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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 21
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Theorie des Bettes

Es war ungefähr sieben Uhr abends. Auf ihren akademischen Sesseln saßen sie in einem Halbkreis vor einem ungeheuren Kamin, worin traurig ein Steinkohlenfeuer brannte – ewiges Symbol des Gegenstandes ihrer wichtigen Beratung. Wenn man die ernsten und dabei leidenschaftlichen Gesichter aller Mitglieder dieser Versammlung sah, so erriet man leicht, daß ihr Spruch für Leben, Schicksal und Glück von ihresgleichen entscheidend war. Wie die Beisitzer eines geheimnisvollen Gerichtshofes der alten Zeit hatten sie ihre Vollmacht nur von ihrem eigenen Gewissen erhalten; aber sie vertraten ungeheuer viel größere Interessen, als die von Königen oder Völkern: sie sprachen im Namen der Leidenschaften und des Glückes der unzähligen Menschengeschlechter der Zukunft.

Der Enkel des berühmten Boulle saß vor einem runden Tisch, auf dem das mit außerordentlicher Geschicklichkeit angefertigte Beweisstück stand; ich saß an diesem Tisch, der als Schreibtisch diente, als bescheidener Sekretär, um bei dieser Sitzung das Protokoll zu führen.

»Meine Herren!« sagte ein alter Herr. »Die erste Frage, über die Sie zu beraten haben, steht klar und deutlich in der folgenden Stelle eines Briefes, den die Witwe Monsieurs, des Bruders Ludwigs des Vierzehnten, die Mutter des Regenten, an die Prinzessin von Wales, Karoline von Ansbach, schrieb: ›Die Königin von Spanien besitzt ein sicheres Mittel, um ihren Mann dahin zu bringen, daß er alles sagt, was sie will. Der König ist fromm; er würde glauben, in Ewigkeit verdammt zu sein, wenn er eine andere Frau anrührte als die seinige, und dabei ist dieser brave Fürst von sehr verliebter Naturanlage. Hierdurch erhält die Königin von ihm alles, was sie will. Sie hat nämlich das Bett ihres Mannes mit Rollen versehen; verweigert er ihr etwas, so schiebt sie sein Bett weit von dem ihrigen ab. Bewilligt er ihr ihre Bitte, so nähern sich die Betten wieder einander, und sie erlaubt ihm den Zutritt in das ihrige. Und das größte Glück des Königs, der eine ganz außerordentliche Anlage . . .‹ Weiter werde ich nicht zitieren, meine Herren, denn die tugendhafte Freimütigkeit der deutschen Prinzessin könnte hier für Unmoralität ausgegeben werden.

»Dürfen vernünftige Ehemänner Rollenbetten benutzen? Dies ist das Problem, dessen Lösung uns obliegt.«

Die Einhelligkeit der Stimmen ließ keinen Zweifel über die Meinung der Anwesenden. Ich erhielt den Befehl, in das Protokollbuch einzutragen, daß, wenn zwei Ehegatten in zwei getrennten Betten, aber in demselben Zimmer schliefen, die Betten auf keinen Fall Rollfüße haben dürften.

»Indessen darf diese Entscheidung«, bemerkte eines der Mitglieder, »in keiner Weise den Beschlüssen Eintrag tun, durch die wir feststellen wollen, auf welche Weise Eheleute ihre Schlafzimmer am besten einrichten.«

Der Präsident reichte mir ein elegant gebundenes Buch: es war die im Jahre 1788 veröffentlichte Originalausgabe der Briefe von Madame Charlotte Elisabeth von der Pfalz, Witwe Monsieurs, des einzigen Bruders Ludwigs des Vierzehnten – und während ich die zitierte Stelle abschrieb, fuhr er fort:

»Aber, meine Herren, Sie haben jedenfalls die Tagesordnung in Ihre Wohnung zugeschickt bekommen und wissen daher, wie unsere zweite Frage lautet.«

»Ich bitte ums Wort!« rief der jüngste der hier versammelten Eifersüchtigen.

Der Präsident setzte sich, nachdem er durch eine Handbewegung dem jungen Herrn das Wort erteilt hatte.

»Meine Herren,« sagte der junge Ehemann, »sind wir auch genügend vorbereitet, um über einen so wichtigen Gegenstand zu beraten, wie es die fast allgemeine Unvollkommenheit der Betten ist? Hat diese Frage nicht eine größere Tragweite, ist sie nicht mehr als eine einfache Schwierigkeit, die ein geschickter Schreiner lösen könnte? Ich für mein Teil sehe darin ein Problem, mit dem die Intelligenz des Menschengeschlechts sich zu befassen hat. Die Geheimnisse der Empfängnis, meine Herren, sind noch von Finsternissen umhüllt, mit deren Zerstreuung die moderne Wissenschaft erst einen schwachen Anfang gemacht hat. Wir wissen nicht, bis zu welchem Grade äußere Umstände die mikroskopisch kleinen Lebewesen beeinflussen, deren Entdeckung wir der unermüdlichen Geduld eines Hill, Baker, Joblot, Eichhorn, Gleichen, Spallanzani verdanken, und besonders der eines Müller und an letzter Stelle eines Bory de Saint-Vincent. Die Unvollkommenheit des Bettes umschließt eine musikalische Frage von der allerhöchsten Bedeutung, und ich für mein Teil erkläre hiermit, daß ich soeben erst nach Italien geschrieben habe, um eine bestimmte Auskunft zu erhalten, auf welche Weise dort für gewöhnlich die Betten eingerichtet sind . . . Wir werden unverzüglich erfahren, ob es dort viele Bettgardinenstangen, Schrauben, Rollen gibt, ob die Machart schlechter ist als in andern Ländern, und ob nicht die durch die Wirkung der Sonnenstrahlen hervorgerufene Trockenheit des Holzes ›ab ovo‹ die Harmonie erzeugt, deren Gefühl den Italienern angeboren ist . . . . aus diesen Gründen beantrage ich Vertagung.«

»Ei was! Sind wir denn hier, um uns mit Musik zu befassen?« rief ein Herr aus dem Westen, indem er ungestüm aufsprang. »Vor allem handelt es sich um die Sitten, und die sittliche Frage geht allen andern vor . . .«

»Mir scheint indessen,« sagte eines der einflußreichsten Mitglieder der Versammlung, »wir sollten die von dem ersten Redner ausgesprochene Meinung nicht so von der Hand weisen. Im vorigen Jahrhundert, meine Herren, beklagte sich einer unserer Schriftsteller, der einer der philosophischsten Witzbolde und einer der witzigsten Philosophen war, ich meine Lawrence Sterne – beklagte sich, sage ich, Sterne darüber, daß die Menschen mit so geringer Sorgfalt gemacht würden: ›O Schande!‹ rief er; ›wer das göttliche Antlitz des Menschen kopiert, empfängt Lorbeerkränze und Beifall, während derjenige, der das Originalwerk hervorbringt, das Vorbild einer mimischen Nachahmung, seinen ganzen Lohn, wie die Tugend, nur in der Arbeit selbst suchen muß!‹ Müßte man sich nicht statt mit der Verbesserung der Pferderassen zuvor mit der Verbesserung der Menschenrassen beschäftigen? Meine Herren, ich kam einmal in eine kleine Stadt im Orléanais, wo die ganze Bevölkerung aus Buckligen und aus Menschen mit mürrischen und vergrämten Mienen bestand, aus wahren Unglückskindern . . . Nun erweckte mir die Bemerkung des ersten Redners die Erinnerung, daß dort alle Betten in sehr schlechtem Zustande waren und daß die Zimmer den Augen der Gatten nur einen häßlichen Anblick boten. Können denn nun, meine Herren, unsere Geister sich in gleichem Zustande befinden wie unsere Ideen, wenn statt einer Musik von Engeln, die im Himmel, in den wir eintreten, umherfliegen, die schreiendsten Töne der unangenehmsten, ungeduldigsten, abscheulichsten Erdenmelodie plötzlich losdonnern? Vielleicht verdanken wir die schönen Geniusse, die die Ehre der Menschheit sind, nur gut gezimmerten Betten, und die unruhige Bevölkerung, die die französische Revolution ins Werk gesetzt hat, ist vielleicht auf allen möglichen wackeligen Möbeln mit schiefen und unsoliden Füßen gezeugt worden; die Orientalen dagegen, bei denen wir so schöne Rassen finden, befolgen ein ganz eigentümliches System bei der Herstellung ihrer Ruhelager. Ich bin für die Vertagung.« Und der Herr setzte sich.

