Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/balzac/physiehe/physiehe.xml
typetractate
authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1920
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090512
cmodified20180315
projectid6c2df39b
Schließen

Navigation:

Persönliche Mittel

Vielleicht haben die vorhergehenden Betrachtungen mehr allgemeine Verhaltungsmaßregeln angegeben, als daß in ihnen die Mittel behandelt wurden, gegen Gewalt Gewalt anzuwenden. Sie enthalten Pharmakopöen und geben keine örtlichen Heilmittel an. Hier zeigen wir dir jetzt auch die persönlichen Mittel, die die Natur dir zu deiner Verteidigung in die Hand gelegt hat; denn die Vorsehung hat niemanden vergessen: wenn sie dem Sepiafisch im Adriatischen Meer jene schwarze Farbe gegeben hat, mittels deren er eine Wolke hervorbringt, die ihn den Blicken seines Feindes entzieht, so kannst du dir wohl denken, daß sie auch einen Ehemann nicht ohne Schwert gelassen hat: und jetzt ist der Augenblick da, das deinige zu zücken.

Ohne Zweifel hattest du, als du dich verheiratetest, von deiner Frau verlangt, sie solle ihre Kinder selber nähren: gut, stürze sie jetzt in die Verlegenheiten und Mühen einer Schwangerschaft oder Säugezeit – du wirst dadurch die Gefahr zum mindesten um ein Jahr oder zwei hinausschieben. Eine Frau, die damit beschäftigt ist, ein Kleinchen in die Welt zu setzen oder zu nähren, hat wirklich nicht die Zeit, an einen Liebhaber zu denken, ganz abgesehen davon, daß sie vor und nach ihrer Niederkunft nicht imstande ist, sich in Gesellschaft zu zeigen. Denn wie könnte auch die unbescheidenste der distinguierten Frauen, von denen unser Werk handelt, es wagen, sich im Zustande der Schwangerschaft zu zeigen und mit dieser verborgenen Frucht, ihrem öffentlichen Ankläger, vor allen Leuten herumzugehen? O Lord Byron, du wolltest ja die Frauen nicht einmal essen sehen!

Wenn sechs Monate nach ihrer Niederkunft das Kindchen nach Herzenslust gesogen hat, fängt eine Frau kaum an, wieder ihre Frische und Freiheit zu genießen.

Wenn deine Frau ihr erstes Kind nicht genährt hat, so bist du zu klug, um nicht aus diesem Umstand Nutzen zu ziehen, und in ihr den Wunsch zu erwecken, das Kleine, das sie jetzt unter dem Herzen trägt, selbst zu nähren. Du liest ihr Rousseaus ›Emile‹ vor, du entflammst ihre Einbildungskraft für Mutterpflichten, wendest dich an ihre höchsten moralischen Gefühle usw. Mit einem Wort: du bist ein Dummkopf oder ein kluger Mensch; im ersteren Fall würdest du stets minotaurisiert werden, auch wenn du dies Buch gelesen hättest; im zweiten Fall mußt du eine halbe Andeutung verstehen.

Dieses erste Mittel ist virtuell persönlich. Es wird dir einen weiten Spielraum geben, um die Anwendung der andern Mittel vorzubereiten.

Seitdem Alkibiades seinem Hunde die Ohren und den Schwanz abschnitt, um Perikles gefällig zu sein, weil diesem damals die Athener durch allzu großes Interesse für eine Art von spanischem Krieg und von Unterschleifen eines Armeelieferanten Ouvrard lästig wurden – seitdem hat es keinen Minister gegeben, der nicht versucht hatte, irgendeinem Hunde die Ohren abzuschneiden.

Und wenn eine Entzündung an einem wichtigen Teil des menschlichen Körpers sich zeigt, so veranlaßt die Heilkunde eine kleine Gegenrevolution an einem andern Punkt durch Brennkegel, Schröpfköpfe, Akupunkturen und dergleichen.

Ein anderes Mittel besteht also darin, deiner Frau einen Brennkegel zu setzen oder ihr irgendeine Nadel in den Geist zu bohren, die sie fühlbar sticht und eine Ablenkung zu deinen Gunsten veranlaßt.

