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Pfaffenspiegel

Otto von Corvin: Pfaffenspiegel - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Corvin
titlePfaffenspiegel
year1885
firstpub1845
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VII

Der Beichtstuhl

Mensch bleibt Mensch,
und ein Pfaffe vorzüglich.
La Fontaine

Einer der sinnreichsten und verderblichsten Erfindungen der römischen Kirche ist die Ohrenbeichte. Mit Hilfe derselben hat sie lange die Welt regiert ohne große Kosten und Beschwerden, über den hohen Wert derselben herrscht nur eine Stimme, und selbst der Ketzer Marnix von St. Aldegonde meinte schon vor dreihundert Jahren, daß dieselbe der Kirche nehmen, ihr die Augen ausstechen heiße. Er sagte nämlich: »– denn diese Ohrenbeichte ist ihr unzweifelhaft ein Paar Augen wert: nämlich das eine braucht sie, um alle Heimlichkeiten und verborgenen Anschläge aller Könige und Fürsten dieser Welt zu erfahren, wodurch sie in den friedlichen Besitz aller Regierungen und Herrschaften gekommen ist. Das andere gebraucht sie, um damit in die Busen der jungen Mädchen und getrübten Frauen zu sehen und zu tasten und dadurch ihre Heimlichkeiten zu ergründen und zu erfahren und ihnen darnach solche liebe Buße aufzuerlegen, daß ihre geängstigten Gewissen getröstet und ihre Herzen merklich erleichtert werden. O wie manchmal haben die heiligen Pfaffen und Mönche den betrübten und unfruchtbaren Weibchen in ihrer Ohrenbeichte so guten Rat gegeben, daß sie dadurch bald fröhliche Mütter geworden sind und von derselben Zeit an zu ihren heiligen Beichtvätern solche innige Liebe wie zu ihren eigenen Männern selbst bekommen haben.«

Ich habe schon in den vorhergehenden Kapiteln hin und wieder von der Beichte geredet. Ich will mir nicht die unnütze Mühe geben, zu beweisen, daß die Ohrenbeichte ihre Rechtfertigung nicht in den Evangelien findet, denn die zu ihren Gunsten angeführten Stellen begründen sie ungefähr in derselben Weise wie mit der Stelle des Psalms »Lobet den Herrn mit Pauken« das Geißeln. Die Ohrenbeichte war eben, wie das Fegefeuer und andere sinnreiche Erfindungen ähnlicher Art, eines der vielen Mittel, durch welche sich die römische Kirche die Herrschaft über die Menschen erwarb.

Das Beichtgeheimnis sollte heilig gehalten werden; allein die Jesuiten hatten darüber ihre besondere Ansicht, und es ist bewiesen, daß sie den Inhalt der Beichte ihren Vorgesetzten mitteilten, besonders wenn sie für die Erhaltung und das Beste ihres Ordens zweckmäßig erschien. Um überall zu herrschen und die Fäden der Regierung in der Hand zu haben, waren sie stets auf das eifrigste bestrebt, zu bewirken, daß Jesuiten als Beichtväter regierender Fürsten oder sonstiger sehr einflußreicher Personen angestellt wurden. Da sie in bezug auf Sünden sehr spitzfindig und tolerant waren, so nahm man sie auch gerne als Beichtväter an.

Jesuiten durften nichts schreiben und veröffentlichen ohne Zustimmung ihrer Vorgesetzten; was also von irgendeinem dem Orden Angehörigen veröffentlicht wurde, kann als ein Ausdruck der in demselben gutgeheißenen Ansicht betrachtet werden. Obwohl ich aus den Werken der Jesuiten eine sehr reichhaltige, interessante Auswahl von Stellen treffen könnte, über deren Moral sich jeder rechtliche Mensch entsetzen würde, so begnüge ich mich doch damit, nur einige wenige anzuführen, die hinreichend begründen, weshalb die Jesuiten als Beichtväter gern gewählt wurden.

»Die erste Regel sei: Sooft Worte ihrer Bedeutung nach zweideutig sind oder verschiedene Sinne zulassen, ist es keine Lüge, selbige in dem Sinne zu gebrauchen, den der Sprechende mit ihnen verbinden will; obschon die Zuhörenden und der, dem man schwört, selbige in einem anderen Sinne nehmen – ja, ob auch der Sprechende von keiner gerechten Sache geleitet werde.« (Sanchez opus mor. Lib. I. cap. 9 n. 13 pag. 26.)

Zwei Seiten später, nachdem der gelehrte Jesuit verschiedene Arten erlaubter Lügen ausgeführt hat, sagt er: »Ja, es ist dies von großem Nutzen, um vieles verdecken zu können, was verdeckt werden muß, aber ohne Lüge nicht verdeckt werden könnte, wenn nicht diese Art und Weise gestattet wäre. Man hat aber gerechte Ursache, sich solcher Zweideutigkeiten zu bedienen, sooft dies notwendig und nützlich ist, um das Heil des Körpers, die Ehre und das Vermögen zu schützen, oder zur Übung irgendeiner anderen Tugend

»Es ist erlaubt, denjenigen zu töten, von dem man gewiß weiß, daß er sofort einem nach dem Leben stellt, so daß eine Frau z. B., wenn sie weiß, daß sie in der Nacht von ihrem Manne getötet wird und nicht entfliehen kann, jenem zuvorkommen darf.«

Und weiterhin:

»Sooft jemand zufolge des oben Gesagten ein Recht hat, einen anderen zu töten, dann kann dies auch ein anderer für ihn tun, wenn dies die christliche Liebe anrät.« (Busenbaum: Med. Theolog. mor. L. III. Tract. IV. D. V. et VIII. Praec. n. X. ibid.)

»Ist einem Beichtvater, der eine Frau oder einen Mann zu verzeihlichen bösen Handlungen verlockt, das Begehen einer schweren Schuld beizumessen? – Die Hände oder die Brüste einer Frau zu berühren, mit den Fingern zu kneifen und zu zwacken, das sind in betreff der Keuschheit läßliche Sünden, wenn es zur bloßen Ergötzlichkeit ohne weitere Absicht oder Gefahr der Befleckung vorgenommen wird.« (Escobar: Theol. mor. Tract. V. Exam II. Cap. V. n. 110 pag. 608.)

»Wie verhält es sich rücksichtlich des Beischlafes mit der Verlobten eines anderen?« – »Er überschreitet nicht die gewöhnliche Hurerei, weil sie noch nicht die Frau jenes Mannes ist.« (ibid. Tract. I. pag. 141.)

»An mortiferum, virile membrum in os uxoris immittere? Negat Sanchez tom. 3 de Matr. tom 3 lib. 9 d. 17. n. 15. At cum aliis auderem objicere tanto Doctori, id non esse simpliciter osculum pudendorum, sed quendam ad peccatum diversae speciei, id est, praeposteram venerem ausum.« (Escobar: Theol. mor. Tract. I. Exam VIII. Cap. III. n. 69. pag. 148.)

»Wer nur äußerlich geschworen hat, ohne den Vorsatz ›zu schwören‹, ist nicht gebunden (es sei denn des etwaigen Skandales wegen), da er nicht geschworen hat, sondern (mit dem Eide) gespielt hat.« (Busenbaum: Medull. Theol. lib. III. Tract. II. De II. Dec. Praec. dubium IV. – An in juramento liceat uti aequivocatione n. V. pag. 143.)

»Ist derjenige, der zum ersten Male Hurerei treibt, verbunden, diesen Umstand in der Beichte zu entdecken? – Jungfrauen sind hierzu wegen der Defloration verbunden; aber Jünglinge nicht.« So meint Suarez. Jedoch halte ich es mit Vasquez für wahrscheinlicher, daß auch eine Jungfrau nicht dazu verbunden ist, sei es selbst, daß sie noch unter elterlicher Gewalt stehe, da, wenn die Jungfrau freiwillig einwilliget, ihre Hurerei keine Schändung ist; sie begeht kein Unrecht, weder gegen sich selbst, noch gegen ihre Eltern, da sie die Herrin ihrer Jungfrauschaft ist. (Escobar: Theol. mor. Exam. II. Cap. VI. n. 41. pag. 13.)

»Die Fehler eines Fürsten können, vornehmlich im zarten Alter, durch gute Erziehung gebessert werden (wodurch oft verdorbene Naturen gezügelt und umgewandelt worden sind). Aber wenn dies nicht gehen sollte und Bitten und Mühen erfolglos bleiben, so halte ich dafür, daß man sie übersehe, soweit dies das öffentliche Wohl gestattet und die verderbten Sitten des Fürsten nur Privatsachen berühren; dagegen wenn er den Staat in Gefahr bringt, wenn er sich als Verächter der väterlichen Religion zeigt und sich nicht bessern will, so halte ich dafür, daß man ihn ab- und einen anderen einsetze, was, wie wir wissen, in Spanien nicht bloß einmal geschehen ist. Wie ein gereiztes Tier muß er durch alle Geschosse angegriffen werden, weil er die Menschlichkeit verleugnet und zum Tyrannen geworden ist.« (Mariani: de rege et regis institutione lib. I. Cap. III.)

»Ob es erlaubt ist, einen Tyrannen mit Gift zu töten? – Es ist rühmlich, dieses ganze pestartige und verderbliche Geschlecht aus der Gesellschaft der Menschen zu vertilgen. – – Und Beispiele solcher Morde gibt es viele, sowohl in alter als neuer Zeit. Es ist zwar schwer, einem Fürsten Gift zu mischen, indem er von seinem Hofe umgeben ist und zudem die Speisen vorher kosten läßt. Wenn sich aber dazu eine günstige Gelegenheit darbietet, wer sollte da so spitzfindig und subtil sein, daß er unter beiden Todesarten einen Unterschied zu machen suchte?« (Mariani ibid.Die Erlaubnis, dies Buch zu drucken, lautet:

Stephanus Hojeda Visitator Societatis in provincia Toletana, potestate facta a nostro patre Generali Claudio Aquaviva, do facultatem, ut imprimantur libri tres, quos de Rege et Regis institutione composuit P. Johannes Mariana, eiusdem Societatis, quippe approbatos prius a viris doctis et gravibus ex eodom nostro ordine. In cuius rei fidem has literas dedi meo nomine subscriptas, et mei officii sigillo munitas. Madriti in collegio nostro quarto Nonos DecembriS MDLXXXXVIII.

Stephanus Hojeda, Visitator.

)

Diese Proben der Jesuitenmoral, die ich bedeutend vermehren könnte, auf den Beichtstuhl angewandt, erklären es hinlänglich, warum Jesuiten als Beichtväter Glück machten. Der Beichtstuhl wurde zur Erreichung politischer und kirchlicher Zwecke benutzt, aber hauptsächlich diente er den Pfaffen dazu, ihre Lüsternheit zu befriedigen.

Schon im Jahre 428 hatte Papst Cölestin es für nötig gefunden, Strafe darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht verführten. Dergleichen Fälle kamen unendlich oft vor, und mit diesen Beichtstuhlgeschichten könnte man Folianten füllen.

Poggio Bracciolini, von dem ich schon früher redete, erzählt, daß die Beichtstühle dazu benutzt wurden, die Mädchen und verheirateten Frauen zu verführen. Beichtete eine derselben, daß sie sich eine fleischliche Schwachheit habe zuschulden kommen lassen, so kam es sehr häufig vor, daß ihr der fromme Beichtvater die unzüchtigsten Anträge machte. Um sich das Verführungswerk zu erleichtern, verfehlten sie denn nicht, den lüsternen Kindern recht überzeugend vorzureden, daß ein bißchen Unzucht mit einem frommen Geistlichen so gut wie nichts zu bedeuten habe und daß die Sünde hundertmal kleiner sei, als wenn sie mit einem fremden Ehemanne begangen würde.

