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Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil

Hans Michael Moscherosch: Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHans Michael Moscherosch
titlePhilanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte ? Zweiter Teil
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorKarl Müller
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080612
projectid5414d90b
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Erstes Gesicht

Alamode Kehraus

Aus dem Schluß des vorigen Gesichts wird der verständige Leser unschwer errathen können, wo Philander jetzo sein mag: er befand sich, nachdem er vom Hofleben beurlaubt war, da wo er noch ist, wo er aber schwerlich, schwerlich länger wird bleiben können. Ursach ist folgende: ich hatte bisher gesehen und erfahren, daß ich von allen Orten, die ich durchwandert und durchzogen, durchgangen und durchlaufen, durchzottelt und durchtrabt, durchschlichen und durchstrichen, durchstiegen und durchkrochen, durchhutzelt und durchpurzelt, durchstolpert und durchfallen, durchritten und durchschritten, durchreist und durchfahren hatte, von der Welt Scheinsal und Eitelkeit sehr betrogen war, und daß also das rechte Wesen an diesen Orten, wo ich noch hucke und mich ducke, weder zu suchen noch zu finden sein werde. Darum trachte ich denn auch noch immerhin danach, wie ich in einem andern Stand und Staat, wo die zeitlichen Gebrechen verbessert sind und ein ruhiges untadelhaftes friedfertiges Leben anzutreffen ist, meine Tage mit Heil hinbringen kann. Dazu helfe mir Gott!

Aber – o wann werde ich dahin kommen! Wo werde ich meine Rechnung in dieser Welt finden, da mir ja das Gewissen sagt und die Erfahrung bezeugt, daß die ewige Beständigkeit auf der unbeständigen Erde und bei so unbeständigen Menschen nicht anzutreffen ist!

O wie muß die Thorheit manchem so sauer werden! Doch wahrlich! Witz lernt sich eben auch nicht durch nichts. Wer hat je gesehen von den Schlehhecken Trauben lesen und Weißbrot essen von den Haberkraupen? Gewiß bin ich mit einem bösen Stande der Gestirne unter den Widder gezogen, wie mir unlängst ein Herr Kalendermacher geschrieben hatte. Und es ist wahr: denn was habe ich seither anderes erfahren als Gefahr, Angst, Sorge, Schrecken unter den grausamen hochsprechenden Feinden und Gotteslästerern? Anderes als Rauben, Plündern, Stöße, Laufen, Fliehen, Schreien, Bitten, Zittern, Zagen, Streiten, Kriegen, Würgen und Morden, so daß ich mich oft gern in ein Mauseloch hätte verkriechen mögen, wenn nur Sicherheit darin zu finden gewesen wäre, oder, um besser zu sagen, daß ich mir oft gewünscht habe, meine herrlichen Dinge unter dem Widder um einen Hirtenstab unter dem Wassermann zu vertauschen, wenn ich nur eines so verächtlichen Dienstes hätte in Frieden genießen können? Aber wunderbarlich habe ich mich bisher noch durch Gottes Hilfe herausgerissen. Die einzige Arzenei nächst Gott, die ich in all solchem Unglücksstand habe gebrauchen können, gab mir mein lieber Schulsack, den ich vor Jahren getragen habe und noch nachschleppe, ich ziehe hin, wohin ich wolle. In diesem fand ich je zu Zeiten noch einen Brocken, der mich etwas erquicken konnte, wenn es an ein Leiden ging.

Zu Anfang dieses Frühlings, als ich, um mich in meiner Gemüthsmattigkeit etwas zu erlaben, eben einen Griff hinein that, kam mir von ohngefähr ein Zettelchen zur Hand, darauf folgende Worte standen:

Parnassus ist ein Berg, darauf ohn' Sterben wohnet
Fried', Tugend, Kunst und Ehr', wo Redlichkeit belohnet
Und Falschheit wird veracht't, wo List und Heuchelei,
Verleumdung und Betrug, Aufschneiden, Pappelei
Dem, der sie liebt, zum Lohn Spott, Schand' und Schaden geben:
Hier geht es, wie es soll, hier ist ein sel'ges Leben!

Ein jeder aber mag erachten, wie mich, der ich in einem so elenden verderbten Lande halbtodt wohne, nach dieser edlen ruhigen friedsamen Wohnung muß verlangt haben. Denn des Unfriedens, der Unruhe, des Scharwachens, des Inbereitschaftliegens, des Wachenaufführens, der viertelstündigen Ronden, des Maurens, des Zimmerns, des Schanzens, des Bestellens, des Antreibens, des Schließens, des Aufthuns, des unendlichen Sorgens, des Waldverkriechens, des nächtlichen Ausreißens, des in Heckenverkriechens, des Erfrierens, des im Schnee- und Wasserwatens, des vierzehntägigen Kleidertragens, des Kleiderläusetödtens, des Niederstoßens, des Niederschießens, des wer da? des halt! des auf! des Tod und Teufel! des tausend Wetter! des heiliger Muck! des Bluthund! Aas! Teufel! meiner Seel! des zum Henker! des Hund! des Schuft! des Kerl! u. s. w. war ich wahrhaftig so müde, daß ich weder Ohren noch Augen mehr mochte aufthun zu hören oder zu sehen, und es war mir oft so unbehaglich wie einer Laus im Kindbett.

Als ich daher vor dem Quasimodo (auf gut westreichisch vor Kose-Mose), dem zweiten Sonntag im Spirkler, Im Monat April.) vierzehn Tage nach Frau Klüwel (Mariä Verkündigung) von den Hähnen gehackt – ein übler Wunsch: daß dich der Hahn hack' auf dem Strohsack; sie haben mich einst auf einem Strohsack gehackt, daß mir schier die Seele ausgegangen – tribulirt und gemartert worden war, da nahm ich mir gänzlich vor gar durchzugehen und heimlich auszureißen; allein ich konnte dies, da man niemand mit seiner Wehr durch die Wache passiren läßt, nicht gut ins Werk setzen. Andrerseits lag mir der Parnaß so im Sinn, daß mir däuchte, es würde mir, wenn ich dahin gelangen könnte, dann auf Erden an nichts mehr mangeln und würde alsdann haben, wonach ich so lange gerungen hätte.

Deshalb schlich ich denn an einem Sonntag hernach (als ob ich nur in den Gärten wollte spazieren gehen) ganz allein mit einem Alamode-Stecken (Hirtenstab) in der Hand das Wasser hinunter, in der Hoffnung, meinen Feinden unvermerkt aus dem Gesicht zu kommen (wie auch geschah) und irgend einen Gespan anzutreffen, der sich mit mir in das gute Land durchwagte (also nennen wir bei uns das Jülicher Land und das Erzbisthum Köln), wo man Brot genug zu essen hätte und ruhig schlafen dürfte. Da, so glaubte ich sicherlich, würde ich alle Tage Sauermilch und Bratwürste mit dem Apollo verzehren.

Als ich aber nach einer Viertelstunde die Matten hinunterkam, da sah ich, unsern bei einem Brunnen unten am Brudergarten sogenannt, ein großes Roß gegen mich daher traben (von welchem Haar es gewesen, kann ich jetzt nicht sagen). Allein, als es mir nahte, bemerkte ich, meinem damaligen Verstande nach, ein paar Flügel, die das Pferd zu beiden Seiten zu gunkeln und zu gaukeln hatte. Auch sah ich einen großen breiten Regenhut auf dem Sattel liegen, als ob er darauf gebunden wäre. Wie macht sich da mein Glück! sprach ich zu mir selbst; gewiß wird sich heute der Handel schicken und ein besserer Stern als bisher leuchten: weil nur eben das entgegenkam, was ich mir zu meinem Vorhaben nimmer besser hätte wünschen mögen. Denn der Parnaß und dessen große Gnade lag mir so im Sinn, daß ich mir nicht anders einbilden konnte, als Apollo, der alles weiß wie ein Sterngucker, hätte mir dieses leere Pferd zu besonderem Trost vom Parnaß entgegengesandt, damit ich ohne größere Beschwerde zu ihm auf einen Schmaus kommen möchte. Indem erinnerte ich mich des gelehrten Pferdes Pegasus, von dessen brunnen-schlagendem Huf ich ein Stück in meinem Schulsack anstatt Reliquie mit mir trug. Als ich sodann die gaukelnden Stiefel ansah (hernach nämlich habe ich erfahren, daß es keine Flügel sondern Stiefel gewesen sind), da sprach ich: Ja, ja, das sind gewiß seine Flügel, ja, es ist der Pegasus, ja, Apollo hat dir ihn entgegen geschickt, es ist einmal nicht anders. – Dies alles hatte ich mir so fest eingebildet, daß mir däuchte, ich sähe das Pferd schon fliegen mit allen Vieren. Ich will mich also nimmermehr wundern, daß die Westreicher vor Jahren einen Bauer in einem rothen Wollhemd, der hinter dem Zaun saß um seine Nothdurft zu verrichten, für eine Erdbeere gegessen, oder die Pommern ein Pflugrad für eine Bretzel verschlungen, oder die westreicher Nachbarn ein Storchnest für einen Salat verzehrt haben, oder die Schwaben u. s. w. u. s. w. Ich glaube fürwahr, ich würde ein mehreres gethan haben, wenn mir nur einer dazu verhelfen hätte.

Einbildung ist's; wenn die's nicht thät,
Irrthum soviel die Welt nicht hätt'.

Mancher ißt ein Aas für Speck,
Mancher ißt für Butter Dreck;

Dennoch sich bildet ein,
er hab' nie besser gegessen:

Darum was einem schmeckt,
das lass' ihn immer essen.

Als nun das Pferd auf mich zukam, wer war freudiger als ich? Ich schleuderte meinen Hut durch die freie Luft in die Hecke hinaus, soweit ich konnte, denn ich meinte, daß ich einen bessern tragen würde, erwischte das Pferd mit der linken Hand beim Zügel (es fällt mir jetzt ein, es war ein Schimmel) und sprach ihm zu, es sollte feststehen, bis ich aufgesessen wäre, ich wolle auch seiner in der Nacht an der Krippe nicht vergessen, es solle einen Sester Ein Sester ist ein Hohlmaß, von dem zehn einen Malter ausmachen. Köllerthaler Hafer fressen. Während ich aber den Zügel in der linken Hand eben vorn gegen den Sattel hielt, den Hut aufsetzen und mich hinauf schwingen wollte (die Stiefel hatte ich noch für Flügel gehalten), da fühlte ich mit Entsetzen zwei Menschenhände, welche fest um den Sattel in einander geschlossen sich allda anhielten; deswegen ließ ich beides, Zügel und Pferd fahren und konnte nicht begreifen, was das für ein Abenteuer sein solle. Doch als ich das Roß in vierfüßigem Ernst davon traben sah, rief ich dem Pferd, den Stiefeln (die ich dadurch, daß sie mir einen ungeheuren Stoß in die linke Seite gaben, wovon mir die Milz mein Lebtag weh thut, kennen lernte) und dem Hut zu, sie sollten still halten und mir auf meine Anfrage, was Apollo machte und im Sinn mit mir hätte? Bescheid ertheilen. Denn es ist wohl zu wissen, daß auf dem Parnaß auch die Pferde, die Stiefel und die Hüte reden können. – Hierauf antwortete mir eine Stimme unter dem Hut sehr verständlich mit diesen Worten: »Der Herr wolle mir verzeihen, ich kann fürwahr nicht halten; das Pferd hat seinen Gang, ich muß reiten.« Wer es und wessen diese Stimme gewesen, habe ich hernach erfahren, und ihr werdet's bald hören.

Aber wer war dies Mal übler daran als ich? Denn mein Hut war weg, und während ich vermeinte, wohl staffirt auf einem schönen Pferd zu reiten, mußte ich übel versehen zu Fuß auf meiner Mutter Füllen davon gehen. Wer damals noch zu Hause gewesen wäre, der sollte ein Bösewicht sein, wenn er noch nach dem Parnaß gefragt hätte. Aber das Spiel war angefangen, es mußte nun ausgemacht werden.

Wir Menschen können viele Dinge nicht verstehen. Ich sah die Gefahr, darein ich mich begeben wollte, vor Augen; noch war ich nicht darin, ich rang nach meinem eigenen Unglück und doch wider meinen eigenen Willen.

Manchem Mann ruft das Glück,
Der will nicht bleiben stehen;
Mancher siehet seinen Strick,
Will ihm doch nicht entgehen.
Wer aber hofft auf Gott,
Dem schad't kein' Schand noch Spott.

Damit ich mich nun nicht zu schämen brauchte – so geht's: manchen Mann verhindert die unnöthige Scham oft an aller Wohlfahrt. Aber kein Wunder; denn in der Natur ist es so bewandt: wem es übel geht, der ist unbeherzt; er scheut und schämt sich seine Noth zu sagen und zu klagen, wie viel er auch erfahren habe, weil er fürchtet, man werde ihn nicht gern hören noch ihm Glauben geben; sondern er frißt seinen Jammer in sich mit Herzensweh und Jammer. Und wiederum: wer unbeherzt ist, dem geht es verhinderlich in allen Sachen – damit ich mich, wie gesagt, nicht zu schämen brauchte, ging ich in den Wald hinein, um meine Noth aufs wenigste den Vögeln zu klagen und durch ihren lieblichen Gesang irgend ein Labsal zu erschnappen. Ich bemerkte da unfern auf einem Altwege den frischen Hufschlag vieler großer reisiger Gäule, so daß ich daraus schloß, es müßte sich in der Nähe ein Trupp Reiter aufhalten und irgend einen Streifzug, nach unserer Soldaten Art, auf einen Sester dürr Bier oder auf ein Paar Bauernschuhe, oder wenn es hochkommt, auf ein mageres Pferd ausführen wollen. Doch dessen ungeachtet ging ich dem Hufschlag nach, um nur wieder zu Leuten zu kommen, indem ich mich tröstete, es treffe mich an, wer nur immer wolle, er könne mir doch nicht viel nehmen: denn ich hatte selbst nichts, war ärmer als der armen Grethe Sohn. Und gewiß, wenn ich eines auf dem Wege selbst hätte können Meister werden, ich glaube, ich würde meinen Hut und noch mehr gesucht haben.

Doch ich war voll Unmuths, daß es mir am ersten Tage meiner Ausfahrt, wiewohl zu Fuß, so übel ergangen war: bis ich mich zuletzt aus meinem Schulsack, den ich um aller Welt Gut nicht dahinten gelassen hätte, wiederum mit dem herrlichen, weinseligen und Armuth-köstlichen Spruch erlabte, der da sagt: Fröhlich noch singt vor dem Räuber der Wanderer mit leichtem Gepäck.

Wer reisen will,
Der schweig' fein still;
Geh' steten Schritt,
Nehm' nicht viel mit:
So darf er nicht viel sorgen;
Wer nichts hat, mag doch borgen.
Denn wer nichts hat,
Geht sichern Pfad.

Ein Kerl, der nichts zu verlieren hat, der kann's auf dem Wege frisch hinein wagen wie die Boten: wer sich aber vor Gefängnis und Auslösung zu fürchten hat, der geht behutsamer in seinen Sachen.

Alsbald erblickte ich an einem Hohlweg etliche Reiter aus dem Walde auf mich zusetzen. Aber was sollte ich thun? Ich war schon im freien Feld, und es war da nicht mehr Zeit an das Ausreißen zu denken. Ich dachte wohl wie jener: Hecken her! Hecken her! aber vergebens und umsonst; die Reiter waren mir auf den Fersen, ehe ich's recht inne wurde. Aus ihrem Thun, ihrer Kleidung und Gestalt sah ich bald, daß sie nicht zu den welschen Völkern gehörten, denn sie machten nicht viel Wesens mit Fluchen, Schwören und Gottverläugnen, thaten mir auch weder Leid noch Schmach an; aber einer von ihnen hieß mich hinter sich auf das Pferd springen, woraus ich soviel merkte, daß ich mit ihnen reiten und davon sollte. Aus ihrem Gespräch und ihren Worten, die mich zwar deutsch zu sein dünkten, konnte ich jedoch nichts weiter verstehen als etliche Buchstaben, das R, I, O und B. Sie saßen nicht auf Sätteln, sondern ritten auf den bloßen Pferden ohne irgend eine andere Hilfe; sie führten, wie jener hochgelehrte Doctor sagt und wie die Kochersberger reden, weder Prästalen, noch Baumplier, noch Musteken, Die drei Worte werden wohl bedeuten: Pistolen, Büchsen, Musketen. noch lederne Reitmützen noch Patronentaschen, sondern waren allein mit einem langen breitzugespitzten Degen umgürtet. Ihre Kleidung war von Kalb-, Reh-, Hirsch-, Bären-, Wolf- und Fuchshäuten und Fellen, doch nicht zubereitet, also rauh mit den Haaren, so wie sie abgezogen sind. O weh! Ja wohl, wenn es welche von unsern Völkern gewesen wären, sie hätten es mit mir gemacht, wie ein anderes Mal, wie ich unten noch erzählen werde.

Indem wir nun überzwerch zurück durch den Wald auf die Matten kamen, erkannte ich alsbald, daß wir ganz nahe bei Geroldseck, einem alten Schlosse auf dem Wasgau, wären, von dem man seit altersher viele Abenteuer hat erzählen hören: daß nämlich die uralten deutschen Helden, die Könige Ariovist, Arminius, Wittekind, der hürnene Siegfried und viele andere in diesem Schloß zu gewisser Zeit des Jahres gesehen würden und welche, wenn die Deutschen in den höchsten Nöthen und am Untergang wären, wieder da heraus kommen und mit etlichen alten deutschen Völkern denselben zu Hilfe erscheinen würden – wie ich solche Dinge theils in der That erfahren habe. Denn kaum waren wir auf die Matten gekommen, da ritten wir durch einen dicken Busch in eine große Höhle und unter dem Boden hindurch ein weites mit Lichtern bestecktes Gewölbe entlang, bis wir endlich zu einer andern Wacht gelangten (die erste am Eingange hatte uns ungehindert passiren lassen); hier wurde uns still zu halten befohlen. Während dieser Zeit las ich an einem Stein oberhalb des Gewölbes beim Ausgange diese Schrift in alten, doch sehr leserlichen Buchstaben:

Caes. Ro. Exer. Imp. P. P. S. C. Au.
Treve. Ingre. Essum. H. Castra. Sarrae.
Flu. Pro. Mil. Custodia. Bienn. Potitus. Est.

Zuletzt kamen wir mitten auf den Schloßhof heraus. Was diese Schrift bedeutet, das wissen die Gelehrten.

Ich habe später erfahren, daß, als der alte deutsche König und Fürst der Sachsen, Arminius, den römischen Feldobersten Varus mit dem ganzen Heer erschlagen hat, dieser Stein wegen des römischen Heeres Vorwehr, die sie an dem Saarstrom inne hatten, zu ewigem Andenken, wie sie pflegten, allda einzumauern befohlen worden ist.

Sobald ich in den Schloßhof kam, da kannte ich mich nicht mehr. Denn obschon ich vor diesem oftmals bei und um dieses Schloß gewesen war, so war ich doch niemals hineingekommen, hatte auch dergleichen Leute, deren eine Menge um mich herum liefen, nimmer gesehen. Einer besah mich da, der andere dort; einer zupfte mich da, der andere dort; einer fragte mich dies, der andere das; einer sagte mir dies, der andere das; einer lachte meines Wammses, der andere spottete meiner Hosen, der dritte des Bartes, des Überschlags, und es gab nichts an meinem Leibe, daß sie nicht beredeten und durchhechelten. In Summa, ich war ihnen allen ein Meerwunder. Aber doch stand ich in Furcht, daß es mir ergehen möchte wie vormals, wo ein anderer meine Kleider ohne meinen Willen getheilt hatte; auch war diese Furcht nicht ganz vergebens. Weil ich nun so gar nichts erwiderte, so schöpften sie den Verdacht, daß ich ein Welscher wäre. Daher fragte mich einer auf lateinisch: »He, du Neuling, was giebt's neues? Ich fürchte, du bist wie Valerius Procillus und Marcus Metius Diese und die folgenden Namen und Ereignisse beziehen sich auf J. Cäsars gallische Kriege von 58 v. Chr. ab. V. Procillus und M. Metius waren von Cäsar als Gesandte in das Lager des Ariovist, des Suevenkönigs, geschickt, um insgeheim dessen Pläne zu erforschen; sie wurden aber beide von ihm in Fesseln gelegt, nach der Besiegung des Ariovist jedoch befreit. nur zum Spioniren in unser Lager gekommen. Was ist's mit Cäsar? Hat sich sein Unwille noch nicht gelegt? Was ist's mit den Häduern? Die Häduer, eine gallische Völkerschaft zwischen Loire und Saone, sind Bundesgenossen und Freunde des römischen Reiches. Was mit dem treulosen Divitiacus? Divitiacus, der Häduerkönig, ist der treuste Freund der Römer während des ganzen Krieges.

Hat Labienus T. Labienus, einer der tüchtigsten Generäle Cäsars, blieb in den Winterquartieren in Gallien zurück, während Cäsar neue Truppen aus Italien holte. seine Winterquartiere verlassen? Wie? Quintus Tullius Cicero Qu. T. Cicero, ein jüngerer Bruder des Redners, ebenfalls ein tüchtiger General, der eine schwere Belagerung im Nervierlande muthig aushielt. verzweifelnd in seinem Lager?« Ich schwieg eine Weile still. Endlich sagte ich: Ach Herr, ich halte nicht viel von dem Latein; nur wenn mich hungert, dann mag ich gern lad' ein; gäbe mir jetzt einer Brot genug, ich wollte ihm alles Latein dafür lassen. Er verstand mich sehr wohl. Deswegen setzte ein anderer an mich mit Französisch: »He, Franzmann, sagt, hat man ihnen nicht gut den Garaus gemacht, den beiden Schurken da Aurunculeius und Sabinus sammt ihrem ganzen Gefolge? Wenn Ambiorix Aurunculeius Cotta und Titurius Sabinus wurden von dem Eburonenfürsten Ambiorix überrumpelt und fielen nach tapferer Gegenwehr in der Gegend des heutigen Lüttich. uns geglaubt hätte, wir würden es ebenso mit dem kleinen Kerl, dem Cicero, Cicero entging dem Schicksal der Beiden mit genauer Noth durch seine Umsicht und Tapferkeit. haben machen können. Gehört ihr nicht zu seiner Cohorte?« Ei Herr, sprach ich zu diesem, ich bin Deutsch, ich kann kein Welsch, ich weiß nicht, was ihr sagt, ich kann's nicht verstehen. – Nun wollte einer griechisch an mich, der andere wollte spanisch, der dritte italienisch mit mir reden. Aber ich sagte ihnen allen, ich wäre ein geborner deutscher Michel und könnte keine andere Sprache als die deutsche. Und das war mir sehr gesund: denn wenn ich mir anfangs unter dieser Gesellschaft etwas von einer andern Sprache hätte merken lassen, Sanct Velten Die St. Valentinskrankheit ist die fallende Sucht. Es war vormals ein sehr gebräuchlicher Fluch. sollte mich befallen haben.

Ich dachte aber bei mir selbst, das müßten alte Leute sein, die mich von den Dingen fragten, die vor beinahe siebzehnhundert Jahren geschehen waren. Und indem ich so dastand und den Zuschauenden zum Gelächter dienen mußte, da sah ich meinen vermeintlichen Pegasus mit den Stiefeln und dem Hut das Gewölbe herauf reiten und meinen Hut, wie man mit dem Hasen nach der Hatz pflegt, hinter sich auf's Pferd gebunden mit sich führen. Ich konnte aber weder Mann noch Gesicht sehen, sondern nur die zwei Hände, die noch wie vorher um den Sattelknopf wie Epheu herumgewachsen und geschlossen waren. O weh, dachte ich, das soll dir wohl nicht zum Besten gereichen, obwohl ich mich alles Frevels frei und sicher fühlte. Aber einem Manne, der in Nöthen ist, geschieht oft Unrecht ohne Ursach und ohne sein Verschulden, weil er vielleicht niemand hat, der den Lästerern und ihrer Bosheit sich widersetzen und ihm ein Wort zum Besten reden mag. Insonderheit zu Hofe und bei großen Herren, wo man oft auf eines Lästerers falsches Anbringen gleich in seinem Sinne urtheilt, ehe man den Bedrängten gehört oder sich dieser Sachen recht erkundigt hat. Das schelten verständige Leute billigerweise und lassen solche Lästerer, wenn es sie betrifft, zu der gebührenden Strafe ziehen.

Zu meinem guten Glück aber sah ich meinen ehrlichen Alten, der mir in voriger Zeit viel Treue erwiesen hatte, Expertus Robertus S. das zweite Gesicht des ersten Theils. genannt, aus einem großen Saale mit halblächelndem Gesicht auf mich zugehen. Ich lief ihm alsbald mit demüthiger Ehrerbietung entgegen, und es war mir nicht anders zu Muth, als ob ich, wie man sagt, unsern Herrgott gesehen hätte. So froh war ich. Und so machen es geängstigte Leute, wenn sie in irgendeiner Noth stecken und ihnen ihrer Bekannten und alten Freunde einer entgegen geht, o wie seufzen, sehnen und verlangen sie! O wie ducken und schmiegen sie sich wie ein armes Hündlein! Zu loben sind diejenigen, welche sich eines solchen Freundes, der in Nöthen ist, annehmen: zu schelten sind die, welche sich so unwirsch stellen, daß ein betrübter Mann sie anzusprechen sich fürchten muß; wodurch sie aber genügenden Beweis geben, daß sie noch nichts gelitten, vielweniger erfahren haben.

