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Petersburger Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Petersburger Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorNikolai Gogol
titlePetersburger Erzählungen
publisherAufbau-Verlag
year1962
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130315
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Das Porträt

 

Erster Teil

Nirgends blieben so viele Leute stehen wie vor dem kleinen Bilderladen in der Schtschukinpassage. Der Laden zeigte aber auch ein Sammelsurium der sonderbarsten Herrlichkeiten. Den meisten Raum beanspruchten die Ölgemälde, die blank von grünlich angehauchtem Firnis waren und durch stumpf gelbe Goldrahmen in ihrer Buntheit noch gehoben wurden. Ein weißer Winter mit beschneiten Bäumen, ein knallig roter Sonnenuntergang, der mehr an eine Feuersbrunst gemahnte, ein holländischer Bauer mit bös verrenktem Arm und langer weißer Pfeife, der eher einem Truthahn in Manschetten als einem Christenmenschen ähnlich sah – das etwa waren die Motive dieser Bilder. Doch auch Porträts in Stahlstich fehlten nicht: Chosrew-Mirsa, die Lammfellmütze auf dem Kopf, und ein paar Generale in Dreimastern und mit windschiefen Nasen. Ferner hingen an der Ladentür gleich ganze Stöße grober Holzschnittbilderbogen, Erzeugnisse der durch kein Studium beirrten Kunstbegabung unseres Volkes. Da sah man die Prinzessin Miliktrissa Kirbitjewna sowie auf einem andern Blatt die Stadt Jerusalem, bei der die Häuser und die Kirchen ohne Federlesen dick mit roter Farbe überpinselt waren. In diesem Rot ertrank auch noch ein Teil des Erdbodens nebst zwei kleinrussischen Bäuerlein in Fausthandschuhen, die anbetend vor den heiligen Stätten knieten. Käufer für solche Kunstwerke sind sicher äußerst rar, Bewunderer hingegen trifft man immer haufenweise. Ganz ohne Zweifel findest du vor ihnen jederzeit den einen oder andern bummligen Bedienten, in seiner Linken die Menage mit dem Mittagessen, das er für seinen Herrn aus einem Restaurant geholt hat; eins ist nicht zu bezweifeln: seinen Mund wird sich der arme Herr an der Kohlsuppe heute nicht verbrennen. Daneben steht dann wohl in fadenscheinigem Mantel einer der Kavaliere unserer Trödelmärkte, ein abgemusterter Soldat, der ein paar Federmesser feilhält, und etwa eine Vorstadthausiererin, am Arm den großen Korb voll Filzpantoffeln. Ein jeder äußert hier die Kunstbegeisterung auf seine Art: die Bauern fassen die Drucke mit den Fingern an, die »Kavaliere« mustern sie mit wichtiger Miene, die Laufburschen und Handwerkslehrlinge erheben ein Gelächter und finden in den ausgehängten Fratzen verblüffend viele Ähnlichkeiten mit den Kameraden, die gerade neben ihnen stehen. Die alten Diener in den groben Mänteln verweilen hier, weil es ja schließlich einerlei ist, wo sie Maulaffen feilhalten, die jungen Trödlerinnen zieht es unwillkürlich überallhin, wo das Volk sich sammelt, sie kommen angelaufen, um zu hören, was die Leute schwätzen, und festzustellen, was es da zu sehen gibt.

Ohne sich dabei etwas zu denken, hemmte der junge Maler Tschartkow, der ganz von ungefähr des Weges kam, vor diesem Laden seinen Schritt. Er hatte einen alten Mantel an und war im übrigen recht nachlässig gekleidet. Das deutete auf einen Mann, der sich mit Selbstverleugnung seiner Arbeit widmet und deshalb keine Zeit hat, auf sein Äußeres zu achten, was doch für junge Leute sonst von tief geheimnisvollem Reiz ist. Er machte also vor dem Laden halt und lachte anfangs über die entsetzlich schlechten Bilder. Doch langsam wurde er nachdenklich und fragte sich, wem wohl in aller Welt mit dem Geschmier auf irgendeine Art gedient sein könnte. Nicht das erschien ihm wunderlich, daß sich der Russe aus dem Volk von diesen Recken einer grauen Vorzeit, von ihren Gastereien und Gelagen, von Foma und Jerjoma fesseln läßt – die Vorwürfe der Holzschnittbilderbogen waren gewiß volkstümlich und dem kleinen Mann zu Herzen sprechend. Aber wo in der Welt gab es wohl einen Käufer für die bunten, ruppig hingeklecksten Ölgemälde? Wem konnten diese holländischen Bauern, diese blitzblauen und knallroten Landschaften auch nur das geringste sagen, dieses Gesudel, das den Anspruch machte, auf einer irgendwie gehobenen Stufe der Malerei zu stehen, und das dabei die Kunst doch nur zutiefst erniedrigt und geschändet zeigte? Und dabei waren das durchaus nicht die Produkte eines blutigen Dilettanten. Sonst hätte daraus doch bei aller Unfähigkeit und Stümperei wenigstens der Drang, das Beste herzugeben, sprechen müssen. Hier aber war nur eines zu verspüren: absoluter Stumpfsinn und eine kraftlos kümmerliche Talentverlassenheit, die sich ganz unverfroren auf die Kunst geworfen hatte, da doch ihr eigentliches Feld im besten Fall ein Handwerk von der gröbsten Art gewesen wäre. Und diese traurige Talentverlassenheit blieb dabei ihrem angeborenen Beruf vollkommen treu – sie trieb die Kunst kaltblütig als ein ordinäres Handwerk. Dafür waren Zeugen diese Farben und der flotte Strich, das lockere Gelenk und die geübte Hand, die eher einem primitiven Automaten als einem richtigen Menschen zu gehören schienen . . . Tschartkow stand eine Weile vor den scheußlichen Gemälden und war mit den Gedanken bald woanders. Der Bilderhändler aber, ein ergrauter Mann in einem Mantel aus gemeinem Fries, mit einem Kinn, an dessen Stoppeln seit dem Sonntag kein Rasiermesser gekommen war, sprach mittlerweile lebhaft auf ihn ein und marktete und machte Preise, ohne sich vorher zu vergewissern, was Tschartkow eigentlich gefallen habe und ob er etwas von den Sachen kaufen wolle.

»Die Bauern da und hier die feine kleine Landschaft bekommen Sie zusammen für bloß fünfundzwanzig Rubel. Wie das gemalt ist! Das muß jedem in die Augen springen! Frisch von der Messe angekommen: der Lack noch nicht mal richtig trocken! Oder der Winter da – wenn Sie den Winter wollen . . . Fünfzehn Rubel! Das ist allein der Rahmen wert! Ja, so ein Winter stellt was vor!« Der Kaufmann schnippte mit dem Zeigefinger kräftig an die Leinwand, als könnte er auf diese Art die hohe Qualität des Winters augenfällig machen. »Soll ich die Bilder gleich zusammenbinden und Ihnen in die Wohnung schaffen lassen? Wie ist die werteste Adresse? Petruschka, he, reich mal den Bindfaden herüber!«

»Halt, lieber Freund, nur immer langsam!« rief der Künstler, als er, aus der Versunkenheit erwachend, sah, daß der gerissene Händler im Begriff war, die Bilder ganz im Ernst mit Bindfaden zu einem Packen zu verschnüren. Es schien Tschartkow ein wenig peinlich, nichts zu kaufen, da er schon gar so lange in dem Laden stand, und er fuhr fort: »Halt, halt, ich möchte lieber untersuchen, ob sich da unten nicht was für mich findet.« Er bückte sich zu einer Anzahl abgewetzter und verstaubter Bilder, die liederlich am Boden aufgestapelt lagen und sich in dem Geschäfte augenscheinlich nur geringer Wertschätzung erfreuten. Da gab's uralte Ahnenbilder, für die man hier auf Erden kaum noch einen Nachkommen gefunden hätte; da gab es löcherige Leinwanden, darauf sich überhaupt nichts mehr enträtseln ließ, und Rahmen, die den Goldglanz längst verloren hatten – mit einem Worte: nichts als schäbiges Gerümpel. Der Künstler aber sah den Haufen durch und dachte insgeheim: ›Vielleicht kann ich da doch etwas entdecken.‹ Er hatte oft davon erzählen hören, wie der und jener schon in solchem alten Plunder Werke großer Meister aufgestöbert hätte.

Sowie der Händler sah, wofür sich Tschartkow interessierte, erlahmte sein geschäftiger Eifer alsobald; er trat mit der gehörigen Würde wieder auf seinen alten Posten vor der Tür und rief die Leute an und wies auffordernd in den Laden: »Treten Sie näher, Herr! Hier gibt es Bilder . . .! Nur hereinspaziert, hereinspaziert! Frisch von der Messe angekommen!« Als er sich, ohne etwas damit zu erreichen, halb kaputt geschrien hatte, begann er ein ausführliches Gespräch mit einem Trödler, der ihm gerade gegenüber gleichfalls in der Türe lehnte; doch endlich fiel ihm ein, daß ja in seinem Laden noch ein Kunde war. Da wandte er den Leuten draußen kurz den Rücken und trat zu Tschartkow hin. »Na, Herr? Was ausgesucht?« Der Künstler aber stand schon eine Weile regungslos und starrte auf ein Porträt in einem schweren breiten Rahmen, der sicher in vergangnen Tagen einmal vornehm und höchst prunkvoll ausgesehen hatte, heute aber kaum noch schwache Spuren von Vergoldung aufwies.

Dies Bildnis stellte einen alten Mann dar. Ein fleischloses, bronzefarbenes Gesicht mit breiten Backenknochen. Der Maler hatte seine Züge offenbar in einem Augenblick krampfhafter Erregung festgehalten. Und nicht die stille Kraft des Nordens sprach aus ihnen, des Südens Flammensiegel war auf diese Stirn gedrückt. Um seine Glieder wallte ein weites orientalisches Gewand. War das Porträt auch arg verschmutzt und stark beschädigt – kaum hatte Tschartkow das Gesicht vom Staub gereinigt, da erkannte er die Handschrift eines großen Malers. Das Bild schien unvollendet; doch die Kraft des Künstlerpinsels wirkte schlagend. Besonders zeigte sich das an den Augen; der Maler hatte alles, was sein Pinsel konnte, und all sein Streben eingesetzt, um sie zu treffen. Sie sahen einen wirklich an aus dem Porträt heraus und wollten dessen Harmonie beinah zerstören durch ihre seltsame Lebendigkeit. Als Tschartkow nun das Bild zur Ladentüre trug, da wurde der Blick der Augen noch viel lebhafter. Und auch die Leute draußen spürten das. Denn eine Frau, die hinter Tschartkow stand, schrie ganz erschrocken: »Hu, wie er einen ansieht! Hu!« und fuhr zurück. Ein unbehagliches Gefühl, das er sich selber nicht erklären konnte, beschlich den Künstler. Eilig lehnte er das Bild von neuem an die Wand.

»Na, nehmen Sie nun das Porträt?« fragte der Händler.

»Ja, was soll es kosten?« fragte Tschartkow.

»Was wird man denn dafür schon groß verlangen? Drei Viertelrubel, sagen wir!«

»O nein.«

»Was bieten Sie mir denn?«

»Zwanzig Kopeken allerhöchstens«, sagte Tschartkow da und wendete sich rasch zum Gehen.

»Was Sie für einen Schundpreis bieten! Einen Zwanziger! Da kostet ja der Rahmen mehr! Sie wollen es dann wohl erst morgen kaufen? – Halt, Herr, bleiben Sie! Bloß einen Zehner legen Sie noch drauf! – Na also, meinetwegen denn, in Gottes Namen! Geben Sie her den Zwanziger! So wahr ich lebe, bloß weil es mein Handgeld ist – Sie sind der erste, der mir heut was abkauft.«

Danach wischte der Händler mit der Rechten durch die Luft, wie wenn er sagen wollte: Hol's der Kuckuck, fort mit Schaden!

So hatte Tschartkow unversehens das Porträt gekauft und dachte sich dabei in seinem Sinn: ›Wozu kauf ich das eigentlich? Was hab ich denn davon?‹ Er holte einen Zwanziger aus der Tasche, gab ihn dem Händler, klemmte das Porträt unter den linken Arm und ging hinaus. Wie er so durch die Straße schritt, fiel es ihm auf die Seele, daß das sein letzter Zwanziger gewesen war. Ihm wurde plötzlich trüb und weh zumute; geheimer Zorn und eine dumpfe Gleichgültigkeit bekämpften sich in ihm. »Zum Teufel noch einmal! Ist das ein dreckiges Leben!« sprach er im ärgerlichen Ton des Russen, dem es schlecht geht, vor sich hin. Mechanisch ging er schnellen Schrittes weiter und achtete auf nichts von dem, was um ihn war. Das rote Licht des Sonnenuntergangs erhellte noch das halbe Himmelsrund; die Häuser, die gen Abend schauten, beglänzte abschiednehmend noch ein letzter warmer Schein; langsam gewann zugleich das kalte Dämmerblau des Mondes an Gewalt. Die Häuser und die Menschen warfen endlos lange, leichte, durchsichtige Schattenstreifen auf die Erde. Des Malers Auge ward allmählich wider Willen gefesselt von dem Himmel droben, der still in Ungewissem, duftig klarem Lichte stand. Fast gleichzeitig entrannen seinen Lippen die zwei Sätze: »Blödsinnig fein im Ton!« und »Hol der Teufel diese Tränenwelt!« Er drückte das Porträt, das immer wieder seinem Arm entgleiten wollte, fester an sich und schritt schneller aus.

Todmüde und in Schweiß gebadet, erreichte er die Straße, wo er wohnte: die fünfzehnte Querstraße auf der Wassilij-Insel. Schwer atmend und nicht ohne unterwegs ein paarmal auszurasten, erstieg er dann die Treppen, wo Spülwasser ausgegossen war und wo die Hunde und die Katzen manche Spuren ihres Daseins hinterlassen hatten. Als Tschartkow droben an die Tür klopfte, blieb drinnen alles still. Niemand zu Hause. Er stützte sich aufs Fensterbrett und wartete geduldig, bis hinter ihm ein Schritt erscholl und sich ein junger Bursch in blauem Hemde zeigte. Der Bursch war unsres Malers dienstbarer Geist, der ihm Modell stand, seine Farben rieb und ihm den Boden fegte, den er jedoch zu gleicher Zeit mit seinen Stiefeln wieder frisch verdreckte. Er hieß Nikita, und er trieb sich, wenn sein Herr abwesend war, beständig unten vor dem Tor umher. Nikita suchte lange tastend nach dem Schlüsselloch, das in der Dunkelheit nicht leicht zu finden war. Doch endlich ging die Türe auf. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, in dem die fürchterlichste Kälte herrschte, wie es bei Künstlern meist der Fall ist, ohne daß sie es jedoch bemerken. Der Maler legte seinen Mantel dort nicht ab und ging gleich in sein Atelier, ein großes, aber niedriges quadratisches Gemach mit dick befrorenen Fensterscheiben, wo eine Menge Ateliergerümpel sich herumtrieb: zerbrochene Gipsgliedmaßen, leinwandbespannte Keilrahmen, flüchtige Skizzen, kaum begonnen, schon verworfen, nachlässig über Stuhllehnen gehängte Draperien. Tschartkow war ganz erschöpft; er warf den Mantel ab und lehnte das Porträt, das er mit heimgetragen hatte, tief in Gedanken zwischen ein paar andere Bilder von kleinerem Formate an die Wand. Dann sank er auf den Diwan, dem man es eigentlich nicht gut nachsagen konnte, daß er mit Leder »überzogen« sei; denn all die vielen blanken Messingknöpfe, die einst das Leder festgehalten hatten, führten schon längst ein Leben ganz für sich, wie sich der Überzug denn gleichfalls selbständig gemacht hatte und so Nikita in die Lage setzte, darunter schmutzige Strümpfe, Hemden sowie andere Wäschestücke zu verstauen. Als er ein Weilchen stumpf auf diesem Möbel gesessen und gelegen hatte, soweit von Liegen bei dem schmalen Diwan überhaupt die Rede war, rief Tschartkow endlich laut nach Licht.

»Ist doch kein Licht mehr da«, erwiderte Nikita.

»Was heißt: ›kein Licht‹?«

»War doch schon gestern keins mehr da«, brummte Nikita.

Richtig, schon gestern hatte es kein Licht gegeben. Der Maler nickte matt und fand sich damit ab und sagte weiter nichts. Er ließ sich aus den Kleidern helfen und zog den äußerst fadenscheinigen Schlafrock an.

»Ach ja, und dann ist auch der Hauswirt dagewesen«, meldete Nikita.

»Wegen des Geldes wohl? Schon recht«, erwiderte der Maler und schlug wegwerfend mit der Linken durch die Luft.

»Er hatte heute aber jemand bei sich«, fuhr Nikita fort.

»Bei sich? Wen denn?«

»Weiß nicht . . . Den Polizeiwachtmeister . . .«

»Was wollte denn der Wachtmeister?«

»Weiß nicht. Er sagte: weil die Miete nicht bezahlt ist.«

»Na, was soll dann sein?«

»Weiß nicht, was sein soll. Bloß hat er gesagt: ›Wenn er nicht zahlen will‹, hat er gesagt, ›dann muß er aus dem Haus.‹ Sie wollten morgen beide wiederkommen.«

»Sollen nur kommen«, sagte Tschartkow. Eine dumpfe Traurigkeit warf ihre Schleier über ihn.

Der junge Tschartkow war ein Künstler von Begabung, der für die Zukunft viel versprach. Was ihm in den Momenten gehobener Inspiration gelang, das zeugte von geschärftem Blick und Sinn für strenge Komposition, von einem eifervollen Drang, sich der Natur zu nähern. »Mein lieber Tschartkow«, sagte sein Professor oft zu ihm, »Sie haben zweifellos Talent. Es wär 'ne Sünde und 'ne Schande, wenn Sie's verkommen und verludern ließen. Woran es fehlt, das ist die Ausdauer. Wenn Sie mal etwas reizt, wenn Ihnen was gefällt, dann stürzen Sie sich drauf, und alles andere scheint Ihnen Dreck und Tand. Sie wollen überhaupt nichts andres sehen. Nehmen Sie sich wohl in acht, daß Sie kein Modemaler werden! Schon heute kreischen Ihre Farben manchmal gar zu laut. Sie zeichnen auch bei weitem nicht solid genug. Oft ist die Zeichnung einfach schwach, alle Konturen ganz verblasen. Sie werfen sich auf den modernen Beleuchtungsschwindel und auf dergleichen billigen Kitsch, der jedem Esel in die Augen sticht. Sehn Sie sich vor: auf einmal stecken Sie, hast du nicht gesehn, tief in der englischen Manier. Sehn Sie sich vor: schon streckt die eitle Oberflächlichkeit nach Ihnen ihre Krallen aus. Sie laufen auch zuzeiten mit einer stutzerhaften Halsbinde und einem blankgebügelten Kastor umher. Es ist ja sehr verlockend, Geld zu machen mit modernen Bildchen und Porträtchen. Bloß geht bei der Beschäftigung das Talent zum Kuckuck, statt daß was Rechtes daraus wird. Geduld, Geduld! Und jede Arbeit innerlich ausreifen lassen! Sollen andere den Stutzer spielen und leicht verdientem Geld nachjagen – das Geld, das Ihnen mit der Kunst noch einmal zu erwerben vorbestimmt ist, das läuft Ihnen nicht davon!«

Teilweise hatte der Professor recht. Zuweilen packte Tschartkow wohl die Lust, flott in den Tag hineinzuleben und sich fein zu kleiden, kurzum, sich seiner Jugend leichtsinnig zu freuen; doch er behielt sich stets im Zügel. Zuzeiten konnte er beim Malen alles um sich her vergessen; riß er sich dann zum Schluß von seiner Arbeit los, so glich es dem Erwachen aus einem wunderschönen Traum. Auch sein Geschmack war gut gebildet. Wohl hatte er die Tiefe Raffaels noch nicht so recht erfaßt, doch fühlte er sich hingerissen von Guidos saftigem, breitem Strich, er ließ sich fesseln von den Porträts des großen Tizian und schwärmte für die Niederländer. Noch hatte sich der dunkle Schleier, der diese alten Bilder deckt, vor seinen Augen nicht gelichtet, doch konnte er durch ihn hindurch schon mancherlei erkennen, wenn er sich auch in seinem Innersten nicht unbedingt der Meinung des Professors unterwerfen wollte, die alten Meister seien Vorbilder für uns, die ewig unerreichbar blieben. Er fand sogar, daß unser neunzehntes Jahrhundert die Alten doch in manchen Stücken überflügelt hätte. Man stünde heute der Natur intimer gegenüber und wisse sie mit mehr Lebendigkeit und Treue nachzubilden. Kurzum, er dachte, wie nun einmal junge Leute denken, die schon etwas erreicht haben und innerlich sehr stolz auf das Erreichte sind. Es konnte ihn empören, wenn irgend so ein zugereister Maler aus Frankreich oder Deutschland, der oft nicht einmal Maler von Beruf war, wenn so ein Mensch bloß durch die flotte Technik, durch breiten Strich und knalliges Kolorit ein mächtiges Geschrei erregte und sich im Handumdrehen ein Vermögen machte. Solche Gedanken lagen ihm sehr fern, wenn er von seiner Arbeit hingenommen war und Speis und Trank, kurzum, die ganze Welt darob vergaß; sie plagten ihn nur in den Zeiten, wo die Not bei ihm am Ende gar zu groß geworden war, wenn er kein Geld für Farben, Leinwand noch auch Pinsel mehr besaß und wenn der ungeduldige Hausherr des Tages zehnmal erschien und die längst fällige Miete einkassieren wollte. Dann schien der durch den Hunger aufgepeitschten Phantasie des armen Kerls das Los des reichen Malers höchst beneidenswert; dann stand in ihm wohl der Gedanke auf, der, ach so oft, verführerisch durch die Russenköpfe geistert: den ganzen Krempel hinzuschmeißen und seinen Kummer zu versaufen, Gott und der Welt zum Trotz! – Na ja, und gerade heute lag ihm die Art von Stimmung nur zu nah.

