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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 13
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Nachwort

Wie wir's versprochen hatten, hat dieser erste Teil die allgemeinen Ursachen dargelegt, durch die alle Ehen in die von uns beschriebene Krisis geraten; indem wir diese Vorbemerkungen über die Angelegenheiten der Ehe niederschrieben, haben wir zugleich angezeigt, wie man dem Unglück entgehen kann, indem wir nachwiesen, durch welche Fehler es erzeugt wird.

Aber diese ersten Betrachtungen würden doch wohl unvollständig sein, wenn wir bei einer Frage, die tief in das Leben fast aller Menschen eingreift, uns damit begnügten, nur über die Inkonsequenz unserer Ideen, unserer Sitten und unserer Gesetze einiges Licht zu verbreiten, und nicht auch versuchten, in einem kurzen Schlußwort die politischen Ursachen dieser gesellschaftlichen Krankheit festzustellen. Nachdem wir die geheimen Schäden der Einrichtung der Ehe aufgedeckt haben, ist es wohl eine philosophische Aufgabe, zu untersuchen, warum und wie unsere Sitten sie schadhaft gemacht haben.

Das System von Gesetzen und Sitten, das heutigentags in Frankreich für die Frauen und die Ehe in Geltung ist, ist die Frucht veralteter Anschauungen und Überlieferungen, die nicht mehr mit den durch die große Revolution von 1789 entwickelten ewigen Grundsätzen der Vernunft und Gerechtigkeit in Einklang stehen.

Drei große Umwälzungen haben Frankreich erschüttert: die Eroberung durch die Römer, der Sieg des Christentums und der Einbruch der Franken. Jedes dieser drei Ereignisse hat tiefe Spuren in dem Boden des Landes, in den Gesetzen, in den Sitten und dem Geist der Nation hinterlassen.

Griechenland, das mit einem Fuß in Europa und mit dem andern in Asien steht, wurde in seinen Ehegebräuchen durch sein die Leidenschaften entflammendes Klima beeinflußt; es empfing sie aus dem Morgenlande, wohin seine Philosophen, seine Gesetzgeber und seine Dichter wanderten, um die verschleierten Altertümer Ägyptens und Chaldäas zu erforschen. Die vollkommene Absperrung der Frauen, die unter der brennenden Sonne Asiens eine Notwendigkeit war, herrschte auch in den Gesetzen Griechenlands und Ioniens. Auch hier war das Weib auf das marmorne Frauengemach beschränkt. Da das Vaterland nur eine Stadt, ein Gebiet von geringer Ausdehnung umfaßte, so konnten die Kurtisanen, die durch so viele Bande in Zusammenhang mit den Künsten und mit der Religion standen, den ersten Leidenschaften einer nicht gerade zahlreichen Jugend genügen, deren Kräfte zudem durch die anstrengenden Übungen einer zur Kriegskunst jener Heldenzeiten gehörenden Gymnastik in Anspruch genommen wurden.

Im Beginn seiner Herrscherlaufbahn hatte Rom sich in Griechenland die Grundsätze einer Gesetzgebung geholt, die auch den Anforderungen des italischen Himmels entsprechen konnten. Es drückte auf die Stirn der verheirateten Frau das Siegel einer vollkommenen Dienstbarkeit. Der Senat begriff, wie wichtig in einer Republik die Tugend ist, und es gelang ihm, strenge Sitten aufrechtzuerhalten, indem die väterliche und eheherrliche Gewalt die ausgedehntesten Befugnisse erhielten. In allem bekundete sich die Abhängigkeit der Frau. Die morgenländische Abgeschlossenheit wurde eine Pflicht, ein sittliches Gebot, eine Tugend. Darum wurden der Göttin der Scham Tempel errichtet, wurden der Heiligkeit der Ehe Tempel geweiht; aus dieser Denkungsart stammt das Amt der Zensoren, die Einrichtung der Mitgift, die Luxusgesetze, die Ehrfurcht vor den Matronen und der ganze Aufbau des römischen Rechts. Daher waren drei versuchte oder verübte Vergewaltigungen die Anlässe zu drei Revolutionen; daher war das erste Auftreten von Frauen auf dem politischen Schauplatz ein großes Ereignis, das durch feierliche Erlasse festgelegt wurde! Diese erlauchten Römerinnen, die dazu verdammt waren, nur Gattinnen und Mütter zu sein, verbrachten ihr Leben in Zurückgezogenheit; ihre Beschäftigung bestand darin, der Welt Herrscher zu erziehen. Rom hatte keine Kurtisanen, weil seine Jugend von beständigen Kriegen in Anspruch genommen war. Freilich lösten sich später alle Bande frommer Zucht, aber dies geschah unter der despotischen Herrschaft der Kaiser; übrigens waren selbst damals die auf den alten Sitten beruhenden Vorurteile so lebhaft geblieben, daß Rom niemals Frauen auf einer Bühne sah. Diese Tatsachen sind nicht ohne Bedeutung für unsern schnellen Überblick über die Geschichte der Ehe in Frankreich.

