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Phantasien über die Kunst

Wilhelm Heinrich Wackenroder: Phantasien über die Kunst - Kapitel 21
Quellenangabe
typeessay
authorWilhelm Heinrich Wackenroder
titlePhantasien über die Kunst
booktitleRowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft
noteidentisch mit: W. H. Wackenroder und L. Tieck, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, hg. v. Oskar Walzel. Leipzig 1921
volumeBand 22
year1968
senderadlerbird@t-online.de
created20020719
firstpub1799
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Symphonien

Ich höre nur zu oft von Leuten, die sich für Kunstfreunde halten, mit vielem Eifer von der Simplizität, von einem edlen, einfachen Stile sprechen, die zugleich, um ihrer Lehre treu zu bleiben, alles verfolgen, was sie für bunt, grell oder grotesk halten. Ich halte dafür, daß alles nebeneinander bestehn könne und müsse, und daß nichts eine so engherzige Verleugnung der Kunst und Hoheit ist, als wenn man zu früh scharfe Linien und Grenzen zwischen den Gebieten der Kunst zieht. Diese Verehrer teilen ein Land, das ihnen nicht gehört, ja in welchem die meisten nicht einmal die Landessprachen verstehn.

So meinen einige, die Alten zu lieben, wenn sie alles, was von den Neuem herrührt, verfolgen; andre wollen nur die Italiener loben, und alle Kunst und allen Sinn dafür den übrigen Völkern absprechen. Ich will damit nicht alle Unterschiede aufgehoben wissen, nur sollte jeder, der darüber sprechen will, auch eine so reiche und mannigfach reizbare Seele besitzen, daß er wenigstens alles auf eine gewisse Weise verstände und sich nahe fühlte, um dann zu sondern und zu trennen.

Wie es in der Religion ist, so ist es auch in allen hohen und übermenschlichen Dingen, ja man könnte sagen, daß alles Große und Höchstvortreffliche Religion sein müsse. Das Göttliche ist so beschaffen, daß der Mensch es erst glauben muß, ehe er es verstehn kann; fängt er aber mit dem Verstehn, das heißt, mit dem Beurteilen an, so verwickelt er sich nur in Labyrinthe, in denen er törichterweise sein Herumirren für die wahre Art hält, weise zu sein. Das Höchste und Edelste ist auch so eingerichtet, daß das gewöhnliche Verstehn, worauf sich die meisten soviel wissen, als etwas ganz Überflüssiges anzusehn ist, denn indem du es ganz und innigst fühlst, und in dir selber aufbewahrst, spürst du keinen Mangel, empfindest du das Bedürfnis gar nicht, es mit den übrigen Dingen zu vergleichen, und es in seine gehörige Klasse zu versetzen.

Aber ihr meint, alles sei nur da, um euer Urteil daran zu schärfen, und seid eitel genug, zu glauben, es gebe nichts Höheres oder nur anderes, als die Kunst oder handwerksmäßige Übung des Urteilens. Ihr fühlt das Bedürfnis nicht, das Streben des reinen und poetischen Geistes, aus dem Streit der irrenden Gedanken in ein stilles, heiteres, ruhiges Land erlöst zu werden.

Ich habe mich immer nach dieser Erlösung gesehnt und darum ziehe ich gern in das stille Land des Glaubens, in das eigentliche Gebiet der Kunst. Die Art, wie man hier versteht, ist gänzlich von jener verschieden: die schönste Zufriedenheit entspringt und beruhigt uns hier ohne Urteil und Vernunftschluß, nicht durch eine Reihe mühsam zusammengehängter Beobachtungen und Bemerkungen gelangen wir dazu, sondern es geschieht auf eine Weise, die der Uneingeweihte, der Kunstlose niemals begreifen wird.

