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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 20
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Konstitutionelle Eheregierung

Ich gestehe, daß ich in Paris eigentlich nur ein einziges Haus kenne, das nach dem in den beiden vorhergehenden Betrachtungen auseinandergesetzten System eingerichtet ist. Aber ich muß auch hinzufügen, daß ich das System nach dem Hause ausgearbeitet habe. Diese bewunderungswürdige Festung gehört einem von Liebe und Eifersucht trunkenen jungen Staatsrat, einem der Berichterstatter über die Bittschriften.

Als er erfuhr, daß es einen Menschen gäbe, der sich ausschließlich mit der Vervollkommnung der Ehe in Frankreich beschäftigte, war er so höflich, mir die Türen seines Hauses zu öffnen und mir die Frauengemächer zu zeigen. Ich bewunderte den tiefen Geist, der mit so großer Geschicklichkeit die Vorsichtsmaßregeln einer beinahe orientalischen Eifersucht unter der Eleganz der Möbel, unter der Schönheit der Teppiche und der glänzenden Neuheit der Tapeten verborgen hatte. Ich mußte zugeben, daß es seiner Frau unmöglich wäre, sich ihrer Wohnung als eines Hilfsmittels bei einer Untreue zu bedienen.

»Mein Herr,« sagte ich zu dem Staatsrat-Othello, dessen Leistungen in der höhern Ehepolitik mir sehr bedeutend erschienen, »ich bezweifle nicht, daß es der Frau Vicomtesse viel Vergnügen macht, in diesem kleinen Paradiese zu leben; es muß ihr sogar ein ganz außerordentliches Vergnügen machen, besonders wenn Sie selbst oft dort sind; aber es wird ein Augenblick kommen, wo sie genug davon hat, denn, mein Herr, man bekommt von allem genug, selbst vom Erhabenen. Was werden Sie dann machen, wenn Frau Vicomtesse an allen Ihren Erfindungen nicht mehr den ursprünglichen Reiz findet, den Mund zum Gähnen öffnet und Ihnen vielleicht eine Bittschrift einreicht, in der sie um zwei Rechte nachsucht, die zu ihrem Glück unumgänglich notwendig sind: um die persönliche Freiheit, das heißt, die Erlaubnis, gehen und kommen zu dürfen, wie Laune und Wille sie treibt; und um Preßfreiheit, das heißt, die Erlaubnis, Briefe zu schreiben und zu empfangen, ohne Ihre Zensur befürchten zu müssen?«

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so preßte der Herr Vicomte de V . . . mir stark den Arm und rief:

»Ja, da sieht man die Undankbarkeit der Frauen! Wenn es etwas Undankbareres als einen König gibt, so ist es ein Volk; aber, mein Herr, die Frau ist noch undankbarer als sie alle. Eine verheiratete Frau macht es mit uns, wie die Bürger einer konstitutionellen Monarchie es mit einem König machen: da schafft man ihnen eine schöne Existenz in einem schönen Lande; da gibt eine Regierung sich eine riesige Mühe mit Gendarmen, Abgeordnetenkammern, einer Verwaltung und dem ganzen Apparat der bewaffneten Macht, um ein Volk nicht Hungers sterben zu lassen, um auf Kosten der Bürger die Städte mit Gas zu beleuchten, um allen ihren Untertanen die Sonnenwärme des fünfundvierzigsten Breitengrades zu verschaffen und um allen Leuten, mit Ausnahme der Steuereinnehmer, zu verbieten, Geldforderungen einzutreiben, um Wege zu pflastern, so gut es eben gehen will – nun, von allen diesen Vorzügen einer so schönen Utopie findet kein einziger Anerkennung! Die Bürger wollen etwas anderes! Ohne sich zu genieren, verlangen sie auch noch das Recht, nach freiem Belieben auf diesen Straßen herumgehen zu dürfen; sie wollen wissen, wo das Geld bleibt, das sie den Steuereinnehmern geben – mit einem Wort: der Monarch wäre genötigt, einem jeden ein kleines Teilchen von seinem Throne abzutreten, wenn er auf das Geschwätz einiger Kritiker hören oder auf gewisse dreifarbige Ideen eingehen müßte, eine Art von Hanswursten, die eine Truppe sogenannter Patrioten spielen läßt; und diese Patrioten sind lauter Erzgalgenstricke, die stets bereit sind, um eine Million eine anständige Frau oder um eine Herzogskrone ihre Gewissen zu verkaufen.«