Ein sehr geistvoller Mann hatte seinen Honigmond auf eine Dauer von ungefähr vier Jahren gebracht; da nahm der Mond ab, und er begann den verhängnisvollen Halbbogen zu bemerken. Seine Frau war genau in dem Zustand, in den, wie wir am Ende unseres ersten Teiles nachgewiesen haben, jede anständige Frau gerät: sie hatte an einem ziemlich erbärmlichen Gesellen ›Geschmack gefunden‹ – er war noch dazu klein und häßlich, aber es war eben nicht ihr Mann. In dieser Lage der Dinge verfiel der Gatte auf ein Hundeschwanzabschneiden, das für mehrere Jahre seinem gebrechlichen Glück neue Lebenskraft gab. Seine Frau hatte sich so gewandt benommen, daß er sich in großer Verlegenheit befunden hätte, dem Liebhaber seine Tür zu verbieten, denn sie hatte ein sehr entferntes Verwandtschaftsverhältnis mit diesem ausfindig gemacht. Die Gefahr wurde von Tag zu Tag bedrohlicher. Minotaurosgeruch machte sich allüberall bemerkbar. Eines Abends erschien der Gatte, von einem tiefen Kummer niedergedrückt; augenscheinlich litt er furchtbar. Mit seiner Frau war es bereits so weit gekommen, daß sie mehr Freundschaft für ihn zur Schau trug, als sie selbst während ihres Honigmondes für ihn empfunden hatte; und so bestürmte sie ihn mit Fragen über Fragen. Von seiner Seite dagegen düsteres Schweigen. Verdoppelte Fragen – dem Herrn entschlüpfen halbe Andeutungen, die ein großes Unglück ahnen lassen! Na, er hatte ihr damit einen japanischen Brennkegel angesetzt, der brannte wie ein Autodafé von 1600. Sofort versuchte die Frau durch tausend Manöver zu erfahren, ob der Kummer ihres Ehemanns durch diesen Liebhaber in spe verursacht sei. Zur Durchführung dieser ersten Intrige wandte sie tausend Mittel an. Die Phantasie sprengte mit verhängtem Zügel daher. Vom Liebhaber war nicht mehr die Rede. Mußte sie nicht vor allen Dingen das Geheimnis ihres Gatten entdecken? Eines Abends erliegt dieser dem Drange, seiner zärtlichen Freundin seinen Kummer anzuvertrauen: er erklärt ihr, ihr ganzes Vermögen sei verloren. Sie müßten auf ihre Equipage, auf die Loge in der Komischen Oper, auf Bälle, auf Feste, auf Paris verzichten; vielleicht könnten sie alle Verluste wieder einholen, wenn sie sich für ein Jahr oder zwei freiwillig auf ihr Landgut verbannten. Er wendet sich an die Phantasie seiner Frau, an ihr Herz, er beklagt sie, daß sie ihr Schicksal an das Los eines Mannes geknüpft habe, der ja allerdings in sie verliebt sei, aber kein Vermögen habe; er rauft sich einige Haare aus, und es bleibt seiner Frau nichts anderes übrig, als sich ebenfalls von hohen Gefühlen der Ehre fortreißen zu lassen; und in dem ersten Fiebertaumel ihrer neuerwachten ehelichen Liebe führt er sie auf sein Landgut. Hier erhielt sie neue Schröpfköpfe, Senfpflaster über Senfpflaster; Erfindung etlicher neuer Arten von Hundeschwanzabschneiden: er ließ an das Schloß einen Flügel in gotischem Stil anbauen; die gnädige Frau stellte zehnmal den ganzen Park auf den Kopf, um Wasserkünste, Seen, neue Aussichten zu erhalten, usw.; endlich war auch der Mann inmitten all dieser Tätigkeit selber nicht untätig: er verschaffte ihr interessante Lektüre, umgab sie mit zarten Aufmerksamkeiten usw. Besonders zu beachten: niemals ließ er sich einfallen, seiner Frau diese List einzugestehen; daß das verlorene Vermögen sich wieder einfand, geschah gerade infolge des Anbaues des gotischen Flügels und durch die riesigen Geldausgaben, die die Anlage der langen Wasserläufe gekostet hatte; er bewies seiner Frau, der See liefere das Wasser für einen Wasserfall, durch diesen würden Mühlen getrieben usw.

Hier haben wir einen nach allen Regeln der Kunst angewandten ehelichen Brennkegel, denn dieser Ehemann vergaß weder das Kindermachen noch die Einladung langweiliger, dummer und alter Nachbarn; und wenn er im Winter nach Paris kam, stürzte er seine Frau in einen solchen Wirbel von Bällen und Besorgungen, daß sie für Liebhaber keine Minute Zeit übrig hatte. Liebhaber sind notwendige Früchte eines müßigen Lebens.