Ein Herr, der der Sekte der Methodisten angehörte, stand auf und sprach:

»Wozu die Frage auf ein anderes Gebiet hinüberspielen? Es handelt sich hier weder um die Verbesserung der Rasse noch um die Vervollkommnung des Werkes. Wir dürfen nicht die Interessen der ehelichen Eifersucht und die Grundsätze einer gesunden Moral aus dem Auge verlieren. Wissen Sie denn nicht, daß das Geräusch, über das Sie sich beklagen, von der Gattin, die zu dem Verbrechen noch nicht fest entschlossen ist, mehr gefürchtet wird, als die schmetternde Stimme der Posaunen des Jüngsten Gerichts? Vergessen Sie, daß alle Prozesse wegen strafbaren Verkehrs von den Ehemännern nur dank dieser den Ehefrauen so ärgerlichen Eigenschaft des Bettes gewonnen worden sind? Ich empfehle Ihnen, meine Herren, sehen Sie sich die Ehescheidungsprozesse des Lords Abergaveny, des Viscount Bolingbroke an, den der verstorbenen Königin, den der Elisa Draper, den der Frau Harris, und überhaupt alle, die in den zwanzig Bänden stehen, die von . . . veröffentlicht worden sind.« (Der Sekretär konnte den Namen des englischen Herausgebers nicht deutlich verstehen.)

Es wurde beschlossen, die Sitzung zu vertagen. Das jüngste Mitglied machte den Vorschlag, eine Sammlung zu veranstalten, zur Belohnung für den Verfasser der besten Abhandlung, die über diese von Sterne als so wichtig erachtete Frage bei der Gesellschaft würde eingereicht werden; aber bei Schluß der Sitzung fanden sich im Hut des Präsidenten nur achtzehn Schillinge.

Dieser Sitzungsbericht der vor kurzem in London zur Besserung der Sitten und der Ehe gegründeten und von Lord Byron mit seinen boshaften Spöttereien verfolgten Gesellschaft ist uns durch die Freundlichkeit des ehrenwerten W. Hawkins, Esq., eines Vetters des berühmten Kapitän Clutterbuck, zugegangen.

Dieser Protokollauszug kann dazu beitragen, die Schwierigkeiten zu lösen, die bei einer Abhandlung über die Theorie des Bettes in bezug auf die Machart desselben auftreten können.

Aber der Verfasser dieses Buches findet, daß die englische Gesellschaft dieser doch nur vorläufigen Frage zu große Wichtigkeit beigemessen hatte. Es lassen sich in bezug auf die Lagerstatt vielleicht ebenso gute Gründe für den Standpunkt des ›Rossinisten‹ wie für den des ›Solidisten‹ anführen, und der Verfasser gesteht, daß die Lösung dieser Schwierigkeit über seine Kräfte geht oder unter seiner Würde ist. Er denkt mit Lawrence Sterne, daß es eine Schande für die europäische Kultur ist, daß so wenig physiologische Beobachtungen über die Kalipädie existieren, und er verzichtet darauf, die Ergebnisse seines Nachdenkens über diesen Gegenstand mitzuteilen, weil diese sich nicht gut in eine für prüde Ohren geeignete Sprache fassen lassen, und weil sie daher entweder mangelhaft verstanden oder falsch ausgelegt werden würden. Durch diese Unterlassung wird allerdings an dieser Stelle seines Buches eine ewige Lücke entstehen; aber er wird dafür gewiß die süße Genugtuung haben, dem nächsten Jahrhundert ein viertes Werk zu vermachen; so bereichert er das neue Jahrhundert um alles, was er selber nicht macht – eine negative Freigebigkeit, deren Beispiel von allen jenen befolgt werden wird, die nach ihrer Behauptung viele Ideen haben.

Die Theorie des Bettes wird uns viel wichtigere Fragen zur Lösung unterbreiten, als die Fragen der Rollfüße und des Geflüsters strafbarer Unterhaltungen, mit denen unsere Nachbarn sich beschäftigt haben.

Wir unterscheiden bei den zivilisierten Nationen und besonders für den Gebrauch der bevorrechtigten Klassen, denen dies Buch gewidmet ist, nur drei verschiedene Arten der Einrichtung eines Bettes – das Wort ›Bett‹ in dem im allgemeinen ihm beigelegten Sinne verstanden.

Diese drei verschiedenen Arten sind:

  1. die beiden Zwillingsbetten,
  2. zwei getrennte Zimmer,
  3. ein und dasselbe Bett.

Ehe wir zur Prüfung dieser drei Arten des Zusammenwohnens übergehen, die notwendigerweise ganz verschiedene Einflüsse auf das Glück der Frauen und der Ehemänner ausüben müssen, haben wir zunächst einen schnellen Blick auf die Aufgabe des Bettes zu werfen, sowie auf die Bedeutung, die in der politischen Ökonomie des menschlichen Lebens ihm zukommt.

Völlig unbestreitbar ist der Grundsatz, daß das Bett erfunden worden ist, um darin zu schlafen.

Es wäre leicht nachzuweisen, daß der Brauch, zusammenzuschlafen, im Vergleich mit dem Alter der Einrichtung der Ehe recht neuen Datums ist.

Durch welche Gründe ist der Mann dazu gelangt, einen für das Glück, für die Gesundheit, für das Vergnügen, ja auch für die Eigenliebe so verhängnisvollen Brauch in die Mode zu bringen? Eine solche Untersuchung müßte recht interessant sein.

Wenn du wüßtest, einer deiner Nebenbuhler hätte ein Mittel ausfindig gemacht, dich den Blicken des dir teuren Weibes in einer Stellung preiszugeben, worin du im höchsten Grade lächerlich wärest: zum Beispiel mit schiefem Munde wie eine Theatermaske, oder während deine beredten Lippen wie das kupferne Mundstück eines mit seinem Naß geizenden Brunnens Tropfen um Tropfen eines reinen Wassers absonderten – wenn du das wüßtest, du würdest ihn vielleicht erdolchen. Dieser Nebenbuhler ist der Schlaf. Gibt es auf der Welt einen Menschen, der wirklich weiß, wie er aussieht und was er macht, während er schläft?

Im Schlaf sind wir lebende Leichname, sind die Beute einer unbekannten Macht, die sich gegen unsern Willen unserer bemächtigt und sich durch die sonderbarsten Wirkungen kundgibt: einige Menschen haben einen geistvollen Schlaf, andere einen dummen.

Es gibt Leute, die auf die albernste Art von der Welt mit offenem Munde daliegen.

Andere schnarchen, daß die Balken erzittern.

Die meisten gleichen jenen von Michelangelo in Marmor ausgehauenen jungen Teufeln, die die Zunge ausstrecken, um sich über die Vorübergehenden lustig zu machen.

