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Phantasien über die Kunst

Wilhelm Heinrich Wackenroder: Phantasien über die Kunst - Kapitel 19
Quellenangabe
typeessay
authorWilhelm Heinrich Wackenroder
titlePhantasien über die Kunst
booktitleRowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft
noteidentisch mit: W. H. Wackenroder und L. Tieck, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, hg. v. Oskar Walzel. Leipzig 1921
volumeBand 22
year1968
senderadlerbird@t-online.de
created20020719
firstpub1799
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Unmusikalische Toleranz

Wenn man die Erde, mit ihren mannigfaltigen Menschen und Begebenheiten, als einen großen Schauplatz betrachtet, auf dem ebenso Kummer als Glück, Trübsal und Freude, das Erhabenste wie das Gemeinste, wie notwendige Bedingungen eines zusammengesetzten Schauspiels, wie einzelne Personen nach und nach auftreten, wieder verschwinden und von neuem erscheinen: so erschrecken wir oft vor dem ewigen Zusammenhange, indem wir nicht wissen, welcher Teil uns noch zufallen dürfte, wie viele Tränen und Torheiten, wie viel verscherztes Glück und welche unerwartete Leiden in unsrer Rolle abzuspielen sind. Oft befängt uns dann eine taube Gleichgültigkeit, und im Wirrwarr aller disharmonierenden Töne verloren, deren Ordnung wir nicht fassen und finden können, wünschen wir zu vergehn, wir zittern vor der Zukunft, und unerquicklich ist die Vergangenheit; der liebliche Strom der sonst so leicht und frisch alles in Lebensregung und Bewegung setzt, steht ruhend still, und Bäume, Felsen und Wolken schauen schwarz herab, und spiegeln sich in dunkler Einsamkeit verworren und verdüstert ab.

Dann kommen alle Leiden wieder, und klopfen mit ungestümer Gewalt an unser verzagtes Herz; alles, was uns nur jemals ängstigte, erscheint in vergrößerter Gestalt in dieser trüben Dämmerung, wir stehn verloren und vergessen weit zurück, und Freundschaft, Liebe, Hoffnung, ziehen auf einer fernen Bahn vor uns vorüber. In diesen trüben Stunden werden wir von der Nichtigkeit des Glücks, von der Vergänglichkeit alles dessen, was wir unser nennen, so innigst beängstigt, so von der Zeit und der wüsten, furchtbaren Vernichtung von allen Seiten bedrängt und um und um gequält, daß wir mit schmerzhafter Verzweiflung ausrufen: Was ist die Welt und dieses Leben? Unsre Freuden sind nur größere Schmerzen, denn sie vergehn wie jede Trauer, was wir heute unser nennen und so gern für unsre Seele halten, ist morgen vergessen oder verachtet; worauf wir heute hoffen, steht morgen in einer schalen Unbedeutenheit als Gegenwart vor uns, und wird kaum bemerkt! Wozu also der Tränen, wozu der begeisterten Wonnelieder? Die kalte, stille Hand der Zeit sänftigt alles, sie ebnet alle Wellen, sie streicht die Rechnung durch, und hebt den Unterschied zwischen Glück und Übel; so haben wir's erfahren, und wir können wissen, daß es immer so sein wird, darum wollen wir bei allen Vorfällen ruhig bleiben, denn wozu die Tränen, das Entzücken, von denen ich vorher weiß, daß sie nur eine Minute dauern können?

So fügt sich's leicht, daß wir im Leben schon das Leben entgeistern, und gefühllos den Strom der Zeit hinunterfahren, den empfindungslosen Gegenständen ähnlich, die die Ufer umgeben; und damit glauben wir dann schon recht viel gewonnen zu haben, wir halten uns darin für besser, wie viele andre Menschen, die leicht und frisch ihr Schicksal tragen, sich nur selten der Vergangenheit erinnern und keine Zukunft fürchten.

Dergleichen Gemütsart, die von vielen für erhaben ausgegeben wird, ist auf keine Weise zu billigen. Sie erlahmt alle unsre Kräfte, sie macht uns zu lebendigen Leichnamen.