Sobald nun die Anwesenden sahen, daß ich des Alten Freundschaft hatte, wollte oder durfte ihrer keiner mich weiter etwas fragen oder angehen. Er erforschte nun von mir, wie ich hierher gerathen und wie es mir seit unserem letzten Besuch in diesen Landen ergangen wäre. Ich beschied ihn mit kurzen Worten so und so: ich hätte zwar vermeint, nunmehr in Fried und Ruhe dem Meinigen nachgehen zu können; allein ich wäre gleich zu Anfang von denselben Völkern fünfmal rein ausgeplündert, dreimal überrumpelt, einmal in einer Belagerung gefangen, zuletzt aber durch Vermittelung ehrlicher Leute wieder losgelassen worden, wiewohl ich all das Meine hätte zusetzen müssen; doch das hätte ich gegen das Leben für nichts geachtet. Einmal hätten sie mir den Strick um den Hals legen und mich vor den Meinigen erwürgen wollen; hätte unglaubliche Gefahr und Noth ausgestanden auf allen Seiten, wäre in dem äußersten Hunger gesessen ohne Hilfe derer, die mir doch hätten helfen sollen. Auch, wo Gott nicht die Hand über mir gehalten, wäre ich zwanzigmal erschossen, ebensovielmal erstochen, von wilden Thieren zerrissen und gefressen worden – wie ihm denn sonder Zweifel dieses und viel hundert andere erlittene Ungelegenheiten gewiß würden zu Ohren gekommen sein.

»Es ist zu deinem Besten, es ist dir zur Probe und zum Heil geschehen,« sprach der Alte. »Gott führt die Seinen wunderbarlich, und kein Mensch ist, der es verstehen könnte, als wer selbst in Nöthen gewesen ist. Darum sperre dich nicht wider den Willen Gottes, stehe fest wie ein Fels, auf Gottes Wort gegründet. Behüte Gott! fuhr er fort; aber es sind schreckliche Drangsale, die du mir sagst, und ich zweifle nicht, die Werke werden an sich selbst noch viel größer gewesen sein, als du sie mit Worten herzählst. Nun wohlan! Gott wird auch über diesen Berg helfen: Dulde du nur, der Kummer wird dir einst Nutzen bringen.

Ruf' Gott in allen Nöthen an,
Er wird gewiß dich nicht verlan (verlassen);
Dein' Hoffnung stell' zu Gott allein,
Das andre alles achte klein.

Denn:

Wer hofft auf Gott und dem vertraut,
   Der wird nimmer zu Schanden;
Und wer auf diesen Felsen baut –
   Ob ihm gleich geht zu Handen
      Viel Unfall hie –
      Hab' ich doch nie
   Den Menschen sehen fallen,
      Der sich verloost
      Auf Gottes Trost:
   Er hilft seinen Gläub'gen allen.

Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch trage in seiner Jugend: Erfahrung bringt Geduld, Geduld bringt Hoffnung, Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden.« – Ja, sprach ich, es wäre gut sich gedulden, wenn der Verzug nicht so lang währte. Es ist große Noth und großer Streit innerlich im Herzen und es dünkt mich oft fast unmöglich auszuharren. – Der Alte aber antwortete mir wiederum: »Mein Sohn,

Ob es gleich währt bis in die Nacht
   Und wieder an den Morgen,
Soll doch dein Herz an Gottes Macht
   Verzweifeln nicht noch sorgen;
Er ist allein der gute Hirt,
   Der dich endlich erlösen wird
   Aus deinen Nöthen allen. Es ist eine Zusammensetzung der vierten und fünften Strophe des luther'schen Liedes: Aus tiefer Noth schrei ich zu dir.

Du wirst ja wohl noch aus deinem Christenthum und auch aus deinem Schulsack wissen, was gesagt ist: Durch Leid zur Freud'.

      Schweig' nur und leid':
      Es kommt die Zeit,
      Wo dies dein Leid
      Wird werden Freud'.

Denn nur den die Dornen stechen,
Der die Rosen wird abbrechen.

Obschon auch andere sind, die nach der Weltweise deiner erlittenen Verfolgungen spotten, das hindert nichts; laß sie reden, die Gänse können es nicht. Wenn du gethan, soviel einem deutschen Ehrenmann bei so gewaltsamen Zeiten möglich gewesen, so ist es allgenug. Zuletzt müssen sich doch alle Lästerer in ihren eigenen Worten selbst Lügen strafen. Es ist ein altes wahres Sprichwort, daß die Narren der Gescheidten lachen, die Unsinnigen der Weisen, die Gottlosen der Frommen. Darum fragt denn auch ein Gescheidter destoweniger nach solchen Maulaffen, sondern tröstet sich des alten deutschen Spruches: Thue recht und scheue niemand.

Lieb' du von Herzen Gott
Und weiche nicht davon;
Veracht' der Narren Spott
Und kehr' dich nicht daran: –
Unter den Leuten
Ist niemand ohn' Streiten.

Aber leiden ist heilig: nur fromm und trotz' dem Teufel! Nun aber soll ich dich auf gnädigsten Befehl vor den Erzkönig bringen; du wollest mir also nachfolgen und wohl zusehen, daß du in deinen Reden nicht falsch gehest, sondern die pure lautere Wahrheit in allem, so man dich fragen wird, frei heraus sagst. Denn bei diesem erzdeutschen Könige ist es nicht wie an anderer Herren Höfen, wo man nach Belieben redet und oft einem zu Gefallen eins daherschneidet, daß sich möchten die Balken biegen. Und ob dir schon etwas ungleiches hierbei widerfahren sollte, gieb dich geduldig darein und leide es, vielleicht ist es die letzte Probe, die du noch in diesem Lande hast auszustehen: bitte nur Gott, daß er dir Verstand und Geduld verleihen wolle. Im übrigen gehe aufrichtig durch gegen jedermann und versieh dein Amt, so du eins hast, mit Ernst; werde nicht verzagt, ob auch andere sauer sehen. Es kann nicht anders sein: es wird doch endlich alles das, was du hast ausstehen und leiden müssen, dir zum Besten dienen. Drum ducke dich und laß es über dich ergehen, das Wetter will seinen Willen haben. Und wenn das Unglück und die Trübsal genug gewüthet und getobt haben, dann wird deine Erlösung und die gute Zeit folgen, wo du dich alles ausgestandenen Leides wirst erfreuen können. Aber hüte dich alsdann, daß du des Herren, deines Gottes, nicht vergißt, sondern ihm dafür dankbar seist und deine Nachkommen lehrest, wie Gottvertrauen die höchste Weisheit sei, daran der Seelen ewige Wohlfahrt gelegen ist.« – Mein Gott, sprach ich, wie macht ihr es so lang, wie predigen die Alten so gern! Wenn sie anfangen, sie wissen kein Ende mehr an ihrem Reden zu finden. »Und ihr Jungen, sprach er hinwiederum, – mein Gott, wie ungern hört ihr, daß man euch in den Schild rede und die Wahrheit sage! Ihr wißt von euch selbst nicht, wie ihr euch oder euren Sachen rathen sollt; und dennoch, wenn aus Wohlmeinen eure Vorgesetzten euch zusprechen und zu eurem Besten belehren wollen, so wollt ihr es entweder gleich selbst besser wissen, oder ihr werdet so verdrießlich und faul es zu hören, daß es eine Schande ist. Daher müßt ihr denn nachher allemal mit Reue und Leid erfahren, daß, wer sich nicht gern habe züchtigen lassen, ein Narr geblieben sei bis an sein Ende.«

Zwar hatte ich diese Predigt nicht ungern gehört, aber ich hätte lieber gewollt, daß er mir eben jetzt von etwas anderem gesagt hätte. Darum, sprach ich, will ich hoffen, so lange ich lebe.

In meinem Leiden will ich hoffen,
Kommt mir das Glück, hab' ich's getroffen:
Kommt mir dann das Widerspiel,
So gescheh' doch, was Gott haben will. –

Indem ging der Alte fort, und ich folgte ihm nach in den großen Saal. Folgenden Tags wurde ich vor die Helden gefordert. Während wir allda eine halbe Stunde warten mußten, ging ich in dem Saal herum und schrieb etliche alte Schriften ab, die in die Wand gehauen waren:

1.

Gunst, Neid, Geschenk sei fern von euch.
Einem jeden thut im Rechten gleich;
Der Witwen, Waisen habt gut Acht,
Die Noth der Gefangnen wohl betracht't;
Den Eigennutzen laßt herrschen nicht,
Sonst straft euch Gott in seinem Gericht.

2.

Die Tugend laßt nicht unbelohnt,
Den Bösen straft, der Frommen schont:
Denn wie man sich hält in dem Rath,
Also hält sich die ganze Stadt.

3.

Wenn man nicht folget treuem Rath,
Zählt nur die Stimm', wiegt nicht die That:
So folget nichts als Schimpf und Schad',
Und kommt die Reu gar viel zu spat.

4.

Wenn man Gesetz und Ordnung macht
Und nicht drob hält, wird man veracht't:
Wer Ordnung macht und selbst nicht hält,
Derselb' in eigne Netze fällt.

5.

Hör' und laß reden beide Theil',
Bedenk's, darnach gieb dein Urtheil:
Denn wie du mich richtest und ich dich.
So wird Gott richten dich und mich.

6.

Willst handeln, thu's mit gutem Rath,
Sonst wird's dich reuen nach der That:
Denn wer ohn' Sorg' und Rath regiert,
Gar oft durch Wahn betrogen wird.

Ueber dem Richterstuhl stand die Gerechtigkeit abgemalt, in der rechten Hand eine Waage, in der linken ein Schwert haltend, und diese Worte:

Ich geb' einem nach Gebühr:
Denn Gunst und Haß ist nicht bei mir.

Ferner hingen etliche auf Pergament geschriebene Sprüche an den zwei Säulen, an jeder vier; an der ersten:

2. Chron. 19.
Sehet zu, was ihr thut; denn ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn.

2. Chron. 24.
Es soll einerlei Recht unter euch sein den Fremdlingen wie den Einheimischen: denn ich bin der Herr, euer Gott.

5. Mos. 1.
Keine Person sollt ihr im Gericht ansehen; sondern sollt den Kleinen hören wie den Großen und vor niemandes Person euch scheuen.

5. Mos. 17.
Was recht ist, dem sollst du nachjagen;

an der andern:

5. Mos. 27.
Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, des Waisen und der Witwe leugnet!

5. Mos. 27.
Verflucht sei, wer Geschenke nimmt, daß er die Seele des unschuldigen Bluts schlägt!

Psalm 82.
Schaffet Recht dem Armen und Waisen und helft dem Elenden und Dürftigen zum Rechten. Errettet den Geringen und Armen und erlöst ihn aus der Gottlosen Gewalt.

Jerem. 21, 12.
Haltet des Morgens Gericht und errettet den Beraubten aus des Frevlers Hand.

In einem Fenster waren diese Worte neben etlichen Geschichten in schönem Glas gemalt: Der Haß der Alten, der Rath der Jungen und der Eigennutz richten die Staaten zu Grunde. –

Nach einer halben Stunde wurden wir durch einen Trabanten gerufen. Ich ging also dem Alten etliche Stufen nach hinauf in ein ziemlich weites Gemach, das jedoch gar schlecht zugerüstet war gegen die, welche unsere gebornen Herren haben; nur war es auch mit Hirschgeweihen und dem Gehörn anderer Thiere an den Wänden allenthalben behängt. Ich sprach zu dem Alten: Ich glaube, daß die größten und meisten Hörner bei Hofe zu finden sind. »Ja freilich, antwortete er mir, weil ein jeder zu Hofe die Hörner erst muß abstoßen.«

Zu oberst in diesem Gemach sah ich einen großen alten Mann mit einem breiten Bart, einem kleinen Hut und einer goldenen kleinen Krone darauf, aus deren Mitte neben einem halben Roßschwanz ein großer Busch Rebhuhn- Auerhahn- Kranich- und Hahnenfedern herabhingen; zwei Trabanten mit Schlachtschwertern standen auf drei oder vier Schritt neben ihm. – Ich erschrak gleich beim ersten Anblick, zupfte daher den Alten zurück und fragte ihn, ob dieser der Erzkönig, und wie sein Name wäre? »Ariovistus, König Ehrenfest, sprach der Alte. Er ist sonst von Geburt ein Schwabe, die ihn auf ihre Sprache König Airovist heißen: daher hat ihn der Cäsar in seinen Schriften Ariovistus genannt.«

Sobald mich der Erzkönig ersah, sprach er: »Laß mir den welschen Schelm hervorkommen!« Und zu dem Alten, er sollte mir dolmetschen, denn er wollte schier keinen Welschen mehr sehen noch hören. – Allerschrecklichster grausamster Herr Erzkönig! sprach ich. (Indem gab mir der Alte einen Stoß, damit ich mich ein wenig besinnen möchte; denn mir war so angst und bang, daß ich in meinem Hirn weder Titel noch Tatel mehr finden konnte, der sich hätte schicken mögen). Da hob der Erzkönig, der mir so schrecklich und grausam vorkam, wieder an: »Hörst du Welscher, wie frevelhaft mußt du sein, daß du ohne Aufforderung hierher in mein Gebiet und Lager kommst! Hast du schon vergessen, wie ich den beiden Verräthern, dem Valerius Procillus und Marcus Metius, ihrer Schelmenstücke wegen gelohnt habe? Meinst du, daß ich dir einen andern Brei werde kochen lassen? Du mußt ja ein verwegener Kerl sein! Weißt du nicht, wie ich und der Cäsar, den ihr Verräther durch den Divitiacus in das Heddau gelockt habt, miteinander stehen? Daß er mir meine beiden Weiber und eine Tochter unehrlicher, unritterlicher, schelmischer Weise ermordet, die andere aber gefangen weggeführt und mir mein mit freier Faust und gutem Recht erhaltenes Land mit Gewalt abgedrungen, meine trefflichsten Knechte und Gespanen erschlagen hat? Meinst du nicht, ich würde solche Mordthaten durch meine Macht an ihm rächen, auch an dem geringsten seines Volks, den ich betreffe, und nun an dir selbst den Anfang machen? Der hochmüthige Esel, was hat er mich einen groben, ungehobelten, tölpischen Deutschen zu nennen gehabt, der ich und alle meine Völker mehr Verstand und Redlichkeit im Herzen haben, als der ganze (nur zum Untergang ehrlicher, vortrefflicher, unverschuldeter, freier Könige und Fürsten und deren abgedrungener Herrschaften und Reiche bestehende) römische Rath! Ihr Verräther, wie schindet und schabt ihr noch heut zu Tage meine armen Unterthanen in diesen Landen! Kann noch Wütherei erdacht werden, die ihr nicht an den armen Leuten verübt? Ist auch ein ehrlich Weibsbild im Lande vor euch sicher? Welchen Ort habt ihr mit eurem Gotteslästern und Fluchen, mit dem schrecklichen Gottverläugnen nicht erfüllt? Was ist euer Lob und Ruhm anders, als ein bloßes Aufschneiden, das allein in vielen greiflichen groben Lügen besteht, darin ihr all euer Kinderwerk für Heldenthaten ausruft und ausschreit, hingegen der ehrlichen Deutschen Mannheit und Tapferkeit verhöhnt, ihre Aufrichtigkeit und Treue verachtet und verlacht, ohne deren Hilfe und Beistand ihr doch längst hättet müssen den Sattel räumen. Und ihr, sprach er zu dem Alten, verdolmetscht dem welschen Schelm, was ich gesagt habe. Ja, ich will ein Exempel an ihm erweisen: er soll, wenn ich ihn in künftiger Zeit in diesen meinen Landen finde, den Bauern untergeben werden, damit ihm von ihnen redlich bezahlt und ihm rechtschaffen abgerechnet werde all das abgezwungene, abgedrungene, erschlichene und erschacherte Contributions-, Confiscations- und Dienstgeld und Gut, daß ihm die Flegel sollen um die Ohren sausen. Sagt's ihm und laßt mir den welschen Schelm ins Loch hinuntersetzen!«

Ob mir damals angst gewesen sei oder nicht, das lasse ich den rathen, der jemals in solcher Klemme gewesen. Denn ich sah, daß der König ein rascher harter strenger Mann war, ließ daher den Alten walten, der mich kannte und einen viel besseren Bericht über mein Verhalten gab. O mein Gott, welche Herzensnoth, wo ein Kerl muß hören und leiden, daß man ihm Unrecht thue und darf doch nicht widersprechen oder klagen! Es ist zwar ein seliger Trost, das Uebel mit Geduld zu tragen und das Unrecht mit gutem Gewissen zu leiden; aber wie mancher muß gleichwohl also ohne Hilfe und Rettung zu Schanden gehen und ohne seine Schuld verderben! Die welschen Völker waren eben dem Erzkönig gar nicht lieb, unter denen es doch, wie in der ganzen Welt, gute und böse, ja manchen rechtschaffenen redlichen Helden, manchen tapfern, lobeswürdigen Mann giebt, durch den Deutschland oft treffliche Dienste und Hilfe geschehen ist. Obwohl ich gern von diesen gesprochen hätte, so durfte ich doch diesmal zu meiner Entschuldigung, viel weniger zur Rettung ihrer Ehren, denen ich in vielen Dingen Gewalt und Unrecht geschehen sah, etwas vorbringen oder sagen. Ehe aber der Alte zur Rede kommen konnte, fiel ihm König Ariovist wieder in das Wort und sprach: »Ja, es ist nicht damit genug, daß die Welschen insgemein alles Unglück in meinen Landen und über meine Völker anrichten durch unerhörte viehische Frohndienste und sie bis auf das Blut unter den Nägeln aussaugen; sondern dieser schlimme Hund da ist noch so kühn gewesen, daß er mir heut meinen Kammerdiener, Zwerg Kelß, auf offener freier Landstraße hat absetzen und plündern wollen. Das ist es werth, den Schelm an vier Straßen aufhängen zu lassen; denn ein für allemal kann ich zur Abstrafung solches Frevels auf die Dauer nimmer Geduld fassen. Da sehe man den Lecker an, wie er da steht, hat weder Hut noch Haube, sieht aus wie ein Mörder; und wer weiß, ob er nicht um dergleichen Schelmenstücke irgendwo gefangen gelegen hat und so ohne einen Hut ausgerissen und entlaufen ist.«

Ich habe selbiger Zeit diesen Dingen vielmals nachgedacht: warum etliche Fürsten und Herren heutiges Tages viel lieber einen Schneider oder Zwerg, oder Fatzvogel zu Kammerdienern haben, als irgend einen gelehrten erfahrenen Kerl, einen Wundarzt, einen Trompeter? Dieser Zwerg Kelß Karst war ein elender Wicht, ein Auswürflein der Natur, hatte einen Buckel hinten und vorn, wußte nichts und konnte nichts weiter, als bei den Frauen etwas mit dem großen Messer aufschneiden, und darum mußte er auf unbedachtsames Anhalten derselben zum Kammerdiener angenommen werden. Dergleichen geschieht bei großen Herren oft zu größtem Schaden, während sie doch ja sorgfältig sein sollten in Erkiesung eines Kammerdieners wie eines Hofmeisters. O, die Weiber stellen zu Hofe oft viel böses an! Sie können auch viel gutes anstellen, wenn sie wollen. Jener König Es ist Ludwig XI., König von Frankreich, gemeint, dessen Leben der Geschichtsschreiber Philipp de Commynes (1445–1509) geschildert hat. bediente sich eines Schneiders zu einem Herold, eines Bartscheerers zu einem Gesandten, eines Arztes zu einem Kanzler, und muß deswegen noch heutzutage den Geschichtschreibern zu ihren Geschichten und Aufzügen dienen. Schneider gehören nicht in solche Aemter; sie dienen darin nur zur Pflege, Verzärtelung und Verweichlichung des Leibes, zu nutzlosen Spitzfindigkeiten, zur Ueppigkeit, zur Verachtung und zum Spott der Herrschaften und zur Verkleinerung ihres Standes. Deutsche Helden sollen gelehrte Leute insonderheit gern um sich haben und diese gut besolden, damit sie ihre Heldenthaten den Nachkommen zum Vorbild aufzeichnen; sie sollen Wundärzte dazu gebrauchen, daß sie die ihnen vom Feind geschlagenen Wunden heilen; Trompeter, die sie zum Streit wider die Feinde aufmuntern und ermahnen: sie sollen aber nicht lieber nach dem sehen, der ihres Leibes Lüsten, als nach dem, der ihrem ehrlichen Namen diene. Aber Herren sind Meister, sie thun, was sie wollen. Doch solche Kammerdiener machen auch, daß ihre Herren oft thun müssen, was sie nicht wollen und was sie hernach gereut. Ich war nun aber während dieser ganzen Zeit, weil ich anfangs im Titel gefehlt hatte, so verzagt, daß ich fast nicht wußte, was ich reden, oder ob ich reden sollte. Daher sprach der Alte, ich sollte mich ein wenig ermuntern: denn eine wie gute gerechte Sache ein Kerl auch habe, wenn er vor dem Richter so erschrocken stehe, so gäbe es gleich den Argwohn von einer bösen Sache und mancher wäre so an seinem Unheil selbst schuld. – Es ist wohl wahr, antwortete ich: aber ich halte es für unmöglich, daß ein Kerl, dem es so übel und so nachtheilig ergeht wie mir, sollte viel Lust und Herz haben können; und wenn ich schon etwas reden und das allerbeste vorbringen wollte, es würde doch wenig Kraft und Nachdruck haben; denn wenn es einem übel geht, so rede er so weise und so dienlich zur Sache, als es immer sein kann, es wird doch für gering und für albern gehalten werden. Hingegen wenn es einem Kerl wohl geht, wenn er sonst Mittel und Freunde hat, wenn er einen Rücken weiß, dann rede und thue er so läppisch und unfüglich, wie er wolle, es wird doch schön und recht sein, er wird doch gelobt und hochgehalten werden. Ein glücklicher Mann rede, was er wolle, es wird wohl geredet und gesagt sein; aber eines elenden Mannes hoher Verstand wird nur verachtet und verlacht. Wem das Glück wohl will, dem will auch die Obrigkeit und der Richter wohl, wenn er auch schon ein Schalk wäre. Wem das Glück nicht wohl will, der fällt auf den Rücken und bricht die Nase. Wen man gern sieht, der tanzt am besten; wem das Glück wohl will, der thut alles recht, wenn es schon nach allem Recht unrecht wäre.

Endlich auf Anrathen des Alten faßte ich einen Muth und fing also an: Gnädigster Herr Erzkönig! Ew. Majestät wollen mir zu gut halten, ich bin ein Deutscher, so getragen, geboren und erzogen, bin mein Lebtag nicht welsch gewesen und erbiete mich, dies durch Brief und Siegel zu beweisen; und obschon Ew. Majestät billige Ursache haben, über die Welschen und ihre Thaten, die sie in diesem Land verüben, zu klagen, so ist doch gewiß, daß man ihnen in vielen Dingen auch unbillig die Schuld giebt. Sie sind nicht alle so böse: man findet gute und böse unter ihnen, wie bei allen Menschen.

»Halt! Führt mir den Schelm hinweg! Wie? sprach der König, will er sich noch unterstehen, sich mit Worten gegen mich einzulassen, der Welschen Sachen zu vertheidigen und für sie zu sprechen?« Nein, nein, gnädiger Herr König! ich rede nur für mich, ich will nicht für andere Leute erst suppliciren. »Das meint' ich auch. Halt Schelm! sprach er weiter. Was? wolltest du jetzt gern ein Deutscher sein? Was hat dich denn für eine Noth befallen, daß du mir meinen Diener Kelß hast absetzen und auf freier Straße berauben wollen?« – Ich dachte bei mir, ist das ein König und wirft so mit Schelmen um sich! Doch ich nahm mir nichts an und sprach: Gnädiger Herr König! das ist mein Wille durchaus nicht gewesen, ich hatte auch nicht gemeint, daß ein Mensch in dem Sattel gesessen; ich meinte daher, weil ich zu Fuß in den hohen Schuhen schlecht fortkommen könnte, es würde sich zu Pferde besser schicken und ich desto eher hier erscheinen können, um Ew. Majestät unterthänigst aufzuwarten.

»Sieh den welschen Aufschnitt! sprach der König; soll das ein deutsch Gespräch sein? Es sind welsche gefärbte Lügen und Possen, hinter denen nichts zu holen ist. Aufwarten? Wie sich ein Schuster gegen den andern, ein Schneider gegen den andern sich anzubieten und große Grimassen zu machen weiß: es sind falsche Worte, die in ein recht deutsches Herz niemals kommen.« Gnädigster Herr König! sprach ich, ich bin wahrlich ein Deutscher mit Haut und mit Haar, daran ist kein Zweifel. – Indem kam einer mit großem Gelächter in den Saal gelaufen, und ich sah wohl, daß er entweder ein Spitzbube oder doch ein Schalksnarr sein müsse, der stellte sich neben den König. Denn es ist stets und allerwegen so gewesen, daß etliche weltliche Fürsten und Herren viel eher einen Narren oder Zwerg um sich haben und leiden wollen als einen Witzigen, viel höher von einem Schalksnarren halten als von einem gewissenhaften Diener, viel eher des Pfarrherren entbehren als des Narren, eher einen Narren mit Geschenken beladen, als einen verdienten eifrigen Mann nur mit der äußersten Nothdurft versorgen. Dieser Schalksnarr kam an mich heran, zauste mir das Haar, griff mir in den Bart, wiewohl ich nicht viel hatte, rupfte mich an Wamms und Hosen mit Kreischen und Rufen: Hierher Welscher! Hui Welscher! Hui a la mode! Hott Zopf! Har Tropf! Hui Landel! Jyst Faudel! Har Zottel! Zu dir Hottel! Herum Lottel! Herum Trottel! und viel des Verdrusses mehr, so daß ich zuletzt entrüstet sprach: Mit Erlaubnis! wenn es nicht vor dem Könige wäre und du nicht eben seiner Diener einer wärest, ich wollt' sagen – du hättest gelogen wie ein Schelm und ein Dieb.