Es geschieht hier, daß man Gedanken ohne jenen mühsamen Umweg der Worte denkt, hier ist Gefühl, Phantasie und Kraft des Denkens eins: der harmonische Einklang überrascht uns zauberhaft, die Seele ist im Kunstwerke einheimisch, das Kunstwerk lebt und regiert sich in unserm Innern, wir sind mit allem einverstanden, eine gleiche Melodie spielt unser Geist mit des Künstlers Seele, und es dünkt uns auf keine Weise nötig, zu beweisen und weitläuftige Reden darüber zu führen.

Dieser innige Glaube kann auch der Überzeugung entbehren, denn das, was wir im Leben so nennen, ist vielmehr als ein schwächerer Glaube, oder als ein notdürftiger Ersatz des Glaubens anzusehn. Überzeugung ist die prosaische Demonstration; Glaube der Genuß, das Verstehn eines erhabenen Kunstwerks: dieses kann nie demonstriert, jene nie auf Kunstweise empfangen werden.

Darum muß man sich erst unter den großen Geistern, die in der Kunst gewaltet haben, demütigen, ehe man sie ganz empfinden und dann beurteilen will.

Aus Mangel dieser Demut geschieht es oft, daß das Vortreffliche verworfen wird, weil die Menschen oft ohne Not überzeugt sind, weil sie wissen, wie weit sich die Grenzen der Kunst erstrecken. Weil sich die Werke der unkünstlerischen Künstler demonstrieren lassen, so geschieht es aus mißverstandener Gutmütigkeit und gutem Willen, daß viele, ja die meisten, sie gern für Kunstwerke ansehn; vollends da sie nun hier ihrer Urteilskraft vollen Spielraum geben können, was bleibt ihnen nun noch zu wünschen übrig?

Ich habe diese Gedanken, die mir immer gegenwärtig sind, hier ausgedrückt, weil es nicht selten ist, daß auch in der Musik, die doch die dunkelste von allen Künsten ist, dergleichen Vorurteile oder Unurteile gefällt werden. Denn die Tonkunst ist gewiß das letzte Geheimnis des Glaubens, die Mystik, die durchaus geoffenbarte Religion. Mir ist es oft, als wäre sie immer noch im Entstehn, und als dürften sich ihre Meister mit keinen andern messen. Doch bin ich nie willens gewesen, diese meine Meinung an dem Gemütern aufzudrängen. Aber es wird vielleicht nicht undienlich sein, über einzelne Teile oder Werke dieser Kunst etwas Dreistes oder Anstößiges zu behaupten, weil nur auf diesen Wegen von jeher etwas geschehen ist.

Wenn unser Auge im vollen Sommer einen blühenden Rosenbusch erblickt, so können wir darüber eine unnennbare Freude empfinden. Die roten Kinder, die sich von allen Seiten herausdrängen, und Knospen und entfaltete Blumen durcheinander, die von allen Seiten aus den Zweigen in die freie warme Luft hinausstreben, die der Sonnenschein küsst: – wer vergißt in dieser vollen Blumenherrlichkeit nicht die einzelne Lilie, das verborgene Veilchen? –

So blüht in jeder Kunst eine volle, üppige Pracht, in der alle Lebensfülle, alle einzelnen Empfindungen sich vereinigen und nach allen Seiten streben und drängen, und ein vereinigtes Leben mit bunten Farben, mit verschiedenen Klängen darstellen. Nichts scheint mir in der Musik so diese Stelle auszufüllen, als die großen, aus mannigfachen Elementen zusammengesetzten Symphonien.

Die Musik, so wie wir sie besitzen, ist offenbar die jüngste von allen Künsten; sie hat noch die wenigsten Erfahrungen an sich gemacht, sie hat noch keine wirklich klassische Periode erlebt. Die großen Meister haben einzelne Teile des Gebietes angebaut, aber keiner hat das Ganze umfaßt, auch nicht zu einerlei Zeit haben mehrere Künstler ein vollendetes Ganzes in ihren Werken dargestellt. Vorzüglich scheint mir die Vokal- und Instrumentalmusik noch nicht genug gesondert, und jede auf ihrem eignen Boden zu wandeln, man betrachtet sie noch zu sehr als ein verbundenes Wesen, und daher kömmt es auch, daß die Musik selbst oft nur als Ergänzung der Poesie betrachtet wird.

