Küssen aber ist es wie mit Geständnissen: der erste zog einen zweiten nach sich und dann noch einen . . . und dann wurden sie zahlreich, unterbrachen das Gespräch, ersetzten es schließlich ganz und gar; kaum vermochten vor lauter Küssen einige Seufzer unsern Lippen zu entschlüpfen. Dann wurde es still. So still, daß man die Stille hören konnte. Wir standen auf, ohne ein Wort zu sagen, und gingen weiter.

»Wir müssen hineingehen,« sagte sie; »denn die Luft, die vom Flusse heraufkommt, ist eisig kalt und nicht gut für uns.«

»Ich glaube nicht, daß sie uns gefährlich sein kann,« antwortete ich.

»Vielleicht. Aber einerlei, gehen wir hinein.«

»Sie wünschen das also aus Rücksicht auf mich? Ohne Zweifel wollen Sie mich gegen die Gefahr der Eindrücke eines solchen Spazierganges schützen – vor den Folgen, die er . . . für mich . . . allein . . . haben kann?«

»Sie sind bescheiden! rief sie lachend, »und trauen mir ein eigentümliches Zartgefühl zu.«

»Meinen Sie? Aber da Sie es so auffassen, so wollen wir hineingehen. Ich verlange es.«

Unbeholfene Bemerkungen! Aber man muß sie zwei Menschen verzeihen, die sich bemühen, etwas ganz anderes zu sagen, als was sie denken!

Sie zwang mich also, nach dem Schlosse umzukehren. Ich weiß nicht, oder wußte wenigstens in jenem Augenblick nicht, ob sie mit diesem Entschluß sich selber Gewalt antat; ob sie nach einem wohlerwogenen Vorsatz handelte; oder ob sie meinen Kummer darüber teilte, daß eine so schön begonnene Szene auf solche Weise endigen sollte. Jedenfalls verlangsamten sich wie auf einen gegenseitigen instinktmäßigen Antrieb unsere Schritte, und wir gingen traurig dahin, unzufrieden miteinander und mit uns selber. Wir wußten nicht, an wen und an was wir uns halten sollten. Niemand von uns beiden hatte ein Recht, etwas zu fordern oder auch nur zu erbitten. Wir hatten nicht einmal den Trost, uns einen Vorwurf machen zu können. Welche Erleichterung wäre für uns ein kleiner Streit gewesen! Aber wo sollten wir den hernehmen? Inzwischen kamen wir dem Schlosse näher, wobei wir an weiter nichts dachten, als wie wir uns der Pflicht entziehen könnten, die wir in so ungeschickter Weise uns selber auferlegt hatten. Wir waren schon dicht an der Tür, als Frau von T. zu mir sagte:

»Ich bin mit Ihnen nicht zufrieden! Ich zeige Ihnen ein solches Vertrauen, und Sie gewähren mir gar keins! Kein Wort haben Sie mir von der Gräfin gesagt! Und doch ist es so süß, von dem zu sprechen, was man liebt! Ich hätte mit solchem Interesse Ihnen zugehört! Das wäre ja auch das Geringste gewesen, was ich hätte tun können, nachdem ich Sie Ihrer Geliebten beraubt habe . . .«

»Kann ich denn nicht denselben Vorwurf Ihnen machen?« rief ich, sie unterbrechend. »Und wenn Sie, statt mich zum Vertrauten dieser merkwürdigen Versöhnung mit Ihrem Gatten zu machen, wobei ich eine so sonderbare Rolle spiele – wenn Sie statt dessen mit mir vom Marquis gesprochen hätten . . .«

»Halt!« rief sie. »Wenn Sie die Frauen nur ein bißchen kennen, so wissen Sie, daß man geduldig warten muß, um von ihnen Geständnisse zu erlangen . . . Kommen wir wieder auf Ihre Angelegenheiten! Sind Sie mit meiner Freundin wirklich zufrieden? Ach, ich fürchte das Gegenteil.«

»Aber warum, Madame, alles glauben, was das Publikum in seiner Klatschsucht zu verbreiten liebt?«