»Geduld, Geduld!« so sprach er grimmig vor sich hin. »Auch die Geduld hat schließlich ihre Grenzen. Geduld! Und wovon soll ich morgen mittag essen? Gepumpt krieg ich von keinem was. Wenn ich auch alle meine Bilder und alle Zeichnungen dazu verkaufen wollte, der ganze Kram trägt mir noch keinen Zwanziger ein. Sie hatten freilich ihren Zweck, das fühl ich ganz genau. Umsonst hab ich kein Stück davon gemacht; an jedem habe ich mein Teil gelernt. Aber was nützt mir das? Bloß Studien und Skizzen, die ewiglich nur Studien und Skizzen bleiben, und weiter wird nichts draus. Wer soll sie denn auch kaufen, da doch niemand meinen Namen kennt? Wer kann denn etwas anfangen mit diesen Zeichnungen nach der Antike und Studien nach der Natur, oder mit meiner »Psyche«, die niemals fertig wird, oder mit dieser Innenansicht meines Zimmers oder mit dem Porträt Nikitas, und wenn es zehnmal besser ist als irgend so ein Kitschporträt von einem Modemaler? Zum Teufel noch einmal! Was plag ich mich und schinde mich gleich einem Schuljungen in einem fort nur mit dem Abc, wo ich doch einen Namen haben und mir Geld verdienen könnte, so gut wie irgendeiner von den andern?«

Kaum waren diese Worte seinem Mund entronnen, da packte unsern Maler jäh ein Zittern; er wurde totenbleich: zwischen den Leinwanden hervor, die drüben lehnten, sah ihn ein krampfverzerrtes Antlitz an; zwei fürchterliche Augen bohrten ihren Blick in seine Stirn, als wenn sie ihn verschlingen wollten; zwei stumme Lippen riefen ihm dräuend zu, er solle schweigen. Schon war der Maler im Begriff, laut aufzuschreien, um Nikita, der draußen schon ein fürchterliches Schnarchen angehoben hatte, zu sich in das Atelier zu rufen. Doch er besann sich auf einmal und mußte lachen: das war bloß das Porträt, das er gekauft und mittlerweile wieder ganz vergessen hatte. Der Mondschein, der durchs Zimmer wallte, fiel auf das Bild und lieh ihm diese gespenstische Lebendigkeit. Er machte sich daran, es näher zu betrachten und zu säubern. Er tauchte einen Schwamm ins Wasser und fuhr damit ein paarmal über das Porträt. So wusch er fast den ganzen Staub und Schmutz herunter, der sich durch viele Jahre angesammelt hatte. Dann hängte er das Bildnis an die Wand und mußte mehr noch als im Anfang staunen, wie meisterhaft gemalt es war. Dies Gesicht schien ihm zu leben, diese Augen sahen so fest auf ihn, daß er zum Schluß entsetzt zurückfuhr und zitternd rief: »Er starrt mich an! Das sind lebendige Menschenaugen!« Und ihm fiel ein, was ihm vor längerer Zeit schon sein Professor über ein Bildnis Lionardo da Vincis Seltsames berichtet hatte. Der große Meister mühte sich an dem Porträt durch viele Jahre und hielt es immer noch nicht für vollendet, indessen es doch nach Vasaris Zeugnis von aller Welt als unerhört vollendetes, schlechthin vollkommenes Werk der Kunst gepriesen wurde. Vollendeter als alles andre waren auf dem Bild die Augen; sie weckten Staunen und Bewunderung bei den Zeitgenossen. Sogar das kleinste Äderchen darin, das kaum noch zu erkennen war, hatte des Künstlers Pinsel treulich festgehalten. Das Bildnis nun, das heute hier vor Tschartkow hing, besaß etwas ganz Sonderbares. Das konnte schon nicht mehr als Kunst bezeichnet werden, denn es zerriß die ganze Harmonie des Bildes; die Augen wirkten wie lebendige Menschenaugen, als wären sie aus eines Menschen Angesicht geschnitten und lebendig in die Leinwand eingefügt. Vor diesem Bild empfand man nichts von dem erhabenen Genuß, der unsre Seele bei dem Anblick eines Meisterwerkes packt, mag dessen Vorwurf noch so grausig sein – hier lähmte den Beschauer ein schmerzlich quälendes Gefühl. ›Wie kommt das?‹ fragte sich der Maler unwillkürlich. ›Das ist doch bloß Natur, lebendige Natur . . . Woher denn also das seltsam peinliche Gefühl? Ist schon die sklavische, buchstabentreue Abschrift der Natur Versündigung am Geist der Kunst und wirkt gleich einem grell dissonierenden Gekreisch? Oder kommt es daher, daß hier der Maler sein Modell nicht mit dem rechten Anteil und Gefühl betrachtet, daß nicht die Seele ihm die Hand geführt hat? Steht darum bloß die schauerliche Wirklichkeit des Dargestellten auf der Leinwand, von keinem Glanz der unergründlichen Idee durchhellt, die heimlich hinter allen Dingen waltet? Gleicht das hier nicht der Wirklichkeit, die sich dem Blicke öffnet, wenn man zu dem Messer des Chirurgen greift, um eines Menschen Schönheit zu ergründen? Man schneidet ihm das Innere auf und sieht nur Greuel und Entsetzen! Warum scheint dir die einfachste und niedrigste Natur, wenn sie der rechte Künstler abmalt, von einem ganz eigenen Licht verklärt, und du empfindest nichts von Niedrigkeit? O nein, du hast den edelsten Genuß daran und meinst zu spüren, wie sich der Strom der Welt um dich zu stillerem Fließen glättet? Warum scheint dir das gleiche Stück Natur, wenn es ein andrer Künstler auf die Leinwand bannt, von Häßlichkeit und Schmutz erfüllt, und mag der Künstler die Natur genauso treu darstellen wie der erste? Nein, nein, es fehlt an seinem Bilde doch etwas: das Leuchten, das von innen kommt. Das ist genauso wie ein Blick ins Land: mag auch die Aussicht noch so wunderherrlich sein – steht nicht der Sonnenball am Firmament, so fehlt ihr irgend etwas.‹

Tschartkow trat wieder vor das Bildnis hin, um diese wunderlichen Augen näher zu betrachten, und sah entsetzt, daß sie in Wahrheit auf ihn niederstarrten. Das war nicht bloß getreue Nachahmung der Natur, das war die furchtbare Lebendigkeit, wie sie das Antlitz einer Leiche zeigen müßte, die aus dem Grabe aufersteht. Ob es vom Mondlicht kam, das einen gerne in das Reich erregter Phantasien lockt und jedem Ding ein anderes Gesicht verleiht, als es am nüchtern hellen Tage zeigt, ob sonst etwas schuld war – ihm grauste es mit eins davor, so mutterseelenallein in seinem Atelier zu sitzen. Ohne Geräusch ging er zur andern Wand, drehte dem Bild den Rücken zu und war bestrebt, ihm keinen Blick zu schenken. Doch wider Willen schweiften seine Augen verstohlen schielend in die alte Richtung. Schon graute es ihm auch vor jedem Schritt durchs Zimmer, denn immer war es ihm, als schliche jemand leise hinter ihm, und zaghaft drehte er den Kopf zurück. Er war gewiß kein Feigling, aber seine Phantasie und seine Nerven waren leicht erregbar, und heute abend konnte er die dumpfe Furcht nicht bannen. Er setzte sich in eine Ecke, hatte aber da noch immer das Gefühl, als starre ihm ein Fremder über die Schulter ins Gesicht. Sogar das Schnarchen seines Dieners, das aus dem Vorgemach hereindrang, konnte nicht sein Angstgefühl verscheuchen. Zaghaft und ohne aufzublicken, erhob er sich zuletzt, begab sich hinter seinen Bettschirm und legte sich zur Ruhe nieder. Jedoch durch eine Ritze in dem Schirm sah er das monderhellte Zimmer liegen, sah er gerade gegenüber seinem Bett das Bildnis an der Wand. Die fürchterlichen Augen bohrten sich noch drohender, als sie es zuvor getan, in sein Gesicht und schienen nichts zu sehn als ihn allein. Von kaltem Grauen angepackt, nahm er all seinen Mut zusammen, sprang aus dem Bett, ergriff ein Laken und deckte das Bild sorgfältig zu.

Als das geschehen war, begab er sich, viel ruhiger geworden, von neuem in sein Bett. Er sann darüber nach, wie arm er war, wie schwer das Los des Künstlers ist und welchen Dornenweg er hier auf Erden wandeln muß. Und dabei spähten seine Augen unwillkürlich durch die Ritze in dem Schirm nach dem verhüllten Bild. Der Mondschein ließ das Weiß des Lakens noch viel greller leuchten; ihm war, als sähe er den Glanz der fürchterlichen Augen durch das Linnen dringen. Erschrocken heftete er seinen Blick darauf, als wolle er sich überzeugen, daß dies törichter Wahn und Täuschung sei. Dann aber – darf er seinen Augen trauen? – sieht er auf einmal klar: das Laken ist verschwunden, das Bild hängt offen da und starrt, wie blind für alles andre ringsumher, geradeaus in sein Gesicht, durch sein Gesicht hindurch auf seiner Seele Grund . . . Es wird ihm kalt ums Herz. Er sieht: der fremde Alte dort im Bild bewegt sich, stützt die Hände auf den Rahmen, stemmt sich hoch und springt mit beiden Füßen aus dem Bild . . . Tschartkow sieht durch die Ritze in dem Schirm nur noch den leeren Rahmen. Ein schwerer Schritt tappt durch das Zimmer und schreitet langsam, langsam auf den Bettschirm zu. Dem armen Künstler klopft das Herz im Halse. Mit angehaltnem Atem lauscht er zitternd – gleich schaut er um den Schirm herum auf ihn, der unheimliche alte Mann. Sieh, dort – da starrt er ihn schon an mit seinem bronzebraunen Gesicht und rollt die aufgerissenen Augen. Tschartkow will schreien – er hat keine Stimme mehr; er will sich rühren, ach, nur einen Finger rühren – die Glieder weigern ihm den Dienst. Mit offenem Mund und angehaltenem Atem sah er auf diese seltsame Erscheinung, um deren hohen Leib eine Art faltenreiche Kutte asiatischen Charakters wallte; bang harrte er, was werden würde. Der Alte hockte sich zu seinen Füßen nieder und holte etwas aus den Falten seines wallenden Gewandes. Es war ein Sack. Der Fremde löste dessen Schnur, ergriff ihn an den beiden Zipfeln und schüttelte ihn aus: mit dumpfem Dröhnen fielen schwere Rollen auf den Boden, welche langen, dünnen Säulen glichen. Sie waren eine wie die andere in blaues Packpapier gehüllt, auf einer wie der andern stand geschrieben: »1000 Dukaten«. Der Fremde reckte seine langen, knochigen Hände aus den weiten Ärmeln und machte sich daran, die Rollen aufzuwickeln. Es funkelte von Gold. So schwer das Herz des Malers war und ob die Angst ihm auch fast das Bewußtsein raubte – er konnte seinen Blick nicht von dem Golde reißen; er sah, wie es von knochigen Fingern ausgewickelt wurde, wie es im Mondlicht glitzerte und klingelte und klapperte, und – wieder eingewickelt wurde. Auf einmal sah er eine Rolle, die von den andern fortgekollert war und unter ihm zu Häupten seines Bettes an der Erde lag. Gleichsam von einem Krampf gepackt, hob er die Rolle auf und schielte dabei voll Entsetzen nach dem Fremden, ob der es auch nicht sähe. Doch der alte Mann schien ganz vertieft in seine Tätigkeit; er raffte seine Rollen wieder in den Sack, und dann verschwand er, ohne Tschartkow einen Blick zu schenken, hinter dem Schirm, wie er gekommen war. Das Herz des Malers pochte fürchterlich, da er dem Klang der Schritte lauschte, die sich langsam, langsam zu entfernen schienen. Er krampfte seine Finger fester um die Rolle und zitterte am ganzen Leib für seine Beute. Da plötzlich hört er, wie die Schritte wieder näher kommen – dem Fremden ist wohl eingefallen, daß die eine Rolle fehlt. Da, da – er funkelt ihn um den Schirm herum mit bösen Augen an! Verzweifelt preßt der Maler seine Hand aus allen Kräften um die Rolle und müht sich wütend ab, ein Glied zu rühren; ein Schrei entringt sich seiner Brust, er – ist erwacht.

Der kalte Schweiß rinnt ihm herab, sein Herz schlägt so gewaltig, wie ein erregtes Menschenherz nur schlagen kann, es liegt ein Druck auf seiner Brust, als müsse er sogleich den letzten Atemzug verhauchen. »Soll das ein Traum gewesen sein?« fragt er und faßt sich mit den Händen an den Kopf. Aber die furchtbare Lebendigkeit des Fremden hatte nichts Traumhaftes gehabt. War er denn nicht schon wach gewesen, als die Erscheinung wieder in den Rahmen stieg; ja, wehte dort nicht immer noch ein Zipfel des wallenden Gewandes durch die Luft? Und spürte er es denn nicht deutlich in der Hand, daß er darin vor einem Augenblick erst einen schweren Gegenstand gehalten hatte? Das Mondlicht füllte das Atelier und ließ in dessen finsteren Winkeln hier und dort bald dies, bald jenes aus dem Dunkel treten. Hier ein Stück Linnen und dort gipsern weiß den Abguß einer Hand, hier eine über einen Stuhl geworfene Draperie, dort eine alte Hose, ein Paar ungeputzte Stiefel . . . – Plötzlich bemerkte Tschartkow, daß er gar nicht im Bette lag – er stand auf seinen Füßen dicht vor dem seltsamen Porträt. Wie er dahin gekommen war, schien ihm vollkommen unverständlich. Noch staunenswerter aber war es, daß das Bildnis unverhüllt und offen hing und daß das Laken ohne Spur verschwunden war. Starr vor Schrecken sah er auf das Porträt und fühlte sich durchbohrt von diesen fürchterlich lebendigen Menschenaugen. Kalt rann der Schweiß von seiner Stirn; er wollte fliehen, aber seine Füße hafteten am Boden. Er sieht – es ist kein Traum –, wie sich das Antlitz des alten Mannes dort im Bilde regt, wie sich die schmalen Lippen ihm entgegenspitzen, um ihm das Blut aus seinem Leib zu saugen . . . Mit einem wilden Angstgeheul springt er zurück und – ist erwacht.

›Soll denn auch das ein Traum gewesen sein?‹ Sein Herz schlug zum Zerspringen; er tastete mit beiden Händen um sich her. Jawohl, er lag im Bett, genau noch in der Haltung, wie er eingeschlafen war. Da vor ihm stand der Schirm; der Mondschein füllte das Gemach. Und durch die Ritze in dem Schirm sah er auch das Porträt, vom Laken eingehüllt, wie sich's gehörte, wie er es mit eigener Hand verborgen hatte. Also war dies wieder nur ein Traum gewesen! Doch in der festgekrampften Hand blieb ihm noch immer die Empfindung, als hätte er vor einem Augenblick etwas darin gehabt. Sein Herz pocht heftig, beinah unerträglich, eine fürchterliche Bürde lastet auf seiner Brust. Er lauert durch die Ritze in dem Schirm und kann den Blick nicht von dem Laken wenden. Da sieht er deutlich, wie sich das weiße Tuch verschiebt als regten sich darunter Hände und mühten sich, es abzuwerfen. »Herr, du mein Gott, was ist das!« schreit er auf und – ist erwacht.

›So war auch das ein Traum gewesen?‹ Er sprang aus seinem Bett, verstört und halb von Sinnen. Er wußte nicht, wie ihm geschah. War das ein Alpdruck, war's ein Geisterspuk, war es nur Fieberphantasie, war es ein wirkliches Gespenst? Um seine seelische Erregung ein wenig zu beruhigen, sein aufgepeitschtes Blut, das ihm in wilden Schlägen durch die Adern pulste, abzukühlen, sprang er vom Bette auf und öffnete das Fenster. Der kalte, frische Wind belebte ihn. Der Mondschein lag noch immer auf den Dächern und den weißen Mauern, wenngleich die hellen Wolken mählich dichter an dem Himmelszelt hinsegelten. Es war ganz still; nur hier und da drang fern aus einer engen Gasse das Rasseln einer Droschke an sein Ohr, auf der, sanft eingelullt vom faulen Trotte seiner Mähre, der Kutscher schlief und eines späten Fahrgasts harrte. Lange sah Tschartkow aus dem Fenster. Schon wuchs am Himmelsrand das erste Morgenrot. Endlich gewann die Müdigkeit Gewalt, er schlug das Fenster zu, kroch wieder in sein Bett und schlief, kaum daß er lag, schon wie ein Toter, schwer und fest.

Als er erwachte, war es hoch am Tag. Er fühlte sich wie einer, der Kohlendunst geatmet hat, und hatte fürchterliches Kopfweh. Die Luft im Atelier war dumpf und von der widerlichen Feuchtigkeit geschwängert, die schwer durch alle Fensterritzen drang. Bilder und untermalte Leinwanden auf Staffeleien verstellten dem Morgenlicht den Weg. Finster und trübselig wie ein begossener Pudel saß Tschartkow lange auf dem abgewetzten Diwan. Er hatte zu nichts Lust und wußte nicht, was er beginnen solle. Auf einmal kam der Traum von heute nacht ihm wieder in den Sinn. Und wie er ihn sich Stück für Stück zurückrief, wurde dieser Traum in seiner Phantasie so peinigend lebendig, daß ihn ein Zweifel ankam, ob es in der Tat bloß Traum und Fieberwahn gewesen sei, ob sich dahinter nicht noch etwas andres berge, ob er nicht wirklich einen Geist gesehen hätte. Er riß das Laken von dem Bild und musterte das seltsame Porträt noch einmal ganz genau bei Tageslicht. Wohl zeigten diese Augen eine erstaunliche Lebendigkeit, doch fand er jetzt nicht mehr, daß sie gar so entsetzlich wären. Nur ein gewisses Unbehagen, das er sich nicht erklären konnte, lag nach wie vor auf seiner Seele. Und dabei war er immer noch nicht völlig überzeugt, daß alles nur ein Traum gewesen sei. Ihn wollte es bedünken, als hätte in dem Traume irgendwie ein Stückchen Wirklichkeit gesteckt. Ihn wollte es bedünken, als läge schon im Blick und in der Miene des alten Mannes auf dem Bild so etwas wie ein Mahnen daran, daß er in dieser Nacht bei ihm gewesen sei. Und in der Hand blieb ihm noch immer die Empfindung, als hätte eben erst ein schwerer Gegenstand darin geruht, der ihm entrissen worden wäre. Ihn wollte es bedünken, daß er die Rolle nur ein wenig fester hätte halten müssen, dann wäre sie nach dem Erwachen noch in seiner Hand gewesen.

