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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 12
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Die ersten Symptome

Während deine Frau sich in der Krisis befindet, von der wir soeben gesprochen haben, wiegst dagegen du dich in einer angenehmen völligen Sicherheit. Du hast so oft die Sonne gesehen, daß du zu glauben beginnst, sie könne recht wohl der ganzen Welt leuchten. Und von jetzt an widmest du nicht mehr den unbedeutendsten Handlungen deiner Frau jene Aufmerksamkeit, zu der dich das erste Feuer des Temperaments antrieb.

Diese Gleichgültigkeit verhindert viele Ehemänner, die Symptome zu bemerken, durch die ihre Frauen ein erstes Gewitter ankünden; und diese Gleichgültigkeit hat mehr Ehemänner minotaurisiert als die Gelegenheit, die Fiaker, die Kanapees und die Absteigequartiere. Dieses Gefühl der Unachtsamkeit gegenüber der Gefahr wird gewissermaßen hervorgerufen und gerechtfertigt durch die anscheinende Ruhe, die dich umgibt. Die Verschwörung, die von unserer Million hungriger Junggesellen gegen dich angesponnen ist, scheint von einem Geiste beseelt zu sein. Obwohl von allen diesen Herrchen keiner den andern kennt – oder die, welche sich kennen, Feinde sind –, hat eine Art Instinkt ihnen das Stichwort gegeben.

Wenn zwei Menschen sich verheiraten, sind für gewöhnlich die Sbirren des Minotauros, jung wie alt, so höflich, die Ehegatten ganz sich selber zu überlassen. Sie sehen in einem Ehemann einen Arbeiter, der die Aufgabe hat, den Diamanten, der von Hand zu Hand gehen soll, um eines Tages in der Runde bewundert zu werden, zu schleifen, zu glätten, zu facettieren und zu fassen. Daher ist denn immer der Anblick eines recht verliebten jungen Ehepaares eine Freude für jene Junggesellen, die man ›Roués‹ genannt hat; sie hüten sich wohl, eine Arbeit zu stören, von der die ganze Gesellschaft Nutzen haben wird; sie wissen auch, daß ein starker Regen nicht lange dauert; und so halten sie sich beiseite, liegen auf der Lauer und erspähen mit unglaublicher Gewandtheit den Augenblick, wo die beiden Gatten des Siebenten Himmels müde zu werden beginnen.

Das Feingefühl, womit die Junggesellen den Augenblick entdecken, wo in einer Ehe die ersten Stürme auftreten, läßt sich nur mit der Gleichgültigkeit vergleichen, der die Ehemänner, für die der Wettermond aufgeht, sich hingegeben haben. Selbst in der Galanterie gibt es einen Augenblick der Reife, den man muß abwarten können. Ein großer Mann weiß mit richtigem Urteil vorauszusehen, was sich aus den Umständen ergeben kann. Diese Zweiundfünfzigjährigen zum Beispiel, die wir als so gefährlich geschildert haben, begreifen vollkommen, daß mancher, der sich einer Frau als Liebhaber angeboten hat und stolz abgewiesen worden ist, drei Monate später mit offenen Armen aufgenommen werden wird.

Im allgemeinen verraten die verheirateten Leute die Kälte ihrer Gefühle mit derselben Naivität, womit sie ihre Liebe zur Schau trugen. Zu jener Zeit, wo du mit deiner Frau Gemahlin die entzückenden Landschaften des Siebenten Himmels durchstreiftest – was je nach den Charakteren, wie aus der vorhergehenden Betrachtung hervorgeht, mehr oder weniger lange dauert –, zu jener Zeit gingt ihr wenig oder gar nicht in Gesellschaft. Ihr wart glücklich in eurer Häuslichkeit, und wenn ihr überhaupt ausgingt, so machtet ihr, wie verliebte Leute tun, eine Lustpartie oder einen Ausflug aufs Land, oder ihr gingt ins Theater und dergleichen. Sobald ihr zusammen oder einzeln wieder in der Gesellschaft erscheint, sobald man euch beide als eifrige Besucher von Bällen, Festen und allen jenen eitlen Vergnügungen sieht, die den Zweck haben, über die Leere des Herzens hinwegzutäuschen – in diesem Augenblick erraten die Junggesellen, daß deine Frau dorthin geht, um Zerstreuungen zu suchen; also langweilt sie sich in ihrer Ehe, mit ihrem Ehemann.