»Herr Vicomte,« unterbrach ich ihn, »in diesem letzten Punkte bin ich vollkommen Ihrer Meinung; aber was werden Sie tun, um einer Antwort auf die berechtigten Forderungen einer Frau auszuweichen?«

»Mein Herr, ich werde tun . . ., und ich werde antworten, was die Regierungen tun und antworten, die nicht so dumm sind, wie die Mitglieder der Opposition sie ihren Wählern schildern möchten. Zunächst würde ich feierlich eine Art Verfassung erlassen, auf Grund deren meine Frau für völlig frei erklärt wird. Ich erkenne in vollem Umfang ihr Recht an, kommen und gehen zu dürfen, woher und wohin sie will, zu schreiben, an wen sie will, und Briefe zu empfangen, um deren Inhalt ich mich nicht bekümmern darf. Meine Frau wird alle Rechte des englischen Parlaments haben: ich lasse sie sprechen, so viel sie will, lasse sie starke und energische Maßregeln beantragen und diskutieren, aber ohne daß sie sie zur Ausführung bringen kann, und nachher . . . werden wir schon sehen!«

»Beim heiligen Joseph!« sagte ich bei mir selbst, »das ist einmal einer, der ebensogut wie ich selber die Wissenschaft der Ehe begriffen hat.« Um aber noch weitere Aufklärungen zu erhalten, antwortete ich laut: »Was Sie sehen werden, mein Herr? Sie werden sehen, daß Sie eines schönen Morgens gerade so gut ein Hahnrei sind wie irgendein anderer.«

»Mein Herr,« fuhr er ernst fort, »erlauben Sie mir erst, zu Ende zu sprechen. Wir haben da, was die großen Politiker eine Theorie nennen; aber sie wissen in der Praxis diese Theorie vollständig in Rauch aufgehen zu lassen; und die Minister verstehen noch besser als alle Advokaten der Normandie die Form an Stelle des Kerns der Sache zu setzen. Herr von Metternich und Herr de Pilat, zwei höchst bedeutende Männer, fragen sich seit langer Zeit, ob auch Europa bei gesundem Verstande ist, ob es träumt, ob es weiß, wohin es treibt, ob es jemals vernünftig gedacht hat – was doch für die große Menge, für eine Nation als Ganzes und für die Frauen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Herren Metternich und Pilat sehen mit Entsetzen, daß in unserm Jahrhundert die Sucht nach Verfassungen herrscht, wie das vorhergehende durch die Philosophie und wie das Jahrhundert Luthers durch die Sehnsucht nach Abschaffung der Mißbräuche der römischen Religion beherrscht wurde; denn es hat wirklich den Anschein, als ob die Generationen Verschwörern gleichen, deren Handlungen alle auf ein Ziel hinarbeiten, nachdem sie ein gemeinsames Losungswort empfangen haben.