Ich kenne auf der ganzen Welt nur eine einzige Person, die mit vornehmem Anstand schläft, das ist auf dem Guérinschen Bilde Agamemnon, wie er in seinem Bette schläft, während Klytämnestra auf Antrieb des Ägisthus sich heranschleicht, um ihn zu ermorden. Daher habe ich denn auch stets den Ehrgeiz gehabt, auf meinem Kopfkissen zu liegen, wie der König der Könige lag, solange ich noch die schreckliche Angst haben werde, daß mich während meines Schlafes andere Augen als die der Vorsehung erblicken können. Auch habe ich seit jenem Tage, wo ich meine alte Amme, ›Erbsen blasen‹ sah – um mich eines volksmäßigen, aber durch den Gebrauch geheiligten Ausdrucks zu bedienen –, sofort der ganz besondern Litanei, die ich meinem Schutzpatron, dem heiligen Honorius, herzusagen pflege, ein Gebet hinzugefügt, er möge mich vor dieser jämmerlichen Beredsamkeit bewahren.

Wenn ein Mann am Morgen aufwacht, mit verstörtem Gesicht und mit der grotesken Kopfbedeckung einer hellseidenen Mütze, deren Zipfel ihm über die linke Schläfe fällt, dann sieht er ganz gewiß recht komisch aus, und es ist nicht leicht, in ihm jenen glorreichen Ehegemahl zu erkennen, den Rousseaus Strophen gefeiert haben. Immerhin aber dringt ein Schimmer von Leben durch die Dummheit dieses halbtoten Gesichts. Und wenn ihr, o Künstler, wunderbare Karikaturen sammeln wollt, dann reiset im Postwagen und seht euch bei jedem Dörfchen, wo der Postillion einen Chausseegeldeinnehmer aufweckt, diese Provinzialengesichter an! Aber wäret ihr auch noch hundertmal komischer in eurem Schlaf, als diese Bureaukratengesichter, in diesem Augenblick habt ihr doch wenigstens den Mund zu, die Augen offen, und euer Antlitz trägt doch irgendeinen Ausdruck. Wißt ihr, wie ihr eine Stunde vor eurem Erwachen aussaht, oder während der ersten Stunde eures Schlafes, als ihr weder Mensch noch Tier waret und unter der Herrschaft der Träume standet, die durch das hörnerne Tor kommen? Dies ist ein Geheimnis zwischen eurer Frau und euch!

Wollten etwa die Römer sich stets an die dummen Gesichter, die man im Schlaf macht, erinnern, indem sie am Kopfende ihres Bettes einen Eselskopf anbrachten? . . . Die Aufklärung dieses Punktes wollen wir den Herren Mitgliedern der Akademie der Inschriften überlassen.

Ganz gewiß muß der erste, der durch eine Eingebung des Teufels auf den Gedanken kam, selbst während des Schlafes seine Frau nicht zu verlassen, tadellos zu schlafen verstanden haben. Und nun wird man nicht mehr vergessen, zu den Wissenschaften, die man sich vor der Verheiratung zu eigen gemacht haben muß, auch die Kunst des eleganten Schlafens zu rechnen. Wir fügen daher an dieser Stelle als einen Zusatz zum Axion XXV des Ehestandskatechismus die beiden nachstehenden Aphorismen bei:

Ein Ehemann muß einen so leichten Schlummer haben wie eine Dogge, damit ihn niemals ein Mensch sieht, während er schläft.

Ein Mann muß sich von Kindheit an daran gewöhnen, barhäuptig zu Bette zu gehen.

Einige Poeten möchten wahrscheinlich in der Scham, in den angeblichen Mysterien der Liebe einen Grund dafür sehen, daß Ehegatten in demselben Bett zusammenschlafen; aber es steht fest, daß der Mensch ursprünglich nur darum das Dunkel der Höhlen, das Moos der Schluchten, das felsige Dach der Grotten aufgesucht hat, weil die Liebe ihn wehrlos seinen Feinden ausliefert. Nein, es ist ebensowenig natürlich, daß zwei Köpfe auf demselben Kopfkissen ruhen, wie daß man sich den Hals mit einem Musselinfetzen einschnürt, aber die Zivilisation ist gekommen, sie hat eine Million Menschen auf den Raum von vier Quadratmeilen eingesperrt; sie hat sie in Straßen, Häuser, Wohnungen, Zimmer, Kämmerchen von acht Quatdratfuß eingepfercht; ein Weilchen noch, und sie wird versuchen, einen Menschen in den andern zu stopfen wie die Teile eines Fernrohres.

Hierdurch und aus vielen andern Gründen noch – wie zum Beispiel aus Sparsamkeit, Furcht, übel angebrachter Eifersucht – ist das Zusammenwohnen von Ehegatten Sitte geworden; und aus dieser Gewohnheit entstand das gleichzeitige Aufstehen und Zubettgehen zu bestimmten Stunden.

Und so wird die kapriziöseste Sache von der ganzen Welt, so wird das allerbeweglichste Gefühl, das nur durch seine prickelnden Inspirationen Wert erhält, dessen Zauber nur in der Plötzlichkeit der von ihm erregten Wünsche besteht, das nur durch die Wahrhaftigkeit seiner Kundgebungen gefällt – so wird, mit einem Wort, die Liebe nach einer Klosterordnung und nach den geometrischen Berechnungen einer Seewarte geregelt!

Wenn ich Vater wäre, würde ich ein Kind hassen, das pünktlich wie eine Uhr morgens und abends einen Gefühlsausbruch hätte und auf Befehl zu mir käme, um mir guten Morgen oder guten Abend zu wünschen: denn auf diese Weise erstickt man alles Großherzige und Augenblickliche in den menschlichen Gefühlen. Schließt aus diesem Beispiel darauf, was Liebe zur festgesetzten Stunde ist!

Nur der Urheber aller Dinge kann morgens und abends in einer immer herrlichen, immer neuen Pracht die Sonne aufgehen und untergehen lassen, und niemand hienieden – das wage ich Jean-Baptiste Rousseaus Hyperbel zum Trotz zu sagen – kann die Rolle der Sonne spielen.

Aus diesen vorläufigen Beobachtungen geht hervor, daß es nicht natürlich ist, wenn zwei Menschen sich unter einem Betthimmel befinden;

daß ein Mensch im Schlafe fast immer lächerlich ist;

daß endlich das beständige Zusammensein die Ehemänner unvermeidlichen Gefahren aussetzt.

Wir wollen also versuchen, unsere Gebräuche den Gesetzen der Natur anzupassen, und Natur und Brauch so zu vereinigen, daß ein Ehemann in dem Mahagoni seines Bettes ein brauchbares Hilfs- und Verteidigungsmittel findet.

1. Die beiden Zwillingsbetten

Wenn der glänzendste, schönste, geistreichste aller Ehemänner nach einer einjährigen Ehe minotaurisiert sein will, so wird ihm dies unfehlbar gelingen, wenn er so unvorsichtig ist, zwei Betten unter der wollüstigen Wölbung eines und desselben Alkovens zu vereinigen.

Das Urteil lautet kurz und bündig; die Begründung desselben ist folgende:

Der erste Ehemann, dem die Erfindung der Zwillingsbetten zuzuschreiben ist, war ohne Zweifel ein Geburtshelfer, der aus Angst, er könnte während seines Schlafes unwillkürlich unruhige Bewegungen machen, das von seiner Frau unter dem Herzen getragene Kind vor den Fußtritten schützen wollte, die er ihm hätte geben können.

Oder nein – es war wohl eher irgendein Prädestinierter, der irgendeinen Katarrh befürchtete oder sich selber mißtraute.

Vielleicht war es auch ein junger Mann, der das Übermaß seiner eigenen Zärtlichkeit befürchtete, und daher stets entweder dicht am Rande des Bettes, so daß er in Gefahr war herauszufallen, oder nahe bei seiner entzückenden Gemahlin lag, deren Schlummer er auf diese Art störte.