Ansiniro, ein Augustinereremit zu Padua, hatte alle seine Beichttöchter verführt. Die Sache wurde ruchbar und er deshalb angeklagt. Vor Gericht drang man sehr ernstlich in ihn, alle diejenigen anzugeben, welche ihm den Willen getan. Er nannte eine große Menge von Mädchen und Frauen aus den angesehensten Familien, stockte dann aber plötzlich und wollte nicht weiterreden. Der Sekretär, der ihn vernahm, bedrohte ihn mit den härtesten Strafen, wenn er nicht die Wahrheit reden und in seinem Bekenntnis fortfahren werde. So gedrängt, nannte der Pater auch den Namen, welchen er verschweigen wollte, und man kann sich die Überraschung des Sekretärs denken, als er den seiner eigenen, für so tugendhaft gehaltenen Frau hörte!

Hin und wieder kamen die Pfaffen auch schlimm an. Ein Priester, dem eine hübsche Frau beichtete, fand den Platz hinter dem Altar sehr bequem und wollte sie bewegen, hier seinem unzüchtigen Gelüste zu genügen. Die Frau äußerte, daß sie den Platz nicht anständig finde, versprach aber, an einem anderen Orte seine Wünsche zu erfüllen, und schickte ihm als Liebespfand eine sehr schöne Torte und eine Flasche guten Wein. Der erfreute Pfaffe dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, und überreichte die herrliche Torte seinem Bischof, der damit bei einem Gastmahl seine Tafel zierte. Als man sie aufschnitt, fand man darin, was man gewöhnlich nicht dem Beichtstuhl, sondern dem Nachtstuhl anvertraut.

Man forschte natürlich nach dem Ursprung dieser schmutzigen Überraschung, und dieser ergab sich bald aus der Untersuchung. Kein Ort war den geilen Pfaffen zu heilig, und die Regierungen mußten dieselben oft strafen, weil sie einen Altar oder einen andern für heilig geltenden Ort als Sofa betrachtet hatten. Ein Kaplan zu Solothurn beging selbst die schreiende Sünde, die Orgel zum Schauplatz seiner unerlaubten Freuden zu wählen!

Wäre die Kirche nicht stets darauf bedacht gewesen, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und ihre frommen Diener soviel als tunlich für die mancherlei mit ihrem Amte verbundenen Entbehrungen zu entschädigen, dann hätte sie dem Skandal schnell ein Ende machen können. Sie hätte nur zu verordnen brauchen, daß die Weiber bei Weibern statt bei Männern beichteten; aber wahrscheinlich fürchteten sie, daß die Weiber nicht schweigen könnten.

»Mensch bleibt Mensch und ein Pfaffe vorzüglich.« Ich würde auch lieber das Sündenregister eines schönen Mädchens mit anhören als das eines alten Mannes, und hin und wieder würde ich wahrscheinlich auch schwach genug sein, die gemachten Entdeckungen zu meinem Privatvorteil zu benutzen; allein ich bin auch kein Priester. Wüßte ich es nicht aus anderen Quellen, so würde mich schon die Ermahnung des heiligen Borromäus an die Pfaffen lehren, daß sehr viele von diesen die Beichte der Weiber lieber hörten als die der Männer. Der Heilige, der stets des oben angeführten Mottos eingedenk ist, schreibt den Beichtvätern vor, alle Türen zu öffnen, wenn sie die Beichte irgendeiner Weibsperson anzuhören hätten; er schlägt ihnen vor, irgendeinen Vers aus den Psalmen, zum Beispiel cor mundum crea in me Domine, an einem freien Ort anzuschreiben, wo er ihnen beständig vor Augen wäre und sie ihn bei vorkommenden Versuchungen gleichsam als Zauberformel oder als Retro Satanas gebrauchen könnten. –

Von dem Geißeln habe ich schon geredet. Da dieses nicht ohne Entblößung stattfinden konnte, so ist es begreiflich, daß es die lüsternen Pfaffen sehr bald bei der Beichte einführten. Anfänglich begnügten sie sich damit, die Geißelung als Buße vorzuschreiben; allein gar bald maßten sie sich das Recht an, dieselbe eigenhändig zu erteilen. Dies wurde von der Kirche selbst als ein Mißbrauch angesehen, und Papst Hadrian I., der im Jahre 772 Papst wurde, verordnet: »Der Bischof, Priester und der Diakon sollen diejenigen, welche gesündigt haben, nicht geißeln.«

Die Verordnung fruchtete jedoch nichts. Die Geistlichen ließen sich das angenehme Recht nicht nehmen, besonders da sie darin durch hochstehende Prälaten unterstützt wurden und der schon früher genannte Kanzler der römischen Kirche, Kardinal Pullus, nicht das geringste Bedenken trug, nicht allein das Geißeln zu empfehlen, sondern auch sogar öffentlich bekanntzumachen, daß die völlige Entkleidung der Büßenden und ihr Niederwerfen zu den Füßen des Beichtvaters selbst in den Augen Gottes das Verdienst des Sünders vermehre, da es noch Kennzeichen äußerster Demut und Erniedrigung wären.

Solche Lehren trugen den Pfaffen gute Früchte. Das Hinterteil eines Mannes zu zerbläuen, konnte, wenn derselbe eine hohe Stellung in der Welt hatte, allenfalls ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit schmeicheln; allein diese Strafe bei Frauen anzuwenden, hatte für den Schönheitssinn der Pfaffen einen weit höheren Reiz, und alle Mittel, welche der Kirche zu Gebote standen, wurden angewandt, die natürliche Schamhaftigkeit der Weiber und Mädchen zu besiegen.

Bei der Schamhaftigkeit fällt mir eine Anekdote ein, die zu spaßhaft ist, als daß ich sie den Lesern vorenthalten sollte. In den vierziger Jahren kam ein junges Mädchen zu dem katholischen Pfarrer eines Ortes, um bei ihm zu beichten. Nachdem sie allerlei unbedeutende Sünden gestanden hatte, stockte sie und wurde feuerrot. Der Pfarrer ermahnte väterlich, fortzufahren, aber das verschämte Mädchen sagte, daß es ihr unmöglich sei, ihm hier ihre Sünden zu bekennen. Der gute Geistliche, dem dergleichen wohl schon oft vorgekommen sein mochte, fragte, ob sie ihm lieber zu Hause beichten wolle, wo sie weniger beobachtet wäre, und das Mädchen erklärte sich seufzend bereit dazu.

Zur bestimmten Stunde erschien sie auf dem Zimmer des Herrn Pfarrers, der sie mit einiger Unruhe und Neugierde erwartet hatte. »Nun, mein Kind, wir sind allein, was ist's, das dich drückt? – Die Mutter Kirche hat Trost; habe Zutrauen usw.« – »Ach, Herr Pfarrer, ich kann's nicht sagen«, erwidert die kleine Unschuld und hält den Schürzenzipfel vor das Gesicht. – »Nun, mein Gott, es wird doch keine Todsünde sein!« – »Ach nein, aber –«. – »Nun offen heraus, was ist's?« – »Ach, ich habe mit meinem Liebsten etwas – etwas gemacht!« – »Nun, was denn, mein Kind?« – »Ach, ich kann's wahrhaftig nicht sagen.« – »Nun, hat er vielleicht das getan?« fragt der Pfarrer, indem er ihr in die Backen kneipt, um ihr das Geständnis zu erleichtern. – »Ach nein!« – »Oder vielleicht das?« – wobei er den Arm um ihre Taille legt und ihr einen Kuß auf den Mund drückt. Das Mädchen schüttelte beständig mit dem Kopf, und der Pfarrer, ein noch junger Mann, glühte im Gesicht beinahe ebenso sehr wie seine verschämte Beichttochter. – Er wird in seinem heiligen Eifer immer hitziger und versucht alles mögliche, was der Geliebte nur mit ihr getan haben konnte, und da sie fortwährend beharrlich schüttelt, so schreitet er sogar zum alleräußersten, in der vollen Überzeugung, daß er nun das Richtige getroffen habe. Aber wie groß ist sein Erstaunen, als er auf seine Fragen ein abermaliges Kopfschütteln als Antwort erhielt. – »Nun, in Satans Namen«, bricht er los, »was hast du denn mit ihm gemacht?« – »Ach, Herr Pfarrer, – ich habe – ihn krank gemacht!« – Ich überlasse es den Lesern, sich das Gesicht des guten Pfaffen auszumalen. –

Auf solche Weise verfuhren nun wohl nicht alle römisch-katholischen Geistlichen, um die Schamhaftigkeit ihrer Beichtkinder zu besiegen; bei den meisten gelang es ihnen durch biblische Spitzfindigkeiten, und wo dieselben nicht helfen wollten, mit Verweigerung der Absolution und Androhung der ganzen Teufelsküche. Zu solchen äußersten Mitteln brauchten die heiligen Väter indessen nur selten zu schreiten, denn die Beichte ist schon an und für sich ein höchst wirksames Mittel zur Ertötung der Scham.

Dem Mädchen oder der Frau, welche einem fremden Manne die geheimsten Regungen ihrer Sinnlichkeit und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen mit allen Details – so verlangen es häufig die lüsternen Beichtväter – schildern kann, kostet es auch keine große Überwindung, sich vor demselben zu entblößen; wer die nackte Seele gesehen hat, mag auch den nackten Körper sehen!

Weigerte sich indessen dennoch eine Beichttochter und wollte nicht daran glauben, daß die Pfaffen ein Recht dazu hätten, die Entblößung zu verlangen, dann entgegneten diese ihnen, daß Jesus gesagt habe: Gehet hin und zeiget euch den Priestern; wollte es eine andere unschicklich und anstößig finden, dann antwortete man ihr: »Ach Larifari! Adam und Eva waren im Paradiese nackt, und am Auferstehungstage werden wir keine Hosen tragen.« So kam es allmählich so weit, daß man gar nichts mehr darin fand, wenn ein Beichtvater einem Mädchen oder einer Frau mit eigener Hand die Rute gab.

Die Pfaffen standen schon seit den ältesten Zeiten mit vollem Recht in schlechtem Ruf, und es ist daher wohl begreiflich, daß die Ehemänner ziemlich unruhig waren, wenn ihre Frauen zur Beichte gingen. Selbst sehr fromme und heilige Bücher enthalten darüber höchst ergötzliche Geschichten, wenn sie auch meistens ernsthaft langweilig und im schrecklichsten Mönchslatein erzählt sind.

In einem Buche von Scotus, betitelt Mensa philosophica, findet sich zum Beispiel die folgende:

Einem Weibe, welches eben in den Beichtstuhl ging, um ihre Sünden zu bekennen, folgte im geheimen ihr Ehemann nach, da ihn die Eifersucht plagte, zu welcher er auch wohl gute Gründe haben mochte. Er verbarg sich in der Kirche so, daß er seine Frau genau beobachten konnte; aber kaum sah er sie von dem Beichtvater hinter den Altar führen, als er sehr eifrig hervorstürzte und demselben vorstellte, daß seine Frau viel zu zart sei, die Geißelung auszuhalten; solle aber einmal gegeißelt werden, nun, dann erbiete er sich, die Strafe auf sich zu nehmen. Die Frau war sehr vergnügt über diesen Vorschlag, und der Beichtvater willigte ein. Kaum hatte sich der Mann vor diesem niedergeworfen und in die gehörige Geißelpositur gesetzt, so rief seine Frau: »Nun, ehrwürdiger Vater, haut nur recht tüchtig zu, denn ich bin eine sehr große Sünderin!«

Nach den Beispielen von den Wirkungen des Zölibats auf die Geistlichen, welche ich in den vorigen Kapiteln gegeben habe, werden es die Leser sehr natürlich finden, daß diese Art und Weise der beichtväterlichen Absolution zu unendlich vielen Mißbräuchen Veranlassung gab. Die Zahl der davon bekannten Beispiele ist unendlich groß, obgleich die Pfaffen stets bemüht waren, dergleichen Erzählungen als Verleumdungen hinzustellen. Ich könnte eine ganze Galerie davon aufführen, begnüge mich aber damit, nur einige Geschichten dieser Art zu erzählen, deren Wahrheit bis in die kleinsten Details durch gerichtliche Untersuchungen ans Tageslicht gekommen ist, und weil sie mir ganz vorzüglich geeignet scheinen, die römisch-katholischen Geistlichen und ihre Beichte zu illustrieren.

