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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 19
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Zollrevision

Aber nein, meine Gnädige, nein . . .«

»Denn, mein Herr, das wäre in einer Weise unschicklich . . .«

»Glauben Sie denn, gnädige Frau, wir verlangten eine Art Leibesdurchsuchung der Personen, die Ihre Gemächer betreten oder heimlich verlassen, um zu sehen, ob sie nicht irgendein Juwel bei Ihnen einschmuggeln wollen? Nun, das wäre allerdings nicht anständig; unserm Vorgehen dagegen, meine Gnädige, wird nichts Widerwärtiges anhaften, nichts Fiskalisches: beruhigen Sie sich!«

»Mein Herr, von allen Hilfsmitteln dieses Ihres zweiten Teiles verlangt diese Ehezollprüfung von Ihnen vielleicht am meisten Takt, am meisten Klugheit und am meisten Kenntnisse, die a priori, das heißt vor der Heirat erworben sein müssen. Um sie in Anwendung bringen zu können, muß ein Ehemann durch ein tiefes Studium des Lavaterschen Buches in alle Grundsätze desselben eingedrungen sein, muß sein Auge und seinen Verstand daran gewöhnt haben, mit Blitzesschnelle die leichtesten physischen Anzeichen zu erfassen, durch die der Mensch seinen Gedanken verrät.«

Lavaters Physiognomik hat eine wirkliche Wissenschaft geschaffen. Sie hat jetzt endlich einen Platz unter den menschlichen Kenntnissen eingenommen. Das erste Erscheinen dieses Buches rief allerdings einige Zweifel und manche scherzhaften Bemerkungen hervor; seitdem aber hat der berühmte Doktor Gall durch seine Schädellehre das System des Schweizers vervollständigt und dessen feinen und lichtvollen Bemerkungen wissenschaftliche Gründlichkeit verliehen. Geistvolle Menschen, Diplomaten, Frauen – alle jene, wenn auch nicht zahlreichen, so doch um so eifrigeren Jünger dieser beiden berühmten Männer – haben oft Gelegenheit gehabt, noch ganz andere augenfällige Zeichen zu beobachten, an denen man den Gedanken eines Menschen errät. Körperliche Angewohnheiten, die Handschrift, der Klang der Stimme, die Manier haben mehr als einmal die liebende Frau, den glattzüngigen Diplomaten, den tüchtigen Beamten oder den Herrscher eines Landes instand gesetzt, mit einem einzigen Blick Liebe, Verrat oder Tüchtigkeit zu erkennen. Der Mensch, dessen Seele in heftiger Erregung ist, gleicht dem armen Leuchtkäfer, der unwillkürlich durch alle seine Poren Licht entströmen läßt. Er bewegt sich in einer glänzenden Sphäre, in der jede Anstrengung eine Erschütterung der leuchtenden Luft hervorruft und in langen feurigen Zügen jede Bewegung abzeichnet.

Dies sind nun alle Elemente der Kenntnisse, die du besitzen mußt, denn die Ehezollprüfung besteht einzig und allein in einem schnellen, aber tief eindringenden Überblick über das sittliche und körperliche Wesen aller Menschen, die in dein Haus kommen, um deine Frau zu besuchen, oder es verlassen, nachdem sie bei ihr gewesen sind. In dieser Hinsicht gleicht ein Ehemann einer Spinne, die, im Mittelpunkt ihres kaum wahrnehmbaren Netzes sitzend, von der geringsten Bewegung einer unbesonnenen kleinen Fliege einen Stoß empfängt und schon von weitem die Beute oder den Feind hört, sieht und beurteilt.

Die Möglichkeit nun, den Junggesellen, der an deiner Tür klingelt, genau zu prüfen, bietet sich dir bei zwei scharf voneinander unterschiedenen Gelegenheiten: wenn er eintreten will und wenn er eingetreten ist.

Wie viel sagt er schon im Augenblick vor dem Eintreten, ohne auch nur die Lippen zu öffnen! Nämlich:

Mit einer leichten Handbewegung, oder indem er sich mehrere Male mit dem Finger durch die Haare fährt, streicht er sich die charakteristische Tolle glatt oder in die Höhe.

Er summt eine lustige oder traurige, italienische oder französische Melodie mit einer Tenor-, Kontralto-, Sopran- oder Baritonstimme.

Er vergewissert sich, ob der Zipfel seiner so bedeutungsvollen Krawatte immer noch anmutig sitzt.

Er streicht das sauber gefaltete oder unordentliche Jabot eines Tag- oder Nachthemdes glatt.

