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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 27
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Der häusliche Krieg

Schön wie Klopstocks Seraphim, furchtbar wie Miltons Teufel.

        Diderot

Die Manifeste

Die vorauszuschickenden Vorschriften über diesen Gegenstand, mit denen die Wissenschaft einen Ehemann bewaffnen kann, sind nicht zahlreich; es handelt sich in der Tat weniger darum, zu wissen, ob er nicht unterliegen wird, als vielmehr darum, zu untersuchen, ob er Widerstand leisten kann.

Wir wollen indessen an dieser Stelle einige Feuerzeichen abbrennen, um den Kampfplatz zu erhellen, auf dem bald der Ehemann allein mit der Religion und dem Gesetz seiner Frau gegenüberstehen wird, die durch die List und die ganze Gesellschaft unterstützt wird.

LXXXI. Von einer verliebten Frau kann man alles erwarten und alles vermuten.

LXXXII. Die Handlungen einer Frau, die ihren Gatten hintergehen will, werden fast stets ausstudiert, aber sie werden niemals vernünftig sein.

LXXXIII. Die meisten Frauen gehen vor wie die Flöhe: sprungweise und in willkürlichen Sätzen. Sie entwischen durch die Höhe oder durch die Tiefe ihrer ursprünglichen Ideen, und die Lückenhaftigkeit ihrer Pläne kommt ihnen zugute. Aber sie betätigen sich nur innerhalb eines Raumes, dem ein Ehemann leicht eine feste Umgrenzung geben kann; und wenn er kaltblütig ist, kann es ihm schließlich gelingen, den Speiteufel auszulöschen.

LXXXIV. Ein Ehemann darf sich in Gegenwart eines Dritten gegen seine Frau niemals ein feindseliges Wort erlauben.

LXXXV. Im Augenblick, wo eine Frau sich entschließt, die eheliche Treue zu verraten, rechnet sie ihren Mann entweder für alles oder für nichts. Von diesem Grundsatz kann der Ehemann ausgehen.

LXXXVI. Eine Frau lebt in ihrem Kopf, in ihrem Herzen oder in ihrer Leidenschaft. Je nach dem Alter, worin seine Frau ein Urteil über das Leben erlangt hat, muß der Ehemann wissen, ob die erste Ursache der von ihr geplanten Untreue aus Eitelkeit, Gefühl oder Temperament entspringt. Das Temperament ist eine Krankheit, die sich heilen läßt; das Gefühl bietet einem Ehemann große Aussichten auf Erfolg; aber die Eitelkeit ist unheilbar. Eine Frau, die ein reines Verstandesleben führt, ist eine fürchterliche Geißel. Sie vereinigt die Mängel der leidenschaftlichen mit denen der liebenden Frau, ohne die Vorzüge zu besitzen, die jene zur Entschuldigung anführen könnte. Sie hat kein Mitleid, keine Liebe, keine Tugend, kein Geschlecht.

LXXXVII. Die Frau mit dem Verstandesleben wird ihrem Ehemann Gleichgültigkeit einzuflößen suchen; die Frau mit dem Gefühlsleben wird versuchen, seinen Haß, die leidenschaftliche Frau wird versuchen, seinen Widerwillen zu erregen.

LXXXVIII. Ein Ehemann wagt niemals etwas dabei, wenn er den Glauben an die Treue seiner Frau aufrechterhält, und wenn er mit geduldiger Miene oder schweigend wartet. Besonders das Schweigen versetzt die Frauen in eine fabelhafte Unruhe.

LXXXIX. Nur ein Dummkopf läßt sich merken, daß er von der Leidenschaft seiner Frau Bescheid weiß; ein kluger Mann aber tut, als wüßte er von nichts – und es bleibt ihm auch kaum etwas anderes übrig, als diesen Entschluß zu fassen. Daher sagt man denn auch, daß in Frankreich alle Welt geistreich sei.

XC. Die gefährlichste Klippe ist die Lächerlichkeit. – »Wenigstens der Öffentlichkeit gegenüber wollen wir uns lieben!« – dies muß der Grundsatz jeder Ehe sein. Es ist zu viel, wenn alle beide Ehegatten Ehre, Achtung, Ansehen, Respekt – oder wie man dieses eigentümliche gesellschaftliche Gut sonst bezeichnen will – verlieren müssen.

