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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 23
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Der Liebhaber

Wir überliefern die folgenden Denksprüche dem Nachdenken der Leser.

Man müßte am Menschengeschlecht verzweifeln, wenn diese Denksprüche erst im Jahre 1830 entstanden wären; aber sie drücken so kurz und bündig die Beziehungen und Unterschiede aus, die zwischen dir, deiner Frau und einem Liebhaber bestehen; sie werden auf die von dir zu befolgende Politik ein so glänzendes Licht werfen, werden dir so genauen Aufschluß über die Kräfte des Feindes geben, daß wir, der Magister, hier gegen jede Regung von Eitelkeit uns verschlossen haben; und sollte zufällig unter allen diesen Gedanken sich ein einziger neuer finden, so schreibe man ihn auf Rechnung des Teufels, auf dessen Rat dieses Buch entstand.

 

LXIV. Von Liebe sprechen heißt Liebe üben.

LXV. Bei einem Liebhaber bekundet die gewöhnlichste Begierde sich stets als Ausbruch einer gewissenhaften Bewunderung.

LXVI. Ein Liebhaber besitzt alle Vorzüge und alle Mängel, die ein Gatte nicht hat.

LXVII. Ein Liebhaber belebt nicht nur alles, er läßt auch das Leben vergessen; der Ehemann belebt nichts.

LXVIII. Auf alle Mätzchen der Empfindung, die eine Frau macht, fällt ein Liebhaber stets herein; und wo ein Ehemann notwendigerweise die Achseln zuckt, gerät ein Liebhaber in Verzückung.

LXIX. Ein Liebhaber verrät nur durch sein Benehmen, bis zu welchem Grade der Intimität er bei einer verheirateten Frau gelangt ist.

LXX. Eine Frau weiß nicht immer, warum sie liebt. Dagegen kommt es selten vor, daß ein Mann bei seiner Liebe nicht ein Interesse verfolgt. Ein Ehegatte muß diesen geheimen Grund der Eigensucht ausfindig machen; denn dieser wird für ihn der Hebel des Archimedes sein.

LXXI. Ein talentvoller Ehemann gibt niemals öffentlich die Vermutung kund, daß seine Frau einen Liebhaber habe.

LXXII. Ein Liebhaber gehorcht allen Launen einer Frau; und da ein Mann in den Armen seiner Geliebten niemals schäbig ist, so wird er, um ihr zu gefallen, alle Mittel aufbieten, deren Anwendung einem Ehemann oftmals widerstrebt.

LXXIII. Ein Liebhaber lehrt eine Frau alles, was ihr Ehemann ihr verheimlicht hat.

LXXIV. Alle Empfindungen, die eine Frau ihrem Liebhaber entgegenbringt, sind nur ein Austausch; sie erhält sie stets in verstärktem Maße zurück; sie umschließen nicht bloß, was sie empfangen haben, sondern auch, was sie abgegeben hatten. Bei diesem Geschäft machen schließlich fast alle Ehemänner Bankrott.

LXXV. Ein Liebhaber spricht zu einer Frau nur von dem, was sie größer machen kann; dagegen kann ein Ehemann, selbst wenn es ein liebender Ehemann ist, sich nicht enthalten, ihr Ratschläge zu geben, die stets einen Beigeschmack von Tadel haben.

LXXVI. Einem Liebhaber kommt stets die Geliebte zuerst und dann er selber; beim Ehemann ist es umgekehrt.

LXXVII. Ein Liebhaber hegt stets den Wunsch, liebenswürdig zu erscheinen; in diesem Gefühl liegt immer eine gewisse Übertreibung, die leicht lächerlich wird; dies muß man sich zunutze zu machen wissen.

LXXVIII. Wenn ein Verbrechen begangen ist, weiß der Untersuchungsrichter – ausgenommen im Fall, wo ein Sträfling sich befreit und im Zuchthaus einen Mord begangen hat – daß nicht mehr als fünf Personen existieren, denen er die Tat zuschreiben kann. Von hier geht er aus und stellt seine Mutmaßungen auf. Ein Ehemann muß denken wie der Richter: es sind in der Gesellschaft keine drei Personen, die er in Verdacht haben kann, wenn er herausbringen will, wer der Liebhaber seiner Frau ist.