Oder sollte es nicht irgendeine Maintenon gewesen sein, die diese Einrichtung mit Hilfe ihres Beichtvaters durchsetzte? oder etwa eine ehrgeizige Frau, die ihren Gatten beherrschen wollte? oder, was allerdings gewiß noch wahrscheinlicher ist, irgendeine hübsche kleine Pompadour, die an jenem kleinen Pariser Übel litt, worüber Herr de Maurepas jenen scherzhaften Vierzeiler machte, der ihm seine so lange dauernde Ungnade eintrug und ganz gewiß zu den unglücklichen Ereignissen der Regierung Ludwigs des Sechzehnten viel beitrug:

Iris, on aime vos appas,
Vos grâces sont vives et franches;
Et les fleurs naissant sous vos pas,
Mais ce sont des fleurs . . .

Endlich, warum sollte dieser Erfinder nicht ein Philosoph gewesen sein, den die unvermeidliche Ernüchterung erschreckte, die eine Frau beim Anblick eines schlafenden Mannes empfinden muß? Und dieser Philosoph wird ein Mann gewesen sein, der sich stets in seine Decke eingewickelt und keine Nachtmütze getragen hat.

Unbekannter Erfinder dieser jesuitischen Methode – wer du auch seist, im Namen des Teufels, Heil dir und Brudergruß! Du hast an so manchem Unglück schuld. Dein Werk trägt den Charakter aller halben Maßregeln; es liefert in keiner Weise befriedigende Resultate, und es haften ihm die Unannehmlichkeiten der beiden andern Methoden an, ohne daß es deren Vorzüge bietet.

Was für ein Mensch ist der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts! Ein Wesen von höchster und überlegenster Intelligenz, hat er eine übernatürliche Macht entfaltet, hat er alle Hilfsquellen seines Geistes aufgeboten, um das Triebwerk seines Daseins zu verhüllen, um seine Bedürfnisse zu vergöttlichen, damit er sie nicht zu beachten braucht, hat er sogar chinesischen Blättern, ägyptischen Bohnen, mexikanischen Körnern ihre Düfte, ihre Schätze, ihre Seelen abgeborgt; hat er sogar Kristalle ziseliert, Silber gedrechselt, Gold geschmolzen, Ton bemalt, mit einem Wort: alle Künste aufgeboten, um seinen Futternapf auszuschmücken und größer zu machen! Wie kann nun dieser König, nachdem er die zweite seiner Armseligkeiten mit Musselinfalten umhüllt, mit Diamanten bedeckt, mit Rubinen übersät, unter schneeigem Linnen, unter baumwollenem Gewebe, unter buntfarbiger Seide, unter reichverschlungenen Spitzen versteckt hat – wie kann er schließlich all diesen Luxus durch zwei Holzbetten zunichte machen? Was hat es für einen Zweck, die ganze Welt an unserm Dasein, an unsern Lügen, an dieser Poesie mitarbeiten zu lassen? Was hat es für einen Zweck, Gesetze, sittliche Gebote, Religionen zu machen, wenn die Erfindung eines Tapezierers – denn schließlich kann ja auch der Tapezierer vielleicht der Erfinder der Zwillingsbetten sein – unserer Liebe alle ihre Illusionen nimmt, sie ihres majestätischen Gefolges beraubt und ihr nur das Allerhäßlichste und Allergarstigste läßt? Denn darauf läuft die ganze Frage der beiden Zwillingsbetten hinaus.

 

LXII. Wir hatten einen Wunsch, und dieser hat uns schließlich vor die Wahl gestellt, entweder erhaben oder grotesk zu erscheinen.

Wird unsere Liebe geteilt, so ist sie erhaben; aber schlaft in zwei Zwillingsbetten, und eure Liebe wird stets grotesk sein. Die Sinnwidrigkeiten, zu denen diese halbe Trennung Anlaß gibt, lassen sich in zwei Situationen zusammenfassen, in denen wir die Ursachen gar manches Unglücks erkennen werden.

Es ist kurz vor Mitternacht; gähnend legt eine junge Frau ihre Haarwickel an. Ich weiß nicht, ob ihre Schwermut von einer Migräne herrührt, die sich auf die rechte oder auf die linke Seite ihres Gehirns stürzen will, oder ob sie einem jener Anfälle von Langeweile unterliegt, während deren wir alles schwarz sehen; aber wenn ich sie so vor mir sehe, wie sie nachlässig sich die Haare für die Nacht zurechtmacht, wie sie langsam das Bein erhebt, um ihr Strumpfband loszumachen – da scheint es mir klar, daß sie lieber ertrinken möchte, wenn sie nicht durch einen stärkenden Schlummer ihr Leben wieder auffrischen könnte. Sie ist in diesem Augenblick unter dem soundso vielten Grade dicht beim Nordpol, auf Spitzbergen oder in Grönland. Gedankenlos und kalt hat sie sich zu Bett gelegt, und dabei vielleicht, wie etwa Frau Walter Shandy, gedacht, morgen sei ein Krankheitstag, ihr Mann komme recht spät nach Hause, die Schneeballen, die sie gegessen, seien nicht genug gezuckert gewesen, sie sei ihrer Schneiderin mehr als fünfhundert Franken schuldig – mit einem Wort: sie denkt an irgend etwas, woran nach der Meinung der Männer eine Frau denkt, die sich langweilt. Inzwischen kommt ein derber Bursche von Ehemann, der eine geschäftliche Verabredung gehabt und dabei Punsch getrunken, und zwar zuviel Punsch getrunken hat. Er zieht die Stiefel aus, wirft seine Kleider auf die Stühle, läßt seine Schuhe auf einem Sofa, den Stiefelknecht vor dem Kamin stehen; und während er sich ein rotes Seidentuch um den Kopf bindet, ohne sich die Mühe zu geben, die Zipfel desselben wegzustecken, wirft er seiner Frau ein paar Sätze mit Ausrufungszeichen hin, kleine eheliche Liebenswürdigkeiten, die manchmal in diesen Dämmerstunden, wo in unserer Leibesmaschine die eingeschlafene Vernunft fast gar kein Licht mehr von sich gibt, die ganze Unterhaltung eines Ehepaares ausmachen: »Du bist schon zu Bett! – Teufel, ist es heute abend kalt! – Du sagst nichts, meine Liebe! – Du hast dich schon in deinem Bett zusammengerollt! – Spitzbübin! du tust, wie wenn du schliefest!« Zwischen diesen Redensarten gähnt er fortwährend; und nach einer Menge kleiner Einzelheiten, die je nach den Gewohnheiten des betreffenden Ehepaars in diese Vorrede der Nacht einige Abwechslung bringen werden, stürzt mein Mann sich in sein Bett, das dabei einen dumpfen Ton von sich gibt. Aber auf einmal erscheinen ihm auf der phantastischen Leinwand, die gleichsam vor uns ausgespannt ist, wenn wir die Augen schließen, die verführerischen Bilder irgendeines hübschen Gesichtchens, irgendwelcher eleganter Glieder: die zur Liebe lockenden Umrisse von Bildern, die er tagsüber gesehen hat. Ihn quälen stürmische Begierden . . . er wirft die Augen auf seine Frau. Er sieht ein reizendes Gesicht, das von den zartesten Stickereien eingesäumt ist; mag ihr Blick eingeschlummert sein, trotzdem scheint dessen Feuer die Spitzenrüschen zu verbrennen, die ihre Augen nur unvollkommen verbergen; endlich deuten sich himmlische Formen unter den verräterischen Falten der Bettdecke an . . . »Mein Mäuschen?« . . . – »Aber ich schlafe, lieber Freund . . .«

Wie kann der Schiffer in einem solchen Lappland landen? Ich nehme an, du seist jung, schön, geistvoll, verführerisch. Wie willst du über das Meer hinübergelangen, das Grönland von Italien trennt? Der Abstand zwischen dem Paradiese und der Hölle ist nicht größer als der Zwölftelzoll, um den eure beiden Betten einander genähert zu werden brauchten, um ein einziges zu bilden: denn deine Frau ist kalt, und du brennst von der ganzen Glut einer Begierde. Wäre auch nichts weiter zu tun, als aus dem einen Bett ins andere zu klettern – schon diese Bewegung bringt einen Ehemann, der ein Tuch um den Kopf trägt, in die unschönste Lage von der Welt. Unter Liebenden verschönt die Gefahr, die Kürze der Zeit, die Gelegenheit – mit einem Wort alles – das Unglückliche dieser Situationen, denn die Liebe hat einen Mantel aus Purpur und Gold, den sie über alles wirft, selbst über die rauchenden Trümmer einer mit Sturm genommenen Stadt; dagegen braucht Hymen alle Zauberkunststücke der Welt, um nicht auf den buntesten Teppichen, unter den entzückendsten Seidenfalten Trümmer zu erblicken. Brauchtest du auch nur eine Sekunde, um dich in Besitz deiner Frau zu setzen, so hat doch die Pflicht, die die Gottheit der Ehe ist, Zeit genug, ihr in ihrer ganzen Häßlichkeit zu erscheinen.