Die erste davon ist die von dem Bruder Cornelius Adriansen 2u Brügge. Derselbe war zu Dortrecht geboren. Seine Eltern bestimmten ihn zum geistlichen Stande, und nachdem er seine Studien vollendet hatte, kam er im Jahre 1548 nach Brügge in das dortige Franziskanerkloster. Bald entdeckte man in ihm eine Menge theologischer Kenntnisse und eine ganz besondere Gabe, »populär« zu predigen, wodurch seine Oberen bewogen wurden, ihm das Predigeramt anzuvertrauen. Seine Predigten waren ganz eigentümlicher Art, und man wird sie am besten beurteilen können, wenn ich ein Bruchstück aus einer derselben mitteile. Seine Reden wurden übrigens schon bei seinen Lebzeiten gesammelt und zum Ergötzen der Ketzer in den Niederlanden im Druck herausgegeben.

Am 15. Dezember 1560 ereiferte er sich sehr, weil einige angesehene deutsch-protestantische Prediger und Anhänger der Augsburgischen Konfession nach Antwerpen gekommen waren. Nachdem er einen Teil des Textes ausgelegt hatte, ergriff er die Gelegenheit, seinem Grimm über die Ketzer Luft zu machen. Er brüllte wie verrückt: »Bah! ich möchte beinah vor Zorn und Tollheit aus der Haut fahren! Ah bah! da sind nun zu Antwerpen, dem höllischen Pfuhl, dem teuflischen Abgrund, wo alles verfluchte Gift und stinkender Unflat zusammenkommt, wiederum neue Verräter, Verführer, Betrüger, neue Schelme und Bösewichter aus dem verdammten und verfluchten Deutschland angekommen und vermeinen, in diesen edlen Niederlanden – die sich jederzeit so standhaft im christlichen Glauben gehalten, bis die mageren, dürren, ledernen deutschen Arschkerben ihre beschissene Supplikation übergeben – ihre Augsburgische Konfession einzuführen und fortzupflanzen. Bah, seht doch, wie schnell sie mit ihrer teuflischen Augsburger Konfession gelaufen kommen, sobald sie gehört, daß diese verfluchten Geusen die Religion verändern wollen! Ei ja, eben recht! wie? wir sitzen da und warten darauf, bis ihr kommt? Bah, alles bereit? Ah bah, es ist zu verwundern, wie ihr so lange geblieben seid mit eurer schönen Konfession von Augsburg, welche erstlich so süß, lieb und betrüglich von dem falschen, verdammten, höllischen Ketzer, dem unbeständigen Zweifalter und Wetterhahn Philipp Melanchthon verfaßt und zusammengestellt, dann aber mit seinem teuflischen, höllischen Gift so verdorben und nach seinem ketzerischen Sinn verfälscht worden, daß auch die Zwinglianer, Calvinisten und Sakramentierer sich damit behelfen und verteidigen können und wollen. Darum scheiß ich in die Augsburgische Konfession. Bah! die Zeit soll noch kommen, daß diese Konfession an den Galgen gehängt und mit Kot und Dreck soll beworfen werden, ja, daß alle Katholischen den Arsch daran wischen werden; bah, so sehet! – Ah bah! die Wiedertäuferei ist tausendmal besser als die Konfession von Augsburg. Bah! Gott schände die Augsburgische Konfession, bah! der Teufel hole die Augsburgische Konfession! Wie, was meint ihr, daß wir toll und töricht sein und daß wir uns so von diesen ledernen Arschkerben sollen überteufeln und äffen lassen, von diesen deutschen Verrätern, den ersten Abtrünnigen und Ausgebannten von der römisch-katholichen Kirche?« usw.

Seine Predigten wimmelten von Unflätereien, von denen die obigen nur eine bescheidene Probe sind, und hörte er, daß man sich darüber aufgehalten habe, dann schrie er von der Kanzel wie besessen: »Bah, darum haltet das Maul und laßt mich predigen, was mir der Heilige Geist eingibt.« Er übte indessen einen bedeutenden Einfluß auf den großen Haufen aus, und seine Predigten waren besonders geschickt dazu, den Haß gegen die Protestanten zum Fanatismus anzufachen. Einstmals predigte er gar, »daß man den schwangeren Weibern der Ketzer den Leib aufschneiden solle, um die Kinder, ehe sie geboren wären, zu verbrennen«.

Diese Predigten fallen indessen schon in eine spätere Zeit. Bald nach Antritt seines Predigeramtes hatte er sein Augenmerk auf einen anderen Gegenstand gerichtet – nämlich auf die schönen Mädchen und Frauen von Brügge. Er fing an, gegen das eheliche Leben zu predigen, und setzte es mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln herab; denn es sei fast nicht möglich, als Verheirateter selig zu werden. Dagegen konnte er die Jungfräulichkeit nicht hoch genug preisen und verhieß den Mädchen, welche darin beharren würden, ganz gewiß die Seligkeit.

Heutzutage würde man darüber selbst in streng «katholischen Ländern lachen, und höchstens einige verhimmelnde Ebelianische Seelenbräute würden vielleicht in dem guten Pater den sehr fleischgewordenen Paraklet sehen; aber damals, als die meisten Leute noch eine ungeheure Sorge um ihr »Seelenheil« hatten, verursachten seine Predigten einen solchen Aufruhr unter den Weibern in Brügge, daß alle Männer die Geduld verloren, denn ihre Frauen flohen sie förmlich, und die Mädchen beschlossen, in ihrem Leben nicht zu heiraten. – Doch »der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach«. Die armen Frauen gerieten in Verzweiflung und liefen zu Bruder Cornelius, um sich Trost und Rat zu holen. Dieser hörte sie freundlich an und belehrte sie über die Mittel, durch welche es möglich sei, im ehelichen Stande fortzuleben, ohne vom Teufel geholt zu werden. Zunächst, sagte er, sei es nötig, »der Begierde und dem Gefallen an dem fleischlichen Werke der Ehe« zu widerstehen, wenn auch dem Werk oder der Ausübung selbst nicht. »Denn«, argumentierte er, »das Werk an und für sich ist von Gott angeordnet, aber die verdorbene, ausgeartete Natur hat es verunreinigt, befleckt, beschmutzt und verunehrt mit ihren schlechten, faulen, fleischlichen Affekten und Neigungen.« Darum sollten sie denselben durchaus widerstehen und das eheliche Werk ausüben, als übten sie es nicht aus. Dies war nun freilich für die meisten ein unmögliches und übermenschliches Ding, besonders wenn sie ihre Männer lieb hatten, und täglich kamen sie zu ihm mit weinenden Augen und beklommenen Herzen.

Zu denen, die weder jung, noch sonderlich hübsch waren, sagte er, daß sie ihre Anfechtungen und Übertretungen ihrem Pastor oder Beichtvater sehr genau und ausführlich berichten müßten, damit sie ihnen vergeben würden und die Absolution bekämen; aber zu denen, die er für seine Betgenossenschaft (deuotarship) wünschte, sagte er: weil sie nun solchen innerlichen Sünden und Gebrechen ihres Körpers nicht widerstehen könnten, so wäre es nötig, daß derselbe gekasteiet werde mit einer äußerlichen Strafe oder Pönitenz. Die betrübten Frauen willigten sehr gern darein, sich derselben zu unterziehen.

Hierauf sagte er ihnen, daß sie sich ganz und gar unter seine Aufsicht und seinen Gehorsam begeben müßten, und als sie auch damit einverstanden waren, gab er ihnen eine Regel, nach welcher sie alle Monate auf einen bestimmten Tag bei ihm mit Bewilligung ihrer Männer zur Beichte erscheinen und in welcher sie ihm ihre Übertretungen mitteilen mußten.

Als sie nun die Regel angenommen hatten und bei ihm zur Beichte erschienen, gebot er ihnen bei dem Gelübde ihres Gehorsams, alle unkeuschen Gedanken, Begierden und Handlungen, die sie hatten und begingen, ungeschmückt, frei heraus, ohne Scham zu gestehen; je glatter, unverhohlener, gröber und genauer, je besser; damit er imstande sei, sie davon zu säubern, reinigen, purgieren, absolvieren und deshalb zu kasteien und strafen. Dies taten denn die Frauen ebenfalls. »Nun, wohlan, meine Töchter«, sagte Cornelius darauf, »für diese heimlichen und unkeuschen fleischlichen Sünden des Körpers gehört sich auch eine heimliche Säuberung, Purgierung, Reinigung (er liebte es sehr, wohl fünf bis sechs Synonyme hintereinander zu gebrauchen) und heilige Disziplin oder sekrete Pönitenz, welche, vor den Augen der Menschen verborgen gehalten werden muß, weil sie nicht verstehen und begreifen, was geistlich ist; ja, sie würden sich darüber aufhalten und Ärgernis nehmen, wenn sie es wüßten; so sind sie durch die Verderbtheit des Fleisches in ihren Ansichten und Begriffen verwirrt, geblendet und geschändet. Darum, meine Töchter, legt die Hand auf eure Brust und schwört bei Gott und allen Heiligen, daß ihr diese heimliche Disziplin oder heilige, sekrete Pönitenz weder euern Männern, noch euern Eltern, noch irgendeinem Geistlichen, sei es in der Beichte oder anders, nicht zu erkennen geben und offenbaren wollt.«

Nachdem nun die Frauen diesen Eid geleistet hatten, nahm er sie als Büßerinnen und Disziplintöchter an und hieß sie in das Haus der Nähterin Calle de Naighe, seiner Vertrauten, stets durch die Vordertür zu gehen; denn dieses Haus hatte von der Seite des Klosters her ebenfalls einen Eingang, so daß diejenigen, welche Bruder Cornelius durch denselben hineingehen sahen, die Frauen nicht sahen und umgekehrt.

Als nun die frommen Frauen das erstemal zu der Nähterin kamen, gab sie jeder derselben eine Rute und hieß sie dieselbe in das Disziplinzimmer tragen, das nächste Mal aber selbst Besen zu kaufen und davon eine Rute mitzubringen.

Als Cornelius in das Disziplinzimmer zu seinen Beichttöchtern eintrat, sagte er: »Nun, wohlan, meine Töchter, damit ihr diese heilige Disziplin oder sekrete Pönitenz bequem empfangen könnt, ist es nötig, daß ihr euern Körper entblößt; darum befehle ich euch bei dem Gelübde eures Gehorsams, daß ihr euch entkleidet.«

Als die Frauen seinen Willen erfüllt hatten, mußten sie ihm selbst die Rute in die Hand geben und ihn demütig bitten, daß er ihren sündigen Körper diszipliniere und kasteie, was er denn sehr bedächtig mit einer Anzahl Schläge tat, die eben nicht wehe tun konnten. Diese Handlung begleitete er mit allerlei vom Geißeln handelnden Reden aus alten Büchern und sagte unter anderem, daß Gott die Demut der Büßenden, die sich nackt auszögen, lieber habe als die Heftigkeit der Schläge.