Da weiß der Junggeselle, daß der halbe Weg bereits zurückgelegt ist. Da steht dir das Schicksal bevor, minotaurisiert zu werden, und deine Frau hat Neigung, inkonsequent zu werden: das heißt, in Wirklichkeit wird sie in ihrem Verhalten sehr konsequent sein, sie wird sich erstaunlich tiefe Gründe dafür zurechtlegen, und du wirst dir keinen Vers darauf machen. Von diesem Augenblick an wird sie dem Anschein nach gegen keine einzige von ihren Pflichten verstoßen; sie wird sich um so sorgfältiger mit den Farben der Tugend zu umkleiden suchen, als sie in Wirklichkeit keine Tugend mehr besitzt. Ach! sagte Crébillon,

muß man auch noch beerben,
die man mordet?

Niemals wirst du sie so sorgsam bemüht gesehen haben, dir zu gefallen. Für die geheime Wunde, die sie deinem Eheglück bereits zu versetzen plant, wird sie dich durch kleine Glückseligkeiten zu entschädigen suchen, aus denen du auf die Dauer ihrer Liebe schließest; daher das Sprichwort: »Glücklich wie ein Hahnrei!« Aber was sich begibt, hängt von dem Charakter der Frauen ab: entweder verachten sie ihre Gatten gerade deshalb, weil es ihnen gelingt, sie zu täuschen; oder sie hassen sie, wenn ihre Pläne von ihnen durchkreuzt werden; oder sie verfallen ihnen gegenüber in eine Gleichgültigkeit, die tausendmal schlimmer ist als der Haß.

Wenn die Sachen einmal so weit gediehen sind, ist das erste Erkennungszeichen an der Frau ein sehr häufiger Wechsel ihrer Stimmungen. Sie möchte sich selber entfliehen, kann es in ihrem Heim nicht aushalten; aber es ist dabei noch nicht jene Leidenschaftlichkeit von Ehegatten, die völlig unglücklich sind. Sie verwendet große Sorgfalt auf ihre Kleidung und sagt dabei, sie tue es dir zu Gefallen, um bei Festen und Belustigungen alle Blicke auf sich zu ziehen.

Ist sie wieder in der Langeweile ihrer Penaten, so siehst du sie manchmal traurig und nachdenklich, dann wieder lachend und fröhlich, wie wenn sie sich betäuben wollte; oder sie macht ein ernstes Gesicht wie ein Deutscher, der ins Gefecht zieht. Derartige häufige Stimmungsumschläge sind stets Anzeichen der von uns beschriebenen gefährlichen Periode des Schwankens.

Manche Frauen lesen Romane und ergötzen sich an den geschickten, stets abwechselnden Schilderungen einer Liebe, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, aber zuletzt doch triumphiert. Oder sie betreiben das Romanlesen, um sich in Gedanken an die Gefahren einer Liebesintrige zu gewöhnen.

Deine Frau wird davon sprechen, daß sie die höchste Achtung für dich hege. Sie wird sagen, sie liebe dich, wie man einen Bruder liebt; diese vernünftige Freundschaft sei die einzig wahre, die einzig dauerhafte, und der ganze Zweck der Ehe sei, solche Freundschaft zwischen den beiden Gatten herzustellen.

Sie wird sehr geschickt darauf aufmerksam machen, daß sie bis dahin nur Pflichten zu erfüllen hatte, und daß sie Anspruch darauf machen kann, auch Rechte auszuüben.

Sie prüft mit einer Kälte, die du allein genauer ermessen kannst, alle Einzelheiten des Eheglücks. Dieses Glück hat ihr vielleicht niemals besonders gefallen; übrigens bleibt es ja für sie stets da; sie kennt es, sie hat es in seine Einzelheiten zerlegt – und wie viele kleine, aber nichtsdestoweniger furchtbare Beweise bringen von jetzt an einen klugen Ehemann zu der Überzeugung, daß dieses zartbesaitete Wesen sich mit Beweis- und Vernunftgründen abgibt, anstatt sich vom Sturme seiner Leidenschaft fortreißen zu lassen!