Wie albern muß einer kalten Frau ein Mann erscheinen, wenn er durch die Begierden nach und nach zornig und zärtlich, frech und demütig, beißend wie ein Epigramm und sanft wie ein Madrigal wird; mit einem Wort: mehr oder weniger geistreich die Szene aufführt, worin im ›Geretteten Venedig‹ der geniale Orway uns den Senator Antonio vorgeführt hat, wie er zu Aquilinas Füßen hundertmal wiederholt: ›Aquilina, Quilina, Lina, Aqui, Nacki!‹ – ohne etwas anderes von ihr zu erhalten als Peitschenhiebe, wenn er sich einfallen läßt, zudringlich zu werden. Jede Frau findet einen Mann, selbst ihren rechtmäßigen Ehemann, um so lächerlicher, je leidenschaftlicher er sich bei einer solchen Gelegenheit benimmt. Er ist widerwärtig, wenn er befiehlt; er wird minotaurisiert, wenn er seine Gewalt mißbraucht. Erinnere dich bei dieser Gelegenheit einiger Aphorismen des Ehekatechismus, und du wirst sehen, daß du die heiligsten Vorschriften derselben verletzest. Mag eine Frau dem Verlangen des Mannes nachgeben oder nicht – die beiden Zwillingsbetten bringen in die Ehe etwas so Unzartes, etwas so Deutliches, daß die keuscheste Frau und der geistreichste Mann schließlich auf Schamlosigkeiten verfallen.

Das Gegenstück dieses Auftritts, der sich auf tausenderlei verschiedene Arten abspielt und zu dem tausend andere Anlässe führen können, bildet die andere Situation, die weniger komisch, aber viel fürchterlicher ist.

Eines Abends unterhielt ich mich über diesen wichtigen Gegenstand mit dem verstorbenen Grafen von Nocé, von dem ich bereits zu sprechen Gelegenheit gehabt habe. Ein großer alter Herr mit weißen Haaren, sein intimer Freund – den ich nicht nennen will, weil er noch lebt – sah uns mit ziemlich trübseliger Miene an. Wir errieten, daß er uns irgendeine Skandalgeschichte erzählen wollte, und sahen ihn ungefähr mit demselben Gesicht an, womit der Stenograph des ›Moniteur‹ einen Minister, dessen improvisierte Rede er bereits in der Tasche hat, die Tribüne besteigen sieht. Der Erzähler war ein alter emigrierter Marquis, dessen Vermögen, Frau und Kinder in den Katastrophen der Revolution zugrunde gegangen waren. Und da die Marquise eine der inkonsequentesten Frauen der vergangenen Zeit gewesen war, so fehlte es ihm nicht an Beobachtungen über die weibliche Natur. Da er jetzt in einem Alter stand, in dem man menschliche Angelegenheiten, sozusagen, bereits aus dem Grabe betrachtet, so sprach er von sich selber, wie wenn es sich um Marcus Antonius oder Kleopatra gehandelt hätte. Da ich die letzte Äußerung getan hatte, so erwies er mir die Ehre, folgende Ansprache an mich zu halten:

»Mein junger Freund! Ihre Betrachtungen erinnern mich an einen Abend, wo einer meiner Freunde sich derartig benahm, daß er für immer die Achtung seiner Frau verlor. Zu jener Zeit aber konnte eine Frau sich mit wunderbarer Leichtigkeit rächen, denn es war nicht weit vom Kelchesrand zur Lippe. Die beiden Eheleute schliefen in zwei getrennten Betten, die aber unter dem Himmel eines und desselben Alkovens vereinigt waren. Sie kamen von einem sehr glänzenden Ball zurück, den der kaiserliche Gesandte, Graf von Mercy, gegeben hatte. Der Mann hatte eine ziemlich große Summe im Spiel verloren und war daher völlig von seinen Gedanken in Anspruch genommen. Am nächsten Tage waren sechstausend Taler zu bezahlen! und – du erinnerst dich wohl, Nocé? – man hätte zuweilen keine hundert Taler gefunden, wenn man das bare Vermögen von zehn Musketieren zusammengeschüttet hätte . . . Die junge Frau – das bleibt ja in solchen Fällen niemals aus – war von einer Heiterkeit, die den Gatten zur Verzweiflung bringen konnte. ›Geben Sie dem Herrn Marquis‹, sagte sie dem Kammerdiener, ›alles, was er für seine Toilette braucht.‹ Zu jener Zeit kleidete man sich für die Nacht an. Diese ziemlich merkwürdigen Worte vermochten meinen Ehemann nicht aus seiner Betäubung zu reißen. Da beginnt die Gnädige, der ihre Kammerfrau beim Umkleiden hilft, tausend Koketterien zu machen: ›War ich heute abend nach Ihrem Geschmack?‹ fragt sie. – ›Sie gefallen mir immer!‹ antwortet der Marquis und geht weiter im Zimmer auf und ab. – ›Sie sind recht düster! Sprechen Sie doch zu mir, Herr Dunkelschön!‹ sagt sie, indem sie sich im verführerischsten Nachtkleide vor ihn hinstellt . . . Aber Sie werden sich niemals einen Begriff machen, was für Hexenkünste die Marquise anstellte; Sie müßten sie gekannt haben. Du, Nocé, hast die Frau gesehen!« rief er dazwischen mit einem ziemlich spöttischen Lächeln. – »Kurz und gut, trotz all ihrer Feinheit und all ihrer Schönheit scheiterten alle ihre Listen an den sechstausend Talern, die der Dummkopf von Mann nicht aus seinem Kopf loswerden konnte; sie legte sich schließlich allein zu Bett. Aber die Frauen haben stets einen hübschen Vorrat von Listen; und im Augenblick, wo mein guter Mann Miene macht, sich ebenfalls zu Bett zu legen, ruft die Marquise: ›Oh! Wie ist mir kalt!‹ – ›Mir auch!‹ erwidert er; ›aber warum legen unsere Leute denn auch keine Wärmpfannen in unsere Betten?‹ Und damit klingelt er . . .«

Unwillkürlich lachte Graf von Nocé laut heraus, und der alte Marquis schwieg ganz sprachlos still.

Daß man die Wünsche einer Frau nicht errät, daß man schnarcht, wenn sie wacht, daß man in Sibirien ist, wenn sie sich unter den Tropen befindet – das sind noch die geringsten Unzuträglichkeiten der Zwillingsbetten. Was wird eine leidenschaftliche Frau nicht alles wagen, wenn sie einmal gemerkt hat, daß ihr Mann einen festen Schlaf hat?

Ich verdanke Beyle eine italienische Anekdote, der seine trockene und sarkastische Vortragsweise einen unendlichen Reiz verlieh, als er sie mir als ein Beispiel weiblicher Kühnheit erzählte.

