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Phantasien über die Kunst

Wilhelm Heinrich Wackenroder: Phantasien über die Kunst - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
authorWilhelm Heinrich Wackenroder
titlePhantasien über die Kunst
booktitleRowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft
noteidentisch mit: W. H. Wackenroder und L. Tieck, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, hg. v. Oskar Walzel. Leipzig 1921
volumeBand 22
year1968
senderadlerbird@t-online.de
created20020719
firstpub1799
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Die Farben

Sooft ich in die wunderbare Welt hineinblicke, und mir vorstelle, ich schaute sie zum erstenmale an, so verwundre ich mich jedesmal über die unendliche Mannigfaltigkeit der Formen, über die verschiedenartigen Gebärden, die jedes andre Wesen unter den übrigen macht. Wie alles Lebendige und Leblose, Kreatur, Fels, Baum, Gesträuch, sich mannigfaltig bewegt und rührt, wie es andrer Organisation dasteht und das wirkende Leben in ihm Zweige und Blätter hervortreibt, oder in Gliedern, in Flossen, in Flügeln auseinanderstrebt. Die Pflanzenwelt und das Steinreich hängt mit Seel und Leib unmittelbar mit der alles erzeugenden Erde zusammen. Die Menschen und das Tiergeschlecht machen einen für sich bestehenden Staat, sie erzeugen sich in ununterbrochener Folge durch sich selbst, sie rufen nur die übrige Natur in ihrer Existenz zur Hülfe.

Aber noch seltsamer fällt es mir auf, wenn ich die unterschiedlichen Farben betrachte, wodurch alle Gegenstände noch mehr getrennt, und denn gleichsam wieder verwandt und befreundet werden. Ein unbegreiflich geistiges Wesen zieht sich als freundliche Zugabe über alle sichtbaren Gegenstände, es ist nicht die Sache selbst und doch unzertrennlich. Wie wunderschön und bunt steht nun der grüne Wald mit seinen Bäumen, mit seinen heimlichen Blumen, mit seinen lebendigen Kreaturen und gefärbten Vögeln da! Der Sonnenschein irrt und funkelt hinein, leuchtet und betrachtet sich gefällig auf jedem Blatte, auf jedem Grashalm. Dabei kein stummes, einsames Schweigen: der ermunternde Wind zieht durch die Baumwipfel und rührt alle Blätter als eben so viele Zungen an, der Baum schüttelt sich vor Freude, und wie in einer Harfe regen sich und rauschen unsichtbare Finger, Die jubelnden Vögelein werden zu Gesängen angefrischt, tausend Klänge und Stimmen irren und verwirren sich durcheinander und eifern mit Gesangesheftigkeit; das Wild verschweigt nicht seine Lust, aus den Wolken hernieder die Lerchen, dazu die Bächlein, die wie stille Seufzer des Entzückens auf der niedern Erde fortrollen, welcher Geist, welche Freundschaft rührt die unsichtbaren, verborgenen Springfedern an, daß alles sich mit unermeßlicher Mannigfaltigkeit zu Gesang und Klang ergießt?

Wie soll ich aber den Glanz des Abend-, des Morgenrotes beschreiben! Wie den rätselhaften Mondschimmer und die wiederspiegelnden Gluten in Bach und Strom! Um Schmetterlinge, um Blumen spinnt sich der rote, blanke Glanz und bleibt fest, die Traube, die Kirsche werden vom weichen Abendrot befühlt und bespiegelt, und in dem grünen Laube hängen grell die roten Früchte. Beim Steigen, beim Sinken der Sonne, beim Schimmer des Mondes ist die Natur in einer raschen, unwillkürlichen Entzückung, in der sie noch freigebiger ist, noch weniger spart, und wie ein Pfau in stolzer Pracht allen Schmuck mit inniger Freude rauschend auseinanderschlägt. Unter den Tönen der Natur kann ich nichts als das Schmettern und Flöten der Nachtigall damit vergleichen, die einem Echo gegenüber singt.