 

LIX. Je mehr Urteil, desto weniger Liebe.

Nun hörst du von ihr jene Scherze, über die du zuerst lachst, jene Betrachtungen, die dich durch ihre Tiefe überraschen; nun bemerkst du jene plötzlichen Stimmungsumschläge, jene Launen eines hin und her schwankenden Geistes. Zuweilen wird sie plötzlich außerordentlich zärtlich, wie wenn sie ihre Gedanken und ihre Pläne bereute; zuweilen ist sie verdrießlich und unentzifferbar – mit einem Wort, es gilt jener Satz: ›Varium et mutabile femina‹, den wir bis dahin dummerweise aus der natürlichen Anlage der Frau erklärt hatten. Diderot ist in seinem Wunsche, diese beinahe den Schwankungen der Witterung entsprechenden Stimmungen der Frau zu erklären, so weit gegangen, sie von etwas abzuleiten, was er ›das wilde Tier‹ nennt. Aber man wird diese häufigen Widersprüche niemals bei einer glücklichen Frau beobachten.

Diese Symptome, die so leicht sind wie Gaze, gleichen jenen Wolken, die kaum auf dem Azurblau des Himmels zu bemerken sind und die man Gewitterblumen nennt. Bald aber nehmen die Farben kräftigere Tönungen an.

Es gibt Frauen, denen ihre Mütter, die aus Berechnung, aus Pflicht, aus Gefühl oder aus Heuchelei tugendhaft waren, feste Grundsätze eingeflößt haben. Wenn diese sich so ernstem Denken hingeben, das nach Madame de Staëls Ausdruck das Leben poetischer machen möchte, so halten sie zuweilen die verzehrenden Ideen, von denen sie bestürmt werden, für Einflüsterungen des Teufels; und dann sieht man sie regelmäßig in die Messe, zur Predigt, ja sogar in die Vesper laufen. Diese falsche Frömmigkeit beginnt mit hübschen und kostbar gebundenen Gebetbüchern, mit deren Hilfe diese lieben Sünderinnen sich vergeblich bemühen, die Pflichten zu erfüllen, die von der Religion auferlegt sind, aber um der ehelichen Freuden willen von ihnen im Stich gelassen wurden.

Hier wollen wir einen Grundsatz aufstellen. Grabe ihn mit feurigen Buchstaben in dein Gedächtnis ein!

Wenn eine junge Frau plötzlich wieder zu ihren religiösen Übungen zurückkehrt, die sie bereits aufgegeben hatte, so birgt sich in dieser neuen Lebensweise stets etwas, was für das Glück des Ehemanns von hoher Bedeutung ist. Auf hundert Frauen kommen wenigstens neunundsiebzig, bei denen diese Rückkehr zu Gott beweist, daß sie inkonsequent gewesen sind oder bald inkonsequent sein werden.

Aber ein noch klareres, noch entscheidenderes Symptom, das jeder Ehemann erkennen wird, wenn er nicht ein Dummkopf ist, ist folgendes:

Zu jener Zeit, da ihr beide in den trügerischen Wonnen des Honigmondes schwammet, tat dir deine Frau beständig deinen Willen, weil sie dich liebte. Glücklich, dir einen guten Willen zeigen zu können, den ihr alle beide für Liebe hieltet, hätte sie sich gefreut, wenn du ihr befohlen hättest, in der Dachrinne zu gehen, und sofort würde sie, behende wie ein Eichhörnchen, über die Dächer gelaufen sein. Mit einem Wort, sie fand ein unaussprechliches Vergnügen darin, dir jenes ›Ich‹ zu opfern, das aus ihr ein von dir verschiedenes Wesen machte. Sie war eins geworden mit deiner Natur und hatte damit jenem Verlangen des Herzens gehorcht: Una caro.

Alle diese schönen Vorsätze sind unmerklich verblaßt. Es hat sie verletzt, ihren Willen zunichte gemacht zu sehen, und jetzt wird deine Frau versuchen, die Herrschaft über ihren eigenen Willen wiederzuerlangen, und zwar mittels eines Systems, das sie allmählich, aber mit einer von Tag zu Tag wachsenden Energie entwickelt.