Ludovico hat seinen Palast an dem einen Ende von Mailand; am andern Ende der Stadt liegt der Palast der Gräfin Pernetti. Um Mitternacht dringt Ludovico, entschlossen, alles zu wagen, um eine Sekunde lang ein angebetetes Gesicht zu sehen, mit Lebensgefahr in den Palast seiner Liebsten ein. Es gelingt ihm wie durch Zauberkunst. Er kommt vor das eheliche Schlafgemach. Elisa Pernetti, deren Herz vielleicht den Wunsch ihres Geliebten geteilt hat, hört das Geräusch seiner Schritte und erkennt ihn am Gang. Sie sieht durch die Wände hindurch ein von Liebe entflammtes Gesicht. Sie erhebt sich vom Ehebett. Leicht wie ein Schatten eilt sie an die Schwelle der Tür, umfängt mit einem Blick Ludovico vom Kopf bis zu den Füßen, ergreift seine Hand, winkt ihm und zieht ihn mit sich fort.

»Aber er wird dich töten!« sagt er.

»Vielleicht.« – –

Aber dies alles ist noch gar nichts. Wir wollen zugeben, daß viele Ehemänner einen leichten Schlaf haben. Wir wollen ihnen zugeben, daß sie ohne zu schnarchen schlafen und daß sie stets erraten, unter welchem Breitengrad ihre Frau sich gerade befindet! Noch mehr, alle zur Verurteilung der Zwillingsbetten von uns angeführten Gründe fallen, wenn man will, nicht schwer ins Gewicht. Indessen es bleibt noch eine letzte Erwägung übrig, die unbedingt gegen den Gebrauch von zwei Betten in einem und demselben Alkoven sprechen muß:

In der Lage, in der ein Ehemann sich befindet, haben wir das Ehebett als ein Verteidigungsmittel angesehen. Nur im Bette kann er jede Nacht erfahren, ob die Liebe seiner Frau im Zunehmen oder im Abnehmen ist. Das Bett ist der Barometer der Ehe. Wenn man nun Zwillingsbetten benutzt, so heißt dies absichtlich auf jedes Wissen verzichten. Wenn wir – im dritten Teil – zum ›Häuslichen Krieg‹ gelangen, so wirst du erfahren, welchen unglaublichen Nutzen ein Bett bringt und wie viele Geheimnisse eine Frau unwillkürlich darin verrät.

Laß dich also niemals durch die falsche Harmlosigkeit der Zwillingsbetten verführen!

Sie sind die dümmste, heimtückischste und gefährlichste Erfindung, die es auf der ganzen Welt gibt. Schande und Fluch ihrem Erfinder!

Aber so verderblich diese Methode für junge Eheleute ist, ebenso heilsam und angemessen ist sie für Gatten, die das zwanzigste Jahr ihrer Ehe erreichen. Mann und Frau haben es dann viel bequemer bei den Duetten, die für ihre beiderseitigen Katarrhe nötig sind. Manchmal werden sie einer Klage, die ihnen ein Rheumatismus oder eine hartnäckige Gicht abpressen, oder vielleicht auch schon der Bitte um eine Prise Tabak die etwas mühseligen Wohltaten einer Nacht verdanken, die durch einen Abglanz ihrer ersten Liebestaten beseelt wird – immer vorausgesetzt, daß der Husten nicht ganz unerbittlich ist.

Wir haben es nicht für angebracht gehalten, die Ausnahmen zu erwähnen, die zuweilen einem Ehemann das Recht geben, Zwillingsbetten zu benutzen. Man hat zuweilen Ungemach zu bestehen. Bonaparte war indessen der Meinung, daß, wenn Gatten einmal ›ihre Seele und ihren Schweiß‹ vermischt hätten – dies sind seine eigenen Worte – nichts mehr sie trennen dürfte, auch Krankheit nicht. Dieser Punkt ist zu heikel, als daß man bestimmte Grundsätze dafür aufstellen dürfte.

Gewisse beschränkte Köpfe könnten auch den Einwand machen, daß es mehrere patriarchalische Familien gibt, in deren Gesetzbuch der erotischen Angelegenheiten der Paragraph über den Alkoven mit zwei Betten unerschütterlich feststeht, und daß in diesen Familien das Glück sich ›vom Vater auf den Sohn‹ vererbt. Hierauf gibt der Verfasser gar keine Antwort, sondern erklärt einfach, daß er viele sehr ehrenwerte Leute kennt, die ihr Leben damit hinbringen, daß sie dem Billardspiel zusehen.

Diese Art der Schlafzimmereinrichtung überlassen wir also hiermit dem Urteil aller verständigen Leute und gehen nunmehr zur zweiten Methode über.

2. Getrennte Schlafzimmer

Es kommen in Europa auf jede Nation keine hundert Ehemänner, die die Wissenschaft der Ehe – oder, wenn man will, des Lebens – bis zu dem Grade beherrschen, daß sie ein von dem Zimmer ihrer Frau getrenntes Zimmer bewohnen können.

Dieses System durchführen können – das ist der höchste Grad geistiger und männlicher Kraft.

Zwei Gatten, die getrennte Zimmer haben, haben sich entweder getrennt, oder sie haben das Glück zu finden gewußt, sie verabscheuen sich oder sie beten sich an.

Wir wollen es nicht unternehmen, hier die bewunderungswürdigen Vorschriften dieser Theorie auseinanderzusetzen, deren Zweck es ist, aus der Beständigkeit und Treue ein leichtes und köstliches Ding zu machen. Diese Zurückhaltung legt der Verfasser sich aus Ehrfurcht auf und nicht aus Unvermögen. Es genügt ihm, die Tatsache ausgesprochen zu haben, daß durch bloße Anwendung dieses Systems zwei Ehegatten die Träume so vieler schöner Seelen verwirklichen können: er wird von allen Gläubigen begriffen werden.

Allerdings die Profanen! Nun, mit den neugierigen Fragen dieser Leute wird der Verfasser bald fertig sein, indem er ihnen sagt, daß diese Einrichtung den Zweck hat, eine einzige Frau glücklich zu machen. Wer von ihnen möchte die Gesellschaft aller Talente, mit denen er sich ausgestattet wähnt, berauben wollen – und zu wessen Gunsten? Zugunsten einer Frau! Indessen, seine Lebensgefährtin glücklich machen, ist der schönste Ruhmestitel, den man im Tale Josaphat erwerben kann, da nach der Genesis Eva nicht mit dem irdischen Paradiese zufrieden gewesen ist. Es trieb sie das Gelüste, von der verbotenen Frucht zu kosten – ewiges Sinnbild des Ehebruchs.

Aber ein entscheidender Grund verbietet uns, diese glänzende Theorie ausführlich zu entwickeln; sie wäre in diesem Werke überhaupt nicht an ihrem Platz! Wir sind davon ausgegangen, daß eine Ehe sich in ganz besonderer Lage befindet – und der Mann, der so unvorsichtig wäre, in dieser Lage von seiner Frau getrennt zu schlafen, hätte nicht einmal auf Mitleid Anspruch, da er sich sein Unglück selber ins Haus gerufen haben würde.

Fassen wir also das bisher Gesagte noch einmal zusammen:

Nicht alle Männer sind imstande, das Wagnis zu unternehmen und in einem Zimmer zu schlafen, das von dem Zimmer ihrer Frau getrennt ist; dagegen können alle Männer sich einigermaßen mit den Schwierigkeiten abfinden, die mit der Benutzung eines einzigen Bettes verbunden sind.

Wir wollen uns also damit beschäftigen, die Schwierigkeiten zu lösen, welche oberflächliche Geister auch an diesem letztern Verfahren zu bemerken glauben könnten. Wir selber hegen für dieses eine ausgesprochene Vorliebe.

Möge aber dieser Abschnitt, wenn er auch gewissermaßen stumm ist und von uns in dieser Form den Auslegungen mehr als eines Ehepaares überlassen wird, als Piedestal für die erhabene Gestalt Lykurgs dienen, dem von allen Gesetzgebern des Altertums die Griechen die tiefsten Gedanken über die Ehe verdankten. Möchte sein System von den künftigen Geschlechtern verstanden werden können! Und wenn die Sitten der Neuzeit zu sehr verweichlicht sind, als daß das ganze System angenommen werden könnte – möchten sie doch wenigstens von dem kräftigen Geist dieser bewunderungswürdigen Gesetzgebung sich durchdringen lassen!