»Lassen Sie nur das Heucheln! . . . Die Gräfin ist weniger geheimnisvoll als Sie. Frauen ihrer Art sind verschwenderisch mit den Geheimnissen der Liebe und ihrer Anbeter, besonders wenn der Anbeter diskret ist wie Sie, so daß ihr Triumph geheim bleiben würde. Ich bin weit davon entfernt, sie der Koketterie anzuklagen; aber eine Spröde ist nicht weniger eitel als eine Kokette. Also, offen heraus damit: haben Sie sich über nichts zu beklagen?«

»Aber, Madame, die Luft ist wirklich zu eisig kalt, um noch hier bleiben zu können!« sagte ich lächelnd. »Sie wollten doch hineingehen?«

»Finden Sie? Das ist ja merkwürdig! Die Luft ist ganz warm.«

Sie hatte wieder meinen Arm genommen, und wir gingen wieder weiter, ohne daß ich bemerkte, welchen Weg wir einschlugen. Was sie mir über ihren Liebhaber gesagt hatte, den sie, wie ich wußte, besaß; was sie mir über meine Geliebte sagte; dann die Reise, die Szene im Wagen, die auf der Rasenbank, die Nachtstunde, das Dämmerlicht – alles brachte mich in Verwirrung. Meine Eitelkeit, meine Wünsche rissen mich fort, aber die Überlegung hielt mich zurück; vielleicht war ich auch zu aufgeregt, um mir über meine Empfindungen Rechenschaft geben zu können. Während ich die Beute so verworrener Gefühle war, sprach sie fortwährend mit mir von der Gräfin, und mein Schweigen war eine Bejahung dessen, was sie mir über sie sagte. Einige auffallende Bemerkungen brachten mich jedoch wieder zu mir.

»Wie ist sie fein!« sagte sie. »Welche Anmut ist ihr eigen! Eine hinterlistige Bemerkung aus ihrem Munde sieht aus wie ein Witz; eine Untreue scheint von der Vernunft geboten, scheint ein Opfer zu sein, das sie dem Anstand bringt; niemals läßt sie sich gehen, stets ist sie liebenswürdig; von Charakter galant, aus Grundsatz spröde; lebhaft, vorsichtig, gewandt, leichtsinnig; ein Proteus in ihren Formen, eine Grazie in ihrem Benehmen; sie zieht an, sie entschlüpft. Wie viele Rollen habe ich sie spielen sehen! Unter uns: wie viele Gimpel sind um sie herum! Wie hat sie sich über den Baron lustig gemacht, welche Streiche hat sie dem Marquis gespielt! Als sie Sie als Liebhaber annahm, wollte sie damit die Aufmerksamkeit der beiden andern voneinander ablenken: diese wollten nämlich Lärm schlagen; denn sie hatte sie zu sehr geschont, und sie hatten Zeit gehabt, sie zu beobachten. Aber da schob sie Sie vor, beschäftigte die Herren mit Ihnen, veranlaßte sie zu neuen Nachforschungen, brachte Sie zur Verzweiflung, beklagte Sie, tröstete Sie . . . Ah! wie glücklich ist eine gewandte Frau, wenn sie bei einem solchen Spiel alle Gefühle aufbietet, aber von dem ihrigen nichts dazu gibt. Aber freilich – ist dies wirklich das Glück?«