Dieses System nennt sich: ›Die Würde der verheirateten Frau.‹ Die erste Wirkung dieses Systems besteht darin, daß es in eure Liebesfreuden eine gewisse Zurückhaltung und Lauheit hineinbringt, die nur du allein bemerken kannst.

Je nach dem höheren oder niedrigeren Grad deiner sinnlichen Leidenschaft hast du vielleicht während des Honigmondes ahnend eine von jenen zweiundzwanzig Wollüsten erraten, die einstmals in Griechenland zweiundzwanzig Arten von Kurtisanen schufen, die sich als Spezialistinnen mit der Pflege dieser zarten Zweige einer und derselben Kunst beschäftigten. Unwissend und unbefangen, neugierig und hoffnungsvoll, wird deine junge Frau ebenfalls einige Fortschritte in dieser ebenso seltenen wie unbekannten Wissenschaft gemacht haben, die wir dem künftigen Verfasser der ›Physiologie des Genusses‹ ganz besonders anempfehlen.

Es kommt ein Wintermorgen, und gleich den Schwärmen jener Vögel, die die Kälte des Westens fürchten, entfliehen plötzlich, mit demselben Flügelschlag: die Fellatrix, erfinderisch in Koketterien, die die Begierde täuschen, um ihre heißen Sturmangriffe zu verlängern; die Traktatrix, aus dem duftenden Orient stammend, wo man die Wonnen ehrt, die in süße Träume wiegen; die Subagitatrix, eine Tochter von Großgriechenland; die Genferin, mit ihren sanften, kitzelnden Wollüsten; die Korintherin, die im Notfall sie alle ersetzen könnte; dann endlich die schäkernde Phicidierin mit den neckisch knabbernden Zähnen, deren Schmelz gleichsam mit Verstand begabt ist. Eine einzige ist dir vielleicht noch geblieben; aber eines Abends breitet auch die glänzende und stürmische Propetis ihre weißen Flügel aus, entflieht mit gesenkter Stirn und zeigt dir, wie auf dem Rembrandtschen Gemälde der Engel, der den Augen Abrahams entschwindet, zum letztenmal die entzückenden Schätze, von denen sie selber nichts weiß und die nur du allein mit trunkenem Auge betrachten, mit liebkosender Hand streicheln durftest.

So sind dir alle diese verschiedenen Abstufungen der Lust, alle diese Phantasien der Seele, alle diese Liebespfeile geraubt; du siehst dich auf die gewöhnlichste aller Arten von Liebe angewiesen, auf jene primitive und unschuldige Art, die eheliche Pflicht zu erfüllen, jene friedfertige Huldigung, die der naive Adam unserer gemeinsamen Mutter erwies und die ohne Zweifel die Schlange auf die Idee brachte, sie etwas klüger zu machen. Aber ein so vollständiges Symptom kommt nicht häufig vor. Die meisten Ehepaare sind zu gute Christen, um die Bräuche des heidnischen Griechenlands zu pflegen. Daher haben wir es zu den letzten Symptomen gerechnet, wenn in dem friedlichen Ehebett jene schamlosen Wollüste auftreten, die meistenteils Töchter einer unerlaubten Leidenschaft sind. Gebührenden Ortes und zu rechter Zeit werden wir dieses Anzeichen aus höheren Regionen ausführlicher behandeln. Im vorliegenden Falle ist es vielleicht nur auf eine Gleichgültigkeit oder gar auf einen körperlichen Widerwillen zurückzuführen; hierüber bist du selber allein imstande zu urteilen.