Darauf gab mir der Alte einen Stoß und sprach: es wäre zu grob gefrevelt vor dem Könige so zu reden; ich maßte mir soviel an, als ob ich mit Fäusten zuschlagen wollte. – Wer sollte, sprach ich, all diesen Schimpf so ungerochen leiden? »Lieber, erwiderte der Alte, weißt du auch noch, was du früher selbst gegen Rufus Dubius Thraso gesagt hast: Zanke dich nicht mit einem geringern als du bist, denn ihm wird es Ruhm einbringen dich zu reizen, und er wird dir die Federn deiner Eitelkeit und Ueberschätzung ausreißen. Zanke dich nicht mit dem, der geringer ist denn du: er wird dir sonst Hohn sagen vor den Leuten und dich zu Schanden machen in deiner Thorheit. Hadere nicht mit dem, der aus deiner Gewalt ist, denn er wird deiner lachen und dir Hohn sagen vor den Menschen, daß sie deine Thorheit sehen und du dich schämen mußt in der Eitelkeit deiner Werke; es werden die Kinder von dir Lieder singen, und du wirst verspottet werden auf der Gasse. Laß den Narren reden, er wird dir kein Loch in den Leib reden.« Hätte aber der König, der darüber genug lachte, den Schalksnarren nicht abgehalten, ich glaube, er würde mir das Maul rechtschaffen getroffen haben.

»Mir däucht, sprach der König, obschon du einem Deutschen nicht gleich siehst, es könnte doch etwas daran sein, weil du so deutsch heraus redest und dir nicht leicht wirst ein Wort das Herz lassen abstoßen.« Und zu dem Alten sprach er: »Kennst du diesen Kerl, daß du ihn so stößt und warnst?« »Ja, sagte dieser, sehr gut, gnädigster Herr König! er ist ein geborner Deutscher.« »Nun, nun, sprach der König: wohlan, wir wollen es morgen sehen! Führe du den Tropf jetzt hinunter und laß ihm zu essen geben und ihn im Gemach bleiben bis auf weitere Verordnung.« Hernach als ich hinausging, sagte er: »Sollte der Bärenhäuter ein Deutscher sein und der Schelm geht so lottelig daher wie ein Welscher, als ob er hätte in die Hosen gemacht. Es ist zum Erbarmen, daß meine Völker sich so sehr narren und von ihren angebornen Feinden verführen lassen!«

Indem ich etliche große Reverenzen machte und mit dem Alten hinaus ging, sagte dieser: »Du thust nicht recht; du siehst, daß der König die welschen Possen alle haßt. Ich lasse es gelten, wenn du solche Dinge gegen diese Leute gebrauchst; aber bei Deutschen ist nichts damit zu erjagen. Es ist einem deutschen Helden ein Gräuel, wenn er dergleichen welsche Lappenpossen sieht. Warum gebrauchst du nicht, wenn du je närrisch sein willst, die Höflichkeit, welche die Wilden in Brasilien im Gebrauch hatten, die ihre Hemden aufhoben bis über den Nabel und sich in den Hintern sehen ließen, was bei ihnen gar herrliche Dinge sind? Auch lerne von mir, daß man bei großen Herren gar behutsam reden muß; mancher wohlverdiente Mann kommt in Ungnade um eines ungleichen Wortes willen. Große Herren sind gar kitzelig: mit einem Blick kann man sie in Harnisch bringen, zumal wenn sie nicht recht bei Laune sind oder wenn sie einem ohne das gern in die Haare möchten. Das magst du künftighin von mir annehmen und behalten; ich will dir treulich rathen, aber du mußt mir auch mal folgen.« – Es führte mich also der Alte wieder durch den Hof in ein Gemach neben dem Burgthor auf den Boden; und wiewohl es Nacht und ich sehr müde war, so konnte ich doch vor Furcht weder essen noch schlafen; auch wurde mir nicht viel köstliches aufgetragen: eine Satte mit geronnener Milch, ein Stück Gerstenbrot, ein Haferbrei und einige Aepfel, Käse und Nüsse und ein Geschirr mit Wasser, das war meine Speise und Trank. Ein Sack mit Stroh gestopft, war das Bett und die Bettstatt zusammen. Was für Kalender ich die Nacht über gemacht habe, kann ich nicht sagen: es war eine rechte Zusammenkunft von Saturn und Mars; ich hatte mich des Hängens gar nahe versehen und tausendmal gewünscht, daß ich im Rhein läge. In diesem Gemach, in dem ich später zu öfteren Malen gewesen bin, standen folgende Reime über der Thüre angeschrieben:

Kommt dir ins Haus ein fremder Gast,
Gieb's ihm so gut, als du es hast.
So er ein Ehrenmann von Blut,
Nimmt er mit Käs' und Brot für gut:
Doch so ein Unflat er geboren,
So wär' auch Käs' und Brot verloren.

Des Morgens früh mit Sonnenaufgang hörte ich in ein Horn blasen. Alsbald kam mich ein Gruseln an; doch der Bläser hatte gewiß wenig Athem mehr im Leib, denn es war ein elendes Blasen, und es wunderte mich, daß in einer so vornehmen königlichen Burg nicht bessere Bläser oder Thurmhüter wären, die doch eines Herren Hof mehr zierten als viele andere köstliche Sachen. Daneben hörte ich ausrufen, konnte aber eigentlich nicht verstehen, was es sein sollte. Nur wenige Worte vernahm ich: nämlich König Saro, König Ariovist, König Herman, König Wittekind und noch andere.

Der Alte kam bald an das Fenster und sagte mir, ich möchte wohl bedenken, was ich antworten wollte, da König Ariovist die andern deutschen Helden, welche alle diesmal in der Burg ein jeder in seiner Wohnung wären, meinetwegen habe zusammen berufen lassen, um über meine Person und Handlungen gewissen Bericht zu erforschen. Bald wurde ich auf Befehl von dem Alten in den obengedachten großen Saal geführt. Da sah ich sieben Mannspersonen, richtig gesagt sieben Helden, in großer Gravität und Stärke des Leibes auf eingemauerten Sesseln sitzen mit langen breiten Bärten, die Haare mitten auf dem Haupt in einen Knoten zusammen gewunden; sie hatten theils große Schwerter an der Seite hängen, theils lange Wurfspieße in der einen Faust, in der andern große Schilde; auf dem Leibe waren sie mit Wolf-, Bären- und Hirschhäuten, daran zum Theil noch das Geweih war, geziert, was fürchterlich war anzusehen. Wie sonst ihre Kleidung gewesen, kann ich nicht beschreiben; doch habe ich vor wenig Tagen noch von einem vorwitzigen Weib gehört, die auch einmal in der Burg gewesen ist, daß diese Helden mächtig große Latzen an den Hosen getragen haben.

Etliche Sachen sah und hörte ich allda schleunig und schier in einem Hui ausmachen und gleich Urtheil darüber geben, worüber ich mich wunderte. Der Alte aber sagte mir, die Ursache davon wäre, daß es zu ihrer Zeit noch keine Advocaten oder Fürsprecher gegeben hätte, daher wären die Händel umsoweniger hingezogen worden. – Ja, sprach ich, was haben sie aber auch für Händel gehabt? Es hat nicht solche Sachen gegeben wie heute, wo man ohne Rath der Advocaten schwerlich ohne großen Irrthum wird urtheilen können.

Als man mich, nach Verrichtung anderer Dinge dieser Art, hieß hervortreten und mich einer nach dem andern ansah und sie zusammen murmelten, forschte ich von dem Alten, der mir zur Seite stand, wer einer oder der andere wäre, denn ich kannte noch keinen als den König Ariovist.

Er sagte mir: »Der ganz alte Held, der zu oberst sitzt, mit einem Bart bis auf die Kniee, ist der König Saro, einer von den dreißig Helden, die mit dem ersten Anfänger und Erzkönig der Deutschen, Tuitscho, aus Armenien in diese Lande gekommen sind, von dem auch noch heut zu Tage das Wasser, die Saar, hier in der Nähe seinen Namen hat. Ihn hält der Erzkönig Ariovist als seinen Vorahnherren sehr in Ehren. Der dritte und nächste an dem Erzkönig ist Herman, ein Herzog zu Sachsen und Braunschweig, von den Römern Arminius genannt, der den römischen Feldobersten Varus mit dem ganzen Heer in Hessen erschlagen hat. Der vierte, von den Lateinern Vitichindus genannt, ist König Wittekind, auch ein Sachsenfürst. Der dort ist Kallofelß, ein Oberster des ganzen Hundsrück und des Eifellandes, von dessen Geschlecht, das wohl das älteste ist von dem ganzen deutschen Adel, noch heut zu Tage viel vortreffliche Männer übrig sind; auch ein abgesagter Feind des Cäsar, von ihm Catuvolcus genannt. Der neben ihm ist Fridmeier, von Cäsar Viridomarus genannt, von Geburt ein alter Deutscher, vor Jahren im Heddau wohnend, ebenfalls Cäsars Feind. Der andere da ist Deutschmeier, von Cäsar Indutiomarus genannt, oberster Statthalter zu Trier.« Unter diesen fing der jüngste, als der beredteste, nämlich Herr Deutschmeier, an und sagte: daß ich gestern Abend von Ihro Majestät die Ursachen, welche sie zu so gerechtem Zorn wider mich erregt hätten, würde vernommen haben; daß ich zu dem Ende vorbeschieden wäre, um über mein Wesen und meine Handlungen sattsamen Bericht und Antwort zu geben. Darum denn sollte ich auf die mir vorgelegten Fragen gründlich und ohne gesuchte Ausflüchte, die mir sonst nicht zum Besten gereichen würden, antworten: 1) wie mein Name wäre? 2) wer ich wäre? 3) woher ich wäre? 4) wie ich hierher gekommen wäre? 5) was ich allhier zu schaffen hätte? Da es aber schon gegen zehn Uhr war, so wurde mir Bedenkzeit angesetzt bis um ein Uhr Nachmittags, um meine Verantwortung vorzubringen. Doch mußte ich an Eidesstatt angeloben, daß ich die Wahrheit nicht verhehlen noch flüchtigen Fuß setzen wolle bis nach Austrag der Sachen. Der Alte belud sich, auf meine Bitte, für mich mit der Bürgschaft.

Nachmittags, als ich wiederum vorkam, und die Herren sämmtlich in ihrer Ordnung wie des Morgens herum saßen, und mir die Erlaubnis zu reden vergönnt worden war, hob ich mit kurzen Worten – denn große Herren hassen das lange Geschwätz über die Maßen; und es geschieht oft, daß einer eine gute Sache bei ihnen mit dem übermäßigen Reden ganz und gar verdirbt, hingegen eine zweifelhafte Sache mit einer vernünftigen, kurzen, klugen Rede kann erhalten – also an: Allergnädigste Herren! Um auf die mir heute früh gnädigst vorgelegten Fragen meinen unterthänigsten Bericht zu thun, so ist: 1) mein Name Philander; 2) bin ich ein geborner Deutscher von Sittewald; 3) weiß ich schier selbst nicht, was ich bin: ich bin, was man will; habe mich in diesen elenden Zeiten müssen in allerlei Leute Köpfe schicken und, wie Hanswursts Hut, auf allerlei Weise winden, drehen, drücken, ziehen, zerren und bügeln lassen; habe viel leiden, viel sehen, viel hören müssen und mir doch nichts annehmen dürfen; lachen, wo es mir nicht so ums Herz war; gute Worte geben denen, die mir böses thaten; mich müssen gebrauchen lassen wie kalten Braten, bald als Amtmann, und nachdem ich von den Wütherichen etliche Male ausgeplündert, geängstigt, gebrandschatzt, tribulirt, verjagt und vertrieben worden war, als Hofmeister, Rentmeister, Fürsprecher, Advocat, Sprachmeister, bald als Jäger, Vorschneider, Stallmeister, bald wiederum als Amtmann, als Baumeister, als Schulze, Büttel, Bauernarzt, als Roß- und Kuhhirt, als einen Schützen, Soldaten und Bauer. Und ich habe in meinem Amte oft die Arbeit thun müssen, deren vormals ein Schulze, ein Büttel, ein Roß- oder Kuhhirt, ein Schütz, Soldat und Bauer sich geschämt hätten. 4) Bin ich hierher gekommen unverhofft und wider meinen Willen. Ich war zu Hause in der Unruhe und Kriegsgefahr dermaßen verstürzt geworden, daß ich mir vorgenommen hatte auf den Berg Parnassus zu reisen: denn man sagt, es wäre der Parnaß ein Ort des Friedens, der Ruhe und des Glücks, wo es noch so recht herginge wie im Schlaraffenlande. Unterwegs aber bin ich von einigen Reitern aufgefangen und hierher gebracht worden. 5) Ich habe auch hier nichts anderes zu schaffen, sondern möchte um gnädigste Erlaubnis weiter zu ziehen unterthänigst gebeten haben.

König Ariovist hieß mich näher hinzutreten und sprach: »Hörst du, ich werde in meiner gestrigen Meinung, je länger ich dich ansehe und höre, gestärkt, daß du nicht ein geborner Deutscher, sondern ein Welscher seist und als Kundschafter hierher gekommen bist. Denn daraus, daß dir die deutsche Sprache bekannt ist, folgt noch nicht, daß du ein geborner Deutscher bist und ein deutsches Gemüth und Herz hast.«

Gnädiger Herr König! sprach ich: wie könnte ich doch einem Welschen im Herzen jemals hold sein, da ich doch alles Kreuz und Elend, alle Noth und allen Zwang von ihnen bisher habe dulden und leiden müssen!

»Warum denn, so du ein geborner Deutscher bist, hast du nicht auch einen deutschen Namen? Was soll dir ein griechischer und hebräischer Name in Deutschland? Was ist Philander für ein Gefräß? Bist du von Sittewald, warum hast du denn einen welschen Namen? Was? Hm? Was meinst du, he?« Gnädigster Herr König! Es sind solche Namen gemein bei uns. »Gemein? Ja, wie die welschen Laster auch! Was habt ihr vermeintlichen Deutschen denn für Treue in eurem Herzen gegen euer Vaterland, wenn ihr bedenkt, wie durch die römischen Tyrannen, insonderheit durch Cäsar, und durch die welsche Untreu alles in Zerrüttung gekommen ist, – und gleichwohl laßt ihr euch noch gelüsten ihre Namen zu gebrauchen? Haben euch denn die deutschen Namen nicht genug Lust und Zierde zu nennen, eure Tugenden und Thaten an den Tag zu geben? Ist euch denn das liebe Deutschland so sehr verleidet, daß ihr Erman, Ehrhard, Mannhold, Adelhard, Baldfried, Karl, Konrad, Degenbrecht, Eitellieb, Friedrich, Gottfried, Adelhof, Hartwert, Reichhard, Ludwig, Landshuld, Ottbrecht, Ruprecht, Redewitz, Siegfried, Theurdank, Volkhard, Witzreich, Wohlrath und andere liebe schönklingende deutsche Namen nur über die Achseln anseht und verlacht? Muß euch denn in euren Bocksohren das griechische Philander, Philippus, Adolphus, Nikolaus, Theophilus, Theodorus und andere besser lauten? Ja, was das ärgste ist: wenn von Gott einem ein deutscher Name widerfährt, wie Adelof oder Adulf und dergleichen, so zieht er es aus eitlem Wahnwitz vor, diese von dem griechischen αδελφοσ (Bruder) herzuerzwingen, als sie von dem wahrhaftigen deutschen Ursprung – Adelhoff, einer der in den Adel hofft; Adelhuff oder Adelhülf, einer der dem Adel hilft oder dem Adel huft – herzunehmen, oder seinen angebornen deutschen Nachnamen mit welschem Zwirn, Kalk und Koth, nämlich dem hoffärtigen, armuthseligen, eitlen de, zu überzuckern, einzubeizen und einzusalzen, damit der Unflat nicht stinkend werde. Schämt ihr euch denn eurer selbst und eurer redlichen Vorfahren? Schäme dich vor dem Teufel, wenn du eine ehrliche deutsche Ader in deinem Leibe hast, daß du einen andern Namen, den du vielleicht selbst weder verstehst noch kennst, willst einem verständlichen, bekannten deutschen Namen vorziehen oder ihn mit welschen Farben willst anstreichen und mit de und di füttern!

Wer den anererbten Namen
Flickt mit welschem Zwirn zusammen
Und wär' gern ein Junkerlein:
Der hat Mangel an 'nem Sparren
Und gehört ins Buch der Narren,
Sollt' er sonst ein Doctor sein.« –

»Komm hierher!« sprach Herr Deutschmeier; und als ich nahe zu ihm kam, fuhr er fort: »Solltest du ein Deutscher sein? Deine ganze Gestalt giebt uns ein ganz anderes zu erkennen. Ich glaube gewiß, daß du darum deinen Hut (den er mir unter großem Gelächter vorzeigen ließ; denn sie hatten ihn zum Schauspiel in dem Saale an ein Hirschgeweih hängen lassen) unterwegs hast von dir geworfen, nur damit man die närrische Form nicht sehen sollte. Denn kaum kann eine welsche närrische Gattung aufkommen, so müßt ihr ungerathenen Nachkömmlinge dieselbe sogleich nachäffen. So ändert ihr fast alle Vierteljahr; auch haltet ihr dafür, daß, wo ein ehrlicher gewissenhafter Mann bei seiner alten ehrlichen Tracht bleibt, derselbe ein Hudler, ein Halunke, ein Alberner, ein Esel, ein Tölpel sein muß. Wieviel Gattungen von Hüten habt ihr in wenig Jahren nicht nachgetragen? Jetzt einen Hut wie ein Butterfaß, dann wie ein Zuckerhut, wie ein Cardinalshut, dann wie ein Schlapphut; hier eine Stülpe ellenbreit, dort fingerbreit; bald von Geißhaar, dann von Kameelshaar, dann von Biberhaar, von Affenhaar, von Narrenhaar; bald wie ein Schwarzwalder Käse, bald wie ein Schweizerkäse, wie ein holländischer, wie ein Münster-Käse. Das hier ist heute die neue närrische Tracht; bald kommt eine andere in Gestalt eines Fingerhuts nach, die närrischer ist. Und alle diese wollt ihr elenden Leute nachmachen, so daß es also scheint, als ob all euer Reichthum und eure Mittel nur erworben seien, um sie mit neuen Trachten zu verschwenden?

Dann trägt man kurz', dann lange Röck',
Dann große Hüt', dann spitz wie Weck',
Dann Aermel lang, dann weit, dann eng,
Dann Hosen mit viel Farb' und Sprenk;
Ein Fund dem andern kaum entweicht.
Denn deutsch Gemüth ist also leicht:
Das zeigt, was in dem Herzen leit (liegt).
Ein Narr hat Aendrung allezeit

Es ist zum lachen: wo irgend ein König, ein Fürst, ein Herr, ein Reisender um des Reisens, um des Jagens willen einen solchen Hut, einen solchen Mantel, einen solchen Rock, ein solches Kleid sich zu seinem Nutzen und Vortheil machen läßt, und ein neusüchtiger Monatsnarr, ein Schneider bei der Nadel, ein Schuster bei dem Knippen, ein Student bei den Büchern sieht dies, der vielleicht sein Lebtag nicht eine Meile Wegs reist noch weiter hinaus kommt als seiner Mutter Füllen, der weder reitet noch jagt, weder hetzt noch beißt: – dennoch will er es nachäffen, einen solchen Mantel tragen, daß ihm der Regen des Hauses die Kniee nicht soll zerschlagen: einen großen Reisehut aufhaben, damit er ihm nicht abfalle, wenn er davon traben will: ein Paar Stiefel bis an den Latz anziehen, damit ihm das Wasser nicht oben einlaufe, wenn er in den Regen des Weinfasses geräth oder durch den Rhein seiner Stube reitet. Wie zu unserer Zeit der Hut ein Zeichen der Freiheit war, so ist es nun zu euren Zeiten dahin gekommen, daß der Hut ein Zeichen der Dienstbarkeit ist. Denn wahrlich! mit solchen neuen Trachten halten die Welschen eure Herzen gefangen und gebunden und lenken sie, wohin sie wollen.

Du trägst 'nen welschen Hut,
Die Welschen deiner lachen
Und zwacken dir dein Gut
Und dich zum Narren machen.
Drum wer hat deutschen Muth,
Hab' Sorg' zu seinen Sachen.«

»Laß dich mal sonst ein wenig besehen,« sprach Herr Kallofelß, und als ich zu ihm trat, und er mich bei den Haaren nahm, rief er: »Ist denn das ein deutsches Haar? Bist du ein Deutscher, warum mußt du denn ein welsches Haar tragen? Warum muß es dir so über die Stirn herunterhängen wie einem Dieb? Man soll ja einen ehrlichen Mann an der Stirn erkennen, welche zum guten Theil seines Gemüthes Zeugnis ist: wer aber seine Stirn so verhüllt, der hat das Ansehen, als müsse er sich vor etwas schämen, wie wenn er ein Schelmenstück begangen habe. Warum muß dir das Haar so lang über die Schultern herab hängen wie einem Weibe? Warum läßt du es nicht, wenn du es länger tragen willst, auf deutsche Weise über dem Kopf zusammenknoten, wie bei uns der Brauch ist? Komm her, laß uns sehen, hast du auch noch deine Ohren?

»Ist das nicht eine lose Leichtfertigkeit hier; diese langen herunterhängenden Haare sind rechte Diebshaare und von den Welschen, welchen um irgendeiner Missethat willen ein Ohr abgeschnitten ist, erdacht worden, um es so mit den Haaren zu bedecken, auf daß man es nicht merken solle: und ihr, die ihr deutschen ehrlichen Namens und unsere Nachkommen sind, wollt diesen lasterhaften Leuten in ihrer Untugend, in der sie sich selbst schämen und die sie zur Bemäntelung ihrer Schelmenstücke erfunden haben, nachäffen, da doch ein römischer Kaiser, wenn er in seinem Pomp einhergehen und herrlich hat sein wollen, ein deutsches Haar als besondere Zierde getragen hat! Ihr hingegen wollt lieber eines Diebes oder Galgenvogels Haar euch auf den Kopf setzen lassen; aber wer sich seines eigenen Haares schämt, der ist nicht werth, daß er einen Kopf hat.«

»Solltest du ein Deutscher sein, sprach Herr Friedmeier: sieh', was für einen welschen närrischen Bart hast du denn? Während deine ehrlichen Vorfahren (wenn anders du eines deutschen Mannes Sohn bist) es für die größte Zierde gehalten, wenn sie einen rechtschaffenen Bart hatten, so wollt ihr, den welschen unbeständigen Narren nach, alle Monat, alle Wochen eure Barte berupfen und bescheeren, ja alle Tage und Morgen mit Eisen und Feuer peinigen, foltern und martern, ziehen und zerren lassen: jetzt ein Zirkelbart, jetzt ein Schneckenbart, ein Jungfrauenbärtchen, ein Tellerbärtchen, ein Spitzbärtchen, ein Entenwedel, ein Schmalbart, ein Zuckerbart, ein Türkenbart, ein spanischer Bart, ein italienischer Bart, ein Sonntagsbart, ein Osterbart, ein Lillbärtchen, ein Spillbärtchen, ein Drillbärtchen, ein Schmutzbärtchen, ein Stutzbärtchen, ein Trutzbärtchen; und indem ihr euch der rechten Bärte und Kuebel schämt, werdet ihr noch gar zu Bengeln. Zu unseren Zeiten hat man an den Federn erkannt, was es für ein Vogel war, am Bart, was es für ein Mann war; wie würde es heute immer möglich sein, da je älter einer wird, er destomehr seinen Bart stutzen und stümmeln läßt und so die jugendliebenden Frauen überreden und bethören will, als ob er ein Junggesell oder Jüngling wäre. Unser deutscher Schweizer hat redlicher gethan; als derselbe gefragt wurde, warum er einen so langen Bart hätte, antwortete er: damit ich, wenn ich diese Haare ansehe, gedenke, daß ich ein Mann bin und kein Weib und mich der Mannesthaten befleißige; denn der Bart ziert den Mann und soll ihn anreizen, daß er sich in allem Thun rechtschaffen, tapfer und wie ein Mann verhalte.

Wie hoch hat es der Hebräer König David empfunden, als Ammon ihm die Knechte scheeren ließ an den Bärten? denn sie waren geschändet vor Israel und allem Volk. Aber eure meiste Sorge ist es, wenn ihr Morgens aufgestanden seid, wie ihr den Bart rüsten und zuschneiden mögt, damit ihr für junge Narren und Laffen könnt durchschlüpfen. O ihr Weibermäuler, ihr Unhaarige! in den Löffeljahren zupft und rupft ihr, bis die Gauchhaare heraus wollen, und wenn ihr durch die Gunst der Natur dieselben endlich erlangt habt, so wißt ihr ihnen nicht genug Marter anzuthun, bis ihr sie wieder vertreibt, ihr Bartstümmler, ihr Barträuber, ihr Bartschinder, ihr Bartstutzer, ihr Bartzwacker, Bartfolterer, Bartwipper, Bartpeiniger, Bartabtreiber, falsche Bartmünzer, ihr Bartnarren, ihr Bartmörder!

Welsch Bart, Weiber Art,
Laffenbart nimmer gut ward.