Im Winter, wenn es zu kalt war, um sich nackt auszuziehen, mußten seine Disziplinkinder sich auf einem großen Kissen niederlegen; Bruder Cornelius hob ihnen den Rock auf und disziplinierte sie auf die Weise. Ebenso machte er es auch im Sommer mit denjenigen Frauen, die nicht lange vom Hause wegbleiben konnten, oder mit Witwen, die lange unter seiner Disziplin gestanden hatten und an deren Bußwerkzeugen er sich bereits satt gesehen hatte; ja, zuletzt ließ er wohl zu, daß diese die Disziplin von seiner Vertrauten, der Nähterin, empfingen. Daß die Witwen, die bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen, Anfechtungen hatten, nahm er als selbstverständlich an und interessierte sich vor allen Dingen für ihre Träume, die sie ihm stets ganz genau erzählen mußten.

Ehe er aber die verheirateten Frauen und Witwen zu seiner Bußanstalt heranzog, hatte er schon längst eine Disziplinschule von jungen Mädchen errichtet, bei der ich mich etwas länger aufhalten muß, da sich dabei die ganze Schändlichkeit des nichtswürdigen Pfaffen offenbart und weil es Jungfrauen waren, die den alten lüsternen Sünder zuschanden machten und sein Treiben zur Untersuchung brachten.

Abbé Parny in seiner köstlichen Satire »La guerre des Dieux«, in welcher die Heidengötter von der heiligen Dreieinigkeit mit den himmlischen Heerscharen besiegt werden, hat den köstlichen Einfall, alle Satyrn und Faune der alten Heidenzeit die Stammväter der Mönche werden zu lassen. Der witzige Abbé kannte gewiß viele Mönche von der Art des Bruders Cornelius.

Im Jahre 1553 befand sich unter den Frauen, welche täglich die Predigten des Bruders Cornelius besuchten, eine fromme und geachtete Witwe mit ihrem schönen und gescheiten Töchterchen. Diese machte die Bekanntschaft einiger junger Mädchen, die schon lange zu der Betgesellschaft des Pastors gehörten und stets bemüht waren, für dieselbe Rekruten zu erwerben. Das reizende sechzehnjährige Calleken Peters schien ihnen besonders der Mühe wert. Die Mutter sah mit Vergnügen, wie ihr Töchterchen durch die Unterhaltung mit den frommen Mädchen so schön über geistliche Dinge reden lernte, und ließ Calleken die Gesellschaft derselben besuchen, sooft sie nur wollte.

Hier hörte sie von der geheimen Pönitenz reden und fragte, was dieselbe denn eigentlich zu bedeuten habe? Bisher waren die Mädchen sehr bereit gewesen, ihre Rede und Antwort zu geben, allein nun meinten sie, daß Calleken darüber nur von Pater Cornelius selbst belehrt werden könne, und rieten ihr, sich an den heiligen Mann zu wenden, was sie denn auch beschloß.

Cornelius, der benachrichtigt wurde, daß sich ein so frisches Fischchen fangen wolle, setzte einen Tag fest, an welchem sie bei ihm erscheinen solle, und außer ihr fanden sich an demselben noch zwei ausgezeichnet schöne Mädchen ein, die ebenfalls in der Disziplin unterrichtet werden sollten; sie hießen Aelken van den B. und Betken P.

Der Pater fragte Calleken, ob es ihr Ernst damit sei, ihre jungfräuliche Reinheit und Sauberkeit zu bewahren und zu dem Ende unter seine Obedienz, Untertänigkeit und Gehorsam sich verdemütigen wolle? Als sie bejahte, lobte er sie sehr und ersuchte sie, ihn mit Einwilligung ihrer Mutter an einem bestimmten Tage der Woche zu besuchen.

Nach einer mehrwöchentlichen Vorbereitung nahm er sie feierlich als Beichtkind an und ließ sie den schon oben angeführten Eid schwören. Darauf wies er sie an, gleich den anderen Mädchen in seine Disziplinkammer zu kommen und sich dort zur Pönitenz vorzubereiten. Diese Kammer hatte er damals in einem Hause auf dem Steinhauersdyk in Brügge bei einer Witwe, Frau Pr., bei der die obengenannte Betken und einige andere Mädchen in Kost waren, um die Kochkunst zu erlernen. Die Nähterin wurde erst des Paters Vertraute nach dem Tode der Witwe.

Als Calleken zum erstenmal in die Kammer trat, forderte sie Cornelius auf, bei dem Gelübde ihres Gehorsams ihm alle Anfechtungen und Versuchungen, welche der menschlichen Natur so eigen, zu beichten und namentlich unkeusche Träume, Gedanken und Begierden, welche der jungfräulichen Reinigkeit so sehr zusetzten, ungescheut ihm mitzuteilen, indem er nur auf diese Weise Mittel finden könne, letztere zu beschützen.

Das arme, unschuldige Kind, welches von dergleichen Anfechtungen noch durchaus nichts wußte, stotterte etwas her, aber Cornelius erwiderte: »Bah, ich weiß recht gut, daß Euch alle die Unkeuschheiten und Unreinigkeiten, welche zwischen Verheirateten und Weltmenschen vorzufallen pflegen, bekannt sind; denn die Welt ist so im argen und verdorben, daß junge Mädchen von acht bis neun Jahren recht gut wissen, auf welche Weise sie in die Welt gekommen sind. Bah! ein Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren wie Ihr sollte nichts von solchen Versuchungen, Begierden, Quälungen wissen? Bah, Ihr hättet in der Welt bleiben sollen, Ihr wäret bald Mutter von drei bis vier Kindern.«

Calleken, vor Scham ganz rot, sah zur Erde nieder und wußte nichts weiter zu sagen, als daß ihre Mutter sie auf das sorgfältigste vor allen eiteln, leichtfertigen und unehrbaren Äußerungen bewahrt hätte. – »O bah!« fuhr der Pfaffe fort, »darauf achte ich noch nicht. Die angeborene und gebrechliche Natur muß Euch in dem Alter, welches Ihr nun habt, darüber belehren; darum ist es nicht möglich, daß Ihr nicht bisweilen mit fleischlichem Streit angefochten werdet, den Ihr allein aus Verschämtheit mir verschweigt. Aber ich kann Euch durchaus nicht absolvieren, denn meine Seligkeit hängt daran, und darum bereitet Euch das nächste Mal besser darauf vor, alle Eure natürlichen Anfechtungen zu erkennen zu geben.« – Hiermit entließ er Calleken und befahl ihr, auf einen bestimmten Tag wiederzukommen, was sie in Gottes Namen zu tun gelobte.

Als sie wieder zu ihm kam, nahm er sie in seine Disziplinkammer und ermahnte sie, alle Verschämtheit, welche er ein falsches, böses Tier nannte, draußen zu lassen. Auf seine abermaligen Fragen nach fleischlichen Regungen antwortete das unschuldige Mädchen, daß sie täglich Gott bitte, sie vor derlei Anfechtungen zu bewahren. Das lobte der Pater zwar, meinte aber doch, sie müsse Gott eigentlich um Versuchungen und Anfechtungen bitten, denn ein Zustand, in welchem diese ausbleiben, sei keine Heiligkeit zu nennen. »Bah!« fuhr er fort, »es ist eine Ehre, eine quälende Natur zu haben und daß man zu ungleichen Personen, nämlich Frauen zu Männern und Männer zu Frauen, mit natürlich brennender Hitze geneigt ist, allein was ist das für ein Verdienst, wenn man kein Gefühl dafür hat? Bah, mein Kind, schämt Euch nicht zu gestehen, daß Ihr auch Fleisch und Blut gleich allen Menschen habt, oder ich muß Euch für heuchlerisch und ganz und gar für durchtrieben halten, weil Ihr nicht gestehen wollt, bisweilen fleischliche Gedanken oder unreine Begierden zu haben.« Nun fuhr er fort, sie zu ermahnen, ihm rund heraus, je unumwundener je besser, alle ihre unkeuschen Gedanken und dergleichen zu sagen.

Calleken wurde immer verschämter, je länger sie den Satyr in Priestertracht anhörte. Dieser glaubte daher vor allen Dingen darauf hinarbeiten zu müssen, diese ihm so hinderliche Scham zu vernichten. Nachdem er sie durch väterliche, gleisnerische Worte zutraulich gemacht hatte, fragte er feierlich: »Nun, Calleken, mein Kind, sagt mir, ob Ihr mir die Seligkeit Eurer Seele auch mit ganzem Herzen anvertraut?« Sie antwortete: »Ja, ehrwürdiger Vater.« – »Nun wohl«, fuhr er fort, »wenn Ihr mir Euer Seelenheil anvertraut, so könnt Ihr mir mit noch minderer Gefahr Euren irdischen vergänglichen Körper anvertrauen; denn wenn ich Eure Seele selig machen soll, so muß ich vor allem Euren Körper geeignet, rein, sauber und fähig machen zu allen Tugenden, Andachten und Pönitenzien. Ist's nicht so, mein Kind?« – Sie antwortete: »Ja, ehrwürdiger Vater.« – »Nun wohlan, mein Kind, so ist es nötig, daß Ihr meiner heiligen Obedienz untertänig seid und tut, was ich Euch befehlen werde.« Hierauf setzte er sich auf eine Bettstelle, die in dem Zimmer stand, und sie mußte sich zwei Schritte von ihm hinstellen. Darauf sagte er, daß es zur Überwindung der Verschämtheit, welche der Disziplin und Pönitenz so durchaus zuwider, durchaus nötig sei, daß sie sich seinem Willen füge, und er gebiete ihr daher bei ihrem Gelübde des Gehorsams, sich sogleich vor ihm nackt auszuziehen.

Calleken antwortete heftig erschrocken: »Ach, ehrwürdiger Vater, wie könnte ich das tun, ich müßte mich gar zu sehr schämen!« – »Mein Kind«, rief er, »das muß so sein, unser beider Seligkeit hängt daran, darum weg mit der Scham und tut gehorsamlich, was ich befohlen habe.« – »Ach, ehrwürdiger Vater«, stammelte das geängstigte Mädchen, »ich will Euch lieber künftig alle meine Anfechtungen und fleischlichen Gedanken offenbaren (das arme Kind hätte sie gewiß erfinden müssen), als dies tun, denn ach – mir ist, als würde ich lieber sterben! Darum bitte ich demütig, ehrwürdiger Vater, erlaßt es mir!« – Cornelius bestand aber fest darauf, denn ohne dasselbe sei es gar nicht möglich, eine vollkommene Andächtige zu werden; es sei das erste Mittel zum Empfang der heiligen, heimlichen Disziplin. Er verlange unbedingten Gehorsam, wie ihn alle übrigen Disziplinschüler leisteten.

Seine Worte hatten endlich die gewünschte Wirkung. Das schöne Mädchen hakte ihr Mieder auf und zog es aus; als sie aber ihr Leibchen aufschnürte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen, und Cornelius sagte: »Bah, mein Kind, faßt Mut und kämpft tapfer und klug gegen die Verschämtheit und Heuchelei, dann sollt Ihr einen Sieg feiern, dann soll alles Triumph, Friede und Glorie sein.«

Als sie nun bis aufs Hemd entkleidet war und auch dieses fallenlassen sollte, verwandelte sich die Glut ihres Gesichts in tödliche Blässe. Als Cornelius dies sah, stand er eiligst auf und holte aus einem Schrank einige stark riechende Essenzen, mit deren Hilfe sie bald wieder aus der Ohnmacht erwachte.

