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Pharaonentöchter

Emilio Salgari: Pharaonentöchter - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titlePharaonentöchter
publisherArena Verlag GmbH
isbn3401002376
year1991
firstpub
translatorFr. M. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080522
projectidc328aa5e
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Am Ufer des Nils

Tiefes Schweigen herrschte an den Ufern des majestätischen Flusses. Hinter den hohen Wipfeln der Fächerpalmen ging soeben die Sonne in einem Feuermeer unter. Bronzefarbig erschienen die Fluten. Im Osten kündigte ein immer dichter werdender Dunst die Abenddämmerung an.

Am Strand stand ein junger Ägypter. Sein Blick schweifte träumerisch über das Wasser, das murmelnd zwischen den Papyrus StaudenPapyrus In alten Zeiten muß beinahe der ganze Nillauf mit Papyrus, einer heute fast verschwundenen Pflanze, bedeckt gewesen sein. Die Schiffahrt erlitt durch sie bedeutende Stockungen. Die Pflanzen verbreiteten sich so schnell, daß die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit die Fahrrinnen durch Tausende von Arbeitern davon befreien lassen mußte.
Man gewann aber auch viele nützliche Dinge aus der Papyruspflanze: Der bei der Wurzel abgeschnittene untere Teil diente der armen Bevölkerung als Nahrung. Aus den Blättern fertigte man Körbe, Fächer u. a., aus den Fasern Papier und aus den schichtweise übereinandergelegten Häutchen Sandalen. Aus den zusammengefügten, biegsamen Stämmen machte man leichte Kanus, die den Nil befahren konnten.
zerrann. Er mochte wohl neunzehn Jahre zählen, hatte breite Schultern und nervige Arme mit langen, schlanken Händen und schöne, regelmäßige Gesichtszüge.

Sein Gewand bestand aus einem faltenreichen Hemd, das an den Hüften durch eine weiß- und blaugestreifte Leinenbinde zusammengehalten wurde. Als Kopfbedeckung trug er ein dreieckiges Tuch mit buntem Besatz, das bis auf die Schultern herabfiel. Ein schmaler Pelzrand umschloß die Stirn.

Der Jüngling beachtete nicht, daß sich bereits die Schatten der Nacht herabsenkten und so den Aufenthalt am Ufer gefährlich machten. Seine dunklen Augen schienen ein in der Ferne entschwundenes Idol zu suchen. Er seufzte: »Sie wird nie mehr wiederkehren! Sind es doch nur die Pharaonen,Pharao Die ägyptischen Herrscher wurden als Pharaonen bezeichnet; ihre Machtfülle war groß. Papyrusblätter erzählen, daß das ganze Gebiet zwischen dem Roten Meer im Osten und der libyschen Wüste im Westen vor Jahrtausenden von einem Gott bewohnt gewesen sei, der einigen zufolge Osiris, andern zufolge Horus hieß, und daß diese Gottheit, eines Tages müde geworden, ihre Macht in die Hände eines menschlichen Wesens namens Menes gelegt habe. Menes wurde so der erste Pharao. Aus dieser Legende leitet sich auch der Name »Sonnensöhne« für die Pharaonen her. die von den Göttern begünstigt werden, wir Sterbliche nicht!«

Die Purpurröte am Himmel war im Nu verschwunden. Schon blitzten die Sterne auf.

Als der Jüngling sich heimwandte, sah er zwischen dem Gras und den trockenen Blättern am Boden einen glänzenden Gegenstand liegen. Es war ein goldenes, bunt emailliertes Schmuckstück in Form einer kleinen, hochaufgerichteten Schlange mit Geierkopf. Erstaunt hob er das Kleinod auf.

»Ein Uräus? Das Symbol der Macht über Leben und Tod?« murmelte er sinnend. »Nur Pharaonen dürfen den Schmuck tragen. Sah ich ihn nicht auch an der SphinxSphinx Ein Mischwesen mit Löwenkörper und Menschenkopf. Bei den Ägyptern verkörperte es die Königsmacht; zugleich wurden aber auch Götter als Sphinxe dargestellt. in unserer Felsenhöhle an der Stirn des göttlichen Osiris?«

Grübelnd, mit gesenktem Haupt, schritt er weiter. Seine Gedanken schweiften zu dem Tag zurück, an dem er Gelegenheit hatte, ein junges Mädchen aus dem Rachen eines Krokodils zu retten. Er hatte sie für eine Nilgöttin gehalten, die plötzlich aufgetaucht war. Nun kam ihm die Erinnerung, daß es ja gerade dieser Schmuck war, der in ihren Haaren geglänzt hatte ...

Angstschweiß bedeckte seine Stirn bei dem Gedanken.