Vor Zeiten:

Ein' Ehr' war's etwa haben Bärt',
Das war gar männlich schön und werth,
Da wurd' man auch billig geehrt.
Jetzt sind die welschen Gäuch' gelehrt:
Sie schaben alle Tag' die Backen,
Sie waschen, daß sie sollen schmacken (glänzen)
Und schmieren sich mit Affenschmalz
Bis an die Augen und den Hals.«

»Solltest du ein Deutscher sein? sprach Herzog Herman: man sehe deine Kleider an, was für ein Wamms ist das? Was für Hosen und Strümpfe? Ich glaube, daß du erst eben damit von Paris kommst. Ein thörichter Tausch, den ihr da thut gegen solch neue Dinge, das alte Geld wird häßlich umgetauscht. Aber recht: die Welschen können es sich fein zu Nutzen machen! Meint ihr, wenn der Deutschen sauererworbenes Gut nicht alles nach Paris für solch närrische neue Trachten gebracht würde, es könnte sonst nicht verthan werden? Habt ihr Deutschen (wenn du je einer unserer ungeschlachten Nachkömmlinge bist) nicht mehr im Gedächtnis, daß die Völker, denen ihr euch in der Kleidung so gleich stellt, dermaleinst euch und eure Herzen bezwingen, euch unterdrücken und zur Dienstbarkeit ziehen werden? Denn sie haben ja schon eurer Herzen bestes Bollwerk, die Schanzen der Augen und die Außenwerke der Sinne untergraben, eingenommen und gewonnen. Ist euch denn nimmermehr etwas gut genug, was aus eurem Vaterlande kommt? Man spürt wohl, daß ihr Verächter eures Vaterlandes seid und dessen Verräther. Wo ist ein Volk unter der Sonne, wie die ungerathenen Deutschen jetzt sind, in ihren Kleidertrachten so unbeständig, so ekel, so närrisch? Wo sieht man dergleichen bei euren Nachbarn geschehen?

Ich lob' die Polen in ihrer Zier,
Sie bleiben bei der alten Manier,
Bekleiden sich nach Landes Brauch,
Wie Türk' und Moskowiter auch.

Aber ihr in dem deutschen Land
In Kleidung haltet nicht Bestand,
Daran man euch mit wahrem Grund,
Wie andre Völker kennen könnt';

Sondern ihr seid recht wie Affen;
Nach Welschen und Franzosen gaffen
Als auch nach Böhmen und dergleichen,
Die ihrer Lande Grenz' erreichen:

Was die an Rüstung, Roß und Wagen
Gebrauchen und am Leibe tragen,
Das müssen Jungfrau'n, Männer, Knaben
Auch allenthalben um sich haben.

Mit welcher Tracht und losen Dingen
Sie sich nur um die Heller bringen.
Und machen, wie man's wohl erfind'.
Daß alles Geld im Land verschwind'.

Ja wenn sie noch bei einem blieben
Und nicht so häufig Wechsel trieben
In Röcken, Wämmsern, Stiefeln, Hut,
So ging es hin und wär' noch gut.

Aber eh' denn man sich umsicht,
So wird was Neues aufgericht;
Drauf fällt es wieder allgemein:
Wie könnt ihr denn vermögend sein?

Bedenkt doch dies in allem Stand,
Ihr lieben Leut' im deutschen Land,
Auf daß ihr nicht an eurer Hab'
Durch à la mode nehmet ab. Verse aus »Die lautere Wahrheit« von Bartholom. Ringwald, dem bekannten Kirchenliederdichter, geb. 1531, gest. nach 1595.

O sollten Kaiser Karl der Große, Kaiser Ludwig und Otto, die solch fremde Trachten einzubringen mit Ernst und Eifer hochsträflich verboten, deine à la mode Hosen und Wämmser sehen, sie würden dich als einen welschen Lasterbalg aus dem Lande jagen.«

»Aber laßt hören, sprach König Ariovist zum Alten; Hans Thurnmeier Ueber Thurnmeier (Aventinus) siehe das sechste Gesicht des ersten Theiles. lese, was im Saalbuch von ihm geschrieben worden ist.« Da wurde ein großes Buch aufgethan, welches auf dem Tische mitten im Saal lag und nachfolgendes gelesen: Als die Deutschen und Franken gemeiniglich unter den Welschen und Galliern zu kriegen pflegten, nahmen sie derselben kurze Mäntel und Röcke an. Da dies der Kaiser Karl sah, ward er zornig und schrie: »Wie seid ihr so unbesonnen und unbeständig, daß ihr deren Kleidung, die ihr überwunden und bekriegt habt, deren ihr Herr seid, annehmt! Das ist kein gutes Zeichen, das bedeutet nichts Gutes: ihr nehmt ihnen eure Kleidung, so werden sie euch eure Herzen nehmen. Was sollen diese welschen Flicken und Hadern? Sie decken nicht den ganzen Leib, lassen ihn wohl halb bloß, sind weder für Hitze noch für Kälte gut, für Regen noch für Wind, und wo einer im Felde, mit Züchten zu melden, seine Nothdurft verrichten muß, da bedecken sie ihn nicht und er erfriert die Beine.« Er ließ demnach ein Landgebot ausgehen, daß man solche französischen Kleider weder kaufen noch verkaufen solle. Er selbst trug im Winter gewöhnlich nach dem uralten Brauch der Deutschen einen Wolfspelz oder einen Fuchsbalg oder ein Schaffell; und als er im Winter in Friaul lag und sah, daß die Deutschen von den venetianischen Kaufleuten ausländische köstliche Pelze kauften und damit einherprangten, mußten sie zu einer Zeit, wo es gleich regnen wollte, also gekleidet in das Gehege reiten. Er führte sie mit Fleiß durch dicke Stauden und Dornen, damit ihre Kleider nicht allein durch den Regen verdorben, sondern auch zerrissen würden. Darnach führte er sie wieder heim und ließ sie von Stund an neben den Kaminen essen. Da wurden die Kleider noch übler verdorben durch die Hitze des Feuers. Er verzog mit Fleiß das Essen bis in die geschlagene Nacht hinein. Seinen Wolfspelz ließ er des Morgens an der Luft trocknen, und dem war nichts; als aber die Deutschen mit ihren köstlichen Pelzen, an denen alles verdorben war, vor ihn traten, da zeigte er seinen Pelz und sagte: »Ihr läppischen Leute, welches Kleid ist nun mehr nütz, das meinige, welches mich einen Schilling kostet, oder das eurige, um das ihr euer ganzes väterliches Erbe verschwendet habt?«

»Da hörst du nun!« sprach König Ariovist weiter. Und Herr Kallofelß fragte: »Weißt du nicht mehr, was unlängst dein frommer Herr Peter Ernst von Krichingen S. Einleitung. dem Herzog Heinrich von Lothringen geantwortet hat, als er ihn fragte, warum er nicht auch so köstlich in der Kleidung aufzöge als andere Herren und Edle? Er antwortete: Gnädigster Fürst! ich bin schwaches Leibes und nicht so stark als diese, deren einer eine ganze Mühle, einer einen Meierhof, einer ein ganzes Dorf am Halse trägt; das ist mir unmöglich zu tragen. Ich will heute tragen, was ich morgen wieder tragen kann. Was sollen mir die Lumpen, die man höher achtet als den Mann selbst, die den Mann eines guten Theils seiner Ehre berauben?«

»Meinst du, sprach Herr Deutschmeier ferner, das Kleid werde dich zum Mann machen? Giebt es schon deren, wie ihrer denn viele sind, welche dies glauben, so sind sie umsomehr zu schelten, weil sie sonst nichts Rühmliches an sich selbst haben, sondern all ihre Hoffnung auf das Augenmaß gesetzt haben.«

Gnädigste Herren! sprach ich: gleichwohl sieht man, daß ohne ein gutes Kleid keiner geachtet wird, er sei so geschickt, als er immer wolle; hingegen wenn ein Kerl auch nichts weiß oder gelernt hat, gleichwohl aber brav daher geschritten kommt, der wird andern vorgezogen, wird geehrt und geliebt, und es heißt:

Ein Mann, der schöne Kleider hat,
Geachtet wird als Fürsten-Rath
Und für ein'n Gelehrten wird angesehn,
Dafür er doch nicht kann bestehn.

Ist einer Übel angethan, Der mag kein Lob bei Leuten han;
Und wenn er wüßt' gleich alle Kunst,
Noch hat er bei der Welt kein' Gunst:
Man giebt dem Weisheit und Gewalt,
Der sich mit Kleidung macht Gestalt.

»Ja, ja, sprach Herr Deutschmeier wiederum: also urtheilen eure vorwitzigen Weiber heutiges Tages; insonderheit und zuvörderst soll man euren fürstlichen und gräflichen Frauenzimmern solche Thorheiten billig heim schreiben, welche dafür halten, sie könnten ihre Herren und Ehegemahle nicht sehen oder lieben, wenn sie nicht alle Tage in neugebackener Form frisch aufzögen. Ja, sie wollen selbst nicht allein alle Vierteljahre, alle Monate mit großen Unkosten und mit Vergeudung des Schweißes und Blutes der armen Unterthanen neue Trachten haben, die man ihnen auf der Post mit à la mode bekleideten Puppen und Tocken Tocken sind Bälge, Puppen. von Paris muß zuschicken, sondern sie wollen auch ihre eigenen Hofschneider (welch geldverschwendende Gesellschaft sie ja den vornehmsten Räthen an Gunst und Gnaden gleich halten oder gar vorziehen) mit hohen Geldwechseln, als ob sie Land- oder Stadtrichter werden sollten, nach Paris schicken, um damit sie allda solche neue Narrentrachten erlernen und erdenken sollen. Diese Schneider kosten theils mehr als ein Doctor, der fünf Jahre in der Lehre und auf der Reise zubringt. Und was er alsdann für eine Narrheit nur erdenken mag, das ganze Hofwesen muß sich nach dem Narren in der Narrheit richten, und keiner darf sich sehen lassen, der sich nicht zu solcher Thorheit bequemen wollte.«

Herr Kallofelß sprach: »Was mangelt euch Deutschen doch an der Kleidung und dem Stoff? Habt ihr nicht euren Hanf und Flachs ebensogut, so daß ihr euch könnt zur Nothdurft, ja zum Ueberfluß bekleiden wie andere Völker? Desgleichen was mangelt euch an Wolle und Seide? Habt ihr nicht Schafe und Seidenwürmer wie die Welschen? Welche Hoffart drängt euch arme Vögel denn, daß ihr auch müßt Scharlach, Atlas und Sammet haben? O wie groß ist der Stolz, der allein aus dem Geiz entspringt, daß sich niemand an dem, was Gott der Herr reichlich und überflüssig bescheert hat, will genügen lassen! Sieht man das nicht alltäglich an allen Orten in der Kleidung von fremdem Gewand? in Speise und Trank von fremden Spezereien und Gewürz? in der Arzenei von fremden unbekannten schädlichen Säften und von Gummi? Und deren ist kein Maß noch Ende. Gott wolle solches wenden und sich eurer annehmen! Aber laßt uns unsere frommen Frauen und deutschen Heldinnen hören! Sollte St. Elisabeth, Tochter des Königs Andreas II. in Ungarn, eine Schwester des Andreas, Ahnherrn des alten hochfürstlichen Hauses Croy, und St. Adelheid wiederkommen und sehen, daß solche Reichthümer auf so lose Ueppigkeiten verwendet, hingegen die Armen in höchster Armuth, in Hunger, Kälte und Blöße gelassen und verlassen werden, ja daß man zu solchen losen Neuerungen noch der armen ohne das durch das Kriegswesen ausgesogenen Unterthanen erpreßte Angst- und Seelengelder verschwendet: – sie würden Rache rufen. Aber die Rache wird nicht ausbleiben; sie ist, meine ich, allen genug auf dem Halse. Ihr aber seid in dem Unglück zu eurem wahrhaften Untergang verstockt; Gott wolle sich eurer in Gnaden erbarmen!

Was für Unglück stellen eure Weiber und Töchter auf's neue jetzt an mit den großen gepolsterten gefütterten Löchern? Als ob sie sich durch solchen Wust eine bessere Leibesgestalt und Stärke bereiten wollten, daher sie solche Würste und Füllsäcke nicht unbillig Speck zu nennen pflegen, deren einige bis an die 25 Pfund am Leibe tragen. Das müssen ja feiste Säue sein, und ein ehrlicher Mann muß sich nicht unbillig scheuen, einen solchen schmutzigen garstigen Lausesack anzugreifen. Und damit die Herren sehen, sprach er, was mir erst gestern vom Rheinstrom an solchem neuen Wunder- und Weiberspeck zur Kurzweil übersandt worden ist, so wollen sie diese Reime (die er auf einem Zettel dem Hans Thurnmeier zu überreichen und zu lesen befahl, der mir später vergönnte sie abzuschreiben ) hören.« Das geschah denn nicht ohne großes Gelächter. Dies waren aber die Reime:

1.

Lustig, lustig, ihr Freund' auf einem Haufen!
Wer trauern wollt', der war' ein Geck;
Weil unsre Weiber geben Speck,
So brauchen wir nun keine Sau' zu kaufen.

2.

Jetzt hat ein End' mein Klagen und mein Sorgen,
Der Würfel fall' gleich wie er woll'.
An Speck mir's doch nicht mangeln soll:
Ein einz'ges Weib kann mir 'nen Centner borgen.

3.

Hab' ich schon kein Schmalz im Haus,
Sollt' ich mich denn darum kränen!
Was frag' ich viel nach den Säuen;
Weib, lang' du den Speck heraus!
Ist das nicht ein schmutzig Leben,
Daß die Weiber jetzt Speck geben? –

Ach gnädigster Herr! sprach ich: der Speck und die Weiber gehen mich nichts an, will auch nicht viel für sie reden; allein was meine Kleidung anbelangt, so geschieht es bisweilen, daß einer mit solchen welschen Völkern muß zu thun haben, bei denen, wie bekannt, nichts auszurichten ist, wenn man sich in Geberden und Kleidung ihnen nicht gleichstellt.

»Allrecht! sprach König Arovist: weil es denn so sein muß, so bleibe es auch also. Hans Thurnmeier! schreib' du diesen meinen Satz in das Saalbuch: Wer mit Narren muß zu thun haben, dem soll erlaubt sein Schellen zu tragen. Wenn ihr euer altes Herkommen, eure alte Standhaftigkeit steif, fest und recht in Acht nehmt, – die Welschen würden euch mit solchen Trachten wohl unvexirt lassen.«

»Ich kenne, sprach Herr Kallofelß, noch heutiges Tages eine fromme Fürstin und eine fromme Gräfin und eine Liebe von Adel (welche jetzt hochschwanger geht, die auch Gott gnädig entbinden wolle) in Deutschland, die uns allen wohl bekannt ist wegen ihrer Tugend. Dieselbe trägt sich ehrbar, geht einher in einem feinen ehrbaren schwarzen Kleid mit ehrbarem seinem weißem Besatz ohne Stolz, ohne Hochmuth, ohne Vergeudung; was sie aber an Geld und Vermögen aufbringen kann, das vertheilt sie unter arme bedrängte Leute und hilft, daß durch diesen ihren Beistand der arme Landmann wieder zu seinem Hüttlein kommen, wiederum säen und pflanzen möge, damit das Land in einen besseren Stand gebracht und der eingerissene Untergang auf das möglichste verhindert werde. Aber – o wie ist diese fromme Fürstin, Gräfin und Edelfrau so krank und schwach! Es steht zu befürchten, daß sie von der Welt abgeschieden ist, ehe du wieder dahin kommst. Darum mußt du dich sehr beeilen, wenn du sie noch willst lebend finden.«

Als ich diese Worte, daß ich sehr zu eilen hätte, hörte, da dachte ich bei mir nicht anders, als daß ich nun meine Sache ausgerichtet und Erlaubnis hätte, alsbald umzukehren. Ich machte daher (wie erlöste Leute gegen die, welche ihnen aus Nöthen helfen, zu thun pflegen: indem sie einem Hände und Füße küssen und nicht wissen, wie sie sich genug demüthigen sollen) eine tiefe Reverenz und wollte mich mit vielem Bücken, Ritschen und Händeküssen gegen ihn bedankt haben. Aber er stieß mich mit einer zornigen Rede von sich und sprach: »Halt Kerl! es ist noch nicht an dem; ich glaube, du willst meiner spotten mit deinen Narrengeberden! Du Kleidernarr, weißt du nicht, daß:

Ein Deutscher, der sein Kleid veracht't
Und sich umsieht nach welscher Tracht:
Der bleibt ein Narr und wird verlacht,
Bis er's nach Art des Vaters macht?«

Und König Wittekind sprach: »Komm herum zu mir! Was? Bist du ein Deutscher? Ei, was hast du denn für einen närrischen welschen Gang, für Sitten und Geberden an dir? Was willst du? Wo willst du hin? Bist du närrisch geworden? Wie gehst du daher, als wolltest du tanzen oder springen und fuchtelst mit den Händen wie ein Gaukler? Sieh', was für Schuh er anhat, wie Bocksfüße! Es nimmt mich nicht Wunder, daß er gern hat reiten wollen; ich glaube, er würde sich die Füße ablaufen in den hohen welschen Schuhen oder wohl gar den Hals brechen. Was ist das für ein wunderliches Bücken und Ritschen mit dem Kopf, mit Händen und Füßen, mit dem ganzen Leib? Du schnappst mit dem Kopf zu den Füßen wie ein Taschenmesser, das man auf- und zuthut. Meinst du, daß dies einen deutschen Mann ziere? Weißt du, was die Welschen von ihren Grimassen selbst halten, die du ihnen so närrisch nachäffst? Meinst du nicht, daß sie deiner Einfalt und doppelten Thorheit lachen? Wie meinst du, daß wir solch Bücken und Purzeln allhier achten, die wir gewohnt sind dreinzuschmeißen und zu schlagen wie Blinde und mehr auf unser Pferd und Vieh achten, als auf solche Lumpenpossen? Hast du schon gehört, daß solche Spiegelnarren, solche Kußthoren, solche Bückesel, wo sie auf solcher Narrenweise beharren, etwas nützen?

Du gehst als wie auf Bocksfuß-Haar
Und wirfst den Kopf jetzt hier, dann dar.
Jetzt hier zu Thal, dann auf zu Berg,
Dann hinter sich, dann überzwerg.
Wenn du wärst in der Bügler Orden,
Man sprach, du wärst windhälsig worden.
Jetzt gehst du schnell, dann gar gemach,
Das ist ein Zeichen und Ursach,
Daß du ein leichtfertig Gemüth,
Vor dem man sich dann billig hüt'.
Aus Sitten man gar bald verstaht (versteht).
Was einer in dem Herzen hat.

Meinst du, unsere Vorfahren, die redlichen Helden, wenn sie dich so sähen, würden glauben, daß du ein Deutscher wärest? O weh, nein! Sie würden glauben, du wärest soeben erst von Babel gekommen und wolltest noch einmal eine Zerrüttung mit den Geberden in der Welt anfangen.

Was soll das Fingerlecken, das Hände- und Armedrehen, das von und zu dir Zucken und Drucken, das Ritschen und Bücken? Ihr Deutschlinge, ihr ungerathenen Nachkömmlinge, was hilft euch solch neuer Unrath? Altes Wesen her! Alte Geberden her! In Hitze und Frost übt euch, nicht in Schminken und Schmucken! Alte Herzen her! Altes Geld her! Wo ist euer altes Geld anders hingekommen, als daß ihr solch neue Trachten und Possen darum kauft und den Ausländischen all eure Mittel zuführt, ohne die sie euch sonst nimmermehr würden bekriegen, unterdrücken und bezwingen können.

All solch Bücken und Ritschen, solch Hände- und Füßeküssen ist erzwungen Werk; wer sich gar so zimperlich stellt, der ist ein Heuchler: entweder fürchtet er sich, oder will etwas betteln, oder hat ein böses Stück im Sinn; unter diesen Dreien ist allezeit eins gewiß. Wer aufrecht und von Herzen durchgeht, was braucht der sich erst zu verstellen? Die Reverenzen sind eine Farbe des Herzens, ein Anstrich: alles, was angestrichen ist, das ist falsch und nichts werth; was offen ist, das geht schlicht zu und bedarf des Betrugs gar nicht. Solch Gaukeln mit Händen und Füßen ist keinem Deutschen angeboren, es ist undeutsch, untreulich. Diese Geberden und Grimassen nehmen alle Vertraulichkeit hinweg, indem der eine nicht trauen darf, mit dem andern keck, herzlich und vertraulich zu reden, weil man allezeit fürchten und sorgen muß, er spotte nur, er versuche einen nur, er verlache einen nur, man rede nicht recht, man titulire und benehme sich nicht recht. Denn einmal läßt sich alte deutsche Redlichkeit und Aufrichtigkeit nicht bergen noch vertuschen; einmal weiß man, daß diese Grimassensucht den Deutschen nicht angeboren ist; einmal weiß man, daß allen ritterlichen Deutschen, Alten und Neuen, allzeit solch schimmernde Falschheit zuwider gewesen ist; einmal weiß man, daß die deutsche Tapferkeit allezeit so redlich gewesen ist, daß sie das Gute gut, das Böse böse hat nennen dürfen; einmal weiß man, daß die Gleißnerei, das Heucheln, das Schmeicheln dem deutschen Blut und deutschen Sitten nicht anders zuwider gewesen ist als das Feuer dem Wasser; einmal sieht und spürt man's noch alle Tage an allen redlichen deutschen Herzen, bei denen dieses Gift noch keinen Raum hat gewinnen können, daß ihnen nichts mehr zuwider ist als eben diese Aufschneidereien in Worten und in Geberden; einmal weiß man, daß die deutsche Redlichkeit jederzeit hat Mund und Herz beieinander gehabt, was doch das große Geprahle nicht zuläßt; einmal weiß man, daß das hochedle deutsche Blut aus angeborner Tugend keiner Nation mehr spinnefeind ist (wie es jederzeit gewesen ist) als eben der, welche der schimmernden Heuchelei in Worten und Sitten ergeben ist. Einmal erfährt man, daß solche Herzen untüchtig sind und in der Heuchelei so erweicht, daß sie zu etwas Tapferem schwerlich mehr können herangezogen werden. Weich in Worten, weich in Sitten und Geberden, weich am Herzen! Was ist weicher, denn jener Leib, der keine andern, als eitel weiche Geberden hat?! Was ist das neue Weltabenteuer, das gar ungestaltete und gar zu gemeine jetzige Neigen und Bücken, Hände- und Füßeküssen anders, als eine überaus große weibische und kindische Weichheit und gauklerische Gelenkigkeit des Leibes? Was ist weicher an den Männern, als allein das verstellte weibische lächelnde und heuchelnde Gesicht und die Augen? Was ist weicher, als allein jenes Gemüth, das sich nach jedes Willen und Gefallen biegt und wendet? Was sind unsere von den Franzosen kommenden oder zu den Franzosen ziehenden und die Franzosen liebenden Deutschlinge anders als effeminatissima virorum pectora Ganz verweichlichte Memmen. (Gott verzeihe mir, daß ich diese uns feindselige Sprache mit untermische!), welche kein eigenes Herz, keinen eigenen Willen, keine eigene Sprache haben; sondern der Welschen Wille ist ihr Wille, der Welschen Meinung ihre Meinung, der Welschen Reden, Essen, Trinken, Sitten und Geberden ihr Reden, ihr Essen und Trinken, ihre Sitten und Geberden, sie seien nun gut oder böse. O über die teiggleiche Weichheit der Feigen, daraus eitel furchtsame verzagte Weichlinge und nichtsgeltende Weiberherzen werden, die nicht gut noch tauglich sind, ihre weibischen Weiber, geschweige Stadt und Land zu regieren. Denn wenn ein solcher Weichling gegen niemand seine Meinung und die Wahrheit mit Ernst und Männlichkeit reden darf, wie wird er dürfen die Wehr zücken, wenn die offenbaren Feinde das Vaterland angreifen, was ja ein jeder Ehrenmann Gott und seinem Blut schuldig ist! Woher kommt es jetzt in unserm betrübten Land, daß man Städte und Festungen so freventlich ohne Verschulden angreift und dieselben gegen den Erb- und andern Feind so willig aufgiebt? Allein aus dieser Weichheit. Woher kommt es, daß mancher Fürst und Potentat fast nirgends einen redlichen aufrichtigen Diener bekommen kann, dem er nicht unter großer Sorge trauen müsse? Es kommt alles aus dieser abscheulichen Sucht und aus dieser Weichheit her, daß die Diener, die ohne Gewissen sind, sich von Gegnern durch Geschenke und Versprechungen gewinnen und sich nach deren Willen und Meinung lenken lassen. Woher kommt es, daß mancher Fürst und Potentat fast keinen redlichen gewissenhaften Diener mehr leiden und behalten kann oder denselben seiner treuen Verdienste wegen erkennen will? Das kommt eben aus dieser verdammten und landverderbenden Sucht und Weichheit, daß die Herrschaften sich von Weichlingen, von Fuchsschwänzern, Aufschneidern, von Sitten- und Geberdennarren einnehmen und sich wider diejenigen, welche Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit lieb haben, verleiten lassen. Wehe dem Diener, der an seinem Herrn und Vaterland untreu und ein Verräther wird! Wie können seine Kinder einige Hoffnung auf Wohlfahrt haben! Wehe der Herrschaft, die einen gewissenhaften Diener wegen seiner unbemeisterten und unüberwindlichen Wahrheit von sich läßt! Wie kann es anders sein, als daß ihr armes Land endlich durch die lügenhaften Fuchsschwänzer (welche die Fehler und das Böse zu sagen sich scheuen und nur immerzu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten und Zeitungen trachten) muß zu Grunde gehen und in das Verderben kommen. Die Hunde fuchsschwänzen ihren Herren, aber mit rechtem Maß und nach Gebühr: denn wenn ihnen ihr Herr etwas zu scharf oder wider billige Gewohnheit thun will, so zeigen sie ihm auch die Zähne statt des Wedels. Solche Gesellen aber sind mehr denn hündisch: sie wehen ihren Wedel – ihre Worte: denn was der Hund mit dem Wedel thut, das thut ein Fuchsschwänzer mit der Zunge. Siehe, ein so wüstes Thier bist du, du Fuchsschwänzer! – zu allen Dingen ohne irgendwelchen Unterschied oder Gewissen zur Wahrheit oder Lüge, zu Gutem oder Bösem. Wenn ein Rath oder Diener seinem Herrn ein schädliches oder unchristliches Vorhaben darum gut hieße und lobte, weil er vorher wüßte, daß dies seinem Herrn annehmlich sein würde, der Herr aber darüber in großes Unglück und in Gefahr geriethe: – mit welch redlichem Ehrentitel und Lohn meinst du, daß ein so vortrefflicher Mann zu verehren wäre?!