Dieser letzte Ausruf, den sie mit einem vielsagenden Seufzer begleitete, war ihr Meisterstück. Ich fühlte eine Binde von meinen Augen fallen, ohne zu sehen, daß sie mir eine neue Binde anlegte. Meine Geliebte erschien mir als die Allerfalscheste der Frauen, und ich glaubte endlich das lange gesuchte, gefühlvolle Wesen gefunden zu haben. Und da seufzte auch ich, ohne zu wissen, was dieser Seufzer bedeuten sollte. Sie schien sich zu ärgern, daß sie mich betrübt und sich zu einer Schilderung hatte hinreißen lassen, die verdächtig erscheinen konnte, da sie von einer Frau entworfen war. Ich antwortete, ich weiß nicht mehr was; denn ohne daß ich von allem, was ich hörte, etwas begriff, kamen wir ganz unvermerkt auf die breite Heerstraße des Gefühls, und wohin uns diese Wanderung führen würde, das konnten wir beide nicht voraussehen. Glücklicherweise führte diese Straße zugleich auch zu einem Pavillon, den sie mir am Ende der Terrasse zeigte. Dieser Pavillon war Zeuge der süßesten Augenblicke gewesen. Sie schilderte mir alle Einzelheiten der Einrichtung. Wie schade, daß wir nicht den Schlüssel dazu hätten! Fortwährend plaudernd kamen wir an den Pavillon heran, und es stellte sich heraus, daß er offen war. Er entbehrte der Helligkeit des Tages, aber auch die Dunkelheit hat ihre Reize. Wir schauerten zusammen, als wir ihn betraten . . . Er war ein Allerheiligstes; sollte er das Allerheiligste der Liebe werden? Wir setzten uns auf ein Kanapee und saßen einen Augenblick still und horchten auf die Pulsschläge unserer Herzen. Mit dem letzten Strahl des Mondlichtes entschwanden viele Bedenken. Die Hand, die mich zurückstieß, fühlte mein Herz schlagen. Sie wollte fliehen; sie sank nur um so zärtlicher zurück. Wir unterhielten uns in dem tiefen Schweigen in der Sprache des Gedankens. Nichts ist entzückender als solche stummen Unterhaltungen. Frau von T. flüchtete sich in meine Arme, verbarg ihr Haupt an meinem Busen, seufzte und beruhigte sich an meinen Liebkosungen; sie wurde traurig, tröstete sich und verlangte von der Liebe alles zurück, was die Liebe ihr geraubt hatte. Der Fluß unterbrach die Stille der Nacht durch ein sanftes Rauschen, das zu dem Pochen unserer Herzen stimmte. Die Finsternis war zu dicht, um etwas genau erkennen zu können; aber unter den schwarzen Schleiern einer schönen Sommernacht erschien die Königin dieses schönen Ortes mir anbetungswürdig.

»Ach!« sagte sie zu mir mit einer Himmelsstimme; »fort von diesem gefährlichen Ort . . . man hat hier keine Kraft zum Widerstande.«

Sie zog mich mit sich fort, und wir entfernten uns mit zögernden Schritten.

»Ah! Wie glücklich ist sie!« rief Frau von T.

»Wer denn? sagte ich.

»Habe ich denn etwas gesagt?« rief sie erschreckt.

An der Rasenbank blieben wir unwillkürlich wieder stehen.

»Welch eine riesige Entfernung«, sagte sie zu mir »zwischen diesem Ort und dem Pavillon?«

»Nun?« rief ich, »soll denn diese Bank mir immer verhängnisvoll sein? Ist es ein Gewissensbiß, ist es . . .?«

Ich weiß nicht, welche Zauberkraft dabei im Spiel war, aber die Unterhaltung nahm eine andere Richtung und wurde weniger ernsthaft. Die Dame wagte sogar, über die Freuden der Liebe zu scherzen, zu behaupten, daß die Moral damit nichts zu tun habe, sie auf ihren einfachsten Ausdruck zurückzuführen, und nachzuweisen, daß Gunstbezeigungen nur ein Vergnügen seien; daß man damit, im philosophischen Sinne, keine weitern Verpflichtungen eingehe, als man sie dem Publikum gegenüber habe, indem man dieses in seine Geheimnisse eindringen lasse und ihm gegenüber Indiskretionen begehe.

»Welch eine wonnige Nacht«, sagte sie, »haben wir zufällig gefunden! Nun, wenn gewisse Gründe – und ich vermute es – uns zwingen sollten, morgen uns zu trennen, so würde von unserm Glück in der ganzen Natur keine Seele etwas wissen, und wir brauchten kein einziges Band wieder zu lösen. Vielleicht würden wir einiges Bedauern empfinden, aber dafür würde eine angenehme Erinnerung eine Entschädigung bieten; und wirklich, wir haben nur Annehmlichkeit genossen ohne alle die Verzögerungen und tyrannischen Widerwärtigkeiten, denen man im Getriebe der Welt ausgesetzt ist . . . Oh, diese schöne Nacht! Diese herrliche Gegend! Sie hat sich mit neuen Reizen umkleidet. Oh, niemals wollen wir diesen Pavillon vergessen . . . Das Schloß birgt«, sagte sie lächelnd, »einen noch entzückenderen Ort. Aber man kann Ihnen ja nichts zeigen: Sie sind wie ein Kind, das alles anfassen will und alles zerbricht, was es anfaßt.«