Unterdessen war es völlig finster geworden. Der Jüngling ging wie ein Nachtwandler, der weder Auge noch Ohr für seine Umgebung hat. Die Grillen zirpten, und die Wasser gurgelten unter den Papyrusstauden und Lotosblumen.

Schon hatte er den Waldsaum erreicht, als ihn eine Stimme aus seinen Träumen weckte: »Mirinri! Siehst du denn nicht, daß die Sonne schon lange untergegangen ist? Hörst du nicht das Geheul der Hyänen? Du vergißt, daß wir mitten in der Wüste leben.«

Ein alter Mann von priesterlichem Aussehen mit langem, weißem Bart war unter einer Akaziengruppe hervorgetreten. Seine stattliche Gestalt umschloß ein langes Leinenhemd. Die leicht gebräunte Haut war durch das Alter pergamentähnlich geworden, aber seine Augen glänzten noch lebhaft.

»Seit einer Stunde suche ich dich, mein Sohn«, sagte er mit sanftem Vorwurf. »Warum kommst du jetzt alle Tage so spät heim? Du weißt, daß die Nilufer gefährlich sind, daß die Krokodile sich nicht nur auf weidende Stiere, sondern auch auf Menschen stürzen und sie in die Fluten ziehen!«

»Die fürchte ich nicht«, entgegnete der junge Mann lächelnd.

»Aber du hast dich um mich gesorgt, Unis. Verzeih.«

Der Alte erhob die Hand zum Himmel. »Siehst du den Stern dort oben im Osten glänzen? Deine Augen können besser als meine unterscheiden ...«

Der Jüngling folgte der Weisung. »Es ist ein Komet, ein Stern mit einem Schweif!« rief er.

»Er ist es«, sprach der Greis. »Ich habe ihn heute nacht erwartet! Er bezeichnet die Stunde, wo ich dir eine Weissagung offenbaren soll. Dein Schicksal ist an diesen Stern gebunden!«

Damit neigte er sich vor dem Jüngling und küßte den Saum seines Gewandes.

»Was tust du, Unis?« fragte dieser überrascht und trat einen Schritt zurück.

»Ich grüße den künftigen Herrn von Ägypten.«

Mirinri schaute den Priester sprachlos an.

Plötzlich schoß es wie ein Blitz durch seine Seele. »Dann brauche ich mich ja nicht mehr vor dem Symbol der Macht über Leben und Tod zu fürchten! Aber – wie sollte ich dir Glauben schenken?« fragte er.

Unis nahm seinen Zögling bei der Hand und führte ihn heimwärts über eine sandige Steppe, auf der nur hier und dort dürre Sträucher und halb vertrocknete Palmen standen. Beide schwiegen, in Gedanken versunken, während der Stern über ihnen leuchtete.

So gelangten sie zu einem steilen, vegetationslosen Felsen. Er erhob sich in Pyramidenform und trug einige gespenstisch aufragende Kolossalstatuen.

Mirinri ließ sich widerstandslos leiten.

Ein in den Hügel eingelassener Pfad führte in eine tiefe Höhle, die von einer kleinen Lampe erleuchtet wurde. Letztere war aus Ton und hatte die Gestalt des Ibis, des heiligen Vogels.Ibis Bei den alten Ägyptern waren die Ibisse heilige Tiere. Die Dienste, die der kleine Vogel verrichtete, wurden von den Pharaonen sehr geschätzt, um so mehr, als sein Erscheinen die wohltätige Periode der Nilüberschwemmung ankündigte.
Der Gott der Weisheit, Thot, wurde mit einem Ibiskopf dargestellt. Heute findet man den Vogel nur noch in Oberägypten. Es gibt keine religiöse Verehrung des Ibis mehr.
Die Einrichtung der Höhle bestand aus Büffel- und Hyänenfellen, die als Betten dienten, einem niedrigen Tisch und etlichen am Boden stehenden Amphoren. Einige kurze Schwerter und Schilde lehnten an den Wänden. In einer Ecke brodelte in einem hängenden Gefäß eine appetitlich duftende Suppe auf einem aus Steinen hergerichteten Herd.

Nach seinem Eintritt ließ sich der Jüngling auf ein Fell nieder und bat den Alten inständig, ihm mehr von der seltsamen Weissagung zu erzählen.

Dieser begann, während seine Augen zärtlich an Mirinri hingen: »Ich habe dich meinen Sohn genannt, und, wie du weißt, dir mein ganzes Leben gewidmet. Du bist aber nicht eines Priesters Sproß, sondern ein Königssohn.«

Der Jüngling sprang erregt auf. »Sprichst du die Wahrheit? Noch kann ich deinen Worten nicht trauen!«

»Ich spreche die Wahrheit!«

»Wohl fühle ich in meinen Adern Kriegerblut rollen! Ich träumte oft, daß ich im Heer kommandierte und Länder eroberte ... Oh, sollten denn meine Träume von Ruhm und Größe, die mich jahrelang verfolgten, einst verwirklicht werden?«

Der Alte nickte ihm lächelnd zu.