Reisen nach Italien, der Schweiz und Griechenland, plötzliche Krankheiten, die den Besuch von Bädern, und zwar möglichst weit entfernten Bädern, nötig machen, sind ziemlich gute Brennkegel. Übrigens muß ein kluger Mann deren tausend für einen zu finden wissen.

Fahren wir nunmehr in der Prüfung unserer persönlichen Mittel fort.

Hier wollen wir dich nun darauf aufmerksam machen, daß unsere Erörterungen auf einer Voraussetzung beruhen, die du ebenfalls als zutreffend anerkennen mußt, weil du sonst einfach unser Buch zuklappen könntest. Wir setzen nämlich voraus, daß dein Honigmond eine ziemlich anständige Zeitdauer gehabt hat und daß das Fräulein, das du zu deiner Frau machtest, Jungfrau war; im entgegengesetzten Fall würde nach den in Frankreich üblichen Sitten deine Frau dich nur zu dem Zweck geheiratet haben, um inkonsequent zu werden.

Im Augenblick, wo in deiner Ehe der Kampf zwischen der Tugend und der Inkonsequenz beginnt, läuft die ganze Frage darauf hinaus, daß deine Frau fortwährend unwillkürliche Vergleiche zwischen dir und einem Liebhaber anstellt.

Auch hierin liegt für dich ein Verteidigungsmittel; es ist ein durchaus persönliches und wird von Ehemännern selten zur Anwendung gebracht, doch machen Männer von überlegenem Geist ohne Furcht einen Versuch damit. Es besteht darin, den Liebhaber auszustechen, ohne daß deine Frau etwas von deiner Absicht merken kann. Du mußt sie dahin bringen, daß sie eines Abends beim Anlegen der Haarwickel voll Verdruß zu sich selber sagt: »Aber an meinem Mann ist ja mehr dran als an ihm.«

Damit dir dies gelinge, hast du vor dem Liebhaber den bedeutenden Vorteil voraus, daß du den Charakter deiner Frau kennst und weißt, wodurch sie zu verletzen ist. Du mußt mit der ganzen Feinheit eines Diplomaten diesen Liebhaber, ohne daß er etwas davon merkt, Ungeschicklichkeiten begehen lassen, durch die er sich deiner Frau mißliebig macht.

Nach Brauch und Herkommen wird dieser Liebhaber sich um deine Freundschaft bemühen, oder ihr werdet gemeinsame Freunde haben; du mußt ihm nun entweder durch diese Freunde oder durch ebenso geschickte wie perfide Insinuationen über Angelegenheiten, denen deine Frau Wichtigkeit beimißt, falsche Begriffe beibringen; und wenn du dich nur ein wenig geschickt benimmst, wirst du sehen, wie deine Frau ihrem Liebhaber den Laufpaß gibt, ohne daß weder sie noch er den wahren Grund davon erraten. Du dichtest damit innerhalb deiner vier Wände eine fünfaktige Komödie, in der du selbst die glänzenden Rollen Figaros oder Almavivas spielst; du wirst dich einige Monate lang ausgezeichnet dabei amüsieren, um so mehr, da deine Eigenliebe, deine Eitelkeit und dein persönliches Interesse lebhaft dabei in Frage kommen.

Ich hatte in meiner Jugend das Glück, einem alten Emigranten zu gefallen, der meiner Erziehung jenen letzten Schliff gab, den die jungen Leute gewöhnlich von den Frauen empfangen. Dieser Freund, dessen Andenken mir stets teuer sein wird, lehrte mich durch sein Beispiel die Anwendung jener diplomatischen Schachzüge, die ebenso viel Klugheit wie Anmut erfordern.