Ich protestierte, von einem Gefühl von Neugier erfaßt, und versprach, artig zu sein. Sie ließ aber das Gespräch fallen und fuhr fort:

»Diese Nacht wäre für mich von fleckenloser Schönheit, wenn ich mich nicht über mich selbst ärgerte, daß ich vorhin über die Gräfin so mit Ihnen gesprochen habe. Nicht daß ich mich über Sie beklagen wollte. Das Neue reizt. Sie haben mich liebenswürdig gefunden, und ich glaube gern, daß diese Ihre Empfindung aufrichtig war. Aber die Herrschaft der Gewohnheit zu zerstören erfordert eine lange Zeit, und ich besitze nicht dieses Geheimnis. – Übrigens, wie finden Sie meinen Mann?«

»Na, ich finde ihn recht mürrisch; jedenfalls könnte er gegen mich kaum mürrischer sein.«

»Oh, das ist wahr, sein Benehmen war nicht liebenswürdig; er hat Sie nicht mit kaltem Blut in meiner Gesellschaft gesehen. Unsere Freundschaft würde ihm verdächtig werden.«

»Oh! Sie ist ihm schon verdächtig.«

»Gestehen Sie, daß er recht hat. Verlängern Sie darum auch nicht diese Reise. Er würde ärgerlich darüber werden. Sobald Gesellschaft kommt, und« – sagte sie lächelnd – »es wird welche kommen . . ., so reisen Sie ab. Übrigens haben Sie Rücksichten zu beobachten . . . Und dann, erinnern Sie sich, was für ein Gesicht mein Herr Gemahl machte, als Sie sich gestern von uns verabschiedeten!«

Ich war geneigt, in diesem ganzen Abenteuer eine Falle zu sehen; doch als sie sah, welchen Eindruck ihre Worte auf mich machten, da fügte sie hinzu:

»Oh, er war lebenslustiger, als er das Kabinett einrichten ließ, wovon er mit Ihnen sprach. Dies war vor meiner Heirat. Dieser Schlupfwinkel stößt an meine Gemächer an. Leider ist er nur ein Zeugnis für die künstlichen Hilfsmittel, deren Herr von T. bedurfte, um seinem Gefühl neue Kraft zu verleihen.«

»Welch ein Spaß,« sagte ich, von der Neugier, die sie in mir erweckte, lebhaft angeregt, »welch ein Spaß wäre es, in diesem Kabinett den Schimpf zu rächen, der Ihren Reizen angetan worden ist, und Ihnen zurückzuerstatten, um was man sie bestohlen hat!«

Sie fand diesen Vorschlag nach ihrem Geschmack; aber sie sagte:

»Sie hatten mir versprochen, artig zu sein!«

Ich breite einen Schleier über Tollheiten, die auch das Alter der Jugend verzeiht, da es sich erinnert, wie es selber einst war, und wie viele Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Am Morgen sagte mir Frau von T., schöner denn je, indem sie kaum ihre feuchten Augen aufschlug:

»Nun, werden Sie jemals die Gräfin so sehr lieben wie mich?«

Ich wollte antworten, als eine Vertraute erschien und mir zurief:

»Fort, fort! Es ist heller Tag, es ist elf Uhr, und man hört im Schlosse bereits Lärm.«