Er tastet mit einer verstohlenen Bewegung, ob seine blonde oder braune, gelockte oder glattgekämmte Perücke immer noch an ihrem richtigen Platze ist.

Er sieht nach, ob seine Nägel sauber und gut beschnitten sind.

Er streicht sich mit einer weißen oder ungepflegten Hand, oder mit einer Hand, die in einem eleganten oder unsaubern Handschuh steckt, seinen Schnurrbart oder seinen Backenbart, oder er fährt mit den Zähnen eines kleinen Schildpattkammes durch seine Barthaare.

Er sucht durch eine Anzahl sanfter Bewegungen sein Kinn genau in die Mitte seiner Krawatte zu bringen.

Er wiegt sich von einem Fuß auf den andern, wobei er die Hände in den Taschen hat.

Er wippt mit der Stiefelspitze, wobei er sie ansieht, wie wenn er sagen wollte: »Ei! Das ist aber ein Fuß, der ganz gewiß nicht übel geformt ist! . . .«

Er kommt zu Fuß oder im Wagen, er streicht sich die leichte Schmutzkruste von seinem Schuh ab oder nicht.

Er steht unbeweglich da, phlegmatisch wie ein rauchender Holländer.

Er hält die Augen auf die Tür gerichtet und sieht aus wie eine Seele, die aus dem Fegefeuer kommt und auf den heiligen Petrus mit seinen Schlüsseln wartet.

Er greift zögernd nach der Klingelschnur; er erfaßt sie nachlässig, eilig, mit einer vertraulichen Bewegung, oder wie jemand, der seiner Sache sicher ist.

Er läutet entweder schüchtern, so daß in der Stille der Wohnung ein leises Klingeln ertönt, wie im Winter in einem Minimenkloster der erste Ton der Frühbetglocke; oder er hat lebhaft geschellt und läutet gleich darauf noch einmal, da es ihn ungeduldig macht, nicht sofort die Schritte eines Lakaien zu hören.

Er gibt seinem Atem einen angenehmen Duft, indem er ein Kachondeplätzchen ißt.

Er nimmt mit wichtiger Miene eine Prise Tabak, worauf er sorgfältig die Körnchen entfernt, die die Weiße seiner Wäsche beeinträchtigen könnten.

Er sieht um sich und macht dabei ein Gesicht, wie wenn er ein Möbelhändler oder Bauunternehmer wäre, der den Preis der Treppenlampe, des Teppichs, des Geländers abschätzt.

Endlich ist es von Wichtigkeit, ob dieser Junggeselle jung oder alt aussieht, ob ihm kalt oder warm ist, ob er langsam, traurig oder vergnügt ankommt usw.

Du begreifst, daß hier, auf deinem Treppenabsatz, eine erstaunliche Menge von Beobachtungen zu machen sind.

Die leichten Pinselstriche, mit denen wir versucht haben, diese Gestalt zu malen, zeigen dir in ihr ein wahres moralisches Kaleidoskop mit seinen Millionen verschiedener Anordnungen. Und dabei haben wir absichtlich keine Frau auf diesem an Enthüllungen so reichen Plätzchen vor deiner Schwelle stehen lassen; denn unsere ohnehin schon recht zahlreichen Bemerkungen wären unzählig geworden und leicht wie Sandkörner vom Meeresstrande.

Vor dieser verschlossenen Tür glaubt nämlich ein Mensch ganz allein zu sein; und wenn er nur ein wenig dort warten muß, so beginnt er einen stummen Monolog, ein schwer zu beschreibendes Selbstgespräch, in welchem alles, sogar sein Schritt, dir enthüllt, welche Hoffnungen, Wünsche, Absichten, Geheimnisse, Eigenschaften, Mängel, Tugenden er hat, usw.; kurzum, ein Mensch auf einem Treppenabsatz gleicht einem jungen Mädchen von fünfzehn Jahren, das am Tage vor seiner ersten Kommunion in einem Beichtstuhl kniet.

Willst du den Beweis dafür? . . . Betrachte nur die plötzliche Veränderung in Gesichtsausdruck und Manieren dieses Junggesellen, sobald er von draußen in die Wohnung hineinkommt. Der Maschinist der Oper, die Temperatur, die Wolke oder die Sonne verwandeln nicht schneller das Aussehen einer Bühne, der Atmosphäre oder des Himmels.