Während sie so durch ihre Würde den Zwecken der Ehe einen edlern Anstrich gibt, behauptet deine Frau zugleich, sie müsse ihre Meinung haben und du die deinige. »Wenn eine Frau sich verheiratet,« wird sie sagen, »tut sie damit nicht das Gelübde, auf den Gebrauch ihrer Vernunft zu verzichten. Sind denn die Frauen wirklich Sklavinnen? Die menschlichen Satzungen haben den Leib in Ketten und Bande legen können, aber den Glauben . . . ah! der steht zu nahe bei Gott, als daß die Tyrannen ihre Hände danach ausstrecken könnten.«

Diese Ideen entspringen notwendigerweise entweder daraus, daß du sie zu frei erzogen hast, oder daraus, daß du ihr erlaubt hast, gewisse Betrachtungen anzustellen. Ein ganzer Abschnitt unseres Buches ist der ›Erziehung in der Ehe‹ gewidmet worden.

Dann beginnt deine Frau zu sagen: »Mein Zimmer, mein Bett, meine Wohnung.« Auf viele von deinen Fragen wird sie antworten: »Aber, mein lieber Freund, das ist ja nicht deine Sache!« oder: »Die Männer haben ihren Teil bei der Leitung eines Hauswesens, und die Frauen haben auch ihren.« Oder sie wird sich über die Männer lustig machen, die sich in die Hauswirtschaft einmischen, und wird behaupten, von gewissen Dingen verständen die Männer nichts.

Die Zahl der Dinge, von denen du nichts verstehst, wird alle Tage größer werden.

Eines schönen Morgens wirst du in eurer kleinen Kirche, wo ihr bisher nur vor einem einzigen Altar eure Andacht verrichtet hattet, zwei Altäre sehen. Der Altar deiner Frau wird nunmehr von dem deinigen unterschieden sein, und diese Unterscheidung wird sich immer auffälliger bemerkbar machen, und zwar stets auf Grund des Prinzips von der Würde der Frau.

Alsdann werden die folgenden Ideen kommen, die man dir, ohne daß du es merkst, mittels einer wenig bekannten, aber schon sehr alten ›lebendigen Kraft‹ einflößen wird. Die Dampfkraft, die Benutzung der Kraft der Pferde, der Menschen oder des Wassers sind gute Erfindungen; aber die Natur hat die Frau mit einer moralischen Kraft ausgerüstet, mit der die vorhin genannten Kräfte sich nicht vergleichen lassen: wir wollen sie ›die Kraft der Klapper‹ nennen. Die Wirkung dieser Kraft beruht auf beständiger Erzeugung eines und desselben Tones, auf einer so genauen Wiederholung derselben Worte, auf einem so vollkommenen Kreislauf derselben Gedanken, daß du infolge des beständigen Anhörens so weit kommst, ihre Richtigkeit anzuerkennen, um nur des weiteren Redens überhoben zu sein. So wird zum Beispiel die unwiderstehliche Kraft der Klapper dir beweisen:

  • du seist recht glücklich, eine so ausgezeichnete Frau zu haben;
  • man habe dir zu viel Ehre erwiesen, indem man dich geheiratet;
  • der Scharfblick der Frau sehe oft richtiger als das Auge des Mannes;
  • du müssest bei allen Angelegenheiten deine Frau um ihren Rat fragen und fast immer demselben folgen;
  • du müßtest die Mutter deiner Kinder ›respektieren‹, sie ehren, Vertrauen zu ihr haben;
  • um nicht getäuscht zu werden, sei es das beste Mittel, sich auf das Zartgefühl einer Frau zu verlassen, weil es einem Mann unmöglich sei, seine Frau daran zu hindern, ihn zu minotaurisieren (dieser Grundsatz entspringt aus gewissen alten Ideen, die leider infolge unserer eigenen Schwachheit sich eingewurzelt haben);
  • die in gesetzlicher Ehe ihm verbundene Frau sei die beste Freundin eines Mannes;
  • eine Frau sei Herrin in ihrem Hause und Königin in ihrem Salon, usw. usw.

Wer diesen Versuchen, der Würde der Frau die Oberhand über die Kraft des Mannes zu verschaffen, einen festen Widerstand entgegensetzen will, gehört zur Klasse der Prädestinierten.