Der Graf von Nocé war von Koblenz nach Frankreich zurückgekehrt, als für Adelige der Aufenthalt dort sehr gefährlich war. Niemals war ein Mensch so mutig und so gütig, so verschlagen und so sorglos. Im Alter von etwa sechzig Jahren hatte er ein junges Mädchen von fünfundzwanzig geheiratet; zu dieser Torheit trieb ihn lediglich sein Mitleid: er entriß das arme Mädchen der Tyrannei einer launenhaften Mutter. »Wollen Sie meine Witwe sein?« hatte der liebenswürdige alte Herr zu Fräulein von Pontivy gesagt; aber seine Seele war zu liebebedürftig, und so hatte er sich inniger an seine Frau angeschlossen, als ein vernünftiger Mann es hätte tun dürfen. Da er während seiner Jugend bei einigen der geistreichsten Frauen vom Hofe Ludwigs des Fünfzehnten in die hohe Schule genommen war, so hegte er immerhin noch einige Hoffnung, die Gräfin vor jedem Straucheln bewahren zu können. Niemals habe ich einen Mann so geschickt wie ihn alle jene Lehren zur Ausführung bringen sehen, die ich den Ehemännern zu geben bemüht bin. Mit welchem Reiz wußte er durch seine angenehmen Manieren und seine geistreiche Unterhaltung das Leben zu umkleiden! Seine Frau erfuhr erst nach seinem Tode und durch mich, daß er die Gicht hatte. Seine Lippen troffen von Anmut, aus seinen Augen leuchtete reine Liebe. Vorsichtigerweise hatte er sich in die Abgeschiedenheit eines Tales, in eine Waldeinsamkeit zurückgezogen, und Gott weiß, was für Spaziergänge er mit seiner Frau machte! Sein glücklicher Stern wollte, daß Fräulein von Pontivy ein ausgezeichnetes Herz hatte und im hohen Grade jenes auserlesene Zartgefühl, jene schamhafte Empfindsamkeit besaß, die, wie ich glaube, das häßlichste Mädchen der Welt verschönen würden. Plötzlich kam einer seiner Neffen, ein hübscher Offizier, der der Katastrophe von Moskau entronnen war, auf Besuch zu seinem Onkel, teils um zu erfahren, ob er wohl künftige Neffen zu befürchten hätte, teils in der Hoffnung, einen lustigen Krieg mit der Tante zu führen. Seine schwarzen Haare, sein Schnurrbart, das gewandte Geplauder des Generalstabsoffiziers, eine gewisse ebenso elegante wie leichte ›disinvoltura‹, lebhafte Augen; dies alles unterschied den Neffen vom Onkel. Ich kam gerade in dem Augenblick an, wo die junge Gräfin ihrem Verwandten das Tricktrack zeigte. Das Sprichwort sagt, die Frauen lernen dieses Spiel nur von ihren Liebhabern und umgekehrt. Nun hatte Herrn von Nocé am selben Morgen während einer solchen Partie zwischen seiner Frau und dem Vicomte einer jener Blicke überrascht, die ein eigentümliches Gemenge von Unschuld, Furcht und Begierde enthalten. Am Abend schlug er uns einen Jagdausflug vor, den wir annahmen. Niemals sah ich ihn so gut aufgelegt und so lustig wie am nächsten Morgen, obwohl sich bereits die Anzeichen eines demnächstigen Gichtanfalles bemerkbar machten. Der Teufel selbst hätte nicht geschickter als er eine schlüpfrige Unterhaltung in Gang bringen können. Er war früherer Grauer Musketier und hatte Sophie Arnould gekannt. Das sagt alles. Die Unterhaltung unter uns dreien wurde bald im höchsten Grade ausgelassen; möge Gott sie mir verzeihen!

»Niemals hätte ich gedacht, daß mein Onkel ein so wackerer Degen wäre!« sagte der Neffe zu mir.

Wir machten eine Rast, und als wir alle drei auf dem Rasen einer der grünsten Lichtungen des Waldes saßen, hatte der Graf uns junge Leute so weit gebracht, daß wir über die Frauen Bemerkungen machten, wie nur ein Brantôme und Aloysia.

»Ihr seid recht glücklich unter der jetzigen Regierung, ihr jungen Leute! Die Frauen haben Sitten!« – Um diesen Ausruf des alten Herrn so recht zu würdigen, müßte man die Greuel gehört haben, die der Kapitän erzählt hatte! – »Und«, fuhr der Graf fort, »dies ist eine der Segnungen, die wir der Revolution verdanken. Dadurch erhalten die Leidenschaften einen viel größern Reiz des Geheimnisvollen. Früher waren die Frauen leicht zu haben; nun, meine Herren, Sie können sich kaum vorstellen, wie viel Geist und Gewandtheit man aufbieten mußte, um alle diese abgenutzten Temperamente aufzustacheln: wir waren stets auf dem qui vive. Andererseits wurde aber auch einer berühmt durch eine geschickt vorgebrachte Zote oder durch eine glückliche Unverschämtheit. Die Weiber lieben so etwas, und dies wird stets das sicherste Mittel sein, es bei ihnen zu etwas zu bringen!« Diese letzten Worte sagte der Graf mit unterdrücktem Ärger. Plötzlich schwieg er und ließ den Hahn seines Gewehrs knacken, wie wenn er eine tiefe Erregung verbergen wollte.

