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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 18
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Die Wohnung

Die im vorhergehenden angegebenen Systeme und Mittel sind gewissermaßen rein moralischer Natur. Sie entsprechen der edlen Anlage unserer Seele und haben nichts Abstoßendes. Jetzt aber werden wir uns zu den Vorsichtsmaßregeln à la Bartolo wenden. Nur nicht weich werden! Es gibt einen Ehemannsmut, wie es einen Bürgermut und Soldatenmut, wie es einen Nationalgardistenmut gibt.

Was ist das erste, was ein kleines Mädchen tut, wenn es einen Papagei gekauft hat! Nicht wahr, sie sperrt ihn in einen schönen Käfig ein, aus dem er nicht ohne ihre Erlaubnis herauskommen kann?

Dieses Kind lehrt dich, was deine Pflicht ist.

Die ganze Einrichtung deines Hauses und die Anordnung der Zimmer muß also darauf abzielen, daß deine Frau sie nicht zu ihren Zwecken benutzen kann, falls sie beschlossen haben sollte, dich dem Minotauros zu überliefern; denn die Hälfte aller ehelichen Unglücksfälle ereignen sich infolge der bedauernswerten Bequemlichkeiten, die in dieser Hinsicht durch unsere Wohnungen dargeboten werden.

Vor allen Dingen halte darauf, daß dein Hausmeister ein alleinstehender Mann und dir persönlich völlig ergeben ist. Ein solcher Schatz ist leicht zu finden: welcher Ehemann hat nicht irgendwo in der Welt einen Pflegevater oder irgendeinen alten Diener, der ihn früher hat auf seinen Knien reiten lassen?

Du mußt dafür sorgen, daß ein Haß wie zwischen Atreus und Thyest sich zwischen deiner Frau und diesem Nestor, dem Wächter deiner Tür, erhebt. Diese Tür ist das Alpha und das Omega einer Liebesintrige. Denn laufen nicht alle Liebesintrigen schließlich stets auf die Frage hinaus: hineinkommen, herauskommen?

Dein Haus würde dir nichts nützen, wenn es nicht vorne den Hof und hinten den Garten hätte und so gebaut wäre, daß es mit keinem andern Hause in Verbindung steht.

Zunächst beseitigst du in euren Empfangszimmern jeden noch so kleinen Hohlraum. Ein Wandschrank, und enthielte er nur sechs Töpfe mit Eingemachtem, muß vermauert werden. Du bereitest dich zum Kriege vor, und der erste Gedanke eines Generals ist stets, seinem Feinde die Lebensmittel abzuschneiden. Daher dürfen in den Wänden keine Unterbrechungen sein, damit sie dem Auge Linien darbieten, die sich leicht überblicken lassen, und an denen man sofort den geringsten fremden Gegenstand erkennen kann. Sieh dir die Überreste der antiken Bauwerke an, und du wirst finden, daß die Schönheit der griechischen und römischen Wohnungen besonders auf der Reinheit der Linien, der einfachen Klarheit der Wände, der geringen Anzahl der Möbel beruhte. Die Griechen hätten mitleidig gelächelt, hätten sie in einem Salon die Hiatus unserer Schränke bemerkt.

Dieses ausgezeichnete Verteidigungssystem muß besonders in den Gemächern deiner Frau zur Anwendung kommen. Laß sie niemals ihr Bett so drapieren, daß man in einem Labyrinth von Vorhängen darum herum spazieren gehen kann, sei unerbittlich hinsichtlich der Verbindung mit den andern Zimmern; ihr Zimmer muß am Ende eurer Empfangsräume liegen; dulde keinen andern Ausgang als auf die Salons, damit du mit einem einzigen Blick sehen kannst, wer zu ihr kommt und von ihr geht.

›Figaros Hochzeit‹ wird dir ohne Zweifel gezeigt haben, daß das Zimmer deiner Frau in bedeutender Höhe über dem Erdboden liegen muß. Alle Junggesellen sind Cherubins.