»Aber sie haben unrecht, wenn sie darob erschrecken, und nur dieses tadle ich an ihnen – denn sie haben völlig recht, daß sie die Macht ausüben wollen, ohne daß eines schönen Tages die Bürgersleute aus allen Winkeln ihrer sechs Königreiche hervorkommen, um sie zu ärgern. Wie ist es möglich, daß so bedeutende Männer nicht die tiefe Moral herausgefunden haben, die das konstitutionelle Possenspiel enthält, und daß sie nicht sehen, daß es die allerklügste Politik ist, dem Jahrhundert einen Knochen zum Benagen zu lassen? In bezug auf die Souveränität denke ich vollkommen wie sie. Eine ›Regierungsgewalt‹ ist ein moralisches Wesen, das an seiner Erhaltung ein ebenso großes Interesse hat, wie ein Mensch an dem seinigen. Das Gefühl der Erhaltung wird durch einen Hauptgrundsatz gelenkt, der sich in drei Worten ausdrücken läßt: nur nichts verlieren! Um nichts zu verlieren, muß man wachsen oder unendlich groß bleiben; denn eine Regierungsgewalt, die stillsteht, ist so gut wie gar keine. Wenn sie Rückschritte macht, ist sie keine Gewalt mehr, sondern wird durch eine andere Gewalt fortgerissen. Ich weiß so gut wie jene Herren, in welcher falschen Lage eine unbeschrankte Gewalt bleibt, die ein Zugeständnis macht: sie läßt in ihrer Existenz eine andere Gewalt entstehen, die ihrem Wesen nach danach streben muß, größer zu werden. Notwendigerweise muß die eine Gewalt die andere vernichten, denn jedes Wesen strebt nach der größtmöglichen Entwicklung seiner Kräfte; eine Gewalt macht also niemals Zugeständnisse, ohne zu versuchen, sie wieder zurückzunehmen. Auf diesem Kampf zwischen den beiden Gewalten beruhen unsere Regierungen, deren Spiel ganz ohne Grund dem Patriarchen der österreichischen Diplomatie Furcht einflößt; denn wenn man Komödie mit Komödie vergleicht, so ist die ungefährlichste und einträglichste die von England und Frankreich gespielte Komödie. Diese beiden Vaterländer haben zum Volk gesagt: ›Du bist frei!‹ Und das Volk ist damit zufrieden gewesen; es bildet für die Regierung eine Menge Nullen, die dem Einser Wert verleihen. Will aber das Volk unruhig werden, so führt man mit ihm die Mahlzeit Sancho Pansas auf, wobei der zum Beherrscher einer Festlandsinsel beförderte Schildknappe zu essen versuchte. Diese wunderbare Szene sollten wir Männer alle in unserer Häuslichkeit nachahmen. So hat denn also meine Frau wohl das Recht, auszugehen, aber sie muß mir erklären, wohin sie geht, ob zu Fuß oder im Wagen, aus welchem Anlaß sie geht und wann sie wiederkommen wird. Doch stelle ich diese Fragen nicht mit der Brutalität unserer Polizei – die ohne Zweifel eines Tages besser sein wird – sondern ich bediene mich dabei mit aller Sorgfalt der liebenswürdigsten Formen. Auf meinen Lippen, in meinen Augen, in meinen Gesichtszügen erscheinen abwechselnd Neugier und Gleichgültigkeit, Ernst und Scherz, Widerspruch und Liebe. Es sind für uns kleine Ehestandsszenen voller Geist, Feinheit und Anmut, die zu spielen ein großes Vergnügen ist. An dem Tage, an dem ich meiner Frau ihren Kranz von Orangenblüten vom Kopf nahm, begriff ich, daß wir, wie bei einer Königskrönung, die ersten scherzhaften Auftritte einer langen Komödie gespielt hatten. – Ich habe Gendarmen! Ich habe meine Königsgarde, ich habe meine Oberstaatsanwälte, jawohl!« fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort. »Denken Sie, ich dulde jemals, daß meine Frau Gemahlin zu Fuß ausgeht, ohne von einem Lakaien in Livree begleitet zu werden? Zeugt das nicht vom allerbesten Ton? Dabei rechne ich gar nicht, wie angenehm es für sie ist, überall sagen zu können: ›Ich habe Dienerschaft.‹ Aber mein konservatives Prinzip hat vor allen Dingen darin bestanden, mit den Ausgängen meiner Frau stets meine eigenen zu verbinden, und seit zwei Jahren habe ich ihr zu beweisen gewußt, daß es für mich ein ewig neues Vergnügen sei, ihr den Arm zu bieten. Wenn das Wetter zum Gehen zu schlecht ist, versuche ich, sie mit Eleganz ein munteres Pferd lenken zu lehren – aber ich schwöre Ihnen, ich richte das so ein, daß sie es nicht so bald lernen wird! Sollte sie zufällig, oder weil sie es ausdrücklich will, ohne Paß entschlüpfen wollen, das heißt in ihrer Equipage und allein, so habe ich ja doch einen Kutscher, einen Heiducken, einen Reitknecht. So kann also meine Frau gehen, wohin sie will, sie hat eine ganze heilige Hermandad bei sich, und ich bin vollkommen ruhig. Und, mein werter Herr, wie viele Mittel besitzen wir nicht, die Konstitution der Ehe durch die Praxis und den Buchstaben durch die Auslegung aufzuheben. Ich habe bemerkt, daß mit den Sitten der hohen Gesellschaft ein Müßiggang verbunden ist; der die Hälfte von dem Leben einer Frau verschlingt, ohne daß sie überhaupt merkt, daß sie lebt. Ich für mein Teil habe den Plan gefaßt, auf geschickte Weise meine Frau bis ans vierzigste Jahr zu führen, ohne daß sie an Ehebruch denkt – wie der selige Musson sich den Spaß machte, einen Bürgersmann von der Rue Saint Dénis nach Pierrefitte zu führen, ohne daß dieser eine Ahnung davon hatte, den Schatten des Kirchturms von Saint Leu verlassen zu haben.«