Diese Denksprüche beziehen sich immer noch nur auf den Kampf selber. Die Katastrophe wird ihre Denksprüche für sich erhalten.

 

Wir haben diese Krisis aus zwei Gründen als ›häuslichen Krieg‹ bezeichnet: kein anderer Krieg wird so mit Recht ein ›innerer‹ genannt, und zu gleicher Zeit wird kein Krieg mit so großer Höflichkeit geführt.

»Aber wo und wie wird denn dieser böse Krieg losbrechen?«

Ei! Glaubst du etwa, deine Frau wird ganze Regimenter haben und die Trompete blasen lassen? Vielleicht wird sie einen Offizier haben – und das ist alles. Aber dieses schwache Armeekorps wird genügen, um den Frieden deiner Ehe zu zerstören.

»Sie verhindern mich, die Leute zu empfangen, die mir gefallen!« – so hat in den meisten Ehen das erste Manifest gelautet, das die Einleitung zu allen folgenden war. Diese Redensart, mit den an sie sich anschließenden Ideen, ist die Formel, die von eitlen und hinterlistigen Frauen am häufigsten angewandt wird.

Am meisten verbreitet aber ist das Manifest, das im Ehebett, auf dem Hauptkriegsschauplatze, proklamiert wird. Diese Frage wird noch ganz besonders in der Betrachtung ›Über die verschiedenen Waffen‹, in der Unterabteilung ›Über die Schamhaftigkeit in ihren Beziehungen zur Ehe‹ behandelt werden.

Einige lymphatische Frauen werden tun, als hätten sie den Spleen, und werden die Tote spielen, um der Annehmlichkeiten einer stillschweigenden Scheidung teilhaftig zu werden.

Aber fast alle verdanken ihre Unabhängigkeit einem Plan, der bei den meisten Ehemännern von unfehlbarer Wirkung ist und dessen Tücken wir verraten wollen.

Einer der größten Irrtümer der Menschheit besteht in dem Glauben, daß unsere Ehre und unser guter Ruf auf unsern Handlungen beruhen oder daß sie etwas damit zu tun haben, daß unser Gewissen unser Verhalten billigt. Wer in der Gesellschaft lebt, ist von Geburt an Sklave der öffentlichen Meinung. Nun hat aber in Frankreich ein Privatmann auf die Gesellschaft viel weniger Einfluß als seine Frau; es liegt nur an ihrem guten Willen, ihn lächerlich zu machen oder nicht. Die Frauen besitzen in erstaunlichem Maße das Talent, den Beschuldigungen, die sie gegen ihren Gatten erheben, durch Scheingründe einen Anstrich von Wahrheit zu geben. Sie verteidigen stets gerade nur das, worin sie unrecht haben, und diese Kunst verstehen sie ausgezeichnet, indem sie gegen Vernunftgründe Aussprüche von Autoritäten anführen, auf Beweise mit Behauptungen antworten und oftmals kleine Einzelerfolge erzielen. Sie erraten und verstehen sich bewunderungswürdig, wenn eine von ihnen einer andern eine Waffe darbietet, die sie selber nicht schärfen darf. Auf diese Weise verlieren sie manchmal einen Gemahl, ohne es zu wollen. Sie liefern das Streichhölzchen, das lange nachher zur Brandstiftung benutzt wird, und bekommen dann Angst vor der Feuersbrunst.

Im allgemeinen bilden alle Frauen einen Bund gegen einen der Tyrannei beschuldigten Ehemann; denn zwischen ihnen besteht ein geheimes Band, wie zwischen den Priestern einer und derselben Religion. Sie hassen sich, aber sie beschützen sich. Du könntest stets nur eine einzige für dich gewinnen; doch diese Verführung wäre noch dazu ein Triumph für deine Frau.

Du wirst also im Reiche der Frauen in Acht und Bann getan. Du findest ironisches Lächeln auf allen Lippen, aus allen Antworten treten dir Epigramme entgegen. Diese geistreichen Geschöpfe schmieden Dolche und versehen zu ihrer Unterhaltung den Griff mit schönen Schnitzereien, ehe sie voll Grazie dich durchbohren.

