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Pfaffenspiegel

Otto von Corvin: Pfaffenspiegel - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorOtto von Corvin
titlePfaffenspiegel
year1885
firstpub1845
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IV

Die Statthalterei Gottes in Rom

    »Als die Leute schliefen und stockdumm waren, hat der böse Feind, der Teufel, das Papsttum gestiftet

Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums.

Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich mir notwendig setzen muß; ich beabsichtige nur, in der bisher befolgten skizzenhaften Weise zu zeigen, daß das Papsttum auf den gröbsten Betrug gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der römischen Kirche als »Statthalter Gottes« an ihre Spitze gestellt wurden.

Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten, und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu vernichten, daß ich auf geschichtlichem Wege die unreinen Quellen der Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste den Gläubigen beweise, daß sie auf die Aussagen von Menschen vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind.

Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, daß eine Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung voranzuschicken. – In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt über ihre Gemeinden usurpierten.

Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht, und je besser es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen.

Ein Betrüger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischöfe zu erhöhen, und sie enthielten das Verrückteste, was man bisher zur Ehre der Bischöfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Götter, Väter der Gläubigen, Richter an Christi Statt und Mittler zwischen Gott und den Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischöfen viele angesehene Kirchenväter.

Als die römischen Kaiser zum Christentum übertraten, behaupteten sie zwar selbst ihre Würde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie beförderten das Ansehen der Bischöfe ihren Gemeinden gegenüber. Ja, manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen Bischöfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natürliche Folge hatte, daß diese »in der Furcht Gottes«, das heißt in der Demut gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre Knie vor denselben beugten und ihnen die Hände küßten. Daß diese dadurch nur immer aufgeblasener und anmaßender wurden, liegt in der menschlichen Natur, und wir dürfen uns nicht darüber wundern, wenn schon Bischof Leontius von Tripolis verlangte, daß die Kaiserin Eusebia, Gemahlin des Kaisers Konstans, vor ihm aufstehen und sich verneigen sollte, um seinen Segen zu empfangen.

Die protestantischen Bischöfe der neueren Zeit hätten es gern auch so weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preußen einst in Magdeburg aus dem Wagen stieg und sich dabei bückte, erhob schon der Bischof Dräseke seine Hände und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum großen Verdruß des Bischofs schob ihn der sonst so fromme König beiseite und sagte ärgerlich in seiner kurzen Weise: »Dumm Zeug! – so was nicht leiden!« Das Hauptstreben der Bischöfe war darauf gerichtet, die Einmischung der »weltlichen« Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, womöglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand, Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heißt von der Kirchengemeinschaft auszuschließen.

Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hölle zusetzten, waren schwach genug, zu den pfäffischen Anmaßungen zu schweigen, und wenn nun das Volk sah, wie ihre gefürchteten Oberherren sich so demütig gegen die Bischöfe betrugen, mußte es natürlich auf den Gedanken kommen, daß diese übermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die Bischöfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen.

So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr., auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischöfe an den Kaiser zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde überhaupt immer mehr unterdrückt, und die Landbischöfe, welche über ihre Gemeinden ganz dasselbe Recht gehabt hatten wie die Stadtbischöfe, wurden 360 durch Beschluß der Synode von Laodicäa ganz abgeschafft.

Das gewöhnliche Sprichwort sagt: »Eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus«; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich nicht nur die Augen aus, sondern die Köpfe ab, wenn sie konnten und es ihnen paßte. Wegen der lächerlichsten theologischen Streitigkeiten lagen sie sich fortwährend in den Haaren und erfüllten deshalb die Welt mit Unruhe und Mord.

Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die zahllosen Mönche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen Waffen, sondern weit wirksamer mit höchst irdischen Knütteln verfochten. Sie bildeten förmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischöfen benutzt wurden und oft die greulichsten Exzesse begingen. Ein römischer Feldherr, Vitalianus, mußte 314 in Konstantinopel einrücken, um die Stadt vor den wütenden Mönchen zu schützen.

Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen Mörderversammlung, weil hier die tollen Mönche mit dem Schwert in der Hand die Annahme der Glaubenssätze erzwangen, welche sie für gut hielten.

Einer der größten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von Alexandrien. Sein Haß traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden Juden. Er hetzte die Mönche und den Pöbel gegen sie auf, ließ ihre Synagogen niederreißen und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hände fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner Bürger!

Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönche mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die Macht der Pfaffen bereits gestiegen.

Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden Glieder ins Feuer.

Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen, und die demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei Rangabstufungen.

Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren Rang an und wußten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen.

Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen: zu Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Range wie in ihren Vorrechten vollkommen gleich.

Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde, welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren ließ, wurden lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie die Kaiser die politische.

Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten. Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir mehr über die Dummheit und Unverschämtheit derselben oder über die Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche handgreifliche Weise übertölpeln ließen.

Die Bischöfe zu Rom sagten: »Jesus machte Petrus zum Obersten der Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich – stehen alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!«

Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor den andern Jüngern gegeben hätte; selbst wenn Petrus Bischof in Rom gewesen wäre, so ist es doch immer eine seltsame Behauptung, daß deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit, daß es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war!

Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen seine Jünger aus, daß keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: »Die Ältesten, so unter euch sind, ermahne ich als Mitältester« usw. (1. Petr. 5, 1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12, 5).

Außerdem verdiente es auch nächst Judas Petrus von den Jüngern wohl am wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte sich schwächer wie jeder andere, indem er Jesus dreimal verleugnete und nicht einmal eine Stunde für Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher ruhmredig versichert hatte, daß er sein Leben für ihn lassen wolle.

Petrus war ein unüberlegter Hitzkopf, der mancherlei Übereilungen beging, wozu der gegen Malchus geführte Streich – den ich ihm übrigens keineswegs übelnehme – und die Ermordung des Ananias und seines Weibes gehören. Nebenbei war er ein Duckmäuser, den Paulus wegen seiner Heuchelei schilt (Gal.2, 11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus so in Eifer brachte, daß er ihn einen Satan nannte (Matth. 16, 23).

Daß Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegründet habe, ja, daß er hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lüge, die sich gewissermaßen mathematisch aus der Bibel nachweisen läßt, weshalb es die Päpste auch nicht dulden wollen, daß dieselbe von den Katholiken gelesen wird.

Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach der Erzählung der päpstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon über 20 Jahre früher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch am Anfange so viel und so weitläufig von Petrus spricht – sagt von dieser so wichtigen Reise kein Wort!

Ganz sicher ist bewiesen, daß Paulus in Rom war und hier unter dem Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Märtyrertod erlitt, zugleich mit Petrus lügen die päpstlichen Geschichtenschreiber hinzu. Paulus war zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhänger nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort!

Wäre dieser Bischof in Rom gewesen, so hätte es Paulus gar nicht umgehen können, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich über ihn zu beschweren, daß er ihn nicht in seinem Werk unterstützte, denn er sagt ausdrücklich, diejenigen, die er nennt, »sind allein meine Gehilfen am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind« (Kolosser 4, 7-14). Also Paulus schreibt davon nichts, daß Petrus jemals in Rom war.

Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wäre, folgt denn daraus, daß die nachherigen Bischöfe von Rom ein Recht hatten, mit Völkern, Kaisern und Königen wie mit Lumpengesindel umzuspringen? – Möchten sich die Päpste immerhin Nachfolger Petri oder Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprüche machen als diese!

Wo Petrus gestorben ist, weiß man zum Glück für die Päpste nicht, und so konnten diese eine schöne, rührende Geschichte erfinden, die gar keine historische Begründung hat. Nach ihrer Erzählung wurde Paulus als römischer Bürger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeißelt und dann gekreuzigt, den Kopf nach unten, wie er es – nach der Legende – aus Demut und zum Unterschiede mit Christus verlangte. In dieser Demut sind die Päpste nicht seine Nachfolger!

Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so groß, daß sie eines eigenen Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im späteren Sinn kann vollends nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom gestiftet zu haben, gebührt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber auf keinen Fall!

Alle Ansprüche also, welche die sich Päpste nennenden römischen Bischöfe darauf gründeten, daß sie Nachfolger Petri wären, zerfallen demnach in nichts. – Ursprünglich waren diese Peterlügen von ihnen nur deshalb erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, daß ihre Stimme bei Kirchenstreitigkeiten als die entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'appetit vient en mangeant.

Konsequenterweise beginnen die Päpste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm nennt man eine Menge zum Teil völlig erdichteter Namen, um nur die Lücken auszufüllen; denn die frühere Geschichte der römischen Bischöfe ist noch dunkler wie die der römischen Könige. Es ist zwecklos, diese Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nichts, namentlich aufzuführen; ich will mich damit begnügen, nur diejenigen näher zu beleuchten, welche die größten Schritte taten, dem Gipfelpunkt näherzukommen, nach welchem alle strebten. Die Reihen der römischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz keine Fürstenreihe der Welt – ja, nicht einmal die Schreckenskammer der Madame Toussaut in London – bietet solche moralischen Ungeheuer dar als die Reihe der Päpste, die sich die Statthalter Gottes nennen. – Aber sie mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die blöden Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von diesen ekelhaften Bösewichtern das Fell über die Ohren ziehen und küßten dafür den Tyrannen noch demütig den Pantoffel.

Fuhr einmal ein vernünftiger Fürst dem hochmütigen Priester zu Rom über die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das Volk vernünftig genug, den römischen Anmaßungen entgegenzutreten, – dann kam gewiß ein dummer Fürst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte hernieder auf die verfluchten Ketzer.

So kam es denn, daß die Päpste bis auf den heutigen Tag ein Recht ausüben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhörte Dreistigkeit, durch die klügste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich Schritt für Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzuräumen. Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein; diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem aufgezwungenen Joche loszumachen, sobald sie können. Dies kann aber ein jeder, sobald er aufhört zu glauben; tut er das, so ist er schon frei ohne weitere Anstrengung.

Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die römische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch eine besondere Kirche. Die armen Christen mußten sich herumdrücken, wie sie konnten, und ihre Ältesten waren gewiß Männer von unbescholtenen Sitten, denen es mit der Lehre Jesu ernst war. Das Märtyrertum war ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiß, und daraus geht schon ganz sicher hervor, daß sie andere Leute waren wie ihre Nachfolger, die keineswegs nach der Märtyrerkrone verlangten.

Der erste römische Bischof, der schon mehr gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192-201). Er verlangte sehr ungestüm, daß alle übrigen Christen das Osterlamm zu der Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß.

Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, daß ihm der Bischof Polykrates von Ephesus antwortete, »daß nicht Petrus, sondern Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre«. Von einer Oberhoheit des Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle, noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft.

Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und mit echt heidnischem, altrömischem Wunderglauben riefen die Christen: »Der soll Bischof sein!« Seitdem nahm man an, daß der Heilige Geist bei jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden. Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete, »er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des heiligen Apostels Petrus«. Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so weit, daß es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten.

Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: »Mit Recht muß ich mich in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt.«

Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion machte, wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen zu bewegen, daß ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger.

Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: »Macht mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden.« Die Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten.

Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst vorbei, und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher. Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebensowenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und denen der anderen Städte.

Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der römischen Bischöfe immer weiter um sich griff, so würde doch eine solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als Beispiel anführen. Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt, daß ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen Bischöfen, zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen.

Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere Stellung anzumaßen und zu behaupten, daß sie vermöge der ihnen von Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche beauftragt wären.

Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der Einheit der Kirche Sorge tragen mußte, über die Beobachtung der allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen.

Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im Abendlande die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde), so war es denn ganz natürlich, daß sich die abendländischen Bischöfe hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von Rom wandten und um Rat baten. In solchen Fällen waren diese stets bedacht, ihren Rat in die Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: »So beliebt es dem Apostolischen Stuhl.« Wenn auch einzelne Bischöfe zu solchen Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten, so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des römischen Stuhls dachte vollends noch niemand als höchstens die römischen Bischöfe selbst. – Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen Bischofs bei.

Selbst im Abendlande, wo doch der römische Bischof noch im höchsten Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa, Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Jesu, und gaben sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof vom Rom, der bald Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde.

Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendlande nicht einmal allein dem Bischöfe von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so, und noch im Jahr 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der Beweis, daß man selbst im Abendlande gar nicht daran dachte, dem Bischof von Rom einen höheren Rang einzuräumen.

Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser, und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit.

Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung. Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben.

Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und schreibt zum Beispiel: »Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als Staub und Wurm.« Er nennt den Kaiser seinen »frommen Herrn, dem die Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei«, und sich selbst nennt er seinen »unwürdigen Diener«. – Dies war er in der Tat, denn er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge.

Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute, entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdürstige Ungeheuer ein guter, liebreicher Mensch. Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an das Ende seines Lebens.

Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas den edlen Kaiser. An den blutdürstigen Tyrannen schrieb er: »Bisher sind wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eurer Majestät barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen Veränderung Dank sagen.«

Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihn vor dem Bischof von Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Mißvergnügen Gregors den Titel »allgemeiner Bischof« angenommen hatte. Doch ich muß die Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken, denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen?

Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben. Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden, austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen Prellanstalt, die besser rentierte wie irgendein Schwindelgeschäft, welches je ein beschnittener und unbeschnittener Jude machte. Gregor ist auch der eifrigste Beförderer des Mönchswesens. Er hinterließ einen Wust selbstverfaßter Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. »Ein Bischof darf keine kleine Nase haben, – denn er muß Gutes und Böses zu unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das hohe Lied sagt: ›Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.‹ Ein Bischof darf aber auch keine allzugroße oder gekrümmte Nase haben, um nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; – er darf nicht triefäugig sein, denn er muß helle sehen; noch weniger krätzig oder beherrscht vom Fleische.«

Im siebenten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der Stifter einer neuen Religion auf.

Mohammed lehrte: »Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend. Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebete, Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit, Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt den Lohn des ewigen Lebens.«

Diese Lehre mußte in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu so weit entfernt hatte, daß sie unverständlich, unklarer, mystischer und unvernünftiger geworden war als die der Heiden jemals gewesen. Dazu kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten Christenhimmel weder eine faßliche Vorstellung, noch den allergeringsten Geschmack abgewinnen kann.

Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen arbeiteten für die römischen Päpste.

Diese waren aber bis zum Ende des siebenten Jahrhunderts noch gar weit von ihrem Ziele entfernt. Die Kaiser küßten ihnen noch nicht den Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um, wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte.

Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte, wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof Leo »der Große« (452) mußte sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian abgesendet.

Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es Konstans dem Bischof Martin (649-655) bewies. Martinus wagte, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ sich in hochverräterische Pläne ein. Das bewog den Kaiser, den römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangennehmen und nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter geworden ist als durch Martinus, der hier ein ganzes Jahr lang im Gefängnis saß.

Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn 39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche Übel, das Podagra, in den Beinen – seine Nachfolger hatten es häufig im Kopf – und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten. Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil gesprochen: »Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt«, sagte der Großschatzmeister, »du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder verlassen und in unsere Hände gegeben.« Darauf übergab er den Bischof von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle.

Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt, und an Ketten wurde er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, daß der Verbrecher zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah.

Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er halbnackt im Schloßhof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebette den Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus dem Lande verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. –

Der Nachfolger des abgesetzten Martinus zeichnete sich durch nichts aus als dadurch, daß er diesen verhungern ließ.

Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts, wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten. Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht der römischen Bischöfe nur auf ihre Diözese, denn die barbarischen Könige derselben erkannten sie nicht einmal als Patriarchen von Italien an, und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit.

Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien.

Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluß auf Spanien, dafür traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fuß gefaßt, indem die dortigen christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden.

Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhle zu Rom. Unter ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte. Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: »Ein jedes Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der demselben erwiesen wird, eine Abgötterei.«

So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien, Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche, welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst ziehen mußte, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben.

Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten, welche der Langobardenkönig Luitprand dazu benutzte, die Herrschaft in diesem Lande immer weiter auszudehnen.

Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn einen »Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen, einen gottlosen Ketzer« nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete ihm mit größter Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und Herrn: »Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein Geist zum Heil gelange.«

Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Flecke an; er entzog ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich 224 000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen.

Sein Nachfolger, Gregor III., fuhr ganz in demselben Geiste fort und wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm. Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach, sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen.

Nach Gregors und Martells Tode wurde der folgende Bischof von Rom, Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells, Pipin, das Schwert des Reichs und hatte große Lust, den schwachen König Childerich III. zu entthronen. Zacharias wußte es nun so zu lenken, daß die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: »Ob nicht ein feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an seine Stelle gesetzt werden dürfe?« Der römische Bischof antwortete: »Ja«, und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin zum Freunde.

Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm verdient noch bemerkt zu werden, daß er einen Bischof, namens Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe behauptet hatte, »daß die Erde eine Kugel sei und daß auf der andern Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten«.

Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger gesät. Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, daß der Bischof vom Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem Stallknechte. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber.

Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von päpstlichem Aberglauben umgarnt, daß die Dreistigkeit des Stephanus sie nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat, nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte!

Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff er zu einem ebenso dummen als schamlosen Betrug, der aber trotzdem gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte. Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Paulus an Pipin, seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig mitteilt, »daß, wenn er nicht hellen wolle, er vom Reich Gottes ausgeschlossen sei«.

Es mit dem »Himmelspförtner« zu verderben, war eine ernste Sache, und die Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen Untertan Stephanus war!

Während die römischen Bischöfe selbst dafür besorgt waren, in Italien ihr Schäfchen ins Trockne zu bringen, arbeitete für sie in Deutschland Bonifazius, welcher seiner Beschützer ganz würdig war. Ich habe schon früher von diesem Unglücksapostel gesprochen, dem Deutschland all das Unheil verdankt, welches die römische Kirche über dasselbe gebracht hat. Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. über dem erlogenen Grabe der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf.

Mit heiligen Knochen aller Art ausgerüstet, ging er nun nach Deutschland und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten. Mittel an, die deutschen Bischöfe dem Römischen Stuhl zu unterwerfen.

Das Christentum hatte in Deutschland längst Wurzel gefaßt; allein Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafür das moderne Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte. Er stiftete als Legat des römischen Bischofs eine Menge Kirchen in Deutschland, die er alle demselben unterwarf, und seinen Bemühungen gelang es, zustande zu bringen, daß im Jahre 744 sämtliche deutsche Bischöfe dem Römischen Stuhle beständigen Gehorsam gelobten.

Auch über die fränkischen Bischöfe erlangte der zu Rom eine Art von Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die gesetzgebende Gewalt über die ganze Kirche einzuräumen. Aber es war schon genug, daß man ihm eine gewisse Autorität einräumte; mit Lug und Trug kamen, wie wir sehen werden, die Päpste bald weiter.

Wenn auch Pipin sich sehr demütig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn, Karl dem Großen, obwohl er sich in Rom vom Papste zum Kaiser krönen ließ, nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in alle Rechte, die sonst der römische Kaiser ausgeübt hatte. Aber dieser sonst so vernünftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewähren, das nur dazu diente, die Macht zu stärken, von der Karls Nachfolger mißhandelt wurden; er bestätigte das Recht des Zehnten.

Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw. für sich. Bisher hatten sie die gläubigen Christen zur Zahlung dieser Abgabe zu überreden gewußt, und wenn auch schon am Ende des siebenten Jahrhunderts eine fränkische Synode den Zehnten für eine göttliche Satzung erklärte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfäffischer Unverschämtheit, die wir deren so viele haben.

Karl der Große machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn die Pfaffen auf alles mögliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten von den Feldfrüchten, Schafen, Ziegen, Kälbern, Hühnern und dem Erwerb, sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich für Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall dienen:

Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, daß sie ihm auch den Zehnten von – den ehelichen Umarmungen entrichten müßten. Eine der Frauen, welche sich von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Ansprüche hatte überzeugen lassen, wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrängt, beichtete sie das saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe Züchtigung. Er veranstaltete ein großes Gastmahl, zu welchem auch der zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung war, erzählte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswürdigkeit des Pfaffen und wandte sich dann plötzlich an diesen, indem er ihm sagte: »Da du nun von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun auch den hier!« Dabei überreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw. und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem Zehnten etwas vergangen sein.

Karls des Großen unwürdige Nachfolger begingen die Torheit, sich gleichfalls von den Päpsten krönen zu lassen, und so wurde in dem Volke bald die Idee erweckt, daß der Papst die Krone zu vergeben habe, da er den Kaiser erst durch die Krönung zum Kaiser mache. Die Einwilligung, welche aber die Päpste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk davon nichts merke.

Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er »seinen Herren, den Kaisern Ludwig und Lothar« leistete und den auch seine Nachfolger den Kaisern schwören mußten. Dieser Eid, den ich nicht ausführlich hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I. und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also klar bewiesen, daß die Päpste selbst sich damals durchaus als Untergebene der Kaiser betrachteten.

Man erstarrt förmlich über die grenzenlose Unverschämtheit, mit welcher die Päpste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft groß darin war Nikolaus I. (858 bis 868). Er behauptete, »daß die Kaiser, wenn sie Synoden für nötig hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur gebeten hätten, eine Synode zusammenzurufen, und dann gutgeheißen oder verdammt hätten, was man in Rom für nötig fand«. Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, »daß die Untertanen den Königen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht täten, keinen Gehorsam schuldig wären«. Seinen Namen setzte er in allen Schriften vor den der Könige, ja, er wagte es, Lothar zu exkommunizieren, und dieser – bat wirklich demütig um Absolutionl

Die Erzbischöfe Teutgaud von Trier und Günther von Köln traten kühn dem frechen Nickel entgegen. »Du bist ein Wolf unter Schafen«, sagten sie zu ihm, »du handelst gegen deine Mitbischöfe nicht wie ein Vater, sondern wie ein Jupiter; du nennest dich einen Knecht der Knechte und spielst den Herrn der Herren, – du bist eine Wespe – aber glaubst du, daß du alles tun dürftest, was dir gefällt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme und fürchten nicht deinen Donner, – die Stadt Gottes, von der wir Bürger sind, ist größer als Babylon, das sich rühmt, ewig zu sein, und das sich brüstet, als ob es nie irren könne!« Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne zu Rom spann ihre Lügengewebe über ganz Europa und bestrickte damit endlich Könige, Bischöfe und Volk! Es ging aber damit den Päpsten noch immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch half!

Niemand wollte noch an die Rechtmäßigkeit all der Rechte glauben, welche die Päpste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen Fällen fatal, und sie mußten sehr wünschen, nachweisen zu können, daß schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit gehabt hätten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen.

Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der Geschichte unter dem Namen der Pseudo-Isidorischen Dekretalen bekannten falschen Urkunden von einem päpstlichen Betrüger zusammengestellt. Sie wurden unter dem Namen des höchst geachteten Bischofs Isidor von Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der allerersten Bischöfe Roms, denen eine Menge bischöflicher Dekretalen (Beschlüsse), echte und falsche durcheinander, folgten.

Der Hauptzweck dieser Fälschung war es, die ganze Kirchenzucht über den Haufen zu werfen, den römischen Bischof zum unumschränkten Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und Synodalgewalt die Bischöfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhängig zu machen und allen Einfluß des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhältnisse zu zerstören. In dem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde enthalten, durch die Konstantin dem Apostel Petrus das ganze abendländische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert!

Das Betrügerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, daß man kaum begreift, wie selbst Bischöfe ihnen damals Glauben schenken konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein mußten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wußte man sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischöfe ließen fünf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von Rom als von ihrem Metropolitan abhängig sein wollten, der ihnen zu nah auf die Finger sehen konnte. In diesen Briefen, die angeblich von den römischen Bischöfen der ersten Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrügerische, unwissende Fälscher, welcher dies Buch verfaßte, läßt diese Bischöfe Stellen aus der Bibel nach der Übersetzung des viel später lebenden heiligen Hieronymus, selbst aus Büchern zitieren, die erst im siebenten Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den Beschlüssen einer Synode zu Paris im Jahre 829 in diesem ungeschickten Machwerke aufgenommen!

Doch wie lächerlich es auch klingen mag, diese Pseudo-Isidorischen Dekretalen, diese anerkannte Fälschung, sind die Grundlage des Papsttums. Durch sie wurden die Päpste unumschränkte Gesetzgeber in geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich über Fürsten und Völker, ließen sich als Halbgötter anbeten, verfügten willkürlich über große Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile.

Der Titel also, den ein meuchelmörderischer Schurke Phokas erteilte; die Schenkung ihm nicht gehörigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin, machte, und eine ganz gemeine Fälschung, diese Pseudo-Isidorischen Dekretalen, – bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die päpstliche Macht gegründet ist. Mord, Diebstahl, Fälschung! Ein sauberes Fundament!

Das Gebäude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen Tag, denn es war gemörtelt mit der Dummheit der Menschen, und die Risse, welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit dem Blute von Millionen!

Die Pseudo-Isidorischen Dekretalen äußerten schon ihre Kraft unter dem obengenannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der 872 den Römischen Stuhl bestieg. Er gebärdete sich schon wie ein rechter Papst und sprach von Kaiser Karl dem Kahlen: »Da er von Uns zum Kaiser gekrönt sein will, so muß er auch zuerst von Uns gerufen und erwählt sein.« Er war der erste, welcher den Kronkandidaten eine förmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krönung nach Rom kommen durften.

Karl dem Dicken, der einige Klostergüter verschenkt hatte, schrieb er: »Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schläge klug werden

Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe mit dürren Worten aus, wohin das Streben aller Päpste zielte: »Was schaffen wir denn in der Kirche an Jesu Statt, wenn wir nicht für Jesus gegen der Fürsten Übermut kämpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch und Blut, sondern wider die Fürsten und Gewaltigen zu kämpfen.« –

Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu sein, denn er sagte: »Die Päpste werden, wie Jesus, von ihren Müttern durch die Überschattung des Heiligen Geistes empfangen«; alle Päpste seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen Gott und den Menschen desto besser betreiben zu können; ihnen sei auch alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden.

Doch nicht nur die Päpste der alten Zeit beanspruchten solche Gottmenscherei; alle römischen Priester tun es bis in die neueste Zeit, und als Beweis dafür will ich eine Stelle aus einer Predigt anführen, welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem Kooperator in Oberdorlen, Anton Häring, gehalten wurde. Dieser Gott-Häring sagt: »Mit der Absolutionsgewalt hat Jesus dem Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hölle furchtbar ist, der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar hinüberreicht in die unermeßliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln zu brechen vermag, welche für eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die begangene schwere Sünde. Ja, fürwahr! diese Macht der Sündenvergebung macht den Priester gewissermaßen zu einem zweiten Gott, denn – Sünden vergeben kann naturgemäß eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch nicht die höchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht noch höher; Gott selbst nämlich vermag er sich dienstbar zu machen! Wieso? Wenn der Priester zum Altar schreitet, um das heilige Meßopfer darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die Konsekration, da schwebt auch schon Jesus, umgeben von himmlischen Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein seliges Fleisch und Blut und läßt sich dann von den Händen des Priesters heben und legen, und wenn er auch der sündhaftigste und unwürdigste Priester ist. Fürwahr, eine solche Macht übertrifft selbst die Macht der höchsten Himmelsfürsten, ja, sogar die Macht der Himmelsköniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit Recht zu sagen: ›Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen würde, so würde ich zuerst den Priester begrüßen, dann erst den Engel, weil der Priester eine viel höhere Macht und Hoheit besitzt als die Engel.‹«

Ich führe diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur deshalb an, um zu beweisen, daß der dumme Glauben unter den römisch-katholischen Christen noch kein überwundener Standpunkt ist, wie viele Leute im Norden von Deutschland glauben. – Doch kehren wir zu den Päpsten zurück.

Der Strom der päpstlichen Nichtswürdigkeit und Unfläterei wird nun immer breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit, welche in der Geschichte als das »römische Hurenregiment« berüchtigt ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten nach Gefallen über den sogenannten Apostolischen Stuhl.