»Ach Gott! Wenn ich nur einen Teil von diesem Gelde hätte!« rief er und seufzte schwer. Er sah im Geiste wiederum, wie aus dem Sacke all die vielen Rollen mit der verführerischen Inschrift »1000 Dukaten« auf den Boden fielen. Die Rollen wurden aufgewickelt, und es funkelte von Gold, sie wurden wieder eingewickelt – er saß und bohrte seine Augen starr und sinnlos in die leere Luft, gleich einem Kind, das vor der süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser im Mund zusammenläuft, verzweifelt zusehn muß, wie andere die guten Dinge schnabulieren und ihm nicht einen Brocken übriglassen. Schließlich ließ ein Pochen an der Türe den Maler erschrocken aus der Träumerei auffahren. Es war der Hauswirt. Mit ihm kam der Polizeiwachtmeister, welcher kleinen Leuten, wie bekannt, ein noch viel unwillkommenerer Gast ist als einem reichen Herrn ein Bettelmann. Der Herr des kleinen Hauses, in dem Tschartkow lebte, war eines von den Lebewesen, wie es in jenen Gegenden der fünfzehnten Querstraße der Wassilij-Insel oder am Petersburger Ufer oder im dunkelsten Kolomna die Hausbesitzer meistens sind – ein Lebewesen von der Art, wie es in Rußland viele gibt, nach seinen Eigenschaften fast so schwer zu definieren wie ein verschlissener Überrock nach seiner Farbe. In seiner Jugend war er Hauptmann irgendwo in einem Linienregiment gewesen und hatte dort das Maul gewaltig aufgerissen, auch im Zivildienst war er dann verwendet worden, er hatte es ganz meisterhaft verstanden, die Untergebenen durchzuprügeln, war recht ein Hansdampf in allen Gassen, ein prahlerischer Geck und nebenbei ein dummer Kerl gewesen; nun, da er alt war, mischten sich alle diese Eigenheiten in ihm zu einem trüben Brei. Er war jetzt Witwer und schon lange pensioniert, vom Stutzer war nichts mehr an ihm zu merken, er riß das Maul nicht mehr so furchtbar auf und suchte nicht mehr Händel, er trank nur leidenschaftlich Tee und schwätzte dazu das allerdümmste Zeug; er ging im Zimmer auf und ab und schneuzte sorgfältig das Talglicht. An jedem Ersten trieb er bei den Hausbewohnern pünktlich den Mietzins ein, ging häufig mit dem Schlüsselbunde in der Hand vors Haus hinaus und schaute nach dem Dach hinauf; er jagte täglich mehrmals den Hausmeister aus seiner engen Klause, wenn der gerade ein klein bißchen duseln wollte – kurzum, er war der richtige Pensionist, dem von dem einstigen liederlichen Leben, das ihn auf allen Poststraßen herumgeschüttelt hatte, nur ein paar üble Angewohnheiten zurückgeblieben waren.

»Wollen Sie sich gefälligst selber überzeugen, Herr Wachtmeister«, begann der Hauswirt, seine flachen Hände vor sich ausgestreckt, »er zahlt die Miete nicht, er zahlt und zahlt sie nicht!«

»Ja, wenn ich jetzt kein Geld hab . . .! Ach, gedulden Sie sich doch, ich werd schon zahlen.«

»Ich kann mich jetzt nicht mehr gedulden, werter Herr«, sagte der Hauswirt ärgerlich und klapperte mit seinem Schlüsselbund. »In meinem Hause wohnt der Oberstleutnant Potogonkin seit sieben Jahren schon und dann noch die Frau Buchmeister, Wohnung, Stall für zwei Pferde und Remise, drei Dienstboten hat diese Dame – ja, sehn Sie, solche Leute wohnen hier im Haus! Ehrlich gesprochen, bester Herr, das ist bei mir nicht eingeführt, daß man die Miete schuldig bleibt. Bezahlen Sie mich freundlichst auf der Stelle und scheren Sie sich dann sofort aus meinem Haus!«

»Ja, wenn es einmal abgemacht ist, müssen Sie natürlich zahlen«, sagte der Wachtmeister mit einem leisen Kopfschütteln und schob den Daumen zwischen zwei Knöpfe seines Waffenrocks.

»Fragt sich nur, wie! Ich hab zur Zeit nicht einen Groschen.«

»Dann könnten Sie den Hausherrn ja statt dessen durch Produkte Ihrer Tätigkeit entschädigen«, erwiderte der Wachtmeister. »Vielleicht nimmt er auch Bilder an.«

»Nein, lieber Freund, für Bilder danke ich. Ja, wenn es sich um Bilder handeln würde, die etwas vorstellen, daß man sie bei sich an die Wände hängen kann, zum Beispiel einen General mit einem Ordensstern oder ein Porträt von Seiner Durchlaucht Fürst Kutusow. Was malt er aber? Diesen Bauernlümmel da im Hemd, den sogenannten Diener, der ihm die Farben reibt! Das Schwein noch porträtieren, ja, das ist mir schon das Wahre! Dem Burschen hau ich den Buckel voll, er hat mir alle Nägel aus den Riegeln herausgezupft, das Diebsgesicht! – Nein, sehn Sie nur, was er für Sachen macht: malt da sein Zimmer ab. Ich wollte noch nichts sagen, wenn der Mensch ein ordentliches, aufgeräumtes Zimmer malen wollte. Aber er malt es ja so ab mit allem Schmutz und Unrat, der sich da umhertreibt. Sehn Sie nur, wie er mein Zimmer eingeschmutzt hat; sehn Sie das nur selber an! In meinem Haus, wo Obersten seit sieben Jahren wohnen und wo eine Dame, wie Frau Buchmeister . . . Nein, nein, ich kann nur sagen: so ein Maler ist als Mieter schon das Schlimmste – lebt ganz einfach wie ein Schwein, lebt wie . . . Gott soll mich schützen!«

Das alles mußte unser Maler fein geduldig über sich ergehen lassen. Der Wachtmeister war unterdes damit beschäftigt, die Skizzen und Gemälde näher zu betrachten. Man sah sofort, er war lebendigeren Geistes als der Hausherr und selbst den Wirkungen der Kunst nicht ganz verschlossen.

»Hm«, sagte er und stupfte mit dem Zeigefinger gegen eine Leinwand auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, »immerhin, der Vorwurf von dem Bild hier ist recht . . . interessant. – Und warum ist der Mann dort unter seiner Nase denn so schwarz? Hat er sich da mit Schnupftabak bekleckert?«

»Nein, das ist ein Scharten«, sagte Tschartkow kurz und grimmig, ohne aufzuschauen.

»Na, den hätten Sie doch lieber anderswohin malen sollen, unter der Nase fällt er zu sehr auf«, sagte der Wachtmeister. »Und das? Wer ist denn das?« so fuhr er fort und trat vor das Porträt des alten Mannes. »Der sieht ja zum Erschrecken aus. Hat er in Wirklichkeit so schrecklich ausgesehn? Herrgott, er starrt einen ja richtig an! Puh, so ein unheimlicher Kerl! Nach wem ist denn das Bild gemalt?«

»Ach nein, das ist . . .«, begann der Maler; weiter aber kam er nicht, denn es erscholl ein Krachen. Der Wachtmeister mit den grobschlächtigen Polizistenfäusten hatte den Rahmen wohl zu heftig angefaßt, die Seitenbrettchen brachen ein, das eine fiel zu Boden, und zugleich, dumpf klirrend, eine Rolle in blauem Packpapier. Die Inschrift auf der Hülle »1000 Dukaten« stach unserm Maler in die Augen. Fast wie von Sinnen, stürzte er herzu, raffte die Rolle von der Erde auf und krampfte seine Faust darum, die durch das Schwergewicht des Goldes unwillkürlich abwärts sank.

»Hat da nicht Geld geklimpert?« fragte der Wachtmeister, der etwas hatte fallen hören, doch nicht unterscheiden konnte, was es war, weil Tschartkow es so schnell an sich gerissen hatte.

»Das geht Sie gar nichts an, was ich da habe!« sagte Tschartkow.

»Das geht mich nämlich insofern schon etwas an, als Sie sofort die Miete für die Wohnung zahlen werden. Sie haben Geld und wollen bloß nicht zahlen. Ja, so ist die Sache, werter Herr.«

»Gut, ich bezahl ihn heute noch.«

»Na, und weswegen wollten Sie nicht gleich bezahlen, he? Was müssen Sie den Hauswirt da in Unruhe versetzen und der Polizei erst Schererei und Arbeit machen?«

»Ich wollte dieses Geld nicht anbrechen. Noch heute abend geb ich ihm die ganze Summe, und morgen zieh ich aus, weil ich bei einem solchen Wirt nicht länger wohnen will.«

»Na, Herr, er wird also bezahlen«, sagte der Wachtmeister zum Hausbesitzer. »Wenn nun aber die Geschichte nicht bis heute abend, wie sich's gehört, bereinigt ist, dann tut es mir sehr leid, Herr Kunstmaler . . .« Sprach es und drückte würdevoll den Dreimaster aufs Haupt und stelzte aus dem Atelier, gefolgt vom Wirt, der sich gesenkten Kopfes, scheinbar in zweifelnden Erwägungen, zur Tür hinausschob.

»Gott sei Dank, daß sie der Teufel nun geholt hat!« rief der Maler, als die Gangtür zufiel.

Er schaute in das Vorzimmer hinaus und schickte seinen Diener mit irgendeinem Auftrag fort, um ganz allein zu sein. Die Türe wurde hinter ihm verschlossen, der Maler eilte wieder in sein Atelier und wickelte mit starkem Herzklopfen die Rolle auf. Es waren lauter goldene Dukaten darin, ein jeder nagelneu und leuchtend wie das helle Feuer. Fast wie von Sinnen saß er vor dem Haufen Gold und fragte sich nur immer wieder: Ist es denn kein Traum? Es waren wohlgezählte tausend Stück; die Rolle glich genau den vielen Rollen, die er heute nacht im Traum gesehen hatte. Er klimperte ein Weilchen mit den Münzen und musterte sie Stück für Stück und konnte immer noch nicht richtig zur Besinnung kommen. In seiner Phantasie erwachten allerlei Geschichten von verborgenen Schätzen, die ihm berichtet worden waren, von Schränken mit Geheimfächern, in die vorsichtige Ahnen große Summen für ihre Nachkommen versteckt hatten, fest überzeugt davon, daß auch für ihre Enkel einmal Zeiten schwerer Not anbrechen müßten. Und er dachte sich: ›Am Ende hat auch hier ein Großvater solch einen Schatz für seinen Enkel hinterlassen wollen und ihn zu dem Zweck im Rahmen eines Familienbildnisses versteckt.‹ Er kam sogar auf den phantastischen Gedanken, es könne hierin ein geheimnisvoller Zusammenhang mit seinem eigenen Schicksal walten, die Existenz dieses Porträts sei irgendwie mit seiner eigenen Existenz verknüpft, und eine ganz besondere Fügung hätte ihn veranlaßt, es zu kaufen. Neugierig untersuchte er den Rahmen des Porträts. Auf einer Seite war da eine Rinne eingekehlt, die durch ein kleines Brett so kunstvoll und unsichtbar überdeckt war, daß die Dukaten sicher bis zum Ende aller Zeit in dem Versteck geblieben wären, hätte nicht des Wachtmeisters massiver Fingerdruck das Brett zertrümmert. Tschartkow sah das Bild noch einmal an und mußte staunen ob der meisterhaften Arbeit; namentlich die Augen waren wunderbar gemalt. Sie deuchten ihn jetzt nicht mehr unheimlich, und dennoch überschlich vor ihnen seine Seele wider Willen immer wieder das eigene Gefühl von leichter Angst. »Nein«, sprach er, zu dem Bild gewendet, »sei der Großvater von wem du willst, ich setz dich unter Glas und geb dir einen goldnen Rahmen.« Dabei stieß seine Hand zufällig an den Haufen Gold, der vor ihm lag, und er erzitterte vor der Berührung. ›Was tu ich mit dem Gelde?‹ dachte er und sah es zweifelnd an. ›Jetzt ist für mich gesorgt auf mindestens drei Jahre, und ich kann mich in mein Atelier verschließen und tüchtig arbeiten. Ich hab genügend Geld für Farben; ich hab genügend Geld für Essen, Trinken, Unterhalt und Wohnung; kein Gläubiger wird mich jetzt stören und mir mit ledernem Geschwätz die Stunden stehlen. Ich kauf mir einen guten Gliedermann und einen Gipstorso, ich lasse mir die schönsten Füße abformen, ich stell mir eine Venus in die Ecke und hänge Stiche nach den herrlichsten Gemälden an die Wand. Wenn ich drei volle Jahre still für mich arbeiten kann, ganz ohne Hetzerei und ohne an den Markt zu denken, dann stecke ich sie alle in den Sack und werde noch ein Künstler, der sich sehen lassen darf.‹

So sprach die ruhig wägende Vernunft aus ihm; jedoch in seinem Inneren erklang noch eine andre Stimme, und die wurde immer hörbarer und stärker. Und als er dann von neuem nach dem Golde sah, gewannen seine zweiundzwanzig Jahre und seine leichtentflammte Jugend schnell die Oberhand. Jetzt konnte er sich alles leisten, was er bis heute nur von fern mit neiderfüllten Blicken hatte mustern dürfen, indessen ihm das Wasser vor Begier im Mund zusammenlief! Ach, wie sein Herz bei dem Gedanken klopfte! Modische Kleider anziehn, seinem Magen nach dem langen Fasten etwas Gutes gönnen, eine feine Wohnung mieten, und dann schleunigst ins Theater, in die Konditorei und weiß der liebe Gott wohin noch sonst . . . Er scharrte schnell das Geld zusammen und war im nächsten Augenblick schon auf der Straße.

Vor allen Dingen eilte er zum Schneider, und als er dann vom Kopf bis zu den Füßen neu gekleidet war, bestaunte er sich selber wie ein Kind und konnte sich darin gar nicht genugtun. Er kaufte sich wohlriechende Essenzen und Pomaden und mietete sich, ohne lange nach dem Preis zu fragen, auf dem Newskij Prospekt die erste beste elegante Wohnung mit herrlichen Trumeaus und Spiegelscheiben. Er kaufte wie im Traum in einem Laden ein kostbares Lorgnon, in einem andern Laden eine Menge Halsbinden, viel mehr, als er brauchen konnte, er ging zu einem Coiffeur und ließ sich Locken brennen, er machte ohne Zweck und Ziel in einer feinen Mietkalesche zwei Bummelfahrten durch die Stadt, er schlug sich in der Konditorei bis an den Hals mit Süßigkeiten voll und ging ins Restaurant Français, das ihn bisher genauso fern und märchenhaft gedeucht hatte wie das Chinesenreich. Dort setzte er sich in sehr sicherer Haltung zum Diner, musterte all die andern Gäste mit erhabner Miene, schielte ununterbrochen in den Spiegel und strich seine schön gebrannten Locken. Dazu trank er Champagner, den er bisher auch nur vom Hörensagen kannte. Ihm wurde von dem Wein ein wenig wirbelig im Kopf; als er darnach ins Freie trat, war er sehr unternehmend aufgelegt, so in der richtigen Hol's-der-Teufel-Stimmung, wie man in Rußland sagt. Erhobenen Hauptes promenierte er dahin und musterte die Leute durchs Lorgnon. Als er die Brücke überschritt, begegnete ihm dort sein früherer Professor; doch Tschartkow drückte sich gewandt an ihm vorbei, wie wenn er ihn nicht sähe. Förmlich versteint vor Überraschung stand der Professor eine ganze Weile reglos auf der Brücke, und sein Gesicht war nur ein einziges Fragezeichen.

Tschartkow ließ alle seine Sachen und den ganzen Kram, Leinwanden, Staffeleien noch an dem gleichen Abend in die neue elegante Wohnung schaffen. Er stellte, was ihm gut gemalt schien, möglichst sichtbar hin und schubste alles Schlechte in die Ecke, dann ging er durch die eleganten Zimmer auf und ab und freute sich vor jedem Spiegel innig an der eigenen reizvollen Erscheinung. In seinem Innern wuchs der Wunsch zu unbezwinglicher Gewalt, sofort das Glück beim Schopf zu packen und sich dem großen Publikum zu präsentieren. Schon klang es ihm in beiden Ohren, wie die Leute schreien würden: »Tschartkow, Tschartkow! Ja, haben Sie das Bild von Tschartkow nicht gesehen? Der flotte Strich, den Tschartkow hat! Wie talentiert der Tschartkow ist!« In einem Taumel des Entzückens ging er durch die Zimmer und ließ seine Gedanken träumerisch ins Wesenlose schweifen. Am nächsten Tage tat er zehn Dukaten in sein Portemonnaie und ging, also gerüstet, zu dem Leiter einer viel gelesenen Zeitung. Den Mann bat er um seine edelmütige Hilfe. Der Journalist empfing ihn hocherfreut und nannte ihn sofort »Verehrter Meister«, er schüttelte ihm beide Hände, er notierte sich genauestens den Namen und die Wohnung, und tags darauf fand sich in seinem Blatte, gleich hinter der Beschreibung einer ingeniösen neuen Erfindung auf dem Gebiet der Talglichtfabrikation, ein Aufsatz mit der Überschrift:

Ein ungewöhnliches Talent!
Der Maler Tschartkow

»Wir müssen unverweilt dem kultivierten Publikum der Residenz die frohe Kunde von einer, wie man sicher sagen darf, in jeder Hinsicht erfreulichen Akquisition berichten. Wir sind uns alle darin einig, daß es in unserer Hauptstadt eine große Menge schöner Gesichter und ansehnlicher Personen gibt, daß es jedoch bisher noch an den Mitteln fehlte, sie auf der wundertätigen Leinwand für die Nachwelt festzuhalten. Dem ist jetzt endlich abgeholfen: wir haben einen Künstler; der alles, was er dazu braucht, in sich vereint. Von nun an kann sich jede schöne Frau mit ruhigem Gewissen malen lassen und darf der Überzeugung sein, daß dabei nichts von ihrer Grazie und Schönheit vergessen wird, daß ihre ganze ätherleichte, bewundernswürdige, bezaubernde, entzückende, gleich Schmetterlingen über Lenzesblüten gaukelnde Anmut restlos auf die Leinwand kommt. Der biedere Familienvater wird sich verewigt sehen in dem trauten Kreise seiner Lieben. Der Krieger wie der Handelsmann, der Bürger und der Staatsbeamte – ein jeder wird mit mächtig aufgefrischtem Eifer seinem Werke frönen. Herbei, geschwind herbei, ob ihr durch die Natur lustwandelt, ob ihr bei einem Freunde oder einer Base zu Besuch weilt, ob ihr in einem luxuriösen Magazin Einkäufe macht – laßt alles stehn und liegen, eilt herbei! Im wunderbaren Atelier des Künstlers am Newskij Prospekt, Nummer soundso – sind alle Wände voll Porträts des Meisters, die van Dycks und Tizians würdig wären. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die fabelhafte Ähnlichkeit der Bilder oder den Glanz der Farben und den flotten Strich. Ehre dem großen Künstler! Er hat ein Glückslos in der Lotterie gezogen. Heil dir, verehrter Meister! Und schaffe weiter, dir und uns zum Ruhm! Wir wissen dich zu schätzen. Die ganze vornehme Gesellschaft wird sich drängen, dir zu sitzen, und Gold in Fülle wird dein Lohn sein, wenn wir es uns auch natürlich denken können, daß manche unserer Kollegen von der Presse, wie es nun einmal üblich ist, den Schnabel an dir wetzen werden.«

Mit innigem Vergnügen las unser Maler die Notiz. In Druckbuchstaben war von ihm die Rede – das stellte etwas völlig Neues für ihn dar. Er las die Zeilen immer wieder durch. Sehr schmeichelhaft bedeuchte ihn vor allem der Vergleich mit Tizian und van Dyck. Der Satz: »Heil dir, verehrter Meister!« tat ihm ungeheuer wohl. Den eigenen Namen in der Zeitung lesen, die Ehre hatte er noch nie genossen . . . Er ging beschwingten Schritts in seinen Zimmern auf und ab und fuhr sich mit den Fingern durch die Locken, er warf sich bald in einen Stuhl, bald sprang er wieder auf und ließ sich auf den Diwan nieder, und unermüdlich malte er sich aus, wie er die Herren und die Damen, wenn sie nun kämen, würdevoll begrüßen wollte. Dann trat er vor die Staffelei und warf mit abgezirkelt graziöser Handbewegung einige flotte Pinselstriche auf die Leinwand – einfach so, um sich zu üben. Am nächsten Tage schellte es an seiner Tür; er eilte hin und öffnete. Herein trat eine Dame, gefolgt von einem Diener in pelzgefüttertem Livreemantel. Mit der Dame kam ein junges Ding von achtzehn Jahren: ihre Tochter.