Zuerst entstehen Streitigkeiten, durch die in den Augen seiner Frau der Mann den Anschein eines Tyrannen erhält. Die Tyrannei eines Ehemannes ist stets eine gefährliche Entschuldigung für die Inkonsequenz einer Frau. Ferner wissen sie bei diesen leichten Streitigkeiten ihren und unsern Familien, aller Welt und uns selber zu beweisen, daß wir unrecht haben. Wenn du um des lieben Friedens willen oder aus Liebe die vorgeblichen Rechte deiner Frau anerkennst, überläßt du ihr damit einen Vorteil, den sie sich für ewige Zeiten zunutze machen wird. Ein Mann darf, wie eine Regierung, niemals einen Fehler eingestehen. Sofort wäre deine Herrschaft durch das geheime System der Frauenwürde überflügelt; sofort wäre alles verloren; von diesem Augenblick an würdest du ihr ein Zugeständnis nach dem andern machen, bis sie dich aus ›ihrem‹ Bett verjagte.

Da die Frau schlau, geistreich, boshaft ist und Zeit genug hat, sich eine Ironie auszudenken, so würde sie dich lächerlich machen, sobald eure Meinungen aufeinanderplatzten. Der Tag, wo sie dich lächerlich gemacht hat, wird das Ende deines Glückes sein. Mit deiner Herrschaft wird es aus sein. Eine Frau, die über ihren Gatten gelacht hat, kann ihn nicht mehr lieben. Der Mann muß für die liebende Frau ein Wesen voller Kraft und Größe sein, muß ihr immer imponieren. Eine Familie kann nicht ohne Despotismus existieren. Merkt euch das, ihr Völker!

Daher bildet denn auch die schwere Kunst des Benehmens, das ein Mann gegenüber so wichtigen Ereignissen beobachten muß und das wir als die hohe Politik der Ehe bezeichnen können, den Gegenstand des zweiten und dritten Teils unseres Buches. Aus diesem Brevier des ehelichen Machiavellismus wirst du lernen vor diesem leichten Geiste, vor dieser Seele, die nach Napoleons Ausdruck duftig ist wie zarte Spitzen, größer zu erscheinen. Du wirst daraus erfahren, wie ein Mann eine stählerne Seele aufweisen kann, wie er auf diesen häuslichen kleinen Krieg sich einlassen kann, und daß er niemals ihrem Willen nachgeben darf, ohne sein Glück in Gefahr zu bringen. Denn wenn du deiner Herrschaft entsagtest, würde deine Frau dich schon deshalb mißachten, weil sie dich kraftlos fände; du wärest für sie kein ›Mann‹ mehr.

Aber wir sind noch nicht so weit, die Theorien und Grundsätze zu entwickeln, durch die ein Ehemann elegante Manieren mit scharfem Vorgehen vereinigen kann; für den Augenblick lassen wir uns daran genügen, ihre Bedeutung für die Zukunft zu ahnen, und fahren fort:

In dieser verhängnisvollen Epoche wirst du sehen, wie sie geschickt das Recht verficht, allein auszugehen.

Eben noch warst du ihr Gott, ihr Idol. Der Gemütszustand, bei dem sie jetzt angelangt ist, entspricht dem Stadium der Frömmigkeit, in dem man die Löcher in den Kleidern der Heiligen bemerkt.

»O mein Gott, lieber Freund,« sagte Frau de la Vallière zu ihrem Mann, »wie unschön tragen Sie Ihren Degen! Herr de Richelieu hat so eine gewisse Art, seinen Degen gerade an der Spitze zu halten; so sollten Sie es auch machen: es ist viel geschmackvoller.«

»Meine Liebe, man kann mir nicht auf geistreichere Art sagen, daß wir schon seit fünf Monaten verheiratet sind.« Diese Antwort des Herzogs wurde zur Zeit Ludwigs des Fünfzehnten sehr glücklich gefunden.

Sie wird deinen Charakter studieren, um Waffen gegen dich zu finden. Dieses Studium, das mit der Liebe unverträglich ist, wird sich darin kundgeben, daß sie dir tausend kleine Schlingen legen wird, um sich von dir anfahren und ausschelten zu lassen; denn wenn eine Frau keine Entschuldigungen hat, um ihren Mann zu minotaurisieren, sucht sie welche zu schaffen.

Vielleicht wird sie sich zu Tische setzen, ohne auf dich zu warten.