Die reine Vokalmusik sollte wohl ohne alle Begleitung der Instrumente sich in ihrer eignen Kraft bewegen, in ihrem eigentümlichen Elemente atmen: so wie die Instrumentalmusik ihren eignen Weg geht, und sich um keinen Text, um keine untergelegte Poesie kümmert, für sich selbst dichtet, und sich selber poetisch kommentiert. Beide Arten können rein und abgesondert für sich bestehn.

Wenn sie aber bereinigt sind, wenn Gesang, wie ein Schiff auf Wogen, von den Instrumenten getragen und gehoben wird, so muß der Tonkünstler schon in seinem Gebiete sehr mächtig sein, er muß mit fester Kraft in seinem Reiche herrschen, wenn es ihm nicht begegnen soll, daß er entweder aus hergebrachter Gewohnheit, oder selber unwillkürlich eine von diesen Künsten der andern unterordnet. In den theatralischen Produkten tritt dieser Fall nur zu häufig ein: bald werden wir gewahr, wie alle Mannigfaltigkeit der Instrumente nur dazu dient, einen Gedanken des Dichters auszuführen, und den Sänger zu begleiten: bald aber Poesie und Gesang unterdrückt wird, und der Komponist sich nur daran freut, auf seinen Instrumenten sich in wunderbaren Wendungen hören zu lassen.

Ich wende mich aber von der übrigen Kunst weg, und will hier nur ausdrücklich von der Instrumentalmusik sprechen.

Man kann das menschliche Organ der Sprache und des Tons auch als ein Instrument betrachten, in welchem die Töne des Schmerzes, der Freude, des Entzückens und aller Leidenschaften nur einzelne Anklänge sind, die Haupt- und Grundtöne, auf denen alles, was dies Instrument hervorbringen kann, beruht. Strenge genommen, sind diese Töne nur abgerissene Ausrufungen, oder fortgehende Klänge der strömenden Klage, der mäßigen Freude. Glaubt man, daß alle menschliche Musik nur Leidenschaften andeuten und ausdrücken soll, so freut man sich, je deutlicher und bestimmter man diese Töne auf den leblosen Instrumenten wiederfindet. Viele Künstler haben ihre ganze Lebenszeit darauf verwandt, diese Deklamation zu erhöhen und zu verschönern, den Ausdruck immer tiefer und gewaltsamer emporzuheben, und man hat sie oft als die einzig wahren und großen Tonkünstler gerühmt und verehrt.

Aus dieser Gattung der Musik haben sich auch verschiedene Regeln entwickelt, die jeder unbedingt annimmt, der gern für geschmackvoll angesehn sein will. Man dringt darauf, alle Ausmalungen, alle Verzierungen, alles, was dem edlen, einfachen Vortrage entgegensteht, aus dieser echten Musik zu verbannen.

Ich will dergleichen hier nicht tadeln, und die eigentliche Vokalmusik muß vielleicht ganz auf den Analogien des menschlichen Ausdrucks beruhen: sie drückt dann die Menschheit, mit allen ihren Wünschen und Leidenschaften, idealisch aus, sie ist, mit einem Worte, Musik, weil der edle Mensch selber schon in sich alles musikalisch empfindet.

Diese Kunst scheint mir aber bei allem diesem immer nur eine bedingte Kunst zu sein; sie ist und bleibt erhöhte Deklamation und Rede, jede menschliche Sprache, jeder Ausdruck der Empfindung sollte Musik in einem mindern Grade sein.

In der Instrumentalmusik aber ist die Kunst unabhängig und frei, sie schreibt sich nur selbst ihre Gesetze vor, sie phantasiert spielend und ohne Zweck, und doch erfüllt und erreicht sie den höchsten, sie folgt ganz ihren dunkeln Trieben, und drückt das Tiefste, das Wunderbarste mit ihren Tändeleien aus. Die vollen Chöre, die vielstimmigen Sachen, die mit aller Kunst durcheinandergearbeitet sind, sind der Triumph der Vokalmusik; der höchste Sieg, der schönste Preis der Instrumente sind die Symphonien.