»Für diesmal ist es genug, mein Kind«, redete er ihr freundlich zu, »das nächste Mal sollt Ihr nicht allein bei mir sein, sondern in Gesellschaft einiger Mädchen, die Ihr kennt und die Euch mit gutem Beispiel vorangehen werden.« Als sie sich wieder angekleidet hatte, ermahnte er sie, keinem Menschen etwas zu sagen und ihm zu geloben, am bestimmten Tage sich auch wirklich wieder in seinem Disziplinzimmer einzustellen. Sie hielt Wort und fand dort die obenerwähnten beiden schönen Mädchen, die gar keine Umstände machten, sich sogleich auskleideten und ganz dreist nackt vor den Pater hinstellten. Calleken folgte dem Beispiel, und Cornelius lobte sehr das Glorreiche eines solchen Sieges über die verfluchte Scham, die allem frommen Werk im Wege sei. Damit hatte es für dieses Mal sein Bewenden, denn Cornelius pflegte seine frommen Töchter mehrere Monate lang im Entkleiden zu üben, denn sein Grundsatz war, sie mußten freiwillig die Scham aufgeben und selbst die Disziplin begehren.

Während dieser mit Calleken vorgenommenen seltsamen Exerzitien wurde sie von einem der Mädchen, die schon seit langem zu des Paters schamlosen Freikorps gehörte, gefragt, ob sie denn nun wisse, was die Disziplin oder heilige sekrete Pönitenz sei? Calleken antwortete, daß sie es wohl beinahe ahne, aber noch nicht sicher wisse. »Ei«, sagte das Mädchen, »wenn du diese noch nicht verdient hast, dann mußt du wohl ein ganz anderes reineres Mädchen sein als alle andern; allein ich denke, daß du deine Anfechtungen nicht recht bekannt und gestanden hast.« Nun wurde sie zum unbedingten Gehorsam gegen Bruder Cornelius ermahnt; sie müsse, hieß es, ihre Seele ihm ganz und gar übergeben, denn sonst könne es unmöglich etwas werden. Calleken versprach ganz zu tun, wie die Mädchen ihr rieten.

Die vielen Reden von fleischlichen Anfechtungen, von natürlichen, unsauberen Begierden, unkeuschen Träumen usw. hatten das unschuldige Mädchen ganz verwirrt gemacht, so daß sie Tag und Nacht an nichts anderes dachte, was denn auch mit wirklichen Anfechtungen endete, so daß sie dem erfreuten Pater etwas zu beichten hatte. Sie wurde nun der Disziplin für würdig erachtet und wurde eine Devote wie die andern.

Diese Bußgenossenschaft, zu welcher die schönsten Frauen und Mädchen von Brügge gehörten, bestand eine ganze Reihe von Jahren, ohne daß außerhalb des Kreises derselben das geringste verlautete. Aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, und auch den frommen Beschäftigungen des faunischen Paters sollte ein Ende gemacht werden.

Bei einer kleinen Festlichkeit einiger Mitglieder dieser Genossenschaft, der auch Pater Cornelius beiwohnte, ging es sehr lustig zu. Der Pater tanzte mit einer hübschen Beichttochter und küßte sie in seiner frommen Weinlaune auf den Mund. – Calleken Peters hörte davon durch eine der Anwesenden und war sehr betreten, dann sagte sie: »Man steht doch mutternackt vor ihm, und wie kann man wissen, ob ihn nicht etwas Menschliches anwandelt.« Die andere erklärte ihn für einen Engel in Menschengestalt, der nicht sündigen könne; allein Calleken antwortete: »Ich behaupte nicht gerade, daß er sündigt, aber wie nun, wenn ihn eine menschliche Schwachheit ergreifen sollte, wie wolltest du dich benehmen, um nicht mit zu sündigen?« – »Ich würde es in Demut geschehen lassen«, antwortete die andere, »denn ich bin überzeugt, unser Herrgott würde mir solches nicht zur Sünde rechnen um des heiligen Mannes willen, indem dieser die Handlung ohne eigentlich fleischliches Gelüste vollbrächte.«

Calleken wollte diese Religion nicht einsehen, allein der Pater, der Nachricht von dieser Unterredung erhielt, bekam einen großen Schrecken, und nach mehreren Unterredungen mit Calleken ließ er sich von ihr in Gegenwart eines andern Paters eine Erklärung unterschreiben, daß sie an ihm nie etwas bemerkt, was ihr Ärgernis gegeben habe, und daß sie nichts von einer heimlichen Disziplin wisse. Der Pater stellte ebenfalls ein Zeugnis aus, daß er Ohrenzeuge einer solchen Erklärung gewesen, und Cornelius wurde wieder ruhig, besonders da er sah, daß Calleken Peters das Geheimnis bewahrte und auch nicht aus seiner Beichtgenossenschaft austrat.

Nach zwei Jahren kamen ihr aber Skrupel, und sie wollte von dem Pater aus der Bibel bewiesen haben, daß die heimliche Disziplin zur Seligkeit absolut notwendig sei. Sie warf ihm vor, daß er auf der Kanzel die Bibelstellen ganz anders auslege als ihr, und er rief sehr verlegen: »Ah bah! wenn ich auf der Kanzel stehe, rede ich für die Weltkinder.«

Bei einem abermaligen Disput über diesen Gegenstand riß dem Pater die Geduld, und er befahl ihr, sich auf der Stelle zu entkleiden und die Pönitenz zu empfangen; allein Calleken weigerte sich durchaus und erklärte, daß nur Beweise aus der Bibel sie vermögen könnten, zum alten Glauben an die Notwendigkeit der heimlichen Disziplin zurückzukehren. Er tobte und gab ihr drei Wochen Zeit, sich zu bedenken.

Sie war bei ihrem Entschluß geblieben und ging nach, drei Wochen ins Kloster. Cornelius war nicht zu Hause, und sie kam auf den Gedanken, eine Unterredung mit dem Guardian zu haben. Im Laufe derselben fragte sie denselben, ob er Kenntnis habe von der Art und Weise, wie Pater Cornelius diszipliniere?

Nachdem der Guardian sich überzeugt hatte, daß nur Gewissensangst das Mädchen zu ihm trieb, so erklärte er ihr endlich, daß Cornelius zu den Menschen gehöre, von denen Jesus gesagt: »Wehe denen, die einen von diesen kleinsten ärgern; es wäre ihm besser, daß ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.«

Sie ging nun nicht mehr zu Cornelius, allein dieser belästigte sie fortwährend, und sie beschloß daher, gegen alle fernere Teilnahme an der Bußsodalität zu protestieren. Cornelius war wütend, behandelte sie wie einen bösen Geist und übergab sie feierlich dem Teufel.

Bis jetzt hatte das Mädchen geschwiegen, aber nun erhob sie sich mit dem Stolz und Mut der gekränkten und mißhandelten Unschuld und rief: »Wehe Euch, Ihr fleischlich gesinnter Mensch, der Ihr mit all diesem Nacktauskleiden und Disziplinieren nichts anderes gesucht habt, als Eure unkeuschen Augen und niederträchtigen Begierden zu befriedigen, zum großen Ärgernis und Skandal von so viel unschuldigen Mädchen. Wehe Euch, es wäre Euch besser, daß Euch ein Mühlstein an den Hals gehängt und Ihr in die Tiefe des Meeres versenkt würdet!«

Die Wut des Paters war unbeschreiblich. Die Szene endete damit, daß er sie am Arm ergriff und zur Tür hinausschob, wobei er wie wahnsinnig schrie: »Weg von hier, Ihr Paulianerin! ich sehe nun, daß Ihr eine Paulianerin geworden seid wie Betken Maes; weg, weg, ich übergebe Euch dem Teufel!«

Calleken Peters ging ruhig nach Hause und lebte still und sittsam, ohne – aus Rücksicht für den Guardian und andere Frauen – von der seltsamen Bußanstalt des Paters zu reden, die immer fortblühte. Sie heiratete und kümmerte sich nicht darum; aber drei Jahre nach der oben erzählten Szene kam die ganze Geschichte durch die oben erwähnte Betken Maes an den Tag.

Es war dies ein ausgezeichnet braves Mädchen. Sie hatte sich ganz und gar der Krankenpflege gewidmet, und wohin sie immer kam, erschien sie wie ein Engel des Trostes. Sie hatte auch zur Bußgesellschaft von Cornelius gehört, allein gab ihn als Beichtvater auf und beichtete einem trefflichen Augustinermönch. Cornelius war wütend und verketzerte sie überall, allein Betken schwieg.

Als sie einst bei einer Kranken war, die zu sterben meinte, verlangte dieselbe in einer Kapuze zu sterben, die sie von Cornelius erhalten, der ihr gesagt hatte, daß sie, wenn sie in derselben sterbe, gar nicht einmal in das Fegefeuer kommen werde. Betken suchte ihr den Unsinn auszureden, die Frau wurde böse, genas aber und erzählte die Sache Cornelius.

Dieser verleumdete sie nun in allen Klöstern und Privathäusern, welche ihr die Kundschaft aufkündigten. Er wußte es sogar so weit zu bringen, daß ihr Beichtvater, weil er seine vereidigten Beichttöchter verleite, in den Bann getan wurde. Betken selbst wurde als Ketzerin sogar auf der Straße verfolgt und verspottet.

In dieser Not beichtete sie dem Provinzial der Augustiner das Geheimnis der Bußanstalt. Der Provinzial beschloß den Vermittler zu machen und bewog Cornelius, gegen ihr Versprechen zu schweigen, von der Kanzel seine Reden gegen sie zu widerrufen. Er tat dies in verblümter, nur wenigen verständlicher Weise und erklärte überall, daß er den Schritt nur auf Andringen angesehener, dem Erasmianismus anhängender Häuser getan habe. Seine Meinung aber über das Mädchen sei dieselbe.

Betken Maes war völlig wie vogelfrei; sie traute sich aus Furcht vor dem Pöbel nicht auf die Straße, und die Nächte durchwachte sie in Angst, da sie jeden Augenblick eine Gewalttat der Fanatiker oder einen Besuch der schrecklichsten Inquisition erwartete. Der Trieb der Selbsterhaltung bewog sie zum letzten Mittel. In mehreren Häusern, wo man sie noch duldete, erzählte sie die Betrügereien des Paters Cornelius und gab detaillierte Schilderungen von seiner Pönitenzanstalt. Anfangs glaubte man, sie erzähle ein von der Rachsucht eingegebenes Märchen; aber die Sache verbreitete sich und kam dem Magistrat zu Ohren, der diese Gelegenheit nicht ungern ergriff, um dem verhaßten Mönch an den Kragen zu kommen.

Cornelius opponierte und drohte sogar mit der Inquisition. Das zwang den Rat vollends, alle Rücksichten fallen zu lassen, und Calleken Peters und alle Sodalinnen des Paters mußten zu ihrer großen Beschämung persönlich vor Gericht erscheinen. Unter ihnen befanden sich sehr viele angesehene Frauen und Fräuleins. Ihre Unschuld erkannte man wohl im allgemeinen an, aber es erging ihnen wie den vornehmen »Seelenbräuten« des Königsberger Muckers Ebel, der Makel des Lächerlichen blieb zeitlebens an ihnen kleben.

Das Urteil gegen Cornelius fiel sehr milde aus, denn die Pfaffen hatten damals noch die Oberhand. Er wurde von Brügge nach Ypern versetzt, da ihm kein förmlicher Angriff auf die Tugend der Frauen bewiesen werden konnte. Mehr als das Gericht bestrafte ihn die Satire des Volkes, die ihn auf alle mögliche Weise verfolgte. Er starb im Jahre 1581, aber sein Name hat sich noch in der Tradition erhalten, und manches Mädchen wird rot und kichert heimlich, wenn »Broer Cornelius« genannt wird.