Sobald er die erste Parkettfliese deines Vorzimmers betreten hat, bleibt von all den Myriaden von Gedanken, die dieser Junggeselle dir so unschuldig auf dem Treppenabsatz verraten hat, nicht einmal ein Blick, an den man eine Beobachtung anknüpfen könnte. Die Grimasse des gesellschaftlichen Herkommens hat alles mit einem dichten Schleier umhüllt; aber ein gescheiter Ehemann hat bereits mit einem einzigen Blick den Zweck des Besuches erraten und in der Seele des Ankömmlings wie in einem Buche lesen müssen.

Die Art, wie er deine Frau begrüßt, wie er mit dir spricht, wie er sie ansieht, wie er ihr seine Verbeugung macht, wie er sich von ihr verabschiedet – in all diesem liegen ganze Bände von Beobachtungen, von denen die eine immer feiner ist als die andere.

Der Klang der Stimme, die Haltung, Verlegenheit, Lächeln, Schweigen, Traurigkeit, Zuvorkommenheit gegen dich – dies sind lauter Anzeichen, und ein jedes derselben muß mit einem Blick ganz unauffällig studiert werden. Die unangenehmste Entdeckung mußt du unter dem ungezwungenen Benehmen und der Gesprächsgewandtheit eines Salonmenschen zu verbergen wissen. Da es uns völlig unmöglich ist, die unermeßlich zahlreichen Einzelheiten dieses Themas aufzuzählen, so verlassen wir uns völlig auf den Scharfblick des Lesers, der die große Ausdehnung dieser Wissenschaft bemerken muß; sie beginnt mit der Analyse eines Blickes und endigt mit der Wahrnehmung der ungeduldigen Bewegung einer unter der Seide eines Schuhes oder unter dem Leder eines Stiefels verborgenen großen Zehe.

Aber der Abgang! . . . denn wir müssen auch den Fall voraussehen, daß du die sorgfältige Prüfung an der Türschwelle versäumt haben solltest, und alsdann gewinnt der Abgang ein ganz besonderes Interesse, um so mehr, da diese neue Beobachtung des Junggesellen auf denselben Grundprinzipien beruhen, aber in der umgekehrten Reihenfolge vorgenommen werden muß wie die erste.

Beim Abgang gibt es jedoch eine ganz besondere Situation, nämlich den Augenblick, wo der Feind über alle Befestigungswerke hinaus ist, von denen aus er beobachtet werden konnte, den Augenblick, wo er die Straße betritt! Hier muß ein kluger Mann den ganzen Verlauf eines Besuches erraten, indem er den Besucher unter einem Torweg stehen sieht. Die Anzeichen sind allerdings viel spärlicher – aber wie klar sind sie auch dafür! Es ist die Lösung des Knotens, und der Besucher verrät sie auf der Stelle durch den ganz einfachen Ausdruck von Glück, Kummer oder Freude.

Beobachtungen sind in solchem Fall leicht zu machen: er wirft einen Blick auf das Haus oder auf die Fenster der Wohnung; er geht mit langsamen, müßigen Schritten; der Dummkopf reibt sich die Hände, der Geck entfernt sich mit tänzelnden Schritten, der von einer tiefen Erregung Erfüllte bleibt unwillkürlich stehen; auf dem Treppenabsatz konntest du deine Fragen so klar und deutlich stellen, wie wenn eine Provinzialakademie einen Hunderttalerpreis für eine Abhandlung aussetzt; beim Abgang sind die Antworten klar und deutlich. Es würde die Kräfte eines Menschen übersteigen, wenn man uns die Aufgabe zuschieben wollte, die verschiedenen Arten aufzuzählen, wie die Menschen ihre Empfindungen verraten: hier kommt alles auf Takt und Gefühl an.

Wenn du nun diese Beobachtungsgrundsätze auf Fremde anwendest, so wirst du natürlich erst recht deine Frau denselben Förmlichkeiten unterwerfen.

Ein verheirateter Mann muß das Gesicht seiner Frau zum Gegenstand eines tiefen Studiums gemacht haben. Dieses Studium ist leicht; man betreibt es sogar ganz unwillkürlich und in allen Augenblicken. Für ihn darf dieses schöne Frauenantlitz keine Geheimnisse mehr haben. Er weiß, wie auf ihm die Empfindungen sich malen und unter welchem Ausdruck sich diese Empfindungen vor seinem glühenden Blick zu verbergen suchen.