Wenn sie mit dir im Wagen durch eine Stadt fährt, wird sie dich auf gewisse Gegenstände aufmerksam machen, die du nicht bemerkt hattest; sie wird unbekümmert in deiner Gegenwart singen; sie wird dir das Wort abschneiden, wird dir zuweilen nicht antworten und wird dir auf zwanzig verschiedene Arten dartun, daß sie an deiner Seite über all ihre Geisteskräfte und über ihre gesunde Vernunft verfügt.

Sie wird versuchen, in der Leitung der Hausangelegenheiten deinen Einfluß völlig null und nichtig zu machen und alleinige Herrin deines Vermögens zu werden. Zunächst wird dieser Kampf für ihre beschäftigungslose oder zu sehr in Anspruch genommene Seele eine Zerstreuung sein; später wird sie in deinem Widerstand einen neuen Anlaß finden, sich über dich lustig zu machen. An den durch die Gewohnheit geheiligten Ausdrücken wird es ihr nicht fehlen, und in Frankreich geben wir ja so schnell dem ironischen Lächeln eines andern nach!

Von Zeit zu Zeit werden Migränen und Nervenzufälle auftreten; aber diese Symptome werden uns Anlaß zu einer ganzen Betrachtung für sich geben.

In Gesellschaft wird sie von dir sprechen, ohne zu erröten, und wird dich mit zuversichtlicher Miene ansehen.

Sie wird beginnen, alles zu tadeln, was du nur tust, weil es mit ihren Ideen oder geheimen Absichten in Widerspruch stehen wird.

Sie kümmert sich nicht mehr um das, was dich angeht; ja sie weiß nicht einmal, ob du auch alles hast, was du brauchst. Sie wird nicht mehr alles, was sie sieht, auf dich beziehen und mit dir vergleichen.

In Nachahmung eines Brauches Ludwigs des Vierzehnten, der seinen Mätressen Orangeblütensträuße brachte, die der Oberhofgärtner von Versailles ihm jeden Morgen auf seinen Tisch legte, schenkte Herr de Vivonne seiner Frau während der ersten Zeit ihrer Ehe fast alle Tage seltene und kostbare Blumen. Eines Abends fand er den Strauß auf einem Tischchen liegen, statt daß er, wie gewöhnlich, in ein Gefäß mit Wasser gestellt war. »Oho!« sagte er, »wenn ich kein Hahnrei bin, werde ich bald einer werden.«

Du bist acht Tage auf der Reise und bekommst keinen Brief, oder bekommst einen mit drei leeren Seiten. Symptom.

Du kommst auf einem kostbaren Pferde, auf das du große Stücke hältst; zwischen zwei Küssen beunruhigt deine Frau sich um das Pferd und dessen Hafer. Symptom.

Zu diesen Zügen kannst du jetzt andere selbst hinzufügen. Wir wollen in diesem Buch versuchen, stets al fresco zu malen; die Miniaturen überlassen wir dir. Je nach den Charakteren sind diese Anzeichen unendlich mannigfaltig; sie verbergen sich in jedem Ereignis des Alltagslebens. Der eine entdeckt ein Symptom in der Art, wie seine Frau einen Schal umlegt, während bei einem andern die Seele selbst erst einen Denkzettel erhalten muß, damit er die Gleichgültigkeit seiner Gesponsin ahnt.

