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Physiologie der Ehe

Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe - Kapitel 10
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authorHonoré de Balzac
titlePhysiologie der Ehe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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Die Pensionate

Wenn du ein Fräulein geheiratet hast, das seine Erziehung in einem Pensionat empfangen hat, so hast du gegen dein Glück außer allen bisher bereits aufgezählten schlechten Aussichten noch dreißig andere, und du gleichst genau einem Menschen, der mit der Hand in ein Wespennest gegriffen hat.

Laß dich von der unschuldigen Unwissenheit, der naiven Anmut, der schamhaften Zurückhaltung deiner Frau nicht fangen, sondern sobald eure Ehe den priesterlichen Segen empfangen hat, überlege dir und befolge flugs die Grundsätze und Lehren, die wir im zweiten Teil dieses Buches ausführlich behandeln werden! Wende sogar die strengen Maßnahmen des dritten Teiles an; übe auf der Stelle eine tätige Wachsamkeit, entfalte zu jeder Stunde eine väterliche Sorgfalt – denn schon am Tage nach deiner Hochzeit, ja vielleicht sogar am Tage vorher, war ›Gefahr im Verzuge‹.

Bitte erinnere dich nur einmal der ebenso tiefen wie geheimen Kenntnis, die die Schüler sich de natura rerum über die Natur der Dinge verschaffen! Sind jemals Lapeyrouse, Cook oder Kapitän Parry mit solchem Eifer auf ihre Entdeckungsreisen nach den Polen ausgesegelt, wie die Gymnasiasten nach den verbotenen Gestaden des Ozeans der Liebesfreuden?

Da die Mädchen listiger, geistreicher und neugieriger sind als die Knaben, so müssen ihre heimlichen Zusammenkünfte, ihre Gespräche, die keine Kunst züchtiger Matronen verhindern kann, von einem tausendmal höllischeren Geiste geleitet sein wie die der Gymnasiasten. Welcher Mann hat jemals die moralischen Betrachtungen und boshaften Bemerkungen dieser jungen Mädchen gehört? Sie allein kennen jene Spiele, in denen die Ehre zum voraus verloren ist, diese Proben der Liebeslust, diese tastenden Versuche in der Wollust, diese Nachahmungen des Glücks, die man mit den Diebstählen vergleichen kann, die von naschhaften Kindern verübt werden, um sich einer im verschlossenen Schrank aufbewahrten Leckerei zu bemächtigen. Ein Mädchen wird vielleicht ihre Pension als Jungfrau verlassen; aber keusch? – nein! Sie wird mehr als einmal in geheimen Plauderkränzchen die wichtige Frage der Liebhaber besprochen haben, und die Verderbnis muß ihr Herz oder muß ihren Geist ergriffen haben – womit ich übrigens keinen Gegensatz von Herz und Geist aufstellen möchte.