Dein Vermögen gibt ohne Zweifel deiner Frau das Recht, ein Ankleidezimmer, ein Badegemach und ein Zimmer fürs Kammermädchen zu verlangen; da denke an Susanne und begehe niemals den Fehler, dieses Zimmerchen unter den Gemächern der gnädigen Frau liegen zu lassen; bringe es stets oberhalb derselben an und scheue dich auch nicht, dein Haus durch häßliche Einschnitte in den Fenstern zu entehren.

Sollte das Unglück wollen, daß diese gefährliche Zofenkammer mit der Wohnung deiner Frau durch eine Hintertreppe in Verbindung steht, so berate dich lange und gründlich mit deinem Baumeister; er möge alle Hilfsquellen seines Geistes erschöpfen, um dieser unheildrohenden Treppe die Unschuld der Urtreppe, nämlich der Müllerleiter, zurückzugeben; diese Treppe – wir bitten dich himmelhoch – darf durchaus keinen perfiden Hohlraum enthalten; ihre rechtwinkligen steilen Stufen dürfen niemals jene wonnevolle Krümmung darbieten, die Faublas und Justine so gut zustatten kamen, als sie darauf warteten, daß der Marquis von B . . . ausginge. Heutzutage bauen die Architekten Treppen, die noch bequemer sind als Ottomanen. Wir raten dir, lieber die tugendhafte Wendeltreppe unserer Vorfahren wieder herzustellen.

Was nun die Kamine in den Zimmern deiner Frau anbetrifft, so mußt du durchaus in einer Höhe von fünf Fuß über dem Kaminmantel in den Schornsteinen ein eisernes Gitter anbringen lassen, selbst wenn man es bei jeder Reinigung des Kamins entfernen und wieder befestigen müßte. Sollte deine Frau diese Vorsichtsmaßregel lächerlich finden usw., so weise darauf hin, daß zahlreiche Mordtaten begangen worden sind, indem die Verbrecher sich durch die Kamine eingeschlichen haben. Fast alle Frauen haben Furcht vor Räubern.

Das Bett ist eines jener bedeutungsvollen Möbel, deren Konstruktion sorgfältig überlegt werden muß. Am Bette ist jeder einzelne Umstand von größter Wichtigkeit. Wir teilen im folgenden die Ergebnisse einer langen Erfahrung mit: gib diesem Möbel eine möglichst originelle Form, so daß man es stets im schnellen Wechsel der Moden, die immer wieder die Schöpfungen unserer Tapezierer zerstören, ohne Mißvergnügen ansehen kann, denn es ist von wesentlicher Bedeutung, daß deine Frau nicht nach Laune und Willkür diesen Schauplatz des ehelichen Vergnügens wechseln kann. Der untere Teil dieses Möbels soll massiv sein; es darf kein heimtückischer Zwischenraum zwischen ihm und dem Fußboden sein. Und erinnere dich wohl, daß Byrons Doña Julia ihren Don Juan unter ihrem Kopfkissen versteckt hatte! Aber es wäre lächerlich, einen so zarten Gegenstand oberflächlich behandeln zu wollen.

 

LXI. Das Bett ist die ganze Ehe.

Wir werden uns daher sofort mit dieser wunderbaren Schöpfung des menschlichen Geistes beschäftigen – mit dieser Erfindung, der unsere Dankbarkeit einen viel höhern Platz anweisen muß, als dem Schiff, den Feuerwaffen, dem Fumadeschen Feuerzeug, dem Wagen mit seinen Rädern, der Dampfmaschine mit einfachem oder doppeltem Druck, mit Saugheber oder Abzug, einen höhern sogar als Fässern und Flaschen. Übrigens hat das Bett, wenn man nur ein wenig über seine Eigenschaften nachdenkt, eine gewisse Ähnlichkeit mit allen diesen Erfindungen; aber wenn man erst daran denkt, daß das Bett unser zweiter Vater ist, daß die ruhigste und die bewegteste Hälfte unseres Daseins unter seinem schützenden Thronhimmel sich abspielt, dann fehlen uns die Worte, es nach Gebühr zu preisen. (Siehe die Betrachtung ›Theorie des Bettes‹.)