»Monsieur Tschartkow?« begann die Dame.

Der Maler verneigte sich.

»Es wird ja über Sie soviel geschrieben. Ihre Porträts, behauptet man, stehn auf dem Gipfel der Vollkommenheit, wenn nicht noch höher.« Dabei hielt die Dame die Lorgnette vor die Augen und ließ einen geschwinden Blick über die Wände huschen, an denen aber gar nichts hing. »Ja, bitte, die Porträts – wo sind sie denn?«

»Fort . . .«, sagte Tschartkow verwirrt. »Ich bin hier erst vor kurzem eingezogen . . . Deshalb sind sie noch unterwegs, noch gar nicht angekommen . . .«

»Sie waren in Italien?« fragte die Dame und richtete ihr Augenglas auf Tschartkow, weil leider nichts zu finden war, worauf sie es sonst hätte richten können.

»Nein, in Italien war ich nicht; ich wollte freilich hin . . . Ich habe jetzt die Reise übrigens verschoben . . . Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen? Denn Sie werden sicher müde sein?«

»Merci, ich hab im Wagen ja die ganze Zeit gesessen. Aber Gott sei Dank, da ist etwas von Ihren Sachen!« rief die Dame und schritt eilend quer durch das Gemach und musterte durch ihr Lorgnon die Studien und Skizzen, die Interieurs und die Porträts, die dort am Boden standen. »C'est charmant! Lise! Lise, venez ici! Ein Zimmer im Teniersgeschmack? Die Unordnung, die Unordnung! Ein Tisch, und darauf eine Büste, der Abguß einer Hand und die Palette. Nein, und dieser Staub! Sieh nur, wie dieser Staub gemalt ist! C'est charmant! Ach, und dort auf dem andern Bild das Mädchen, das sich wäscht, – quelle jolie figure! Ach, und ein Bauernbursch! Lise, Lise! Ein Bauernbursch im blauen Hemd! Nein; sieh: ein Bauernbursch! Dann malen Sie nicht ausschließlich Porträts?«

»Ach, das ist, sozusagen, Atelierscheps . . . Spielereien . . . Studien bloß . . .«

»Ach, sagen Sie, was halten Sie von den modernen Porträtisten? Meinen Sie nicht: so einer, wie der Tizian war, ist kaum darunter? Denn es fehlt die Kraft des Kolorits, es fehlt . . . Zu dumm, daß ich es nicht auf russisch sagen kann!« (Die Dame war eine Verehrerin der Malerei und hatte mit der Lorgnette vor der Nase sämtliche Galerien von Italien abgegrast.) »Ja, allerdings, Herr Noll . . . Nein, wie der malt! Ein außerordentlicher Pinsel! Ich finde die Gesichter auf den Porträts von ihm sogar noch ausdrucksvoller als bei Tizian. Kennen Sie Herrn Noll?«

»Wer ist denn dieser Noll?« fragte der Künstler.

»Herr Noll. Ein äußerst talentierter Künstler! Er hat ein Bild von ihr gemalt, als sie erst zwölf Jahre alt war. Sie müssen uns durchaus besuchen. Lise, du zeigst ihm dann dein Album. Wir sind nämlich gekommen, damit Sie auf der Stelle ein Porträt von ihr anfangen.«

»O bitte sehr, ich bin im Augenblick bereit«, erklärte er und rückte schleunigst eine Staffelei mit fertig aufgespannter Leinwand vor sich hin, griff zur Palette und versenkte seinen Blick in das Gesicht des blassen jungen Mädchens. Wenn er sich einen Menschenkenner hätte nennen dürfen, so wäre ihm gleich mancherlei in diesen Zügen aufgefallen: die ersten Spuren, die die jugendliche Tanzwut eingegraben hatte, die ersten Spuren fürchterlicher Langeweile, weil ihr die Stunden vor und nach dem Mittag gar so langsam schlichen, daß sie den Augenblick kaum noch erwarten konnte, der sie in einem neuen Kleide auf die Promenade führte; die scharfen Spuren, die lustloses Dilettieren in den Künsten hinterlassen hatte, wozu sie von der Mutter angehalten wurde, die damit ihren Geist und ihre Seele hochzuzüchten dachte. Jedoch der Maler sah an diesem zarten jungen Ding nur das, was seinen Pinsel reizen konnte: den Körper, fast so durchsichtig wie Porzellan, die reizvoll sanfte Müdigkeit, die über ihrem Wesen lag, den schlanken weißen Hals, den anmutigen Adel ihres Wuchses. Und er genoß im vorhinein seinen Triumph: wie er an ihrem Bildnis erst so recht den Glanz und die Beschwingtheit seines Pinsels zeigen würde, der es ja früher stets nur mit den groben Köpfen ganz gewöhnlicher Modelle, mit Studien nach der Antike und mit Kopien nach den Werken alter Meister zu tun gehabt hatte. Er malte sich schon in Gedanken aus, wie dieses liebliche Gesichtchen auf der Leinwand stehen würde.

»Wissen Sie was?« begann die Dame und schnitt dazu ein beinah rührendes Gesicht. »Ich hätte eigentlich den Wunsch . . . Sie ist nun in dem eleganten Kleid da . . . Lieber wäre mir ein Kleid, das anders wäre, als was sie gewöhnlich trägt. Am liebsten hätte ich's, sie wäre ganz, ganz schlicht gekleidet und lagerte im Schatten grüner Bäume und blickte in das freie Feld hinaus, und in der Ferne müßte eine Herde weiden oder ein lichter Hain den Horizont begrenzen . . . Man dürfte gar nicht daran denken, daß sie gerade im Begriff sein könnte, zu einem Ball oder einer Soiree zu fahren. Denn unsere Bälle, seien wir uns nur klar darüber, sind ja so tödlich für die Seele, sie morden ja den letzten Rest natürlichen Gefühls in uns . . . Mehr Schlichtheit, wissen Sie, das ist's, wonach wir streben sollten.«

Du lieber Gott! Und dabei stand es doch der Mutter wie der Tochter im Gesicht geschrieben, wie abgetanzt sie von den vielen Bällen waren – sie sahen beide förmlich wächsern aus.

Tschartkow ging an sein Werk, er gab seinem Modell die Stellung an und komponierte sich die Sache erst einmal im Kopf; er zeichnete mit seinem Pinsel die Konturen in die Luft und legte in Gedanken alle Punkte fest; er kniff die Augen leicht zusammen und machte ein paar Schritte rückwärts, um die Sache auch auf Abstand zu betrachten. Dann ging er an die Untermalung und führte sie zu Ende, ehe eine Stunde abgelaufen war. Sie schien ihm sehr geglückt, so daß er mit der Ausführung beginnen konnte. Die Arbeit riß ihn fort, und er vergaß bald alles, er vergaß sogar, daß er sich in Gesellschaft von zwei Damen der Aristokratie befand – er ließ sich gehen wie ein rechter Maler, stieß unartikulierte Laute durch die Lippen, trällerte hier und da ein Liedchen, kurz, er benahm sich nach der Art von Künstlern, die ganz versunken in die Arbeit sind. Höchst unzeremoniell, nur durch gebieterische Winke seines Pinsels, wies er die junge Dame an, den Kopf zu heben, der übrigens zu guter Letzt nicht mehr recht still hielt und recht starke Zeichen von Ermüdung merken ließ.

»Genug, genug fürs erstemal!« erklärte die Mama.

»Ein kleines bißchen noch!« erwiderte der ganz vertiefte Künstler.

»Nein, höchste Zeit! Ach, Lise, schon drei Uhr!« rief sie und zog an ihrer goldnen Kette das winzige Ührchen aus dem Gürtel. »Nein, daß es schon so spät sein kann!«

»Bloß noch ein Augenblickchen!« flehte der naive Tschartkow mit dem Ausdruck eines kleinen Jungen.

Die Dame aber schien für diesmal gänzlich abgeneigt, sich seiner Künstlerbitten zu erbarmen, und sie versprach ihm nur, daß zum Entgelt dafür die nächste Sitzung etwas länger dauern dürfe.

›Zu ärgerlich!‹ so dachte Tschartkow still für sich. ›Jetzt wo mir erst die Hand in Schwung gekommen ist . . .!‹ Er mußte daran denken, daß er in seinem alten Atelier auf der Wassilij-Insel niemals durch irgend jemand unterbrochen und von der Weiterarbeit abgehalten worden war. Nikita hatte still an einem Fleck gesessen, ohne sich zu rühren – da konnte man sich satt malen nach Herzenslust; war er doch oft sogar in der befohlenen Stellung eingeschlafen. Verdrossen legte Tschartkow Pinsel und Palette nieder und stand in trübem Sinnen vor der Staffelei. Die Abschiedsworte der vornehmen Dame erweckten ihn aus der Versunkenheit. Er stürzte an die Tür, um sie hinauszulassen. Und draußen lud man ihn noch ein, die Damen zu besuchen, gleich in der nächsten Woche zum Diner. Er kehrte mit vergnügter Miene in sein Atelier zurück. Die feine Dame hatte ihn schlechtweg bezaubert. Bis heute waren Wesen von der Art ihm als Bewohner einer unerreichbar fernen andern Welt erschienen – geschaffen, um in herrlichen Karossen mit eleganten Kutschern und Livreebedienten durch die Stadt zu rollen und gleichgültig auf arme Fußgänger in schäbigem Gewand hinabzulächeln. Und nun auf einmal hatte eines dieser Wesen seine Schwelle überschritten, er durfte eine feine Dame porträtieren, er war bei einer adligen Familie zum Diner gebeten. Er fühlte sich beglückt und innerlich gehoben; er war vollkommen trunken und belohnte sich für den Erfolg mit einem delikaten Mittagessen, dann ging er ins Theater und mietete sich schließlich wieder einen Wagen, um ohne Zweck und Ziel durch Petersburg zu fahren.

All diese Tage kam ihm die gewohnte Arbeit überhaupt nicht in den Sinn. Er tat nichts, als sich innerlich für die mit Ungeduld herbeigesehnte Stunde rüsten, wo es schellen würde. Endlich erschien dann die vornehme Dame mit der blassen Tochter. Er bat sie, Platz zu nehmen, rückte nun schon mit gewandterer Weltmannsart die Staffelei auf ihren Platz und machte sich ans Malen. Der Tag war sonnig, und das helle Licht half ihm bei seiner Arbeit sehr. Er sah an seinem zierlichen Modell so manches, was er nur auf seiner Leinwand festzuhalten brauchte, um ein Porträt von hohem Wert und Reiz zu schaffen. Er erkannte, daß er hier etwas Besonderes erreichen könnte, wenn er nur alles so vollendet wiedergäbe, wie die Natur es ihm vor Augen stellte. Und sein Herz begann zu zittern, als er fühlte, er könnte da so mancherlei zum Ausdruck bringen, was vor ihm noch keinem andern Maler aufgefallen war. Die Arbeit riß ihn völlig fort; er gab sich ihr mit Feuer hin, und ihm geriet dabei auch heute wieder die adlige Geburt seines Modells aus dem Gedächtnis. Mit atemloser Freude sah er die feinen Züge und die beinah durchsichtige Gestalt des achtzehnjährigen Mädchens auf dem Bild erscheinen. Er fing die feinsten Farbtöne ein, die leise Gelblichkeit der Haut, den fast unsichtbar leichten blauen Schatten unter ihren Augen; er ging sogar daran, den kleinen Pickel zu verewigen, der an der Stirn der Schönen aufgesprungen war – doch da ertönte hinter seinem Rücken die Stimme der Mama: »Nein, nein, wozu denn das? Das ist doch überflüssig!« rief sie. »Übrigens, Sie haben auch . . . an manchen Stellen . . . das da scheint mir reichlich gelb . . . und da – das wirkt doch ganz wie dunkle Flecken, nicht?« Der Künstler suchte es ihr klarzumachen, daß eben diese Flecken und der leichte Hauch von Gelb famos zusammengingen; er vermöchte die fein abgestuften, nobeln und diskreten Töne des Gesichts auf keine andere Art herauszubringen. Doch ihm ward die Antwort, daß dies überhaupt gar keine Töne wären und von Zusammengehen keine Rede sei – das sei bloß Einbildung von ihm. »Gestatten Sie mir aber: dort, an der einen Stelle bloß, muß ich noch einen Hauch von Gelb darüberlegen«, sagte der Maler harmlos und naiv. – Aber so etwas wurde ihm natürlich nicht gestattet, und man teilte ihm ganz einfach mit, daß Lise heute etwas angegriffen sei und sonst von gelbem Teint bei ihr gar nicht gesprochen werden könne, nein, eben ihre frischen Farben würden allgemein bewundert. Betrübten Sinns polierte unser Maler alles gleich und glatt, was er so frisch und locker auf die Leinwand übertragen hatte. Damit verschwanden viele kleine feine Züge, damit verschwand ein großer Teil der Ähnlichkeit. Er lieh seinem Gemälde stumpf mechanisch das bekannte Dutzendkolorit, das man leicht aus dem Kopfe malen kann und das sogar Gesichter, die man nach der Natur malt, dem unsagbar faden Idealtyp nähert, der uns auf Schülerzeichnungen entgegentritt . . . Die feine Dame aber war sehr froh, daß das »unvorteilhafte« Kolorit vollständig ausgerottet wurde. Sie drückte nur ihre Verwunderung darüber aus, daß er so lange Zeit für seine Arbeit brauchte. Sie hätte doch gehört, er könne solch ein Porträt leicht in zwei Sitzungen vollenden. Der Maler wußte nicht, was er erwidern solle. Die Damen standen auf und sagten Lebewohl. Er legte seine Pinsel fort und brachte sie zur Tür. Als sie gegangen waren, stand er eine Weile unruhigen Gemütes, ohne sich zu rühren, vor dem Porträt. Er musterte es stumpfsinnig, in seinem Innern aber schwebten ihm noch die feinen Züge vor, die zarten Abschattungen und die luftweichen Töne, die er an jenem Mädchenkopf entdeckt und die sein Pinsel dann erbarmungslos vernichtet hatte. Erfüllt von diesem Eindruck, stellte er das Bild beiseite und suchte sich den Psychekopf herbei, den er vor längerer Zeit mit wenigen schnellen Strichen auf ein Stück Leinwand hingeworfen harte. Das Köpfchen war geschickt gemalt, es wirkte aber als unendlich kühles und abstraktes Idealbild, ohne kleinste Spur von echter fleischlicher Lebendigkeit. Aus Langeweile gleichsam malte Tschartkow daran weiter und nützte dabei die Entdeckungen, die ihm in dem Gesicht der adligen Besucherin gelungen waren. Und all die feinen Züge, Abschattungen und Töne, die er an dem Modell gesehen hatte, kamen hier in der Verklärung auf die Leinwand, wie sie dem Maler glücken mag, wenn er nach richtiger Vertiefung in die Natur auf Abstand von ihr tritt und dann etwas zu schaffen unternimmt, was ihren Werkes nahekommt. Leben zog in die Psyche ein, sein flüchtiger Künstlertraum kristallisierte sich Strich um Strich zu sichtbarer Gestalt. Die Züge und der Ausdruck der vornehmen jungen Dame teilten sich ungewollt der Psyche mit, und die gewann dadurch etwas ganz Eigenes, das diesem Bild den Anspruch lieh, ein wahrhaft originales Werk der Kunst genannt zu werden. Er fühlte, wie ihm hier, in allen Einzelheiten und im ganzen, jeder Zug seines Modells zu Nutzen diente, und warf sich mit dem größten Eifer auf die Arbeit. Tagelang blieb dieses seine einzige Beschäftigung. Und auch die beiden Damen trafen ihn bei ihr, als sie das nächste Mal zur Sitzung kamen. Er hatte nicht mehr Zeit, die Leinwand von der Staffelei zu räumen. Die Damen schrien auf vor freudiger Verwunderung und klatschten lebhaft in die Hände.

»Lise, Lise! Nein, nein, wie das ähnlich ist! Superbe, superbe! Welch glänzende Idee, sie in ein griechisches Kostüm zu kleiden! Oh, die sinnige Überraschung!«

Der Maler wußte nicht, wie er die Damen aus den schmeichelhaften Illusionen reißen solle. Verlegen senkte er den Kopf und flüsterte: »Ja, das stellt eine Psyche dar.«

»Als Psyche? C'est charmant«, sprach die Mama mit holdem Lächeln, und auch die Tochter lächelte. »Lise, Lise, nicht wahr, nichts könnte besser zu dir passen, als im Kostüm der Psyche porträtiert zu werden! Quelle idée délicieuse! Und wie das meisterhaft gemalt ist! – Einfach – Correggio! Ehrlich gesprochen, wenn ich auch schon viel Gutes über Sie gelesen und gehört hab – ich ahnte nicht, daß Sie so ein Talent sind. Nein, ich muß mich selber auch von Ihnen malen lassen – unbedingt!«

Die Dame hätte sich wahrscheinlich gleichfalls gern als Psyche dargestellt gesehen.

›Was tu ich nur mit ihnen?‹ dachte Tschartkow still bei sich. ›Schön, wenn Sie absolut darauf versessen sind, dann mag die Psyche in drei Teufels Namen das Porträt der jungen Dame vorstellen!‹ Laut fügte er hinzu: »Nehmen Sie freundlichst Platz, ich muß noch ein paar Lichter aufsetzen.«

»Ach Gott, ich hab so Angst, daß Sie am Ende . . . Denn sie ist jetzt doch so sprechend ähnlich . . .«

Der Künstler aber war sich klar darüber, daß die Befürchtungen der Dame sich in erster Linie darauf bezogen, er möchte wieder zuviel Gelb verwenden, und darum sagte er beruhigend, er wolle nur noch in die Augen etwas mehr an Glanz und Ausdruck legen. In Wahrheit stach ihn sein Gewissen, und er fühlte sich gedrängt, die Ähnlichkeit doch wenigstens noch etwas zu verstärken, damit ihm nicht jeder klügere Beurteiler vollkommene Skrupellosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und es gelang: nach einer Weile zeigte die Psyche wenigstens halbwegs die Züge seines vornehmen Modells.

»Genug nun!« rief die Frau Mama, die keinen Wert auf gar zu weit getriebene Ähnlichkeit zu legen schien.