Aus dieser Verworrenheit erlöst uns, wie mit einem allmächtigen Zauberstabe, die Kunst. Sie führt uns in ein Land, in dem die Lichtstrahlen allenthalben die lieblichste Ordnung verbreiten, diese spielenden Strahlen ergreifen auch unser Herz, und beleben es mit neuer Kraft, wir fühlen uns und unsern Wert in neuer Lebendigkeit, alle die versiegten Brunnen des Trostes und der Freude ergießen sich wieder und rauschen erquickend über unsern Lebenslauf dahin, und die Gegenwart verwandelt sich in eine einzige große Blume, aus deren Kelch uns himmlischer Duft entgegensteigt. Denn das arme dürstende Herz wird durch nichts in dieser Welt so gesättigt als mit dem Genusse der Kunst, der feinsten Art, sich selber zu fühlen und zu verstehn. Im klarsten und wohlgefälligsten Bilde steht dann die Menschheit vor sich selber, sie erkennt sich, aber mit Lächeln und Freude, sie glaubt etwas Fremdes zu umarmen und an sich zu schließen, und bemerkt und fühlt sich selber.

Dann lieben wir das Leben wieder, und dulden mit großer Gelassenheit alle seine Schwächen. Unser reiches Herz bedauert und bemitleidet die Armen, die uns umgeben, aber kein dürrer, harter Haß verfolgt sie mehr.

Welche Worte aber soll ich fassen und ergreifen, um die Kraft kundzumachen, die die himmlische Musik mit ihren vollen Tönen, mit ihren liebreizenden Anklängen über unser Herz erzeigt? Sie tritt unmittelbar mit ihrer Engelsgegenwart in die Seele, und haucht himmlischen Odem aus. Oh, wie stürzen, wie fliegen im Augenblick alle Erinnerungen aller Seligkeiten in den einen Moment zurück, wie breiten sich dem Gaste alle edlen Gefühle, alle großen Gesinnungen entgegen! Wie schnell, gleich zauberhaften Samenkörnern, schlagen die Töne in uns Wurzeln, und nun treibt's und drängt's mit unsichtbaren Feuerkräften, und im Augenblick rauscht ein Hain mit tausend wunderbaren Blumen, mit unbegreiflich seltsamen Farben empor, unsre Kindheit und eine noch frühere Vergangenheit spielen und scherzen auf den Blättern und in den Wipfeln. Da werden die Blumen erregt und schreiten durcheinander, Farbe funkelt an Farbe, Glanz erglänzt auf Glanz, und all das Licht, der Funkelschein, der Strahlenregen lockt neuen Glanz und neue Strahlen hervor. In den innersten Tiefen in Wollust aufgelöst, in ein Etwas zerronnen und verwandelt, für das wir keine Worte und keine Gedanken haben, das selbst in sich ein Alles, ein höchst beseligendes Gefühl ist, oh, wer vermöchte da noch auf die Dürftigkeiten des Lebens einen Rückblick zu werfen, wer schiede nicht gern und folgte dem Strome, der uns mit sanfter, unwiderstehlicher Gewalt jenseits, jenseits hinüberführt?

Was ist es denn, das mehr als die Gesetze, als die Vernunft und alle Philosophie, so mächtiglich in uns hineinredet? Wie ist die Kraft zu beschreiben, die wie aus vielen Strahlen eines Brennspiegels alle Kraft wie auf einen Punkt vereinigt, und so das Wunderbarste möglich macht? Aller Kampf der streitenden Kräfte, alle widerwärtigen Leidenschaften, sie sind besiegt und zur Ruhe geführt, ein tobendes Meer, mit allem Sturmwinde, das ein gebietender Poseidon herrschend schweigt, das der leierkundige Musengott Phöbus mit dem sanften Anglanz seiner Musenkunst bis auf den tiefsten Grund hinab, in unbegreifliche Beruhigung singt.

Die Musik erregt mächtig in unsrer Brust die Liebe zu den Menschen und zur Welt, sie versöhnt uns mit unsern Feinden, wir dulden auch die Schlimmsten gern, und unser jauchzendes Herz hört nur den Triumphgesang seiner eignen Vergötterung, und unter dem Triumphe nicht die Klagen, das Schelten, den Neid, die jämmerliche Sprache so mancher erdgebornen Kreaturen.

Hier ist der Punkt, auf dem der größte und edelste Mensch, möcht' ich doch beinahe sagen, aus zu großem Edelmute fehlt, und so fällt, daß er sich durch lange Zeiten mit der Erinnerung daran innerlichst kränken kann. Hier ist es, wo es mir deutlich wird, wie die eigentliche Größe auch muß klein und schwach sein können, wie der höchste Edelmut zu allen seinen übrigen Aufopferungen auch noch die hinzufügen muß, sich selbst verleugnen zu können.

