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Phantasien über die Kunst

Wilhelm Heinrich Wackenroder: Phantasien über die Kunst - Kapitel 15
Quellenangabe
typeessay
authorWilhelm Heinrich Wackenroder
titlePhantasien über die Kunst
booktitleRowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft
noteidentisch mit: W. H. Wackenroder und L. Tieck, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, hg. v. Oskar Walzel. Leipzig 1921
volumeBand 22
year1968
senderadlerbird@t-online.de
created20020719
firstpub1799
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Von den verschiedenen Gattungen in jeder Kunst, und insbesondere von verschiedenen Arten der Kirchenmusik

Es kommt mir allemal seltsam vor, wenn Leute, welche die Kunst zu lieben vorgeben, in der Poesie, der Musik, oder in irgendeiner andern Kunst, sich beständig nur an Werke von einer Gattung, einer Farbe halten, und ihr Auge von allen andern Arten wegwenden. Hat gleich die Natur diejenigen, welche selbst Künstler sind, mehrenteils so eingerichtet, daß sie sich nur in einem Felde ihrer Kunst ganz wie zu Hause fühlen, und nur auf diesem ihrem vaterländischen Boden Kraft und Mut genug haben, selber zu säen und zu pflanzen; so kann ich doch nicht begreifen, wie eine wahre Liebe der Kunst nicht alle ihre Gärten durchwandern, und an allen Quellen sich freuen sollte. Es wird ja doch niemand mit halber Seele geboren! – Aber freilich, – wiewohl ich es kaum über das Herz bringen kann, die allgütige Natur so zu schmähen, – es scheinen viele der heutigen Menschen mit so sparsamen Funken der Liebe begabt zu sein, daß sie dieselbe nur auf Werke von einer Art aufwenden können. Ja, sie sind stolz in ihrer Armut; aus trägem Dünkel verachten sie es, den Geist auch in der Betrachtung anderer Schönheiten zu üben; sie machen sich ein desto größeres Verdienst aus der engen Beschränkung auf gewisse Lieblingswerke, und glauben diese desto edler und reiner zu lieben, je mehr andre Werke sie verachten.

So ist es sehr häufig, daß einige bloß an fröhlichen und komischen, andre bloß an ernsthaften und tragischen Sachen Gefallen zu finden sich bestreben. Wenn ich aber das Gewebe der Welt unbefangen betrachte, so sehe ich, daß das Schicksal seinen Weberspul nur so hin oder so hin zu werfen braucht, um in denselben Menschenseelen im Augenblick ein Lustspiel oder Trauerspiel hervorzubringen. Daher scheint es mir natürlich, daß ich auch in der Welt der Kunst mich und mein ganzes Wesen ihrem waltenden Schicksale willig hingebe. Ich löse mich los von allen Banden, segle mit flatternden Wimpeln auf dem offenen Meere des Gefühls, und steige gern, wo immer der himmlische Hauch von oben mich heranwehet, ans Land.

Wenn jemand die Frage aufwerfen wollte: ob es schöner sei, in der kleinen Winterstube, beim Licht, in einem herrlichen Kreise von Freunden zu sitzen, – oder schöner, einsam auf hohen Bergen die Sonne über köstliche Fluren scheinen zu sehen: – was sollte man antworten? Wer in seiner Brust ein Herz verwahrt, dem am wohlsten ist, wenn es sich heiß erwärmen, und je höher je lieber pochen und schlagen kann, der wird jede schöne Gegenwart mit Entzücken an sich reißen, um sein liebes Herz in diesem Zittern der Seligkeit zu üben.

Hierin sind mir die glücklichen Männer, welche vom Himmel zur Stola und zur Priesterweihe auserwählt sind, ein treffliches Vorbild. Ein solcher Mann, dem das, worauf die andern Menschen nicht Zeit genug verwenden können, (weil der Schöpfer das Wesen der Welt allzu reichhaltig eingerichtet hat), zum schönen Geschäfte gemacht ist, nämlich seine Augen unverwandt auf den Schöpfer zu richten, – so daß die kleineren Bäche des Danks und der Andacht aus allen umgebenden Wesen in ihn als in einen Strom sich vereinigen, der unaufhörlich ins Meer der Ewigkeit ausströmt: – ein solcher Mann findet überall im Leben schöne Anlässe, seinen Gott zu verehren und ihm zu danken; er schlägt allerorten Altäre auf, und seinen verklärten Augen leuchtet das wundervolle Bildnis des Schöpfers aus allen verworrenen Zügen in den Dingen dieser Welt hervor. – Und so, dünkt mich, denn die Herrlichkeit der Kunst hat mich zu einem kühnen Gleichnisbilde verleitet, – so sollte auch derjenige beschaffen sein, welcher mit aufrichtigem Herzen vor der Kunst niederknieen, und ihr die Huldigung einer ewigen und unbegrenzten Liebe darbringen wollte. –