Unser Künstler wurde reich belohnt: mit holdem Lächeln und mit Geld, mit schmeichelhaften Worten, einem kräftigen Händedruck und der Aufforderung, recht oft zu Tisch zu kommen – kurzum, der Lohn war königlich. Und das Porträt erregte großes Aufsehen in Petersburg. Die Freundinnen der Dame sahen es und waren alle des Staunens voll, wie gut die Kunst des Malers es verstanden hatte, die Ähnlichkeit mit dem Modell zu treffen und dieses doch zugleich so zu verschönern. Letzteres wurde, wie sich wohl von selbst versteht, nicht ohne neidisches Erröten angemerkt. Und unser Künstler war von Stund an überhäuft mit Aufträgen. Es sah so aus, als wolle sich die ganze Stadt von Tschartkow malen lassen. Die Glocke an der Ateliertür bimmelte fast ohne Unterlaß. Das wäre einerseits ganz vorteilhaft gewesen, insofern als die Menge und Mannigfaltigkeit all der Gesichter ihm eine ungeheure Fülle von Modellen schenkte, daran er seinen Pinsel üben konnte. Doch leider ließ es sich mit allen diesen Leuten schwierig hausen – sie hatten keine Zeit und nicht die nötige Ruhe, einesteils, weil ihr Beruf sie so in Anspruch nahm, und andernteils, weil sie die richtigen Gesellschaftsmenschen waren, die sich bekanntlich noch beschäftigter vorkommen als irgend jemand, der in Wirklichkeit etwas zu tun hat – kurz, sie waren äußerst ungeduldig. Schnell, aber gut, so hieß die allgemeine Losung. Der Maler merkte bald, daß er darauf verzichten mußte, seine Bilder wirklich auszuführen; ihm blieb nichts übrig, als mit flüchtigem und flottem Strich gewandt darüber wegzutäuschen; er konnte nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck wiedergeben; sich in die feinen Einzelheiten zu vertiefen, das verbot die Hast – mit einem Wort, es zeigte sich als ganz unmöglich, an die Vollendung der Natur auch nur von fern heranzukommen. Doch damit nicht genug, die meisten, die sich von ihm malen ließen, hatten zudem noch ihre ganz besonderen Wünsche der mannigfachsten Art. Die Damen legten Wert darauf, daß man in erster Linie die Seele und den Geist aus ihren Bildern strahlen sähe, auf Ähnlichkeit im Äußerlichen wurde in den meisten Fällen sehr geringer Wert gelegt; vor allem mußten alle Ecken abgerundet und alle kleinen Schönheitsfehler schmeichelhaft gemildert, nach Möglichkeit ganz weggelassen werden, kurz, solch ein Bildnis sollte so beschaffen sein, daß man den Blick nicht davon reißen könnte und sich, wenn's irgend ginge, ungesäumt darin verliebte. Infolgedessen waren die Allüren vieler Damen bei der Sitzung so affektiert, daß unser Künstler einfach staunen mußte: die eine verzerrte ihr Gesicht zu tiefer Melancholie, die zweite zu beseligter Verträumtheit, die dritte war darauf erpicht, es koste was es wolle, einen kleinen Mund zu haben, und darum preßte sie die Lippen mit Gewalt zusammen, bis sie nur noch als Punkt erschienen, winzig wie ein Stecknadelkopf. Trotzdem verlangte eine jede, sprechend ähnlich und mit der ungezwungensten Natürlichkeit gemalt zu werden. Die Herren waren in der Hinsicht auch nicht besser als die Damen. Der eine wünschte sich mit kraftvoll entschlossener Haltung seines Kopfes porträtiert zu sehen, der zweite mit begeistert himmelwärts gedrehtem Blick; ein Gardeleutnant forderte, daß Mars aus seinen Augen dräuen müsse, und ein Zivilbeamter war darauf versessen, daß sein Gesicht von Biederkeit und Lauterkeit erfüllt sei und seine Hand sich fest auf einen Folianten stützte, der leserlich die Inschrift trüge: »Er hat sein Leben lang für Recht und Redlichkeit gekämpft«. Im Anfang trieben solche Wünsche unserm Maler noch den kalten Angstschweiß auf die Stirn – das alles wollte ganz genau erwogen und bedacht sein, und dazu ließ man ihm doch nicht die Zeit. Bald aber hatte er heraus, worauf es ankam, und schickte die Bedenklichkeiten heim. Schon nach den ersten Worten wußte er, als was sich einer porträtiert zu sehen wünschte. Wer einen Mars verlangte, dem ward prompt der Mars geliefert; affektierte einer auf den Byron hin, nun, so verlieh ihm Tschartkow mit Vergnügen Haltung und Gebärde von Lord Byron. Ob eine Dame als Corinna, als Undine, als Aspasia auf der Leinwand stehen wollte – er gab ihr willig, was ihr Herz begehrte, und fügte stets aus freien Stücken noch eine nicht zu knappe Portion an äußerlichem Reiz hinzu, was ja bekanntlich einem Künstler nie verübelt wird, sogar wenn es auf Kosten der Naturwahrheit geschieht. Es dauerte nicht lange, bis er selbst sich über die Geschwindigkeit und Flottheit seines Pinsels wundern mußte. Und die Leute, die sich von ihm hatten malen lassen, waren selbstverständlich voll Begeisterung und nannten ihn freigebig ein Genie.

Tschartkow entwickelte sich bald zum Modemaler, wie er im Buche steht. Man sah ihn überall in der Gesellschaft, er zeigte sich mit Damen der Aristokratie in den Museen und beim Korso, er kleidete sich stutzerhaft und liebte es als seine Meinung zu betonen, daß sich ein Künstler fleißig in der großen Welt bewegen müsse; es sei die höchste Zeit, in dieser Hinsicht bahnbrechend zu wirken. Die meisten Künstler zögen sich wie Schuster an, verstünden sich nicht zu benehmen und ließen allen feinen Ton, wie jede Bildung überhaupt vermissen. In seinem Atelier sah er auf höchste Sauberkeit und Ordnung, er hielt zwei prachtvoll galonierte Diener, schaffte sich stutzerhafte Schüler an, wechselte täglich mehrmals seinen Anzug, ließ sich Locken brennen, studierte sich ein fabelhaftes Zeremoniell für den Empfang der Kunden ein und wandte alle Mittel an, seine Erscheinung zu verschönern, damit er Eindruck auf die Damen mache – mit einem Wort, bald hätte keiner mehr in ihm jenen bescheidenen Maler von ehemals erkannt, der still verborgen in dem engen Loch auf der Wassilij-Insel eifrig seiner Arbeit obgelegen hatte. Sein Urteil über andre Maler und die Malerei im ganzen war ausnehmend streng geworden. Er konnte keck behaupten, daß die alten Künstler doch bei weitem überschätzt würden; sie hätten alle, mit Ausnahme des einen Raffael, nicht Menschen, sondern Heringe gemalt; es brauche schon eine starke Phantasie von seiten des Publikums, um in den Werken dieser Leute, wie üblich, etwas Heiliges zu sehen; sogar von Raffael sei längst nicht alles gut, sehr viele seiner Werke dankten ihren Ruhm einzig der Tradition, und Michelangelo gar sei ein Prahlhans, der sich bloß mit seinen Kenntnissen in der Anatomie dicktäte, aber keine Spur von Anmut hätte; wirklichen Glanz und echte Kraft der Zeichnung und des Kolorits dürfe man einzig in der Neuzeit suchen und bei den Malern unserer Tage. Auf diesem Wege kam er selbstverständlich, ob er nun wollte oder nicht, ganz unauffällig zu der eigenen wertvollen Person.

»Nein«, rief er, »ich versteh die andern nicht, die sich so plagen und gleich ewig hinter einer Arbeit sitzen; ein Maler, welcher wochenlang an einem Bilde tüftelt, ist meiner Meinung nach ein Tagelöhner und kein Künstler; ich trau so einem kein Talent zu; das Genie schafft großzügig und kühn. Sehn Sie zum Beispiel: ich«, sprach er zu den Besuchern seines Ateliers, »an dem Porträt da hab ich bloß zwei Tage gemalt, dort an dem Studienkopf nur einen Tag, an dem da ein paar Stunden, an diesem wenig mehr als eine Stunde. Ich . . . Ich muß schon offen eingestehn, ich kann ein Bild nicht als ein Werk der Kunst betrachten, das Strichelchen für Strichelchen zurechtgebastelt wird; das nenn ich Handwerk, aber keine Kunst.«

So sprach Tschartkow zu seinen Kunden, und die bewunderten die Kraft und Flottheit seines Strichs und brachen in Begeisterung aus, da sie vernahmen, wie schnell er solche Dinge auf die Leinwand warf. Und einer sprach zum anderen: »Mit einem Worte: ein Talent, ein wirkliches Talent! Schon wie er spricht, wie ihm die Augen blitzen! II y a quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!«

Dem Künstler tat es wohl, wenn so von ihm gesprochen wurde. Und las er in den Blättern gar sein Lob gedruckt, dann freute er sich ganz naiv darüber, und mochte er auch dieses Lob mit seinem eigenen Gelde bar bezahlt haben. Er trug stets irgendeinen solchen Zeitungsausschnitt in der Tasche und zog ihn gleichsam im Versehen mit heraus und zeigte ihn den Freunden und Bekannten; das machte ihm ein harmlos kindliches Vergnügen. Sein Ruhm wuchs und gedieh, die Aufträge vermehrten sich. Aber die ewig gleichen Gesichter und Porträts begannen ihn mit der Zeit zu langweilen, er kannte alle diese Posen und Stellungen schon auswendig. Das Porträtieren dieser Leute freute ihn nicht mehr, es deuchte ihn genug der Mühe, wenn er gerade die Gesichter schlecht und recht herunterstrich; das übrige ließ er von seinen Schülern fertig malen. Im Anfang hatte er doch wenigstens darauf gesehen, seine Modelle so zu stellen, daß ihre Haltung etwas Neues bot, hatte versucht, durch Kraft und Schwung Effekte zu erzielen. Jetzt wurde ihm auch das zu mühevoll. Er war des Nachdenkens und Überlegens müde. Er hatte einfach gar nicht mehr die Fähigkeit dazu, geschweige denn die Zeit; das jeder Sammlung feindliche Gesellschaftsleben, dem er sich hingab, weil er unbedingt den Weltmann spielen wollte, entführte ihn gar weit vom Weg der ernsten Arbeit und der ernsthaften Gedanken. Sein Kolorit ward kalt und matt, sein Strich erstarrte mehr und mehr zu unempfundener Gleichförmigkeit und abgeleierter Banalität; die kühlen, ebenmäßig wohlgepflegten und sozusagen zugeknöpften Dutzendgesichter dieser ewigen Beamten, Offiziere und Minister waren ja schließlich auch sehr wenig dankbare Objekte für den Künstlerpinsel – hier mußte er den großen Faltenwurf, die mächtige Bewegung und die Leidenschaft verlernen. Von zielbewußter Komposition, dramatischer Gestaltung, kühnem Aufbau ganz zu schweigen! Tschartkow sah nichts als Uniformen, Schnürleiber, Fräcke auf dem Podium, kurz, Dinge nur, vor denen es den Künstler fröstelt und die die Phantasie in ihm ertöten. Bald fanden sich in seinen Werken nicht einmal die Qualitäten mehr, auf die ein jeder Dutzendmaler hält, und dennoch wurden sie noch immer hoch bezahlt und von den Laien sehr gerühmt, wenngleich die Kenner und die Künstler davor bloß die Achseln zuckten. Gar mancher, der den Maler aus vergangenen Zeiten kannte, begriff es nicht, auf welche Art er sein Talent verloren hätte, das man doch schon aus seinen frühesten Versuchen so unverkennbar hatte leuchten sehen. Man fragte sich umsonst, wie es denn möglich wäre, daß die Begabung eines Menschen in dem Augenblick verlosch, wo er gerade erst zur völligen Entfaltung seiner Kraft gelangt sein sollte.

Jedoch von diesen Urteilen vernahm der ruhmberauschte Künstler nichts. Und mählich kam er ins gesetzte Alter und zu dem, was man gern als »Vernünftigkeit« bezeichnet. Er wurde dick und legte sich gemächlich in die Breite. Nun hieß es in den Zeitungen und Monatsschriften, wenn von ihm die Rede war, schon regelmäßig »der verehrte Meister« oder »unser großer Tschartkow«. Ihm wurden Ehrenämter übertragen, er saß in Prüfungsausschüssen und Komitees. Und schon begann er auch, wie das in diesen Würdejahren üblich ist, sehr laut das Lob des großen Raffael sowie der anderen alten Meister zu verkünden, nicht etwa, weil er gar so stark von ihrem hohen Range überzeugt gewesen wäre, sondern vielmehr, weil er den jungen Künstlern auf die Art ein wenig an den Karren fahren konnte. Schon machte er, wie jeder, der in diese Jahre kommt, den jungen Leuten insgesamt den Vorwurf sittlicher Minderwertigkeit und höchst verwerflicher Gesinnung. Schon glaubte er, daß hier auf Erden alles schlecht und recht von selber liefe, daß die Inspiration von oben nichts bedeute, daß alle Kunst der strengsten Regel unterworfen, in Reih und Glied gestellt, uniformiert sein müsse. Kurzum, er kam jetzt in die Jahre, da sich der Schwung von einst mählich verliert, da der gewaltige Geigenbogen der Seele Saiten nur noch zaghaft anrührt und nicht mehr freudiges Getön im Herzen weckt, da die Begegnung mit der Schönheit nicht mehr die jungfräulichen Kräfte Feuer und Flamme werden läßt, da die verloderten Gefühle schon williger dem Klang des Goldes lauschen, dem lockenden Geklimper, das sie allmählich und unmerklich in Schlaf lullt und betäubt. Der Ruhm kann dem nicht Labung schenken, der ihn gestohlen hat, statt ihn sich redlich zu verdienen – nur dem läßt er das Herz in steter Freude beben, der seiner würdig ist. Und darum wendeten sich Tschartkows Gefühl und seine ganze Leidenschaft dem Golde zu. Das Gold ward seine Sehnsucht und sein Ideal, seine Ergötzung, seine Angst, sein Ziel. Die Kassenscheine häuften sich in seinen Truhen; und wie jeder, dem diese fürchterliche Sucht zum Schicksal wird, ward er alsbald ein hirnverbrannter Geizhals, langweilig, unzugänglich für den Nebenmenschen, gleichgültig gegen alles außer dem kalten Gold, ein habgieriger Raffer. Und er war drauf und dran, sich in eins von den sonderbaren Wesen zu verwandeln, von denen es in dieser fühllos kalten Welt zahllose gibt, und die ein Mensch voll Blut und Leben mit Entsetzen ansieht, wie einen Sarg aus Stein – ob er sich auch bewegt und atmet, er birgt in seinem Innern statt des Herzens einen kalten Leichnam. Aber da geschah etwas, was Tschartkow schwer erschütterte und alle Tiefen seines Wesens in gewaltige Gärung brachte.

Er fand an einem schönen Tag auf seinem Schreibtisch einen Brief, worin ihn die Akademie als ihr geschätztes Mitglied bat, er möge freundlichst dort erscheinen. Es wäre ein Gemälde zu begutachten, das einer unserer heimatlichen Künstler aus Italien eingesendet hätte, wo er zu seiner Weiterbildung weilte. Der Maler dieses Bildes war zufällig einer von den Kameraden Tschartkows aus der Jugendzeit, der schon seit frühen Jahren die Leidenschaft zur Kunst in sich getragen und sich ihr mit dem heißen Schaffensdrang des echten Arbeiters aus voller Seele hingegeben, der sich von allen Freunden und Verwandten, von allen liebgewordenen Gewohnheiten ohne Bedauern losgerissen hatte und dorthin geeilt war, wo unter einem wunderreichen Himmel der heiligen Kunst erhabene Keime sich entfalten – nach Rom, der Ewigen Stadt, bei deren Namen des Künstlers Flammenherz so voll und mächtig schlägt. Dort hatte er fast wie ein Einsiedler gelebt, versunken in die Arbeit und sein Werk, von dem er sich durch nichts ablenken ließ. Ihm war es gleich, ob man sich über seine Art den Mund zerriß und ihm den Vorwurf machte, er wisse nicht mit Menschen zu verkehren, er kümmere sich zu wenig um den guten Ton, er degradiere den Künstlerstand durch seine ärmliche, unmodische Gewandung. Er fragte nicht danach, ob ihm die Zukunft gewogen oder böse war. Er scherte sich nicht um der Leute Urteil und Geschwätz und diente nur der Kunst. Ohne Ermüden ging er in die Galerien; er konnte stundenlang gefesselt vor den Werken der erhabenen Alten stehn, nach allen Einzelheiten ihrer wunderbaren Arbeit forschen und jeden Pinselstrich genau studieren. Und er vollendete kein Bild, das er nicht mehrmals mit den Schöpfungen der großen Lehrmeister verglichen, für das er sich nicht Rat geholt hätte bei ihren stummen und in ihrem Schweigen doch so wundervoll beredten Werken. Er ließ sich nicht in laute Diskussionen und Streitereien ein; er stellte sich nicht auf die Seite der Puristen, doch auch nicht gegen sie. Er zollte jedem gern das Lob, das ihm gebührte, und ließ sich an jedwedem Werk nur das zum Muster dienen, was daran trefflich war. Und schließlich kam er auf dem Wege so weit, daß er nur noch den göttergleichen Raffael als seinen Lehrer gelten ließ. So liest ein großer Dichter hundert Werke aller Arten und findet manchen Reiz und manchen ewigen Schönheitszug darin, aber zum Schluß sieht er als sein Brevier nur noch die Ilias des Homer an, weil er entdeckt hat, daß sie alles bietet, was er nur wünschen mag, und daß es nichts auf Erden gibt, was dieses Werk nicht in der tiefsten und erhabensten Vollendung widerspiegelte. – Und solcher Schule dankte unser Maler eine großartige Idee vom Leben, eine gewaltige Gedankenfülle, einen schier überirdischen Reiz der Pinselführung.

Als Tschartkow in den Saal trat, fand er schon eine Menge Leute vor dem Bild versammelt. Ein tiefes Schweigen, gänzlich ungewohnt in einem solchen Kreis von Kennern, lag auf der andächtigen Schar. Tschartkow zog seine Stirn in ernste Denkerfalten und trat heran – ach, großer Gott, was sah er da!

Vor seinen Augen stand ein Meisterwerk, rein, keusch und schön wie eine Braut. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie, erhob es sich hoch über alles ringsumher. Es war, als senkten all die himmlischen Gestalten auf dem Bilde ihre Lider in holder Scham vor diesen vielen Augen, die auf ihnen ruhten. In ehrlicher Bewunderung musterten die Kenner dies Werk einer vollkommen neuen, nie dagewesenen Meisterschaft. Denn hier war alles zu der reinsten Harmonie vereint: das Studium Raffaels, das aus der edeln Hoheit der schön bewegten Leiber sprach, das Studium Correggios, von dem die malerische Herrlichkeit des Werkes Zeugnis gab . . . Jedoch am stärksten wirkte die wurzelechte Schöpferkraft, die in der eigenen Brust des Malers ihren Ursprung hatte. Sie tränkte und durchdrang auch noch die letzte Zutat an dem Bilde, in allem webte mächtig ein Gesetz und eine innere Kraft; allüberall war jene flüssige Rundung des Umrisses erreicht, wie die Natur sie zeigt; nur eines echten Künstlers Auge faßt sie, unter dem Stift talentloser Kopisten verzerrt sie sich zu steifer Eckigkeit. Man sah, wie dieser Künstler alles, was irgend ihm die Außenwelt vor Augen stellte, zuerst in seine Seele schloß und es erst dann, aus diesem innern Springquell, aufsteigen ließ als feierlich harmonischen Gesang. Vor diesem Bilde ward es selbst dem Laien sichtbar, welch unermeßlich breiter Abgrund aufgetan ist zwischen der Schöpfung eines echten Künstlers und einer handwerksmäßigen Abschrift der Natur. Kaum zu beschreiben ist die unerhörte Stille, die unwillkürlich jeden fest in ihrem Banne hielt, der dieses Bild betrachtete – keine Bewegung und kein Laut. Und dabei schien das Bild sich von Minute zu Minute höher zu erheben, sich leuchtender und wunderbarer von dem Irdischen zu trennen, und endlich sank der große Augenblick hernieder, die Frucht des göttlichen Gedankens, der in des Künstlers Seele eingeschlagen war, der Augenblick, für den das ganze andre Menschenleben nur eine Vorbereitung ist. Allen Beschauern, die das Bild umringten, schoß heiß das Wasser in die Augen; es fehlte nicht gar viel, so hätten sie vor Glück geweint. Die Künstler aller Richtungen, sogar die frechen, geschmacklosen Effekthascher, vereinten sich zu einem stummen Lobgesang für dieses göttlich schöne Werk.

Ohne ein Glied zu rühren, mit weit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bild. Als dann die Fachleute und Kenner mählich ihre Stimme hoben und rühmend von dem hohen Wert des Werkes sprachen und als zum Schluß er gleichfalls um sein Urteil angegangen wurde, kam er erst wieder zur Besinnung. Er wollte die gewohnte kühl blasierte Miene zeigen und die gewohnten abgeschmackten Redensarten von sich geben, mit denen Künstler, die bereits im Stadium der Verknöcherung sind, sich gern in solchen Fällen helfen. Sie sagen etwa: »Ja, natürlich, zugegeben, er hat Talent, das läßt sich nicht abstreiten; es steckt schon etwas drin; er hat das Streben, etwas auszudrücken; was nun die Hauptsache betrifft . . .« Und daran schließen sich dann Worte halber Anerkennung, die keinen Künstler recht erfreuen können. Auf diese Weise wollte Tschartkow sprechen, jedoch das Wort starb ihm im Mund, Tränen entströmten seinen Augen, ein Schluchzen brach aus seiner Brust, er stürzte fort wie ein Unsinniger.