»Wie!« unterbrach ich ihn, »sollten Sie zufällig die wunderbaren Täuschungen erraten haben, die ich in einer Betrachtung unter dem Titel: ›Die Kunst, den Tod ins Leben zu bringen‹ zu beschreiben gedachte . . .? Ach! Ich glaubte der erste zu sein, der diese Wissenschaft entdeckt hätte. Dieser treffende Titel war mir eingefallen, als ein junger Arzt mir den Inhalt einer ausgezeichneten noch unveröffentlichten Erzählung von Crabbe mitteilte. In diesem Werk hat der Dichter ein phantastisches Wesen personifiziert, das er ›das Leben im Tode‹ nennt. Diese Gestalt verfolgt durch alle Ozeane der Welt ein lebendes Skelett, das ›der Tod im Leben‹ genannt wird. Ich erinnere mich, daß wenige von den Gästen des Lebemanns, der das englische Gedicht übersetzt hatte, den geheimnisvollen Sinn dieser ebenso wahren wie phantastischen Fabel begriffen. Ich war vielleicht der einzige, der, in ein dumpfes Schweigen versunken, an jene ganzen Generationen dachte, die, vom Leben vorwärts getrieben, dahinschwinden, ohne zu leben. Frauengestalten erhoben sich vor mir zu Tausenden, zu Zehntausenden, alle tot, mit verhärmten Gesichtern und Tränen der Verzweiflung vergießend, indem sie auf die verlorenen Stunden ihrer unwissenden Jugend blickten. In der Ferne sah ich eine boshafte ›Betrachtung‹ entstehen, ich hörte bereits ihr satanisches Gelächter; und nun werden Sie ohne Zweifel diese Betrachtung töten . . . Aber hören Sie, teilen Sie mir doch schnell die von Ihnen gefundenen Mittel mit, durch die Sie einer Frau die flüchtigen Augenblicke verschwenden helfen, wo sie in der Blüte ihrer Schönheit, in der Kraft ihrer Begierden ist . . . vielleicht haben Sie einige strategische Züge, einige Listen entdeckt, die ich noch nicht beschrieben habe.«

Der Vicomte lachte über diese Enttäuschung eines Schriftstellers und sagte selbstzufrieden zu mir:

»Meine Frau hat wie alle jungen Mädchen unseres glücklichen Jahrhunderts drei oder vier Jahre lang mit ihren Fingern die Tasten eines Pianos bearbeitet, das nichts dafür konnte. Sie hat Beethoven zusammengestümpert, Rossinis Arietten gesummt und die Cramerschen Übungen durchgenommen. Ich habe es mir nun angelegen sein lassen, ihr die Überzeugung beizubringen, daß sie eine hervorragende Begabung für Musik besitze: zu diesem Zweck habe ich applaudiert, habe, ohne zu gähnen, die langweiligsten Sonaten von der Welt angehört und habe mich dazu herbeigelassen, ihr eine Loge in der Komischen Oper zu geben. Dadurch habe ich denn drei friedliche Abende gewonnen, drei von den sieben, die Gott in der Woche geschaffen hat. Ich bin immer auf der Suche nach ›musikalischen Häusern‹. In Paris gibt es Salons, die genau wie jene deutschen Tabaksdosen mit Musik sind, eine Art von beständigen ›Componiums‹; in diesen hole ich mir regelmäßig musikalische Magenbeschwerden, die meine Frau Konzerte nennt. Dafür begräbt sie sich aber den größten Teil ihrer Zeit unter ihren Notenheften . . .«

»Ei, Herr Vicomte, wissen Sie nicht, wie gefährlich es ist, eine Frau Geschmack am Singen finden zu lassen und sie allen Aufregungen einer sitzenden Lebensweise preiszugeben? Es fehlte ja bloß noch, daß Sie ihr Hammelfleisch zu essen gäben und sie Wasser trinken ließen!«