»Ah bah!« sagte er, »meine Zeit ist vorüber! Die Phantasie muß jung sein . . . und der Körper auch! Ach! Warum habe ich mich verheiratet! Und das Perfideste an den Mädchen, deren Mütter und Erzieherinnen während dieser Glanzzeit der Galanterie gelebt haben, ist das, daß sie eine unschuldige Miene zur Schau tragen, eine Zimperlichkeit . . . es sieht aus, wie wenn der sanfteste Honig zu scharf für ihre zarten Lippen wäre, und wer sie kennt, der weiß, daß sie Salz als Leckerzeug essen würden!« Er stand auf, hob in einer Anwandlung von Wut sein Gewehr in die Höhe und stieß es auf die Erde, daß beinahe der ganze Kolben in dem feuchten Rasen verschwand.

»Wie es scheint, liebt die teure Tante die kleinen Scherze!« sagte der Offizier leise zu mir.

»Oder die Intrigen in beschleunigtem Tempo!« fügte ich hinzu.

Der Neffe zog seine Krawatte an, brachte seinen Kragen in Ordnung und hüpfte wie ein kalabrischer Ziegenbock. Gegen zwei Uhr nachmittags kamen wir nach Hause. Der Graf nahm mich bis zum Essen mit auf sein Zimmer unter dem Vorwande, einige Medaillen zu suchen, von denen er während unseres Heimweges mir erzählt hatte. Die Mahlzeit war trübselig. Die Gräfin behandelte ihren Neffen mit kalter Höflichkeit. Als wir in den Salon zurückgekehrt waren, sagte der Graf zu seiner Frau: »Ihr macht doch euer Tricktrack? Wir werden euch allein lassen.«

Die junge Gräfin antwortete nicht. Sie sah ins Kaminfeuer und schien seine Worte nicht gehört zu haben. Ihr Mann machte einige Schritte auf die Tür zu, indem er mich durch eine Handbewegung einlud, ihm zu folgen. Als sie seine Schritte hörte, wandte seine Frau mit einer lebhaften Bewegung den Kopf um und sagte:

»Warum wollen Sie uns verlassen? Sie haben wohl morgen vollkommen Zeit genug, dem Herrn Ihre Medaillen zu zeigen.«

Der Graf blieb.

Ohne die kaum merkliche Verlegenheit zu beachten, in der sein Neffe, der bisher so gewandte Offizier, sich zu befinden schien, entfaltete der Graf während des ganzen Abends den unaussprechlichen Zauber seiner Unterhaltung. Niemals hörte ich ihn so glänzend erzählen, niemals sah ich ihn mit so zärtlichen Aufmerksamkeiten um seine Gemahlin beschäftigt. Wir sprachen viel über die Frauen. Die Scherze unseres Wirtes trugen das Gepräge des feinsten Zartgefühls. Ich selber sah nichts mehr von den weißen Haaren auf seinem alten Kopfe; denn dieser glänzte von jener Jugend des Herzens und des Geistes, die die Runzeln verwischt und den Schnee des Lebenswinters schmelzen läßt. Am andern Tage reiste der Neffe ab. Selbst nach dem Tode des Herrn von Nocé und in vertraulichen Plauderstündchen, in denen die Frauen nicht immer so sehr auf der Hut sind, ist es mir niemals gelungen, zu erfahren, welche Ungezogenheit der Vicomte damals gegen seine Tante begangen hatte. Diese Ungezogenheit mußte recht schlimm gewesen sein, denn seit jener Zeit hat Frau von Nocé niemals ihren Neffen wiedersehen wollen; sie kann selbst heute noch nicht seinen Namen nennen hören, ohne unwillkürlich ein wenig ihre Brauen zusammenzuziehen. Ich erriet damals nicht sofort den Zweck jener Jagdpartie des Grafen von Nocé; später aber schien mir, er habe damit ein recht gewagtes Spiel gespielt.