Reglos und stumpf, so stand er eine Weile in seinem eleganten Atelier. Sein ganzes Leben, seine ganze Laufbahn flog im Nu an ihm vorüber. Es war, als wäre seine Jugend plötzlich zurückgekehrt, als glömmen die verloschenen Funken seines Talentes wieder auf. Die Binde fiel ihm plötzlich von den Augen. O Gott! Er hatte seine besten Jahre verschwendet und vertan, er hatte den edeln Götterfunken ausgetreten und verlöscht, der einst in seiner Brust geglüht, der heute eine stolze, schöne Flamme sein und Tränen der Bewunderung und Dankbarkeit aus Menschenaugen locken könnte! Das alles hatte er zerstört, vernichtet ohne Wimpernzucken! Mit einem Ruck und plötzlich machte dieser Augenblick in seinem Innersten die Sehnsucht und den Drang lebendig, die er dereinst gekannt. Er griff zu Pinsel und Palette und trat vor eine Leinwand hin. Der Schweiß rann ihm vor Anstrengung von seiner Stirn; er war nur noch ein einziger Wunsch und brannte nur in einem einzigen Gedanken: er wollte den gefallenen Engel malen. Das war der Stoff, der seinem Seelenzustand jetzt am meisten zu entsprechen schien. Doch ach, seine Gestalten, ihre Haltung und Gruppierung sowie ihr Ausdruck hatten etwas Hölzernes und fügten sich nicht recht zusammen. Denn seine Hand und seine Phantasie, sie waren beide in der ödesten Schablone festgefahren; sein kraftloses Bemühen, die Fesseln zu zersprengen, die er sich selbst geschmiedet hatte, gab sich in krassen Verzeichnungen und Fehlern kund. Er hatte den ermüdend weiten Weg langsamen Aufstiegs zur Vollkommenheit verschmäht, ihm fehlten so die ersten Vorbedingungen, um etwas Großes zu erreichen. Ein wilder Zorn erfaßte ihn. Er ließ die Bilder, die er in den letzten Jahren gemalt hatte, aus seinem Atelier entfernen – alle die lebensfremden modischen Porträts, diese Husaren, Staatsräte und hübschen Damen; er schloß sich ganz allein in seine Werkstatt ein; ließ niemand vor und stürzte sich mit Eifer in die Arbeit. Wie ein geduldiger Schüler, wie ein junger Neuling versenkte er sich in das Schaffen. Doch unbarmherzig fruchtlos blieb das Mühen seiner Hand! Bei jedem Schritte brachte die Unkenntnis der allerprimitivsten Elemente ihn zum Straucheln; das kämpferische Mühen um die schlichte Technik nahm ihm den Schwung und stellte unüberkletterbare Schranken vor die Phantasie. Und wider Willen kamen ihm auch heute die eingelernten Formen in den Pinsel, die Glieder nahmen die gewohnten Posen an, der Kopf hob sich nicht keck zu einer neuen Haltung, sogar die Falten der Gewänder blieben akademisch starr und schmiegten sich dem Linienfluß der Leiber auf keine Weise an. – Der arme Tschartkow fühlte das, er fühlte es und sah es selbst.

›Hab ich dann wirklich je Talent gehabt?‹ so fragte er sich schließlich. ›War das nicht ganz einfach Selbstbetrug?‹ So fragte er und trat vor seine frühen Bilder, daran er einst so reinen Herzens, so ernst und frei von Eigennutz geschaffen hatte, dort in dem kümmerlichen Loch auf der Wassilij-Insel, fern von der Welt, vom Überfluß und allen üppigen Gelüsten. Er trat vor diese Bilder hin und sah sie, eines nach dem andern, prüfend an; zugleich mit ihnen sah er in der Erinnerung sein früheres armes Leben auferstehen. »Ja«, sprach er in aufrichtiger Verzweiflung vor sich hin, »ich hatte einst Talent! Denn überall, auf jedem dieser Bilder, sind seine Anzeichen und Spuren sichtbar . . .«

Er starrte auf die Wand, und plötzlich packte ihn ein Zittern: zwei Augen waren seinem Blick begegnet, die sich ihm reglos in die Seele bohrten. Es war das seltsame Porträt, das er vor Jahren in der Schtschukinpassage um einen Zwanziger erstanden hatte. Es hatte all die Jahre unbeachtet dagelehnt, von andern Bildern ganz verborgen, und war ihm völlig aus dem Sinn gekommen. Nun aber, da die modischen Gemälde und Porträts verschwunden waren – gerade in dem Augenblick sah es ihm wieder mahnend ins Gesicht inmitten all der Schöpfungen aus seinen jungen Jahren. Und wie er nun der seltsamen Geschicke des Porträts gedachte und sich erinnerte, daß in gewisser Weise das sonderbare Bild die Ursache zu seinem Niedergang geworden war, daß der verborgene Schatz, zu dem er auf so wunderliche Art gekommen war, erst all die müßigen Gelüste in ihm wachgerufen hatte, die sein Talent vernichten sollten – da wäre er beinah in Raserei verfallen. Er ließ das tief verhaßte Bild noch in der gleichen Stunde aus der Werkstatt schaffen. Aber der Aufruhr seiner Seele wurde dadurch nicht gestillt: seine Gefühle und sein ganzer innerer Mensch waren erschüttert bis zum Grunde, und er empfand die fürchterliche Qual, die, als ein seltener Ausnahmefall, zuweilen hier im Leben auftritt, wenn eine schwächliche Begabung etwas erreichen will, was über ihre Kraft hinausgeht, und es nicht erreichen kann, die Qual, die einen Jüngling wohl zu großen Taten spornt, sich aber bei dem Manne, der die Grenzen der Träume überschritten hat, in nie gestillten Durst verwandelt, die schauerliche Qual, die den von ihr Befallenen zu grausigen Verbrechen fähig macht. Ihn packte ein gewaltiger Neid, der bis zum Wahnwitz ging. Die Galle schoß ihm ins Gesicht, wenn er ein Bild sah, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den Zähnen und verschlang das Kunstwerk mit dem Blick des Basilisken. In seiner Seele formte sich der schauerlichste Plan, den je ein Mensch ersonnen hat, und mit der Kraft des Irrsinns ging er an sein Werk. Er machte sich daran, die besten Bilder aufzukaufen, die großer Meister Kunst geschaffen hatte. War so ein Bild um teures Geld erstanden, dann trug er es behutsam in sein Atelier und stürzte sich dann mit der Wut des Tigers auf das Werk, zerriß, zerfetzte es, schnitt es in Stückchen, trat es wild mit Füßen und grinste wollüstig dazu. Die ungeheuern Reichtümer, die er gesammelt hatte, gewährten ihm die Mittel für die Büßung seines höllischen Gelüstens. Er leerte seine Goldsäcke und schloß die Truhen auf. Nie hat ein Monstrum an Unwissenheit so viel von hoher Kunst zerstört wie dieser wutentbrannte Rächer. Wenn er bei einer Auktion erschien, so gab es jeder andre schon im voraus auf, ein Kunstwerk zu ersteigern. Es war, als hätte der erzürnte Himmel selbst den fürchterlichen Schädling in die Welt geschickt, um ihr den letzten Schimmer edler Harmonie zu rauben. Und diese schauerliche Leidenschaft warf auf ihn selbst ein schauerliches Kolorit: die Galle wich ihm nicht mehr aus dem Antlitz. Hämische Wut auf alle Welt und bittere Verneinung sprachen aus seiner Miene. Es war, als sei der fürchterliche Dämon in ihm Fleisch geworden, den Puschkin so genial geschildert hat. Nur giftige Gehässigkeit, nur nörgelnde Kritik kam über seine Lippen. Einer Harpyie gleich, so strich er durch die Straßen, und alle, selbst die früheren Bekannten, die ihn von weitem kommen sahen, verzogen sich in eine Nebengasse, um der Begegnung zu entfliehen. Sie fanden, daß man sich dadurch den ganzen Tag vergiften könne.

Zum Glück für diese Welt und für die Kunst verzehrte ihn das angespannte, von entsetzlicher Gewalt regierte Leben schon in kurzer Frist: das Maß der Leidenschaften war zu ungeheuer, zu kolossal für seine schwache Kraft. Die Anfälle von Raserei und Tobsucht häuften sich, und schließlich fiel er in das fürchterlichste Siechtum. Das Fieber einer Schwindsucht, die den jähesten Verlauf nahm, packte ihn so heftig, daß nach drei Tagen nur ein Schatten von ihm übrig war. Gleichzeitig brach ein Wahnsinn aus, der keine Hoffnung mehr auf Heilung bot. Zuzeiten konnten ihn drei Leute kaum noch bändigen. Die längst vergessenen lebendigen Augen des seltsamen Porträts erschienen körperhaft vor ihm – dann wurde seine Raserei entsetzlich. Die Leute, die an seinem Lager standen, sah er alle als schreckliche Porträts. Und das Porträt schien ihm sich zu verdoppeln, zu vervierfachen. Die Wände waren mit Porträts behängt, die reglos den lebendigen Blick in seine Seele bohrten; unheimliche Porträts bedrohten ihn mit ihren Augen von der Decke wie vom Boden; das Zimmer dehnte sich unendlich in die Länge und die Breite, damit nur immer mehr von diesen regungslosen Augen Platz darin fänden. Der Doktor, welcher die Behandlung übernommen hatte und dem schon mancherlei von Tschartkows seltsamer Geschichte zu Gehör gekommen war, gab sich nach Kräften Mühe, um die heimliche Beziehung zwischen den Visionen des Patienten und dem, was er erlebt hatte, herauszufinden; doch das gelang ihm nicht. Der Kranke nahm nichts wahr und fühlte nichts als seine Qualen; er stieß nur fürchterliche Schmerzensschreie und sinnlos wirre Reden aus. Und endlich brach sein Lebensfaden ab, in einem letzten Anfall seiner Krankheit, bei dem er nicht einmal mehr schreien konnte. Sein Leichnam sah entsetzlich aus. Von seinem riesigen Vermögen fand sich nach seinem Tode nicht ein Groschen vor; doch als man die zerschnittenen Fetzen der hohen Kunstwerke entdeckte, die Millionen wert gewesen waren, da erkannte man, welch einem grauenhaften Wahn er seine Reichtümer geopfert hatte.

 

Zweiter Teil

Eine Unmenge Wagen, Droschken und Kaleschen standen vor der Anfahrt eines Hauses, in dem die Sammlungen eines der reichen Kunstfreunde von ehemals versteigert wurden, welche ihr Leben nur im Umgang mit Halbgöttern und Kupidos sanft verträumten, dabei unschuldigerweise in den Ruf von Kunstmäzenen kamen und auf die Art ganz harmlos die Millionen verpulverten, die ihre tüchtigen Väter angesammelt hatten, oder vielleicht sogar sie selbst in früheren Arbeitsjahren. Derartige Mäzene gibt es heute bekanntlich überhaupt nicht mehr, und unser neunzehntes Jahrhundert zeigt längst die langweilige Miene eines Bankdirektors, der seine Reichtümer nur in Gestalt von Zahlen zu genießen weiß, die rund und sauber auf Papier geschrieben stehen. Den großen Saal erfüllte ein sehr buntes Publikum, das sich versammelt hatte, wie eine Schar von Raubvögeln auf einen Leichnam niederstürzt. Da gab es eine ganze Division russischer Althändler aus dem Basar und selbst vom Trödelmarkt, in blauen deutschen Röcken. Ihr Auftreten und ihre Mienen hatten an dieser Stelle viel mehr Sicherheit und Freiheit als gewöhnlich, sie zeigten nicht die widrige Servilität, die unsre Kaufleute für unumgänglich halten, wenn sie in ihren Läden vor der Kundschaft stehen. Hier gaben sie sich äußerst ungezwungen, obgleich sich in dem Saal gar viele von den Adligen befanden, vor denen sie an andern Orten gern so tiefe Bücklinge vollführen, als ob sie ihnen mit dem Kopf den Staub von den Lackstiefeln wischen wollten. Hier gaben sie sich völlig ungeniert, betasteten mit ihren Fingern zwanglos all die Bücher und Gemälde, um so die Qualität der Ware zu ergründen, und überboten keck die Preise, die Kunstkenner aus gräflicher Familie anzulegen dachten. Hier gab es viele von den unvermeidlichen Habitués, die täglich eine Auktion besuchen, wie andre Leute sich zum Frühstück setzen; hier gab es auch adlige Sammler, die nie eine Gelegenheit zu Neuerwerbungen für ihre Galerie versäumen wollen und ohne die Auktionen auch durchaus nicht wüßten, was sie in der Stunde zwischen zwölf und eins denn sonst beginnen sollten; hier gab es schließlich jene wackern Herren mit äußerst kümmerlicher Kleidung und äußerst kümmerlich gespicktem Beutel, die täglich ohne jeden eigensüchtigen Zweck bei irgendeiner Auktion erscheinen, um zu sehen, »was sich tut«, wer viel anlegen will, wer wenig, und wer den andern überbietet und auf die Art das und jenes an sich bringt. Die vielen Bilder standen ohne jede vernünftige Anordnung durcheinander, und zwischen ihnen Mobiliar sowie auch Bücher mit dem Monogramm des früheren Besitzers, den doch vielleicht nie eine edle Neugier angetrieben hatte, die schönen Werke einmal aufzuschlagen. Chinesische Gefäße, marmorne Tischplatten, alte und neue Möbel mit geschwungenen Linien, mit Greifen, Sphinxen, Löwentatzen, goldbronzene und andere Kronleuchter und Lampetten – das alles stand umher und präsentierte sich bei weitem nicht so fein und ordentlich wie in den großen Magazinen. Das Ganze wirkte gleichsam als ein künstlerisches Chaos. Es ist ja sowieso ein peinliches Gefühl, das uns beim Anblick einer solchen Auktion beschleicht: es riecht gleichsam nach Beerdigung. Ein Saal, wo solch eine Versteigerung vor sich geht, hat immer etwas Düsteres; die Fenster, halbverstellt von Möbeln und Gemälden, spenden nur spärlich Licht; das Schweigen, das auf allen Mienen brütet, und die Grabesstimme des Auktionators, der mit seinem Hammer auf den Tisch pocht und den bedauernswürdigen, in dieser Umgebung seltsam fehl am Ort erscheinenden Kunstwerken monoton die Totenmesse leiert, das alles stärkt das sonderbare Unbehagen noch, das einen dabei überschleicht.

Schon war die Auktion in vollem Gang. Ein Haufe gutgekleideter Besucher drängte sich vor den Tisch und bot mit großem Eifer um die Wette. Von allen Seiten klang es: »Rubel, Rubel, Rubel«, so daß der Auktionator gar nicht dazu kam, all die Gebote auszurufen, die seinen Aufwurfspreis bereits vervierfacht hatten. Die ganze Schar bot leidenschaftlich auf ein Porträt, das jeden fesseln mußte, der überhaupt etwas von Malerei verstand. Die hohe Kunst des Malers ließ sich nicht verkennen. Das Bild war offenbar schon oftmals renoviert und aufgefrischt. Es stellte einen Asiaten mit finsterem Gesicht, in weitem, wallendem Gewande dar. Seltsam und ungewöhnlich war der Ausdruck seiner Züge; am meisten aber staunte jeder über die unwahrscheinliche Lebendigkeit der Augen. Je länger einer sie betrachtete, je schärfer bohrte sich ihm dieser sonderbare Blick ins Innere. Der Maler hatte da etwas ganz Eigentümliches erreicht, das jedermann frappieren mußte. Schon waren viele von dem Bieten abgestanden, weil ihrer Ansicht nach der Preis zu sehr in das Phantastische getrieben wurde. Zum Schlusse boten nur noch zwei bekannte Kunstfreunde aus hohen Adelskreisen weiter, die beide nicht um alles in der Welt auf dieses Werk verzichten wollten. Sie kamen immer mehr in Glut und waren drauf und dran, den Preis bis ins Unmögliche zu treiben, als plötzlich einer von den Zuschauern das Wort nahm und mit lauter Stimme sagte: »Ach, darf ich Ihren Kampf nicht für ein Weilchen unterbrechen? Vielleicht hab ich ein stärkeres Anrecht auf dies Bild als irgend jemand sonst.«

Die Worte lenkten aller Augen auf den Sprecher. Er war ein schlanker Mann, so um die Dreißig, dem das schwarze Haar in langen Locken auf die Schultern wallte. Aus dem sympathischen Gesicht sprach eine helle Sorglosigkeit, die ein Gemüt verkündete, dem alle Pein und Unrast des Gesellschaftslebens fremd geblieben war; die Kleidung zeigte nichts von modischen Gelüsten – man sah ihm auf den ersten Blick den Künstler an. Und es war in der Tat der Maler B., den viele aus dem Kreis persönlich kannten.

»Mag sein, daß meine Worte Ihnen sonderbar erscheinen«, fuhr er fort, als er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, »doch wenn Sie mir gestatten, Ihnen jetzt in aller Kürze etwas zu erzählen, dann werden Sie meine Berechtigung zu diesen Worten gleich erkennen. Denn alles deutet darauf hin, daß dies Porträt das Bild ist, das ich suche.«

Ein sehr erklärliches Interesse zeigte sich in allen Mienen, und selbst der Auktionator sperrte seinen Mund auf und hörte, noch den Hammer in der hochgehobenen Hand, voller Spannung zu. Im Anfang der Erzählung suchten viele unwillkürlich mit den Augen das Porträt; je fesselnder dann die Geschichte wurde, um so fester hefteten sich aller Augen auf den jungen Maler.

»Sie kennen alle, denk ich mir, den Stadtteil, der Kolomna heißt«, begann er. »Er hat keine Ähnlichkeit mit andern Vierteln Petersburgs, er ist so wenig hauptstädtisch wie provinziell. Wer durch die Gassen von Kolomna geht, hat ein Gefühl, als ließen alle jugendlichen Wünsche und jede Schwungkraft ihn im Stich. Hier sucht kein Blick das Künftige, hier ist es still, hier setzt man sich zur Ruhe, hier liegt der Bodensatz des reichbewegten Hauptstadtlebens. Hier siedeln sich Beamte außer Diensten und ihre Witwen an und arme Teufel, die langwierige Prozesse vor dem Reichsgerichte schweben haben und auf die Art verurteilt sind, fast für ihr ganzes Leben hier zu hausen; hier wohnen Köchinnen, die wegen Alters ihren Dienst verlassen haben und nun vom Morgen bis zum Abend auf dem Markt umherspazieren, dort mit den Inhabern der kleinen Krämereien endlose müßige Gespräche führen und jeden Tag für fünf Kopeken Kaffee und dazu für vier Kopeken Zucker kaufen. Und schließlich lebt hier noch jene Sorte Menschen, die man mit einem Wort am treffendsten ›Staubfänger‹ nennen würde – Leute, die in der Kleidung und den Zügen, in den Haaren und den Augen etwas ganz eigen Muffiges, direkt Verstaubtes haben, gleich einem Tag, an dessen Himmel sich kein wilder Wolkenzug und keine Sonne blicken läßt, der sozusagen weder Fisch noch Fleisch ist, der sich in leichten Nebel hüllt und jedem Ding den scharfen Umriß nimmt. Zu dieser grauen Menschensorte zählen etwa pensionierte Logenschließer vom Theater, pensionierte Titularräte und pensionierte Militärs mit einem ausgestochenen Auge und schauderhaft verschwollenen Lippen. Die Leute dieser Gegend haben nicht die Spur von Leidenschaftlichkeit: sie gehen durch die Straßen, ohne was zu sehen, und sie schweigen meistens, ohne was dabei zu denken. In ihren Zimmern gibt es nicht sehr viel Komfort, das einzige von dieser Art ist oftmals eine Pinte echtrussischen Kartoffelschnapses, dran sie den ganzen Tag stumpfsinnig nippen, ohne daß es ihnen jemals richtig wirbelig im Kopfe würde, wie es etwa dem jungen deutschen Handwerksmann geschieht, diesem Draufgänger aus der Meschtschanskaja, wenn er nach gutem altem Brauch am heiligen Sonntag sich die Nase ordentlich begießt, so daß er, wenn die Mitternacht vorüber ist, für sich allein die volle Breite des Trottoirs beansprucht.