Gleichermaßen wenn ein weicher Arzt bei Fürsten und Herren sprechen wollte: »Ei lieber oder gnädiger oder gnädigster Herr! esset nur hin mit guter Lust, denn was gut schmeckt, das thut wohl, das kommt Ew. Gnaden zu gut«: wie meinst du, daß solch Aufschneiden und zu Gefallen reden, solch süßes 'meinetwegen' dem Herrn bekommen wird? Meinst du, daß solch ein Arzt einen Dank erhalten würde, wenn der Fürst oder Herr darüber erkrankte? Oder wie würde er solches gegen Gott und in seinem Gewissen verantworten?

Erforsche, welcher unter zwei Hunden der beste ist: derjenige, welcher wachsam und aufmerksam jeden Unbekannten anbellt, der über alles, das ihm mißfällt, murrt und die Zähne fletscht? oder aber der andere, welcher sich von jedem berühren, streichen und liebkosen, der sich seines Herrn und eines Fremden Hand gleich gelten läßt, zu allem stillschweigt und vor jedermann den Wedel weht, jeden leckt, zu jedem heuchelt? Wird nicht dieser letztere seinem Herrn in der Noth ungiltig und an ihm zu einem Verräther werden, indem er etwa einen Dieb oder seines Herren Feind, den er anbellen und beißen sollte, liebkosen und zulassen wird? Und wird nicht der andere seines Herrn Heil und Glück sein, der den Feind und Fremden anbellt, über ihn murrt und seinen Herrn vor der Gefahr warnt?

O alte Mannheit, o alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wohin bist du geflogen?! Von der welschen Weichheit kommt es her, daß man sich in allem so verhalten will, daß mau Dank habe vor der Welt, Gott gebe, was die Seele davon trage. Ob ein Ding dem Gemeinnutzen heilsam oder schädlich sei, danach fragt ein alamodischer Weichling nicht; wenn nur seinem Vortheil, seinem Ansehen nichts abgeht. Wenn sie nur ihren Namen bei gemeinen und meist heillosen Leuten nicht verlieren, dann lassen sie alles gehn und waten. Da will sich keiner durch Mannheit und männliche deutsche Tapferkeit bei den Halsstarrigen oder auch bei den Angesehenen feindselig machen; da will keiner das Unrecht zu strafen angreifen; da will keiner der erste werden, das Gute mit seinem Beispiel zu fördern: wenn es aber zum Dank-verdienen, zum Geschenknehmen, zum Lehen-betteln geht, da will ein jeder der beste und nächste daran sein, da streitet man miteinander, wer sich mit Schmeicheln will herbeimachen oder das gemeine Lob derer, die im Gewissen übel bestellt sind, gewinnen; und es merken diese Weichlinge durch die Strafe Gottes nicht, daß sie eben dadurch ihr Ansehen und ihren rechten Respect bei ehrliebenden Leuten verlieren. O pfui, pfui über dich! Was würden solche alamodische Weichlinge erst thun, wenn sie von den Feinden des Vaterlandes mit hohen Aemtern, mit zentnerschweren Geschenken gelockt und gereizt werden sollten! O wehe! da würde man groß Wunder sehen, da würde man groß Meerwunder sehen; ihrer viele würden von den öffentlichen Feinden und Verräthern an Redlichkeit übertroffen werden, von denen die meisten in ihrer Tyrannei weit tapferer und männlicher als viele alamodische Weichlinge in ihrem Leben und Thun sich verhalten.

Und noch einmal o du alte Mannheit, du alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wohin bist du geflogen?! Pfui! pfui! fort, fort mit deinen weichen, wüsten, närrischen Geberden und Gaukeleien! Pfui über dich, du elendiger Tropf!

Ein edeles Gemüth steckt nicht nur in Geberden
Und äußerlichem Schein; die welsche Höflichkeit
Verhehlet öftermals den größten Schalk auf Erden
Und deckt ihn etwa zu mit einem stolzen Kleid.
Doch wenn Verstand und Tugend sind beisammen
      Sammt der Erfahrenheit:
      So ziert die Höflichkeit
Nur desto mehr des Edelmannes Namen .

Meiner Treu! was für Geld kostet euch diese Narrheit nicht! Es scheint wahrhaftig, Gott habe euch Deutsche so dahin geschleudert, daß ihr euer Gold und Silber müßt in fremde Lande tragen, alle Welt reich machen und selbst Bettler bleiben. England sollte wohl weniger Gold haben, wenn Deutschland ihm sein Tuch ließe; Frankreich sollte wohl weniger Gold haben, wenn ihr ihm seine Ceremonien, sein Gepränge, seine Aufschneidereien, a la mode-Possen und seine Sprache ließet; Italien sollte wohl weniger Gold haben, wenn ihr ihm sein Reiten und Fechten ließet. Rechne du, wieviel Geld auf eine Messe nach Frankfurt aus Deutschland geführt wird ohne Noth und Ursach, so wirst du dich wundern, wie es zugehe, daß noch ein Heller in Deutschland sei. Frankreich ist das Silber- und Goldloch, darein aus Deutschland fließt, was nur quillt und wächst, gemünzt und geschlagen wird bei den Deutschen. Wäre das Loch zugestopft, so brauchte man jetzt die Klage nicht zu hören, wie allenthalben eitel Schuld und kein Geld ist und alle Lande und Städte mit Zinsen beschwert und ausgewuchert sind.« –

Die Zeit wurde mir gar sehr lang über all diesem Gespräch. Wiewohl ich wußte, daß es wahrhaftige und rechte Heldenworte waren, so wurde mir doch das Stehen auf einer Stelle so sauer, daß ich vor Müdigkeit fast auf den Boden gesunken wäre und mich ein wenig gegen die Säule anlehnen mußte.

»Wie solltest du ein Deutscher sein! sprach Herr Deutschmeier. Ich höre, daß du dich gestern und heute an unserer Speise und unserm Lager nicht hast genügen lassen und glaubst und meinst, es müsse bei uns redlichen Deutschen hergehen wie bei den üppigen Welschen mit allerlei niedlichen Speisen, die mehr zur Leckerei, zur Schwachheit und zum Verderben des menschlichen Leibes dienen als zu dessen Erhaltung? Was denkt ihr ungeschlachten Deutschen denn, daß ihr mit ausländischen Arzeneien, mit ausländischen Speisen und Würzen, mit ausländischen Trachten, mit ausländischem Trinken, mit ausländischer weibischer Weichheit eure deutschen starken Leiber so schwächt, eure Kisten und Kasten verödet und eure Kinder hinter euch zu Bettlern laßt? Wenn eure Weiber desgleichen thäten oder thun wollten aus angeborner Weichheit, Schwachheit und Vorwitz, so solltet ihr sie mit aller Strenge davon abmahnen und abhalten ; aber so kehrt ihr es um und werdet selbst zu rechten Weibern und Memmen und thut und trachtet nach dem, was verzärtlicht, weibisch und memmenhaft mag geachtet werden, wie von dem Milchmaul Sardanapal Ein assyrischer König, bekannt als weichlicher Wollüstling. zur Lehre ist aufgezeichnet worden: er nahm sich an weiblicher Werke und Geberden, er sponn Seide und Garn, er stickte und nähte selber Kutten und Kissen und that Weiberkleider an. – Da behüte euch Gott, ihr Deutschen, daß ihr ja nicht so bald klug werdet, auf daß ihr eine gute Weile noch gute Zärtlinge bleibet und laßt Wehrlinge und Nährlinge sein.

Hat euch der redliche Bock Es ist Hieronymus Bock gemeint. nicht genugsam gestoßen? Hat er euch nicht deutsch genug gepredigt und gelehrt? Dann mag euch der Wolf ein andermal besser predigen! Muß denn eure Weise allezeit die beste sein? Thut es ein Stück Rindfleisch, Speck und Sauerkraut nicht mehr? Muß es alles mit Feldhühnern, Wachteln, Krammetsvögeln, Austern, Schnepfen, Schnecken und Drecken gepfeffert sein? Muß es denn mit eitel Melonen, Citronen, Limonen, Pomeranzen, Ragouts und Ollapodridas Ein spanisches Gericht, bestehend aus allerhand Fleisch und Gemüsen. hergehen in solchen Trachten, daß von deren jeder zwölf arme Menschen hätten erhalten und gespeist werden können!

O der verdammten Gastereien,
Da man mit welschen Naschereien
Oft größer Gut in kurzer Zeit
Verschwendet, als sonst tausend Leut'
Sich in der größten Noth zu laben
In ein' Jahr nicht zu hoffen haben!

Was ist bei euch für Gewissen? Woher kommt es, daß so viel arme Leute unter euch verhungern und sterben müssen? Kein Wunder! Uns wundert nur, wie der Segen und die Gnade Gottes noch so lange hat bei euch wohnen können.

Mancher Fürst hat den welschen Koch lieb;
Ein welscher Koch ist ein verlippter Dieb.
Welsche Suppen,
Deutsche Juppen
Zusammen sich nicht reimen wohl:
Ein deutscher Bauch deutsch fressen soll.

Es ist durch eure Leckermäuler dahin gekommen, daß man viel guter gemeiner Speisen nichts mehr achtet und sie nicht mehr braucht, und es muß nunmehr eure Speise aus den welschen Landen, ja gar aus der Türkei und aus Indien geholt werden. Will einer jetzo ein Bankett zurichten, so will er es nicht aus der Küche, sondern aus der Apotheke haben, und das mit großen Kosten. So straft euch Gott, wenn ihr seine Geschöpfe, welche euch zur Nahrung und Gesundheit geschaffen sind, verachtet, daß ihr fremde, ungesunde und unbekannte Speisen und Getränke, ja eure eigenen Krankheiten, mit Geld kaufen müßt.

Da sehe man, der Tropf ist schon so schwach und matt, weil er seine Schleckerbissen nicht mehr hat, daß er fast will umfallen und nicht kann auf den Beinen stehn, so erweiben, erweichen und erzärteln sie sich mit ihrem üppigen Wesen. Da meint ihr albernen Deutschen, ihr müßt alles naschen und kosten, wovon ihr nur erzählen hört; wie ihr in Kleidung und in allen andern Dingen vorwitzig seid, so auch in allerlei fremden ausländischen Speisen und Getränken, die nicht Hunger oder Durst, sondern allein der Vorwitz erheischt, und die mit großen Unkosten gesucht werden, wie etwa Austern und dergleichen: wie jener Bauer neulich im Wirthshaus hierbei sich auch der Schnecken gelüsten und sich überreden ließ, dieselben so roh mit Pfeffer und Salz zu verschlingen; er verschlang auch eine große Menge und trank einen guten, süßen neuen Wein darauf. Hernach legte er sich bei dem Ofen auf die Bank der Länge nach zum Schlaf und behielt den Mund offen: allda sind die Schnecken eine nach der andern wieder aus dem Munde heraus und das Ofengeländer hinaufgekrochen, so daß es den Anwesenden allen eine Lust war zu sehen.

Es ist euch weder zu rathen noch zu wehren, fuhr er fort. Ihr Deutschen, die ihr unsere Nachkommen seid dem Namen nach, weiter nicht, seid solche Gesellen: was neu ist, auf das fallet ihr und hängt daran wie die Narren, und wer euch wehrt, der macht euch nur toller darauf; wenn aber niemand wehrt, so werdet ihr es selbst satt und müde und gafft dann nach einem anderen Neuen. Darum muß man euch Tröpfe nur machen lassen, schließlich werdet ihr allemal mit eurem eigenen Schaden doch witzig werden.«

Mir däucht, sprach ich (so entwischte mir diese Rede im Frevel), ich wollte besser wissen, und zwar aus Erfahrung, woher die schwachen Glieder und die Weichlichkeit, insonderheit bei mir herkämen: es ist die Sorge und die Furcht des elenden Lebens, in dem wir sind; kein Wunder, daß uns diese die natürlichen Kräfte des Leibes austrocknen. Bei den alten Deutschen war niemand so mit Sorge und Furcht beladen, und das gab ihnen solch große Kraft, daß sie groß und stark wurden. Denn wenn ein junger Mensch in großer Sorge und Furcht steht, dann werden seine Kräfte geschwächt, und er wird an Leib nicht so erstarken und zunehmen, als wenn er frei wäre.

Behüte Gott! Ich hatte kaum diese Worte ausgeredet, da sollte man gesehen haben, wie sich der Herr über diese meine unbedachtsame Einrede (wie ich denn jetzt selbst bekennen muß) erzürnt und mich mit allen bösen Worten und Namen so beladen hat, daß ich mich selbst noch schäme dieselben zu erzählen; ich konnte mir aber daraus leicht die Rechnung machen, daß ich meine Sache durch diese allzuvorwitzige Rede würde trefflich böse gemacht haben. Unterdessen sagte mir der Alte die Lection stattlich her: wie übel es einem jungen Kerl anstünde, der, wenn er kaum sechs Meilen weit gereist ist, ein wenig Unglück ausgestanden und etwa einmal den Grobianus gelesen hat, sich darum gleich so weit erkühne, daß er auch hochweisen mächtigen Helden, gebornen Herren, Obrigkeiten und Räthen darf in die Rede fallen, dazwischen sprechen, es besser verstehen, wissen und sagen wollen; während doch ein junger Kerl vielmehr vor weisen verständigen Leuten schweigen und sich nach ihren Reden schicken und sich mit gebührender Ehrerbietung gehorsamlich verhalten sollte. Ach mein getreuester Herr und Freund! sprach ich, ich hab' es ja so böse nicht gemeint, sondern nur gedacht, daß ich auch ein wenig wollte hören lassen, was ich irgend einmal erfahren hätte. Es ist zwar richtig, daß man bei seinen Oberen und Befördern sich nicht hervor thun soll mit Worten, noch sich zu weit an den Laden legen, oder ihnen in die Rede fallen und es besser wissen wollen. Wenn aber ein Kerl eben allezeit so ganz still schweigt und zu keiner Sache etwas vor seinen Obern redet: so hat es das Ansehen, als ob er gar nichts wüßte oder verstünde, was ihm dann, als einem untüchtigen Gesellen, oft sehr hinderlich ist. Man hat ja ebenerst gesagt, daß man heraus reden solle, wie es einem um das Herz ist und nicht so hinter dem Berge halten wie die altmodischen Heuchler; sonst würde ich wohl geschwiegen haben. – »Das sind deine Einbildungen, sprach der Alte, aber es ist viel anders. Gelehrte Leute und Obere urtheilen viel anders, sie bedürfen auch des Geschwätzes und des Rathes der Jugend gar nicht: aus einem einzigen Wort oder aus kurzer Rede können sie gar leicht merken, was hinter einem Kerl ist, ob er zu brauchen ist oder nicht, und brauchen nicht erst durch vorgemalte fremde Weisheit überredet und gewonnen zu werden.« –

»Aber ihr wollt unsere Nachkömmlinge sein und ehrliche Deutsche genannt werden? rief Erzkönig Ariovist wiederum: wie will denn euer Wesen so gar nicht mit dem unsrigen übereinstimmen! Wie kommt es, daß alle Neuerungen von den Welschen müssen hergenommen werden so gar, daß ihr euch befleißigt ihnen auch in den Lastern gleich zu sein: in fressen und saufen, in fluchen und spielen, in Gott-schänden und gar verläugnen, in huren und buhlen? Alles muß auf welsche Weise, auf welsche Façon, auf à la mode hergehen in reden und schwatzen, in singen und springen, in johlen und schreien, in Ränken und Schwänken, in guten Worten, in bösen Herzen. Ja ihr Deutschen selbst, damit ihr euch umsoeher untereinander aufreibt, müßt euch mit Geld und Gold erkaufen lassen, damit ihr euer eigen Vaterland, eure eigenen Freunde quälen, unterdrücken, aussäckeln, verderben und in Dienstbarkeit bringen möget. Thurnmeier, lies du das Saalbuch, was steht davon!

Hans Thurnmeier, der an dem Tische mitten im Saal saß, blätterte das vorige Buch ein wenig herum und in einem Hui las er wie folgt. Wenn ich recht gesehen habe, so steht es auf dem 225. Blatt; denn ich war gemächlich beiseite hinzugegangen, damit ich sehen möchte, was es für ein Buch, ob vielleicht das Gerichtsbuch, wäre, und ob ich irgend etwas zu meinem Vortheil erblicken könnte. Er las aber also: Die Alten haben es für die größte Verrätherei gehalten, wenn einer wider seinen Herrn, wider seine Heimat und sein Vaterland einem fremden Herrn zuzog, wie unsere Deutschen dem Könige von Frankreich. Ist es eine Verrätherei, wenn einer einen einzigen Menschen verräth, so ist es noch vielmehr, wenn einer eine ganze Nation, sein Vaterland, soviel an ihm ist, verläßt und sich zu dessen öffentlichen Feinden hält, für das doch ein jeglicher eher sein Leib und Leben setzen soll. Drum ein jeder, er sei wer er wolle, Geistlicher oder Weltlicher, ein Fürst oder ein Bischof, der sich gegen seine Nation mit seines Königs Feind verbindet oder ihm zuzieht, soll Leib und Leben verwirkt haben. –

Als ich das hörte, erschrak ich über die Maßen; denn ich hatte leider viele Freunde, die in diesem Spital unsinnig krank lagen, für die mir sehr bange wurde. Daher um zu ihrem Besten etwas vorzubringen – so thöricht war ich und noch oftmals zu meinem größten Schaden, daß ich oft für einen andern bat, der es mir doch meist mit Undank und mit dem Teufel lohnte; ich hätte wohl mehr von Nöthen für mich selbst zu reden. Doch ich denke, ich will ein andermal desto vorsichtiger handeln. Ich habe jenem zum Dienst verholfen, er hat mich daraus geworfen; ich habe jenen vom Tode erlöst, wenn er mich jetzt könnte ermorden lassen, er würde nichts sparen – sprach ich also in meinem Schrecken (weil ich vorhin etwas hart gescholten war):

Ehrwürdiger, allerhochgelehrtester König! Fürstliche Gnaden! (Während ich jetzt diese Worte schreibe, die ich damals in der Angst geredet, verwundere ich mich theils über die Zaghaftigkeit des menschlichen Herzens, welches, wenn es zuweilen in ein Unglück oder in Betrübnis geräth, auch wohl in einer gerechten Sache, doch oft grade an dem Ort, wo man am allermeisten in seinem Reden sollte vorsichtig und verständlich handeln, aus, ich kann nicht sagen, was für Schickung, weiß weder hinter sich noch vor sich zu kommen, weder Anfang noch Ende zu finden, oft mehr wider sich als für sich redet, oft so ganz ohne Verstand, daß man nicht weiß, was oder wovon es anheben will; das begegnet zu Zeiten auch hochgelehrten und sonst in der Redlichkeit hocherfahrenen und geübten Männern. So ging es mir Einfältigem diesmal auch: ich konnte vor Schreck und Verstockung weder Worte noch Namen, weder Anfang noch Ende an meinem Gespräch finden. Aber die Helden, die an meinen Geberden und aus meinen vorigen Antworten merkten, daß es nicht aus Vorsatz oder Bosheit käme, ließen es diesmal so ungeahndet, als ob sie es nicht gehört hätten, durchschleichen. (Dafür strafte mich aber der Alte nachmals heftig ab) – – wenn ich etwas hierzu reden dürfte, fuhr ich fort, so wollte ich meinen unterthänigsten Bericht darüber gern in allen Treuen ablegen. – Und als mir zu reden erlaubt ward, sprach ich etwas ernsthafter, denn ich hatte mich erholt: Gnädigster Herr und König! Ew. Majestät sollen versichert sein, daß es nicht zu dem Ende geschieht, weil sie ihr Vaterland dadurch zu verrathen begehren, sondern aus andern höheren und Staatsursachen, die das Gewissen und den Glauben betreffen. Deswegen suchen sie um Hilfe nach, damit sie nicht ganz und gar unterdrückt werden: denn es ist gegen Gott und die ehrbare Welt besser zu verantworten, demjenigen zuzuziehen und zu dienen, der des Vaterlandes Gerechtsame hilft schützen, als dem, der es aller Freiheiten will berauben. Und was der Helden Rathsschreiber da gelesen hat, wie schön es bei den Alten gewesen sei, das wird bei uns gar nicht mehr gebilligt, sondern für einen altbairischen Eifer gehalten werden, der des Vaterlandes jetzigen Zustand weniger versteht als eine Gans: denn man ist jetzt der Meinung, daß ein ehrlicher Deutscher, der einem fremden Potentaten zuzieht, es vielmehr zu des Vaterlandes Heil und Besten als zu seinem Untergang thue. Auch glaube ich, daß einige aus Noth (weil sie ihre Dienste dem Vaterland oft angeboten haben, dennoch aber sitzen geblieben und nicht beachtet worden sind) sich in fremde Dienste haben einlassen müssen. Darum scheint es, als ob Deutschland selbst seinem Untergang entgegen liefe, da es selbst solche Leute von sich stößt und mehr nach Frevlern sieht, als nach denen, die Aufrichtigkeit lieb haben: woraus denn endlich die grausame Wildnis und Zerrüttung aller Dinge erfolgen muß. – Aber Expertus Robertus, der Alte, sagte mir beiseits: »Schweige du von solchen Sachen still, die du nicht verstehst! Ach, wieviel, meinst du wohl, giebt es, die solche Gewissensgedanken haben? Wenig, sehr wenig! Die Religion thut viel, aber die Dublonen thun noch mehr bei solchen Leuten, die um des unersättlichen, gewissenlosen Geizes willen ihres eigenen Vaterlandes, ihrer eigenen Eltern, ihrer eigenen Kirche nicht verschonen, wenn es zum Treffen kommt.

Jedoch, eines jeden ehrliebenden Mannes Schuldigkeit geht billig dahin: nächst Gott dem Vaterland vor aller Welt mit Leib und Gut treulich zu dienen. Soweit aber erstreckt sich dieses Ehrengesetz nicht, daß darum ein ehrliebender Mann sich und die Seinigen, ohne einige Gegenerkenntnis dafür, in das ewige Verderben setzen müsse. Du mußt dich nach der Zeit und nach den Leuten schicken, denn weder die Leute noch die Zeit werden sich nach dir schicken, und mußt den Brauch an jedem Orte lassen, wie du ihn findest. Diene du dem Vaterlande und im Vaterlande: will das Vaterland deiner nicht, alsdann erst ziehe weiter in ein ander Land, doch diene daselbst so, daß du deinem Vaterlande nützlich seist. Und wenn ihr heutigen Deutschen diesen Vorsatz habt, so muß ich bekennen, daß vielen wegen des ungerechten Verdachts große Gewalt geschieht, zumal weil derjenige, der des Gemeinwesens Wohlstand liebt, auch diejenigen Völker nothwendig liebt, welche denselben schützen und erhalten helfen.«

Ich schwieg also still. Die Helden aber ohne zu antworten thaten, als ob sie es nicht verständen. Und Hans Thurnmeier gab mir einen Blick, daß ich vor ihm erschrak; und von dieser Zeit an ist er oftmals gar hart gegen mich gewesen.

König Ariovist aber sprach ferner zu mir: »Bist du nicht derjenige, der vor zwei Jahren die wunderlichen satirischen Gesichte geschrieben hat? Aber warte, ich muß vorher erst noch von dir wissen –: kannst du auch auf welsch singen? Denn da du welsche Kleider und Schuhe trägst, welsch Haar und Bart hast, welsch essen, trinken und fluchen kannst, so wird es nicht fehlen, du hast gewiß auch gelernt welsch zu singen. Es ist ja, wie ich höre, Brauch bei den Welschen, daß auch die alten Männer wie die jungen Buben auf der Gasse die neuen Lieder singen; und was der Hof singt, das singt man im ganzen Königreich auf eine Zeit zugleich. Was singt man jetzt für ein Liedlein?«

Gnädigster Herr Erzkönig, sprach ich: weil ich ja schuldig bin die Wahrheit vor der Obrigkeit zu reden und es nicht zu meinem Schaden dienen wird, so will ich's thun – und sang:

Jeanneton, que dira-t-en de votre mariage? –
Il les faut laisser parler
Et toujours perseverer;
Courage! courage! courage!

Hannchen, was wird man sagen von eurer Ehe? – Man muß sie reden lassen und immer wacker aushalten; Muth! Muth! Muth!