Die heimtückische Kunst halber Andeutungen, die Bosheiten des Schweigens, die Niedertracht unbegründeter Vermutungen, die falsche Harmlosigkeit einer Bitte – alles wird als Waffe gegen dich verwandt. Ein Mann, der das Recht in Anspruch nimmt, seine Frau unter dem Joch zu halten, ist ein zu gefährliches Beispiel; darum versuchen sie, dieses Beispiel aus dem Wege zu räumen. Denn wäre nicht sein Benehmen eine Satire auf alle Ehemänner? Darum greifen sie alle dich an – entweder mit bittern Scherzen oder mit ernsthaften Beweisgründen, oder mit den landläufigen Redensarten der Galanterie. Ein Schwarm von Hagestolzen unterstützt sie bei allen ihren Versuchen, und du wirst angegriffen, verfolgt als ein Grobian, als ein Tyrann, als ein Herr, mit dem nicht gut Kirschen essen sei, als ein unberechenbarer Sonderling, als ein Mensch, vor dem man sich in acht nehmen müsse.

Deine Frau verteidigt dich wie der Bär in der Lafontaineschen Fabel: sie wirft dir große Steine an den Kopf, um die Fliegen zu verjagen, die sich auf deine Stirn setzen. Sie erzählt dir abends alle Bemerkungen, die man in ihrer Gegenwart über dich gemacht hat; sie wird von dir Rechenschaft verlangen über Handlungen, die du nicht begangen, über Worte, die du nicht gesprochen hast. Sie wird angebliche von dir begangene Verfehlungen gerechtfertigt haben; sie wird sich gerühmt haben, einer Freiheit zu genießen, die sie nicht hat, um dich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen, daß du ihr ungerechterweise nicht ihre Freiheit lässest. Die Riesenklapper, die deine Frau schwingt, wird dich überallhin mit ihrem zudringlichen Geräusch verfolgen. Deine teure Freundin wird dich betäuben, wird dich foltern und wird ihren Spaß daran haben, dich nur die Dornen der Ehe fühlen zu lassen. Sie wird dir in der Gesellschaft mit der lachendsten Miene entgegentreten und wird zu Hause sehr widerhaarig sein. Sie wird verdrießlich sein, wenn du fröhlich bist, und wird dich mit ihrer Freude ärgern, wenn du traurig bist. Eure beiden Gesichter werden eine beständige Antithese bilden.

Wenig Männer besitzen Kraft genug, um dieser stets geschickt gespielten ersten Komödie zu widerstehen, die dem Hurra gleicht, das die Kosaken ausstoßen, wenn sie ins Gefecht reiten. Einige Ehemänner ärgern sich darüber und setzen sich damit auf eine nicht wieder gutzumachende Art ins Unrecht. Andere bekümmern sich nicht mehr um ihre Frauen. Endlich gibt es sogar Männer von hervorragender Intelligenz, die nicht einmal immer das Zauberstäbchen zu schwingen wissen, vor dessen Wink dieses weibliche Blendwerk verschwinden muß.

Zwei Drittel der Frauen wissen ihre Unabhängigkeit durch dieses Manöver zu erkämpfen, das gewissermaßen nur eine Musterung ist, die sie über ihre Streitkräfte abhalten. Auf diese Weise ist der Krieg bald zu Ende.

Aber ein kräftiger Mann, der den Mut hat, bei diesem ersten Angriff sein kaltes Blut zu bewahren, kann sich sehr amüsieren, indem er durch geistreichen Spott seiner Frau die geheimen Antriebe ihrer eigenen Handlungsweise enthüllt; indem er ihr Schritt vor Schritt in das Labyrinth folgt, in das sie eindringt; indem er ihr bei jedem Worte sagt, daß sie sich selber etwas vorlüge; indem er stets seinen scherzhaften Ton beibehält und niemals heftig wird.

Indessen, der Krieg ist erklärt; und wenn der Ehemann nicht durch dieses Eröffnungsfeuerwerk geblendet worden ist, so hat die Frau noch ganz andere Hilfsmittel, die ihr erlauben, auf den schließlichen Sieg zu hoffen. Diese Hilfsmittel werden die folgenden Betrachtungen darlegen.

 

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