Das Leben in Kolomna hat etwas erstaunlich Weltverlassenes. Man sieht kaum eine Kutsche, höchstens die, in der die Schauspieler nach Hause fahren und die mit ihrem Dröhnen, Rasseln und Geklirr allein die allgemeine Stille stört. Sonst geht hier jedermann zu Fuß; sieht man mal eine Droschke, so bewegt sie sich im Schritt, hat keinen Fahrgast und fährt statt dessen wohl ein Bündel Heu für ihr langhaariges Pferdchen heim. Ein Zimmer kann man hier für monatlich fünf Rubel haben, wobei der Morgenkaffee eingeschlossen ist. Witwen, die eine kleinere Pension beziehen, bilden die adlige Oberschicht in diesem Viertel; sie führen einen tugendhaften Wandel, fegen ihre Stuben säuberlich und klagen mit den Freundinnen darüber, wie teuer neuerdings das Rindfleisch und der Weißkohl werden. Sie haben häufig eine jugendliche Tochter, die für gewöhnlich schweigsam und zuweilen hübsch von Antlitz ist, desgleichen einen weniger hübschen kleinen Hund und eine Wanduhr, deren Pendel melancholisch tickt. Die nächste Klasse bilden Schauspieler, die eine kleine Gage haben und aus dem Grund nicht gut in andre Viertel ziehen können. Sie lieben einen freien Ton und frönen dem Genuß, wie Künstler es nun einmal in der Übung haben. Sie sitzen immerfort im Schlafrock da und reparieren eine Pistole oder pappen aus Karton nützliche Dinge für den Hausgebrauch zusammen. Kommt ein Kollege zu Besuch, dann spielen sie mit ihm ein wenig Karten oder Schach. So geht die Zeit bis Mittag hin. Und abends tun sie ungefähr das gleiche, nur daß dann etwa ein Glas Punsch dazu getrunken wird. Auf diese Creme und diese Trümpfe von Kolomna folgt dann sofort das kümmerlichste Pack, ganz kleine Leute. Sie näher zu kennzeichnen, ist so schwer, als wollte einer die Mikroben zählen, die abgestandener Essig aus sich selbst erzeugt. Da gibt es alte Betschwestern, da gibt es alte Säuferinnen, da gibt es alte Weibsbilder, die Frömmigkeit und Suff zu schöner Harmonie vereinen, da gibt es alte Weibsbilder, die ihren Unterhalt auf rätselhafte Art erwerben: sie schleppen, schwerbepackt wie Ameisen, schmierige Lumpenbündel von der Kalinkinbrücke nach dem Trödelmarkt, um sie dort für drei Fünfer zu verschachern; kurzum, hier haust der ärmste Menschenabhub, und kein Sozialreformer mit dem reinsten Willen vermöchte dieses Volkes Lage zu verbessern.

Ich sprach von diesen Leuten nur, um Ihnen klarzumachen, daß solche Kreise oft gezwungen sind, sich ihre Rettung für den Augenblick in einem schnell entschlossenen Pump zu suchen, und deshalb siedeln sich in ihrer Mitte gerne Wucherer von einer ganz speziellen Gattung an, die ihnen kleine Summen gegen Pfand und einen räuberischen Zinsfuß leihen. Solche kleinen Halsabschneider sind oft unbarmherziger als die großen, weil sie es mit der nackten Armut und mit lauter Bettlervolk zu schaffen haben, das seine Lumpen offen sehen läßt. Die Art von Leuten kriegt der große Wucherer, der Herrschaften bedient, die in Kaleschen bei ihm vorfahren, ja überhaupt nicht zu Gesicht. Und darum schwindet bei den Halsabschneidern solcher armen Viertel bald der letzte Rest von menschlichem Gefühl dahin. Nun, unter diesen Wucherern war einer . . . Doch es dürfte wohl am Platze sein, vorauszuschicken, daß die Sache, die ich erzählen will, sich im vergangenen Jahrhundert zugetragen hat, als unsere Monarchin Katharina, die zweite ihres Namens, noch regierte. Sie können sich wohl denken, daß Kolomna und das Leben dort sich in der Zwischenzeit ziemlich verändert haben. Also, unter diesen Wucherern war einer, der schon lange in dem Stadtteil hauste, ein Mensch von in jedweder Hinsicht sonderbarer Art Er trug ein weites asiatisches Gewand; die dunkle Farbe des Gesichts bewies, daß er aus einem Lande fern im Süden stammte; zu welchem Volk er eigentlich gehörte, ob er ein Inder, Perser oder Grieche war, das konnte niemand mit Gewißheit sagen. Sein hoher, beinah riesenhafter Wuchs, sein finsteres, hageres, ausgemergeltes Gesicht, die seltsam unheimliche Farbe seiner Haut, die großen Augen, die in einem sonderbaren Feuer brannten, von dichten Brauen dräuend überhangen – das alles unterschied ihn scharf und stark von allen diesen ›Staubfängern‹ der Vorstadt. Auch seine Wohnung glich den andern, kleinen, aus Holz gebauten Häusern von Kolomna nicht. Es war ein steinernes Gebäude von der Art, wie sie sich früher wohl die Genueser Kaufherren zu errichten pflegten. Es hatte regellos verteilte Fenster aller Größen, mit Eisenladen, die durch schwere Eisenriegel zu versichern waren. Was diesen Wucherer von andern seines Standes unterschied, war, daß er jedem, der sich an ihn wendete, jede gewünschte Summe schaffen konnte – mochte es nun ein altes Bettelweiblein sein oder ein leichtsinniger Kavalier vom Hofe. Vor seiner Türe hielten häufig elegante Kutschen, aus deren Fenstern Köpfe feingeputzter Modedamen schauten. Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute wissen wollten, in seinen Eisentruhen lägen ungeheure Summen und dazu wahre Schätze an Brillanten und sonstigen wertvollen Pfändern aller Art. Hingegen wäre er durchaus nicht von der Habsucht und dem Geiz besessen, wie man sie allgemein bei Wucherern zu finden pflege. Er gebe seine Darlehen sehr willig her und setze auch die Zahlungsfristen scheinbar höchst entgegenkommend fest; jedoch verstünde er es, durch verzwickte Berechnungskniffe seinen Zinsfuß unermeßlich hoch zu treiben. So wurde wenigstens erzählt. Was nun das sonderbarste war und schließlich jeden stutzig machen mußte, war das seltsame Schicksal aller Menschen, die sich einmal Geld von ihm entliehen hatten: sie nahmen stets ein unglückliches Ende. Ob das nur eine Annahme der Leute, ein müßiges, abergläubisches Gerede war oder ein mit bewußtem Vorbedacht verbreitetes Gerücht, blieb unbekannt. Doch ein paar Fälle dieser Art, die sich in kurzem Zeitraum offenkundig vor den Augen aller Welt ereigneten, verfehlten ihren starken Eindruck auf die Menschen nicht.

In jenen Tagen lenkte ein junger Mann aus einem unserer vornehmsten Geschlechter früh die Augen der Gesellschaft auf sich, er diente schon in jugendlichem Alter dem Staat mit Auszeichnung, er war ein glühender Verehrer alles Wahren, Guten, Schönen, ein eifervoller Förderer der hohen Werke, die Menschenkunst und Menschengeist erzeugen, man sah den kommenden Mäzen in ihm. Die Monarchin persönlich wurde aufmerksam auf ihn und zeichnete ihn gnädig aus, sie gab ihm einen hohen Posten, der seinen eigenen Wünschen voll entsprach. Der Posten schuf ihm die Gelegenheit, viel für die Wissenschaft zu tun und überhaupt in jeder Hinsicht segensreich zu wirken. Der junge Aristokrat zog einen Kreis von Künstlern, Dichtern und Gelehrten in sein Haus. Er ließ auf seine eigene Rechnung manch bedeutendes gelehrtes Werk erscheinen, bestellte bei den Malern viele Bilder und setzte Preise zur Ermunterung der Künstler aus. Das kostete ihn einen Haufen Geld, und so geriet er bald in Schwierigkeiten. Erfüllt von seinem edlen Drange, wollte er trotzdem der Förderung der Künste nicht entsagen; drum nahm er überall Darlehen auf und kam so schließlich zu dem bereits bekannten Wucherer. Doch seit er sich von ihm einen ansehnlichen Betrag geliehen hatte, war unser Mann in kurzer Frist wie umgewandelt: er wurde ein Bedrücker und Verfolger aller jungen, zukunftsreichen Geister und Talente. Er sah an jedem Werke plötzlich nur die schlechte Seite und suchte hinter jedem Worte einen schiefen Sinn. Zum Unglück kam es um die Zeit in Frankreich zur Revolution. Das diente ihm als Vorwand für die häßlichsten Verfolgungen. Er sah in allem gleich aufrührerische Absichten und meinte, überall geheime Anschläge zu wittern. Sein Mißtrauen erreichte einen Grad, daß er zum Schluß kaum noch sich selber traute. Er denunzierte viele Leute rücksichtslos und ungerechterweise und stürzte eine Menge Menschen ins Verderben. Natürlich konnte es nicht ausbleiben, daß das Gerücht von seinen Taten am Ende bis zum Throne drang. Die großherzige Monarchin entsetzte sich und gab ihre Gesinnung mit dem Edelmute kund, der der gekrönten Häupter höchste Zierde ist. Dem Wortlaut nach ist, was sie damals sagte, uns nicht überliefert worden, der tiefe Sinn jedoch von ihrer Rede hat sich in viele Herzen eingeprägt. Die Zarin bemerkte, es sei gar nicht die Art monarchischer Regierungen, hohe und edle geistige Bewegungen zu unterdrücken, die Schöpfungen der Wissenschaft, der Poesie und Kunst verächtlich zu behandeln oder zu verfolgen; im Gegenteil, gerade die Monarchen hätten dem allem immer ihren Schutz gewährt; die Shakespeare und Molière seien in ihrer wohlgesinnten Hut gar herrlich aufgeblüht, derweil ein Dante in der Republik, die seine Heimat war, nicht einen Winkel fand, in dem er sicher vor Verfolgung war; bedeutende Genies erblühten nur, wo starke Herrscher ihre Reiche voller Glanz und Glück regierten, nicht aber in den Zeiten der politischen Tumulte und des Terrors machtbegieriger Republikaner. Nie könnten solche Zeiten einen großen Dichter zeugen. Die Pflicht des Herrschers sei es, große Dichter und geniale Künstler hoch zu ehren, weil sie nur Frieden und erhabene Stille in die Seelen gössen, nicht aber Unzufriedenheit und Aufruhr. Die Künstler, Dichter und Gelehrten seien die Brillanten und die Perlen in der Kaiserkrone: sie zierten die Epoche eines ruhmeswürdigen Herrschers und liehen ihr den schönsten Glanz. – Die Zarin war, als sie diese Worte sagte, göttlich schön. Die alten Leute, die mir späterhin davon erzählten, bekamen noch bei der Erinnerung daran die hellen Tränen in die Augen. – Die Sache selbst erregte allgemeine Anteilnahme. Zur Ehre unsres Volkes darf man mit gerechtem Stolze sagen, daß das Gemüt des Russen immer von dem edeln Drang geleitet wird, für alle Unterdrückten und Verfolgten einzutreten. Jener Magnat, der das in ihn gesetzte Vertrauen so getäuscht hatte, ward streng bestraft und seiner Stellung kurzerhand enthoben. Doch eine noch viel furchtbarere Strafe war für ihn, was ihm von den Gesichtern seiner Landsleute entgegensah: die tiefste und einhelligste Verachtung. Kaum zu beschreiben sind die Leiden seiner eitlen Seele: gekränkter Stolz, enttäuschter Ehrgeiz, fehlgeschlagene Hoffnungen – das alles einte sich, furchtbarer Wahnsinn packte ihn, Anfälle wilder Tobsucht machten seinem Leben bald ein Ende.

Ein zweiter Fall, der starken Eindruck machte, geschah desgleichen vor den Augen aller Welt. Zu jener Zeit war unsere Residenz am Newastrand gewiß nicht arm an schönen Frauen. Doch unter ihnen allen gab es eine, die unbestritten jede andere überstrahlte. Sie zeigte eine wunderbare Mischung von der Schönheit unseres Nordens mit der Schönheit südlicher Gefilde – ein Edelstein, wie man ihn hier auf Erden selten findet. Mein Vater hat mir selbst gesagt, daß er in seinem ganzen Leben niemals etwas Ähnliches gesehen hätte. Alles vereinte sich in ihr: Reichtum und Geist und jeder Vorzug einer edeln Seele. Bewerber gab es eine ganze Schar, und unter ihnen trat besonders der Fürst R. hervor, der vornehmste und beste von den jungen Leuten jener Tage, der schönste, ritterlichste, höchstgesinnte, ein Abgott aller Frauen, aller Dichter, ein Grandison im wahren Sinn des Wortes. Der Fürst war in die Schöne leidenschaftlich und besinnungslos verliebt, und seine Liebe wurde mit der gleichen Glut erwidert. Ihre Verwandtschaft aber deuchte die Partie zu ungleich. Denn die Stammgüter des Hauses gehörten dem Fürsten längst nicht mehr, seine Familie war in Ungnade gefallen, und über seine schlechte pekuniäre Lage wußte jedermann Bescheid. Da auf einmal verläßt der Fürst vorübergehend die Residenz, angeblich, weil er seine Verhältnisse ordnen will. Nach kurzer Zeit schon kehrt er wieder und umgibt sich mit höchstem Luxus und bis dahin unerhörtem Glanz. Die eleganten Bälle und Diners, die er veranstaltet, erregen selbst bei Hofe Sensation. Der Vater seiner Schönen wird ihm nun geneigt, und eine Heirat kommt zustande, die ein Ereignis für ganz Petersburg bedeutet . . . Woher auf einmal diese Wendung und der fabelhafte Reichtum unseres Fürsten kamen, vermochte mit Gewißheit niemand zu behaupten; vertraulich aber raunte man sich zu, er hätte einen heimlichen Vertrag mit jenem sonderbaren Wucherer geschlossen und sich ein Darlehn von ihm verschafft. Wie dem auch sei – die Hochzeit interessierte alle Welt, und jeder beneidete die Braut wie auch den Bräutigam. Wußten doch alle von der heißen, treuen Liebe zwischen ihnen und dem vielen Leid, das sie um ihrer Liebe willen hatten dulden müssen, auch kannten alle dieses Paares hohe Eigenschaften. Feurige Frauen malten sich im vorhinein das Paradiesesglück aus, das den beiden blühen würde. Doch es kam völlig anders. Schon nach einem kurzen Jahre zeigte sich der junge Mann auf fürchterliche Art verwandelt. Giftiger Argwohn, Eifersucht, Unduldsamkeit und ewige Launenhaftigkeit zerfraßen seinen sonst so edeln und schön menschlichen Charakter. Er wurde der Tyrann und Quälgeist seiner Frau und kam, was ganz gewiß niemand vorausgesehen hätte, so weit, daß er sie auf das grausamste behandelte, sie sogar schlug. Nach einem Jahre konnte keiner mehr in ihr die Frau erkennen, die noch vor kurzer Zeit als heller Stern geglänzt und Scharen von begeisterten Verehrern angezogen hatte. Und schließlich, da sie nicht die Kraft mehr fühlte, dieses fürchterliche Schicksal länger zu ertragen, ließ sie ein Wort von Scheidung fallen. Der Mann geriet bei dem Gedanken, daß er sie verlieren könnte, in wilde Raserei. Schäumend vor Wut drang er mit einem Messer in ihr Zimmer und hätte sie unfehlbar umgebracht, wenn es den Dienern nicht gelungen wäre, ihn zu ergreifen und zu bändigen. Im Übermaß tobsüchtiger Verzweiflung zückte er darauf das Messer gegen seine eigene Brust und endete sein Leben unter fürchterlichen Qualen.

Das waren zwei derartige Fälle, die sich im Angesicht der ganzen Welt ereignet hatten; doch außerdem erzählte man sich eine Menge ähnlicher Geschichten, die in den niedern Klassen der Bevölkerung spielten und jedesmal zu einem schlimmen Ende führten. Da war ein nüchterner und ehrenhafter Mann plötzlich zum Trunkenbold geworden; da hatte ein bis dahin unbescholtener Handelsdiener auf einmal seinen Prinzipal bestohlen; da hatte ein seit langen Jahren treu befundener Droschkenkutscher um eines Groschens willen seinen Fahrgast kaltgemacht. Es ist wohl zu verstehen, daß solche Ereignisse, die noch dazu vom Volksmund ins Phantastische gesteigert wurden, bei den kleinen Leuten von Kolomna unwillkürlich große Angst erregten. Und niemand zweifelte daran, daß dieser Wucherer im Einverständnis mit dem Bösen sei. Ihm wurde nachgesagt, er stelle denen, die sich Geld von ihm entlehnen wollten, haarsträubend grausige Bedingungen, die keines von den armen Opfern den Genossen seines Unglücks mitzuteilen wage; die Münzen, die aus dieses Mannes Händen kämen, wären höllischer Natur, gerieten ganz von selbst ins Glühen und trügen sonderbare Teufelszeichen. Jedenfalls wurde sehr viel ungereimtes Zeug von ihm erzählt. Erstaunlich war, daß all die kleinen Leute von Kolomna, all diese alten Bettelweiber, schäbigen Beamten und schlechtgenährten Künstler, kurz, der ganze Menschheitsabhub, den wir ja schon kennen – daß alle diese Leute lieber die schwerste Not und selbst das Äußerste erduldeten, als daß sie sich an den verrufenen Wucherer um Hilfe wendeten. Man hat so manche alte Frau verhungert aufgefunden, weil es sie leichter deuchte, ihren Leib zu töten als die Seele zu verderben. Wer diesen Menschen auf der Straße traf, ward, ob er wollte oder nicht, von Angst gepackt. Jeder wich ihm besorgt in großem Bogen aus und starrte ihm dann wie gebannt so lange nach, bis seine riesige Gestalt entschwunden war. Sein Äußeres schon hatte etwas so Seltsames, daß man ihn unwillkürlich als Wesen von ganz andrer Art, als sonst die Menschen sind, betrachtete. Die scharfen Züge mit so tiefen Furchen, wie man sie kaum jemals in einem Menschenantlitz findet, die Haut mit ihrem heißen Bronzeton, die ungeheuer dichten Brauen, die scharfen Augen, deren Blick man schwer ertragen konnte, ja selbst der breite Faltenwurf des asiatischen Gewandes – das alles sprach davon, daß vor den Leidenschaften, die in diesem Leibe rasten, die Leidenschaften andrer Leute nichts als blasse Schemen waren. Mein Vater stand versteinert da, wenn er ihm je begegnete, und jedesmal entrangen sich ihm dann die Worte: ›Das ist der Teufel, der leibhaftige Teufel!‹ – Aber ich möchte Ihnen erst ein Wort von meinem Vater sagen, weil er, von allem andern abgesehn, die eigentliche Hauptperson meiner Geschichte ist.

Mein Vater war in mehr als einer Hinsicht ein interessanter Mensch. Er war ein Künstler, wie es wenige gibt, eins jener Wunder, wie sie aus seinem unberührten Schoß nur unser Rußland zeugt, als Künstler ein vollkommener Autodidakt, der aus der Tiefe seines eigenen Empfindens ohne Lehrer und ohne Unterricht die Regeln und Gesetze seiner Kunst erschuf, der nur vom Durst, sich selber zu vollenden, angetrieben wurde und, ohne daß er sich vielleicht der Gründe klar bewußt war, geradeaus und unbeirrt den Weg verfolgte, den ihm die eigene Seele wies, eins jener Wunder an Urwüchsigkeit, von denen ihre Zeitgenossen oft verächtlich als von ›Dilettanten‹ sprechen und die sich doch durch keinen Tadel und durch kein Mißlingen müde machen lassen, sondern aus all dem neue Kraft und neuen Eifer schöpfen und dabei innerlich bereits weit über jene Schöpfungen hinaus sind, um derentwillen man sie Dilettanten nannte. Mit hohem, seelischem Instinkt verspürte er das Walten der Idee in jedem Ding und wurde dadurch ein Historienmaler, der diesen Namen auch im wahren Sinn verdiente; denn seine Werke hatten das, wodurch ein schlichter Kopf, ein einfaches Porträt von Raffael, von Lionardo, Tizian und Correggio sich zur Historienmalerei erheben, derweil so manche riesige gemalte Haupt- und Staatsaktion als Genrebild bezeichnet werden muß, trotz aller Prätentionen ihres Schöpfers auf den Titel des Historienmalers. Und sein inneres Gefühl und seine Überzeugung führten meinen Vater zur religiösen Malerei, der höchsten Stufe aller hohen Kunst. Er kannte weder Ehrgeiz noch Empfindlichkeit, von denen sich die meisten Künstler nur so schwer frei machen können. Er war ein eiserner Charakter, ein ehrlicher, gerader Mensch, der manchmal sogar grob erscheinen konnte, ein edler Kern mit etwas rauher Schale, von innerlichem Stolz erfüllt, in seinem Urteil über andre Leute voller Schärfe und doch zugleich von überlegener Nachsicht. ›Schert mich wenig, was die Leute finden!‹ pflegte er zu sagen. ›Ich schaffe ja doch nicht für sie. Ich male keine Bilder, die sie sich in ihre guten Stuben hängen könnten. Wer mich versteht, der wird mir danken, und wer mich nicht verstehen kann, der betet doch zu Gott vor meinen Bildern. Weltleuten darf man keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nichts von Malerei verstehn, dafür verstehn sie sich aufs Kartenspiel, auf einen guten Wein, auf Pferde. Was braucht denn so ein Herr noch mehr zu wissen! Und wenn je von diesen Leuten einer doch an dem und jenem schnuppert und sich auf das Klugschwätzen verlegt, da möchte man ja gleich verzweifeln! Jedem das Seine; Schuster, bleib bei deinem Leisten! Lieber ein Mensch, der ehrlich sagt, daß er von so was keinen Dunst hat, als ein Heuchler, der so tut, als ob er was von dem verstände, wovon er nichts versteht, und auf die Weise alles nur verpatzt und ruiniert.‹

Mein Vater schaffte um geringen Lohn, er ließ sich nur so viel bezahlen, daß er davon seine Familie unterhalten und sich das Material zur Weiterarbeit kaufen konnte. Nie aber schlug er einem andern seine Hilfe ab, niemals entzog er einem armen Künstler, der ihn brauchte, seine Hand. Und er besaß die schlichte, gottgefällige Gläubigkeit der Väter; vielleicht kam daher in die Köpfe, die er malte, jener hohe Ausdruck, den viele glänzendere Künstler nie erreichen. Schließlich erwarb er sich durch seine zielbewußte Arbeit und durch das unbeirrbar sichere Weiterschreiten auf dem einmal erwählten Weg sogar die Achtung jener Leute, die ihn im Anfang nur als Dilettanten und als ungelernten Stümper angesehen hatten. Man übertrug ihm viele Aufträge für Kirchenbilder, und seine Arbeit riß nicht ab. Einer von diesen Aufträgen beschäftigte ihn mächtig. Ich weiß nicht mehr, was eigentlich der Gegenstand des Bildes war, ich weiß nur noch, daß er auf ihm den Geist der Finsternis darstellen sollte. Sehr lange überlegte er, welche Gestalt er ihm am besten gäbe – in seinem Antlitz sollte alles Schlimme verkörpert sein, was diese Welt zum Tal der Leiden macht. Wenn er darüber grübelte, dann huschte ihm manchmal das Bild des rätselhaften Geldverleihers durch den Sinn, und der Gedanke drängte sich ihm auf: Das wäre so das richtige Modell für meinen Teufel! Stellen Sie sich sein Erstaunen vor, als es dann eines schönen Tages, da er in seiner Werkstatt stand und malte, auf einmal an die Türe klopfte und gleich darauf der unheimliche Geldverleiher eintrat. Ein Frösteln faßte wider Willen meinen Vater, ein Zittern rann ihm unwillkürlich durch die Glieder.