So spreitet die ganze Natur dem Sonnenglanze Netze entgegen, um die funkelnden Schimmer festzuhalten und aufzufangen. So erscheint mir die Tulpe als vergängliche Mosaik von flimmernden Abendstrahlen, die Früchte saugen den Schein in sich, und bewahren ihn fröhlich auf, solange die Zeit es ihnen gönnt: wie die Bienen den Honig suchen, so wiegen sich Schmetterlinge in den lauen Lüften, und stehlen von der Sonne manchen Kuß bis sie mit Himmelblau, mit Purpurrot und goldenen Streifen erglänzen. So spielt die Natur mit sich selbst in ewig reger, bewegter Klarheit. Wenn Wolken über die Sonne ziehn, dann entfliehn alle flammenden Lichter, der Glanz in Bäumen und Blumen erlischt, die Farben stehn matter: Schatten und Schwärze vertilgen und dämpfen das Jauchzen, die triumphierende Freude der brennenden Welt.

Aber dennoch regiert gleichsam in den untersten, geheimsten Tiefen der Erde eine andre, unsichtbare Sonne. Wie ein furchtbarer Pluto waltet und belebt sie in ihrem grausen Orkus. Da erglänzen die Kristalle, sie läßt seltne Strahlen an die Gold- und Silbererze anflimmern, mit sparsamem Schimmer schmückt sie ihr unergründliches, unzugängliches Reich aus. Die abgelegenen Brunnen rieseln unterirdisch eine Totenmelodie. Der Mensch holt aus den Schlüften die Edelsteine heraus, und macht ihnen aus ihrem Sarge Platz, daß die oberirdische Sonne sie bescheinen kann, dann funkeln und glänzen sie mit tausend Strahlen, und nehmen oft sein törichtes Herz gefangen. Die Gold- und Silbererze werden ausgeschmolzen und poliert, und nachgeahmte Sonnen rund daraus geprägt; oft fühlt er sich nach diesen mit allen Sinnen hingezogen, vergißt das Morgen- und Abendrot, die Natur den grünenden Wald, der Vögelein Gesang und sie mit ihrem verführenden Klang, ihrer Sirenenstimme sind ihm Gesang und Sonnenpracht, er stellt sie mit ihrem Funkelschein zu seinen Götzen auf, und leblose Metallstücke behandeln ihn wie ihren gedungenen Sklaven.

Die Musik hat das Schönste der Naturtöne gesammelt und veredelt, sie hat sich Instrumente gebaut, aus Metall und Holz, und der Mensch kann nun willkürlich eine Schar von singenden Geistern erregen, sooft er will; die Kunst beherrscht das große, wunderbare Gebiet. Die wollüstige Phantasie hofft, einst einen noch höhern überirdischen Gesang der Sphären anzutreffen, gegen den alle hiesige Kunst roh und unbeholfen ist.

Die Malerei hat aus Pflanzen, aus Tieren und Steinen die Farben an sich selbst erbeutet, und ahmt nun und verschönert Gestalt und Färbung der wirklichen Natur. Die Künstler haben große und wunderbare Werke erschaffen; allein der Maler kann auch wie der Musiker hoffen, vielleicht einst die großen, erhabenen Urbilder zu seinen Bildungen anzutreffen, die sich körperlos in den schönsten Formen bewegen.

Farbe ist freundliche Zugabe zu den Formen in der Natur, Töne sind wieder Begleitung der spielenden Farbe. Die Mannigfaltigkeit in Blumen und Gesträuchen ist eine willkürliche Musik im schönen Wechsel, in lieber Wiederholung: die Gesänge Vögel, der Klang der Gewässer, das Geschrei der Tiere ist gleichsam wieder ein Baum- und Blumengarten: die lieblichste Freundschaft und Liebe schlingt sich in glänzenden Fesseln um alle Gestalten, Farben und Töne unzertrennlich. Eins zieht das andre magnetisch und unwiderstehlich an sich.