Wir wollen indessen annehmen, deine Frau habe an diesen Leckerhaftigkeiten ausgelassener Jüngferchen, an diesen verfrühten Liebesscherzen keinen Anteil gehabt. Wenn sie also im geheimen Rat der ›Großen‹ keine beratende Stimme gehabt hat – wird sie darum besser sein? Nein. Sie wird dort Freundschaft mit andern jungen Mädchen geschlossen haben, und wir sind gewiß bescheiden, wenn wir ihr nur zwei oder drei intime Freundinnen zubilligen. Bist du sicher, daß nach dem Fortgang deiner Frau aus der Pension ihre jungen Freundinnen nicht zu diesen Zusammenkünften zugelassen worden sind, in denen man vor der Zeit die Spiele der Tauben kennen zu lernen oder sich wenigstens von ihnen einen Begriff zu machen sucht? Endlich werden ihre Freundinnen sich verheiraten; dann hast du vier Frauen zu überwachen anstatt einer, hast vier Charaktere zu erraten und bist auf Gnade und Ungnade vier Ehemännern und einem Dutzend Junggesellen preisgegeben, deren Lebenswandel, Grundsätze und Gewohnheiten dir völlig unbekannt sind. Wir nehmen nämlich an, daß unsere Betrachtungen dich von der Notwendigkeit überzeugen werden, dich eines Tages mit den Leuten zu beschäftigen, die du bei der Ehe mit deiner Frau ahnungslos mitgeheiratet hast. Nur Satan selber hat auf den Gedanken kommen können, mitten in einer großen Stadt eine Pension für junge Damen zu errichten! Madame Campan hatte doch wenigstens den Sitz ihres berühmten Instituts nach Écouen gelegt. Diese kluge Vorsicht beweist, daß sie keine gewöhnliche Frau war. Dort sahen ihre jungen Damen nicht das Straßenmuseum: jene grotesken Riesenbilder und schmutzigen Worte, die der böse Geist mit Kreide und Rotstift an die Wände malt. Sie hatten nicht unaufhörlich das Schauspiel menschlicher Gebrechen vor Augen, das in Frankreich auf jedem Prellstein sich breitmacht; keine niederträchtigen Leihbibliotheken träufelten im geheimen das Gift allzu lehrreicher und die Phantasie entflammender Bücher in ihre Adern. Daher konnte diese kluge Institutsvorsteherin wohl nur in Écouen ein junges Mädchen unberührt und rein erhalten – wenn dies überhaupt möglich ist. Vielleicht hoffst du, es leicht verhindern zu können, daß deine Frau ihre Pensionsfreundinnen wiedersieht? Torheit! Sie wird sie auf dem Ball treffen, im Theater, auf der Promenade, in den Gesellschaften; und wie viele Dienste können nicht zwei Frauen sich erweisen! Aber diesen neuen Gegenstand des Schreckens werden wir an seinem Ort und Platz gebührend betrachten.

Und dies ist noch nicht alles: wenn deine Schwiegermutter ihre Tochter in eine Pension gegeben hat – meinst du, dies sei aus Interesse für ihre Tochter geschehen? Ein kleines Fräulein von zwölf bis fünfzehn Jahren ist ein schrecklicher Argus; und wenn die Schwiegermutter keinen Argus im Hause haben wollte, so beginne ich zu argwöhnen, daß deine Frau Schwiegermutter unbedingt zum allerzweifelhaftesten Teil unserer anständigen Frauen gehört. Auf alle Fälle wird sie also für ihre Tochter entweder ein verhängnisvolles Beispiel oder eine gefährliche Beraterin sein.

Aber halt! . . . die Schwiegermutter verlangt eine ganze Betrachtung für sich.

Auf welche Seite du dich also auch legen magst, in dieser Beziehung ist das Ehebett überall gleich dornig.

Vor der Revolution schickten etliche aristokratische Familien ihre Töchter ins Kloster. Diesem Beispiel folgten zahlreiche Leute, die sich einbildeten, wenn sie ihre Töchter an Orte brächten, wo sich die Töchter der vornehmsten Herrschaften befänden, so würden sie deren Ton und Manieren annehmen. Dieser Irrtum eitlen Stolzes war von vornherein ein schwerer Schaden für das häusliche Glück; denn die Klöster besaßen alle Nachteile der Pensionate. Der Müßiggang übt in ihnen einen noch schrecklicheren Einfluß. Die Absperrungsgitter entflammen die Einbildungskraft. Die Einsamkeit ist eine der Lieblingsprovinzen des Teufels; und man glaubt es kaum, welche Verwüstungen die gewöhnlichsten Lebenserscheinungen in der Seele dieser träumerischen, unwissenden und unbeschäftigten jungen Mädchen anrichten können!

Einige beschäftigen sich so inbrünstig mit ihren Schimären, daß sie auf mehr oder weniger sonderbare Quidproquos verfallen. Andere, die sich von ehelichem Glück eine übertriebene Vorstellung gemacht haben, sagen, wenn sie einem Gatten angehören, zu sich selber: »Wie? das ist alles?« Jedenfalls bringt die unvollkommene Bildung, die diese gemeinschaftlich erzogenen Mädchen sich erwerben, die ganze Gefahr der Unwissenheit und das ganze Unglück des Wissens mit sich.