»Meine Frau ißt stets nur das Weiße vom Geflügel, und ich halte darauf, daß auf ein Konzert stets ein Ball folgt, auf eine Vorstellung der Italienischen Oper stets ein Essen! So ist es mir denn auch gelungen, es dahin zu bringen, daß sie während sechs Monaten des Jahres niemals vor ein oder zwei Uhr morgens zu Bett kommt. Ah, die segensreichen Folgen dieses späten Zubettgehens sind unberechenbar! Zunächst wird eine jede dieser notwendigen Vergnügungen ihr bewilligt, wie wenn es eine besondere Gunst wäre, und dabei hat es den Anschein, als täte ich damit stets nur meiner Frau einen Gefallen; ferner bringe ich ihr die Überzeugung bei, daß sie von sechs Uhr abends, wo wir speisen und sie in großer Toilette erscheint, bis elf Uhr früh, wo wir aufstehen, sich beständig amüsiert.«

»O Herr Vicomte, wie dankbar muß sie Ihnen sein für ein so schön ausgefülltes Leben!«

»Ich habe also eigentlich nur noch drei gefährliche Stunden auszufüllen; aber hat sie nicht ihre Sonaten zu studieren, ihre Arien einzuüben? Ferner schlage ich ihr fortwährend Spazierfahrten im Boulogner Hölzchen vor, ab und zu ist ein neuer Wagen zu probieren, es sind Besuche abzustatten, usw. Und das ist noch nicht alles. Der schönste Schmuck einer Frau ist eine auserlesene Sauberkeit, die größte Sorgfalt in dieser Hinsicht kann niemals übertrieben und niemals lächerlich sein; ihre Toilette gibt mir ebenfalls noch Mittel an die Hand, sie um die schönsten Augenblicke ihres Tages zu bringen.«

»Sie sind würdig, meine Lehren zu vernehmen!« rief ich. »Herr Vicomte, Sie werden sie täglich vier Stunden beschäftigen, wenn Sie ihr eine Kunst beibringen wollen, die den elegantesten Modedamen unserer Zeit unbekannt ist! Schildern Sie Ihrer Frau Gemahlin die wunderbaren Toilettenkünste, die der orientalische Luxus der römischen Damen geschaffen hatte, zählen Sie ihr die Sklavinnen auf, die bloß im Bade von der Kaiserin Poppäa gebraucht wurden! Erzählen Sie ihr von jener Menge von Sklavinnen, die Mirabeau in seinem ›Erotika Biblion‹ aufgerechnet hat. Wenn sie nun versucht, alle diese Leute zu ersetzen, so bekommen Sie dadurch schöne Stunden der Ruhe, ganz abgesehen von den persönlichen Annehmlichkeiten, die Sie dadurch haben, daß in Ihrem Hause die Toilettenkunst dieser berühmten Römerinnen Eingang findet, deren kunstvoll frisierte Haare mit Wohlgerüchen betaut wurden, deren Adern von einem neuen Blut durchströmt zu werden schienen, indem ihr Leib zu den Klängen einer wollüstigen Musik mit Myrrhen, Linnen, Wohlgerüchen, klaren Wassern und Blumen gepflegt wurde.«

»Ei, mein werter Herr!« versetzte der Ehemann, der immer mehr in Aufregung geriet, »bietet mir nicht ihre Gesundheit wunderbare Vorwände? Diese so kostbare und mir so teure Gesundheit erlaubt mir, ihr jedes Ausgehen bei schlechtem Wetter zu untersagen, und damit gewinne ich ein volles Viertel des Jahres. Auch habe ich den lieblichen Brauch eingeführt, daß keines von uns beiden jemals ausgeht, ohne dem andern den Abschiedskuß zu geben und dazu zu sagen: ›Mein lieber Engel, ich gehe aus.‹ Endlich habe ich auch für die Zukunft vorzusorgen gewußt und meine Frau für immer zu einer Gefangenen ihrer Häuslichkeit gemacht, wie einen Soldaten, der in seinem Schilderhause steht! Ich habe ihr eine unglaubliche Begeisterung für die geheiligten Pflichten der Mutterschaft eingeflößt.«

»Wohl, indem Sie ihr widersprachen?« fragte ich.