3. Ein und dasselbe Bett

In einer Dezembernacht betrachtete der Große Friedrich den Himmel, dessen Sterne jenes lebhafte und reine Licht ausstrahlten, das auf einen harten Frost hindeutet, und rief: »Dies Wetter wird Preußen viele Soldaten verschaffen!«

In diesem einzigen Satze brachte der König den Hauptübelstand zum Ausdruck, der mit dem beständigen Zusammenschlafen von Eheleuten verbunden ist. Ein Napoleon und ein Friedrich mögen vor einer Frau eine höhere oder geringere Achtung haben, je nach der Zahl ihrer Kinder; aber ein begabter Ehemann muß nach den in der Betrachtung über die persönlichen Mittel aufgestellten Grundsätzen die Erzeugung eines Kindes nur als ein Verteidigungsmittel betrachten, und es ist seine Sache, zu wissen, wann es notwendig ist, ein solches hervorzubringen.

Diese Beobachtung führt uns zu Mysterien, auf die die physiologische Muse sich nicht einlassen darf. Sie ist allerdings bereit gewesen, eheliche Schlafzimmer zu betreten, solange diese unbewohnt waren; aber als spröde Jungfrau errötet sie beim Anblick von Liebesspielen.

Da nun an dieser Stelle des Buches diese Muse ihre weißen Hände vor die Augen hält, und zwar nicht etwa, um wie ein junges Mädchen durch die Fingerspalten hindurchzulugen, so wird sie diese Anwandlung von Schamhaftigkeit benutzen, um unsern Sitten einen ernsten Tadel auszusprechen.

In England ist das eheliche Schlafgemach ein geheiligter Ort. Nur die beiden Gatten haben das Vorrecht, es zu betreten; es gibt sogar, wie man sagt, mehr als eine Lady, die sich ihr Bett selbst macht. Wie kommt es, daß von allen Manieren, die jenseits des Kanals im Schwange sind, wir gerade die einzige abgelehnt haben, deren geheimnisvolle Anmut allen zarten Seelen des europäischen Festlandes hätte gefallen müssen? Zartfühlende Frauen verdammen die Schamlosigkeit, womit man in Frankreich fremden Menschen Zutritt in das Allerheiligste der Ehe gestattet. Unsere Meinung darüber kann nicht zweifelhaft sein; wir haben uns ja schon mit allem Nachdruck gegen die Frauen ausgesprochen, die mit ihrer Schwangerschaft Staat machen. Wenn wir verlangen, daß der Junggesellenstand Respekt vor dem Ehestand haben soll, so müssen auch die verheirateten Leute Rücksichten auf die leichte Entzündlichkeit der Junggesellen nehmen.

Alle Nächte bei seiner Frau zu schlafen, kann allerdings – dies müssen wir zugeben – als eine höchst anmaßende Geckenhaftigkeit gelten.

Viele Ehemänner werden sich fragen, wie jemand, der den Anspruch erhebt, die Ehe vervollkommnen zu wollen, es wagen kann, einem Ehemann eine Lebensweise vorzuschreiben, durch die ein Liebhaber sich zugrunde richten würde.

Indessen – so lautet die Entscheidung des Doktors der ehelichen Künste und Wissenschaften:

Zunächst ist für einen Ehemann – falls er nicht etwa jede Nacht außer dem Hause schläft – dieser Entschluß der einzige, der ihm übrigbleibt, da wir die Gefahren der beiden vorhergehenden Systeme nachgewiesen haben. Wir müssen also ferner den Beweis zu führen versuchen, daß diese dritte Art der Schlafzimmereinrichtung mehr Vorteile und weniger Unannehmlichkeiten bietet, als es hinsichtlich der beiden ersten in der von uns angenommenen kritischen Lage einer Ehe der Fall ist.

Aus unsern Bemerkungen über die Zwillingsbetten haben die Ehemänner entnehmen müssen, daß sie gewissermaßen verpflichtet sind, stets auf den Wärmegrad gestimmt zu sein, der die harmonische Organisation ihrer Frauen temperiert. Und da meinen wir nun, diese vollkommene Gleichheit der Gefühlsstimmungen muß sich unter der weißen Ägide, die die beiden Gatten mit ihrem schützenden Linnen bedeckt, auf recht natürliche Weise einstellen; dies ist aber bereits ein unermeßlicher Vorteil!

Denn nichts ist leichter, als zu jeder Stunde bei einer Frau den Grad von Liebe und Anschmiegungsbedürfnis festzustellen, wenn dasselbe Kissen die Köpfe der beiden Gatten aufnimmt.

Der Mensch – wir sprechen hier von der Gattung Mensch – hat bei sich eine Art von stets in Ordnung gehaltenem Inventarverzeichnis, worauf deutlich und ohne Irrtum die Summe der ihm innewohnenden Sinnlichkeit angegeben ist. Dieser geheimnisvolle ›Gynometer‹ ist die menschliche Hand. Die Hand ist ohne Zweifel von unsern Organen dasjenige, das unsere sinnlichen Erregungen am unmittelbarsten überträgt. Die ›Chirologie‹ ist ein fünftes Werk, das ich meinen Nachfolgern vermache, denn ich werde mich damit begnügen, hier nur auf die für meinen Gegenstand in Betracht kommenden Grundzüge dieser Wissenschaft aufmerksam zu machen.

Die Hand ist das recht eigentliche Werkzeug des Tastsinnes. Nun ist aber der Tastsinn gerade derjenige Sinn, der noch am wenigsten unvollkommen alle andern Sinne zu vertreten vermag, während keiner dieser Sinne ihn ersetzen kann. Die Hand, die ganz allein alles ausgeführt hat, was bis jetzt der Mensch ersann, ist gewissermaßen geradezu gleichbedeutend mit ›Handlung‹. Durch sie betätigt sich die Gesamtsumme ihrer Kraft, und es ist bemerkenswert, daß fast alle Menschen von mächtiger Intelligenz schöne Hände gehabt haben, deren Vollkommenheit das charakteristische Anzeichen eines hohen Geschickes ist. Jesus Christus hat alle seine Wunder durch Handauflegen gewirkt. Die Hand schwitzt gewissermaßen Leben aus, und überall, wo sie hingelegt wird, läßt sie die Spuren einer Zaubermacht zurück; daher kommt denn auch auf ihre Rechnung die Hälfte aller Wonnen der Liebe. Sie verrät dem Arzt alle Geheimnisse unseres Organismus. Mehr als irgendein anderer Teil des Körpers strömt sie Nervenfluidum aus, den geheimnisvollen Stoff, den wir in Ermanglung eines andern Ausdrucks als ›Willen‹ bezeichnen müssen. Das Auge kann den Zustand unserer Seele malen, aber die Hand teilt gleichzeitig die Geheimnisse des Körpers und die des Gedankens mit. Wir bringen es dahin, unsern Augen, unsern Lippen, unsern Brauen, unserer Stirn Schweigen zu gebieten; aber die Hand heuchelt nicht, und kein einziger unserer Züge läßt sich an Reichtum der Ausdrucksfähigkeiten mit ihr vergleichen. Die Wärme und die Kälte der Hand weisen so unmerkliche Nuancen auf, daß diese der Wahrnehmung oberflächlicher Menschen entgehen; aber wer sich auch nur ein wenig mit der Anatomie der Gefühle und der Dinge des Menschenlebens beschäftigt hat, der weiß diese Nuancen zu unterscheiden. So ist die Hand zum Beispiel auf tausendfach verschiedene Art trocken, feucht, glühendheiß, eiskalt, weich, rauh, fettig. Sie zuckt, sie wird fettig, wird hart, wird weich. Mit einem Wort: sie ist ein unerklärliches Phänomen, das man als die ›Verkörperung des Gedankens‹ bezeichnen möchte. Sie bringt den Bildhauer und den Maler zur Verzweiflung, wenn sie das wechselnde Labyrinth ihrer geheimnisvollen Linienverschlingungen wiedergeben wollen. Einem Menschen die Hand hinstrecken, heißt: ihn retten. Sie ist das Unterpfand aller unserer Gefühle. Zu allen Zeiten haben Zauberinnen behauptet, sie könnten in ihren Linien unsere künftigen Geschicke lesen; die Linien haben nichts Phantastisches an sich, sondern entsprechen den Grundursachen unseres Lebens und Charakters. Wenn eine Frau einen Mann des Mangels an ›Takt‹ beschuldigt, so verurteilt sie unwiderruflich. Endlich spricht man ja auch von der ›Hand der Gerechtigkeit‹ von der ›Hand Gottes‹; und von einem ›Handstreich‹, wenn man eine besonders kühne Unternehmung bezeichnen will.