Doch was wollen alle Künste des plumpen flämischen Paters sagen gegen die feine Niederträchtigkeit der Jesuiten in dergleichen Dingen! Sobald sie ihre Wirksamkeit begonnen, bemühten sie sich, Mädchen und Frauen für ihre Geißelsodalitäten zu gewinnen. Sie hatten sich nicht für die Geißelung auf den Rücken, sondern für die unterhalb desselben gelegene Gegend entschieden. Diese Art der Disziplin wurde von den Jesuiten in Löwen die spanische genannt und angewandt, weil sie der Gesundheit zuträglicher sei als die obere, oder aus andern Gründen.

Während die roheren Mönche des Mittelalters wirklich hin und wieder aus dummen Religionseifer die Geißel anwendeten, taten es die Jesuiten meistens, um unter dem Deckmantel der Religion ihre raffinierte Wollust zu befriedigen. Wie sie dabei zu verfahren pflegten, will ich in der berüchtigten Geschichte von dem Jesuiten Girard und Fräulein Cadière zeigen, soweit es der Umfang dieser Blätter gestattet. Der Prozeß, den das Fräulein gegen ihren Beichtvater einleitete, machte im Anfang des 18. Jahrhunderts ein ungeheures Aufsehen; ganz Europa nahm daran teil. – Das Hauptwerk über diesen wichtigen Rechtshandel umfaßt acht Bände, und man wird es begreiflich finden, daß meine Darstellung nur eine sehr skizzenhafte sein kann.

Katharine Cadière war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns zu Toulon und am 12. November 1702 geboren. Sie hatte drei Brüder; der älteste verheiratete sich, der zweite trat in den Dominikanerorden, und der dritte wurde Laienpriester. Der Vater war schon während der Minderjährigkeit Katharinens gestorben, die nun bei ihrer borniert bigotten Mutter als deren Liebling blieb. Sie entwickelte sich sowohl körperlich als geistig auf die vorteilhafteste Weise. Das heißt, sie wurde sehr schön, und ihrer trefflichen Gemüts- und Geistesanlagen wegen wurde sie von allen, die sie kannten, sehr wohl gelitten. Allein die Erziehung ihrer bigotten Mutter, die darin von Geistlichen unterstützt wurde, die abgeschmackten Heiligenlegenden und mystischen Bücher, die man ihr schon frühzeitig zu lesen verstattete, gaben ihrem Geiste eine ganz eigentümliche schwärmerische, mystische Richtung. Das Beispiel der heiligen Frauen der römischen Kirche und die heiligen Offenbarungen und Visionen, deren diese gewürdigt wurden, lagen ihr beständig im Sinn, und ihr höchster Wunsch war es, diesen halbtollen Närrinnen ähnlich zu werden. Dies war denn auch der Grund, weshalb sie mehrere vorteilhafte Heiratsanträge ausschlug.

So erreichte sie das Alter von fünfundzwanzig Jahren, und man darf voraussetzen, daß in einem körperlich so üppigen und dabei so phantasiereichen Mädchen die gewaltsam unterdrückte Natur längst angefangen hatte, ihre Rechte geltend zu machen, und daß es nur eines leichten Reizes bedurfte, um ihre sinnlichen Begierden zu hellen Flammen anzublasen.

Zu dieser Zeit, im Jahre 1728, kam der Jesuit Pater Johann Baptist Girard als Rektor des Königlichen Seminars der Schiffsprediger zu Toulon an. Früher hatte er in Aix gelebt. Ihm ging ein großer Ruf als ausgezeichneter Kanzelredner und als durchaus streng sittlicher Mann voraus, und er erlangte denn auch gar bald in seinem neuen Wirkungskreise eine ganz außerordentliche Geltung und Verehrung. Besonders strömten die Frauen zu seinen Predigten und in seinen Beichtstuhl. Eine große Menge junger Mädchen trat in eine Art von Orden, in welchem unter Girards Leitung fromme Übungen vorgenommen wurden. Diese fromme Schar machte ihm viel Freude, denn es waren schöne Mädchen darunter, und die Frömmigkeit und Ehrbarkeit des Jesuiten waren nur das Schafsfell, mit welchem der reißende Wolf der rohesten Sinnlichkeit bedeckt wurde.

Vor allen Dingen trachtete Girard zunächst danach, durch seine Lehren die Herzen und die Phantasie der jungen Mädchen zu vergiften. Wie eine Spinne ihr Opfer mit unendlich vielen feinen Fäden umzieht, ehe sie ihm das Blut aussaugt, so war auch der Jesuit bemüht, seine Opfer im Netze der raffiniertesten Sinnlichkeit zu fangen. Er durfte nicht zu schnell vorwärtsgehen, denn Übereilung konnte alles verderben. Auch hatte er dazu keine Ursache, da er über den sicheren Erfolg seiner Verderbungstheorie vollkommen beruhigt war.

Als er bemerkte, daß die Mädchen bereits mit schwärmerischer Innigkeit und felsenfestem Vertrauen an ihm hingen, fing er allmählich an, ihnen andere Strafen, als es bisher geschehen war, für ihre Sünden aufzuerlegen und kam nach und nach auf die Disziplin.

Die meisten Mädchen ahnten aus Dummheit auch nicht das allergeringste Böse, und andere, durch das Geißeln angenehm sinnlich aufgeregt, fanden ein geheimes Vergnügen daran, wenn sie sich dessen vielleicht auch nicht klar bewußt waren. Noch andere mochten wohl den Pater und seine Absichten durchschauen, allein sie waren weit entfernt, denselben entgegenzuwirken, weil sie es nicht ungerne gesehen haben würden, wenn sie heimlich und ungestraft von der verbotenen Frucht hätten naschen können. Diese und vielleicht auch finanzielle Gründe machten eine der Beichttöchter, Fräulein Guiol, dem Jesuiten ganz und gar ergeben, und sie ließ sich zu all seinen Plänen gern gebrauchen.

Diese Guiol war ein gescheites, durchtriebenes Geschöpf und dem Pater von unendlichem Nutzen. Er durfte bei seinen Beichttöchtern bald weiter gehen und bei der Disziplin seine Lüsternheit noch auf andere Weise als mit den Augen befriedigen, wenn er sich auch wohl hütete, zum Äußersten zu schreiten, wo er seiner Sache nicht ganz gewiß war wie etwa bei der Guiol.

Zur Zahl seiner Pönitentinnen gehörte auch Katharina Cadière. Das in seiner vollsten Blüte prangende geistvolle Mädchen erregte nicht nur seine Sinnlichkeit, sondern flößte ihm auch ein Gefühl ein, welches ich Liebe nennen würde, wenn ich es für möglich hielte, daß eine solche hohe Leidenschaft in der Brust eines derartigen Menschen Raum gewinnen könnte. Ihr verständiges und tugendhaftes Wesen erforderte aber ganz besondere Behandlung und Rücksicht, und er beschloß, hier mit ungewöhnlicher Umsicht zu Werke zu gehen. Er machte die Guiol zu seiner Vertrauten, und diese verhieß ihm ihren Beistand.

Als er das Innere des Mädchens sondierte, erkannte er bald ihre schwärmerische Richtung und war bemüht, den Funken zur Flamme anzublasen. Er rühmte ihre ganz besonderen Anlagen, prophezeite, daß Gott mit ihr ganz besondere Absichten hege, und wußte sie zu dem Versprechen zu bewegen, sich zur schnelleren Erreichung derselben gänzlich seiner Leitung und seinem Willen zu überlassen.

So wurde das Mädchen innerlich vergiftet, ohne nur eine Ahnung davon zu haben. In ihrem Busen wogte ein Meer von unbestimmten, aber unbeschreiblich süßen Gefühlen. Kurz, »das Püppchen wurde geknetet und zugericht', wie's lehren tut manch welsche Geschicht'«. Dahin war Girard im Lauf eines Jahres gelangt; nun galt es, den zündenden Funken in das Brennmaterial zu werfen, welches er in ihr angehäuft hatte.

Katharina war längere Zeit krank gewesen und besuchte Girard im Refektorium der Jesuiten. Er machte ihr zärtliche Vorwürfe, daß sie ihn während ihrer Krankheit nicht habe rufen lassen, und gab ihr einen glühenden Kuß. – Dem erfahrenen Mädchenkenner konnte es nicht entgehen, welche außerordentliche Wirkung dieser Kuß hervorbrachte. Katharina mußte ihm in den Beichtstuhl folgen, und hier forschte er genau nach ihren Ideen und Stimmungen, befahl ihr täglich zum Abendmahl zu gehen und fleißig die Kirche zu besuchen; auch weissagte er ihr baldige Visionen und ermahnte sie, ihm über diese wie überhaupt über ihre psychischen und physischen Zustände den gewissenhaftesten Bericht abzustatten.

Diese Visionen stellten sich denn auch wirklich ein und erhitzten ihr Blut und ihre Phantasie immer mehr. Ob sie allein durch den aufgeregten Gemütszustand des Mädchens und durch das geistige Gift des Pfaffen oder durch materielle Mittel hervorgerufen wurden, weiß ich nicht anzugeben. Es kam aber endlich so weit, daß sie ihm klagte, wie sie nicht mehr imstande sei, laut zu beten und ihm die heftige Liebe zu verbergen, die sie für ihn empfinde, über den ersten Punkt beruhigte er sie bald, und »die Liebe«, fuhr er fort, »die Ihr zu mir tragt, soll Euch keinen Kummer machen; der liebe Gott will, daß wir beide miteinander vereinigt werden sollen. Ich trage Euch in meinem Schoße und in meinem Herzen; von nun an seid Ihr nichts mehr als eine Seele in mir, ja die Seele meiner Seele. So lasset uns denn in dem heiligen Herzen Jesu einander recht brünstig lieben.«

Anstatt nun der Natur freien Lauf zu lassen und der aufs höchste aufgeregten Sinnlichkeit Genüge zu leisten, verfuhr er weit teuflischer. Sein Bemühen war nur darauf gerichtet, den durch ihn hervorgerufenen hysterischen Zustand zur äußersten Stufe heranzubilden. Dies gelang ihm auch. Fräulein Cadière verfiel in hysterische Krämpfe, während welcher sie wunderbare Visionen heiliger und unheiliger Art hatte, die sich aber meistens um Pater Girard bewegten.

Schon zur Fastenzeit des Jahres 1729 hatte sie eine wunderbare Vision. Sie hörte eine Stimme, welche ihr zurief: »Ich will dich mit mir in die Wüste führen, wo du nicht mehr mit Menschenkost, sondern mit Engelspeise genährt werden sollst.« – Von nun an widerstand ihr jede Speise, und überwand sie ihren Ekel dagegen mit Gewalt, so folgte darauf heftiges Erbrechen. Dann bekam sie einen Blutsturz. Pater Girard und seine Vertrauten erklärten diese Zufälle als ein Zeichen der ihr nun bald zuteil werdenden Wundergabe.

Katharina verfiel nun aus einer Verzückung in die andere. Auf ihrem Gesicht standen Blutstropfen, und an ihrer linken Seite und an den Händen und Füßen wurden blutige Stigmen oder Wundenmale sichtbar, mit denen nach dem römischen Aberglauben besonders heilige, von Gott auserlesene Personen begnadet werden. – Ja, hiermit endeten die Wunder nicht. Als der Pater dem Fräulein die Haare abgeschnitten hatte, bildete sich um ihr Haupt eine Art Heiligenschein, und das Tuch, mit welchem sie ihr Gesicht abgetrocknet hatte, erhielt davon das Bild eines leidenden Christus mit der Dornenkrone!