»Sie haben's erraten!« sagte er lachend. »Ich behauptete ihr gegenüber, es sei einer Dame der feinen Welt unmöglich, ihre gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen, ihren Haushalt zu führen, sich allen Launen der Mode sowie denen eines geliebten Gatten hinzugeben, und dabei ihre Kinder zu erziehen. Darauf behauptete sie, sie würde nach Catos Beispiel, der die Amme überwachte, wie sie die Windeln des großen Pompejus wechselte, keinem andern Menschen die sorgfältige Pflege der bildsamen Geister und der zarten Körperchen dieser kleinen Wesen überlassen, deren Erziehung in der Wiege beginnt. Sie begreifen, mein Herr, meine Ehestandsdiplomatie würde mir nicht viel nützen, wenn ich mich nicht eines unschuldigen Machiavallismus bediente, der darin besteht, sie beständig dazu aufzufordern, sie möge nur tun, was sie wolle, und sie bei allem und jedem um ihre Meinung zu befragen. Da nun diese Scheinfrage eine recht geistreiche Frau täuschen soll, so bringe ich selbst alle möglichen Opfer, um meine Gemahlin zu überzeugen, daß sie die freieste Frau in ganz Paris sei; und um diesen Zweck zu erreichen, hüte ich mich wohl, eine jener groben politischen Tölpeleien zu begehen, die unsere Minister sich so oft entschlüpfen lassen.«

»Ich verstehe Sie!« sagte ich; »wenn Sie Ihrer Frau eins der in der Hausverfassung ihr gewährleisteten Rechte eskamotieren wollen, so nehmen Sie eine sanfte und gemessene Miene an, verbergen den Dolch unter Rosen, bohren ihn ihr vorsichtig ins Herz und fragen dabei mit der Stimme eines besorgten Freundes: ›Mein Engel, tut es dir weh?‹ Wie gewisse Leute, denen man auf den Fuß getreten hat, wird sie Ihnen vielleicht antworten: ›Im Gegenteil!‹«

Er lächelte unwillkürlich und sagte:

»Wird meine Frau nicht beim Jüngsten Gericht recht erstaunt sein?«

»Ich weiß nicht,« antwortete ich ihm, »wer von Ihnen beiden am erstauntesten sein wird: Sie oder sie.«

Der Eifersüchtige zog bereits die Brauen zusammen, aber sein Antlitz wurde wieder heiter, als ich fortfuhr:

»Ich danke dem Zufall, der mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ohne die Unterhaltung mit Ihnen würde ich ganz gewiß einige Ideen, die uns beiden gemeinsam waren, weniger gut vorgetragen haben, als Sie es getan. Daher bitte ich Sie auch um Erlaubnis, diese Unterhaltung veröffentlichen zu dürfen. Wo wir beide politische Künste hoher Art gesehen haben, werden andere vielleicht mehr oder minder beißende Ironien entdecken, und ich werde in den Augen beider Parteien für einen gescheiten Mann gelten.«

Während ich versuchte, dem Vicomte – dem ersten Ehemann, der so recht nach meinem Herzen war – meinen Dank auszusprechen, führte er mich noch einmal durch seine ganze Wohnung, in der ich nichts fand, was einen Tadel verdient hätte.

Ich wollte mich von ihm verabschieden, als er die Tür eines kleinen Boudoirs öffnete und es mir mit einer Miene zeigte, wie wenn er sagen wollte: »Kann hier die geringste Unordnung vorgehen, ohne daß mein Auge sie sofort bemerkt?«

Ich antwortete auf die stumme Frage durch eine Neigung des Kopfes, wie die Gäste als Zeichen der Anerkennung für ihren Gastgeber sie machen, wenn sie eine besonders gelungene Speise kosten.

»Mein ganzes System«, sagte er mir leise, »ist mir durch drei Worte eingegeben, die mein Vater den Kaiser Napoleon im Staatsrat aussprechen hörte, als dort über das Ehescheidungsgesetz beraten wurde.›Der Ehebruch‹, rief der Kaiser, ›ist eine Kanapeeangelegenheit!‹ Nun sehen Sie her: Ich habe mir aus diesen Mitschuldigen der Ehebrecherin Spione gemacht.« Bei diesen Worten zeigte mir der Staatsrat einen Diwan, der mit einem teefarbenen Kaschmir überzogen war. Die Kissen des Kanapees waren ein wenig zerknittert. »Sehen Sie, hieran erkenne ich, daß meine Frau Kopfschmerzen gehabt und sich auf diesem Diwan ausgeruht hat.«

Wir näherten uns dem Diwan und sahen auf dem verhängnisvollen Möbel das Wort SotDummkopf, Hahnrei gebildet, und zwar durch neckische Verschlingungen von vier Haaren.