Ein junges Mädchen, das durch eine Mutter oder durch eine tugendhafte, bigotte, liebenswürdige oder zänkische alte Tante zu Hause erzogen worden ist; ein junges Mädchen, das niemals die Schwelle seiner Häuslichkeit überschritten hat, ohne von einer Anstandsdame begleitet zu sein; das in seiner Kindheit fortwährend hat fleißig sein, und, um nur beschäftigt zu sein, sogar überflüssige Arbeiten hat machen müssen; dem endlich alles unbekannt ist, sogar Séraphins Schauspiel – ein solches junges Mädchen ist einer jener Schätze, die man hier und da in der Welt antrifft, wie jene Waldblumen, die von so dichtem Gestrüpp umgeben sind, daß sterbliche Augen sie nicht haben erreichen können. Wer als Herr einer so lieblichen, so reinen Blume sie von andern pflegen läßt – der hat sein Unglück tausendmal verdient! Der ist entweder ein Ungeheuer oder ein Dummkopf.

Hier wäre nun wohl der Augenblick gekommen, zu untersuchen, ob es irgendein bestimmtes Verfahren gibt, sich gescheit zu verheiraten. Man könnte sich damit die Vorsichtsmaßregeln ersparen, die im zweiten und dritten Teil dieses Buches eine zusammenhängende Darstellung erfahren werden. Aber ist es nicht hinreichend bewiesen, daß es leichter ist, in einem auf allen Seiten dicht verschlossenen rotglühenden Ofen die ›Schule der Frauen‹ zu lesen, als den Charakter, die Gewohnheiten und den Geist eines heiratsfähigen Fräuleins zu erkennen?

Verheiraten die meisten Männer sich nicht genau so, wie wenn sie einen Posten Rente auf der Börse kauften?

Und wenn es uns in der vorhergehenden Betrachtung gelungen ist nachzuweisen, daß die größte Zahl der Männer gegen ihre Gattenehre im höchsten Grade gleichgültig ist – kann man dann vernünftigerweise annehmen, daß es viele Leute gibt, die reich, geistvoll und nachdenklich genug sind, um, wie jener Burchell im ›Landprediger von Wakefield‹, ein oder zwei Jahre darauf zu verwenden, die Mädchen, aus denen sie sich ihre Frau wählen wollen, zu ergründen, zu beobachten? Sie bekümmern sich ja so wenig um sie, nachdem sie sie während jener kurzen Zeitspanne, die die Engländer ›Honigmond‹ nennen, in ehelicher Liebe besessen haben! Mit dem Einfluß dieses Honigmonds werden wir uns demnächst noch beschäftigen.

Da wir indessen über diesen wichtigen Gegenstand lange Zeit und reiflich nachgedacht haben, so wollen wir darauf aufmerksam machen, daß es einige Mittel gibt, um, selbst wenn man eine schnelle Wahl trifft, doch eine einigermaßen gute Wahl zu treffen.

Es steht zum Beispiel außer allem Zweifel, daß die Wahrscheinlichkeiten zu deinen Gunsten sein werden:

  1. Wenn du ein Fräulein wählst, dessen Temperament dem der Frauen von Louisiana und Karolina ähnelt.

    Um über das Temperament einer jungen Person sichere Auskünfte zu erhalten, muß man sich an ihre Kammermädchen wenden und dabei das System in Anwendung bringen, von welchem Gil Blas spricht und dessen sich ein Staatsmann bedient, um Verschwörungen zu entdecken oder zu erfahren, wie die Minister die Nacht zugebracht haben.

  2. Wenn du ein Fräulein wählst, das nicht gerade häßlich ist, aber auch nicht zu den hübschen Frauen gerechnet werden kann.

    Wir betrachten es als einen feststehenden Grundsatz, daß man dadurch in seiner Ehe möglichst wenig unglücklich sein wird: denn wenn sich bei einer Frau ein sehr sanftes Gemüt mit einer erträglichen Häßlichkeit vereinigt, so sind dies zwei unfehlbare Elemente des Erfolges.