Wie weit diese wunderbaren Zustände der geistigen und körperlichen Krankheit des Fräuleins und wie weit sie jesuitischem Betruge zugeschrieben werden müssen, weiß ich nicht zu beurteilen. Daß Girard jedoch die Entdeckung des letzteren sehr fürchtete, geht schon aus der Sorgfalt hervor, mit welcher er darüber wachte, daß von dem Zustand des Fräuleins außerhalb des eingeweihten und gläubigen Kreises nichts bekannt wurde. Der Mutter hatte er gesagt, daß Katharina in vierundzwanzig Stunden sterben würde, wenn man nur ein Wort über die wunderbaren Vorgänge fallen ließe.

Girard hatte nun selbstverständlich freien Zutritt im Hause der Madame Cadière, denn er mußte ja für die Seele ihrer Tochter sorgen und – die Stigmen untersuchen! Bei diesen Visiten war er stets so vorsichtig, den jüngeren Bruder Katharinas, der damals gerade im Jesuitenkollegium Theologie studierte, bis an die Haustür mitzunehmen und sich auch von ihm wieder abholen zu lassen. Er schloß sich stets mit seiner Beichttochter in deren Zimmer ein und konnte sich an den wunderbaren Stigmen, besonders dem in der Seite, gar nicht satt sehen. Verfiel Katharina in hysterische Krämpfe und Ohnmacht, was für Besessenheit galt, dann wandte der Jesuit die ihm dadurch vergönnte Zeit dazu an, seine Lüsternheit auf brutale Weise zu befriedigen, soweit es anging. Wenn das Fräulein erwachte, fand sie sich unanständig entblößt, und hinter ihr stand mit hämischem Gesicht der fromme Jünger Jesu.

Fräulein Cadière beklagte sich hierüber mehrmals bei der Guiol, aber diese leichtfertige Person lachte sie aus, daß sie dabei nur etwas Unanständiges finden könne, und ebenso erzählten ihr die anderen Mitglieder der Schwesternschaft, daß Pater Girard sich mit ihnen noch ganz andere Freiheiten herausnehme, worüber sie indessen durchaus nicht ungehalten wären.

Der galante Jesuit war aber auch stets bemüht, sich immer fester in die Gunst seiner Schülerinnen zu setzen. Er wußte ihnen die Andacht sehr zu erleichtern und sorgte dafür, daß sowohl ihre Sinnlichkeit als ihr weltlicher Sinn fortwährend Nahrung erhielten. Er sorgte stets für gute Bedienung, für eine vortreffliche Küche, Landpartien und Blumensträuße. Die Königin all seiner Gedanken aber blieb Katharina.

Bei dieser rückte er nun seinem Ziele immer näher. Er führte eine Gelegenheit herbei, um sich scheinbar mit Recht über ihren Ungehorsam beklagen zu können, und nachdem Katharina von der Guiol gehörig vorbereitet war, erschien sie demütig bei Girard zur Beichte, bereit, jede Strafe auf sich zu nehmen, die er ihr auferlegen werde. Der Pater kündigte ihr nach einer scharfen Ermahnung denn auch an, daß sie Pönitenz für den Ungehorsam leisten müsse.

Am anderen Morgen erschien er mit einer Disziplin in ihrem Zimmer und sagte: »Die Gerechtigkeit Gottes verlangt, daß, weil ihr Euch geweigert habt, mit seinen Gaben Euch bekleiden zu lassen, Ihr Euch jetzt nackt ausziehen sollt. Zwar hättet Ihr verdient, daß die ganze Erde Zeuge davon wäre, doch gestattet der gnädige Gott, daß nur ich und diese Mauer, die nicht reden kann, Zeugen bleiben. Vorher aber schwört mir den Eid der Treue, daß Ihr das Geheimnis bewahren wollt, denn die Entdeckung könnte mich und Euch ins Verderben stürzen.«

Das Fräulein tat, wie er befohlen hatte, und als sie sich bis aufs Hemd entkleidet hatte, gebot er ihr, sich auf das Bette zu legen. Nachdem es auch dies getan, wobei er sie mit einem Kissen unterstützt hatte, gab er ihr einige sanfte Hiebe auf die Hüften, die er dann küßte. Nun zwang er sie, auch die letzte Hülle zu entfernen und sich demütig vor ihn hinzustellen. Das Fräulein wurde ohnmächtig, aber als sie wieder zu sich kam, erklärte sie, gehorchen zu wollen, und kniete ganz nackt vor ihm nieder. Darauf gab er ihr noch einige Streiche und ließ nun seiner Begierde freien Lauf. Katharina setzte ihm keinen Widerstand entgegen, und der satanische Jesuit erreichte das Ziel seiner Wünsche.

Von nun an betrachtete er das Fräulein ganz und gar als sein Eigentum und verführte sie zu Handlungen der raffiniertesten Sinnlichkeit, wobei er sich jedoch stets sehr geschickt in ein heiliges Gewand zu kleiden wußte. Was er alles vornahm hier zu erzählen, ist nicht tunlich.

Wollte die Mutter oder der Bruder des Fräuleins ihn manchmal in seinen andächtigen Beschäftigungen stören, dann warf er ihnen die Tür vor der Nase zu, und als sich einmal der Dominikaner darüber bei der Mutter beklagte, hieß sie ihn schweigen und wies ihn sogar zum Hause hinaus. So sehr war die blödsinnig bigotte Frau von der Heiligkeit des Jesuiten und der Tugend ihrer Tochter überzeugt.

Girard merkte sehr bald, daß Fräulein Cadière schwanger war, und unter einem Vorwand bewog er sie, einen Trank, den er bereitet hatte, einzunehmen. Es war dies ein abtreibendes Mittel, welches auch seine Wirkung tat. Katharina fühlte sich durch den erfolgten Blutverlust sehr geschwächt, so daß ihre Mutter, welche weit entfernt war, die Wahrheit auch nur zu ahnen, ihr sehr dringend riet, einen Arzt zu Rate zu ziehen, was aber Girard durch allerlei Gründe zu verhindern wußte.

Durch die Unvorsichtigkeit einer Magd wäre das Geheimnis fast entdeckt worden, und um sich dagegen und zugleich auch seine Beute zu sichern, beschloß Girard, Katharina als Nonne im St.-Clara-Kloster zu Ollioulles unterzubringen. Er schrieb an die Äbtissin und machte ihr die hinreißendste Schilderung von der Tugend, Frömmigkeit und Gottseligkeit seiner Pönitentin, so daß sie mit Freuden bereit war, Katharina aufzunehmen, wenn ihre Familie dazu die Einwilligung geben würde. Diese wurde sehr leicht erlangt, das Fräulein reiste, mit den besten Empfehlungsbriefen versehen, nach Ollioulles ab, wo sie sehr gut aufgenommen wurde.

Der Jesuit wußte von der Äbtissin die Erlaubnis zu erhalten, seine Beichttochter besuchen und ihr schreiben zu dürfen. So schlau Girard aber sonst war, so beging er doch einige Unvorsichtigkeiten, welche die Nonnen und die Äbtissin mißtrauisch machten und die letztere veranlaßten, seine Besuche zuerst einzuschränken und dann gänzlich zu untersagen. Durch Vermittlung eines ihm befreundeten Geistlichen wurde dieses Verbot jedoch bald wieder aufgehoben, und Girard genierte sich noch weniger wie früher. Er beobachtete Visionen, untersuchte die Stigmen und gab seiner Beichttochter die Disziplin auf die alte Weise.

Dies hätte alles noch hingehen mögen, allein er schloß sich oft stundenlang mit Katharina ein, und da diese, auf ihre besondere Heiligkeit stolz, hin und wieder mit ihren geistlichen Genüssen gegen andere Nonnen großtat, so kam man immer mehr und mehr auf den Gedanken, daß das Verhältnis zwischen Girard und seiner Beichttochter nicht ganz rein sein möchte. Die Äbtissin verordnete daher, daß beide in ihren Unterredungen durch Klausur voneinander getrennt bleiben sollten.

Girard achtete das jedoch wenig. Er schnitt mit einem Taschenmesser in die ihn von seiner Geliebten trennende Leinwand ein Loch und unterhielt sich durch dasselbe stundenlang mit ihr. Hatte er sich müde geküßt und wandelten ihn andere Gedanken an, dann befriedigte er seine Lüste auf eine Weise, deren nähere Andeutung widerlich sein würde. Dergleichen erlaubte er sich sogar im Sanktuarium, und wollte man ihn in gebührender Entfernung halten, dann wurde er sehr unwillig und schrie: »Was! ihr wollt mich von meiner Beichttochter trennen?« Der Jesuit ließ sich sogar das Essen vor die Klausur bringen; beide aßen Hand in Hand, und es kam nicht selten vor, daß ihn Laienschwestern dabei überraschten, wenn er seinen Arm um den Leib des Fräuleins geschlungen hatte.

Der jesuitische Wollüstling fing aber bereits an, seines Opfers überdrüssig zu werden. Er erklärte sie daher für hinreichend heilig und beschloß, sie in ein entferntes Kartäuser-Nonnenkloster zu schicken. Die Nonnen setzten von diesem Vorhaben sogleich den Bischof von Toulon in Kenntnis, der es nicht dulden wollte, daß ein Mädchen, welches in der Welt für eine Heilige gehalten wurde, seine Diözese verließ. Er schrieb daher an Katharina und verbot ihr, in Zukunft dem Pater Girard zu beichten oder sich an einen Ort zu begeben, wohin sie derselbe weisen würde, und stellte ihr zugleich frei, zu ihrer Familie zurückzukehren. Er sandte ihr darauf einen Wagen, und der Aumonier des Bischofs und Pater Cadière, ihr Bruder, brachten sie in ein Landhaus unweit Toulon.

Als Girard diese Nachricht erhielt, erschrak er nicht wenig, und es war sein erster Gedanke, sich die Schriften und Briefe zu verschaffen, welche die Cadière von ihm hatte. Dies gelang ihm auch durch Vermittlung einer anderen Beichttochter, die er früher besonders geliebt hatte; nur ein einziger Brief blieb durch Zufall in Katharinens Händen zurück.

Diese wurde nun als eine Heilige der besonderen Obhut des neuen Priors der Karmeliter zu Toulon übergeben. In der Beichte hörte dieser nun manche befremdende Dinge, die ihn, nebst einigen auf Girard bezüglichen schwärmerischen Äußerungen, veranlaßten, tiefer nachzuforschen, und so entdeckte er denn ohne besondere Schwierigkeit den niederträchtigen Betrug, mit welchem man dies schwärmerische, unschuldige Mädchen und die Welt betrogen hatte. Er machte sogleich Anzeige bei dem Bischof, der selbst auf das Landhaus kam und Katharina über alle näheren Umstände befragte. Das arme Mädchen, dem nun die Augen so furchtbar geöffnet wurden, bat fußfällig und mit Tränen, die Ehre ihrer Familie zu berücksichtigen und die Sache zu unterdrücken.

Der Bischof versprach dies zwar, wurde aber bald durch andere Rücksichten umgestimmt und der Prozeß nach einigen Präliminarien bei dem für geistliche Sachen verordneten Kriminalgericht zu Toulon anhängig gemacht. Doch was wollte ein armes Mädchen ausrichten gegen die mächtigen Jesuiten, die selbst auf den Gerichtsbänken ihre Angehörigen sitzen hatten! Die Sache des Paters Girard wurde zu der des Ordens gemacht, welcher für diesen Prozeß über eine Million Francs opferte.