Durch die barometerartigen Veränderungen der Hand, die eine Frau fast immer ohne Mißtrauen ihrem Manne überläßt, die Gefühle erkennen zu lernen, das ist ein weniger undankbares und sichereres Studium als die Physiognomik.

Du kannst dich also, indem du dir diese Wissenschaft zu eigen machst, mit einer großen Macht bewaffnen. Du erhältst damit einen Faden, der im Labyrinth der undurchdringlichsten Herzen dich führen wird. Und so siehst du, daß du dein Zusammenschlafen von sehr vielen Mängeln freisprechen und daß du ihm sehr viele Schätze zugestehen mußt.

Und glaubst du jetzt wirklich allen Ernstes, du müßtest ein Herkules sein, weil du jeden Abend mit deiner Frau dich in ein Bett legst? Albernheit! Ein geschickter Ehemann verfügt in dieser Lage über viel mehr Mittel, sich mit Anstand aus der Sache herauszuziehen, als Frau von Maintenon, wenn sie genötigt war, anstatt einer Schüssel eine Geschichte aufzutischen.

Wie Buffon und einige Physiologen behaupten, werden unsere Organe durch die Begierde viel mehr als durch die lebhaftesten Genüsse angegriffen. Bedeutet nicht in der Tat die Begier eine Art von Besitz, der nur in der Einbildung uns zuteil wird? Verhält sie sich nicht zur sichtbaren Handlung wie die Ereignisse des geistigen Lebens, deren Genuß wir im Schlafe haben, sich zu den Ereignissen unseres körperlichen Lebens verhalten? Erfordert nicht diese energische ›Vorstellung‹ von Dingen eine innere Bewegung, die mächtiger ist als die äußerliche Handlung? Wenn unsere Gebärden nur die Äußerung von Vorgängen sind, die in unserm Denken bereits vollzogen waren – welche Mengen von Lebenskraft müssen dann wohl oft wiederholte Begierden verbrauchen! Durchfurchen nicht die Leidenschaften, die nichts weiter als Massen von Begierden sind, mit ihren Blitzen die Gesichter der Spieler, der Ehrgeizigen, verzehren sie nicht deren Körper mit einer wunderbaren Schnelligkeit?

So müssen denn diese Beobachtungen die Keime eines geheimnisvollen Systems enthalten, dessen Schutzheilige Platon und Epikur zugleich sind; mit dem Schleier der ägyptischen Götterbilder verhüllt, überlassen wir es dem Nachdenken der Leser.

Aber der größte Irrtum, den die Menschen begehen können, ist der Glaube, die Liebe bestehe nur in jenen flüchtigen Augenblicken unseres Lebens, die nach Bossuets prachtvollem Vergleich Nägeln gleichen, die hier und da in eine Wand eingeschlagen sind: sie erscheinen dem Auge zahlreich; aber sammle sie – und sie finden in deiner Hand Platz.

Die Liebe besteht fast nur aus Gesprächen. Bei einem Liebenden gibt es nur ein Einziges, was unerschöpflich ist: nämlich Güte, Anmut und Zartgefühl. Alles fühlen, alles erraten, alles schon im voraus tun; Vorwürfe machen, ohne die zärtliche Liebe zu betrügen; ein Geschenk ohne jeden Stolz darzubringen wissen; den Wert irgendeiner Handlung durch eine sinnreiche Form verdoppeln; mit Taten und nicht mit Worten schmeicheln; lieber sich selbst verständlich machen, als gar zu lebhaft auf das von der Frau Gesagte eingehen; zart berühren, nicht schlagen; mit dem Blick und sogar mit dem Klang der Stimme liebkosen; niemals in Verlegenheit bringen; unterhalten, ohne den guten Geschmack zu beleidigen; immer das Herz zu streicheln wissen; zur Seele sprechen – das ist es, was alle Frauen wünschen; sie geben gerne die Wonnen aller Nächte einer Messalina darum, wenn sie mit einem Wesen zusammenleben können, das sie mit diesen Liebkosungen der Seele überhäuft, nach denen sie so lecker sind, und die einen Mann nichts kosten als ein wenig Aufmerksamkeit.

Diese Zeilen enthalten den größten Teil der Geheimnisse des Ehebettes. Scherzbolde werden vielleicht diese lange Definition der Höflichkeit für eine Definition der Liebe halten, während sie doch, alles in allem genommen, nichts weiter ist als eine Empfehlung, deine Frau so zu behandeln, wie du den Minister behandeln würdest, der die von dir begehrte Stellung zu vergeben hat.

Hier höre ich Tausende von Stimmen schreien: dieses Werk trete öfter für die Sache der Frauen ein als für die Sache der Männer.

Die meisten Frauen seien einer solchen zarten Sorgfalt unwürdig und würden sie mißbrauchen.

Es gebe Frauen, die von einem Hang zu zügelloser Sinnlichkeit besessen wären; diese würden sich mit einem Verfahren, das sie als Mystifikation bezeichnen würden, nicht recht zufriedengeben.

Die Frauen seien durch und durch verkörperte Eitelkeit und dächten nur an ihre Fähnchen.

Sie setzten sich manchmal Dinge in den Kopf, auf eine Weise, die einfach unerklärlich sei.

Manchmal ärgerten sie sich über eine höfliche Aufmerksamkeit.

Sie seien dumm, sie verständen nichts, sie taugten nichts, usw.

Als Antwort auf all dieses Geschrei wollen wir hier einen Satz hersetzen, der – um uns eines Ausdrucks von Beaumarchais zu bedienen – vielleicht nach einem Gedanken aussehen wird, weil er zwischen zwei weißen Zeilen steht.

 

LXIII. Die Frau ist für ihren Mann, was ihr Mann aus ihr gemacht hat.

In dem Ehebett besitzest du einen treuen Dolmetscher, der mit tiefer Wahrheit die Gefühle einer Frau überträgt; du machst sie dadurch zur Spionin ihrer selbst; du befindest dich stets auf der Höhe ihrer Liebestemperatur; du verläßt sie niemals, du kannst ihren Schlummer hören, kannst alle jene Unvernünftigkeiten vermeiden, die so viele Ehen unglücklich machen – und dies sind die Gründe, aus denen ein Ehebett für beide Gatten den beiden andern Arten der Einrichtung des ehelichen Schlafgemachs vorgezogen werden muß.

Da es aber nichts Gutes ohne eine kleine Beimischung von Unbequemlichkeit gibt, so mußt du elegant zu schlafen verstehen, mußt unter der Nachtmütze ein würdiges Aussehen zu bewahren wissen, höflich sein, einen leichten Schlaf haben, nicht zu viel husten und mußt es machen wie die modernen Schriftsteller, die mehr Vorreden als Bücher produzieren.

 

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