Aber willst du die Wahrheit wissen? Schlage Rousseau auf – denn es wird keine Frage der öffentlichen Moral auftauchen, deren Tragweite er nicht bereits im voraus bestimmt hätte. Lies:

»Bei den Völkern, die auf Sitte halten, sind die Mädchen gefällig und die Frauen streng. Bei den Völkern, die nicht auf Sitte halten, ist das Gegenteil der Fall.«

Wenn wir den Grundsatz, den diese tiefe und wahre Bemerkung bestätigt, uns zu eigen machen wollten, so würde daraus hervorgehen, daß es nicht so viele unglückliche Ehen geben würde, wenn die Männer ihre Mätressen heirateten. Die Mädchenerziehung müßte alsdann in Frankreich beträchtliche Änderungen erfahren. Bis jetzt, wo es sich darum handelte, entweder ein Vergehen oder Verbrechen zu verhüten, haben die französischen Gesetze und die französischen Sitten das Verbrechen begünstigt. Der Fehltritt eines Mädchens ist in der Tat kaum ein Vergehen, wenn man ihn mit dem Fehltritt einer verheirateten Frau vergleicht. Ist also nicht unvergleichlich viel weniger Gefahr dabei, wenn man den Mädchen die Freiheit gibt, als wenn man sie den Frauen läßt? Der Gedanke, ein Mädchen auf Probe zu nehmen, wird mehr ernste Männer zum Nachdenken anregen, als er Flachköpfe zum Lachen bringen wird. Die Sitten Deutschlands, der Schweiz, Englands und der Vereinigten Staaten geben den jungen Mädchen Rechte, die man in Frankreich als Umsturz aller Moral ansehen würde; nichtsdestoweniger ist es gewiß, daß in diesen Ländern die Ehen weniger unglücklich sind als in Frankreich.

»Wenn eine Frau sich ganz und gar einem Liebhaber hingegeben hat, muß sie den Mann, den die Liebe ihr zuführte, genau gekannt haben. Sie muß ihm notwendigerweise ihre Achtung und ihr Vertrauen geschenkt haben, bevor sie ihm ihr Herz schenkte.«

Der Strahlenglanz der Wahrheit, der aus diesen Zeilen hervorbricht, hat vielleicht den Kerker erleuchtet, in welchem Mirabeau sie schrieb; und wenn auch die anregende Beobachtung, die sie enthalten, der stürmischsten seiner Leidenschaften entsprossen ist, so enthält sie doch den Schlüssel zu dem sozialen Problem, womit wir uns beschäftigen. Ja, eine Ehe, die durch die fromme Prüfung, ohne welche echte Liebe sich nicht denken läßt, gefestigt ist, und gefestigt durch Überwindung der Ernüchterung, die dem Besitze folgt – eine solche Ehe muß die unlösbarste aller Vereinigungen sein!

Dann hat eine Frau nicht mehr das Recht, ihrem Mann vorzuwerfen, daß sie ihm nur auf Grund eines gesetzlichen Rechtes angehört! Sie kann in dieser erzwungenen Unterwerfung keinen Grund mehr finden, um sich einem Liebhaber hinzugeben, wie sie sich hingab, als sie in ihrem eigenen Herzen einen Komplicen hatte, dessen spitzfindige Fragen sie verführten, indem er stündlich zwanzigmal sie fragte, warum sie sich nicht aus freiem Willen einem Mann ergeben sollte, den sie liebte, da sie sich ja gegen ihren Willen einem Mann ergeben hätte, den sie nicht liebte. Dann ist es für eine Frau nicht mehr zulässig, sich über jene Mängel zu beklagen, die untrennbar sind von der menschlichen Natur: sie hat zum voraus deren Tyrannei kennen gelernt und ihre Launen gekostet.

Viele junge Mädchen werden in ihren Liebeshoffnungen getäuscht sein! – Aber liegt nicht für sie eine unermeßliche Wohltat darin, daß sie nicht die Lebensgefährtinnen von Männern sind, die zu verachten sie ein Recht hätten?