Da steht diese Frau: alle sehen sie an, und niemand vermag ihren Gedanken zu verstehen. Aber für dich ist ihr Augapfel mehr oder weniger schön gefärbt, größer oder kleiner; ihre Wimper hat gezuckt, ihre Braue hat sich bewegt; eine Falte ist auf ihrer Stirn erschienen und so schnell wieder verschwunden wie eine Wellenfurche auf dem Meer; ihre Lippe hat sich eingezogen, leicht gekrümmt oder gezuckt – für dich hat die Frau gesprochen.

Wenn du in jenen schwierigen Augenblicken, wo eine Frau in Gegenwart ihres Mannes sich verstellt, mit der Seele der Sphinx sie zu erraten weißt – so begreifst du wohl, daß die Grundsätze der Ehezollprüfung ihr gegenüber nur noch ein Kinderspiel sind.

Wenn deine Frau nach Hause kommt oder ausgeht, überhaupt wenn sie sich allein glaubt, ist sie so unvorsichtig wie eine Elster; sie wäre imstande, sich selber laut ihr Geheimnis zu erzählen: wenn im Augenblick, wo sie dich sieht, ihre Züge plötzlich einen andern Ausdruck annehmen, so findet doch bei aller Schnelligkeit dieses Zusammenziehen nicht schnell genug statt, als daß du nicht den Ausdruck erkennen könntest, den ihr Gesicht in deiner Abwesenheit gehabt hat; daher mußt du in ihrer Seele lesen wie in einem Kirchengesangbuch. Endlich wird auch deine Frau oft vor der Schwelle stehen, wo die Selbstgespräche gehalten werden, und hier kann ein Ehemann in jedem Augenblick sich der Gefühle seiner Frau vergewissern.

Sollte ein Mann gegen die Geheimnisse der Liebe so gleichgültig sein, daß er nicht manches Mal den leichten, trippelnden, koketten Schritt einer Frau bewundert hätte, die zu einem Stelldichein eilt? Sie schlüpft durch die Menschenmenge hindurch wie eine Schlange durchs Gras. Die Moden, die Stoffe und die glänzenden Lockmittel, die die Wäschegeschäfte ihr in den Weg legen, entfalten vergeblich alle Künste ihrer Verführungen; sie geht, sie geht, wie das treue Tier, das die unsichtbare Spur seines Herrn sucht, taub für alle Komplimente, blind für alle Blicke, sie merkt nicht einmal etwas von jenen weichen Berührungen, die sich im Gewoge der Pariser Menschenflut nicht vermeiden lassen. Oh! wie fühlt sie den Wert einer Minute! Ihr Gang, ihr Anzug, ihr Gesicht begehen tausend Indiskretionen. Aber was für ein entzückendes Bild für den Pariser Spaziergänger, was für ein böser Anblick für einen Ehemann ist die Physiognomie dieser Frau, wenn sie aus dieser geheimen Klause zurückkehrt, die ihre Seele ohne Unterlaß bewohnt! Ihr Glück verrät sich sogar in der stets bemerkbaren Nachlässigkeit ihrer Frisur, deren anmutiger Aufbau, deren wellige Locken unter dem zerbrochenen Kamm des Junggesellen nicht jenen leuchtenden Schimmer haben annehmen können, jenen eleganten und sichern Schwung, den ihnen die geschickte Hand ihrer Kammerzofe zu verleihen wußte. Und was für ein wundervolles Sichgehenlassen in ihrem Gang! Wie sollen wir dieses Gefühl wiedergeben, das so reiche Farben über ihre Haut breitet, das ihren Augen all ihre Zuversicht nimmt, das so innig zugleich mit Schwermut und Frohsinn, mit Scham und Stolz verknüpft ist!

Diese Anzeichen, die eigentlich in die Betrachtung über die ›Letzen Symptome‹ gehören und einer Situation eigentümlich sind, worin die Frau versucht, alles zu verhehlen, sie ermöglichen es dir, auf die reiche Ernte von Beobachtungen zu schließen, die du wirst einheimsen können, wenn deine Frau nach Hause kommt und in ihrer Unschuld, da die große Freveltat noch nicht begangen ist, das Geheimnis ihrer Gedanken ausliefert. Wir selber haben niemals einen Treppenabsatz gesehen, ohne Lust zu bekommen, auf ihm eine Windrose und eine Magnetnadel zu befestigen.

Da die Art und Weise, wie man aus seinem Hause einen Beobachtungsposten machen kann, völlig von Ort und Umständen abhängen, so verlassen wir uns in bezug auf die Ausführung der in dieser Betrachtung gegebenen Vorschriften auf die Geschicklichkeit der Eifersüchtigen.

 

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