Sobald der ›Krieg‹, von dem wir in unserm dritten Teile sprechen werden, zwischen der gnädigen Frau und dir ausbricht, wirst du stets sinnreiche Vorwände haben, um ihre Kommoden und ihren Schreibtisch zu durchsuchen; denn wenn deine Frau sich's sollte einfallen lassen, eine Statue vor dir zu verstecken, so liegt es in deinem Interesse, zu wissen, wo sie sie verborgen hat. Ein ›Frauengemach‹, das nach diesem System eingerichtet ist, wird es dir ermöglichen, mit einem einzigen Blick zu erkennen, ob zwei Pfund Seide mehr darin enthalten sind als für gewöhnlich. Laß einen einzigen Schrank darin anbringen, und du bist verloren! Vor allen Dingen gewöhne während des Honigmondes deine Frau daran, in bezug auf das Aussehen der Wohnung eine peinliche Sorgfalt zu beobachten: nichts darf darin herumliegen. Wenn du sie nicht an die pünktliche Ordnung gewöhnst, wenn nicht stets dieselben Gegenstände auf demselben Platz zu finden sind, so würde sie dir eine solche Unordnung in der Wohnung machen, daß du nicht mehr sehen könntest, ob zwei Pfund Seide mehr oder weniger da sind oder nicht.

Die Vorhänge eurer Zimmer müssen stets aus sehr durchsichtigen Stoffen sein; abends machst du es dir zur Gewohnheit, in den Zimmern hin und her zu gehen, so daß deine Frau Gemahlin niemals überrascht sein kann, wenn du in scheinbarer Zerstreuung an ein Fenster trittst. Endlich – um das Thema der Fenster gleich hier zu behandeln – laß diese in deinem Hause so einrichten, daß die Fensterbank niemals so breit ist, um einen Sack Mehl daraufstellen zu können.

Ist einmal die Wohnung deiner Frau nach diesen Grundsätzen eingerichtet, so bist du in Sicherheit, und wären in deinem Hause so viele Nischen, daß alle Heiligen des Paradieses darin untergebracht werden können. Du könntest jeden Abend, im Einvernehmen mit deinem Freunde, dem Hausmeister, feststellen, daß nicht mehr Menschen ins Haus hineinkommen, als daraus fortgehen; und um deiner Sache ganz sicher zu sein, so würde dich ja nichts verhindern, dem Manne beizubringen, eine Liste der Besucher in zwei Exemplaren anzulegen.

Wenn du einen Garten hast, so rate ich dir, Hundefreund zu werden. Indem du stets einen dieser unbestechlichen Wächter unter deinem Fenster hast, wirst du den Minotauros in Schach halten, besonders wenn du deinen vierfüßigen Freund daran gewöhnst, nur von der Hand deines Hausmeisters Nahrung anzunehmen, damit taktlose Junggesellen ihn dir nicht vergiften können.

Alle diese Vorsichtsmaßregeln müssen auf eine natürliche Art ausgeführt werden, so daß sie keinen Verdacht erregen. Wenn Ehemänner so unvorsichtig gewesen sind, bei ihrer Verheiratung ihr eheliches Heim nicht nach diesen verständigen Grundsätzen einzurichten, so müssen sie so schnell wie möglich ihr Haus verkaufen und ein anderes kaufen, oder sie müssen die Notwendigkeit eines Umbaues vorschützen und das Haus völlig neu einrichten.

Ohne Gnade verbanne aus deiner Wohnung alle Kanapees, Ottomanen, Causeusen, Chaiselongues usw. Zunächst deshalb, weil diese Möbel jetzt in jeder kleinbürgerlichen Wohnung sind – man findet sie überall, sogar beim Friseur; vor allen Dingen aber deshalb, weil sie recht eigentlich Möbel des Verderbens sind: niemals habe ich sie ohne Schauder ansehen können, stets kam es mir vor, als sähe ich auf ihnen den Teufel mit seinen Hörnern und seinem Klumpfuß sitzen.