»Niemand in meinem Hause hat schwarze Haare!« sagte der Ehemann erbleichend.

Ich machte, daß ich davonkam, denn ich fühlte mich von einer Lachlust ergriffen, die ich nicht leicht hätte unterdrücken können.

»Der Mann ist gerichtet und abgetan!« sagte ich bei mir selber. »Er hat mit allen diesen Hindernissen, mit denen er seine Frau umgeben hat, nichts weiter erreicht, als daß er ihr ein ungeheures Vergnügen gemacht hat.«

Dieser Gedanke betrübte mich. Das Erlebnis machte drei meiner wichtigsten Betrachtungen ganz und gar zuschanden, und die katholische Unfehlbarkeit meines Buches war in ihrem innersten Wesen angegriffen. Ich hätte bereitwilligst für die eheliche Treue der Vicomtesse der Frau de V . . . eine Summe bezahlt, womit viele Leute einen einzigen Fehltritt von ihr hätten erkaufen mögen. Aber es war bestimmt, daß ich mein Geld für ewige Zeiten behalten sollte.

Drei Tage nachher traf ich nämlich den Herrn Staatsrat im Foyer der Italienischen Oper. Sowie er mich erblickte, kam er auf mich zu; einem gewissen Schamgefühl folgend, suchte ich ihm auszuweichen; er aber nahm meinen Arm und flüsterte mir ins Ohr:

»Ach! Ich habe drei fürchterliche Tage verlebt. Zum Glück ist meine Frau unschuldig, unschuldiger vielleicht als ein neugetauftes Kind . . .«

»Sie hatten mir bereits gesagt, Frau Vicomtesse sei sehr geistreich . . .« erwiderte ich mit einer etwas boshaften Naivität.

»O, heute abend kann ich schon einen Spaß vertragen, denn heute morgen habe ich unwiderlegbare Beweise für die Treue meiner Frau erhalten. Ich war sehr frühzeitig aufgestanden, um eine dringliche Arbeit fertig zu machen. Als ich in der Zerstreutheit einen Blick in meinen Garten werfe, sehe ich plötzlich den Kammerdiener eines Generals, dessen Haus neben dem meinigen liegt, über die Mauer klettern. Die Zofe meiner Frau streckte ihren Kopf aus dem Hausflur heraus, streichelte meinen Hund und deckte auf diese Weise den Rückzug des Galans. Ich nehme mein Fernrohr, richte es auf den Schlingel . . . der Kerl hat pechkohlschwarze Haare! Ah! Niemals habe ich das Gesicht eines Christenmenschen mit größerm Vergnügen angesehen! Aber wie Sie sich wohl denken können, noch im Laufe des Tages ist das Gitterwerk des Spaliers von der Gartenmauer entfernt worden. Also, mein werter Herr,« fuhr er fort, »wenn Sie sich verheiraten, legen Sie Ihren Hund an die Kette und bestreuen Sie alle Ihre Mauerkronen mit Flaschenscherben.«

»Und hat Frau Vicomtesse Ihre Unruhe während dieser drei Tage bemerkt?«

»Halten Sie mich für ein Kind?« antwortete er mir achselzuckend. »Niemals in meinem Leben bin ich so heiter gewesen.«

»Sie sind ein unbekannter großer Mann!« rief ich, »und Sie sind kein . . .«

Er ließ mich nicht zu Ende sprechen; denn er verschwand, da er in diesem Augenblick einen seiner Freunde bemerkte, der die Absicht zu haben schien, die Vicomtesse zu begrüßen.

Könnten wir noch etwas hinzufügen, was nicht eine langweilige Umschreibung der in diesem Gespräch enthaltenen Lehren wäre? Jedes Wort desselben ist entweder Keim oder Frucht. Und doch, ihr seht es, o Ehemänner: euer Glück hängt an einem Haar!

 

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