»Vor allem sag mir: Wie kommt es, daß ich dann hier am Rande der Wüste wie der Sohn eines armseligen Hirten aufgewachsen bin, fern von dem Glanz und der Pracht der Hauptstadt?«

»Setz dich wieder und höre mir zu«, sagte Unis ruhig. »Deine Frage ist berechtigt. Aber hätte man dich unten in Memphis gelassen, so lebtest du zu dieser Stunde nicht mehr.«

»Erkläre mir das!«

»Weil ein Elender den Thron deines Vaters einnimmt! Schon seit siebzehn Jahren regiert König Teti, den das Volk ›Den Großen‹ nannte, nicht mehr ...«

»Und ich sollte der Sohn Tetis sein?« fiel ihm der Jüngling ins Wort. »Du treibst deinen Spott mit mir! Gib mir Beweise!«

»Die sollst du haben. Morgen noch vor Sonnenaufgang werden wir die Memnonsäule und die Blume des Osiris befragen. Wenn der Stein tönt und die Wunderblume sich wieder belebt, werden dies Zeichen sein, daß du ein Königssohn bist. Willst du mit mir kommen?«

»Ja!« rief Mirinri, dem Schweißtropfen auf der Stirn perlten. »Erst nach diesen beiden Proben werde ich dir glauben!«

»Gut, so vernimm jetzt deine und deines Vaters Geschichte.«

Gerade als der Greis beginnen wollte, fiel sein Blick auf das goldene Schmuckstück, das Symbol der Macht über Leben und Tod, das der Jüngling an seinem Gewand angebracht hatte.

»Ein Uräus!« rief er erschrocken aus. »Woher hast du ihn?«

Nach einigem Zögern antwortete Mirinri: »Ich fand ihn am Nilufer.«

»Weh mir, nun wird all mein Mühen, dich zu verbergen, all meine Vorsicht umsonst sein! Sie werden deinen Aufenthalt entdeckt haben. Sie sind sicher auf deiner Spur! Du weißt wohl nicht, daß nur ein König dies Symbol tragen darf.«

»Oder – eine Königstochter«, sagte Mirinri lächelnd und betrachtete zärtlich den Schmuck.

»Was heißt das?« rief der Priester jetzt zornig. »Warum verheimlichst du mir etwas? Womöglich ein Erlebnis, das dich den Kopf kosten kann! Du hast mir von einer Göttin gesprochen ... Wo hast du sie gesehen?«

»Am Nilufer. Sie kam in einer großen, goldglänzenden, mit prächtig gekleideten Negern bemannten Barke. Es war ein wunderschönes Mädchen.«

»Und in ihren Haaren glänzte dieser Schmuck?«

»So ist es. Sie wird ihn am Ufer verloren haben.«

Unis ging in furchtbarer Erregung auf und nieder.

»Und seitdem ich das Mädchen gesehen, ist mein Friede, mein Frohsinn dahin«, fuhr der Jüngling fort. »Sie hat mir ein Stück meines Herzens genommen. Schließe ich die Augen, sehe ich nur sie. Schlafe ich, so träume ich nur von ihr. Säuselt der Wind durch die Palmen längst des Nilufers, so glaube ich ihre Stimme zu hören. Raube mir nicht die Vision – es war eine Göttin.«

»Erzähle, was geschah!«

»Als sie sich über den Rand der Barke neigte, hinter ihr die hohen, mit Straußenfedern besetzten Fächer, die ihre Diener hielten, kam seitlich ein Krokodil heran und packte sie mit seinen Zähnen. Noch höre ich ihren Aufschrei, noch fühle ich den Schauer, der mich durchrieselte, als ich hinzusprang und sie befreite, sie in meine Arme nahm und ans Ufer trug. Dort legte ich sie ins Gras nieder ... und so wird der Haarschmuck ihr entfallen sein.«

»Unglücklicher!« Der Alte stand vor ihm mit flammenden Augen.

»Nun, wenn es wahr ist, daß ich ein Königssohn bin, warum sollte ich dann nicht eine Jungfrau aus königlichem Geschlecht lieben?« fragte Mirinri keck.

»Weil du jenes Geschlecht, dem sie angehört, hassen sollst! Du kennst noch nicht die Geschichte deines Vaters, kennst nicht all die Leiden, die er ertragen mußte ...«

»Erzähle«, bat Mirinri bekümmert. »In deinen Worten soll mein Schicksal liegen.«

»So höre!«

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