Die menschliche Kunst trennt Skulptur, Malerei und Musik, jede besteht für sich, und wandelt ihren Weg. Aber immer ist mir vorgekommen, als wenn die Musik für sich in einer abgeschlossenen Welt leben könnte, nicht aber so die Malerei: zu jeder schönen Darstellung mit Farben gibt es gewiß ein verbrüdertes Tonstück, das mit dem Gemälde gemeinschaftlich nur eine Seele hat. Wenn dann die Melodie erklingt, so zucken gewiß noch neue Lebensstrahlen in dem Bilde auf, eine gewaltigere Kunst spricht uns aus der Leinwand an, und Ton und Linie und Farbe dringen ineinander, und vermischen sich mit inbrünstiger Freundschaft eins. Dann hätten wir wohl die Kunst als Gegenstück zur als höchst verschönerte Natur, von unserer reinsten und höchsten Empfindung eingefaßt, vor uns. Darum geschieht es wohl, dass in Kirchen zuweilen selbst unbedeutende Bilder so wundersam uns hineinsprechen, und wie mit einer lebendigen Seele zu uns hinatmen, verwandte Töne verscheuchen den toten Stillstand, und erregen in allen Linien und Farbenpunkten ein Gewimmel von Leben. Die Skulptur will nur die Formen ausdrücken, sie verschmäht Farbe und Sprache, sie ist zu idealisch, um etwas mehr zu wollen, als sie selber ist. Die Musik ist der letzte Geisterhauch, das feinste Element, aus dem die verborgensten Seelenträume, wie aus einem unsichtbaren Bache ihre Nahrung ziehn; sie spielt um den Menschen, will nichts und alles, sie ist ein Organ, feiner als die Sprache, vielleicht zarter als seine Gedanken, der Geist kann sie nicht mehr als Mittel, als Organ brauchen, sondern sie ist Sache selbst, darum lebt sie und schwingt sich in ihren eignen Zauberkreisen. Die Malerei aber steht zu unschuldig und fast verlassen in der Mitte. Sie geht darauf aus, uns als Form zu täuschen, sie will das Geräusch, das Gespräch der belebten Welt nachahmen, sie strebt, lebendig sich zu rühren, alle Kraft ist angeregt, aber doch ist sie unmächtig und ruft die Musik um Hülfe, um ihr ein großes Leben, Bewegung und Kraft zu leihen. Darum ist es so schwer, ja fast unmöglich, ein Gemälde zu beschreiben, die Worte bleiben tot, und erklären selbst in der Gegenwart nichts: sobald die Beschreibung echt poetisch ist, so erklärt sie oft, und ruft ein neues Entzücken, ein fröhliches Verständnis aus dem Bilde hervor, weil sie wie Musik wirkt, und durch Bilder und glänzende Gestalten und Worte die verwandte Musik der Töne ersetzt.

Wer leugnet es, daß sie auch an sich große Zwecke erfüllt? Sogar eine einzelne Blume in der Natur, ein einzelnes abgerissenes Blumenblatt kann uns entzücken. Es ist nicht sonderbar, daß wir an der bloßen Farbe ein Wohlgefallen äußern. In den abgesonderten Farben sprechen die verschiedenen Naturgeister, wie die Himmelsgeister in den verschiedenen Tönen der Instrumente. Wir können nicht aussprechen, wie uns jede Farbe bewegt und rührt denn die Farben selbst sprechen in zarterer Mundart zu uns: Es ist der Weltgeist, der sich daran freut, sich auf tausend Wegen zu verstehn zu geben und doch zugleich zu verbergen; die abgesonderten Farben sind seine einzelnen Laute, wir horchen aufmerksam darauf hin, wir merken wohl, daß wir etwas vernehmen, doch können wir keinem andern, uns selber nicht Kunde davon bringen; aber eine geheime magische Freude durchströmt uns, wir glauben uns selbst zu erkennen, und uns einer alten, unendlich seligen Geisterfreundschaft zu erinnern.

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