Alles verschwand wie ein Traum. Als ich wieder zum Bewußtsein meiner Sinne kam, fand ich mich in den Korridoren des Schlosses umherirrend. Wie sollte ich mein Zimmer wiederfinden, das ich gar nicht kannte? Jedes Versehen wäre eine Indiskretion gewesen. Ich beschloß, so zu tun, als hätte ich einen Morgenspaziergang gemacht. Die Kühle und die reine Luft beruhigten allmählich meine Phantasie und brachten mich aus dem Reich des Wunderbaren auf die Erde zurück. Ich sah nicht mehr eine verzauberte Natur, sondern nur noch eine naive Natur. Ich fühlte, wie die Wahrheit wieder in meine Seele einzog, wie ruhige Gedanken in mir aufkeimten und die gewohnte Ordnung einnahmen, und ich atmete endlich wieder auf. Die erste Frage, die ich mir vorlegte, lautete: was bin ich der Frau, von der ich eben komme? Ich hatte ja bestimmt zu wissen geglaubt, daß sie schon seit zwei Jahren eine leidenschaftliche Liebe zum Marquis V. hegte. Sollte sie mit ihm gebrochen haben? Hat sie mich zum Nachfolger für ihn genommen oder hat sie ihn nur strafen wollen? Welch eine Nacht! Welch ein Abenteuer! Aber was für eine entzückende Frau!

Während ich im Strome dieser Gedanken trieb, hörte ich neben mir ein Geräusch. Ich schlug die Augen auf, ich rieb sie mir, ich wollte ihnen nicht trauen . . . Wer war's?

Der Marquis!

»Du erwartetest mich vielleicht nicht so früh, nicht wahr?« fragte er mich. »Na, wie ist es denn abgelaufen?«

»Du wußtest also, daß ich hier sei?« rief ich ganz verblüfft.

»Ei natürlich! Man hat es mir im Augenblick der Abfahrt sagen lassen. Hast du deine Rolle gut gespielt? Hat der Herr Gemahl deine Ankunft recht lächerlich gefunden? Hat sie ihn recht verschnupft? Ist der Liebhaber seiner Frau ihm ein Greuel? Wann schickt man dich fort? Weißt du, ich habe für alles vorgesorgt; ich habe dir einen guten Wagen hergebracht, er steht zu deiner Verfügung. Wiedervergeltung vorbehalten, lieber Freund! Rechne auf mich, denn für solche unangenehmen Dienste ist man dankbar.«

Diese letzten Worte gaben mir die Lösung des Rätsels, und ich fühlte, welche Rolle ich zu spielen hatte. Ich sagte daher:

»Aber warum kommst du denn so früh? Es wäre doch vorsichtiger gewesen, noch zwei Tage zu warten.«

»Alles ist vorgesehen; was mich hierher führt, ist der reine Zufall. Man glaubt, ich sei hier in der Nähe auf dem Lande gewesen und jetzt auf dem Rückwege. Aber hat dich denn Frau von T. nicht in alles eingeweiht? Diesen Mangel an Vertrauen finde ich nicht recht von ihr, nach allem, was du für uns getan hast!«

»Mein lieber Freund, sie hatte wohl ihre Gründe! Vielleicht hätte ich sonst meine Rolle nicht so gut gespielt.«

»Ist denn alles recht lustig gewesen? Erzähle mir alle Einzelheiten, erzähle doch!«

»Oh, einen Augenblick. Ich wußte nicht, daß es eine Komödie sei, und obwohl Frau von T. mich in ihrem Stück hat auftreten lassen . . .«

»Du hattest keine schöne Rolle darin zu spielen.«

»Ach, darüber beruhige dich nur! Für gute Schauspieler gibt es keine schlechten Rollen.«

»Ich verstehe – du hast dich gut herausgewickelt.«

»Vorzüglich.«

»Und Frau von T.?«

»Anbetungswürdig!«

»Begreifst du, wie man eine solche Frau hat beständig machen können?« sagte er, indem er stillstand, um mich mit einer triumphierenden Miene anzusehen. »Oh! was habe ich mir um sie für Mühe gemacht! Aber ich beherrsche jetzt ihren Charakter in solchem Maße, daß es vielleicht in ganz Paris keine Frau gibt, auf deren Treue man so unverbrüchlich zählen kann.«

»Es ist dir gelungen . . .«

»Oh! Das ist mein ganz besonderes Talent. Ihre ganze Unbeständigkeit war nichts weiter als Frivolität, Zügellosigkeit der Einbildungskraft. Diese Seele mußte in Besitz genommen werden. Du hast aber auch keine Ahnung, wie sehr sie an mir hängt. Aber wirklich – ist sie nicht reizend?«