Wenn es dir jedoch gelingt, einen so großen Sieg zu erfechten wie Herr von Nocé, so vergiß nicht, das System der Brennkegel mit ganz besonderer Behutsamkeit in Anwendung zu bringen; und bilde dir nicht ein, man könne ähnliche Gewaltstreiche ungestraft wiederholen. Wenn du mit deinen Talenten zu verschwenderisch umgingest, würdest du zuletzt deiner Frau gegenüber Bankrott machen; denn sie würde von dir immer das Doppelte von dem fordern, was du ihr gäbest, und es würde ein Augenblick kommen, wo du auf dem Trockenen säßest. Die menschliche Seele ist in ihren Wünschen einer Art arithmetischer Progression unterworfen, deren Ziel ebenso unbekannt ist wie ihr Ursprung. Wie der Opiumesser stets die Dosis verdoppeln muß, um das gleiche Resultat zu erhalten, so verlangt auch unser ebenso gebieterischer wie schwacher Geist, daß Gefühle, Gedanken und Verhältnisse stets wachsen. Daraus entspringt die Notwendigkeit, bei einem dramatischen Werk das Interesse geschickt auf die einzelnen Szenen zu verteilen, und ebenso muß man in der Medizin die Heilmittel stufenweise wirken lassen. Du siehst also: wenn du dich jemals an die Anwendung dieser Mittel heranwagst, so mußt du dein kühnes Vorgehen nach recht vielen Umständen regeln, und der Erfolg wird stets davon abhängen, welche Triebfeder du zu benutzen weißt.

Hast du Einfluß, mächtige Freunde? Bekleidest du eine wichtige Stellung? Ein letztes Mittel wird das Übel an der Wurzel anfassen. Hast du nicht etwa die Macht, deiner Frau ihren Liebhaber durch eine Beförderung wegzunehmen, die ihn nach einem andern Ort bringt, oder, wenn er Soldat ist, ihn einfach nach einer andern Garnison versetzen zu lassen? Den Briefwechsel unterdrückst du; die Mittel dazu werden wir später angeben. Nun: sublata causa tollitur effectus. Diese lateinischen Worte könnte man frei übersetzen: Keine Wirkung ohne Ursache; kein Geld, kein Schweizer.

Trotzdem könnte, wie du wohl begreifst, deine Frau sich leicht einen andern Liebhaber wählen; aber nachdem du zunächst diese vorläufigen Mittel angewandt hast, wirst du stets einen Brennkegel zur Hand haben; dadurch gewinnst du Zeit und kannst versuchen, dich durch einige neue Listen aus der Klemme zu ziehen.

Gut wäre es, wenn du das System der Brennkegel mit den mimischen Kunststücken Carlins verbinden könntest. Der unsterbliche Carlin, von der Italienischen Komödie, hielt eine ganze Gesellschaft in Aufmerksamkeit und heiterer Stimmung, indem er stundenlang mit vollendeter pantomimischer Kunst und in tausendfach verschiedener Betonung immer nur dieselben Worte sprach: »Der König sagte zur Königin. – Die Königin sagte zum König.« Mache es wie Carlin. Richte es so ein, daß du fortwährend deiner Frau Schach bietest, damit du nicht selber matt wirst. Mache dein Examen in der Kunst des Versprechens bei den konstitutionellen Ministern. Gewöhne dich daran, im rechten Augenblick den Polichinell zu zeigen, womit du ein Kind dazu verlockst, daß es hinter dir herläuft, ohne daß es merkt, wie weit es schon gelaufen ist. Wir alle sind Kinder, und die Frauen sind durch ihre Neugier sehr dazu geneigt, ihre Zeit zu verlieren, indem sie hinter einem Irrwisch herlaufen. Ist nicht als leuchtende und nur zu bald erlöschende Flamme die Phantasie stets da, um dir zu helfen?

Endlich studiere die glückbringende Kunst, bei ihr zu sein und nicht bei ihr zu sein, den Augenblick zu erhaschen, wo du bei ihr etwas durchsetzen kannst, ohne sie jemals das Gewicht deiner Persönlichkeit, deiner geistigen Überlegenheit, ja auch nur ihres Glückes fühlen zu lassen. Wenn du sie in einer Unwissenheit erhältst, daß diese nicht ganz und gar ihren Geist erstickt hat, so wirst du es so einzurichten wissen, daß ihr euch gegenseitig noch einige Zeit nacheinander sehnt.

 

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.