An einem schönen Frühjahrsmorgen, am Tage nach einem Ball oder am Vorabend einer Landpartie tritt diese Lage in ihr letztes Stadium ein. Deine Frau langweilt sich, und das erlaubte Glück hat keinen Reiz mehr für sie. Ihre Sinnlichkeit, ihre Einbildungskraft, vielleicht auch nur eine Laune ihrer Natur verlangen einen Liebhaber. Indessen wagt sie noch nicht, sich in eine Intrige einzulassen, deren Folgen ohne Einzelheiten sie erschrecken. Du bist immerhin noch da; du fällst noch in die Wagschale, wenngleich mit einem recht geringen Gewicht. Andrerseits erscheint der Liebhaber mit aller Anmut der Neuheit, mit allen Reizen des Geheimnisses umkleidet. Schon früher hat sich im Herzen deiner Frau ein Kampf erhoben; jetzt steht sie dem Feinde selbst gegenüber: der Kampf ist Wirklichkeit geworden und ist gefährlicher denn je. Je größer die Gefahren und Wagnisse sind, desto mehr brennt sie bald darauf, sich in diesen wonnevollen Abgrund von Befürchtungen, Genüssen, Ängsten und Wollüsten zu stürzen. Ihre Einbildungskraft entzündet sich und sprüht Funken. Ihr künftiges Leben erhält in ihren Augen romantische und geheimnisvolle Farben. Ihre Seele findet, in dieser für die Frauen so ernsten Erörterung habe ihr Dasein bereits Spannkraft gewonnen. Alles bewegt sich und regt sich in ihr. Sie lebt dreimal mehr als zuvor und beurteilt die Zukunft nach der Gegenwart. Das geringe Maß sinnlicher Freuden, das du ihr zugeteilt hast, spricht auch noch gegen dich; denn sie erregt ihre Phantasie nicht so sehr an den Freuden, deren sie genossen hat, als an denen, deren sie genießen wird; ihre Einbildung stellt ihr vor, daß sie bei diesem Liebhaber, den die Gesetze ihr verbieten, ein viel lebhafteres Glück finden werde als bei dir. Endlich findet sie Genüsse in ihren Ängsten und Ängste in ihren Genüssen: sie liebt diese stets drohende Gefahr, dieses Damoklesschwert, das du selber über ihrem Haupte aufgehängt hast; sie zieht die rasenden Todeszuckungen einer Leidenschaft jenem albernen Eheverhältnis vor, das ärger ist als der Tod, jener Gleichgültigkeit, die weniger ein Gefühl, als vielmehr die Abwesenheit jeden Gefühls ist.

Ihr, die ihr vielleicht im Finanzministerium Händedrücke auszuteilen oder Bankrechnungen aufzustellen oder Börsenabschlüsse zu machen oder Reden in der Abgeordnetenkammer zu halten habt; und du, junger Mann, der du mit so vielen andern in unserer ersten Betrachtung in heiligem Eifer den Schwur tatest, dein Glück zu verteidigen, indem du deine Frau verteidigtest – was könnt ihr diesen für sie so natürlichen Begierden entgegensetzen? Für diese feurigen Geschöpfe ist ja Leben gleichbedeutend mit Fühlen; sobald sie nichts mehr empfinden, sind sie tot. Das Gesetz, auf Grund dessen ihr vorgeht, ruft ja gerade in ihr diesen unwillkürlichen Minotaurismus hervor. »Es ist«, sagte d'Alembert, »eine Folge der Gesetze der Bewegung!« Nun, wo sind denn eure Verteidigungsgründe? Wo?

Ach! wenn auch deine Frau noch nicht wirklich den Apfel der Schlange geküßt haben sollte – die Schlange ist schon bei ihr; du schläfst, wir wecken dich auf, und unser Buch beginnt.

Wir wollen nicht weiter untersuchen, wie viele von den fünfhunderttausend Ehemännern, die dies Buch angeht, zur Klasse der Prädestinierten gehören, wie viele sich übel verheiratet haben, wie viele es bei ihren Frauen verkehrt angefangen haben; wir wollen uns nicht darum bekümmern, ob es in dieser zahlreichen Schar wenige oder etliche gibt, die den Anforderungen genügen, um gegen die drohende Gefahr kämpfen zu können – denn im zweiten und dritten Teil dieses Werkes werden wir die Mittel besprechen, durch die der Minotauros zu bekämpfen und die Tugend der Frauen unversehrt zu erhalten ist. Aber wenn das Schicksal, der Teufel, das Zölibat, die Gelegenheit dein Unglück wollen dann wirst du dich vielleicht trösten, indem du den Faden erkennst, der sich durch alle diese Intrigen hindurchzieht, indem du den Schlachten beiwohnst, die in allen Ehen geliefert werden. Viele Leute haben einen so glücklichen Charakter, daß man ihnen nur das Wo zu zeigen, das Warum und Wie zu erklären braucht: sie kratzen sich den Kopf, reiben sich die Hände, stampfen mit dem Fuß – und sind zufrieden.

 

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