Nach der Eroberung Galliens zwangen die Römer den Besiegten ihre Gesetze auf; aber diese waren nicht imstande, unserer Vorfahren tiefe Ehrfurcht vor den Frauen und den alten Glauben zu zerstören, der in ihnen unmittelbare Organe der Gottheit sah. Indessen herrschten zuletzt die römischen Gesetze doch ausschließlich nach Verdrängung aller andern in Gallia togata, und seine für die Ehe geltenden Grundsätze drangen mehr oder minder auch in die andern Landstriche ein, in denen das Gewohnheitsrecht in Kraft geblieben war.

Aber während noch dieser Kampf der Gesetze gegen die Sitten dauerte, drangen die Franken als Eroberer in Gallien ein, dem sie den süßen Namen Frankreich gaben. Diese Krieger des Nordens brachten nach Gallien die Galanterie, die ihrer abendländischen Heimat entsprossen war, wo die beiden Geschlechter untereinander leben, wo unter einem rauhen Klima weder Vielweiberei noch die eifersüchtigen Vorsichtsmaßregeln des Morgenlandes vonnöten sind. Im Gegenteil, bei ihnen erwärmten diese fast göttlich verehrten Geschöpfe das häusliche Leben durch die innige Beredsamkeit ihrer Gefühle. Die schlummernden Sinne verlangten diese Mannigfaltigkeit kräftiger und zarter Mittel, diese Verschiedenheit des Tuns, diese Erregung des Denkens, diese von der Koketterie geschaffenen schimärische Gedanken-Systeme, deren Grundsätze wir zum Teil in diesem ersten Abschnitt unseres Buches ausführlich behandelt haben und die für das gemäßigte Klima Frankreichs geradezu wunderbar passen.

Dem Morgenlande also die Leidenschaft und ihre Raserei, die langen braunen Haare und die Harems, die liebeglühenden Gottheiten, der Pomp, die Poesie und die Denkmäler! Dem Abendlande die Freiheit der Frauen, ihre majestätischen blonden Locken, die Galanterie, die Feen, die Zauberinnen, die tiefen Erregungen der Seele, die lieblichen Rührungen der Melancholie und die langdauernde Liebe!

Diese beiden Systeme, die von den entgegengesetzten Enden der Welt ausgezogen waren, trafen in Frankreich zum Entscheidungskampf zusammen: in Frankreich, wo ein Teil des Landes, die Langue d'oc, an dem Glauben des Morgenlandes Gefallen finden konnte, während der andere, die Langue d'oil, das Vaterland jener Überlieferungen war, die der Frau eine Zaubermacht zuschreiben. In der Langue d'oil verlangt die Liebe Geheimnisse; in der Langue d'oc ist Sehen gleichbedeutend mit Lieben.

Als dieser Kampf auf seinem Höhepunkt stand, triumphierte in Frankreich das Christentum; und es wurde von Frauen gepredigt, und es brachte als Gottheit eine Frau, die in den Wäldern der Bretagne, der Vendée und der Ardennen unter dem Namen ›Unsere liebe Frau‹ den Platz mehr als eines Götzenbildes in alten hohlen Druideneichen einnahm. Wenn die Religion Christi, die vor allem andern ein sittliches und politisches Gesetzbuch ist, allen Wesen eine Seele gab, wenn sie den Satz aufstellte, daß vor Gott alle Menschen gleich seien, und wenn sie durch diese Grundsätze die ritterlichen Anschauungen des Nordens kräftigte, so wurde dieser Vorteil dadurch wieder völlig aufgehoben, daß der Papst die Stadt Rom als Erbschaft übernahm und dort seinen beständigen Wohnsitz aufschlug, daß die lateinische Sprache als Weltsprache das ganze mittelalterliche Europa beherrschte, und daß die Mönche, die Schreiber und die Rechtsgelehrten ein Interesse daran hatten, den bei der Plünderung von Amalfi von einem Soldaten gefundenen Gesetzbüchern zum Triumph zu verhelfen.