Die einzelnen Sonaten, die künstlichen Trios und Quartetts sind gleichsam die Schulübungen zu dieser Vollendung der Kunst. Der Komponist hat hier ein unendliches Feld, seine Gewalt, seinen Tiefsinn zu zeigen; hier kann er die hohe poetische Sprache reden, die das Wunderbarste in uns enthüllt, und alle Tiefen aufdeckt, hier kann er die größten, die groteskesten Bilder erwecken und ihre verschlossene Grotte öffnen, Freude und Schmerz, Wonne und Wehmut gehn hier nebeneinander, dazwischen die seltsamsten Ahndungen, Glanz und Funkeln zwischen den Gruppen, und alles jagt und verfolgt sich und kehrt zurück, und die horchende Seele jauchzt in dieser vollen Herrlichkeit.

Diese Symphonien können ein so buntes, mannigfaltiges, verworrenes und schön entwickeltes Drama darstellen, wie es uns der Dichter nimmermehr geben kann; denn sie enthüllen in rätselhafter Sprache das Rätselhafteste, sie hängen von keinen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit ab, sie brauchen sich an keine Geschichte und an keine Charakter zu schließen, sie bleiben in ihrer reinpoetischen Welt. Dadurch vermeiden sie alle Mittel, uns hinzureißen, uns zu entzücken, die Sache ist vom Anfange bis zu Ende ihr Gegenstand: der Zweck selbst ist in jedem Momente gegenwärtig, und beginnt und endigt das Kunstwerk.

Und dennoch schwimmen in den Tönen oft so individuell-anschauliche Bilder, so daß uns diese Kunst, möcht' ich sagen, durch Auge und Ohr zu gleicher Zeit gefangen nimmt. Oft siehst du Sirenen auf dem holden Meeresspiegel schwimmen, die mit den süßesten Tönen zu dir hinsingen; dann wandelst du wieder durch einen schönen, sonnglänzenden Wald, durch dunkle Grotten, die mit abenteuerlichen Bildern ausgeschmückt sind; unterirdische Gewässer klingen in dein Ohr, seltsame Lichter gehn an dir vorüber.

Ich erinnere mich noch keines solchen Genusses, als den mir die Musik neulich auf einer Reise gewährte. Ich ging in das Schauspiel, und Macbeth sollte gegeben werden. Ein berühmter Tonkünstler hatte zu diesem herrlichen Trauerspiele eine eigne Symphonie gedichtet, die mich so entzückte und berauschte, daß ich die großen Eindrücke aus meinem Gemüte immer noch nicht entfernen kann. Ich kann nicht beschreiben, wie wunderbar allegorisch dieses große Tonstück mir schien, und doch voll höchst individueller Bilder, wie denn die wahre, höchste Allegorie wohl wieder eben durch sich selbst die kalte Allgemeinheit verliert, die wir nur bei den Dichtern antreffen, die ihrer Kunst nicht gewachsen sind. Ich sah in der Musik die trübe nebelichte Heide, in der sich im Dämmerlichte verworrene Hexenzirkel durcheinander schlingen und die Wolken immer dichter und giftiger zur Erde herniederziehn. Entsetzliche Stimmen rufen und drohn durch die Einsamkeit, und wie Gespenster zittert es durch all die Verworrenheit hindurch, eine lachende, gräßliche Schadenfreude zeigt sich in der Ferne. – Die Gestalten gewinnen bestimmtere Umrisse, furchtbare Bildungen schreiten bedeutungsvoll über die Heide herüber, der Nebel trennt sich. Nun sieht das Auge einen entsetzlichen Unhold, der in seiner schwarzen Höhle liegt, mit starken Ketten festgebunden; er strebt mit aller Gewalt, mit der Anstrengung aller Kräfte sich loszureißen, aber immer wird er noch zurückgehalten: um ihn her beginnt der magische Tanz aller Gespenster, aller Larven. Wie eine weinende Wehmut steht es zitternd in der Ferne, und wünscht, daß die Ketten den Gräßlichen zurückhielten, daß sie nicht brechen möchten. Aber lauter und furchtbar lauter wird das Getümmel, und mit einem erschreckenden Aufschrei, mit der innersten Wut bricht das Ungeheuer los, und stürzt mit wildem Sprung in die Larven hinein, Jammergeschrei und Frohlocken durcheinander. Der Sieg ist entschieden, die Hölle triumphiert. Die Verwirrung verwirrt sich nun erst am gräßlichsten durcheinander, alles flieht geängstigt und kehrt zurück: der Triumphgesang der Verdammlichen beschließt das Kunstwerk.