»Das ist eine Lust! rief der Erzkönig, wenn man hört, wie ein Deutscher sich so närrisch kann in die fremden Lappereien schicken. Aber wie zitterst du mit deiner Stimme? Machen es alle Welschen so?« Ich antwortete alsbald (aus toller Einbildung, daß dieser Gesang dem Erzkönig wohlgefallen hätte): Wenn ich Joh. Rosenmüllers und Albericus Mazad's musikalische Sachen bei der Hand hätte, ich wollte es wohl besser machen. – Da ließ der Erzkönig bei dem Expertus Robertus erfragen, ob diese in der Burgsängerei vorhanden wären? Derselbe antwortete aber vor Zorn auf mich: »Bei unserer Schulmusik allhier findet man dergleichen welsche Sachen nicht; sondern wir Deutschen richten unsere Musik und unsern Gesang auf den Text der sonntäglichen Evangelien, welche von deutschen Sängern componirt worden sind, als da sind: der Walliser, der Schütz, der Schein, der Seelich, der Hasler, der Hammerschmied und andere fromme und gottselige deutsche Componisten, welche Gott zu Ehren geistliche Gesänge und Gedichte und nicht der bösen Welt zu Gefallen unzüchtige und mit italienischen und französischen Sprüngen und Intervallen gespielte Lieder componirt haben.«

Und König Ehrenfest sprach wiederum: »Wie ich vorher gefragt, bist du nicht derjenige, der vor zwei Jahren die wunderlichen satirischen Gesichte geschrieben hat?« Ja gnädiger Herr! antwortete ich. »So du nun ein gehorsamer Deutscher bist oder ja sein willst: was hast du denn für eine Weise und Manier zu schreiben? Hat euch der Thurnmeier und unseres Neffen, des Königs Wittekind, Bischof und andere nicht genug gethan in der Sprache? Wollt ihr es besser oder ärger machen? Ist euch das welsche Gewäsch mehr angelegen als die männliche Heldensprache eurer Vorfahren? Was hast du in solchen Gesichten mit welschen, lateinischen, griechischen, italienischen, spanischen Worten und Sprüchen so um dich zu werfen gehabt? Meinst du, daß man darum glaube, du habest alle diese Sprachen gelernt? Warum legst du dich dieselbe Zeit über nicht auf deine Muttersprache, um dieselbe in einen Ruf und in rechten Gebrauch zu bringen, anstatt einer ausländischen Zunge so zu Diensten zu sein? Solche Sprachverketzerung ist Beweis genug der Untreue, die du deinem Vaterlande erweist: denn deine ehrlichen Vorfahren sind keine solche Mischmascher gewesen, wie ihr fast alle jetzt mit einander seid. Wer würde nicht Ursach genug haben zu schelten, daß du dieses Werk (der du doch den Namen haben willst, daß du eines gar freien deutschen Gemüthes seist und fremdes Geschmink, Schmeichelei und Liebkosen weit verwerfest) so mit allerhand fremden Sprachen und zumal der Völker, welche euch so listig und grausam nach eurer alten deutschen durch mich und eure Vorfahren erhaltenen angebornen Freiheit stellen und trachten, verderbt hast, während ja deine werthe Muttersprache den andern nichts würde nachgeben? Denn die welschen Sprachen haben meistentheils ihren Ursprung vom Lateinischen: die unsrige aber besteht von sich selbst von unserm Urahnherrn Tuitscho her, als eine wahre Haupt- und Heldensprache.

Ich will euch, meinen Deutschen, hiermit geweissagt haben, was ich von meinem Urahnherrn Saro hier, und dieser von unserm ersten Erzvater und König Tuitscho vernommen haben, der also sagt: Es wird eine Zeit kommen, da alle Dinge vergänglich sind, wo das deutsche Reich soll zu Grunde gehen: dann werden Bürger gegen Bürger, Brüder gegen Brüder im Felde streiten und sich ermorden, sie werden ihre Herzen an fremde Dinge hängen, ihre Muttersprache verachten und der Welschen Gewäsch höher achten und wider ihr eigen Vaterland und Gewissen dienen; alsdann wird das Reich, das mächtigste Reich zu Grunde gehen und unter deren Hände kommen, mit deren Sprache sie sich so gekitzelt haben, – wenn Gott nicht einen Helden erweckt, der der Sprache wieder ihr Maß setze, sie durch gelehrte Leute aufbringe und die welschländischen Stümper nach Verdienst abstrafe. O Gott, welchen Helden hast du dir hierzu erwählt? Treibe ihn, auf daß dies Werk einen seligen Fortgang habe!

Der war' ein Narr, der schiffen wollt',
Obschon das Schiff war' voller Gold,
Sollt' aber gehn zu Stücken:
Also deutsch Herz und welsches Maul,
Ein starker Mann und lahmer Gaul
Zusammen sich nicht schicken.

Doch ich muß sagen: viel Sprachen verstehen ist nicht unrecht, da man sich mit Nachbarn und ausländischen Völkern zu unserm Schaden im Handel soweit eingelassen hat und bisweilen denselben muß antworten können; wie Markgraf Jacob von Baden, Bischof von Trier, auf dem Reichstag zu Köln des Papsts Gesandten lateinisch, den deutschen deutsch, den französischen französisch, den venetianischen italienisch geantwortet hat. Aber solche fremden Sprachen der Muttersprache vorziehen oder so untermischen, daß ein Biedermann nicht errathen kann, was es für ein Gespräch sei, das ist verrätherisch und darf billig nicht geduldet werden. Ich meine, fuhr er fort, der ehrliche deutsche Michel habe euch Sprachverderbern, euch welschen Courtsianen, Concipisten, Cancellisten, die ihr die alte Muttersprache mit allerlei fremden lateinischen, welschen, spanischen und französischen Wörtern so vielfältig vermischt, verkehrt und zerstört, so daß sie sich selbst nicht mehr gleich sieht und kaum halb noch kann erkannt werden, die deutsche Wahrheit gesagt! Ist es nicht eine Schande, einem fremden Volk zu Gefallen sein eigen Heil und Wohlfahrt zu verachten! Ihr mehr als unvernünftige Nachkömmlinge: welches unvernünftige Thier giebt es, daß dem andern zu Gefallen seine Sprache oder Stimme nur änderte? Hast du je eine Katze dem Hund zu Gefallen bellen, einen Hund der Katze zu Liebe miauen hören? Nun sind wahrhaftig in ihrer Natur ein deutsches festes Gemüth und ein schlüpfriger welscher Sinn nicht anders wie Hund und Katze gegen einander geartet: und gleichwohl wollet ihr, unverständiger als die Thiere, ihnen wider allen Dank nacharten? Hast du je einen Vogel blöken, eine Kuh pfeifen hören? Und ihr wollt die edle Sprache, die euch angeboren ist, so gar nicht in Obacht nehmen in eurem Vaterlande? Pfui der Schande!

Fast jeder Schneider will jetzund leider
Der Sprach' erfahren sein und spricht Latein,
Welsch und Französisch, halb Japanesisch,
Wenn er ist toll und voll, der grobe Knoll.
Der Knecht Matthies spricht bona dies,
Wenn er gut' Morgen sagt und grüßt die Magd;
Die wend't den Kragen, thut Dank ihm sagen,
Spricht gratias Herr Hippocras.
Ihr bösen Deutschen, man sollt' euch peitschen,
Daß ihr die Muttersprach' so wenig acht't;
Ihr lieben Herren, das heißt nicht wehren –:
Die Sprach' verkehren und zerstören!
Ihr thut alles mischen mit faulen Fischen
Und macht ein Mischgemäsch, ein wüst Gewäsch;
Ich muß es sagen, mit Unmuth klagen
›Nen faulen Hasenkäs‹, ein seltsam Gefräß.
Wir haben verstanden mit Spott und Schanden,
Wie man die Sprach' verkehrt und ganz verstört.
Ihr bösen Deutschen, man sollt' euch peitschen
In unserm Vaterland, o pfui der Schand'.« –

Gnädigster Herr! sprach ich, wenn ich etwas reden dürfte, ich würde wahrlich beweisen, es wäre nicht die Schuld der Schreiber, sondern der Herrschaften selbst: denn die Herrschaften wollen es so haben, ich hab' es selbst erfahren. Die Herrschaften meinen nicht, daß ein Diener etwas wisse oder gelernt habe, wenn er seine Schriften nicht dergestalt mit welschen und lateinischen Wörtern ziere und schmücke; und oft geschieht es, daß ein guter Gesell, der sich des puren Deutschen bedient und sich mit allem Fleiß solcher undeutschen Reden enthält, als unverständiger Esel gescholten oder gar abgeschafft und an seinem Gut verkürzt wird. Will denn ein guter Kerl irgend ein Dienstlein haben, so muß er sich nach der Herrschaft und nach der Weise der Herren Rache schicken und ihnen antworten, wie sie fragen, singen wie sie geigen, tanzen wie sie pfeifen, schreiben, wie sie es haben wollen. Ich habe oft selbst dagegen gescholten; aber was hilft's? Ich bin viel zu gering, als daß ich es allein ändern könnte. Fürsten und Herren, Stadt- und Schulräthe sollten da ihre Macht und Liebe gegen das werthe Vaterland sehen lassen und demselben zu Ehren wegen der Sprache heilsame Verordnungen setzen, verständige deutsche gelehrte Männer darauf halten und gut besolden.

»Das wäre, sprach König Wittekind, wohl besser, als daß sie um fremder Wörter und Untugenden willen, als da sind Respect, Reputation, Reformation, Temporisation, Contribution, Raison d'Etat und anderer verdammlicher mehr das edle deutsche Blut so vergießen lassen.« »Es wird (sprach der Alte mir ins Ohr, was ich hier im Vertrauen melde; doch daß mir's keiner nachsage!) am jüngsten Tage unsern Fürsten und Herren wunderlich vorkommen, wenn sie vor Gottes Gericht des Guten wegen, das sie auf öfteres Zusprechen, aus reputirlicher Unachtsamkeit unterlassen haben, ebenso beschämt ihr Urtheil werden anhören müssen, als jetzt die armen Bauern von ihnen. Doch verstehe ich, sprach er, allein die, welche Kunst und Tugend mehr verhindern als befördern helfen; diejenigen aber verhindern Kunst und Tugend, welche auf Thorheiten, Eitelkeiten und nichtsnutzende Dinge große Kosten verwenden; wenn es aber an die Erhaltung der Hoheit und Würde des Vaterlandes geht und an dessen Liebhabereien, dann alles ersparen und erkargen wollen.«

Gnädigste Herren! sprach ich weiter: ich habe diese sieben Gesichte, deren Ew. Gnaden jetzund gnädige Erwähnung gethan, vor zwei Jahren nur nach ungefährer Anleitung der Visionen des Don Francisco de Quevedo zusammengeschrieben; denn die in welschen Landen gewöhnlichen Sitten und Händel haben eben mit Deutschland nicht solche durchgehenden Gleichheiten, sie würden sich auch auf unser Wesen (welches einzuführen ein Deutscher, der nicht in fremden Landen gereist wäre, nicht vermocht hätte) nicht gereimt haben. Dieselben habe ich aus absonderlichem Fleiß mit allerlei Sprachen vermengt, nicht weil ich irgend Mangel an deutscher Sprache gehabt hätte, sondern damit man in künftiger Zeit ein Muster habe und sehe, wie unsere heutigen unartigen Landsleute (auch wohl diejenigen, welche den Fuß niemals aus ihrer Mutter Heimat gesetzt haben) solche Untugend für hoch und herrlich halten, auch nicht gut einige Worte reden können, sie müssen denn ihre angeborene selbständige Hauptsprache mit diesen Bastardsprachen verunehren: ja, mit den Sprachen solcher Völker, die doch nichts weiter als unsere Freiheit unter ihr Joch zu bringen sich bemühen und dem Tag und Nacht mit List und Trug nachsinnen. Ich selbst aber hasse und schelte solche Einmischung ausländischer Worte in unsere deutschen Schriften und Handlungen gar sehr.

»Das ist, sprach Herzog Herman, eine liederliche Ausrede, mit der du vermeinst, dich weiß zu brennen und uns zu liebkosen: man bedarf solcher Muster gar nicht; die Thorheit sitzt euch im Herzen und lernt sich, wie du siehst, von sich selbst gar leicht. Wie schön es euch aber ziert, das kannst du hieraus schwer erachten: es steht ja dem Adler nicht wohl an, wenn er sich mit Hahnen-, Raben- und Gauchfedern bekleiden und zieren wollte.«

Der alte König Saro, der bisher nur zugehört hatte, fing endlich mit einer langsamen mächtigen Stimme also an: »Ich will schier glauben, daß du ein geborner deutscher Kerl bist, aber die deutsche Weise zu leben und zu reden sehr verkehrt und verketzert hast. Es ist keine Entschuldigung, daß du meinst, es sei heut so Gewohnheit und Brauch bei euch: denn wenn schon in angrenzenden Orten viel mehr Neuerungen und Unarten vorgehen, wie es denn in diesem meinem verderbten Lande, Gott erbarm' es! geschieht, so ist es doch heutiges Tages dabei nicht geblieben, sondern diese Untugend ist auch bis in und weit über meines Neffen, des Königs Ariovist, Land eingewurzelt. Denn was du vorhin von dem Parnaß gesagt hast, das ist durch und durch neben vielen andern Mißbräuchen in Deutschland gemein, aber eine Schande. Weißt du auch, was der Parnaß, den du hast suchen wollen, eigentlich ist? Ist dir denn unbekannt, was mein Vetter, König Brenner mit sammt seinen Söhnen Küring und Thessel dafür gethan haben? Wollt ihr denn der Griechen und Römer Mährlein und Großsprechereien mehr glauben als der Deutschen Wahrheit selbst? Was willst du erst den Parnaß in Griechenland suchen? Habe ich euch nicht in diesen Landen genügsame Stiftungen gemacht, Kunst und Tugend allda zu erlernen? Was soll denn das: Akademie, Gymnasium, Pindus? Ich habe ja in diesen Landen am Rheinstrom und im Westreich an meinem Wasser, der Saar, zu allererst verordnet, wie die faulen wilden Leute von ihrem Muthwillen, ihrer Grobheit, Frechheit und von Müßiggang abgehalten und in Zucht, Ehre, in Künsten und Tugend aufgezogen werden sollen; daher nennt man sie nach mir und mir zu Ehren Sarannen, kurz Schrannen, Schranner: das sind die alten rechten deutschen Namen, womit man die Schule und die Studenten benannt hat. Denn Schule und Schüler sind nicht deutsche, sondern griechische Namen, gezogen von dem Worte schola, σχολη, das auf deutsch heißt Muße und Ruhe. Desgleichen kommt Student und Studiren vom lateinischen studere, das ist sich befleißigen, her. Aber nach mir hat man bei den alten Deutschen solche Dinge Schrannen, Schranner genannt: wovon schließlich des Adels Schule in das Wort ›Schranken‹ übergewachsen ist. Dasselbe aber haben solche Griechisch- und Lateinfresser (wie ihr Welschsüchtigen von heute es auch mit andern erdichteten hochmüthigen Namen thut) einem Fremden zu Gefallen geändert, haben meine königliche Majestät verachtet und vergessen und die fremden Wörter bei euch eingedrängt. Was willst du denn den Parnaß, wie du ihn beschreibst, erst bei den Delphiern suchen? Hier ist Parnassus, hier Gymnasium, hier Akademie, hier Pindus, hier Laurentinum, hier Tuseulanum, hier Athen, hier Rom, hier ist Rhodus, hier tanz' und springe! Hier in Deutschland sind Schulen und gute Künste; in Deutschland kannst du Tugend lernen und brauchst nicht erst in die welschen Lande zu laufen, wo die Tugend vor langen Jahren schon ihre Endschaft genommen hat, oder so noch etwas an Tugend daselbst zu finden ist, doch mit Lastern dermaßen befleckt und besudelt ist, daß man das Gute vor dem Bösen, die Freundlichkeit vor der Hurerei, den Ernst vor der Tyrannei, die Häuslichkeit vor der Dieberei, gute Worte vor der Betrügerei, den Glauben vor der Heuchelei, den Gottesdienst vor der Abgötterei, das Christenthum vor dem Heidenthum schwerlich wird erkennen.

Und was noch mehr ist: die edlen Künste sind in Deutschland dermaßen im Aufblühen, daß du thöricht wärest, dieselben anderswo zu suchen; ja die Künste steigen jetzt erst von Tag zu Tag so hoch, daß es das Ansehen hat, als ob sie noch im vollen Aufgehen seien, und als ob es in künftiger Zeit soweit kommen würde, daß auch die Kinder werden von großer Wissenschaft reden und sie die Griechen und Welschen ihrer Aufschneidereien werden überführen können. Laß dir also genügen an dem, was dir dein Vaterland durch der Voreltern Fleiß selbst mit beiden Händen und mit höchster Treue darbietet.« –

Es war bei halb sechs Uhr, bis König Saro seine Rede zu Ende gebracht hatte. Endlich hieß Herr Deutschmeier mich sammt meinem Beistand, dem Alten, abtreten. Dem Hans Thurnmeier aber war befohlen zu bleiben und das Urtheil abzufassen. Nach einer Viertelstunde wurde ich neben dem Alten wieder hineingerufen. Und als ich zuvörderst in die Hand des Hans Thurnmeier nach geschehener Aufforderung gelobt hatte, allem dem, was mir würde anbefohlen werden, getreulich nachzukommen, las er mir meinen Bescheid vor. O mein Gott! wie hab' ich da gezittert! ich hab gezittert wie Espenlaub.

Man hieß mich fleißig aufmerken und Herr Thurnmeier las Wort für Wort also:

»In Sachen der uralten edlen deutschen Helden, als höchst berechtigten Klägern, einestheils und des genannten Philander von Sittewald, Beklagten, andererseits. Dieweil nach eingenommenem Bericht und aus allen Umständen erscheint und beweislich ist, daß Philander von Geburt und Eltern zwar ein junggesessener Deutscher sei, doch aber – sobald ich diese Worte ›zwar‹ und ›doch aber‹ gehört hatte, konnte ich mir die Rechnung meines Urtheils leicht machen – aus etlichen ungebührlichen Anzeichen und Neuerungen Ursach eines widrigen Verdachtes gegeben hat, also ist zu Recht erkannt: daß Beklagter, auf geleistete Bürgschaft unseres lieben getreuen und Helden-Rath Experti Roberti, der Verhaftung zwar erlassen sein, doch an Eidesstatt mit Handschlag angeloben soll, ohne gnädigste Erlaubnis aus unserem Burgzwinger nicht zu weichen, sondern in demselben so lange sich aufzuhalten, bis man deswegen in gnädigster Güte fernere Verordnungen wird ergehen lassen. Unterdessen mag ihm freistehen, die in dem Burgfried vorgehenden Handlungen zu sehen und zu hören ohne Hinderung eines Menschen. Und weil, über das, Beklagter in etwas unseres deutschen Herkommens Schranken in Kleidung, in Geberden, in der Sprache und in anderem überschritten hat: so ist zu angemessener Strafe und zur Zäumung solcher einreißenden unverantwortlichen Thorheiten für gut erachtet worden, daß er, Philander, damit in künftiger Zeit unser geliebtes Vaterland nicht gar in welschen Untugenden zu Grunde gehe, in Zeit dreier Monde diese Lande bis auf acht Meilen Wegs räumen, sich in eine gelegene deutsche Stadt begeben, allda die welschen Trachten abschaffen, den Bart auf deutsch wachsen lassen, die welsche à la mode-Kleidung einstellen, sich ehrbar und untadlig tragen, anstatt der Feldhühner, des Wildprets, Geflügels, der Schnecken und anderer Schleckerbissen sich mit Rindfleisch begnügen, die Muttersprache rein und unverfälscht reden und mit keinen fremden Wörtern beschmutzen noch verunehren solle; ferner auch schuldig und verbunden sein, wenn und wie oft wir es von ihm fordern werden, wider solche neu- und welschsüchtige Sprachverderber und Namenflicker in deutscher Sprache (durch Vermittelung eines unserer Helden aus altdeutschem Geblüt, dem wir solches zu befördern Anlaß geben wollen) zu schreiben, wie nicht weniger alles dasjenige zu thun, was einem gebornen ehrlichen Deutschen zur Beförderung des Heiles und Besten seines Vaterlandes ohnehin gebührt und wohl ansteht – alles bei unausbleiblicher Strafe des Verderbens. So Beklagter in etwas dem nicht nachleben würde, würden wir uns eines Besseren zu ihm verstehen.

Ausgesprochen vor dem deutschen Heldenrath in unserer Burg Geroldseck im Wasgau. Auf Rudolphstag, im Jahr der Christen 1641.« – –

Nach Verlesung dieses Urtheils hab ich mich, sammt meinem Beistand, gleichwohl demüthig bedankt und sodann mit gnädigster Erlaubnis diesmal meinen Abschied genommen; es wurde mir gestattet, bei dem Alten in seiner Kammer zu bleiben.

Als ich aber in den Hof kam, und der Alte, der ein wenig in herrschaftlichen Geschäften anderwärts zu thun hatte, mich eine Weile allda seiner warten hieß, kam unterdessen einer in gelbem Haar an mich heran (meines Erachtens einer von den Trabanten, der dem Erzkönig vorigen Abend aufgewartet hatte), der bat mich, so lange ich auf den Alten wartete, mit ihm in den Garten, dicht hinter der Burgmauer, zu spazieren. Ich folgte ihm auch, weil ich mich gegen ihn, als einen Mann, dem ich alles Gute wünschte, auch niemals übles gegen ihn begangen hatte, nichts arges versah. Sobald ich aber in dem Garten war, den er hinter sich zuriegelte, gerieth er an mich, und mit aller Gewalt mußte ich ihm meine eigenen Strümpfe, ein Paar gelbe seidene Strümpfe, und Schuhe ausziehen und in die Hand geben. Wiewohl ich ihn aber mit aller Gewalt bat, mir die Ursache dieser Ungunst zu sagen, konnte ich doch keine andere Antwort von ihm erlangen als nur, daß es mir nicht gebühre, in dem Burgzwang gelbe Strümpfe und weiße Schuhe zu tragen; sondern ich müßte, wenn ich nicht wollte sauer angesehen werden, in schwarzer Kleidung aufziehen, weil ich ja durch Urtheil und Recht vor dem Heldenrath jetzt dahin verwiesen worden wäre.

Mein lieber Herr! sprach ich; ich habe ihn für einen feinen aufrichtigen Herren gehalten und mich alles Guten zu ihm versehen; es ist aber nicht recht, daß er mich in der Noth ohne vorhandene rechtmäßige Ursache noch mehr beunruhigen und beleidigen will. Er sieht ja, daß ich aus Nothdurft und nicht aus Hoffart solche Kleider trage; er gebe mir schwarze Kleider her, so will ich ihm diese da gern geben. Es ist ja besser, ich trage was ich habe, als daß ich gleich zu einem Kaufmann hinlaufe und unbillige Schulden mache, welche nach meinem Tode erst sollten bezahlt werden. Zudem, wenn ich auch in der Burg zu bleiben so gut wie er jetzt Macht habe, so ist es gleichwohl ein anderes mit mir, indem ich nicht in Leibdiensten bin wie er, sondern erst abwarten muß, was Gott und das Glück aus mir machen wollen. Und wenn mir dasselbe einmal wohl wollte, dann würde ich nicht nur gern und willig nach dem Burgbrauch in schwarzer Kleidung gehen, sondern auch mit Gottes Hilfe auf's wenigste solche Dienste thun, wie er vielleicht mag thun können. Wenn auch das wider Verhoffen nicht geschehen sollte, so nimmt es mich doch gleichwohl Wunder, was er da von der schwarzen Kleidung sagt. Warum trägt denn er nicht auch schwarzes Haar? Grade als wenn derjenige nothwendig schwarz bekleidet sein müßte, der ein ehrlicher Mann sein wollte. Das wäre eine abergläubische Kleidung und ebensosehr zu schelten als derjenigen Unart, welche sich alle Tage auf à la mode, in neue Trachten einkleiden lassen.

Während des Gesprächs kam der Alte, der mich dort anzutreffen erfahren hatte, an die Thür, und als ich ihm aufgethan und meine Noth geklagt und gesagt hatte, wie es mir so unfreundlich ergangen wäre, da befahl er alsobald mit allem Ernst, daß mir meine Schuhe und Strümpfe wieder zugestellt würden. Ich bedankte mich dafür mit dem Versprechen, daß ich mich künftig kleiden wollte, nachdem mein Säckel und meine Dienste es dulden würden.

Darauf führte mich der Alte mit sich in sein Gemach, wo es mir um ein merkliches besser zuschlug als vorigen Abend. Kurz nach einer halben Stunde nach sieben Uhr wurde der Tisch gedeckt, das Essen angerichtet und aufgetragen. Zu Tische kamen der Alte Expertus Robertus, Hans Thurnmeier, Freymund, Mannhard, Gutrund und Konrad, deren Namen ich hernach erfuhr, welche vier letztere bei den Helden auch in Bestallung waren, und ich.

Auf zwei Dinge habe ich während der Mahlzeit insonderheit geachtet: erstlich auf das Gespräch, das die beisitzenden Herren meiner Person und meines Urtheils wegen gehalten haben; und dann: wie grausamlich die Aufwärter und wie von Herzen die Beisitzenden sich über mich zerlacht haben, als ich den Salat, welches das erste Gericht war, mit der Gabel essen wollte. »Ich meinte, sprach der Alte, der à la mode würde dir heute vergangen sein: diese Thorheit, den Salat mit der Gabel zu essen, haben deine Vorfahren auch von den Welschen gelernt; ich dachte nicht anders, als daß dieselbe längst wieder würde erloschen sein bei euch; da ich aber das Gegenspiel sehe, Lieber! so erinnere die guten Deutschen nach deiner Rückkehr, daß sie fürderhin solche nach der Welschen Unart schmeckende Possen abschaffen sollen.«

»Ich esse, sprach Hans Thurnmeier, wie ein rechter redlicher bairischer Schwabe; wozu sollen mir sonst die Finger? Wie kann mir der Salat wohl schmecken, wenn ich ihn nicht mit den Fingern esse? Wenn du die Hände gewaschen hast, was scheuest du dich, den Salat recht anzugreifen?« – Und ich muß bekennen, daß, seitdem ich ihm gefolgt bin, mir der Salat nie so gut geschmeckt hat.

Das Tischgespräch wegen des à la mode und meines Urtheils fing Hans Thurnmeier ebenfalls an mit diesen Worten: »Landsmann! es muß dir heut sehr bang gewesen sein; und nicht ohne Ursach: denn ohne den guten Beistand, glaube ich sicherlich, wäre es so gut nicht abgelaufen. Wenn jedem à la mode-Kerl so abgewaschen würde, ich glaube, die Thorheit möchte ihnen allesammt vergehen.«

Sprach Freymund: »Und wenn ich den à la mode zu reformiren hätte, ich wollte ihm Hände und Füße abschlagen!« Hoho! dachte ich, der ist nicht auf deiner Seite, wiewohl er hernach gar mein bester Freund geworden ist.