Die beiden Grundsätze, der Dienstbarkeit der Frau und ihrer Herrschaft, blieben also nebeneinander bestehen, indem sie beide neue Schutz- und Trutzwaffen erhielten.

Das salische Gesetz, das auf einem Rechtsirrtum beruht, brachte die bürgerliche und politische Dienstbarkeit der Frau allgemein zur Geltung, konnte jedoch nicht die Macht zerstören, die den Frauen von den Sitten verliehen wurde, denn die in Europa aufflammende Begeisterung für das Ritterwesen kämpfte auf seiten der Sitten gegen die Gesetze.

Auf diese Weise bildete sich das seltsame Schauspiel, das seitdem unser Nationalcharakter und unsere Gesetzgebung darbieten; denn seit jenen Zeiten, die vom Standpunkt philosophischer Geschichtsbetrachtung den Vorabend der Revolution zu bilden scheinen, ist Frankreich von so vielen innern Erschütterungen heimgesucht worden: das Lehnswesen, die Kreuzzüge, die Reformation, der Kampf zwischen Königtum und Adel, der Despotismus und die Priesterherrschaft haben es mit so engen Banden umschnürt, daß die Frau das Opfer der sonderbaren Widersprüche wurde und blieb, die sich aus den drei Hauptereignissen unserer Geschichte entwickelten. Konnte man sich mit der Frau, mit ihrer Erziehung zu einem Gliede des Staatswesens und mit der Ehe beschäftigen, während die Ausartung des Lehnswesens den Bestand des Thrones in Frage stellte, während die Reformation Thron wie Adel bedrohte, während zwischen Priesterherrschaft und Staatsherrschaft das Volk vergessen wurde? Nach einem Ausspruch der Frau Necker hatten die Frauen während dieser großen Ereignisse die Aufgabe jener Flaumfedern zu übernehmen, mit denen man Porzellangefäße ausfüllt: sie wiegen scheinbar nichts, und doch würde ohne sie alles in Stücke gehen.

Während jener Zeiten bot die verheiratete Frau in Frankreich das Schauspiel einer in Dienstbarkeit schmachtenden Königin, einer Sklavin, die zugleich frei und gefangen ist; die Widersprüche, die sich aus dem Kampfe der beiden Prinzipien ergaben, kamen in der gesellschaftlichen Ordnung zum Ausbruch und bekundeten sich durch Tausende von Absonderlichkeiten. Da die physische Beschaffenheit der Frau damals wenig bekannt war, so wurde aus dem Krankhaften in ihr ein Wunder, eine Hexenkunst oder eine abscheulichste Verruchtheit gemacht. Und während diese Geschöpfe von den Gesetzen wie Verschwender behandelt und unter Vormundschaft gestellt wurden, wurden sie von den Sitten vergöttert. Gleich den Freigelassenen der römischen Kaiser verfügten sie über Kronen, entschieden Schlachten, verteilten Geld und Gut, veranlaßten Staatsstreiche, Verbrechen, Heldentaten der Tugend durch ein bloßes Blinzeln ihrer Augen – und dabei besaßen sie nichts, denn sie besaßen nicht einmal sich selber. Sie waren ebenso glücklich wie unglücklich und ebenso unglücklich wie glücklich. Bewaffnet mit ihrer Schwäche, stark durch ihren Instinkt, traten sie aus dem Kreise heraus, in den die Gesetze sie bannen wollten, und erwiesen sich als übermächtig im Vollbringen von Bösem, ohnmächtig im Vollbringen von Gutem; ihre Tugenden, die sie auf Befehl übten, hatten kein Verdienst, für ihre Laster gab es keine Entschuldigung; man warf ihnen vor, sie seien unwissend, und benahm ihnen die Möglichkeit, etwas zu lernen; sie waren weder rechte Mütter noch rechte Gattinnen. In ihrem Müßiggang hingen sie Leidenschaften nach und dienten den Franken als ein kokettes Spielzeug, während sie wie die Römerinnen hinter den Mauern ihrer Burgen ihre Kinder zu Kriegern hätten erziehen sollen. Da in der Gesetzgebung kein einziger starker Grundsatz zum Ausdruck gebracht war, so folgte eine jede ihren Neigungen, und man sah ebenso viele Marion Delormes wie Cornelias, ebenso viele Tugenden wie Laster. Diese Frauen waren ebenso unvollkommen wie die Gesetze, unter deren Herrschaft sie standen: die einen betrachteten sie als ein Zwischending zwischen Mensch und Tier, als eine gefährliche Bestie, der die Gesetze gar nicht genug Fesseln anlegen könnten, als ein Geschöpf, das von der Natur wie so viele andere zur Lust und Freude der Männer bestimmt sei; andere betrachteten die Frau als einen aus dem Paradies verbannten Engel, als eine Quelle des Glückes und der Liebe, als das einzige Wesen, das für die Gefühle des Mannes Verständnis habe und das man zur Vergeltung für seine Leiden mit einer abgöttischen Verehrung anbeten müsse. Wie hätte die Einigkeit, die in den politischen Einrichtungen fehlte, in den Sitten vorhanden sein können?