Ich könnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag für mich ein durchaus päpstlicher Schriftsteller reden, nämlich Kardinal Baronius. Er sagt: »In diesem Jahrhundert war der Greuel der Verwüstung im Tempel und Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saßen die gottlosesten Menschen, nicht Päpste, sondern Ungeheuer. Wie häßlich sah die Gestalt der römischen Kirche aus, als geile und unverschämte Huren zu Rom alles regierten, mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und ihre Galane und Beischläfer auf Petri Stuhl setzten

Doch man darf ja nicht glauben, daß nur die Päpste ein so unwürdiges Leben führten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder. König Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: »Man findet unter der Klerisei nichts anderes als Üppigkeiten, liederliches Leben, Völlerei und Hurerei. Ihre Häuser haben sie ganz infam gemacht und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen, getanzt und gespielt. Ihr Bösewichte, müsset ihr die Vermächtnisse der Könige und die Almosen der Fürsten so anwenden?« – Ich werde später hinlängliche Beweise anführen, daß König Edgard die Wahrheit sprach und daß seine Strafrede nicht allein die Geistlichkeit Englands, sondern aller Länder anging.

Nicht der Heilige Geist, sondern die Mätresse des mächtigen Markgrafen Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Päpstlichen Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Söhnlein, welches später ebenfalls Papst wurde. Als Sergius starb, gab ihm Marozia und ihre Schwester Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Päpste konsumierte, Johannes X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangensetzen und ersticken ließ. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen Monaten ermordet.

Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfüllte Rom. Einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ ihn im Gefängnis vergiften.

Die tolle Wirtschaft, die in Rom und überhaupt in Italien zu dieser Zeit herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als daß ich mich auf Einzelheiten einlassen könnte.

Im Jahre 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den Päpstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus, ein Junge von sechzehn Jahren!

Johannes verkaufte Bistümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt er nicht weniger als 2000, und diese fütterte er aus bloßer Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen.

Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der päpstliche Palast wurde von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. »Kein Weib war so keck, sich sehen zu lassen, denn Johannes notzüchtigte alles, Mädchen, Frauen und Witwen, selbst über den Gräbern der heiligen Apostel.« So erzählt von ihm der Bischof von Cremona, Luitprand.

Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein Konzil, und hier erfuhr er von dem »Heiligen Vater« höchst unheilige Dinge. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen ihn als Ankläger auf. Einer sagte, daß er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestalle zum Bischof ordinierte. Andere bewiesen, daß er Bischofstellen für Geld verkaufte und daß er einen zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi machte. Die Unzucht will ich hier übergehen, da sie zuviel Platz wegnehmen würde. Man beschuldigte ihn ferner, daß er den Kardinal-Subdiakonus kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus und Jupiter angerufen habe.

Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein Brief, in welchem er schrieb: »Wir hören, daß ihr einen anderen Papst wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich euch alle im Namen des allmächtigen Gottes, damit ihr außer Stand gesetzt werdet, weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten.«

Nun machte Otto I. nicht viel Umstände mit dem liederlichen Hans, setzte ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo VIII. an seine Stelle. Hänschen hatte sich mit den Schätzen der Peterskirche davongemacht.

Als Kaiser Otto mit seinen schwerfälligen Deutschen abmarschiert war, da verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wußten es durch ihren Anhang dahin zu bringen, daß er wieder im Triumph in Rom eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmeln ließ. Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war, wurde so lange gepeitscht, bis er tot war!

Der Heilige Vater, Johannes XII., genoß aber die neue Herrlichkeit nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Manne derselben auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstürmten Zitadelle totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen für einen heiligen Papst!

Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausführlicher erzählt, um die Leser vorzubereiten auf die späteren Päpste, die noch heiliger waren als er. Die andern »Heiligkeiten« dieses Jahrhunderts will ich kürzer abhandeln.

Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den Päpstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Römer wegjagten, weil er zu stolz und gewalttätig war, und an dessen Stelle Benedikt VI. zum Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefängnis geworfen und erdrosselt.

Johann XIV. wurde ebenfalls von einem seiner Gegenpäpste, Bonifazius VII., eingesperrt und vergiftet; aber dieser Giftmischer starb bald darauf, und seine Leiche wurde von den erbitterten Römern durch alle Pfützen geschleift und dann auf offener Straße liegengelassen wie ein Aas. Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich.

Johann XV. (985-996) maßte sich das ausschließliche Recht der Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach Gefallen ausgeübt hatte.

Johann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangengenommen und hatte ein klägliches Ende. Gregor ließ ihn an Augen, Ohren und Nase schrecklich verstümmeln, in einem beschmutzten priesterlichen Gewände rücklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die Straßen führen und dann in einem Kerker elend verhungern.

Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den Feinden des Papsttums immer mit großer Schadenfreude erwähnt wurde, wenn auch neuere Schriftsteller sie als eine Erdichtung behandeln. Es ist die berüchtigte Geschichte von der Päpstin Johanna.

Man erzählt nämlich, daß zwischen Leo III. und Benedikt IV. ein Frauenzimmer unter dem Namen Johann VIII. auf dem Päpstlichen Stuhle gesessen habe. Bald machte man diese Päpstin zu einem englischen, bald zu einem deutschen Mädchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea, Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als Jüngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich solche Gelehrsamkeit erworben haben, daß man sie, als sie später nach Rom kam, zum Papste wählte.

Dieser Papst war aber, so erzählt die Sage weiter, vertrauter mit dem Kämmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fühlte, daß er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel – die Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum –, der ihr die Wahl ließ, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt öffentlich beschimpft sein wolle. Sie wählte das letztere und kam in öffentlicher Prozession zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen Päpstlein nieder.

Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen Schändlichkeiten werden meistens so gut vertuscht, daß der spätere gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hier und da davon vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzählungen als nicht hinlänglich begründet verwerfen muß. Ich habe Büchertitel gelesen, auf denen versprochen ist, die Echtheit der Päpstin Johanna aus mehr als hundert päpstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die ebenso gründlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das Gegenteil. Die Sache ist an und für sich nicht so wichtig, deshalb habe ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was eine sehr mühsame Arbeit sein möchte, und ich muß sie dem Glauben oder Unglauben der Leser überlassen.

Seit dieser ärgerlichen Geschichte, fährt die Sage fort, mußte sich der neuerwählte Papst auf einen durchlöcherten Stuhl setzen vor versammelter Geistlichkeit und Volk. Dann mußte ein Diakonus unter den Stuhl greifen und sich handgreiflich davon überzeugen, ob der Papst das habe, was der Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet, habet!) Und das Volk jubelte! Gott sei gelobt! – Dieser Stuhl hieß der Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen Gebrauch abgeschafft haben.

Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste, welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich. »Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen Universalmonarchie.«

Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren soviel er will, es kräht kein Hahn darnach; allein in jener finstern Zeit konnte ein Land kein größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ seine Arbeit liegen, denn er glaubte, daß der verfluchte Boden nur Unkraut statt Früchte trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern; der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn.

Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! – Ehen wurden nur eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altare, – alles sollte verkünden, daß der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Lande laste. Kurz, die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn – die Dummheit des Volks abgerechnet – dem deutschen Volke von ganzem Herzen wünsche.

Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der christlichen Kirche vor; aber dann war er immer nur gegen einen einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden verbrannt.

Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden, daß selbst Könige vor dem Banne zitterten.

Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden, daß ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit, trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, das heißt unsere gewöhnlichen Zahlen.

Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde, der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester ward gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu lesen. – Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle, welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise. Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten. Schrecklich!

Die Pseudo-Isidorischen Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu tragen. In demselben sahen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht, und Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben.

Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muß ich erwähnen, daß schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinales (von cardo, Türangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da nun der Einfluß dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der »Türangeln der Kirche« unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie endlich, weil Jesus siebenzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg.

Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volke das Recht der Papstwahl »entzogen«, was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhles auf jede Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst Papst werden.

Die Kardinäle wußten sich bald die größten Vorrechte zu verschaffen. Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Königen und verlangten den Vorrang vor allen Kurfürsten, Herzogen und Prinzen. Sie, die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit höher als Erzbischöfe und Bischöfe, welche doch sämtlich ebensoviel wie der Papst selbst waren. Doch haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die Kammerherren, die dem Fürsten den Operngucker nachtragen müssen, Oberstenrang.

Die Kardinäle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem Wege zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie wir sehen werden, diesen Galgen sehr häufig; allein ich glaube nicht, daß jemals ein Kardinal durch rechtskräftigen Urteilsspruch zum Tode verurteilt worden ist; denn es war beinahe unmöglich, ihn eines Verbrechens zu überführen, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen dazu nötig waren. Kardinäle durften jede Königin oder Fürstin auf den Mund küssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4000 Skudi haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen Christenheit. Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heißt eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Körper, aber der größte und kräftigste Geist, der je auf dem Päpstlichen Stuhl gesessen. Sein Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan, und die später reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als Höllenbrand.

Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Päpsten den »Apostolischen Stuhl« und wußte es durch Intrigen und Heuchelei dahin zu bringen, daß man ihn selbst auf denselben erhob und daß Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischöfe, ihn bestätigte.

Dieser Grobschmiedssohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche Begründer des Papsttums. Unablässig trachtete er danach, seine Idee von einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfäffischen Genie, welches kein Mittel verschmähte, gelang es auch.

Kaum war er Papst, so behauptete er, die ganze Welt sei ein Lehen des Päpstlichen Stuhls. Mehrere Fürsten waren so töricht, dieser Ansicht beizupflichten und ihre Reiche von ihm zu Lehen zu nehmen. Diejenigen Fürsten, bei denen all seine nichtswürdigen Künste und Lügen nichts fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter König war nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Würde entsetzt, und alle Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich bereits daran gewöhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit seinen Anmaßungen Geltung zu verschaffen.

Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor für nötig, die Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflußreichsten Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei Geistlichen auszurotten.

Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester oder des Zölibats.

Wer die Süßigkeit und den Segen des Familienlebens kennt, kann sich wohl vorstellen, daß die Geistlichen dem Papste hierin den größten Widerstand leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei Jahrhunderte; endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich weitläufiger über diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme Fanatismus der Völker die Päpste mächtig unterstützte, wie auch über die verderblichen Folgen, welche das Zölibat für die menschliche Gesellschaft hatte.

Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zweckes tat, war die Vernichtung des Investiturrechtes.

Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der Kirche und einen Hirtenstab als Zeichen des geistlichen Hirtenamts. Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuß seiner Würde eingesetzt, bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem Landesfürsten zusammenhingen.

Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075) erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe bei Strafe des Bannes zu erteilen.

Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wußte jedoch sehr wohl, was er wagen konnte, er mühte sich nicht mit den kleineren Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete.

Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner. Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte!

Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde. Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in Freiheit.

Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit, daß er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz Deutschland und bearbeiteten das Volk.

Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn im Schreien waren die Deutschen schon damals groß, aber Heinrichs Gegner handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem Wege.

Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und erklärten hier dem Kaiser, »daß sein Reich zu Ende sei, wenn er sich nicht innerhalb eines Jahres vom Banne befreie!«

Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt verlassen – nur wenige Soldaten waren noch bei ihm – entschloß sich der deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. – In der strengen Kälte, in einem armseligen Aufzuge ging er über die Alpen. Die Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen; aber die Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade erflehen.

Dieser ließ sich nichts weniger träumen als das. Er war auf einer Reise nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schlosse Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von Toskana, gehörte.

Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Büßerhemde, bloßen Hauptes, barfuß, stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des Schlosses – drei Tage und drei Nächte lang, mitten im Januar, zitternd vor Frost und matt vor Hunger und Durst!

Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. »Bin ich der Verbrechen schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast«, redete er ihn an, »so mag Gott der Herr meine Unschuld bewähren oder mich durch einen plötzlichen Tod strafen!« – Dann nahm er die Hälfte der Hostie. Gregor war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben.

Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten Bedingungen. »Wirst du dich«, sagte Gregor, »auf dem zusammenzurufenden Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir gehorsam und untertänig sein

Nach Deutschland zurückgekehrt, richtete der von Kummer aller Art betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu Speyer und sagte zu seinem alten Freunde, dem Bischof: »Siehe, ich habe Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfründe, ich kann lesen und singen.« Der Bischof antwortete: »Bei der Mutter Gottes! das tue ich nicht.«

Die lombardischen Städte und Fürsten waren empört über die Demütigung Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der niedergedrückte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Fürsten aber erwählten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser.

Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war; als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. Über Heinrich wurde aufs neue der gräßlichste Bannfluch ausgesprochen.

Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde als Clemens III. zum Papst erwählt. Gregor versuchte seine alten Künste. Er gab den Rebellen die Versicherung, daß noch in demselben Jahre vor dem Petersfeste ein falscher König sterben werde. Um seine Prophezeiung an Heinrich zu erfüllen, sandte er einige Meuchelmörder aus; aber des Papstes böse Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni 1080 schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht erhaltenen Wunde.

Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor mußte vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben.

Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, daß von nun an nur einer Papst heißen solle in der Christenheit, denn bisher nannten sich alle Bischöfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslästerlich als den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen.

Gregor wollte Kaiser und Könige zu seinen Untergebenen machen und keine andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er an Heriman, Bischof von Metz: »Der Teufel hat die Monarchie erfunden.«

Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, daß beim Gottesdienst überall die römischen Gebräuche befolgt und die lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen Kirchen hatte das schon der Römerknecht Bonifazius eingeführt.