Gutrund: »Es ist ein Elend, daß sich unsere Deutschen so vernarren, und wenn jedem so abgewaschen würde, wie dem Philander, ich glaube, es würden wenig à la mode mehr gefunden werden.«

Mannhard: »Ja, insonderheit solche Trachten, deren man sich viel mehr zu schämen als zu rühmen hat.«

Konrad: »Löblich ist es an unserer Obrigkeit, daß sie solchen Thorheiten mit allem Ernst und Eifer begehrt zu wehren.«

Expertus Robertus: »Der erste rechte wahre Ursprung der Kleidung kommt von unserer Untugend, Sünde und Laster her. Adam und Eva werden mir dessen Zeugnis geben, ohne deren grausamen Fall wir der Kleider niemals bedurft hätten. So ist es nachmals fast mit allen Stücken, die wir am Leibe tragen, ergangen: da aus Noth und wegen eines sündhaften Schandfleckens jemand zur Bemäntelung und Beschönigung desselben etwas von der Tracht aufgebracht hat, ein anderer aber, der diesen Mangel gar nicht hatte, gleichwohl darauf gefallen ist und es nachgeäfft hat. Daraus ist denn ursprünglich die Mode entstanden. Die Krausen sind anfangs von denjenigen erdacht worden, welche nach der Einführung der französischen Seuche in Deutschland die zurückgebliebenen Schandflecken am Halse bedecken wollten. Da sind denn auch die andern, welche solche wüste Flecken nicht am Leibe hatten, dazugekommen, und jeder hat einen größeren kostbareren Kragen haben wollen.«

Hans Thurnmeier: »So hat heutiges Tages ein wüstes, ungestaltes, verhöhntes, bestecktes Jungfrauengesicht zur Beschönigung und Bemäntelung solcher Ungestalt die Masken und den Flor erdacht, damit sie ihr Gesicht dahinter verbergen könnte: ein schönes wohlgestaltetes himmlisches Engelsgesicht hat diese Thorheit gesehen und alsobald nachgeäfft und nicht bedacht, warum die andere diese Thorheit erfunden hatte. Sie hätte vielmehr alle Masken und Tücher vom Gesicht wegthun sollen, damit man das schöne Gesicht sehen, loben und lieben könnte. Ebenso hat eine Ungestaltete, Höckerige, Bucklige anfangs die großen weiten Aermel aufgebracht mit dem schmalen Rücken, damit sie den Höcker darunter verbergen möchte: andere, die von geradem wohlgestaltetem Leibe waren und solche Tracht nachmachen ließen, sind desto thörichter gewesen, weil sie den Mannsleuten Ursach zu dem Verdacht gegeben haben, als ob sie mit der gleichen ungestalteten Krümmung am Leibe entstellt wären. Ferner: eine lose Schandhure, die mit einem unehelichen Kinde schwanger gegangen ist und diesen unehrlichen Brauch vor der Welt hat verdecken wollen, hat zuerst die großen Polster und Reifschürzen erdacht und aufgebracht: und eine ehrliche Jungfrau, die von keinem Manne wußte, ein ehrliches Eheweib, das ihren schwangeren Leib von Gottes Gnaden und mit Ehren trug, hat diese ehrlose Tracht nachgemacht und nicht die Ursache bedacht, warum die erste es erfunden hatte. Ist das nicht zum Erbarmen! Die Franzosen nennen daher solche gepolsterte Weiberkleidungen cachebâtards, Hurenkleider oder blinde Bastarde. Gewiß also haben die meisten à la mode-Trachten und Neuerungen in Kleidern von unehrlichen Stücken und Ursachen ihren Ursprung her.«

Konrad: »Hans Thurnmeier ist wegen seiner bösen Hausmutter nur immer über die armen Weiber her; haben denn aber die armen Leutchen das Unglück alles allein gemacht? Haben denn die Männer nicht gleiche oder gar größere Thorheiten wegen des à la mode begangen? Sie sind ja eben so thöricht in ihrem Kleidertragen als die Weiber selbst und nehmen ebensowenig die Ursachen in Obacht, warum eine oder die andere Neuerung in Trachten ihren Anfang genommen hat. Denn ein Krummbeiniger und einer, der Schenkel hatte wie ein Rebstock, hat anfangs die langen Hosen (die man vor ein paar Jahren noch trug) aufgebracht, seine ungestalteten Schenkel dadurch zu beschönigen: ein rechtschaffener wohlgestalteter Kerl, der schöne gerade wohlgestaltete Schenkel hatte, hat diese thörichte Tracht gleichfalls nachgemacht, während er vielmehr die Hosen mit einer Axt hätte weghauen oder gar abziehen sollen, damit man seine wohlgestalteten Leibesglieder sehen könnte.«

Expertus Robertus: »Meines Erachtens sollten die, welche neue von andern erfundene Trachten nachtragen wollen, bedenken, zu welchen Bequemlichkeiten und Ursachen, zu welchem Nutzen und Vortheil sie erfunden sind und wo sie ursprünglich herrühren? Denn wie heute im Heldenrath gesagt worden ist: einer trägt einen langen Regenmantel, damit er die Stiefeln bedecke beim Reiten; darum thut aber derjenige närrisch, welcher stets zu Hause bleibt und doch einen solchen Mantel mit aller Macht tragen will. – Jener trägt lange Stiefel, weil er reiten will; der aber thut närrisch, welcher nie geritten hat und doch solche Stiefel will tragen. – Jener trägt einen Münsterkäse-förmigen Hut, weil er in das Feld muß, im Felde sein und bleiben, die Post reiten und reisen muß, damit er ihn kann über den Kopf ziehen, auf daß ihn der Wind nicht nehme, oder damit er nicht von selbst abfalle, wenn er ausschreitet. Darum aber thut der närrisch, der einen solchen Hut zu tragen sich selbst zwingen will, da er doch allezeit daheim verbleibt: denn er betrachtet nicht die Ursache, warum jener eine solche Form des Hutes vor anderen erwählt hat. – Jener geht über Land und in Ermangelung eines Pferdes trägt er einen Stecken in der Hand, an dem er vorwärts strebt. Dieser aber, der nur in der Stadt umher stutzt, thut es ihm nach, während er doch weder durch dick noch dünn zu gehen hat, sondern den Fuß eben dahin setzt, wo er grade will: er thut deswegen närrisch. – Ebenso trägt ein Edelmann, ein Falkner, ein Waidmann, ein Wildschütz einen ganzen abgezogenen Otter anstatt der Handschuhe, weil er unlängst denselben geschossen hat; er trägt einen Busch Kranich- oder Reiherfedern auf dem Hut, weil er unlängst einen geschossen hat. Das ist billig und steht dem über alle Maßen wohl und zierlich an, da er durch den Fall erweisen kann, daß er der Mann sei, der solche That gethan hat. Daß aber ein anderer in der Stadt, der nicht weiß, was hetzen oder beißen ist, der sein Lebtag kein Feuerrohr gesehen hat, keine Pürschbüchse kennt, vielweniger abgeschossen, vielweniger aber einen Otter, Kranich oder Reiher getroffen hat, solches nachthun will, das ist närrisch und so lächerlich, daß ich in mir selbst von Herzen lache, wenn ich einen solchen an mir vorübergehen sehe. Und doch thun es noch einige, weil sie aus Unvollkommenheit ihres Verstandes und aus Mangel an Erfahrung nicht wissen, warum der andere dieses oder jenes zu tragen berechtigt ist oder Macht hat. Ein Kutscher trägt eine Hutschnur von Pferdehaaren: die Narren machen's nach und tragen auch solche Hutschnüre, die doch zum Theil nicht wissen, wo die Pferde die Schwänze haben. – Ein Greis pulvert sein Haar und will das sich ekelnde Frauenzimmer dabei überreden, seine Haare wären nicht des Alters halber grau, sondern er hätte sie mit Cypernpulver des Geruches wegen gefärbt. Das thut er aber zu dem Zwecke, noch für einen hörnenen Siegfried angesehen u werden, der die Jungfrau von dem feurigen Drachen, er in ihrem Schooße rastet, erlösen könnte. Desgleichen thut auch eine alte Närrin, die noch gern einen jungen Mann hätte: die lieben Jungfrauen, die noch im besten Alter sind und sich ihrer kernhaften lieben schwarzen Haare nicht zu schämen sondern zu erfreuen hätten, thun desgleichen und machen ihre Haare auch grau, wissen und bedenken aber nicht, warum jene Alten solch Geschminke anfangs erdacht haben.«

Gutrund: »Außerdem giebt es noch unzählige Thorheiten: da tragen sie Hutschnüre von Seide, von Gold, von Silber, von Atlas, von Taffet, gestickt, geschlagen, geflochten, bald rund, bald aus Faden, breit, viereckig, von Roßhaaren, von Jungfrauhaaren – ach wie mancher Monsieur ist mit solchen Haaren betrogen! – und von ich weiß nicht was: dann Umschläge oder Ueberschläge (die unsere Neulinge Rabatt nennen) eine Elle breit, ein halbes Viertel breit, bald vorn gleich, bald mit Zipfeln Spannen lang: dann Stiefel, dann Schuhe, dann Degen, Wehrgehänge, Sporen, Wamms und Hosen, dann Hüte und Strümpfe, Nestel und Bänder, daß es zu verwundern ist.«

»Meinestheils, sprach Mannhard, halte ich dafür, daß solche neue Trachten nicht allezeit zu schelten, sondern ihrer Bequemlichkeit wegen je zuweilen zu loben sind, auch wenn sie ursprünglich von Thoren herkämen: denn auch ein Thor findet zu Zeiten etwas nützliches und ein Blinder ein Hufeisen. Die Kleider sowohl wie auch die Sprache müssen sich nach der Zeit richten: denn wenn man allezeit bei den ersten Trachten und bei der Alten Geigen bleiben sollte, so würde folgen, daß wir gar nackend oder in Feigenblättern tanzen müßten.«

»Das ist ganz richtig, sprach Expertus Robertus, daß sowohl die Kleider als auch die Sprache sich nach der Zeit richten müssen; ja wenn ich der Sache tiefer nachsinne, so finde ich, daß solche Aenderungen alle von äußeren Einflüssen herrühren: und wie die Königreiche, ja die ganze Welt, ihre durch das Verhängnis bestimmten Perioden, ihre Veränderungen, ihren Aufgang, ihr Abnehmen, ihren Untergang und Wechsel haben, also sind auch die Sitten und Geberden, die Sinne und Gedanken, das Dichten und Trachten der Menschen solchen Aenderungen – doch nicht auf stoische, heidnische Weise – unterworfen. Zum Beweis wollen wir nur diese eure Zeiten besehen, sprach er zu mir, die ihr halb und halb seid, halb deutsch halb welsch. Eure Herzen sind auch also: denn wer hat beständige unbefleckte rechte deutsche Treue im Herzen? Wenige! Wie könnten denn die Worte anders sein, welche ursprünglich aus dem Herzen herrühren? Wie könnten denn die Kleidungen anders sein, die sich nach dem Herzen richten? Bastardherzen, Bastardsprachen, aus welchen zuletzt die unehrliche uneheliche Mißgeburt erzeugt wird, die man Complimente nennt! Denn wie würde es möglich sein, daß solch ungereimte Wechsel und Neuerungen der Kleidung sollten geduldet und von männiglich so geliebt werden? Da wollen die Jungfrauen tragen, was den Junggesellen gebührt: die Junggesellen wollen gern haben, was den Jungfrauen zusteht; die Jungfrauen haben freche Mannesherzen: die Junggesellen feige weiche Jungfrauenherzen: der Weib will die Hosen anhaben, die Mann will den Rock anziehen.

Ja, mit den Farben ist es jetzt ebenso. Wo findet man einen – ich rede von solchen Neulingen, bei denen es heißt: der Ruhm erheischt es, die den thörichten Einfällen in allem knechtisch zu eigen untergeben sind und wider die einfliegenden Eitelkeiten nicht streiten wollen – der eine rechte selbständige Farbe will lieben und tragen, wie schwarz, weiß, blau, gelb oder grün? Er will vielmehr neue halbscheinende Farben, die halbblau, halbweiß, halbschwarz, halbgelb, halbgrün sind. Recht! Bastardfarben, weil sie verbastarte, halbehrliche Gemüther haben: taubenhalsfarbig, blaßblau, isabellfarbig, cochenilleroth u. a. Die alten Deutschen haben es recht genannt: leichte (leichtfertige) Farben, wie leichtbraun, leichtblau, leichtroth, leichtschwarz, leichtgrün. Ja, wie gesagt, die Natur selbst ist jetzt in ihrem Umlauf begriffen: wann hat man Blumen gesehen, von so mancherlei gemengten halb scheinenden Farben wie jetzt? Der Boden giebt es jetzt so, der Boden bewirkt es so in Folge der ihn bewegenden höheren Ursachen, welche zu gewissen Zeiten so und so zu wirken pflegen. Darin sind aber solche unbeseelte Creaturen zu entschuldigen, weil sie blos den Wirkungen der Natur untergeben sind und folgen müssen: die Menschen dagegen sollen durch die von Gott ihnen gegebene eingepflanzte Vernunft all ihr Thun und Lassen, ihr Dichten und Trachten erforschen, dem Bösen mit Macht widerstehen und das Gute mit Freuden zur Ehre Gottes fortsetzen.«

»Wenn das ist, sprach Mannhard, so thun dann meines Erachtens auch diejenigen thöricht, welche mit Gewalt erzwingen wollen, daß man sich in gewisse Farben, wie in schwarz kleiden müsse, und wer nicht so einhergeht, gleich über die Achsel ansehen, die der Meinung sind, es könne keiner ein ehrlicher Mann sein, der nicht also gekleidet gehe.« – »Das wäre, sprach Expertus Robertus, ein rechter Aberglaube im Kleidertragen und würde manchem übel gesagt sein, der nicht gern Schulden machen, noch sich mit Ueberfluß in Kleidern beladen möchte. Ich meine, daß nicht die Beförderung an den Kleidern, sondern die Kleider an der Beförderung hängen sollen, und daß einer sich nach seines Herren Willen richte und trage, von dem er sein Brot zu erwarten hat. Denn mancher, der ohne sich seiner Wohlfahrt zu versichern, sich mit solchen Kleidern übereilt, ladet sich und seinen Kindern solche Schuldenlast auf den Hals, daß sie sich endlich ihrer zu schämen haben.«

»Der Herr, sagte Freymund zu dem Alten, hat erzählt, daß Complimente eine unehrliche Mißgeburt seien. Da ich nun von dieser Mißgeburt oft Wunderdinge gehört habe, doch ihre eigentliche Bedeutung noch nicht habe ergründen können, so bitte ich um Erklärung derselben. Es wird ja den andern Herren nicht zuwider sein.«

»Die Franzosen, antwortete der Alte, wollen das Wort complementum deuten als completamentum aus completamente, eine vollkommene Gemüthserklärung; aber ich wollte es beweislicher herleiten von completum mendacium: denn es sind ja freilich nichts weiter als Worte ohne Nachdruck, Aufschneidereien, Lügen. Ja, es ist eine recht nachdenkliche Kraft in diesem Wort verborgen: oomplimenteur ist ein accompli menteur, ein prächtiger höflicher Redner, Großsprecher, ein Aufschneider und Lügner. Denn wie kann es immer möglich sein, daß ein Deutscher, der von Art nicht viel Worte macht, des Schwatzens und Großsprechens nicht viel achtet, da es seiner Natur zuwider ist, es mit so läppischen Pappeleien recht meinen sollte. Wahrlich, dieses Wort compliment, dessen Wirkung jetzt auf dem höchsten Grade steht, giebt zu erkennen, was wir für Zeiten haben. Denn auch in den Worten steckt zu Zeiten eine solche heimliche Kraft und Nachdruck, daß große Dinge daraus können ersehen und erkannt werden. Wie die Zeiten sind, so sind die Worte, und wiederum, wie die Worte sind, so sind auch die Zeiten. Worte sind wie Münzen. Es ist unsere Sprache jetzt in ein rechtes Kipperjahr Ueber den Ausdruck »Kipper« siehe I. Theil, viertes Gesicht. Seite 123 Anm. 2. gerathen: jeder beschneidet und verstümmelt dieselbe, wie er will, giebt ihr einen Halt und Zusatz, wie er will. Und gleichwie solche leichte Münzen, wie weiß sie auch gesotten sind, dennoch nichts als Kupfergehalt in sich haben: so sind alle diese heutigen Aufschneidereien, wie schön sie auch dem äußerlichen Ton nach lauten, im Herzen doch nicht eines Dreckes werth; und wenn sie am besten sind, und du meinst, du habest nun alles, was du begehrst, so weißt du am Ende weder das, was du begehrst, noch das, was man dir giebt, zu erkennen: denn der Wind führt die Worte davon; und so wenig als du den Weg eines Vogels wirst finden können in der Luft, so wenig wirst du den Nachdruck solcher Aufschneidereien spüren können.«

»Nun wissen wir, sprach Freymund, wie diese schöne Geburt geartet ist; Gott wolle das arme Deutschland davon reinigen! Es ist eine rechte Unsinnigkeit in solchen à la mode-Trachten, und ich sage noch einmal, die Obrigkeiten sollten solche Funken an dem Leben abstrafen. Denn man sieht, daß sie mit solchem Eifer und Ernst und in solcher Leichtfertigkeit verfahren, so verpicht und versessen sind auf neue Thorheiten, daß ich dafür halte, sie würden, wenn sie einen Welschen einen Farrenschwanz oder einen Dreck in der Faust tragen sähen, es gleich für etwas alamodisches halten und es mit besonderer Lust nachthun.«

»Das wäre, sprach Gutrund, ein wüstes à la mode, ein stinkendes à la mode. Pfui Teufel! wenn dem also ist, da müssen ja die unbedachtsamen Neulinge in ihrem Hirn übel verwahrt sein, daß sie sich nun der kostbaren Thorheit nicht entschlagen wollen.«

»Ja wohl entschlagen! sprach Hans Thurnmeier: die Narren gefallen sich in ihrer Narrheit selbst bis zu ihrem gänzlichen Untergang und Verderben. Denn Narren sind Narren und bleiben Narren, so lange sie leben.«

Als wir nun während des Gesprächs nach vollendeter Mahlzeit aufgestanden waren, sprach Freymund: »Ja, ich glaube, sie sind Narren und bleiben Narren, diese neusüchtigen, gottverschwendenden undeutschen Deutschlinge; ja, ich glaube, sie sind die größten Narren, die man finden möchte; was däucht den Herren?« sprach er zu Expertus Robertus. Dieser aber, der an meinem Stillschweigen und sonst sah, daß mir die Augen zufallen wollten und ich lieber zu Bett gewesen wäre, sprach: »Um den Ausschlag zu geben, ob die à la mode-Kerls die größten Narren seien oder nicht, womit wir es auch für diesmal wollen beschlossen haben, so hören die Herren:

»Es war vor Zeiten ein reicher großmächtiger Herr im Wasgau, der hatte einen einzigen Sohn; da er aber jetzt sterben sollte und sah, daß sein Sohn noch zu jung zum Regieren wäre, ließ er einen schönen großen goldenen Apfel machen, nahm ihn in seine Hand, rief den jungen Herrn und Erben und sprach zu ihm: Mein Sohn! ich weiß, daß ich jetzt sterben muß und du mein Land und Leute, Geld und Gut erben wirst. Nun sehe ich deine Jugend an und bedenke das wahre Sprichwort: ›Wehe dem Volke, dessen Herr ein Kind ist!‹ Darum mein letzter Wille und mein Begehren an dich, du wollest diesen goldenen Apfel in deine Verwahrung nehmen, mögest ausziehen, dich in fremden Landen umsehen und der Leute Sitten, Rechte, Gewohnheiten, Macht und Pracht ansehen, und wenn du den größten Narren findest, so verehre ihm diesen goldenen Apfel von meinetwegen und ziehe heim; alldann sollst du dieses Landes Herr und mein gewünschter Erbe sein. Unterdeß wird die Regierung durch meine alten getreuen Räthe wie bisher versorgt werden und dir nichts abgehen.

Der Sohn, als ein gehorsames Kind und junger Held, ließ sich den Rath seines Vaters wohl gefallen, und sobald der Vater verschied und in der Gruft beigesetzt war, machte er sich auf und durchzog Land und Leute und fand mancherlei seltsame Abenteuer und wunderliche Narren in der Welt, deren er sich nicht versah. Denn es begegneten ihm unterwegs reiche Leute, die hatten Haus und Hof, Aecker und Wiesen, Geld und Gut, Kisten und Kasten voll; die rannten auf ihren Gäulen und Kutschen den Guckkasten und alchimistischen Schmelztiegeln zu, wollten Berge versetzen und Gold backen, scharrten und schmolzen so lange, bis sie Söller und Keller, Thaler und Heller, Beutel und Ketten verguckt und verpulvert hatten und zuletzt den Amtleuten ins Handwerk fallen und zu Vögten sich brauchen lassen mußten, wollten sie nicht graben oder betteln. Da sagte der junge Herr: Das sind ziemlich vorwitzige Narren, wären schier werth, daß ich ihnen den Apfel gäbe, doch er gedachte, vielleicht wirst du andere finden. Es geschah. Er traf etliche an, die Land und Leute, Städte und Dörfer hatten; die fingen an und wollten babylonische Thürme und nimrod'sche Schlösser bauen; sie bauten auch Tag und Nacht, Winter und Sommer, bis sie Land und Leute, Städte und Dörfer versetzten und endlich, ehe der Bau zu Ende gebracht war, mußten sie davon und der Burg der Todten zuziehen, und ihre angefangenen halbvollendeten Paläste mußten so ohne Nutzen und zum Verderben ihrer Erben zu Grunde gehen. Da schüttelte der junge Held den Kopf und sagte: Diese haben fast alles verbaut; allein wo sie ewig wohnen müssen und woran sie am ersten denken sollten, das haben sie anstehen lassen, bis auf's letzte.

Sie bauen alle Festen,
Und sind doch fremde Gäste:
Doch wo sie ewig sollten sein
Da bauen sie gar selten hin.

Das sind ja die größten Narren! und wollte ihnen den Apfel geben; aber sein Hofmeister blies ihm ins Ohr: Herr, ein wenig gemach! Ihr werdet noch größere finden als diese. Er zog fort. Unterwegs begegnete ihm ein wohlgerüstetes Kriegsheer, das brach auf ohne irgend welche vorliegende Ursache aus einer schönen eingefriedigten Schmalzgrube und wollte seines Nachbarn Land überfallen. Doch das wurde durch Kundschafter verbreitet, und während sie an nichts weiter dachten, als wie sie die Leute aufladen und fortschaffen möchten, da kam der Feind heran gerasselt, überfiel sie, schlug sie mit der Schärfe des Schwertes, theilte den Raub aus, fuhr fort, nahm ihr Land ein und machte es sich zinsbar und unterthan. Ei, sagte der junge Herr, dieser Feldoberst und Kriegsrath sollte den Apfel billig vor andern bekommen haben, wenn er noch am Leben wäre; aber weil er todt ist, muß ich weiter ziehen. Da kam er in ein Land, dessen Herr wollte nicht auf seinem Schloß und Sitz hofhalten, da er vermeinte, es möchte ihm zuviel erwachsen; sondern er zog herum von einer Wildfahrt zur andern, pürschte, hetzte und jagte Hirsche und Wildschweine, das däuchte ihm die beste Kurzweil zu sein. Unterdeß waren die Räthe, Hauptleute, Amtleute, Rentmeister und Schaffner Herren im Lande, die sollten das Gute schützen und das Böse strafen, Gericht und Gerechtigkeit hegen ohne jedes Ansehen der Person, nach dem wahren Recht Urtheil sprechen und so des Landes Bestes suchen. Aber sie dachten bei sich: heut hier, morgen anderswo; Herren Gunst erbt nicht, wir müssen uns Pfeifen schneiden, weil wir im Rohr sitzen. Da fing's an: wer sich nicht wollte ducken, der mußte den Mantel und das Bündelchen ablegen und überspringen; wer nicht hatte die Hände mit goldenen Männlein zu füllen, der mußte unterliegen und seinem Widersacher die Schuhe putzen. In Summa, krumm mußte gerade, gerade krumm und der Heuchler der beste Mann zu Hofe sein. Währenddem war mein Herr sicher, soff, fraß, spielte, faulenzte, bis Hund und Katze das beste Vieh waren, ja bis sie alle lahm, arm und krank wurden und mit Schmerzen von hinnen fuhren. Ach, sagte der Herr, hier müßte ich viel goldene Aepfel haben, weil aber nur einer vorhanden ist, so muß ich wandern, er möchte mir sonst auch mit Recht und Unrecht abgedrungen werden. Er brach eilends auf, machte sich davon und kam in ein schönes volkreiches Land. Er zog daselbst an eines Fürsten Hof, zu sehen, was da für Leben und Treiben sei. Als er einige Monate den ganzen Staat ausgekundschaftet hatte, fand er, daß es ein rechtes Elend zu Hofe sein müßte, wo der Herr selbst es nicht besser hatte als die Diener, ja, daß es ihm noch viel übler ging, und daß er täglich in der größten Gefahr seines Lebens und aller Wohlfahrt stehen müßte. Denn wie zu Hofe der Brauch ist, daß der, welcher am besten aufschneiden kann, das beste Gehör, den besten Glauben und Vortheil hat, so auch hier: der Herr hatte einen alten getreuen Diener, der manche Jahre sein Leib und Gut, Ehre und Blut Tag und Nacht mit emsiger Sorge, Angst und Noth in seinen Diensten geopfert, die Bösen mit Ernst und Eifer gestraft und die Unterdrückten wider die Gewaltigen mit allen Kräften geschützt hatte, so daß Gericht und Gerechtigkeit im Schwange gingen. Der Herr hatte aber auch einen kurzweiligen Rath, einen hochtragenden Esel, der dem Herren redete, was er gern hörte und sich in allem nach seinem Willen so zu stellen wußte, daß sich die andern verwunderten; der redete einem jeden große aufgeblasene Worte, sprach von den Sachen zierlich, als ob er allein der Atlas wäre, der die Berge tragen und des Herren Autorität und Wohlstand erhalten müßte; in Wahrheit dachte er nur auf seinen Eigennutzen, Vortheil und Ansehen und wäre selbst lieber Herr als Diener gewesen. Derselbe gab, damit seine Person und sein Rath gelten möchte, den alten Rath bei dem Herren an seines Unverstandes, seines Unfleißes, seiner Unansehnlichkeit wegen, der sich nicht nach seines Herren Stand richten und gravitätisch genug halten könnte; ja auch, daß er dem Herren untreu wäre, so lange, bis der gute Rath mit Ungnaden abgeschafft worden war. Als aber bald nach dem wichtige Sachen und Staatsgeschäfte vorfielen, die der hochtragende Sennor Mutius nicht nur nicht verstand, sondern auch niemals gehört hatte, da wollte der Herr nach seinem alten Diener sehen; aber der war davon, und der Herr mußte über die Unrichtigkeit seiner Händel vor Leid vergehen, sterben und verderben. Diesem, sprach der junge Herr, gäbe ich wahrhaftig den Apfel, wenn er noch lebte, weil er dem aufgeblasenen Tropf wider den aufrichtigen Mann ohngeachtet aller früheren treuen Dienste geglaubt hatte.