Die Frau war also, was die Verhältnisse und die Männer aus ihr machten, anstatt zu sein, was das Klima und die gesellschaftlichen Einrichtungen aus ihr hätten machen müssen: sie wurde verkauft, wurde kraft einer väterlichen Gewalt, die auf den Rechtsanschauungen der alten Römer beruhte, gegen ihren Willen verheiratet – und während sie unter der Herrschaft eines ehelichen Despotismus litt, der sie am liebsten völlig von der Welt abgeschlossen hätte, sah sie sich umworben und zu der einzigen Selbsthilfe ermuntert, die ihr möglich war. Und als nun die Männer nicht mehr von innern Kriegen ganz und gar in Anspruch genommen waren, da wurde die Frau sittenlos, gerade wie sie unter all den bürgerlichen Unruhen tugendhaft gewesen war. Ein jeder gebildete Mensch mag dieses Gemälde auf seine Art mit bunten Farben ausschmücken; wir wollen durch die Ereignisse der Weltgeschichte uns belehren lassen und verlangen nicht, von ihnen poetisch unterhalten zu werden.

Die Revolution hatte zu viel mit Niederreißen und Aufbauen zu tun, hatte zu viele Widersacher oder stand vielleicht den traurigen Zeiten der Regentschaft und Ludwigs des Fünfzehnten noch zu nahe, um beurteilen zu können, welchen Platz die Frau in der gesellschaftlichen Ordnung einnehmen muß.

Die bedeutenden Männer, die das unsterbliche Denkmal unserer Gesetzbücher errichteten, waren fast lauter alte Rechtsgelehrte, die von der Wichtigkeit der römischen Gesetze durchdrungen waren; außerdem haben sie keine politischen Einrichtungen begründet. Als Söhne der Revolution glaubten sie wie alle Revolutionsmänner, daß das Gesetz einer weise beschränkten Ehescheidung und die Erleichterung eines ehrfurchtsvollen Gehorsams hinreichende Verbesserungen seien. Ihren Zeitgenossen, die noch in den Erinnerungen an die frühere Ordnung der Dinge lebten, schienen diese neuen Einrichtungen von ungeheurer Tragweite zu sein.

Heutzutage, wo beide Prinzipien durch so viele Ereignisse und durch den Fortschritt der Aufklärung recht abgeschwächt sind, harrt die Frage, welches dieser beiden Prinzipien triumphieren soll, noch in vollem Umfange ihrer Lösung durch weise Gesetzgeber. Die Vergangenheit enthält Lehren, die in der Zukunft ihre Früchte tragen müssen. Sollte die Beredsamkeit der Tatsachen für uns verloren sein?

Die Prinzipien des Morgenlandes haben in ihrer Weiterentwicklung zur Eunuchen- und Serailwirtschaft geführt; die aus der Mischung der beiden Prinzipien hervorgegangenen Sitten Frankreichs haben unserm Volkskörper die Wunde der Kurtisanenwirtschaft und die noch tiefere Wunde unserer Eheverhältnisse zugefügt; um uns des zutreffenden Ausdrucks eines Zeitgenossen zu bedienen: »Der Orient opfert dem Prinzip der Vaterschaft Männer und die Gerechtigkeit, Frankreich opfert ihm Frauen und die Scham.« Weder der Orient noch Frankreich haben das Ziel erreicht, nach welchem diese Einrichtungen strebten: das Glück. Im Morgenlande wird der Mann so wenig von den Frauen seines Harems geliebt, wie in Frankreich der Ehemann sicher ist, der Vater seiner Kinder zu sein; und die Ehe ist den Preis nicht wert, den sie kostet. Es ist an der Zeit, dieser Einrichtung keine Opfer mehr zu bringen, und ein größeres Anlagekapital an Glück der gesellschaftlichen Ordnung anzuvertrauen, indem wir unsere Sitten und Einrichtungen unserm Klima anpassen.

