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Phantasien über die Kunst

Wilhelm Heinrich Wackenroder: Phantasien über die Kunst - Kapitel 16
Quellenangabe
typeessay
authorWilhelm Heinrich Wackenroder
titlePhantasien über die Kunst
booktitleRowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft
noteidentisch mit: W. H. Wackenroder und L. Tieck, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, hg. v. Oskar Walzel. Leipzig 1921
volumeBand 22
year1968
senderadlerbird@t-online.de
created20020719
firstpub1799
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Fragment aus einem Briefe Joseph Berglingers

– Neulich, lieber Pater, am Festtag, hab' ich einen köstlichen Abend genossen. Es war ein warmer Sommerabend, und ich ging aus den alten Toren der Stadt hinaus, als eine muntere Musik aus der Ferne mit ihren lockenden Tönen mich an sich spielte. Ich ging ihr durch die Gassen der Vorstadt nach, und ward am Ende in einen großen öffentlichen Garten geführt, der mit Hecken, Alleen und bedeckten Gängen, mit Rasenplätzen, Wasserbecken, kleinen Springbrunnen und Taxuspyramiden dazwischen, gar reichlich ausgeziert, und mit einer Menge buntgeschmückter Leute belebt war. In der Mitte, auf einer grünen Erhöhung, lag ein offenstehender Gartensaal, als der Mittelpunkt des Gewimmels. Ich ging auf dem Platze vor dem Saale, wo es am vollsten war, auf und nieder, und mein Herz ward hier von den fröhlichsten und heitersten Empfindungen besucht.

Auf grünem Rasen saßen die Spieler, und zogen aus ihren Blasinstrumenten die muntersten, lustigsten Frühlingstöne hervor, so frisch, wie das junge Laub, das sich aus den Zweigen der Bäume hervordrängt. Sie füllten die ganze Luft mit den lieblichen Düften ihres Klanges an, und alle Blutstropfen jauchzten in meinen Adern. Wahrlich, sooft ich Tanzmusik höre, fällt es mir in den Sinn, daß diese Art der Musik offenbar die bedeutendste und bestimmteste Sprache führt, und daß sie notwendig die eigentlichste, die älteste und ursprüngliche Musik sein muß.

Neben mir, in den breiten Gängen, spazierten nun alle verschiedenen Stände und Alter der Menschen einher. Da war der Kaufmann von seinem Rechentische, der Handwerksmann von seiner Werkstatt hergekommen; und etliche vornehme junge Herren in glänzenden Kleidern strichen leichtsinnig zwischen den langsameren Spaziergängern durch. Manchmal kam eine zahlreiche Familie mit Kindern jeder Größe, die die ganze Breite des Ganges einnahm; und dann wieder ein siebenzigjähriges Ehepaar, das lächelnd zusah, wie die Schar der Kinder auf dem grünen Grase in trunkenem Mutwillen ihr junges Leben versuchte, oder wie die erwachsenere Jugend sich mit lebhaften Tänzen erhitzte. Ein jeder von allen hatte seine eigne Sorge in seiner Kammer daheim gelassen; keine Sorge mochte der andern gleich sein, – hier aber stimmten alle zur Harmonie des Vergnügens zusammen. Und wenn auch freilich nicht jedem von der Musik und all dem bunten Wesen wirklich im Innern so erfreulich zumute sein mochte als mir, – so war für mich doch diese ganze lebendige Welt in einen Lichtschimmer der Freude aufgelöst, – die Oboen- und Hörnertöne schienen mir wie glänzende Strahlen um alle Gesichter zu spielen, und es dünkte mich, als säh' ich alle Leute bekränzt oder in einer Glorie gehen. – Mein Geist, verklärt durch die Musik, drang durch alle die verschiedenen Physiognomien bis in jedes Herz hinein, und die wimmelnde Welt um mich her kam mir wie ein Schauspiel vor, das ich selber gemacht, oder wie ein Kupferstich, den ich selber gezeichnet so gut glaubte ich zu sehen, was jede Figur ausdrücke und bedeute, und wie jede das sei, was sie sein sollte.

Diese angenehmen Träume unterhielten mich eine ganze Zeitlang fort, – bis sich die Szene veränderte.

Die helle Wärme des Tages ergoß sich allmählich in die dunkle Kühlung der Nacht, die bunten Scharen zogen heim, der Garten ward dunkel, einsam und still, – zuweilen schwebte ein zärtliches Lied vom Waldhorn wie ein seliger Geist in dem milden Schimmer des Mondes daher, – und die ganze, zuvor so lebendige Natur war in ein leises Fieber melancholischer Wehmut aufgelöst. Das Schauspiel der Welt war für diesen Tag zu Ende, – meine Schauspieler nach Hause gegangen, – der Knäuel des Gewühls für heute gelöst. Denn Gott hatte die lichte, mit Sonne geschmückte Hälfte seines großen Mantels von der Erde hinweggezogen, und mit der andern schwarzen Hälfte, worin Mond und Sterne gestickt sind, das Gehäuse der Welt umhängt, – und nun schliefen alle seine Geschöpfe in Frieden. Freude, Schmerz, Arbeit und Streit, alles hatte nun Waffenstillstand, um morgen von neuem wieder loszubrechen: – und so immer fort, bis in die fernsten Nebel der Zeiten, wo wir kein Ende absehen. –

Ach! dieser unaufhörliche, eintönige Wechsel der Tausende von Tagen und Nächten, – daß das ganze Leben des Menschen, und das ganze Leben des gesamten Weltkörpers nichts ist, als so ein unaufhörliches, seltsames Brettspiel solcher weißen und schwarzen Felder, wobei am Ende keiner gewinnt als der leidige Tod, – das könnte einem in manchen Stunden den Kopf verrücken. – Aber man muß durch den Wust von Trümmern, worauf unser Leben zerbröckelt wird, mit mutigem Arm hindurchgreifen, und sich an der Kunst, der Großen, Beständigen, die über alles hinweg bis in die Ewigkeit hinausreicht, mächtiglich festhalten, – die uns vom Himmel herab die leuchtende Hand bietet, daß wir über dem wüsten Abgrunde in kühner Stellung schweben, zwischen Himmel und Erde! – –

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