Am allergefährlichsten aber ist ein Lehnstuhl, und es ist ein recht großes Unglück, daß man die Frauen nicht zwischen ihren nackten vier Wänden einsperren kann. Welcher Ehemann kann sich auf einen wackeligen Lehnstuhl setzen, ohne stets zu denken, dieser müsse beim ›Sofa‹ von Crébillon Sohn in die Lehre gegangen sein? Aber glücklicherweise haben wir deine Wohnung nach einem so vorsichtigen System eingerichtet, daß nichts Schlimmes darin passieren kann, wenn du nicht etwa selbst durch deine Nachlässigkeit eine stillschweigende Einwilligung dazu gibst.

Ein Fehler, den du dir angewöhnen mußt – und den du niemals ablegen darfst – ist eine Art von zerstreuter Neugier, die dich dazu treibt, unaufhörlich in jede Schachtel hineinzugucken und in den Nähtischchen und Arbeitsbeuteln deiner Frau herumzustöbern. Bei dieser Haussuchung mußt du dich recht originell und voll Anmut benehmen und mußt jedesmal ihre Verzeihung erlangen, indem du deine Frau zum Lachen bringst.

Ebenfalls mußt du stets das größte Erstaunen an den Tag legen, wenn du in dieser so sauber eingerichteten Wohnung ein neues Möbel erblickst. Laß dir sofort den Zweck desselben auseinandersetzen; hierauf strenge deinen Geist an und suche zu erraten, ob das Möbel nicht etwa irgendeinem geheimen Zweck dient und ob es keine heimtückischen Verstecke enthält.

Doch dies ist noch nicht alles. Du bist zu klug, um nicht zu fühlen, daß dein hübscher Papagei nur so lange in seinem Käfig bleiben will, wie dieser Käfig schön ist. Eleganz und Geschmack müssen sich also in den geringsten Einzelheiten aussprechen. Das Ganze muß stets ein einfaches und anmutiges Bild darbieten. Erneuere oft die Wandbehänge und Musselingardinen. Die Frische und Schönheit des Wohnungsschmuckes ist etwas zu Wesentliches, als daß du in dieser Hinsicht sparen dürftest. Sie ist wie die Miere, die die Kinder jeden Morgen sorgfältig ihren Vögeln an die Käfige stecken, damit diese glauben sollen, sie seien auf ihren grünen Wiesen. Eine Wohnung dieser Art ist dann die Ultima ratio der Ehemänner: eine Frau hat nichts zu sagen, wenn man ihr alles verschwenderisch gegeben hat.

Die Ehemänner, die dazu verdammt sind, in Mietwohnungen zu hausen, befinden sich in der allerfürchterlichsten Lage.

Welchen glücklichen oder verhängnisvollen Einfluß kann der Hausmeister auf ihr Schicksal ausüben!

Wird nicht ihr Haus in der rechten und linken Flanke eingefaßt sein? Allerdings wird die Gefahr sich um die Hälfte vermindern, wenn die Zimmer der Frau auf die eine Seite verlegt werden. Sind aber nicht diese Ehemänner trotzdem genötigt, Alter, Stand, Vermögen, Charakter, Lebensgewohnheiten der Mieter des Nachbarhauses auswendig zu lernen und reiflich zu überdenken? Ja, müssen sie nicht sogar deren Freunde und Verwandte kennen?

Ein vernünftiger Ehemann wird niemals eine Parterrewohnung nehmen.

Jeder Mann kann bei seiner Wohnung die Vorsichtsmaßregeln anbringen lassen, die wir dem Besitzer eines eigenen Hauses angeraten haben; und alsdann wird der Mieter vor dem Eigentümer den Vorteil voraus haben, daß eine Wohnung, die weniger Raum einnimmt, sich viel besser überwachen läßt.

 

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