Einige Schwarzseher werden rufen, ein solcher Umschwung in unsern Sitten würde zu einer höchst gefährlichen allgemeinen Liederlichkeit führen; die Gesetze oder die Bräuche, die über den Gesetzen stehen, könnten schließlich doch nicht Skandal und Unmoralität decken; und wenn es unvermeidliche Übel gäbe, so dürfte doch zum wenigsten die Gesellschaft sie nicht ausdrücklich billigen.

Hierauf läßt sich leicht antworten. Vor allen Dingen: das vorgeschlagene System beabsichtigt, jene Übel zu verhüten, die man bis dahin als unvermeidlich angesehen hat; aber, wenn auch die Berechnungen unserer Statistik noch so ungenau sind, so haben sie doch auf alle Fälle eine ungeheure Wunde an unserm Gesellschaftskörper nachgewiesen. Unsere Moralisten würden also das größere Übel dem kleinern vorziehen? die Verletzung des Grundsatzes, auf dem unsere Gesellschaft beruht, einer noch gar nicht einmal so sicheren Zügellosigkeit der Mädchen? die Ausschweifung der Familienmütter, die die Quelle der Volkserziehung vergiftet und mindestens vier Menschen unglücklich macht, der Ausschweifung eines jungen Mädchens, das nur sich selber kompromittiert und höchstens noch ein Kind? Lieber gehe die Tugend von zehn Jungfrauen zugrunde, als diese Heiligkeit der Sitten, diese Ehrenkrone, die eine Familienmutter tragen sollte! In der Vorstellung eines jungen Mädchens, das von seinem Verführer verlassen ist, liegt etwas unbeschreiblich Erhabenes und Heiliges: wir denken an gebrochene Schwüre, an das verratene fromme Vertrauen, und wir sehen auf den Trümmern der Tugenden die weinende Unschuld, die an allem zweifelt, da sie an der Liebe eines Vaters zu seinem Kinde zweifeln muß. Die Unglückliche ist noch unschuldig; sie kann eine treue Gattin, eine zärtliche Mutter werden; und wenn die Vergangenheit mit schweren Wolken bezogen ist, so ist die Zukunft blau wie ein reiner Himmel. Finden wir diese zarten Farben auch auf den düstern Gemälden der unerlaubten Liebe? In dem einen Fall ist die Frau ein Opfer, im andern ist sie eine Verbrecherin. Wo ist die Hoffnung der Ehebrecherin? Wenn Gott ihr ihre Sünde vergibt, so kann doch das musterhafteste Leben hienieden nicht die lebenden Früchte ihres Fehltritts aus der Welt schaffen. Wenn Jakob I. Rizzios Sohn ist, so hat Marias Verbrechen so lange gedauert, wie ihr unglückseliges königliches Haus, und dann ist der Sturz der Stuarts Gerechtigkeit.

Aber – wenn wir aufrichtig sein wollen! – bringt denn die Selbstbestimmung der jungen Mädchen wirklich so viele Gefahren mit sich?

Es ist sehr leicht, eine junge Person zu beschuldigen, sie lasse sich durch den Wunsch verleiten, um jeden Preis ihres Mädchenstandes ledig zu werden; aber dies hat nur unter unsern gegenwärtigen Sittenverhältnissen Geltung. Heutzutage kennt eine junge Dame weder die Verführung noch deren Schlingen; sie hat als Stütze nur ihre Schwäche, und da sie nur die bequemen Grundsätze der feinen Welt vor Augen hat, so ist ihre trügerische Einbildungskraft, die von Begierden gelenkt wird, die auf allen Seiten Bestärkung finden, eine blinde und um so unzuverlässigere Führerin, da selten ein junges Mädchen einen andern Menschen in die geheimen Gedanken ihrer ersten Liebe einweiht.