In der herrlichen Kunst, die der Himmel bei meiner Geburt wohltätig für mich ausgesucht hat, (wofür ich ihm, solang ich lebe, dankbar bin), ist es mir seit jeher so gegangen, daß diejenige Art der Musik, die ich gerade höre, mir jedesmal die erste und vortrefflichste zu sein scheint, und mich alle übrigen Arten vergessen macht. Wie ich denn überhaupt glaube, daß das der eine Genuß, und zugleich der echte Prüfstein der Vortrefflichkeit eines Kunstwerks sei, wenn man über dies eine alle andern Werke vergißt, und gar nicht daran denkt, es mit einem andern vergleichen zu wollen. Daher kommt es, daß ich die verschiedensten Arten in der Tonkunst, als zum Beispiel die Kirchenmusik, die Musik zum Tanze, mit gleicher Liebe genieße. Doch kann nicht leugnen, daß die hervorbringende Kraft meiner Seele mehr nach der ersteren hinneigt und auf dieselbe sich einschränkt. Mit ihr beschäftigte ich mich am meisten, und von ihr will ich hier jetzt ausschließlich mit einigen Worten meine Meinung sagen.

Nach dem Gegenstande zu urteilen, ist die geistliche Musik freilich die edelste und höchste, so wie auch in den Künsten der Malerei und Poesie der heilige, gottgeweihete Bezirk dem Menschen in dieser Hinsicht der ehrwürdigste sein muß. Es ist rührend zu sehen, wie diese drei Künste die Himmelsburg von ganz verschiedenen Seiten bestürmen, und mit kühnem Wetteifer untereinander kämpfen, dem Throne Gottes am nächsten zu kommen. Ich glaube aber wohl, daß die vernunftreiche Muse der Dichtkunst, und vorzüglich die stille und ernste Muse der Malerei, ihre dritte Schwester für die allerdreisteste und verwegenste im Lobe Gottes achten mögen, weil sie in einer fremden, unübersetzbaren Sprache, mit lautem Schalle, mit heftiger Bewegung, und mit harmonischer Vereinigung einer ganzen Schar lebendiger Wesen, von den Dingen des Himmels zu sprechen wagt.

Allein auch diese heilige Muse redet von den Dingen des Himmels nicht beständig auf einerlei Art, sondern hat vielmehr ihre Freude daran, Gott auf ganz verschiedene Weise zu loben, – und ich finde, daß jegliche Art, wenn man deren wahre Bedeutung recht verstehet, ein Balsam für das menschliche Herz ist.