Da die konstitutionelle Regierungsform sich als eine glückliche Mischung zweier extremer politischer Systeme, des Despotismus und der Demokratie, erwiesen hat, so scheint uns dies auf die Notwendigkeit hinzudeuten, auch die beiden in bezug auf die Ehe geltenden Prinzipien zu verschmelzen, die in Frankreich bisher in Widerstreit miteinander lagen. Die Freiheit, die wir kühnlich für die jungen Mädchen gefordert haben, ist das rechte Heilmittel für die Menge von Leiden, deren Quelle wir nachgewiesen haben, indem wir den Widersinn der sklavenmäßigen Erziehung unserer Töchter aufdeckten. Lassen wir der Jugend die Leidenschaften, die Koketterien, die Liebe und ihre Ängste, die Liebe und ihre Wonnen, und das verführerische Gefolge der fränkischen Ritter! In dieser Frühlingszeit des Lebens gibt es keinen Fehltritt, der sich nicht wieder gutmachen ließe; voll Vertrauen, ohne Haß wird Hymen aus den Prüfungen hervorgehen, und die Liebe wird gerechtfertigt werden durch Vergleiche, die zu unserm Besten sind.

Wenn diese Änderung unserer Sitten sich vollzieht, so wird die bösartige Wunde des Dirnenwesens von selber heilen. Besonders zu jener Zeit, wo der Mensch noch die Unschuld und Schüchternheit der Jugend besitzt, schadet es seinem Glücke nichts, wenn er große und wahre Leidenschaften zu bekämpfen hat. Die Seele ist glücklich, wenn sie etwas zu vollbringen hat, sei es, was es sei; wenn sie nur in Bewegung und in Tätigkeit ist, kommt es ihr wenig darauf an, ihre Kräfte gegen sich selber zu kehren. In dieser Beobachtung, die jedermann hat machen können, liegt ein Geheimnis, das für die Gesetzgebung, die Ruhe und das Glück wichtig ist. Ferner haben ja heutzutage die Studien eine solche Ausdehnung gewonnen, daß auch der stürmischste unserer künftigen Mirabeaus seinen Tatendrang an einer Leidenschaft und gleichzeitig an den Wissenschaften austoben kann. Wie viele junge Leute sind dadurch vor einem ausschweifenden Leben bewahrt geblieben, daß sie einen hartnäckigen Kampf mit ihren Studien und zugleich mit den Hindernissen einer ersten, einer reinen Liebe zu bestehen hatten! Und wo ist denn das junge Mädchen, das nicht die köstliche Kinderzeit ihrer Gefühle zu verlängern wünschte, das nicht stolz darauf wäre, von einem Jüngling gekannt zu sein, das nicht den jungen Begierden eines Liebhabers, der ebenso unerfahren ist wie sie selber, die wonnigen Befürchtungen ihrer Schüchternheit, die Scham ihrer geheimen ureigenen Gedanken entgegenzusetzen hätte? Die Galanterie der Franken und ihre Freude werden also das reiche Angebinde der Jugend sein, und dadurch werden sich ganz von selber jene Beziehungen der Seele, des Geistes, des Charakters, der Lebensweise, des Temperaments und der äußeren Glücksumstände einstellen, durch die das glückliche Gleichgewicht geschaffen wird, das zur Glückseligkeit eines Ehepaares erforderlich ist. Dieses System würde eine noch viel breitere und wahrhaftigere Grundlage erhalten, wenn für die Mädchen eine auf vernünftiger Berechnung beruhende Beschränkung ihres Erbrechts eingeführt würde. Oder die Männer sollten sich bei ihrer Auswahl nur zugunsten derer entscheiden, die ihnen durch ihre Tugenden, ihren Charakter oder ihre Geistesgaben Bürgschaften des Glückes bieten würden, und darum sollte man, wie in den Vereinigten Staaten, die Mädchen ohne Mitgift verheiraten.