Wenn sie frei wäre, würde eine vorurteilslose Erziehung sie dagegen wappnen, sich in den ersten besten zu verlieben. Sie wäre – wie wir alle – viel stärker gegenüber bekannten Gefahren als gegenüber solchen, deren Umfang sich ihren Blicken verbirgt. Wenn übrigens ein Mädchen seine eigene Herrin ist, wird sie darum weniger unter dem wachsamen Auge ihrer Mutter stehen? Will man denn jene Scham und Ängstlichkeit für nichts rechnen, denen die Natur nur darum eine solche Macht über die Seele einer Jungfrau gegeben hat, um sie vor dem Unglück zu bewahren, daß sie einem Mann angehören muß, den sie nicht liebt? Und endlich – wo ist das Mädchen, das so wenig zu rechnen verstände, um nicht zu ahnen, daß der unmoralischste Mann bei seiner Frau Grundsätze zu finden verlangt, so wie die Herrschaften verlangen, daß ihre Dienstboten vollkommen seien – und daß dann für sie ihre Tugend das gewinnreichste und ergiebigste Geschäft ist?

Um was handelt es sich hier denn überhaupt? Für wessen Anwalt hält man uns denn? Wir treten ein für höchstens fünf- oder sechshunderttausend Jungfernschaften, deren Waffen ihre natürlichen Abneigungen und der hohe Preis sind, zu dem sie sich selber einschätzen: sie wissen sich ebensogut zu verteidigen wie zu verkaufen. Die achtzehn Millionen menschlicher Wesen, die wir außerhalb unserer Betrachtungen gestellt haben, verheiraten sich fast alle nach dem System, das wir in unsern Sitten zur Geltung bringen möchten. Und in den Mittelklassen, durch die unsere armen Zweihänder von den an der Spitze der Nation marschierenden Bevorrechtigten geschieden sind – in diesen nimmt seit dem Frieden die Zahl der Findelkinder, die von diesen zwischen Armut und Wohlstand in der Mitte stehenden Klassen dem Unglück überliefert werden, beständig zu, wenn man Herrn Benoiston von Châteauneuf glauben darf – einem der mutvollsten Gelehrten, die sich den trockenen und doch so nutzbringenden Nachforschungen der Statistik gewidmet haben. Für welch eine tiefe Wunde bringen wir also das Heilmittel? Man denke doch nur an die große Zahl der Bastarde, die uns die Statistik nachweist, und an das viele Unglück, das nach unsern Berechnungen in der hohen Gesellschaft vorkommen dürfte! Aber es ist schwierig, hier auf alle Vorteile aufmerksam zu machen, die sich aus der Emanzipation der jungen Mädchen ergeben würden. Wenn wir später die Begleitumstände der Ehe, wie unsere Sitten sie herausgebildet haben, näher betrachten, dann werden urteilsfähige Geister den ganzen Wert des Systems freier Erziehung ermessen können, das wir im Namen der Vernunft und der Natur für die jungen Mädchen verlangen. Unser französisches Vorurteil hinsichtlich der Jungfräulichkeit der Neuvermählten ist das dümmste von allen, die wir haben. Die Orientalen nehmen ihre Frauen, ohne sich um die Vergangenheit zu beunruhigen, und sperren sie ein, um der Zukunft um so sicherer zu sein; die Franzosen geben ihre Töchter in eine Art von Serails, die von Müttern, von Vorurteilen, von religiösen Ideen bewacht werden, und geben ihren Frauen die vollständigste Freiheit – beunruhigen sich also viel mehr um die Vergangenheit als um die Zukunft. Es würde sich also nur darum handeln, in unsern Sitten künftighin eine umgekehrte Reihenfolge zu beobachten. Vielleicht würden wir dadurch dahin gelangen, der ehelichen Treue den ganzen Duft und Reiz zu verleihen, den die Frauen jetzt an der Untreue finden.