In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundsätze niedergelegtMan hat hin und wieder an der Echtheit dieses Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Gründe.. Es sind 27, aber ich will nur einige anführen:

Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. – Alle Fürsten müssen dem Papst den Fuß küssen und dürfen dieses Zeichen der Ehre außer ihm keinem anderen erweisen. – Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser abzusetzen. – Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoßen werden, er aber kann aller Menschen Urteil umstoßen. – Die römische Kirche hat nie geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. – Derjenige ist kein Katholik, der es nicht mit der römischen Kirche hält. – Der Papst kann die Untertanen vom Eide der Treue lossprechen, den sie einem bösen Fürsten geleistet haben. –

Es scheint mir nicht nötig, noch einige Bemerkungen über Gregor hinzuzufügen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: »Sein Leben klagt ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnäckige Bosheit verflucht ihn.«

Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren, und ich muß mich darauf beschränken, aus jedem Jahrhundert einige Päpste biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der Universalmonarchie zur Ausführung zu bringen und fest zu begründen. Alle gefielen sich in der Vorstellung, »sich als Jesus, die weltlichen Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfüllen zu betrachten.« – Die Eselin ist unterdessen gestorben; aber das Eselsfüllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich reiten läßt.

Im elften Jahrhundert trennte sich die griechische Kirche vollends von der abendländischen, indem die griechische behauptete, daß weder die Lehren noch die Disziplin der letzteren mit der Heiligen Schrift und den heiligen Überlieferungen übereinstimmten, also ketzerisch seien. Die Oberherrschaft des Päpstlichen Stuhles verwarf sie als eine antichristliche Einrichtung.

Unter Hadrian IV., der 1153 den »Apostolischen Stuhl« bestieg, begann der Kampf der Päpste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlechte der Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaßungen des Papstes kräftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm verlangte, machte er lächerlich, selbst indem er sie gewährte. Friedrich hielt dem Papste den Steigbügel – so weit war es bereits mit den Kaisern gekommen –, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians darüber: »Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen.«

Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159 bis 1181). Es war dies einer der mutigsten und klügsten Päpste, der niemals im Unglück verzagte oder im Glück übermütig wurde, aber stets darauf bedacht war, die Errungenschaften seiner Vorgänger zu behaupten. Der große Kaiser Friedrich kam 1177 zum erstenmal mit ihm in Venedig zusammen und – küßte ihm den Pantoffel.

Die Pfaffenlegende erzählt, daß der Papst bei diesem Kuß den Fuß auf des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: »Auf Schlangen und Ottern mögest du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen.« Aber Alexander war gewiß viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbürtigen Kaiser durch solche unnütze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, daß der Kaiser bei dem Pantoffelkusse sagte: »Nicht dir gilt es, sondern Petrus«, und Alexander antwortete: »Mir und Petrus.«

Auch der kräftige Heinrich II. von England mußte sich vor dem Worte des mächtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling, Thomas Becket, mit Gnaden überschüttet und endlich zum Erzbischof von Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem Papste gegen seinen Herrn und Wohltäter, dem er durch pfäffische Niederträchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmute rief einst der geplagte König aus: »Wie unglücklich bin ich, daß ich in meinem Königreiche vor einem einzigen Priester nicht Frieden haben kann! Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?«

Diese Worte hörten vier Ritter, welche dem Könige treu ergeben waren; sie eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm geschändeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stalleute des Königs hatten einst dem Pferde des Erzbischofs den Schwanz abgehauen, und für diesen Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder – mit Schwänzen!

Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst über ihn verhängte. Der König schwur feierlich, daß er den Mord des Erzbischofs nicht gewollt habe; es half ihm nichts. Er mußte barfuß zum Grabe des neuen Heiligen wallen, sich hier andächtig niederwerfen und – von achtzig Geistlichen geißeln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe – macht zweihundertundvierzig.

Mit Kaisern und Königen gingen jetzt die Päpste oft wie mit Hunden um. Als Cölestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palästina gestorbenen Friedrichs I., Heinrich VI., gekrönt hatte und dieser ihm den Pantoffel küßte, stieß er dem Kaiser mit dem Fuße die Krone vom Kopfe, zum Zeichen, daß er sie ihm geben und nehmen könne.

Der mächtigste Papst alle Päpste war Innozenz III. (1198-1215). Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, übte dieser mächtige Papst wirklich aus. Als er den Päpstlichen Stuhl bestieg, war er in seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Könige zitterten vor ihm wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen gab er seine Rute zu fühlen. Johann von England rief einst beim Anblick eines sehr feisten Hirsches aus: »Welches dicke und feiste Tier, und doch hat es nie Messen gelesen!« Aber auch dieser Spötter über das Pfaffentum kroch demütig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom die apostolischen Zähne wies.

Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der Transsubstantiation, das heißt von der Lehre, daß sich durch die Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in Fleisch und Blut Jesu verwandeln.

Hierbei fällt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, fragte: »Wie viele Götter gibt es?« – »Gar keine«, antwortete der Indianer, »denn du hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben.«

Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer Bauer. Der Herr Pastor war ein großer Whistspieler, und durch Zufall war eine weiße, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten auf den Hostienteller geraten. »Nehmet und esset, denn dies ist mein Leib«, sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglückliche Marke in den Mund. Der Bauer biß herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht klein bekommen konnte, rief er: »Wies der Dübel, Herr Paster, ick mut 'nen Knoken derwischt hebben!«

Innozenz III. führte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon früher geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitläufiger reden werde; ferner das scheußlichste Tribunal, welches jemals die Menschheit schändete, – die Inquisition.

Der gefährlichste Feind des Papsttums kam mit dem großen Hohenstaufen Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er nichts weniger als ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religiöse Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Hätte ihn das Volk unterstützt, dann wären vielleicht damals schon dem Papsttum die Flügel gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: »Laß lärmen und dräuen und die Esel schreien.« Sein Kanzler Petrus de Vineo unterstützte ihn wacker und schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes.

Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX. (1227-1241). Dieser tat ihn einmal über das andere in den Bann und legte ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben, die Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, wovon zwei in Ehren gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. – Ferner habe er darüber gelacht, daß der allmächtige Herr des Himmels und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geäußert, daß man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen werden könne. Freilich eine ebenso schändliche als schädliche Lehre, da sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen würde, wenn sie zur Geltung käme.

Diese letzte Äußerung sah übrigens dem Kaiser sehr ähnlich, der aus dem Morgenlande, wohin er einen Kreuzzug unternehmen mußte, sehr freie Ansichten über die Religion mitgebracht hatte. Einst äußerte er: »Wenn der Gott der Juden Neapel gesehen hätte, würde er gewiß nicht Palästina auserwählt haben«; und beim Anblick einer Hostie rief er: »Wie lange wird dieser Betrug noch dauern!?« Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt er sein Gefolge vor demselben zurück und sagte: »Achtung, hier wachsen unsere Götter.« Die Hostie wird nämlich aus Weizenmehl gebacken.

Gregor hatte den deutschen Ritterorden sehr liebgewonnen, und da ihm ja die ganze Erde gehörte, so schenkte er demselben Preußen. Die Ritter zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Päpstlichen Stuhl und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Großmeister, Reuß von Plauen, sagte: »Man muß den Geistlichen keine Güter geben, sondern nur Besoldung wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den schlichten Text des Evangeliums halten.« Der Hochmeister Wallenrode äußerte: »Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muß man einsperren und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll.«

Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen wegen der Wahl seines Freundes zum Papst beglückwünschte, antwortete Friedrich: »Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst ist Ghibelline« (nämlich liberal).

Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den Friedrich anfing, als seinen natürlichen Zustand zu betrachten. Er war keineswegs zerknirscht, sondern rückte dem Papst zuleibe, und der Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54 italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft zu entgehen.

Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kämpfte wie ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm überall die Hände. Besonders die deutschen Fürsten zeigten sich dem edeln, großen Kaiser gegenüber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte. Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt. Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zürich hielten zu ihm bis zum letzten Augenblick.

Kaiser Friedrich starb an päpstlichem Gift. Innozenz jubelte; nun stand ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den Lyonesern für die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich beim Papste zu bedanken, denn Kardinal Hugo sagt in seinem Abschiedsschreiben mit echt pfäffischer, zynischer Unverschämtheit: »Wir haben euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen wohltätigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen überlassen wir euch ein einziges Hurenhaus, welches sich vom östlichen bis zum westlichen Tore durch die ganze Stadt verbreitet.« Lyon hatte demnach Ähnlichkeit mit einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr König dasselbe sagte und welche Papst Pius VI. »Deutsch-Rom« nannte. Gemeint ist München.

Innozenz IV. verlieh den Kardinälen als Auszeichnung rote Hüte. Auf ihn folgt eine Reihe unbedeutender Päpste. Urban IV., der Sohn eines Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder vielmehr des Abendmahls. Eine verrückte Nonne hatte ein Loch im Monde gesehen, und das flickte der päpstliche Schuhflicker mit einem neuen Kirchenfeste aus. Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er wünschte, »daß Deutschland ein großer Teich, die Deutschen lauter Fische und er ein Hecht sein möchte, der sie auffresse wie der Storch die Frösche.« Die Hohenstaufen erlagen im Kampfe mit dem Papsttum. Die Habsburger nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volke vereinigt das Fell über die Ohren. Aus diesem Grunde werden auch beide gleiche Dauer haben.

Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewählt wurde. Sein Vorgänger Gregor X. hatte nämlich befohlen, daß nach seinem Tode sämtliche Kardinäle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches für jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewählt war. War dies nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinäle in den folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot, Wein und Wasser. Diese Hungerkur beförderte merklich den Verkehr mit dem Heiligen Geist!

Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte über Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen gehörig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: »Ich bin nicht der Angreifer, sondern meine Bischöfe, die keine Hirten, sondern Wölfe sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe Jesu? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: ,Gebet ihnen den Rock'; sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Türken und Tartaren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es genügt ihnen nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie

Cölestin V. wurde aus einem einfältigen Eremiten ein noch einfältigerer Papst, und als Kardinal Cajetan eines Nachts durch ein versteckt angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: »Cölestin, Cölestin, Cölestin! – lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu schwer«, glaubte der Dummkopf, der liebe Gott würdige ihn einer persönlichen Unterredung, und dankte ab.

Kardinal Cajetan trat als Bonifaz VIII. (1295-1303) an seine Stelle. Auf einem kostbar aufgezäumten Schimmel, der von den Königen von Apulien und von Ungarn geführt wurde, ritt er zur Krönung. Nach der Rückkehr aus der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedränge seliggedrückt wurden, tafelte er öffentlich, und die beiden Könige standen als Bediente hinter seinem Stuhle und warteten ihm auf.

Den neuen Papst verdroß es sehr, daß viele die Abdankung Cölestins als ungültig betrachteten, der überall als Heiliger angestaunt wurde. Um der Sache ein Ende zu machen, ließ ihn Bonifaz einfangen. Der arme heilige Waldesel bat fußfällig, ihn wieder in seine Höhle zurückkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf dem festen Schloß Fumone in ein enges Behältnis eingesperrt, wo er so wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so daß er kläglich verhungerte.

Dieser Bonilazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In einer Bulle von 1294 sagt er: »Wir erklären, sagen, bestimmen und entscheiden hiermit, daß alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen sei und daß man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben.«

Dieser ungemessene Stolz mußte ihn sehr bald in feindselige Berührung mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV., der Schöne, von Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der König war kein Heinrich IV., seine Großen keine Deutschen und der Papst kein Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: »Bischof Bonifaz an Philipp, König von Frankreich. Fürchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst hiermit wissen, daß du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen bist. – Wer anders glaubt, den halten wir für einen Ketzer.«

Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker unterstützte Philipp: »Philipp, von Gottes Gnaden, König von Frankreich, an Bonifaz, der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), daß wir in weltlichen Dingen niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für Pinsel und Wahnwitzige.«

Wie jämmerlich erscheint dagegen König Erich von Dänemark, welcher, mit Bann und Interdikt bedroht, schreibt: »Erbarmen, Erbarmen! Was haben meine Schafe getan? Alles, was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich tragen. – Rede, dein Knecht höret.«

Der stolze »Erzpinsel« wurde aber bitter gedemütigt. Philipps Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen Familie der Papst die unerhörtesten Grausamkeiten begangen hatte, überfielen ihn in seinem Schlosse Anagni und nahmen ihn gefangen. »Willst du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?« schnob ihn der wütende Colonna an. Bonifaz antwortete hochmütig. Da loderte der Zorn des schwer mißhandelten römischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins Gesicht und schrie: »Willst du das Maul halten, Höllensohn! alter Sünder!« Mit Mühe hielt Nogaret den Wütenden zurück, daß er seine Rache nicht vollends befriedigte an dem sechsundachtzigjährigen Bösewicht, der Seelenstärke genug hatte, Colonna zuzurufen: »Hier ist der Hals, und hier ist das Haupt!«

Darauf setzt man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das Gesicht dem Schwanze zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefängnis, wo er, aus Furcht, vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nächte lang nichts genoß als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes Mütterchen zusteckte. – Man möchte Mitleid haben mit dem alten Manne; aber er war ein alter Bösewicht, und man denke an den armen Cölestin, den er verhungern ließ.

Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom. Aber die erlittene Demütigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloß sich in seinem Zimmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weißes Haar war mit Blut befleckt; vor seinem Munde stand Schaum, und der Stock, den er in der Hand hielt, war von seinen Zähnen zernagt. So endete Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: »Er wird sich einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe und sterben wie ein Hund.«

Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklärte öffentlich, daß Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Sünde sei, weil Gott Weiber und Männer dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und mißbrauchte seine Pagen zu unnatürlicher Wollust, so daß sich diese untereinander die »Huren des Papstes« nannten.

Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden Äußerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen frage ich nicht so viel als nach einer Bohne. – Die Tiere haben so gut Seelen als die Menschen. – Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den Sohn so wenig als an ein Eselsfüllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine Mutter eine war. – Sakramente sind Possen usw. Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon öfters ausgesprochen; allein im Munde eines Papstes klingen sie um so seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer Ausdrücke verbrennen ließ. – Clemens V. erklärte Bonifaz jedoch für einen frommen, katholischen Christen, und nun wissen wir doch, wie ein solcher beschaffen sein muß, um den Päpsten zu gefallen. Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war auch der erste Papst, der ein Wappen führte und der auf die Tiara oder päpstliche Mütze eine zweite Krone setzte. Früher trugen die römischen Bischöfe die sogenannte phrygische Mütze der Priester der Cybele, Mitra genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von König Clodwig erhaltene Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit Benedikt XII. auf die päpstliche Narrenkappe.

Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Päpste (1305-1374). König Philipp der Schöne fand es nämlich vorteilhaft, die Päpste für seine Zwecke bei der Hand zu haben, und verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier völlig abhängig von den französischen Königen, lebten aber unter dem Schutz derselben dafür auch weit sicherer als in Rom. Sie beschäftigten sich in ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu demoralisieren.

Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die spätere große Sittenlosigkeit in Frankreich hauptsächlich von dem siebzigjährigen Aufenthalte der Päpste in Avignon her.

Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und deshalb klüger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser Heinrich VII., dem Luxemburger, würde wahrscheinlich ein Feind des Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es in Rußland nennt, gestorben worden wäre. Der Domikaner Bernard von Montepulciano, so erzählt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie, und der Kaiser war zu religiös, um dem Rate seines Arztes zu folgen und ein Brechmittel zu nehmen. So starb er denn an seiner Frömmigkeit.

Das größte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswürdigen Prozeß gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der unglücklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre heiligen Pfoten Philipp dem Schönen lieh, um für ihn die Kastanien aus dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war allerdings groß; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und die Päpste selbst reiner?

übrigens würde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernünftigere und freiere Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpöbel, und dann – waren sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozeß machte, schlug man, wie man zu sagen pflegt, »zwei Fliegen mit einer Klappe«.

Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und Betrüger, ehe er den Päpstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbubentugenden. Ich habe schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und füge nur noch weniges hinzu.

Er lag in beständigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern und dem Könige von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tüchtig, »kuschte« aber doch zuletzt, denn »er hatte zwei Seelen, eine kaiserliche und eine bayerische«.

Philipp der Schöne aber ließ dem übermütigen Papst sagen, »er werde ihn als Ketzer verbrennen lassen«. Leider ist das nicht geschehen; er starb 90 Jahre alt. Er hinterließ außer seinen 33 Millionen, welche die Kirche verdaute, die bekannte schöne Hymne: »Stabat mater dolorosa«.

Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann, und man kann ihm weiter nichts zur Last legen, als daß er Papst war. Aber selbst diesen Fehler suchte er nach besten Kräften zu mildern, indem er wenigstens erklärte, »ein Papst habe keine Verwandte«, wodurch er seine Vorgänger und Nachfolger beschämte, welche ihre »Neffen« usw. nicht reich genug beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er sagte; »Für ein solches Roß schickt sich nicht solch ein Sattel«, und gab sie einem Kaufmann aus Toulouse.

Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines gleichzeitigen Geschichtsschreibers »höchst ritterlich und nicht sehr fromm«, welches letztere man wohl von mehreren »Heiligen Vätern« sagen konnte. Er benahm sich sehr hochmütig gegen Kaiser Ludwig und hatte leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem »Pfaffenkönig« Karl IV. Obwohl er selber sehr locker lebte, so hielt er es doch für nötig, die höhere Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln, und sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: »Ihr wütet wie eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes!«

Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhörtem Pomp krönte er Don Sanchez, den zweiten Sohn des Königs von Kastilien, zum König der glücklichen Inseln, wie damals die kanarischen hießen. Beim Krönungszug kam als üble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und König bis auf die Haut durchnäßte; und in der Tat wurde auch das Königreich zu Wasser, denn die kühnen Normannen hatten es in Besitz genommen und hielten es fest. Mit diesem Sanchez hatte Clemens große Absichten. Er versprach, ihn an die Spitze eines Kreuzzugs zu stellen und ihm den Titel »König von Ägypten« zu geben. Der Prinz war außer sich vor Dankbarkeit und rief: »Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!« – So erzählt uns der berühmte Dichter Petrarca.

Philipps des Schönen Beispiel hatte den Päpsten böse Früchte getragen, denn die Kraft des Bannes fing an zu erlahmen. Das fühlte Urban V. Ein Erzbischof weigerte sich, einen Mönch zu ordinieren, der ihm von seinem Landesherrn, Barnabo Viskonti von Mailand, empfohlen war. Dieser gottlose Mensch ließ den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: »Weißt du nicht, du alter Hurer, daß ich König, Papst und Kaiser in meinem eigenen Reiche bin!« Für dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt!

Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, führte sie Viskonti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrücke und fragte sie sehr ernsthaft: »Wollt ihr essen oder trinken?« Die Legaten sahen mit sehr langen Gesichtern auf den Fluß und verlangten höchst kleinmütig zu essen. »Nun, so freßt den Wisch da!« – Die Herren Legaten fraßen.

Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe schon früher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der Päpste für Avignon und Frankreich überhaupt hatte. Geschichtsschreiber jener Zeit können von der dort herrschenden Unzucht nicht genug erzählen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefühl.

Ein schönes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war empörend. Fünf Kardinäle, die nicht für ihn gestimmt hatten, und mehrere Prälaten ließ er fürchterlich foltern und dann teils in Säcke stecken und ins Meer werfen, teils lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten Kardinal, der von der Tortur so elend war, daß er nicht fort konnte, ließ er unterwegs erwürgen. Als die Kardinäle zur Tortur abgeführt wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: »Martere so, daß ich Geschrei höre.« Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in seinem Brevier.

Die Leichen von zwei Kardinälen ließ dieser Henkerpapst in Öfen austrocknen und dann zu Staub zerstoßen. Dieser Staub wurde auf seinen Befehl in Säcke getan und nebst den roten Hüten der Kardinäle auf seinen Reisen auf Maulesel vor ihm hergeführt, anderen als schreckliches Exempel!

Zu Ende des 14. und am Anfange des 15. Jahrhunderts finden wir immer wenigstens zwei, meistens drei Päpste zugleich, die jeder von den verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet wurden.

Ich habe es herzlich satt, die scheußlichen Handlungen der Menschen zu berichten, welche den Namen »Statthalter Gottes« zum schändlichsten Hohn machten; allein ich müßte vollends ermüden, wenn ich die Schandtaten und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenpäpste berichten sollte. Man durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von jedem der Sträflinge erzählen, welche Verbrechen er begangen hat, so wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben, welche von den Päpsten dieser Periode begangen wurden.

Das böse Beispiel der Päpste und überhaupt der Geistlichkeit hatte die übelsten Folgen. Von der Zügellosigkeit, welche damals unter dem Volke, namentlich aber unter den höheren Ständen herrschte, hat man heutzutage kaum einen Begriff, so sehr man auch über die Sittenverderbnis der jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelöst. Die Notwendigkeit einer Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefühlt, in denen noch das Gefühl für das Gute lebte, und man kam dahin überein, auf einem großen Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen.

Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der glänzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben nächst einem Papste und dem Kaiser alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132 Grafen, über 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinäle, 47 Erzbischöfe, 160 Bischöfe, über 200 Äbte, ein Heer von Mönchen, Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und – die gewöhnliche Begleitung des päpstlichen Hofes, gegen 1000 öffentliche Dirnen, die privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet.

Drei Päpste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen, allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt der Heilige Vater es für geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen.

Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefaßt und gab sie dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er äußerte aber kein Verlangen, sein Sündenregister zu lesen, und versuchte lieber das Konzil durch seine Flucht zu sprengen, was aber mißlang. Johanns Taten wurden öffentlich verlesen, das heißt nur 54 Artikel davon, da man sich schämte, die anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, daß Johann nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie, Freigeisterei, Räuberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen verführt oder genotzüchtigt und sie dann zum Lohn zu Äbtissinnen und Priorinnen gemacht habe.

Sein eigener Sekretär, Niem, erzählt, daß der Papst zu Bologna einen Harem von 200 Mädchen unterhalten habe. Auch beschuldigte man Johann, seinen Vorgänger Clemens V. vergiftet zu haben.

Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflüche. Endlich ließ der neuerwählte Papst, Martin V., den neunzigjährigen Benedikt vermittels Gift aus dem Wege räumen.

Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wälzende Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berühmte Kanzelprediger predigten öffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und einer derselben sagte: »J'aime mieux baiser le derrière d'une vielle maquerelle, qui aurait les hemmoroïdes, que la bouche de ce Pape là!«

Das Konzil von Konstanz verurteilte Johann Hus und Hieronymus von Prag als Ketzer zum Feuertode und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche, wurde nicht erreicht.

Im Jahre 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt Konstanz hatte vier Jahre lang einen schönen Verdienst durch die 100 000 Fremden mit 40 000 Pferden, die sie so lange beherbergen mußte. Für ihr gutes Verhalten erhielt die Bürgerschaft vom Kaiser unschätzbare Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nämlich das Recht, eine vierzehntägige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner – einen roten Schwanz zu setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinäle erinnern sollte; ich bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses seltsamen Wappenvogels zu erklären. Der Bürgermeister wurde zum Ritter geschlagen, da das kleine Geld der Fürstengunst, die Orden, noch nicht gebräuchlich waren.

Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II. der sich schminkte und eine Krone trug, die 200 000 Dukaten wert war, ebenso von dem schändlichen Meuchelmörder Sixtus IV., der in Rom die ersten öffentlichen Bordelle anlegte und jeden seiner Kardinäle auf die Erwerbnisse von 20 – 30 Huren anwies, der für Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten, der mit seiner Schwester einen Sohn erzeugte, seine beiden Söhne zu unnatürlicher Wollust mißbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging: von allen diesen Päpsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiß sehr lehrreich und erbaulich sein würde.

Innozenz VIII. (1484 – 1492) sorgte mit väterlicher Zärtlichkeit für seine Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle Päpste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sündentaxordnung aus, die in 42 Kapiteln 500 Taxansätze enthielt. Ich habe schon früher davon gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument: Begeht ein Geistlicher vorsätzlich einen Mord, so zahlt er nach Reichswährung zwei Goldgulden, acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder- und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden, zwölf Groschen! Wollte aber ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden, acht Groschen zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete vierzig Gulden.

Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere Aufmerksamkeit und kann als der Begründer der Hexenprozesse betrachtet werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierüber erließ, faselt er von bösen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich unter ihn legen!

Alexander VI. (1492 – 1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgänger, so sind doch seine Handlungen mehr bekanntgeworden als die anderer Päpste, und er gilt gewöhnlich als die Quintessenz päpstlicher Schlechtigkeit.

Er war in Valencia geboren und hieß ursprünglich Roderich Langolo; aber sein Vater veränderte seinen Namen in Borgia. Roderich studierte, wurde dann aber Soldat und verführte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden Töchter. Von einer derselben hatte er vier Söhne – Franz, Cäsar, Ludwig und Gottfried – und eine Tochter Lukretia.

Sein Oheim Alfons Borgia wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst, und Roderich begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst überschüttete seinen Neffen mit Würden und Geschenken und machte ihn endlich zum Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die päpstliche Krone. Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinälen 22 durch Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte, ermahnte er die bestechlichen Kardinäle zur Besserung und räumte sie als ihm unbequem allmählich durch päpstliche Hausmittelchen aus dem Wege.

Für das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zärtlichste bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte für ihr Fortkommen. Cäsar Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die Freude, seinen Bruder Gottfried mit Sanzia, der Tochter des Königs Karl VIII. von Frankreich, zu verheiraten, der noch weit größere Opfer bringen mußte, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Königreich Neapel zu unterstützen. Karl mußte unendlich viele Dukaten opfern, denn Geld war bei Alexander VI. die Losung.

Um Geld zu erlangen, verschmähte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis für seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglücklichen Prinzen Dschem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bajazet, empört, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von 40 000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen, ließ Alexander VI. dem Sultan weismachen, daß Karl VIII., wenn er Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen Bruder Dschem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Zugleich erbat sich Alexander die fälligen 40 000 Dukaten.

Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50 000 und schrieb an den »ehrwürdigen Vater aller Christen«, so nannte er Alexander, einen sehr freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, »seinen Bruder sobald als möglich von dem Elende dieser Welt zu befreien und ihm zu einem glücklichen Leben zu verhelfen«. Wenn der Papst diese seine Bitte erfüllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300 000 Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Jesu und ewige Freundschaft.

Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. für 20 000 Dukaten aus, aber bereits mit einem Trank im Leibe, der ihn in Mohammeds Paradies beförderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: »Er starb an einer Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam.« – Bajazet war ebenso ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld.

Alexander erhob seinen ältesten Sohn Franz, Herzog von Gandia, den er am liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war sein Tod, denn sein eifersüchtiger Bruder Cäsar ließ ihn ermorden. Man zog den von neun Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Römer sagten spottend: »Alexander ist der würdigste Nachfolger Petri, denn er fischt aus dem Tiber sogar Kinder.« – Alexander war über den Tod seines Lieblings außer sich; aber er vergab Cäsar den kleinen Mord sehr bald und übertrug auf diesen würdigsten Sprößling all seine väterliche Zärtlichkeit.

Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen, verließ der Kardinal Cäsar Borgia den geistlichen Stand – ein bis dahin nie vorgekommener Fall –, wurde von dem Könige von Frankreich zum Herzog von Valence in der Dauphine ernannt und heiratete bald darauf eine Tochter der Königin von Navarra. Seine anderen Kinder vergaß der zärtliche Vater aber auch nicht. Lukretia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alions, Herzog von Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von Ferrara Platz machen mußte.

Die päpstliche Familie führte ein äußerst gemütliches Familienstilleben. Die Brüder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schönen Lukretia, und der letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der Roderich genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und der Sohn und Enkel seines glücklichen Vaters war, der das Wunderkind zum Herzog von Sermonata machte.