Dann wird es nichts Bedenkliches haben, das Verfahren der Römer auf die verheirateten Frauen anzuwenden, die als junge Mädchen ausgiebigen Gebrauch von ihrer Freiheit gemacht haben. Indem man ihnen ausschließlich die erste Erziehung der Kinder überträgt, die von allen Pflichten einer Mutter die wichtigste ist; indem sie nur damit beschäftigt sind, jenes ununterbrochene Glück entsprießen zu lassen und zu pflegen, das im vierten Buch der ›Julie‹ so wunderbar geschildert ist, werden die Frauen in ihrem Hause, wie die alten Römerinnen, lebende Abbilder der Vorsehung sein, die überall sich kundgibt und nirgends sich sehen läßt. Dann werden die Gesetze über Untreue außerordentlich strenge sein müssen. Die Strafen werden nicht nur in einer empfindlichen Freiheitsentziehung bestehen, sondern vor allen Dingen auch entehrend sein müssen. In Frankreich haben wegen angeblicher Verbrechen der Zauberei Frauen nackt auf Eseln reiten müssen, und mehr als eine Unschuldige ist an dieser Schmach gestorben. Hier liegt das Geheimnis, das die zukünftige Gesetzgebung der Ehe beachten muß. Die Mädchen von Milet entzogen sich der Ehe durch den Tod; der Senat verurteilt die Selbstmörderinnen, nackt auf einer Schleife durch die Straßen gezogen zu werden – und die Jungfrauen verurteilen sich zum Leben.

Die Frauen und die Ehe werden also in Frankreich nur Achtung finden, wenn die von uns verlangte durchgreifende Änderung unserer Sitten sich vollzieht. Dies ist der tiefe Gedanke, der die beiden schönsten Hervorbringungen eines unsterblichen Geistes beseelt. ›Emile‹ und die ›Neue Héloïse‹ sind nichts weiter als zwei begeisterte Verteidigungsreden zugunsten dieses Systems. Diese Stimme wird durch alle Jahrhunderte widerhallen, weil sie die wahren Beweggründe der Gesetze und Sitten künftiger Jahrhunderte ahnend erkannt hat. Indem er die Kinder ihren Müttern an die Brust legte, leistete Jean-Jacques bereits der Tugend einen unermeßlichen Dienst; aber sein Zeitalter war zu tief von der Verderbnis angefressen, um die hohen Lehren zu begreifen, die diese beiden Gedichte einschlossen; allerdings müssen wir hinzufügen, daß der Dichter den Sieg über den Philosophen davontrug, indem er in dem Herzen der verheirateten Julie Spuren ihrer ersten Liebe fortbestehen ließ; hierbei hat er sich durch eine poetische Situation verführen lassen, die zwar rührender, aber weniger nützlich war als die Wahrheit, die er erläutern wollte.

Wenn indessen in Frankreich die Ehe ein ungeheurer Rechtsvertrag ist, den die Menschen in stillschweigender Übereinkunft abgeschlossen haben, um den Leidenschaften mehr Duft und Eigentümlichkeit, um der Liebe mehr Geheimnis, den Frauen mehr Pikanterie zu verleihen, wenn eine Frau mehr ein Salonzierat, eine Modenpuppe, ein Mantelständer ist, als ein denkendes Wesen, dessen Aufgaben im politischen Leben sich mit der Wohlfahrt eines Landes, mit dem Ruhme eines Vaterlandes vereinigen ließe – ein denkendes Geschöpf, dessen Dienste es an Nützlichkeit mit denen der Männer aufnehmen könnten: dann gestehe ich, daß diese ganze Theorie, diese langen Betrachtungen angesichts einer so gewaltigen Bestimmung in sich zusammenfallen würden!

Aber jetzt haben wir das Mark des Vergangenen genügend ausgepreßt, um ein Tröpflein Philosophie zu erhalten; jetzt haben wir der vorherrschenden Leidenschaft unserer Zeit für das ›Historische‹ genügend gehuldigt – wenden wir unsere Blicke jetzt wieder auf die Gegenwart! Wir wollen die Schellenkappe wieder aufsetzen, wollen die Pritsche wieder zur Hand nehmen, aus der Meister Rabelais einst ein Zepter machte, und wollen in unserer Untersuchung fortfahren, ohne einem Scherz mehr Ernst beizumessen, als ihm zukommt, ohne mit ernsten Dingen mehr Spaß zu treiben, als sie vertragen.

 

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