An eben demselben Hofe fand er andere, die sich neideten und verfolgten, indem der eine gegen den andern erdachte und log, was ihm in den Sinn und ins Maul kam, sodaß der Unschuldige eine zeitlang leiden und weichen mußte; endlich aber brach die Wahrheit hervor und der Verleumder wurde in seiner Unwahrheit öffentlich erwischt und mußte mit Spott und Schanden davon ziehen. Das ist wohl ein Narr, sprach der junge Herr, der einem andern eine Grube gräbt und selbst hineinfallen muß, und wollte ihm auch den Apfel geben.

Aber er ward zu Gaste gebeten zu einem Amtmann, dessen Wesen ihm anfangs nicht übel gefiel. Allein er fand, daß er etliche Male von den Reichen Geschenke nahm. Hoho! sprach der junge Herr, das ist nicht gut: wenn es zum Treffen kommt, so wird er die Reichen nicht sauer ansehen dürfen. Er sah auch, daß der Amtmann etliche böse Buben nur einfach mit Worten abstrafte, damit er also auch des Pöbels Gunst und guten Willen bei männiglich sich erhalten und geliebt und gelobt werden möchte. Aber es geschah das Widerspiel: denn er ward zuletzt verachtet und verspottet und von dem nothleidenden Mann, den der reiche Wucherer unterdrückt hatte, seiner untreuen Handlungen angeklagt. Da sprach der junge Herr zu seinem Hofmeister: Da lasse ich den Apfel; denn wie könnte ein größerer Narr sein, als der, welcher in seinem Amt das Unrecht zu strafen und das wahre Recht zu befördern sich fürchten will? – Da gedachte er aber bei sich, vielleicht giebt es jenseit des Wassers auch Leute; zog also über's Meer und kam auf eine Insel, da fand er ein reiches schönes lustiges Volk, das hatte einen König, derselbe that, was ihm gelüstete. War es gleich wider Gott, sein Wort, wider natürliche und weltliche Gesetze, alle Zucht und Ehrbarkeit, so hieß es doch: es gefällt uns einmal so. Das sah der junge fremde Herr mit Verwunderung an, trat zu einem Kämmerling dieses Königs, fragte ihn und sprach: Mein Freund, was hat's für eine Bewandtnis mit eurem König? Ist keine Gottesfurcht, kein Gericht, keine Gerechtigkeit, Zucht und Ehrbarkeit in diesen Landen? Nein, antwortete der Kämmerling: Zucht, Ehre, Gottesfurcht, Redlichkeit, das sind bürgerliche Tugenden, die gehen unsern Fürsten und Herren allhier nichts an; der thut, was er will, und was er will, das ist, ob es schon nicht wäre. Es geht mit uns, wie mit dem Wolf und dem Karpfen.

Die Wölfin war einstmals hochtragend und bekam Gelüst nach einem Karpfen; deswegen schickte sie den Wolf aus, ihr diesen Fisch zu bringen. Der Wolf hätte gern den Fisch gehabt, aber zu fangen, das war seines Thuns nicht. Da traf er bei einem Weiher eine Heerde Schweine an, nahm eins und trug's davon. Unterwegs als er ruhte und das Schwein nach der Ursache dieser That fragte, erzählte der Wolf, wie er nach Karpfen geschickt wäre. Das Schwein entschuldigte sich, es wäre eine Sau, ein Schwein und kein Karpfen; der Wolf aber verlachte das Wort und sprach: Meiner Treu! du sollst mich nicht lehren Karpfen kennen; du bist mir ein Karpfen, und wenn deiner noch hundert wären, ihr solltet mir alle für Karpfen gut sein. – Also was unser Herr, weil er die Gewalt hat, will, das muß sein, wenn es schon nicht wäre. Ist dem also, spricht der junge Held, so kann's auf die Länge mit ihm nicht währen. Ja freilich, sagte der Kämmerling, währt es nicht lange, sondern nur ein einziges Jahr. Denn wir haben in diesem Lande die Gewohnheit, daß wir bei der Wahl eines Königs nicht sehen nach großem Geschlecht, Ehre, Kunst oder Weisheit; sondern wir nehmen einen von den geringsten Halunken, doch mit der Bedingung, daß er nur ein einziges Jahr regiere und während dieser seiner Herrschaft Macht habe zu thun und zu schaffen alles, was sein Herz gelüstet. Wenn aber das Jahr um ist, so wird er seines Amtes entsetzt und in ein Gefängnis geworfen, darin muß er die Zeit seines Lebens verbleiben, Hunger und Durst, Gestank und Frost und den elendesten Jammer ausstehen, sterben und verderben. – Ei, sagte der fremde Herr, der ist ein Narr und bleibt ein Narr, der um eines einzigen Jahres Wollust und nichtiger flüchtiger Freude willen sich die Zeit seines ganzen Lebens wissentlich und willig, herb, bitter und verdammlich macht. – Ja, antwortete der Kämmerling, wenn man nur einen sucht, so findet man ihrer tausend, die um eines solchen Jahres willen nicht nur die zeitliche, sondern die ewige Wohlfahrt gern in den Wind schlagen und verscherzen. – Der ist des Apfels wohl werth, sprach er; aber der Hofmeister hieß ihn noch Geduld tragen.

Der junge Herr zog weiter. In einem andern Lande begegnete ihm ein großer Herr, der hatte Hetzen geritten auf einem Klepper, hatte zwei Leithunde, zwei Strick Windhunde, die der Knecht neben seinem Klepper angekoppelt führte, einen Vorstehhund und einen Falken bei sich. Der Herr sang mit voller Stimme: Wohlauf, wohlauf Ritter und Knecht und alle gute Gesellen, die mit mir gen Holze wollen! Wohlauf, wohlauf die Faulen und Trägen, die noch gern länger schliefen und lägen! Wohlauf in deß Namen, der da schuf den Wilden und den Zahmen! Wohlauf, wohlauf, rasch und auch grad', daß uns heut' der berath', der uns Leib und Seele geschaffen hat! Führe hin, treuer Hund, führe hin, und auch daß dir Gott Heil gebe und auch mir: führe hin, treuer Hund, führ' hin zu der Fährt', die der edle Hirsch heut' selber thät'! Und als indessen der junge Herr an ihn kam und ihn fragte, was er mit all diesem Vieh mache? sprach er: Ich brauche es zum Hetzen und zum Beißen. Und als er forschte, wieviel er des Tages fange? antwortete er: Herr, je nach der Zeit, und wie das Glück will: dann viel, dann wenig, dann nichts; aber einen Tag in den andern zu rechnen, so habe ich wöchentlich meine zwei Hasen und mein Paar Feldhühner auf der Tafel ohne die größte Lust, die ich dabei finde. – Der junge Herr fragte weiter, was dieses Vieh alles zu unterhalten koste? – Diese beiden Klepper, welche allein dazu dienen, bekommen Tags jeder einen halben Sester Hafer, ein jeder Hund des Tages vier Mitschen, Eine Mitsch ist ein kleines, rundes Brot. und der Falke des Tages ein Pfund Fleisch; das ist ja ein geringes, antwortete er. Nachdem sich der junge Herr ein wenig bedacht, hielt er die Ausgabe und Einnahme gegeneinander: Alle Wochen zwei Hasen, sind 104 Hasen, jeden zu einem halben Gulden, sind 52 Gulden; die Feldhühner auch soviel. Also ist die Einnahme dieser Rechnung 104 Gulden. Nun die Ausgabe. Die elf Hunde jeder 4 Mitschen, ist des Tages 44 Mitschen, deren 80 von einem Sester macht das Jahr 16060 Mitschen zu 36 Viertel, das Viertel zu 3 Gulden, macht 108 Gulden. Auf die zwei Pferde ein Sester Hafer, macht 61 Viertel zu 15 Schilling: macht 91 und einen halben Gulden; 365 Pfund Fleisch 24 Gulden; der Falkner aber hat 150 Gulden. Herr Hofmeister, sprach er, nun langt mir den Apfel her, denn es ist Zeit: dieser hat ihn am besten verdient, auf daß wir nach Hause kommen. – Nein, sprach der Hofmeister, es wird noch andere geben. – Sie zogen daher weiter und kamen nahe zu einer vornehmen Stadt. Unterwegs aber trafen sie als Gesellschafter einen großen Herren (dem Ansehen nach), welcher viel Diener, Hofmeister, Stallmeister, Falkner, Kammerdiener, Edelknaben, Kutscher, Reitknechte, Jungen und viel Mägde, viel Vieh, Kutschen, Rosse, Wagen und einige Beipferde mit sich führte, der zog auch der Stadt zu. Und als der junge Herr von einem, der nachritt, forschte, wer das wäre und wohin er wolle? wurde ihm im Vertrauen gesagt, daß der Herr all dieser Völker und dieses Reichthums seines Herkommens zwar nur eines Weingärtners Sohn gewesen wäre, sich aber in Kriegen, Schlachten, Treffen, Stürmen, Plünderungen, Uebersteigungen und Einnahmen mit dem Maul so ritterlich gehalten und durch seinen Fleiß und seine Vorsichtigkeit seine Sachen so klüglich angegriffen hätte, daß er nicht allein die Tochter aus einem hohen welschen Geschlecht zur Ehe erworben, sondern auch an Baarschaft, Gold, Silber, Kleinodien, Kleidungen, Vieh und andern einen solchen Vorrath erschwatzt hätte, daß es unmöglich wäre, all denselben zu verthun. Darum wolle er in der Nähe eine Herrschaft erhandeln, fürderhin das Pfefferwesen abthun und die übrige Zeit seines Lebens mit seinem Weib in adligem Frieden, Freuden und Lust vollenden: so daß seiner Meinung nach nicht leicht ein seligerer Mann zu finden sei. Der junge Herr sprach zu seinem Hofmeister: Diesem Großsprecher ziehe ich so lange nach, bis ich sehe, was es für ein Ende mit ihm nehmen wird.

Sie zogen in die Stadt; der Sennor ordnete sein Hauswesen an, erhandelte eine gelegene Herrschaft, einen schönen Palast und Garten und ordnete das Hauswesen dergestalt, daß er wußte, wieviel Eier die Hühner alle Tage legten, damit er nicht durch Unachtsamkeit an irgend etwas Schaden litte. Er ließ sich sehen und hören, alle Tage veränderte er seine Kleidung, aber dabei war er sehr hochmüthig. Wenn ihn jemand grüßte, so dankte er ihm nicht, wenn man aber den Hut nicht abzog, so wollte er gleich um sich schlagen und schmeißen. Er that, als ob er niemand sah oder kannte; wenn ihn ein Armer um einen Pfennig bat, ließ er ihn mit Stößen fortweisen. Er nahm wunderliche Geberden und Sitten an: trug einen hohen breiten fliegenden Hut, ein igelköpfiges falsches Haar, alles war mit Armbändern und Ketten, köstlichen Ringen und Kleinodien besetzt. Zu keinem Menschen gesellte er sich aus Furcht, daß ihn jemand kennen oder sich zu sehr gemein mit ihm machen möchte; seine Blutsfreunde, die in diesem seinen Ueberfluß eine Unterstützung von ihm baten, ließ er mit Prügeln vertreiben als falsche Leute, die ihn für einen andern halten wollten. In Summa, seine Sachen waren so geordnet, daß er bei den einfältigen Menschen unsterblich zu sein schien. – Soll das gut thun, sprach der junge Herr, so nimmt's mich Wunder: denn wenn ich betrachte, wie dieser Großsprecher all seine Gelder und Mittel durch Staatsbettelei und Hilpersgriffe, Sind schlaue, ränkevolle Handlungen (Hildebrandsgriffe). nicht aber mit redlicher Soldatenfaust noch mit ehrlichen Belohnungen erworben hat, so ist es unmöglich, daß es lange Bestand haben kann; sintemal die Wahrheit Gottes an ihm nicht wird zur Lügnerin werden, da ja solch ungerechtem Gut der Fluch dergestalt angebunden ist, daß, ob es auch in eiserne Berge vergraben ist, Feuer und Blitz es doch daselbst rühren und zertrümmern wird. Es ist also dieser Kerl meines Erachtens der größte Narr, den ich je gesehen habe, und ich bin Willens ihm den Apfel zu geben. – Während er aber mit diesem Gedanken umging, erscholl in der Nacht ein Feuerruf, und man vernahm, daß aus Unachtsamkeit aber durch Schickung Gottes der herrliche Palast in Feuer aufgegangen war, und es verbrannten darin aller Raub und Vorrath, den der Hudler je gehabt hatte, und auch sein Weib und einige Diener mußten das Leben darin lassen. Er aber, um der Noth zu entkommen, mußte zum Fenster hinaus springen und brach den Hals, welches die Ursache ist, daß ihm der wohlverdiente Apfel nicht zu Theil wurde.

Endlich kam der junge Herr durch Deutschland bis an den Rheinstrom.

Freymund aber sprach: »Ich bitte, mein Herr, ehe er schließt, noch um ein einziges Wort. Meines Wissens zog er, ehe er an den Rheinstrom kam, über ein grausames großes Gebirge und kam in ein Königreich, das sehr mächtig war und über die ganze Welt herrschen wollte, dessen König hielt einen großen Hof und mannigfache Ritterspiele, wie zur Zeit Gewohnheit war. Der König hatte einen Nachbar, einen andern alten König, jenseit des großen Baches; derselbe hatte einen einzigen Sohn, den sandte er herüber, dieses Königs Hof und Ritterspiele zu besuchen; der fühlte sich denn auch so wohl da, daß er um des Königs Tochter freite. Nun hatte dieser König heimliche Verbindungen in des alten Königs Reiche und wollte es, wo nicht durch offene Gewalt, so doch durch Staatslist gern unter seine Gewalt bringen: wovon unser junger Herr gut unterrichtet war. Daher sprach er zu dem Hofmeister: Mein Freund! siehe da, ist das nicht ein thörichtes Thun von einem so hohen Manne, daß er seinen einzigen Sohn, an dem seines Reiches und armer Leute einzige ewige Wohlfahrt hängt, in seines wissentlichen Feindes Land und Gewalt hineinschickt? Wie wäre, wenn es ihm an Leib und Seele anders als wohl erginge, dieser unwiderrufliche Fehler zu nennen? Und er wollte dem alten König den Apfel schicken. Aber da er denselben nicht über's Meer wagen wollte, noch ihn durch Tausch übermachen konnte, so mußte er weiter ziehen.

Da kam er in ein elendes Königreich, wo nichts war als große Haiden, kleine Weiden, wo die Unterthanen geschnittenes Stroh anstatt der Früchte mahlen und backen ließen und dieses halb hölzerne Brot aßen. Die Esel allda ritten auf den Pferden, und die Säue saßen auf den Spechten; es war ein recht verkehrtes Reich, das vielmehr einem Gemälde gleichen konnte als einem Land. Und als der junge Herr nach ihrem König fragte, wurde ihm geantwortet, daß sie selbst nicht recht wüßten, wer ihr König wäre. Denn unlängst hätte ein anderer König in ihrer Nachbarschaft – dessen Reich von viel andern Bequemlichkeiten als dieses ist, da in ihm der eine und größte Fluß von Gold, der andere von Wein, der dritte von Honig, der vierte von Milch fließt: wo der Unterthanen Häuser mit Thalern gedeckt und die Edelsteine so gemein sind, daß auch die Dienstboten deren am Leibe tragen – mit ihrem ersten König um dieses Königreich Reich gegen Reich, das gute gegen das schlechte gesetzt, gewagt und auf einen ungleichen Streich verspielt. Als aber der junge Herr nach diesem König fragte, in der Absicht ihm den Apfel zu geben, und ihm niemand dessen Wohnung und Hofsitz angeben konnte, mußte er fürder ziehen. Und er kam in ein schönes Land, das war mit einem vortrefflichen Volk erfüllt, mit allerhand nützlichem Vieh, mit Wonnen und Weiden überschüttet; darin fand er den Herren des Landes, einen jungen kühnen Helden auf dem Todbette liegen mit großen Schmerzen und in Betrübnis wegen der blühenden Jahre, in denen er die Welt segnen und zu den Todten sich begeben müßte. Als er aber die Ursache dieses Unfalls erfragte, da sprach der junge Held: Bin ich nicht der größte Thor gewesen, der je gelebt, daß ich meinen unbedachtsamen Muth sich soweit erkühnen ließ und wegen einer Sache, die mich doch nichts anging und der ich wohl hätte entrathen können, mich in fremden Streit und Krieg begeben habe, worin ich nicht allein meinen einen Arm verlieren, sondern auch das Leben dabei zusetzen und in meinen besten Jahren von hinnen scheiden muß! Bin ich nicht der größte Thor, der jemals gewesen ist!

Unser junger Herr sprach: Wohl! und wollte ihm den Apfel geben. Aber sein Hofmeister sprach: Es sind ihrer noch viel größere zu finden; es ist diesem kühnen Helden wegen seiner Muthigkeit und Jugend noch zu verzeihen.

Weiter und ehe er gegen den Rheinstrom kam, gelangte er an eines Herren Hof, blieb aber wegen der Untreu, die er insgemein da vorgehen sah, nicht lange an demselben. Beim Abschied jedoch traf er einen guten Gesellen an, der sah elendiglich aus, ging traurig und in tiefsinnigen Gedanken, so daß der junge Herr unschwer merken konnte, daß er ein schweres Anliegen und eine schwere Herzensnoth haben müßte. Deswegen redete er ihn an und fragte nach der Ursache seines Zustandes, und was ihm widriges begegnet wäre? Ach, sprach der gute Gesell, meiner Noth ist nicht gut abzuhelfen, denn sie ist nicht zu erzählen, ich weiß sie auch nicht auszusinnen, noch weiß ich zu erdenken, wie ich mir selbst in diesem Jammer rathen soll. Denn es ist noch nicht lange, daß ich in dieses Herren Dienste gewesen bin, der hier nahebei Hof hält, und ich habe mich meines Erachtens und wie beweislich ist, dergestalt verhalten, daß ich wegen all meiner Handlungen weder Scheu noch Furcht trage. Aber darüber habe ich nicht allein all mein Vermögen zugesetzt und bin so sehr in das Verderben gerathen, daß ich fast, nach dem Sprichwort, weder waten noch schwimmen kann, sondern was das ärgste ist, ich muß noch von den Fuchsschwänzern solche Hinterlist und Verleumdungen erfahren, daß mir die Seele darüber verschmachten möchte. Gleichwohl kann ich mich des Uebels gar nicht erwehren, denn jemehr ich mich darum bekümmere, destomehr Lust und Vortheil haben sie daran. Daher kommt es denn, daß Leute, die mich und mein Thun nicht kennen, oder die auf eines Mannes Reden, ungehört des andern, gleich zustimmen, oder denen wegen anderer überhäufter Geschäfte meiner Sachen ausführliche Beschaffenheit zu hören beschwerlich fällt, solch ungleiche Vortheile von meiner armen Person schöpfen, daß ich mich oft verwünschen möchte. Ich habe, wie ich hoffe, so gehaust, daß ich mich nicht scheue, auch wegen des geringsten Dinges Antwort zu geben und habe niemals größeres gewünscht, nur daß mein Recht und ihre List recht an den Tag kommen möchten. Aber während die Verhandlung ansteht, haben die Lästerer, welche nicht feiern, sondern sich an meinem Unmuth kitzeln, gewonnen und ich verspüre den Nachtheil in all meinem Vorhaben. Sie hassen mich aus der einzigen Ursache, weil ich nicht nach ihrem Willen und Gefallen leben will und meine Kinder, nach deren Tod und Untergang es sie gelüstet, nicht habe vor aller Welt Augen hinrichten und elendiglich verhungern lassen wollen. Sie hassen mich um ihrer inwendigen Bosheit willen, um ihrer bösen Herzen willen, weil ich ihre Eitelkeit gesehen und entdeckt, ihnen in ihren losen Sachen nicht habe Beifall geben noch ihrem Hochmuth zufallen wollen. Sie hassen mich um ihrer Unvollkommenheit willen und um Sachen, die nicht mein sind, sondern die mir Gott gegeben. In Summa, sie hassen mich darum, daß ich nicht der bin noch werden will, für den sie mich öffentlich angeben.

Es würde dieser gute Gesell des verdrießlichen Erzählens noch mehr gemacht haben; aber der junge Herr sprach: Schweig Kerl, schweig! und erzähle mir nicht mehr: ich will dir jetzt den Apfel geben, den ich dem größten Narren zu geben schuldig bin. Bist du ein geborner Christ und hast nicht mehr des Glaubens als den? Bist du so unschuldig und rein, als du sagst? Was grämst du dich also? Laß die Lästerer lästern; denke, Gott habe sie es geheißen und du habest solch Kreuz mit andern Sünden wohl verdient, oder es habe dir Gott solches zur Probe der Geduld, der Sanftmuth und Demuth zugeschickt. Uebel von dir reden, das ist nicht genug: wenn du nur nicht übel gethan hast, so wird der Sache am Ende wohl geholfen werden. Uebles hören schadet nicht; übles thun, das ist Unrecht; darum halte du dich also, daß alle Lästerer durch dein Leben überführt und zu Lügnern gemacht werden. Bist du ein Christ und weißt nicht, was den Lästerern endlich für ein Trinkgeld und Lohn erwächst? daß nämlich die Wahrheit, welche fester ist als alle Mauern und von sich selbst besteht und nicht vergeht, endlich die überwindet zu ihrem eigenen Spott und Schande, welche aus eigenem Muthwillen und Frevel, aus eigenem Zorn, Haß, Neid und Rachgier den Nothleidenden geängstigt und gequält haben. Und da ich diesen Apfel bald besser anzulegen verhoffe, so habe du statt dessen dieses zum Trinkgelde von mir: ›Auch die Besiegten werden sich einmal wieder aufrichten!‹ Als Freymund also geendet hatte, sprach er: »Jetzt ist der junge Herr sammt seinem Hofmeister weiter und endlich durch Deutschland an den Rhein gezogen!« –

»Sehr recht! sprach Expertus Robertus: da sich aber Philander des Schlafes nicht mehr enthalten kann und ihm die Zeit sehr lang wird, bis er in die Federn kommt, so habe ich mit allem Fleiß diese und noch viel andere Thoren, die den Apfel wohl verdient hätten, uns zu anderer gelegenerer Zeit versparen wollen. Doch damit ich fortfahre, wo ich vorhin aufgehört und zum Ende komme: Als sie nun durch Deutschland bis an den Rheinstrom gekommen waren, da sahen sie viel Wunder an neuen Sachen und Händeln, und als sie ein Jahr daselbst verharrten, nahmen sie wahr, daß junge Leute, Manns- und Weibsvolk alle Vierteljahr, ja je zu Zeiten alle Monat ihre Kleidungen änderten: bald Hut, Hosen, Wamms, Strümpfe, Schuhe, Stiefeln, Speck; ja am Leibe selbst: bald große Bärte, bald kleine Bärte, bald schwarze, bald weiße Haare, dann ihre eigenen, dann fremde, und das alles mit großen Kosten, so daß viele sich und die Ihrigen dadurch ins Verderben und zu Grunde richteten, – wie noch heutiges Tages die undeutsche Gewohnheit ist. Darüber verwunderte sich der junge Herr und fragte, wie man solche Leute nennte. Und es wurde ihm geantwortet à la mode. – Ach, solcher thörichten Narren, schloß der junge Held, habe ich die Zeit meiner Wallfahrt noch nicht gefunden! ging daher eilends zu einem und verehrte ihm, als dem größten Narren, das Geschenk seines Vaters und zog wieder heim in sein Land. Da wurde er wohl empfangen. – –

Nach dieser Erzählung lachten die Herren, daß sie sich schüttelten und sie verabschiedeten sich bis auf Hans Thurnmeier, der bei uns blieb. Dann begaben wir uns in Gottes Namen zur Ruhe.

Des à la mode Abzug.

Wenn Deutschland wollt' witzig werden
Und vorsichtig um sich sehn,
Nicht nach à la mode gehn,
Nicht nach Farben und Geberden: –
Welschland müßt' ohnmächtig wanken;
Daß es aber jetzt obsiegt,
Euch in eurem Land bekriegt, –
Das habt ihr euch selbst zu danken.

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