Die italienischen Fürsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn Cäsar auf das schamloseste geplündert wurden, vereinigten sich gegen diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast sämtlich gegen ihre bessere Überzeugung zur Seligkeit befördert. Ein halbes Dutzend von ihnen besorgte Cäsar zur Ruhe und einen andern der Herr Papa. Cäsar würde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wäre. Alexander hatte die Gewohnheit, solche reiche Leute, die er gern beerben wollte, in die bessere Welt zu befördern, und eins seiner Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er höchst gemütlich »Requiescat in pace« nannte. – Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann, sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den »in der Hölle gewürzten«, für den Kardinal bestimmten Wein, und dieser endete am anderen Tage sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cäsar, der auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu verdauen.

Mit den Schandtaten dieses Papstes könnte man ein ganzes Buch füllen; aber ich will den Lesern nur einige mitteilen.

Von der Macht und der Stellung der Päpste hatte Alexander die höchsten Begriffe, denn er sagte: »Der Papst steht so hoch über dem König als der Mensch über dem Vieh«, und mit der Religion, welche damals die christliche hieß, war er vollkommen zufrieden, denn er äußerte: »Jede Religion ist gut, die beste aber – die dümmste«, und es würde schwer geworden sein, etwas Dümmeres als das Christentum der römischen Kirche jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion.

Höchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di Mirandola mit dem Papste nach der Niederkunft der Lukretia mit Roderich hatte. Alexander fragte ihn:

»Kleiner Piko, wen hältst du für den Vater meines Enkels?«

»Nun, Ihren Schwiegersohn!«, nämlich den für impotent bekannten Alfons.

»Wie kannst du das glauben?«

»Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmögliches zu glauben«, und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmöglichkeiten aus, daß der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschüttete.

»Ja, ja«, sagte der Papst, »ich fühle wohl, daß ich nur durch Glauben, nicht aber durch meine Werke selig werden kann.«

»Ew. Heiligkeit«, antwortete der Prinz, »haben ja die Schlüssel des Himmelreichs; aber ich, – wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner Tochter geschlafen, mich des Dolches und der Cantarella (Gift) so oft bedient hätte!«

»Ernsthaft, sage mir«, fuhr der Papst fort, »wie kann Gott am Glauben Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube, was er unmöglich glauben kann, einen Lügner?«

»Großer Gott!« rief der Prinz und schlug ein Kreuz, »ich glaube, Ew. Heiligkeit sind kein Christ!«

»Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht.«

»Dacht' ich's doch!« sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien stattgefunden hat.

Die Liederlichkeit Alexanders läßt sich in unserer keuschen Sprache nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cäsar Borgias und seiner Schwester Lukretia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir Deutsche meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst gewordenen Priap zur Unterhaltung.

Burkard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burkard sagt: »Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann.«

»Einst wurde«, so erzählt Burkard, »auf dem Zimmer des Herzogs von Valence (Cäsar Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren, die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mußten, zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine Heiligkeit, Cäsar und Lukretia zusahen. Endlich wurden viele Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie 1501.«

Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen und ergötzte sich mit Lukretia an dem Schauspiel. – Dieses Weib war über alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren desselben haben aufgestellt, daß man nur diejenige eine wahre Hure nennen könne, die 23 000 mal gesündigt habe!

Lukretia genoß das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters; in dessen Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende Grabschrift: »Hier liegt, die Lukretia hieß und eine Thais war, Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter«; letzteres, weil einer ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder war.

Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, daß eine freie Presse dem Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen Meinung weichen mußte und in die fast noch schlimmere Phase der Preßprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn in die Bastille bringe. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: »Zwei und eins macht drei!« – »Unglücklicher!« rief der Kardinal, »Sie leugnen die Dreieinigkeit!« Seitenstücke dazu liefern manche moderne Preßprozesse.

Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf den Päpstlichen Stuhl. Er war ein tüchtiger Soldat, das ist das einzige, seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er hetzte alle Fürsten gegeneinander, ließ Armeen marschieren, kommandierte sie selbst und belagerte und eroberte Städte.

Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser Kirchenversammlung wurde er »als Störer des öffentlichen Friedens, als ein Stifter der Zwietracht unter dem Volke Gottes, als ein Rebell und blutdürstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhärteter Mensch« aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt.

Julius kehrte sich natürlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen König von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan geschleuderten Blitze zündeten nicht mehr.

Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berühmten Geschichtsschreibers Mezeray »wie ein türkischer Sultan und nicht wie ein Statthalter des Friedensfürsten und wie ein Vater aller Christen«. In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst führte, verloren zweimalhunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter Vorbereitungen zu neuen Kriegen.

Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch voraus, daß er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst: »Ewiger Gott, wie würde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere Aufsicht über sie hättest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein elender Jäger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen Papst, als Julius ist!«

Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzählt, daß der Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, daß er am Karfreitag niemand zum Fußkuß lassen konnte.

Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521), welcher seine Erhebung zum Papste derselben Krankheit verdankte, die Julius am Fußkusse verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave kam, litt er an einem venerischen Geschwür am Hintern, welches einen pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinäle, welche angesteckt zu werden fürchteten, befragten die Ärzte des Konklaves, und diese erklärten einstimmig, daß Leo gewiß bald sterben würde. Um nur baldigst von dem Gestank befreit zu werden, erwählten ihn die Kardinäle zum Papst.

Leo X., ein Sprößling der berühmten Fürstenfamilie der Medicis, war ein gescheiter Mann, welcher Künste und Wissenschaften liebte und manch andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Fürsten recht hoch schätzen würden. Er lebte »vergnügt wie ein Papst« und kümmerte sich ebensowenig um die Christenheit als um Geschäfte, wenn er nicht durch seine ungeheuren Geldbedürfnisse dazu gezwungen war.

Er soll während der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krönung verschenkte er 100000 Dukaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen; aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal Bambus: »Wie viel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht hat, ist aller Weltbekannt.«

Sein Hof war der prächtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen Händen weggeworfen wie an denen der altrömischen Kaiser. So war es denn kein Wunder, daß er trotz seines Ablaßkrams noch bedeutende Schulden hinterließ.

Leo verkaufte alles, was nur Käufer fand, und sein Finanzminister Armellino war der unverschämteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von letzterem: »Man ziehe diesem Schinder das Fell über die Ohren und lasse ihn für Geld sehen, was mehr einbringen wird als wir brauchen.«

Leo wurde durch einen plötzlichen Tod aus seinem üppigen Leben hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm, das in der Übersetzung lautet: »Ihr fragt, warum Leo in der Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? – Er hatte sie verkauft.«

Leos Ablaßkram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nächste Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft geschrieben worden und befindet sich in den Händen des Volkes; ich darf sie also als bekannt voraussetzen.

Die gefährliche Lage des Päpstlichen Stuhles hätte einen recht kräftigen Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, »sich und die Jungens zu ennuyieren«, als das lecke Schifflein Petri über Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war.

Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewählt, und als sein Zögling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der Universität Löwen. Luther sagt von ihm: »Der Papst ist ein Magister noster aus Löwen, da krönt man solche Esel.« Man möchte geneigt sein, dies summarische Urteil zu bestätigen, wenn man liest, daß Hadrian bei den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere usw., mit einem flüchtigen Seitenblick vorüberging, indem er sagte: »Es sind alte Götzenbilder.«

Als dieser »deutsche Barbar« zu Fuß nach Rom kam und zu seinem Unterhalt täglich nicht mehr als zwölf Taler verbrauchte und – horrible dictu – Bier dem Wein vorzog, da machten die Kardinäle sehr lange Gesichter und kamen zu der Einsicht, »daß der Heilige Geist keinen als einen Italiener verstehe«.

Hadrian war ein hölzerner Pedant und viel zu ehrlich, als daß man ihn lange auf dem Päpstlichen Stuhl hätte dulden können. Die Satiriker nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisiert dieses Papstes Regierung sehr ergötzlich. Die bezügliche Stelle heißt in der Übersetzung: »Eine Regierung voll Bedacht, Rücksicht und Gerede, voll Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heißt voll Einfalt, – wird Hadrian allgemach zum Heiligen machen.«

Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinäle und Geistlichen gräßliches Verbrechen; er gestand nämlich ein, daß Luther mit seinem Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er ehrlich genug war zu schreiben: »Gott gestattete die Verfolgung um der Sünde willen; die Sünde des Volkes stammt von den Priestern, die daher Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging. Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges ausgegangen, daß es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt in die Glieder, von Päpsten in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen allen Fleiß anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen erwartet.«

So etwas war unerträglich, und Hadrian »wurde gestorben«. Der Jubel der Römer bei seinem Tode war sehr groß, und sie begingen die Unschicklichkeit, die Tür seines Leibarztes zu bekränzen und mit der Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S. P. Q. R. (Der Senat und das Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes.)

Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, daß er fünf Jahre lang Großinquisitor in Spanien war und dort 1020 Menschen lebendig und 560 im Bildnis verbrennen ließ und 21 845 andere zu Vermögenskonhskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte.

Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem »Magister noster Esel« und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu spielen; aber die Reformation konnte er ebensowenig unterdrücken. Er hatte große Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon stürmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen befanden sich 14 000 Deutsche unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit eigenhändig in den Himmel zu befördern.

Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig umgegangen. Die Kardinäle hatten schlimme Zeit, denn selbst die katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stämmigen deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzählen boshafterweise, daß sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzüchtigen losging.

Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion, stahlen und mordeten nach Herzenslust und ließen sich dann absolvieren. Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn Millionen Gold und an barem Gelde, womit sich die Vornehmen ranzionieren mußten, auf eine noch größere Summe.

Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reißner, der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wörtlich hersetzen:

»Die Landsknecht haben die Cardinäls Hüt auffgesetzt, die roten langen Rock angetan vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist oftermals mit seiner Rott, als ein römischer Bapst, mit dreyen Kronen für die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinäls Röcken jrem Bapst Reverentz gethan, jre lange Röck vornen mit den Händen auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen nachschleyffen, sich mit Haubt vnd Schultern tief gebogen, niederkniet, Fuß vnd Händ geküßt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen Trunk gebracht, die angelegte Cardinäl sind auff jren Knien gelegen, haben ein jeder ein Glaßvoll Wein außtrunken vnd dem Bapst bescheyd gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bäpst vnd Cardinal machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten.

Zuletzt haben sie laut vor der Engelburg geschrien: Wir wollen den Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefallen, der soll ein Hand aufheben, haben darauff all jre Händ auffgehebt vnd geschrien, Luther Bapst, vnd viel dergleichen schimpffliche lächerliche Spottreden gethan.

Grünewald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm, Er hett lust, daß er den Bapst ein stück auß seinem Leib solt reissen, weil er Gottes, deß Keysers vnd aller Weld Feind sey« usw.

Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400 000 Dukaten bezahlt hatte, ließ man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg entwischen.

Clemens hatte kein Glück, aber auch kein Geschick. So viel hätte er mit seinem Verstande erkennen können, daß die Zeit der Innozenze vorüber war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich VIII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich dafür mit seinem ganzen Lande von Rom lossagte. Dadurch verlor der Päpstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38 Millionen Gulden eingebracht hatte.

Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Päpsten immer weitere Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage zu Nürnberg versammelten Reichsstände erklärten, »daß sie die päpstlichen und kaiserlichen Verordnungen nicht vollstrecken lassen könnten, weil das Volk, welches den Lehren Luthers in großer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den Argwohn geraten könnte, als wolle man die evangelische Wahrheit unterdrücken und die bisherigen Mißbräuche unterstützen, und dies könnte leicht zu Aufruhr und Empörung Anlaß geben.«

Die deutschen Fürsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor den Mund, und in den »hundert Beschwerden der deutschen Nation« sprachen sie geradezu von den Betrügereien der Päpste, was sie nicht einmal heutzutage wagen würden, überhaupt sagten die Verteidiger der Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Fürsten, was selbst heute in anständiger Sprache nicht gewagt werden dürfte, aus Furcht vor endlosen Preßprozessen. Man ließ Luthers »Satyren« ungehindert passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unflätige Schimpfereien waren.

Der »Gottesmann Lutherus« zeigte wenig Respekt vor Päpsten oder Fürsten, wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob sie Bettelbuben gewesen wären, und sagte sowohl dem Könige von England als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den Herzog von Braunschweig nannte er nur den »Hansworst«; aber am schlimmsten kam der Papst weg.

In seinem Buche »Das Papsttum vom Teufel gestiftet« nennt er die Kirche »die Lerche« und den Papst »den Kuckuck, der die Eier fresse und dafür Kardinäle hineinscheiße«. Er nennt Se. Heiligkeit »einen Gaukler, das Leckerlein von Rom, päpstliche Höllischkeit und Spitzbube, ein epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren und will, daß man ihm den Hintern küsse, – einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor dessen Fürzen sich der Kaiser fürchtet und der alle Fürze der Esel binden und die selbsteigenen angebetet haben will und daß man ihm dabei noch den Hintern lecke.«

Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen würde, so gegen den Papst zu schreiben oder gegen einen Fürsten, dann fiele halb Europa in Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Preßprozeß mit darauffolgendem Gefängnis, so lang wie das Fegefeuer.

Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Münze. Die gewöhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Märten, Doktor Sauhund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von ihm in bezug auf die Tischreden: »Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe, wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu Schweinfurt; gäbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so gehörte der Sauluther dahin.« Das war, wie bemerkt, im sechzehnten Jahrhundert »Satyre«.

Clemens VII. war ein großer Freund der Mönche. Unter ihm entstanden die Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den letzteren nur durch ihre größere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslöscher sehr ähnlich sehen, können zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte durch sie das Licht auszulöschen, welches durch Luther angezündet war.

Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26. Jahre Kardinal geworden, und zwar, weil er seine schöne Schwester Julia Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der liederlichsten Päpste. Blutschande, Mord und ähnliche Verbrechen waren ihm geläufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine Schwester!

Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger angehen. Weit wichtiger war es für die Welt, daß Paul am 27. September 1540 den Orden der Jesuiten bestätigte. Wir werden diese Fledermäuse noch näher kennenlernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darüber keine Auskunft geben und sagten, sie wären tales quales; das heißt: Diejenigen, welche –

Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte wie seine Vorgänger. Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich Beischläferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie gemeinschaftlich, da keiner von beiden wußte, wer der Vater sei. Seinen Affenwärter, einen häßlichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum Kardinal, und als ihm die andern Kardinäle deshalb Vorwürfe machten, rief er: »Potta di Dio! was habt ihr denn an mir gefunden, daß ihr mich zum Papst machtet?«

Der Heilige Vater ließ einst in Rom Musterung über alle Freudenmädchen halten, und es fanden sich nicht weniger als 40 000 in der Stadt. Unter einem so liederlichen Papst wie Julius mußte ihr Handwerk natürlich gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb ein Buch über die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt. Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und – dem Papst dediziert!

Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjähriger Narr und nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht genug Opfer erwürgen. Hören wir, was Pasquino über ihn sagte. Aber vorher noch einige Worte über Pasquino.

Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwanke viele Leute nach seiner Bude lockte. Dieser gegenüber stand eine verstümmelte Statue, an welcher man häufig Satiren angeklebt fand, die man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquil. Es gibt indessen noch andere Traditionen darüber. Bald wurde nun eine andere Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen, die man an der ersten Statue fand, und so entstand ein Frage- und Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergötzlich, sondern auch von großem Nutzen war. Es war der römische Kladderadatsch in primitiver Gestalt.

Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift vor: »Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie stammte der Papst), verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hölle, dessen Aas im Boden ist. Der Erde mißgönnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und Gelübde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zugrunde; vor den Feinden kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt ihr alles auf einmal wissen? – er war Papst!«

Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino erwiderte einem Fragenden: »Warum jammerst du?« – »Ach, der Schimpf bricht mir das Herz!« – »Nun, was ist's?« – »Du errätst es nicht? – sie haben mich«, ruft er unter Schluchzen, »sie haben mich – einen Papst genannt.« Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen sei.

Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den Reichs-Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister sagte in einem Gutachten: »Man lacht jetzt über den Bann, vor dem man sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, für heilig und göttlich, jetzt speiet männiglich, er sei alter oder neuer Religion, darüber aus. Die alten Kaiser haben die Päpste beim Kopfe genommen, gestöcket, gepflöcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestät nicht einmal benötigt, übrigens weiß man, daß Se. Heiligkeit die Kardinäle, welche Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken geschlagen, woraus anzunehmen, daß dieselben Alters oder anderer Zufälle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien

Unter Pius IV. wurde das berühmte Trientiner Konzil geschlossen (im Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die schon längst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an »Haupt und Gliedern« vorzunehmen.

Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes. Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie zwischen Trient und Rom in fortwährender Verbindung, und des Papstes Instruktionen hatten auf alle Beschlüsse den entschiedensten Einfluß. Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte das ändern.

Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: »Der Heilige Geist, der die versammelten Väter in Trient belehrte, kam im römischen Felleisen.« Die Heiligen Väter strengten sich nicht übermäßig an. Alle Monate einmal eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen, und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit unnützen Redereien.

Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebührt, über den Rang der Abgeordneten, über Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle? Endlich entschied man sich dann für den Glauben, da einige Vorwitzige unverschämt genug waren, die Meinung zu äußern, daß die Reformation bei den Häuptern beginnen müsse!

Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine Legaten »hätten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein zu geben, vorwärts zu gehen, während sie doch rückwärts gingen.«

Wenn das Volk, welches sich nach all den schönen Versprechungen auf die Konziliumsbeschlüsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch seine Vertreter deshalb anfragen ließ, dann erhielt es immer zur Antwort, »daß der Bericht noch nicht fertig sei«.

Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes Gesicht und »entsatzete« sich. Beim Schluß der Synode stand der Kardinal von Guise auf und rief: »Verflucht seien alle Ketzer!« – »Verflucht! verflucht! verflucht!« brüllten die Herren Gesandten im Chorus, und der »Heilige Geist« in Rom lachte ins Fäustchen. Dies war freilich nicht der Weg, die Protestanten in den Schoß der Kirche zurückzuführen, welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war.

Es bedarf in der Tat keiner großen Prophetengabe, um vorhersagen zu können, daß das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil (1868) ganz denselben römischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der jetzt die wurmstichige Tiara trägt (Pius IX.), leidet an der Einbildung, daß wir 1368 schreiben, und handelt demgemäß. Es ist ein Glück, daß es ziemlich gleichgültig ist, was das Konzil beschließt, da sich niemand daran kehren wird, und daß die Tage des Landvogtes Gottes gezählt sind:

Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt,
Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.

Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine Beschlüsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz für die römische Kirche. Hume sagte bei der Geschichte der Königin Elisabeth von England: »Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert beginnender Aufklärung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften müßten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem solchen groben Betruge geschickt würde.«

Der protestantische Schriftsteller Haiddegger verglich das Papsttum mit einer Hure, die immer unverschämter wird, je länger sie mitmacht. Dieser Vergleich ist zwar nicht sehr höflich; aber wenn man die Beschlüsse des Trientiner Konzils durchliest, muß man ihm beistimmen. Aller Unsinn, welcher sich allmählich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte, wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen Glaubensformel abwich, hatte »den Verlust der Seligkeit zu erwarten«.

Daß aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist.

Dieses Konzil hatte große Folgen, und die allerschlimmste war wohl die, daß die Päpste, welche bisher beständig gegen die weltliche Macht Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach politischer Freiheit zu lähmen.

Pius IV. »gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch welchen er sie empfangen hatte«. Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger Großinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geäußert haben: »Als Mönch hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst halte ich die Sache für unmöglich.«

Dieser Pius V., der als Großinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt hatte, war der grausamste unter allen Päpsten. Ihn belebte nur eine Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter Herzog Alba, der sich rühmte, daß er in sechs Jahren 18 000 Personen hinrichten ließ, und aller Verschwörungen in Schottland und England.

Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein religiöser Fanatismus. Er ließ zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen Distichons hängen, welches er auf den im Lateran (päpstlichen Palast) neuerbauten Abtritt machte!

Papst Pius V., der beladenen Bäuche sich erbarmend,
Errichtete diesen Abtritt, ein edles Werk.

Das ist die Übersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen brachte. Der arme Mensch rief mit Recht: »Das ist zu arg«, und noch auf der Leiter wollte er nicht glauben, daß die Sache ernst sei, und fragte: »Wie, Nikolaus an den Galgen?«

Als Pius unter gräßlichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht hatte, herrschte allgemeine Freude. Die während seiner Regierung beinahe in den Ruhestand versetzten öffentlichen Mädchen versammelten sich jubelnd um seine Leiche, und sogar der türkische Sultan ließ Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen.

Doch ich darf nicht das Gute unerwähnt lassen, was von diesem Papst zu melden ist, und um so weniger, als es auf dem »Apostolischen Stuhl« eine Seltenheit ist. Er führte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler, trug einen handbreiten, stachligen Drahtgürtel (Zilizium genannt) auf dem bloßen Leibe und kein Hemde. Seine Speise bestand aus Gemüse und sein Getränk aus Wasser.

Gregor XIII. war seinem Vorgänger an fanatischem Ketzerhaß gleich, wenn auch nicht an Sittenstrenge. Er eröffnete dem spitzbübischen Jesuitengeneral Aquaviva, daß es Protestanten, besonders Gelehrten, Fürsten, höheren Beamten und anderen einflußreichen Personen, wenn sie zur römischen Kirche übergingen, aus besonderer päpstlicher Gnade gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch alle protestantischen Kirchengebräuche mitmachen, kurz, nach wie vor sich als Protestanten benehmen zu dürfen.

Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Päpstlichen Stuhl. Sein Vater war Weingärtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst hütete in seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: »Ich bin aus einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang in die Hütte meiner Eltern.«

Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht weit von Montalto in der Mark Ankona, geboren. Ein Franziskaner, dem der Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl führte. – Er stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt er es denn für zweckmäßig, sich ganz zurückzuziehen und dem Anscheine nach ein völliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut, daß sämtliche Kardinäle angeführt wurden. Er stellte sich äußerst demütig, einfältig und körperlich hinfällig, ließ sich geduldig »der Esel aus der Mark« nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Die Kardinäle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt, und da keine der andern den Willen tun wollte, rief die größte Zahl der Kardinäle, »daß der Esel aus der Mark Papst sein solle«. Kaum wurde der an seiner Krücke einherschleichende Montalto gewahr, daß er die meisten Stimmen für sich habe, als er sogleich seine Krücke wegwarf, sich kerzengerade in die Höhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte und mit einer Stentorstimme ein Tedeum anstimmte, daß die Fenster zitterten.

Man kann sich den Schrecken der überlisteten Kardinäle denken. Als der Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gemäß fragte, ob er die Würde annehme, antwortete er: »Ich hätte noch Kraft zu einer zweiten«, und als einer der stolzesten Kardinäle wegen seines guten Aussehens Komplimente machte, sagte er lachend: »Ja, ja, als Kardinal suchten wir gebückt die Schlüssel des Himmelreiches; wir fanden sie und sehen nun aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben.«

Einer der Kardinäle, der sich immer für ihn interessiert hatte, wollte seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen; aber Montalto wies ihn zurück und sagte: »Tut nicht so vertraut mit dem Papste

Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, äußerte nun zu seinen Kollegen: »Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; ihr habt einen dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!« – Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher.

Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mönch und griff nun mit Energie in die bisher so jämmerlich schlaff gehandhabten Zügel der Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzähligen Räuberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so überhand genommen hatten, daß kein Mensch seines Lebens sicher war. Fünfhundert Verbrecher erwarteten, wie es bei einem Regierungsantritt gewöhnlich war, ihre Befreiung; allein Sixtus ließ ihnen den Prozeß machen, und die Galgen wurden nicht leer. »Ich sehe lieber die Galgen voll als die Gefängnisse«, pflegte er zu sagen.

Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme, was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die Banditen beschützte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des Prälaten Cesarino ließ der Papst niederreißen, weil sie ein bekannter Banditenschlupfwinkel war.

»Ich verzeihe«, sagte er, »was unter Montalto geschehen ist; aber als Sixtus muß ich das Haus niederreißen und einen Galgen an die Stelle setzen.« Cesarino wurde vor Angst Kartäuser.

Einer der Bargellos (Landhäscher), die nur zu oft mit den Banditen gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus gewahr wurde. Dieser ließ ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der Bedingung frei, daß er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl Banditenköpfe einliefere.

Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe so weit, daß er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstöbern ließ. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen Mordes nach Florenz entwischt war, ließ er requirieren und enthaupten.

Diese Strenge gab Pasquino hinlänglichen Stoff. Einst sah man an der Bildsäule die Engelsbrücke abgebildet, mit den sich gegenüberstehenden Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und Reisemantel. Paulus äußerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache des Reisekostüms, und Petrus antwortet: »Ich will mich fortmachen, denn ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen.«

Sixtus trieb seine Justiz mit förmlicher Leidenschaft, und einst nach einer großen Hinrichtung äußerte er bei Tische: »Mir schmeckt es nie besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit.« – Pasquino erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Räder, Beile usw. und sagte: »Diese Brühe wird dem Heiligen Vater Eßlust geben.«

Die Mütter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser sich auf der Straße blicken ließ, so drückte sich jeder beiseite. Ein Zeichen, daß es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche die Strenge des Papstes zu fürchten hatten. Er verfolgte nicht allein Banditen, sondern auch die Menschenfleischhändler oder die Kuppler, die den Kardinälen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Töchter zu verhandeln pflegten. Eine berühmte Buhlerin, Pignaccia, welche man nur die Prinzessin nannte, ließ er hinrichten und von ihrem Vermögen ein schönes Hospital erbauen.

Für die Armen sorgte er in bedrängter Zeit väterlich und ließ nicht allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen, sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel nötigte er, seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam.

Ein schöner Zug von Sixtus war es, daß er sich früher erhaltener Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: »Das übrige werde ich bezahlen, wenn ich Papst bin.« Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem Sohne des Schusters – ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der ihm vor vierzig Jahren vier Skudi geborgt hatte. Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht; aber trotz dieser Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Skudi im päpstlichen Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten.

Sixtus besaß Verstand und selbst Witz; aber gegen den anderer war er sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. – »Warum wartest du nicht bis Montag?« – »Ich trockne es, bevor die Sonne verkauft wird«, und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: »Der Papst hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin gemacht

Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des Verfassers tausend Dukaten, indem er dem letzteren das Leben zusicherte. Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug, sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten auszahlen.

Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, daß die Ketzer brennen müßten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich billigte er, und als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart hatte hinrichten lassen, rief er aus: »Glückliche Königin! Ein gekröntes Haupt zu ihren Füßen!«

König Heinrich IV. und Elisabeth wußte er übrigens zu würdigen und äußerte einst: »Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der Krone.« Elisabeth erfuhr es und scherzte: »Wenn ich je heirate, muß es Sixtus sein.« Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: »Wir brächten einen Alexander zustande!« Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, daß er einen Jesuiten als Beichtvater annehmen solle wie die andern Großen; er aber meinte, »es würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papste beichten wollten.«

Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst merkwürdige Inschriften hat: »Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf sich Ägypten und weihete ihn der Sonne« auf der einen Seite, und auf der anderen: »Sixtus V. Pontifex Maximus weihet diesen Obelisken, nach dessen Reinigung, dem Kreuze.«

Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu strenge, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und rief: »Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?« Der arme Doktor ward krank vor Schrecken.

Im Jahre 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er an diesem Vorsatz.

Die Römer waren froh, daß sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben ihre Freude dadurch zu erkennen, daß sie die auf dem Kapital stehende Bildsäule dieses Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: »Mache ich je wieder einen Mönch zum Papste, so soll mir ewig der Rettig am Hintern bleiben.«

Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen lassen, aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.

Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in bezug auf Regierungen und Fürsten auf und sagte ihm geradezu: »Das Wort Gehorsam ist unschicklich, wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten.«

Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur Empörung zu verleiten, und endlich verließen sie mit einer Menge anderer Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf sein Verbot des Interdikts antworten, daß er tun werde, was Gott ihm eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben, einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu Kreuze. Im Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem daß sie die ganze päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen.