Denn in diesen schönen Minuten, in denen wir nur eine Welt von Glanz wahrnehmen, in denen unser Herz so gern die größten Beleidigungen vergibt, ja in denen es mit lächelnder Wehmut und Hingebung das schwerste Schicksal aufnehmen würde, in diesen Augenblicken, wenn die Stimme des gemeinen Lebens in unsre Entzückungen hineinspricht, wenn wir die kleine Bedürftigkeit wahrnehmen, wenn dann Menschen, die unsre Wollust nicht teilen, und nicht wissen, daß sie uns in dieser Stunde beherrscht, auf uns zutreten, so übermeistert uns oft eine plötzliche Ungeduld, ein jäher Zorn durchschneidet alle Wellen des musikalischen Meeres, wir sind heftiger und unbilliger, als wenn uns nur im gewöhnlichen Laufe der Dinge, im gemeinen Leben diese Gestalten beunruhigt hätten, und durch keine Kunst unser Herz erhoben wäre. Wir sinken leider in diesen Momenten unter die gemeinsten Wesen hinab, eben weil wir uns zu erhaben fühlten; oft demütigt uns nachher die Erinnerung, und viele ergeben sich darum ungern dem Rausche, weil sie sich vor sich selber schämen.

Andre verlangen, daß man alle Vorfälle des Lebens, alle schönen und zarten, widrigen und zerreißenden Gefühle in einen Kranz von Blumen und Unkraut flechten soll, von diesem die giftige Spitze abbrechen, und von jenen die glänzendsten Blätter ausreißen. Sie meinen, im Herzen immerwährend die lieblichen Schwingungen aufzubewahren, und immer vom inwendigen musikalischen Genius geschützt zu werden. So wollen sie ihr ganzes Leben in einen tönenden, leise fortfließenden Gesang verwandeln. Diese leben in einer ewigen Obhut über sich selber, sie bewahren ihr Herz vor jeder Aufwallung des Schmerzes als der Entzückung, sie lassen niemals, wie Geisterbeschwörer, die Geister der Leidenschaft in den Kreis hineintreten, den sie um sich gezogen haben. Dabei aber verlieren sie die wahre Lebenskraft, ihr Herz zerarbeitet sich in einer ewigen Zerknirschung, sie sind am Ende der großen Eindrücke gänzlich unfähig. Sie brächten sich gern die Ansicht der Ewigkeit des Himmels, der Vergänglichkeit aller irdischen Güter klar vor den Sinnen, um desto gemächlicher auf ihrer Bahn fortzuschreiten: der Hymnus, den sie anstimmten, sinkt in immer langsamere Töne hinunter, und wird ein Schmachtender, furchtsam schwebender Choralgesang. Eine andre, weit verderblichere und kleinlichere Leidenschaft setzt sich in dem verstimmten Herzen fest, die gemeine Freude, alles mit diesen Waffen überwinden zu können, und sich über die übrigen Menschen erheben zu dürfen. Sie sättigen sich an diesem Eigennutze, und statt zur höhern Menschenliebe geführt zu werden, wie sie anfangs wähnten, verachten sie die Menschen nur um so eigensinniger.

Es ist nicht zu ändern, daß die Welt sich nicht widersprechen sollte, so wie es auch alle Gefühle in uns tun: du vermagst nie ein übereinstimmendes Konzert aus den disharmonierenden Tönen zu bilden. Groß und edel ist der Mensch, wenn er den Widerspruch in jedem Augenblicke fühlt, und doch durch ihn in keinem Augenblicke beleidigt wird: wenn er gern und willig alles in seinem Busen aufnimmt, und sich doch seiner Kräfte nicht überhebt, dann wird er sich und die Eintracht in seinem Busen niemals verletzen; er wird es gern dulden, daß die äußere musikalische Welt mit allen ihren verworrenen Tönen in seine harmonische Fülle hineinschreie, ihm wird immer das Gefühl gegenwärtig bleiben, daß es notwendig so sein müsse, und darum auch so gewißlich gut sei.

Aber wozu nützt es, daß ich diese Gedanken niederschreibe, die mich gerade jetzt beherrschen? Werden diejenigen, die dies lesen, darum milder werden? ja, werden sich diese Vorstellungen nicht auch bei mir wieder verlöschen, und ich bei nächster Gelegenheit dagegen sündigen?

Wahrscheinlich, – ja, ich möchte wohl sagen: gewiß!

Das ist aber das Betrübte bei allem, was wir vornehmen und tun.

Doch, auch das ist notwendig, und darum will ich mich gern zufrieden und zur Ruhe geben.

Stelle dich zufrieden, bedrängte Seele. Irgendeinmal müssen auf irgendeine Art alle Widersprüche gelöst werden: – und dann wirst Du wahrscheinlich finden, daß es gar keine Widersprüche gab.

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