Aber diese Erörterung würde uns zu weit von unserm Gegenstand entfernen, wenn wir dabei in allen Einzelheiten die ungeheure sittliche Besserung untersuchen müßten, die ohne Zweifel im Frankreich des Zwanzigsten Jahrhunderts notwendig werden wird – denn die Reformen gesellschaftlicher Sitten vollziehen sich ja so langsam! Muß nicht zur Durchsetzung der geringsten Veränderung der kühnste Gedanke des vergangenen Jahrhunderts der alltäglichste Gedanke des gegenwärtigen Jahrhunderts geworden sein? Wir haben denn auch gewissermaßen nur aus Koketterie diese Frage gestreift, teils um zu zeigen, daß sie unserer Aufmerksamkeit nicht entgangen war, teils um unsern Enkeln noch ein weiteres Werk zu vermachen, und zwar, wohlgezählt, das dritte: das erste betrifft die Kurtisanen, das zweite ist die Physiologie des Liebesgenusses, und

»wenn wir beim zehnten sind,
dann schlagen wir ein Kreuz.«

In dem gegenwärtigen Zustand unserer Sitten und unserer unvollkommenen Zivilisation gibt es ein Problem, das für den Augenblick sich nicht lösen läßt, das aber jede Erörterung über die Kunst, sich eine Frau zu wählen, überflüssig macht. Wir überliefern es, wie alle andern, dem Nachdenken der Philosophen.

 

Problem:

Man hat noch nicht feststellen können, was die Frau mehr zur Untreue treiben würde: die Unmöglichkeit, sich eine Abwechslung zu gestatten, oder die Freiheit, nach ihrem Belieben zu handeln.

 

Wir beschäftigen uns ja in diesem Werk mit den Aussichten eines Mannes in dem Augenblick, wo er sich vermählt hat. Wenn er nun einer Frau begegnet wäre, die mit einem vollblütigen Temperament, mit einer lebhaften Einbildungskraft, mit einer nervösen Anlage oder mit einem gleichgültigen Charakter begabt wäre, so würde seine Situation nur um so bedenklicher sein.

In noch größerer Gefahr würde ein Mann sich befinden, wenn seine Frau nur Wasser tränke – Näheres darüber in der Betrachtung ›Hygiene der Ehe‹ –; wenn sie aber gar Begabung für den Gesang hätte oder besonders zu Erkältungen geneigt wäre, so müßte er alle Tage zittern; denn es ist ausgemacht, daß die Sängerinnen zum mindesten ebenso leidenschaftlich veranlagt sind, wie die Frauen mit besonders empfindlichen Schleimhäuten.

Endlich würde die Gefahr noch viel ärger sein, wenn die Frau weniger als siebzehn Jahre alt wäre, oder wenn sie eine blasse, fahle Gesichtsfarbe hätte – denn diese Art Frauen sind fast alle hinterlistig.

Aber wir wollen nicht vorgreifen und behalten uns für später eine systematische Aufzählung der Befürchtungen vor, die den Ehemännern die Beobachtung aller unheilverkündenden Charakterzüge ihrer Frauen einflößen kann. Diese Abschweifung hat uns bereits zu weit von den Pensionaten entfernt, die an so vielen unglücklichen Ehen schuld sind; aus denen junge Mädchen hervorgehen, die nicht imstande sind, den Wert der Mühen und Opfer zu ermessen, durch die der Ehrenmann, der sie mit seiner Wahl beehrt, zum Wohlstand gelangt ist – junge Mädchen, die sich ungeduldig nach den Genüssen des Luxus sehnen, die weder unsere Gesetze noch unsere Sitten kennen, die mit Begierde die Herrschaft ausnutzen, die ihnen ihre Schönheit verleiht, die stets bereit sind, den wahren Tönen der Seele ihr Ohr zu verschließen und den Einflüsterungen der Schmeichelei zu lauschen.

Wenn diese Betrachtung in der Erinnerung aller Leser – selbst solcher, die dieses Buch nur anstandshalber oder in der Zerstreutheit einmal aufgeschlagen haben – eine tiefe Abneigung gegen junge Damen zurückläßt, die in Pensionaten erzogen worden sind, so werden dadurch bereits der Allgemeinheit große Dienste geleistet worden sein.

 

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