Um den gefährlichen Feind loszuwerden, beschloß man, Sarpi zu ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der Wahrheit: »Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!«

Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den »römischen Kurialstil« kannte, so mußte eine Sicherheitswache Sarpi begleiten, wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St. Markusritter ernannt.

Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art haßte er gründlich und war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den allertiefsten Abgrund der Hölle »im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« verflucht werden. Diese Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstage zur Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen.

Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär einen »Gamaschenfuchser« nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde!

Urban befahl auch, daß sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im Scherze – kitzeln sollten und daß man am Feste des heiligen Markus keine – Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, daß neben den 52 Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten.

Er scharrte 20 Millionen Skudi zusammen, die er aber meistenteils für seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8 Millionen.

Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelte ohne Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein. Noch in den letzten zehn Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine halbe Million Skudi beiseite geschafft haben.

Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie lachend: »Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen.« Eine ähnliche Äußerung erzählt»man sich von Alexander VI.

Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt nach dreißigjährigem Kriege den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler gestraft.

Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: »Der Papst hat gut reden; im Reiche geht es bunt zu, während er sich von Olympia krabbeln läßt.«

Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann, der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu werden verdient. Er erlebte die Freude, daß der Fürst, in dessen Lande die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der »allein seligmachenden« römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun mußte, wenn er König von Polen werden wollte, und der wie Heinrich IV. von Frankreich dachte, »daß eine Königskrone schon eine Messe wert sei«.

Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser klagte, daß ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen, wenn er sich nicht bessere.

Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen, denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so kräftig, daß das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus, Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus und siehe! es war Se. Hochwürden der Beichtvater!

Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen, als daß sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber nur so weit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem ihrigen übereinstimmte.

Im allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher zu werden; das heißt die viehischen Unflätereien, mit denen sich der päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen betrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, daß man dies nicht ungestraft tun dürfe und daß es selbst den Vizegöttern nicht mehr gestattet war, wie die Schweine zu leben.

Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst, der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu unterstützen und zu verteidigen; allein soviel er konnte, suchte er doch zu mildern und zu versöhnen. Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch ziemlich charakterisieren.

Nachdem er einst dem Herzoge von York, also einem Ketzer, alle Merkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte: »Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes wird Ihnen nichts schaden.«

Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen Offizieren dem Papste vor. Die jungen Herren konnten sich nicht enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: »Seien Sie ruhig; ich bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu verhindern.«

Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen, selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm Religion und Sache Gottes.

Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: »Ich hatte einen Weinberg gepflanzt und wartete, daß er Trauben brächte, und er brachte Herlinge.« Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters; am anderen Morgen antwortete Pasquino: »Es ist der Prophet Jeremias

Der Papst erlebte indessen den Jammer, daß das fromme Portugal, ja auch Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel jagten, und letzteres sie »für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne und der öffentlichen Ruhe« erklärte.

Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs neue, hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloß sich sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Lande wurden an einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und – nach dem Kirchenstaate geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst – er sollte all die schwarzen Blutsauger ernähren! – trieb es so weit, daß Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu nehmen; aber der Tod errettete ihn von diesem Schicksal. Sein Nachfolger Clemens XIV. mußte endlich der allgemeinen Stimme Gehör schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben. Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: »Diese Aufhebung wird mich das Leben kosten.« Er kannte seine Leute. Clemens starb an Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten: »Clemens ist tot, nicht wahr, ihr habt ihm vergeben?« – »Ja, wie wir allen Schuldigen vergeben!« antwortete mit der sanftesten Miene der würdige Schüler Loyolas.

Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774 auf dem »Stuhl Petri«, und wenn es denn doch einmal Päpste geben muß, so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, daß ich hier nicht länger bei derselben verweilen kann.

Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente allmählich zu den höchsten Kirchenwürden, und als er, ohne daß er es suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: »Behaltet euern Gehalt, aber verlangt nicht, daß ich über eure Kunst meine Gesundheit verliere.«

Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten – d. h. Vettern – zu bereichern, er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen. Als man ihn fragte, »ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von seiner Erhebung Nachricht geben solle?« erwiderte er: »Meine Familie sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu erhalten.«

Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, »daß sich jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde«. Von seiner päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch, und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt.

Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln; aber der Papst duldete dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: »Ich habe ja selbst die Hasardspiele verboten.« – Ein englischer Lord war von dem Papst so entzückt, daß er ausrief: »Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe ihm meine Tochter.« Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus ac redemptor – die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet –, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wußte, sein Todesurteil. – Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so zerstört worden, daß selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopfe, so daß bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt werden mußte.

Schließlich muß ich von diesem Papste noch bemerken, daß er es für unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstage zu verfluchen, und daß er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Greuel, und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.

Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der Geschichte.

Nach langem, heftigem Kampfe im Konklave setzten es die Jesuiten durch, daß abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz, hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig, jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. – Eine schöne Galerie von schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto kürzer, so daß es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine Verdienste.

Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los, und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte das Werk eines Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte »über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des Papstes«, und in ihm war bewiesen, daß der Zustand der Kirche erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei.

Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.

Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände. Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines Volkes im Lande zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus Wien blieben aus, und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so entschloß er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, »er werde nächstens selbst nach Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten«, – allein Pius wollte den Wink nicht verstehen.

Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es verstand, prächtige Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor Vergnügen, und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen.

Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener, erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat ihn Joseph, alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.

Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein er wartete vergebens, und der Heilige Vater mußte sich entschließen, selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwande, seine Gemälde zu besehen. Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kusse, aber dieser begnügte sich damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die Million Skudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.

Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen – wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! – und ein Diamantkreuz, 200 000 Gulden an Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen Ansehen geschlagen war.

Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittene Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den es andere deutsche Städte nicht beneiden.

»Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, daß es katholisch bleiben kann, ohne römisch zu sein«, sagte der beste deutsche Kaiser einst zu Azara. Armer Kaiser I Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. von Hohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich.

Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen Republikaner sangen:

Non abbiamo Pazienza,
non vogliamo Eminenza,
non vogliamo Santita,
ma – Egualianza e Liberta.

(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit, sondern Freiheit und Gleichheit.)

Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: »Oberpriester! die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst übernommen.«

Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab und verlangte, daß er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: »Meine Uniform ist die Uniform der Kirche.« Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena und endlich nach Florenz in die dortige Kartause.

Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.

Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange von Päpsten und Fürsten erdulden mußte, hatte die Herzen der Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht. Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen zu rächen, welches die Päpste »für den Glauben« vergossen hatten. Pius mußte fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht, um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der Rhone kam.

Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten, kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er, körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee und Eis die Alpen übersteigt, um im Schloßhof zu Canossa barfuß und fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der Inquisition sich am Marterpfahle winden – und freue mich nur, daß die Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern einen lasterhaften traf.

Pius benahm sich, indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche der Maire für Nationaleigentum erklärte. – Die Revolutionen tun oft einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen gut. – Wo wären wir ohne 1848?

Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ, und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen bedeutet.

Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage: »Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?« – »Im Kopf waren seine Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen die Pontinischen Sümpfe

Wer hätte es jemals gedacht, daß Frankreich, welches vor tausend Jahren die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur daß der Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.

Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der Menschen beförderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer.

Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul nicht halten; er antwortete auf die Frage: »Warum ist das Öl so teuer?« – »Weil so viel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind.«

Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden, und der Papst äußerte selbst: »Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann empfangen zu werden, aber nicht als Papst.«

Die Pariser waren indessen – durch das Revolutionssieb filtrierte Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins: bis! bis!

Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt, erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: »Ach, seht da, die päpstliche Kavallerie! Ach, der apostolische Esel, der heilige Esel, der Esel der Jungfrau!« Und schallendes Gelächter erschallte vor Notre-Dame.

Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius der VII. spielte eine untergeordnete Figurantenrolle.

Zorn im Herzen kehrte der heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber.

Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: »Sind Sie Katholik?« – »Ja, Heiliger Vater«, stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm schweigend den Segen und ging in sein Kabinett. Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch gestehen, daß er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen so erbittert, daß es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Daß er dazu Lust hatte, läßt sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloß, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht »wie der liebe Gott in Frankreich«, sondern zurückgezogen und einfach und begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er gab dem Kaiser nicht einen Zollbreit nach, und das war männlich. In einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er Napoleon verächtlicherweise »Komödiant!«, was den Kaiser so wütend machte, daß er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte.

Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, daß die Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu unmächtig; aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die Menschen waren noch immer dumm.

Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August 1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die Inquisition, selbst die Folter trat wieder ins Leben und wurde gegen mehrere unglückliche Carbonari angewendet. All der Unsinn der früheren Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. – Prozessionen, Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht werden.-

Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.

Sein Andenken muß jedem Freunde fast noch verhaßter sein als irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil Pius im neunzehnten Jahrhunderte lebte und aus Herrschsucht und Habgier das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, – um dadurch zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte.

Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche deutsche Dame zu erzählen wußte. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz ein ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: »Wenn der Papst ein Jäger ist, so sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die Untertanen das Wild.« – Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen immer, und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden!

Als Leo Papst wurde – wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825 ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, »die Milch des Glaubens aus den Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen.« Bon appetit!

Dieser Leo war ein solcher – Papst, daß er die Kuhpockenimpfung als gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blute eines Menschen vermischt werde ! – Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Leo trat ganz in die Fußtapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlage, den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahre 1827 bestand der päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten vermag ich nicht zu taxieren.

Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November 1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledict des heiligen Offiziums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins, außer den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete, Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind, geboten wird, »binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren werden, gerichtlich anzugeben, in betreff alles oder eines jeden von denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt oder ihre Gönner und Anhänger sind – die vom katholischen Glauben abgefallen sind –, welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener, Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen gedroht haben oder zu beleidigen drohen, – welche in eigener Wohnung oder bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen« usw. usw.

Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren. Im Jahre 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden, und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte man ihn 1826 zum Kardinal.

Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden. Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im Kirchenstaate noch härter bestraft wie zu jener Zeit selbst in Österreich oder Preußen.

Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten und Einrichtungen begünstigt, die seit Jahrhunderten zur Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu aufgeführt.

Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Rußland gleichfalls und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau.

Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt drängte.

Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, von dem man hoffte, daß er der letzte eigentliche Papst sein würde. Sein Name war Giovanni Maria Graf Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815 in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er beschloß daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber den relativen Nutzen hat, daß sie zu hohen Ehren und Stellen führen kann.

Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loretto, namens Strambi, heilte ihn von dem gräßlichen Übel durch Magnetismus, das heißt durch Handauflegen – eine Kraft, welche übrigens auch viele Ketzer haben und ausüben.

Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde 1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal. Am 16. Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni gekrönt.

Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an, denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede Verbesserung doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte, und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte überschritten diese Grenze.

Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst mußte dem Sturme folgen und die Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das konstitutionelle Regieren war aber einem Papste ein ungewohntes Ding, und um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahre 1848, und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des mißliebigen Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte »sich nicht imponieren lassen«, allein als man das kanonische Recht – das heißt wirklich metallische Kanonen – gegen ihn anwandte, hatte er nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Mittel beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, daß Rom zur Republik erklärt wurde.

Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereiche dieser Schrift, die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Daß dieser zugleich weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt war, war ein Umstand, der selbst von vielen Katholiken beklagt ward, da er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubte. Wie derselbe in seiner Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich erhalten wurde, ist bekannt, wie auch die erfüllte Hoffnung, daß mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen Regierungssorgen erlöst wurde.

So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig. Er trat genau in die Fußtapfen seines Vorgängers, allein er tat es in weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen der römischen Kirche wiederhergestellt wurde. Besonders erfolgreich war er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren ganz verderblichen Einfluß auf die Schulen wiedergewann.

Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig, den verdummenden und knechtenden Einfluß der Kirche auf das Volk wieder zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen, während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland, danach strebte, sich von dem Einfluß der weltlichen Regierungen möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zwecke wurden die Piusvereine gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren Zahl bald so sehr wuchs, daß bereits im Oktober desselben Jahres eine Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickte wurde. Von diesen Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.

Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus, für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen beiden und dem Papste; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich, direkt in die Politik ein.

Pius IX. war weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch-katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, daß er die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma erhob.

Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden entgegentrat.

Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche oder vielmehr die päpstliche Gewalt durch den im Jahre 1866 stattgehabten Umschwung der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der mächtigsten Hebel ihrer Macht.

Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und andere ihr zu Gebote stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig, sondern veranlaßten auch die Männer der Wissenschaft und selbst diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschrittes hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer auch Papst Pius IV. von dem im Jahre 1869 von ihm zusammenberufenen Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mochte, wer die Lage der Dinge mit vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, daß ein für das Mittelalter berechnetes Institut wie die römisch-katholische Kirche bald zu den gewesenen Dingen gehören würde, wenn es nicht im Interesse der nach Rückkehr der Despotie strebenden Fürsten wäre, sie trotz mancher aus der Schein-Konstitution entstehenden Unbequemlichkeiten in Schutz zu nehmen. Aufhören wird ihr verdammender Einfluß erst mit Erreichung ehrlicher Konstitutionen, mit denen sich eine Stellung nicht verträgt, wie sie die Kirche jetzt einnimmt und die Trennung von Kirche und Staat absolut nötig macht. –

Papst Pius IX. starb am 7. Februar 1878, wie er der Welt glauben machen wollte, als armer Gefangener im Vatikan. Ihm folgte in derselben Eigenschaft Leo XIII. (Pecci), dessen Regierung und Kirchenpolitik wir unerörtert lassen wollen, da wir das Ende noch nicht kennen und in bezug auf lebende Personen Ursache haben, unser Urteil zurückzuhalten. Nur so viel können wir wohl sagen, daß auch Leo XIII. niemals im Ernst nachgeben wird, denn jede Konzession, die ein Papst macht, ist das Herausnehmen eines Steines aus dem künstlich gefügten Gebäude der römisch-katholischen Kirche, daher gewissermaßen eine selbstmörderische Handlung.

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