Es begann nun eine Reihe der nichtswürdigsten Ränke, um Fräulein Cadière als eine Lügnerin und Betrügerin und von den Feinden des Jesuitenordens bestochene Person hinzustellen, ja sie der Ketzerei und Zauberei zu beschuldigen, vermittels welcher sie sich auf allerlei verbotenen Wegen den Heiligenschein habe verschaffen wollen. Fräulein Cadière bereute nun, leider zu spät, daß sie dem Pater ganz arglos die Briefe und Schriften ausgeliefert hatte, mit denen sie ihre besten Verteidigungswaffen aus den Händen gab.

Der Prozeß nahm bald für sie eine recht schlimme Wendung. Der König hatte Kenntnis davon erhalten und durch ein Dekret des Staatsrats die allerstrengste Untersuchung anbefohlen. Die Sache kam nun vor den Hohen Gerichtshof zu Aix. Der Karmeliterprior und der Dominikaner Cadière wurden als Mitschuldige und Mitbetrüger in den Prozeß verwickelt; die Nonnen zu Ollioulles wurden zu ungünstigen Aussagen gegen Fräulein Cadière durch die Jesuiten veranlaßt, und die Ärmste selbst duldete bei den den Jesuiten befreundeten Ursulinerinnen in diesem Ort ein hartes Schicksal. Sie war in eine Kammer eingesperrt worden, die früher einer Wahnsinnigen als Wohnung gedient hatte und die mit Moder und Gestank erfüllt war.

Man folterte sie physisch und moralisch auf alle nur erdenkliche Weise, gebrauchte List und Gewalt und erreichte endlich damit den beabsichtigten Zweck, sie zum Widerrufe zu bewegen.

Nun aber drangen die Jesuiten erst recht auf scharfe Untersuchung, denn nun schien ihr Sieg gewiß, und der Erste Gerichtshof zu Aix fällte auch wirklich ein Urteil, welches Fräulein Cadière sehr ungünstig war. Man brachte sie einstweilen als Gefangene in ein Kloster zu Aix; aber sie appellierte wegen Mißbrauch geistlicher Gewalt in dem eingeleiteten Verfahren, und die Sache kam vor das Parlament.

Jetzt begannen die Intrigen der Jesuiten aufs neue. Katharina behauptete, daß sie unschuldig von P. Girard auf die angegebene Weise mißhandelt und nur durch Drohungen und Quälereien während des Kriminalverfahrens zum Widerruf gezwungen worden sei.

Der königliche Prokurator zeigte sich bei dem ganzen Verfahren durchweg parteiisch für die Jesuiten und trug endlich an auf »Lossprechung des P. Girard und au! die ordentliche und außerordentliche Folter, sodann aber auf Hinrichtung durch den Strick für Katharina Cadière

Die vierundzwanzig Richter waren aber nicht dieser Meinung; jedoch waren ihre Ansichten geteilt. Zwölf davon sprachen sich dahin aus: Johann Baptist Girard, in Anbetracht der an ihm sichtbar gewordenen Geistesschwäche, die ihn zum Gegenstand des Spottes seiner Beichtkinder gemacht, mit seiner Klage gegen dieselbe abzuweisen. Das Urteil der anderen, besseren Hälfte des Parlaments lautete aber sehr verschieden: Johann Baptist Girard ist zum Tode durch Feuer zu verurteilen wegen vollkommen erwiesener geistlicher Blutschande, Fruchtabtreibung und Erniedrigung seiner geistlichen Würde durch schändliche Leidenschaften und Verbrechen usw.

Bei dieser Gleichheit der Stimmen entschied der Präsident, daß man beide Parteien ohne Strafe freilassen solle. Einige Richter wollten sich nicht damit begnügen, sondern trugen darauf an, daß man der Cadière wenigstens eine kleine Züchtigung möchte angedeihen lassen. Dagegen erhob sich aber ein edler Mann unter ihnen und rief: »Wir haben soeben vielleicht eines der größten Verbrechen freigesprochen und sollten diesem Mädchen auch nur die geringste Strafe auferlegen? Nein, eher sollte man diesen Palast in Flammen aufgehen lassen!« – Diese Worte machten Eindruck. Es wurde bestimmt, das Fräulein zu ihrer Mutter nach Hause zu entlassen und der Sorgfalt derselben zu empfehlen.

Das königliche Parlament hatte den Schurken zwar freigesprochen; aber in der öffentlichen Meinung war Girard gerichtet. Eine unzählbare Menschenmasse erwartete in den Straßen die Entscheidung des Gerichtshofes. Die Richter, welche gegen die Cadière gesprochen hatten, wurden mit Schimpf und Hohn empfangen; die Gegner Girards mit Beifall. Diesen selbst bewillkommnete man mit Schimpfreden und Steinwürfen, so daß man ihn nur mit Schwierigkeit unverletzt durch die tobende Menge bringen konnte. Diese Wut des Volkes erstreckte sich sogar auf den Küchenjungen, der ihm das Essen gebracht hatte, und man zertrümmerte dessen Schüsseln, Teller und Flaschen.

Andererseits war man eifrig bemüht, Fräulein Cadière Teilnahme zu zeigen. Man wetteiferte darin, ihr die erlittenen Kränkungen und Mißhandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu machen. Man pries ihre noch immer große Schönheit; – kurz, sie wurde Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist.

Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich verborgen zu halten. Sie reiste ab, – aber von da an verlor sich ihre Spur für ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, daß sie von den Jesuiten heimlich aus dem Wege geschafft worden wäre.

Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen ihn hinsichtlich seines Schicksals mit – Jesus!

Eine ganz ähnliche Geschichte wie mit Fräulein Cadière trug sich kurz vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner Angehörigen und der Tochter eines Parlaments-Präsidenten zu, welche auch mit Hilfe des Geißelns verführt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten und die Unmöglichkeit der Anklage beweisen zu können, hatte man einen Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das Geheimnis wurde indessen später entdeckt.

Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niederträchtigkeiten – und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! – wurde den Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; überall wurden sie als Beichtväter gerne gesehen, und besonders die Frauen ließen sich nach wie vor die angenehme Geißelung gefallen. Einer besonderen Blüte hatten sich die Beichtinstitute mit Geißelung fortwährend in Spanien und noch mehr in Portugal zu erfreuen. König Joseph Emmanuel (1750-77) ließ sich häufig disziplinieren, und nur mit Mühe brachte ihn sein Minister, der Marquis von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de Tavora, waren nicht weniger närrisch wie der König.

Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine Feindin, die Königin Donna Maria (1777-99) rief sie wieder zu sich, und die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geißelung begannen ärger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida errichtete eine förmliche Bußanstalt unter den jungen Hofdamen. Man geißelte sich selbst in den Vorzimmern der Königin, und diese soll an den frommen Übungen selbst teilgenommen haben. – Manche Geschichte à la Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geißeln so versessen, daß sie mit einer ordentlichen Wut darnach verlangten, die kaum zu befriedigen und in Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen der Gesandten wurden zu diesem wollüstig-unterhaltend-frommen Jesuitenspiel förmlich eingeladen.

Die Zahl der Beispiele von dem Mißbrauche des Beichtstuhls ist unendlich groß, und es ließe sich ein umfassendes Werk damit füllen; da aber dieses Kapitel ein Ende haben muß, so beschließe ich es mit dem Bericht über eine seltsame Beicht- und Bußanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit Napoleons I. errichtete. Über die zur Zeit Napoleons III. und seiner Kaiserin werde ich vielleicht einmal später zu berichten haben.

Der erwähnte Kapuziner hieß P. Achazius und lebte in einem Kloster zu Düren im jetzigen preußischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war abscheulich häßlich, aber predigte vortrefflich, stand in dem Rufe ganz ausgezeichneter Frömmigkeit und erfreute sich trotz seiner faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, daß sie ihn zum Direktor ihrer geistlichen Übungen wählten. Am liebsten aber hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu tun.

Eine dieser letzteren hatte er sich zu seinem Privatvergnügen erkoren. Er brachte ihr folgende höchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfähig, die Begierden des Herzens völlig zu zähmen; aber der Geist könne doch tugendhaft bleiben, während der Körper nach gewöhnlichen Begriffen zu sündigen scheine. Der Geist gehöre Gott; der Körper der Welt; von diesem letztern selbst mache der Himmel auf die obere Hälfte, die Welt auf die untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, während man den Körper ruhig fortsündigen lasse.

Die noch immer hübsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach vollendeter Beichte mußte sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung für ihre Sünden erflehen und ihm »des Teufels Anteil zeigen«, das heißt, sich bis zum jungfräulichen Zentrum ihres Körpers von unten herauf zu entblößen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens ein, den er zu stiften gedachte.

Diese fromme Jungfrau war nun bemüht, sowohl unter Personen ihres Alters wie auch unter jungen Frauen und Mädchen Proselyten zu machen; – kurz, sie diente dem Pater als Kupplerin. Die Zahl dieser adamitischen Ordensschwestern wurde bald ziemlich zahlreich, und Achazius, unfähig, einer so großen Menge frommer Damen zu genügen, zog rüstigere Kämpfer des Glaubens unter seinen geistlichen Brüdern mit in seine Bußanstalt, welche fröhlich gedieh und vielleicht heute noch bestehen würde, wenn das Geheimnis derselben nicht durch ein junges Mädchen aus Achazius' Schule entdeckt worden wäre, welche Nonne wurde, als solche die Bekanntschaft eines französischen Offiziers machte und diesem die Sache mitteilte.

Es wurde nun eine genaue gerichtliche Untersuchung angestellt, welche die merkwürdigsten Resultate ergab. Es kamen da Dinge ans Tageslicht, welche sich nicht wohl niederschreiben lassen. Eine liebenswürdige und anständige Dame, Gattin eines Papierfabrikanten, sagte in dem Verhöre aus, daß sie wie verhext gewesen und wie durch einen Trank verzaubert zu dem häßlichen Kapuzineraffen hingezogen worden sei, der sich Dinge mit ihr erlaubt hatte, deren Aufzählung dem abgehärtetsten Kriminalmenschen das Blut in die Wangen trieb. Die Geißelung spielte eine Hauptrolle. Achazius ließ die Ruten oft in Essig legen und hieb die hier erwähnte Dame manchmal so stark damit, daß sie unter irgendeinem Vorwande über drei Wochen lang das Bett hüten mußte.

Im Laufe der Untersuchung ergab sich, daß so viele Kapitel, Klöster und Familien dadurch kompromittiert wurden, daß Napoleon dem Generalprokurator aus politischen Gründen befahl, den Prozeß niederzuschlagen. P. Achazius nebst einigen seiner Mitarbeiter wurden eingesperrt. Die Akten über diesen skandalösen Prozeß lagen später noch längere Zeit in Lüttich, wurden dann aber an die preußische Regierung nach Aachen abgeliefert. Es fehlen indessen schon manche wichtigen Stücke, und andere verloren sich später, weil die beteiligten Familien alles nur mögliche taten, die Denkmäler ihrer Schande zu vernichten. (Münchs Aletheia, 3. Buch, S. 323 usw. Die berichteten Tatsachen hat Münch aus dem Munde des Staatsrates Leclerq und des Professors Gall zu Lüttich, welche die Untersuchung geführt und die Anklageakte verfaßt hatten.)

Wir würden uns sehr täuschen, wenn wir der Meinung wären, daß sich in so kurzer Zeit die Zustände der römisch-katholischen Geistlichkeit geändert hätten. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, das anzunehmen; sie sind heutzutage mit geringen Modifikationen wahrscheinlich noch dieselben, welche sie vor Jahrhunderten waren, und werden sich nicht ändern, bis einst dem fluchwürdigen Zölibat und der Ohrenbeichte ein Ende gemacht wird.

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