»Das gebe ich zu.«

»Na, unter uns – ich kenne nur einen einzigen Fehler an ihr: die Natur, die ihr alles geschenkt hat, hat ihr jene göttliche Flamme versagt, die der Höhepunkt aller ihrer Gaben ist. Sie läßt alle Gefühle entstehen und wachsen und empfindet selbst nichts. Sie ist ein Marmorbild.«

»Ich muß dir da glauben, denn ich selber kann ja nicht darüber urteilen. Aber weißt du – du kennst diese Frau, wie wenn du ihr Mann wärest! Man könnte euch wirklich verwechseln. Wenn ich nicht gestern mit dem echten zu Abend gegessen hätte . . . ich hielte dich für . . .«

»Übrigens, ist er denn anständig gewesen?«

»Oh! Ich bin empfangen worden wie ein Hund.«

»Ich begreife. Nun, wir wollen hineingehen und Frau von T. aufsuchen; sie muß doch schon zu sehen sein.«

»Aber müßten wir nicht anständigerweise zuerst zu ihrem Mann gehen?« sagte ich.

»Du hast recht, aber gehen wir erst auf dein Zimmer! Ich will mich ein wenig frisch pudern lassen – und sage mir doch, hat er dich auch wirklich für einen Liebhaber genommen?«

»Du wirst nach dem Empfang selber darüber urteilen können; aber wir wollen doch jetzt auf der Stelle zu ihm gehen.«

Ich wollte es vermeiden, ihn in ein Zimmer zu führen, das ich nicht kannte; aber der Zufall übernahm es, uns hinzubringen. Eine Tür stand offen, und man sah durch sie meinen Kammerdiener, der in einem Lehnstuhl schlief. Eine Kerze, die neben ihm stand, flackerte in den letzten Zügen. In seiner Verstörtheit hielt er dem Marquis meinen Schlafrock hin. Ich befand mich wie auf Dornen; aber der Marquis war dermaßen geneigt, sich selbst zu täuschen, daß er in meinem Diener nur einen verschlafenen Tölpel sah, über den er herzlich lachte. Wir begaben uns zu Herrn von T. Man kann sich denken, wie er mich empfing, und mit welchen Komplimenten und dringenden Einladungen er den Marquis überhäufte, der durchaus auf dem Schlosse bleiben sollte. Herr von T. wollte mit ihm durchaus zu seiner Frau gehen, in der Hoffnung, daß diese ihn zum Bleiben bestimmen würde. Dagegen wagte man nicht, mir den gleichen Vorschlag zu machen. Man wisse, meine Gesundheit sei sehr zart, die Gegend sei feucht, von Fiebern heimgesucht, und ich sehe so angegriffen aus, daß ganz offenbar ein Aufenthalt im Schloß für mich gefährlich sein müsse. Der Marquis bot mir seinen Wagen an; ich nahm ihn an. Der Ehemann schwebte vor Freude im siebenten Himmel, und wir alle waren zufrieden. Aber ich wollte mir doch nicht die Freude versagen, Frau von T. noch einmal zu sehen. Meine Ungeduld, vom Schlosse fortzukommen, machte einen ausgezeichneten Eindruck. Mein Freund konnte nicht begreifen, warum seine Geliebte so lange schlief.

»Ist es nicht wunderbar?« sagte er, als wir Herrn von T. folgten; »wenn man ihm seine Antworten vorgesagt hätte – er hätte nicht besser sprechen können. Er ist ein Ehrenmann. Es tut mir keineswegs leid, daß er sich mit seiner Frau aussöhnt; sie werden zusammen ein gutes Haus machen, und du wirst zugeben, daß er als Dame des Hauses keine bessere finden kann als sie!«

»Ja, ganz gewiß«

»Und so scherzhaft das Erlebnis auch ist,« sagte er hierauf mit geheimnisvoller Miene; »– motus! Ich werde der Frau von T. beibringen, daß ihr Geheimnis in guten Händen ist.«

»Glaube mir, lieber Freund – sie rechnet auf mich vielleicht zuverlässiger als auf dich; denn, wie du siehst, wird ihr Schlummer von keiner Furcht beunruhigt.«

»Oh! Ich gebe zu: du hast nicht deinesgleichen, um eine Frau einzuschläfern.«

»Und einen Ehemann noch obendrein, und nötigenfalls auch einen Liebhaber, mein Wertester.«

Endlich erhielt Herr von T. Einlaß in die Gemächer der Gnädigen. Wir alle waren in unserer Rolle.