LXXIX. Ein Liebhaber hat niemals unrecht.

LXXX. Der Liebhaber einer verheirateten Frau hat ihr gesagt: »Gnädige Frau, Sie brauchen Ruhe. Sie müssen Ihren Kindern das Beispiel der Ruhe geben. Sie haben geschworen, einen Mann glücklich zu machen, der, abgesehen von einigen Fehlern – und ich habe mehr als er – Ihre Achtung verdient. Nun – Sie müssen mir Ihre Familie und Ihr Leben opfern, weil ich gesehen habe, daß Sie ein hübsches Bein haben. Lassen Sie sich's nicht einfallen, dagegen auch nur zu murren; denn ein Gewissensbiß ist eine Beleidigung, die ich mit einer härtern Strafe belegen würde, als das Gesetz sie gegen ehebrecherische Gatten vorsieht. Als Lohn für diese Opfer bringe ich Ihnen ebenso viele Freuden wie Leiden.« Unglaublich: ein Liebhaber gewinnt den Sieg! Die Form, die er seiner Rede verleiht, läßt die Frau über alles hinwegsehen. Er spricht immer nur ein Wort: »Ich liebe.« Ein Liebhaber ist ein Herold, der entweder das Talent oder die Schönheit oder den Geist einer Frau ausposaunt. Was posaunt ein Gatte aus?

Alles in allem genommen, ist die Liebe, die eine verheiratete Frau einflößt oder die sie empfindet, ganz und gar kein Gefühl, auf das jemand stolz sein kann: bei ihr ist es eine ungeheure Eitelkeit; bei ihrem Liebhaber ist es Egoismus. Der Liebhaber einer verheirateten Frau nimmt so viele Verpflichtungen auf sich, daß man in einem Jahrhundert keine drei Männer antrifft, die daran denken, diesen Verpflichtungen nachzukommen; er müßte sein ganzes Leben seiner Geliebten weihen, die er aber in Wirklichkeit zuletzt stets verläßt: das wissen sie alle beide, und seitdem es eine Gesellschaft gibt, ist Sie stets so erhaben gewesen, wie Er undankbar war.

Eine große Leidenschaft erregt zuweilen das Mitleid der Richter, die sie verurteilen und verurteilen müssen; aber wo sieht man wahre und dauernde Leidenschaften? Welcher Kraft bedarf ein Ehegatte, um erfolgreich den Kampf mit einem Menschen aufzunehmen, dessen Nimbus eine Frau dahin bringt, derartiges Unglück und Leiden auf sich zu nehmen?

 

Wir sind der Meinung, daß im allgemeinen ein Ehemann, wenn er die von uns bereits ausführlich geschilderten Verteidigungsmittel geschickt anzuwenden weiß, seine Frau bis zu einem Alter von siebenundzwanzig Jahren verhindern kann, freilich nicht, sich einen Liebhaber wenigstens in Gedanken auszusuchen, wohl aber das ›große Verbrechen‹ zu begehen. Allerdings trifft man hier und da Männer, die von einer tiefen Begabung für den Ehemannsstand beseelt sind und ihre Frauen, mit Leib und Seele, bis zum Alter von dreißig oder fünfunddreißig Jahren für sich behalten können; aber diese Ausnahmen bilden gewissermaßen einen Skandal und verursachen Bestürzung und Schrecken. Ein solches Phänomen tritt eigentlich nur in der Provinz auf, wo das Leben durchsichtig ist und die Häuser Glashäuser sind, wo daher der Mann mit einer ungeheuren Macht bewaffnet ist. Dieser wunderbare Beistand, der einem Ehemann durch Menschen und Dinge zuteil wird, wird in einer Stadt stets hinfällig, sobald ihre Einwohnerzahl zweihundertundfünfzigtausend Seelen übersteigt.

Es wäre also so ziemlich nachgewiesen, daß das Alter von dreißig Jahren das höchste Lebensalter der Tugend ist. In diesem kritischen Augenblick wird die Bewachung einer Frau so schwierig, daß man, um sie für immer in der Gefangenschaft des ehelichen Paradieses zu halten, zu den letzten uns noch übrigbleibenden Verteidigungsmitteln greifen muß. Diese Mittel werden uns die Kapitel ›Über die Polizei‹, ›Die Kunst des Nachhausekommens‹, und ›Die Peripetien‹ enthüllen.

 

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