Bald geht sie in muntern, fröhlichen Tönen daher, läßt sich von einfachen und heiteren, oder auch von zierlichen und künstlichen Harmonien in allerlei liebliche, wohlklingende Irrgänge leiten, und lobt Gott nicht anders, als Kinder tun, welche vor ihrem guten Vater an seinem Geburtstage eine Rede oder einen dramatischen Aktus halten, da sich denn jener wohl gefallen lässet, wenn sie ihm ihren Dank mit kindlicher, unbefangener Munterkeit beweisen, und im Danken zugleich eine kleine Probe ihrer Geschicklichkeiten und erlangten Künste ablegen. Oder man kann auch sagen, daß diese Art der Kirchenmusik den Charakter derjenigen Menschen ausdrückt, welche sich gern mit vielen muntern und artig gesetzten Worten über die Größe Gottes auslassen mögen, welche sich verwundern und herzlichlächelnd sich darüber freuen, daß Er um so vieles größer ist als sie selber. Sie kennen keine andre Erhebung der Seele als eine fröhliche und zierliche; sie wissen in ihrer Unschuld für Ihn keine andere und bessere Sprache des Lobes und der Verehrung, als die sie gegen einen edlen menschlichen Wohltäter gebrauchen, und sie sind nicht verlegen, von den kleinsten Freuden und Genüssen des Lebens mit leichter Fertigkeit zu dem Gedanken an den Vater des Weltalls überzugehen. – Diese Art der Kirchenmusik pflegt die häufigste und beliebteste zu sein, und sie scheint wirklich das Gemüt des größten Teils der Menschheit vorzustellen. Eine andre, erhabene Art ist nur wenigen auserwählten Geistern eigen. Sie sehen ihre Kunst nicht, (wie die meisten tun,) als ein bloßes Problem an, aus den vorhandenen Tönen mancherlei verschiedene, wohlgefällige Tongebäude nach Regeln zusammenzusetzen, und nicht dies Gebäude ist ihr höchster Zweck; – sie gebrauchen vielmehr große Massen von Tönen als wunderbare Farben, um damit dem Ohre das Große, das Erhabene und Göttliche zu malen. – Sie achten es unwürdig, den Ruhm des Schöpfers auf den kleinen flatternden Schmetterlingsflügeln kindlicher Fröhlichkeit zu tragen, sondern schlagen die Luft mit breiten mächtigen Adlersschwingen. – Sie ordnen und pflanzen nicht die Töne wie Blumen in kleine regelmäßige Beete, worin wir zunächst die geschickte Hand des Gärtners bewundern; sondern sie schaffen große Höhen und Täler mit heiligen Palmwäldern, die unsre Gedanken zunächst zu Gott erheben. – Diese Musik schreitet in starken, langsamen, stolzen Tönen einher, und versetzt dadurch unsre Seele in die erweiterte Spannung, welche von erhabenen Gedanken in uns erzeugt wird, und solche wieder erzeugt. Oder sie rollt auch feuriger und prachtvoller unter den Stimmen des vollen Chors, wie ein majestätischer Donner im Gebirge, umher. – Diese Musik ist jenen Geistern ähnlich, welche von dem allmächtigen Gedanken an Gott so ganz über alle Maße erfüllt sind, daß sie die Schwäche des sterblichen Geschlechtes darüber ganz vergessen, und dreist genug sind, mit lauter, stolzer Trompetenstimme die Größe des Höchsten der Erde zu verkündigen. Im freien Taumel des Entzückens glauben sie das Wesen und die Herrlichkeit Gottes bis ins Innerste begriffen zu haben; sie lehren ihn allen Völkern kennen, und loben ihn dadurch, daß sie mit aller Macht zu ihm hinaufstreben, und sich anstrengen, ihm ähnlich zu werden. –

Aber es gibt noch einige stille, demütige, allzeit büßende Seelen, denen es unheilig scheint, zu Gott in der Melodie irdischer Fröhlichkeit zu reden, denen es frech und verwegen vorkommt, seine ganze Erhabenheit kühn in ihr menschliches Wesen aufzunehmen: – auch ist jene Fröhlichkeit ihnen unverständlich, und zu dieser dreisten Erhebung mangelt ihnen der Mut. Diese liegen mit stets gefalteten Händen und gesenktem Blick betend auf den Knien und loben Gott bloß dadurch, daß sie mit der beständigen Vorstellung ihrer Schwäche und Entfernung von ihm, und mit der wehmütigen Sehnsucht nach den Gütern der reinen Engel, ihren Geist erfüllen und nähren. – Diesen gehört jene alte, choralmäßige Kirchenmusik an, die wie ein ewiges « Miserere mei Domine!» klingt, und deren langsame, tiefe Töne gleich sündenbeladenen Pilgrimen in tiefen Tälern dahinschleichen. – Ihre bußfertige Muse ruht lange auf denselben Akkorden; sie getraut sich nur langsam die benachbarten zu ergreifen; aber jeder neue Wechsel der Akkorde, auch der allereinfachste, wälzt in diesem schweren, gewichtigen Fortgange unser ganzes Gemüt um, und die leise-vordringende Gewalt der Töne durchzittert uns mit bangen Schauern, und erschöpft den letzten Atem unsers gespannten Herzens. Manchmal treten bittere, herzzerknirschende Akkorde dazwischen, wobei unsre Seele ganz zusammenschrumpft vor Gott; aber dann lösen kristallhelle, durchsichtige Klänge die Bande unsers Herzens wieder auf, und trösten und erheitern unser Inneres. Zuletzt endlich wird der Gang des Gesanges noch langsamer als zuvor, und von einem tiefen Grundton, wie von dem gerührten Gewissen festgehalten, windet sich die innige Demut in mannigfach-verschlungenen Beugungen herum, und kann sich von der schönen Bußübung nicht trennen, – bis sie endlich ihre ganze aufgelöste Seele in einem langen, leise-verhallenden Seufzer aushaucht. –

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