»Ich befürchtete,« sagte Frau von T., »Sie wären vor meinem Erwachen abgereist, und ich weiß Ihnen Dank dafür, daß Sie gefühlt haben, welchen Kummer mir das bereitet haben würde!«

»Madame,« sagte ich mit einer Stimme, aus der sie die tiefe Bewegung heraushörte; »empfangen Sie mein Lebewohl!«

Sie sah mich und den Marquis mit einer unruhigen Miene an; aber die spöttische Sicherheit ihres Liebhabers beruhigte sie. Sie lächelte mir verstohlen zu – mit einem Lächeln, das mich trösten konnte, ohne sie in meinen Augen zu erniedrigen.

»Er hat seine Rolle gut gespielt,« sagte der Marquis leise zu ihr, indem er auf mich zeigte, »und meine Dankbarkeit . . .«

»Lassen wir das!« sagte Frau von T. zu ihm; »Sie können mir glauben, ich weiß vollkommen, was ich dem Herrn verdanke.«

Herr von T. endlich verabschiedete mich mit einigen Bosheiten: mein Freund übertölpelte ihn und machte sich über mich lustig; ich vergalt es ihnen allen beiden, indem ich Frau von T. bewunderte, die uns alle zum besten hatte, ohne etwas von ihrer Würde zu verlieren. Nachdem ich mich einen Augenblick an dieser Szene geweidet hatte, fühlte ich, daß der Augenblick des Abschieds da war. Ich zog mich zurück; aber Frau von T. ging mir nach, indem sie vorschützte, sie hätte mir noch einen Auftrag zu geben.

»Leben Sie wohl, mein Herr! Ich verdanke Ihnen ein sehr großes Vergnügen; aber ich habe Sie dafür mit einem schönen Traum bezahlt!« sagte sie, indem sie mich mit einem unglaublich feinen Blick ansah. »Aber leben Sie wohl, und auf immer! Sie haben eine einsame Blume gepflückt, die im verborgenen erblüht war, und die kein Mann . . .«

Sie schwieg und verhüllte ihren Gedanken in einen Seufzer; schnell aber unterdrückte sie diesen Gefühlsausbruch und sagte mit einem boshaften Lächeln:

»Die Gräfin liebt Sie. Wenn ich sie um einige Verzückungen beraubt habe, so bekommt sie dafür in Ihnen einen Jüngling wieder, der etwas weniger unwissend ist. Leben Sie wohl, erzürnen Sie mich nicht mit meiner Freundin.«

Sie drückte mir die Hand und ging.

 

Mehr als einmal waren die Damen, da sie ihre Fächer nicht bei sich hatten, errötet, doch verziehen sie dem alten Herrn an seiner Vorlesung auch gewisse Einzelheiten, die wir unterdrückt haben, da sie für unsere gegenwärtige Zeit zu erotisch wären; indessen ist anzunehmen, daß jede Dame ihm noch im geheimen ihr Kompliment gemacht hat; denn einige Zeit darauf schenkte er ihnen allen wie auch den männlichen Gästen jenes Abends ein Exemplar dieser köstlichen kleinen Geschichte, die er in fünfundzwanzig Exemplaren bei Pierre Didot hatte drucken lassen. Aus dem Exemplar Nummer vierundzwanzig hat der Verfasser die Grundzüge dieser sonst unbekannten Erzählung abgeschrieben, die merkwürdigerweise – so behauptet man wenigstens – der Feder Dorats entstammt, die aber das Verdienst hat, den Ehemännern einige Lehren von hoher Bedeutung zu bieten und den Junggesellen ein entzückendes Sittenbild aus dem vorigen Jahrhundert.

 

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