Viele Szenen des Stücks waren mir nach dieser großen Erscheinung trüb und leer, denn das Schrecklichste und Schauerhafteste war schon vorher größer und poetischer verkündigt. Ich dachte immer nur an die Musik zurück, das Schauspiel drückte meinen Geist und störte meine Erinnerungen, denn mit dem Schlusse dieser Symphonie war es für mich völlig geschlossen. Ich weiß keinen Meister und kein Tonstück, das diese Wirkung auf mich hervorgebracht hätte, in dem ich so das rastlose, immer wütigere Treiben aller Seelenkräfte wahrgenommen hätte, diesen fürchterlichen, schwindelerregenden Umschwung aller musikalischen Pulse. Das Schauspiel hätte mit diesem großen Kunstwerke schließen sollen, und man könnte nichts Höheres in der Phantasie ersinnen und wünschen; dann war diese Symphonie die poetischere Wiederholung des Stücks, die kühnste Darstellung eines verronnenen, bejammernswürdigen Menschenlebens, das von allen Unholden bestürmt und besiegt wird.

Es scheint mir überhaupt eine Herabwürdigung der Symphoniestücke zu sein, daß man sie als Einleitungen zu Opern oder Schauspielen gebraucht, und der Name Ouvertüre daher auch als gleichbedeutend angenommen ist. Man sollte fast glauben, daß jene unbedeutendern Komponisten darin eigentlich am richtigsten gefühlt hätten, daß sie ihre Ouvertüre nur aus den verschiedenen Melodien bestehen lassen, die sie in der Oper selbst wieder vorbringen und hier nur lose verknüpfen. Denn bei andern geschieht es nur gar zu oft, daß wir die höchste Poesie im voraus genießen.

Zu den gewöhnlichen Schauspielen sollte man nie besondere Symphonien schreiben, denn wenn sie nur einigermaßen passen sollen, so wird die Tonkunst dadurch von einer fremden Kunst abhängig gemacht. Wozu überhaupt Musik hier? Auf dem alten englischen Theater hörte man nur einige Trompetenstöße vorher, – man sollte dies wieder einführen, oder wenigstens die Musik ebenso unbedeutend sein lassen, als es die meisten unserer Schauspiele sind.

Schöner wäre es wohl, wenn unsere großen Schauspiele oder Opern mit einer kühnen Symphonie geschlossen würden. Hier könnte der Künstler denn alles zusammenfassen, seine ganze Kraft und Kunst aufwenden. Dies hat auch unser größter Dichter empfunden; wie schön, kühn und groß braucht er die Musik als Erklärung, als Vollendung des Ganzen in seinem Egmont! Schon beginnt sie in feinen, langsamen, klagenden Tönen, indem die Lampe erlischt: sie wird mutiger, geistiger und wunderbarer bei der Geistererscheinung und dem Traume, – das Stück schließt, ein Marsch, der sich schon ankündigte, fällt ein, der Vorhang fällt und eine Siegssymphonie beschließt das erhabene Schauspiel. Diese Siegssymphonie wäre für den wahren Tonkünstler eine große Aufgabe; hier könnte er das Schauspiel kühn wiederholen, die Zukunft darstellen, und den Dichter auf die würdigste Art begleiten.

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