›Du bist doch Maler?‹ fragte ihn der Geldverleiher ohne weitere Einleitung.

›Jawohl‹, erwiderte mein Vater zweifelnd und war sehr gespannt, was weiter kommen würde.

›Schön. Dann male ein Porträt von mir! Ich fürchte, daß ich nicht mehr lange lebe, und Kinder hab ich nicht und möchte doch nach meinem Tode nicht ganz tot sein, sondern weiterleben. Kannst du mich wohl so abmalen, daß ich auf deinem Bild genauso bin wie jetzt im Leben?‹

Mein Vater dachte still bei sich: ›Kann es sich besser treffen? Er selber bietet sich mir an als Teufel für mein Bild.‹ Er sagte zu. Sie setzten gleich die Stunde und das Honorar fest, und am nächsten Tag schon ging mein Vater mit seinem Malgerät zu ihm. Die hohe Mauer um den Hof, die Wächterhunde, die Eisentore mit den schweren Riegeln, die Bogenfenster und die großen Truhen, mit fremdländischen Teppichen bedeckt, und nicht zum wenigsten der unheimliche Hausherr selbst, der, ohne sich zu rühren, vor ihm saß – all das berührte ihn ganz sonderbar. Die Fenster waren, scheinbar eigens für die Sitzung, in ihrem untern Teil so zugehängt, daß alles Licht nur durch die höchsten Scheiben fiel. ›Hol mich der Teufel; wie jetzt sein Gesicht famos beleuchtet ist!‹ so sprach mein Vater still für sich und machte sich mit einer wahren Gier ans Malen, damit er nur die glückliche Beleuchtung nicht verpasse. ›Nein, so etwas von Kraft!‹ fuhr er in seinem Innern fort. Bring ich ihn auch nur halbwegs so heraus, wie er da sitzt, dann schlägt er alle meine Heiligen und Engel tot – sie werden einfach blaß daneben. So etwas Teuflisches von Kraft! Er wird mir einfach aus der Leinwand springen, wenn ich die Natur auch nur von fern erreiche. Welch einzigartiges Gesicht!‹ so sprach er immerfort zu sich und malte mit zwiefachem Eifer weiter, als das Gesicht des Wucherers erst einmal flüchtig hingeworfen auf der Leinwand stand. Doch wie die Arbeit fortschritt, legte sich, er wußte selber nicht warum, mählich ein immer schwererer Druck auf seine Brust, und eine seltsame Erregung wuchs in ihm. Trotzdem gab er sich alle Mühe, selbst den kleinsten Zug, den Ausdruck jeder Falte genau und treulich festzuhalten. Vor allem aber plagte er sich mit der Ausführung der Augen. In diesen Augen lag ein solches Maß von Kraft, daß scheinbar keine Möglichkeit bestand, sie so zu malen, wie sie wirklich waren. Und dennoch setzte er sich vor, sie bis zum feinsten Striche und zur letzten Abschattung herauszubringen und ihr düsteres Geheimnis, koste es auch, was es wolle, zu ergründen . . . Wie er sich aber so in sie vertiefte und sie mit seiner Kunst zu fassen suchte, stand in ihm ein ganz sonderbarer Widerwille auf, erfaßte ihn solch eine nie gekannte Schlaffheit, daß er kraftlos den Pinsel sinken ließ und erst nach einer Weile weitermalen konnte. Am Ende wurde ihm das völlig unerträglich: er spürte, wie sich dieser Blick in seine Seele bohrte und ihn mit einer dumpfen Aufregung erfüllte. Am zweiten und am dritten Tag ward es noch schlimmer. Ein Grauen packte ihn. Er warf den Pinsel hin und sagte kurz, er könne an dem Bild nicht länger arbeiten. Da hätten Sie nun aber sehen sollen, wie dieses Wort den unheimlichen Wucherer völlig zu einem andern Menschen machte. Er stürzte auf die Knie nieder und flehte meinen Vater an, er möge das Porträt vollenden; sein Schicksal hänge davon ab, sein künftiges Dasein in der Welt; er hätte ja sein lebendes Gesicht schon auf der Leinwand angedeutet; wenn er es ganz so wiedergäbe, wie es sei, dann würde er kraft einer heimlichen Gewalt in diesem Bild am Leben bleiben, würde auch nach dem Tode nicht ganz tot sein; er dürfe nicht so völlig sterben, er müsse weiterwirken in der Welt. – Bei diesen Worten packte meinen Vater kaltes Grauen: sie deuchten ihn so sonderbar und lästerlich, daß er vor Schrecken Pinsel und Palette fallen ließ und schleunigst aus dem Zimmer flüchtete.

Doch die Erinnerung an das, was er erlebt, verfolgte ihn den ganzen Tag und auch die ganze Nacht. Am nächsten Morgen aber schickte ihm der Geldverleiher das Porträt durch eine Frau, die seine einzige Bedienung war, in seine Werkstatt und ließ ihm melden, daß er das Porträt nicht zu behalten wünsche, er bezahle ihm nicht einen roten Heiler und stelle es ihm wieder zur Verfügung. Am gleichen Abend noch erfuhr mein Vater, daß der Wucherer gestorben sei und daß ihm das Begräbnis nach den Bräuchen seiner Religion gerüstet werde. Das alles deuchte ihn höchst wundersam und rätselhaft. Und von der Zeit an zeigte sich in seinem Wesen eine erstaunliche Veränderung: er fühlte eine fieberhafte Unrast, für die er selber keinen Grund ausfindig machen konnte. Und bald darauf ließ er sich hinreißen, etwas zu tun, was niemand hinter ihm gesucht hätte. Gerade um die Zeit begann das Schaffen eines seiner Schüler zunächst bei einem engeren Kreis von Liebhabern und Kennern Aufsehen zu erregen. Mein Vater hatte diesen Schüler von jeher für ein Talent gehalten und ihm die wärmste Zuneigung geschenkt. Nun plötzlich wurde er von Neid auf ihn ergriffen. Er litt darunter, daß man soviel aus ihm machte und soviel von ihm sprach. Und da muß er nun, um seinen Ärger zu verstärken, auch noch hören, daß jenem jungen Mann ein großes Bild für eine neuerbaute reiche Kirche übertragen werden soll. Das brachte seine unterdrückte Wut zum Ausbruch. ›Nein, der Milchbart soll nicht triumphieren!‹ rief er. ›Du machst dich reichlich früh daran, verdiente Leute in den Dreck zu setzen, lieber Freund! Noch bin ich gut bei Kräften, Gott sei Dank! Wird sich ja zeigen, wer den andern in den Dreck setzt!‹ Und dieser sonst so ehrenhafte, makellose Mensch spann häßliche Intrigen und gemeine Ränke an, vor denen er sich sonst geekelt hätte. Er setzte damit glücklich durch, daß eine Konkurrenz für das Gemälde ausgeschrieben wurde, zu der auch andere Maler Bilder senden durften. Dann schloß er sich in seine Werkstatt ein und machte sich mit Leidenschaft ans Malen. Es war, als ob er alle seine Kraft, sein ganzes Ich in das Gemälde legen wolle. Und wirklich wurde es auch eins der besten unter seinen Werken. Niemand bezweifelte, daß er den Sieg erringen würde. Die Bilder wurden vor das Preisgericht gebracht, und zwischen seinem Werke und den andern klaffte ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Da plötzlich sagte einer von den Richtern – es war ein Geistlicher, wenn ich mich recht erinnere – ein Wort, das großen Eindruck auf die andern machte. ›Die Arbeit dieses Künstlers zeigt gewiß sehr viel Talent‹, erklärte er, ›nur fehlt die Heiligkeit in den Gesichtern; es liegt im Gegenteil etwas geradezu Dämonisches in ihren Augen, als hätte ein unsauberes Gefühl des Malers Hand geführt.‹ Nun schaute jeder auf das Bild, und keiner konnte leugnen, daß die Worte dieses Richters nur die reine Wahrheit sagten. Mein Vater drängte sich mit Ungestüm zu seinem Bilde durch, als wolle er sich von dem Werke selbst das kränkend harte Urteil widerlegen lassen. Jedoch er sah zu seinem Schrecken, daß er beinah allen den Gestalten auf dem Bild die Augen jenes Wucherers gegeben hatte. Sie schauten so dämonisch dräuend aus der Leinwand, daß ihn selbst ein Zittern überlief. – Und sein Gemälde wurde abgelehnt – er mußte, grenzenlos enttäuscht, zuhören, wie man seinem Schüler die Arbeit übertrug. Nicht zu beschreiben ist die Wut, die ihn erfaßte, als er nachher bei uns zu Hause war. Er hätte meine Mutter fast geschlagen, uns Kinder jagte er aus seinem Atelier, dann brach er seine Pinsel und sein Malgerät in Stücke, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, rief voller Ungeduld nach einem Messer und ließ ein Feuer im Kamine schüren, weil er das Bild zerschneiden und verbrennen wollte. Gerade als er drauf und dran war, das zu tun, trat einer seiner Freunde in das Zimmer, der gleichfalls Maler war und eine kreuzfidele Haut, zufrieden mit sich selbst, frei von ins Blaue schweifenden verstiegenen Wünschen, fröhlich bei jeder Arbeit, die ihm unterkam, noch fröhlicher bei Gastereien und Gelagen.

›Was machst du denn? Was willst du da ins Feuer werfen?‹ rief er und sah sich das Porträt genauer an. ›Ja, Himmel, das ist eins von deinen besten Bildern. Der Wucherer, der neulich starb, nicht wahr . . .? Das ist doch eine fabelhafte Sache. Du hast ihn nicht nur so getroffen, wie er sich räusperte und wie er spuckte, du hast ihn, was viel mehr bedeutet, so getroffen, wie er schaute. Mit der Lebendigkeit hat er ja nicht einmal im Leben dreingeschaut, wie er da aus dem Bild heraussieht.‹

›Will jetzt mal sehen, wie er aus dem Feuer schaut!‹ erwiderte mein Vater und hob das Bild, um es in den Kamin zu werfen.

›Halt, halt, um Gottes willen!‹ rief sein Freund und fiel ihm in den Arm. ›Da schenk es lieber mir, wenn du es schon durchaus nicht sehen magst.‹

Mein Vater widersetzte sich im Anfang, aber schließlich gab er nach. Voll Freude über das Geschenk, zog jener frohgemute Maler mit dem Bilde ab.

Kaum war er fort, da wurde mein Vater gleich viel ruhiger. Es war, als sei ihm mit dem Bild ein schwerer Felsen von der Brust gewälzt. Er staunte selber über seine Bosheit, seinen Neid und die merkwürdige Verwandlung seines Wesens. Da er sein häßliches Verhalten überdachte, ward er betrübt in seiner Seele und sprach zu sich: ›Nein, dies war eine Strafe Gottes; mein Bild hat mir mit Recht nur Schimpf gebracht. Ich habe es gemalt, um meinen Bruder zu verderben. Das teuflische Gefühl des Neides hat mir dabei die Hand geführt, drum mußte auch ein teuflisches Gefühl aus diesem Werke strahlen.‹

Gleich ging er hin und suchte seinen früheren Schüler auf, er schloß ihn herzlich in die Arme, bat ihn, er möge ihm verzeihen, und mühte sich aus aller Kraft, was er an ihm verschuldet, wiedergutzumachen. Die Arbeit ging ihm wieder ruhig von der Hand wie einst, doch zeigte sich auf seinem Antlitz häufiger als sonst ein ernstes Sinnen. Er betete jetzt öfter, wurde schweigsamer und sprach nicht mehr so schroff abfällig von den Leuten; die Rauheit seines Wesens wurde sanfter. Und bald darauf geschah etwas, was ihn noch mehr aufrüttelte. Er hatte schon seit langem den Kollegen nicht gesehen, der sich das seltsame Porträt von ihm erbeten hatte. Er war schon drauf und dran, ihn zu besuchen, als jener selber überraschend in sein Zimmer trat. Kaum daß sie ein paar Worte und Begrüßungen gewechselt hatten, fing der andre an: ›Du hast damals recht gut gewußt, mein lieber Freund, warum du dieses Bild ins Feuer werfen wolltest. Hol es der Teufel! Es hat was Gespenstisches . . . Ich glaube nicht an Hexerei, dahinter aber, sag du, was du willst, steckt eine Kraft, die nicht recht sauber ist . . .‹

›Wieso denn?‹ fragte ihn mein Vater.

›Na, so . . . Seit dieses Bild in meinem Zimmer hing, hab ich so einen schweren Drang gespürt . . . als ob ich irgendeinen morden müßte. Ich hab in meinem Leben nie gewußt, was es bedeutet, ohne Schlaf zu sein; jetzt kenn ich nicht nur dieses peinigende Warten auf den Schlaf – ich kenn auch Träume, Träume . . . Wenn ich selbst nur wüßte, ob das Träume waren oder aber . . . So, als ob ein schwerer Alp dich drückte . . . Und dabei geistert immerfort dieser verfluchte alte Kerl vor deinen Augen . . . Kurzum, ich kann dir meinen Zustand nicht beschreiben. Ich habe nie was Ähnliches erlebt. Ich lief all diese Tage wie nicht recht gescheit umher und hatte immer eine dunkle Angst, als müsse etwas Schlimmes sich ereignen. Ich war nicht fähig, sei's, zu wem es sei, ein fröhliches und offenes Wort zu sagen, mir war, als säße immerfort unsichtbar ein Spion an meiner Seite. Erst seit ich das Gemälde meinem Neffen schenkte, der mich inständig darum bat, war es, als ob mir eine Zentnerlast vom Rücken abgefallen sei: ich wurde wieder frisch und froh, wie du mich heute vor dir siehst. Nein, lieber Freund, da hast du einen richtigen Teufel in die Welt gesetzt!‹

Mein Vater hatte der Erzählung sehr gespannt und aufmerksam gelauscht. Nun fragte er: ›Dein Neffe hat jetzt das Porträt?‹

›I wo! Mein Neffe hielt es auch nicht aus!‹ erwiderte der muntre Maler. ›Die Sache ist doch die, daß, kurz und gut, der Geist des Wucherers in das Bild gefahren ist; er springt ja aus dem Rahmen heraus und geht im Zimmer auf und ab, und was mein Neffe sonst noch zu erzählen weiß, das kann ein einfacher Verstand gar nicht begreifen. Ich hätte ihn wahrscheinlich für verrückt gehalten, wenn nicht mir selbst ganz Ähnliches begegnet wäre. Er hat dann das Porträt an einen Bildersammler losgeschlagen. Der hielt es aber auch nicht aus und hat es wieder einem andern aufgehängt.‹

Diese Geschichte machte meinem Vater tiefen Eindruck. Er fiel in ernste Grübelei und Schwermut. Am Ende war er völlig überzeugt davon, sein Pinsel habe in der Tat als Werkzeug teuflischer Gewalt gedient, die Seele jenes Wucherers sei wirklich in das Bild gefahren und wirke dort verheerend fort, erwecke höllische Gelüste, verführe Künstler von dem rechten Wege in den Sumpf und martere das Menschenherz mit fürchterlichen Neidesqualen . . . – Als dann in kurzer Frist drei schwere Schläge meinen Vater trafen, als seine Frau, die einzige Tochter und ein kleiner Sohn schnell nacheinander plötzlich starben, erblickte er darin das göttliche Gericht und faßte den Entschluß, sich von der Welt zurückzuziehen. Ich hatte kaum mein neuntes Jahr vollendet, da tat er mich schon in die Schule der Kunstakademie. Er selbst bestellte dann sein Haus und zog sich in ein weltentlegenes Kloster zurück, wo er alsbald die Mönchsgelübde leistete. Die Strenge seines Wandels, die Unermüdlichkeit und Treue, mit denen er sich allen Klosterregeln unterwarf, erregten Staunen in der Bruderschaft. Der Abt, dem man berichtet hatte, daß er ein hochbegabter Maler sei, gab ihm Befehl, ein großes Altarbild zu schaffen für die Klosterkirche. Der demütige Frater aber sagte ernst und fest, er sei nicht würdig, dieses Bild zu malen, er habe seine Hand entweiht, er müsse erst mit heißestem Bemühen und unter schweren Opfern seine Seele läutern, auf daß er wieder wert befunden werde, solch ein Werk zu schaffen. Zwang wollte ihm der Abt nicht auferlegen. Und so verschärfte denn mein Vater für sich selber die Klosterregeln zu noch größerer Strenge. Doch schließlich deuchte ihn auch das zuwenig und nicht hart genug. Er bat den Abt um seinen Segen und zog fort in eine Einöde, wo er mit Gott und sich allein war. Dort baute er sich dann aus Zweigen eine Klause, nur rohe Wurzeln dienten ihm zur Nahrung, er schleppte schwere Felsblöcke von Ort zu Ort, er stand vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, die Arme himmelwärts gereckt, auf einem Fleck und betete ununterbrochen – kurzum, er nahm die härtesten Kasteiungen auf sich und zeigte eine Selbstentäußerung, wie man sie gleicherweise nur in den Legenden unserer Heiligen berichtet findet. So tötete er lange Zeit, durch viele Jahre seinen Körper ab und kräftigte ihn dabei wieder durch Lebensströme des Gebets. Und schließlich kam er eines Tages in das Kloster zurück und sprach mit fester Stimme zu dem Abt: ›Ich bin bereit; wenn Gott mir hilft, will ich das Werk vollenden.‹ Der Vorwurf, den er sich erwählte, war der Stall von Bethlehem. Ein ganzes Jahr saß er an diesem Bild, ging in der Zeit kein einziges Mal aus seiner Zelle, aß nichts als etwas rohe Kost und betete ohne Unterlaß. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und zeigte sich als wahres Wunder seiner Kunst. Wie man sich denken kann, verstanden die andern Mönche und der Abt nicht viel von Malerei, doch tiefen Eindruck machte auf sie alle die Heiligkeit der himmlischen Gestalten. Der Friede und die Liebesfülle im Angesicht der reinen Magd, die sich zum Gotteskinde niederneigte, der Blick des Kindes, tief und klug, als schauten seine Augen in der Ferne schon sein Ziel, das feierliche Schweigen der drei Könige, die, durch das Wunder überwältigt, vor dem Kinde knieten, und nicht zuletzt die unbeschreiblich heilige Stille, die auf dem Ganzen lag – das alles war von einer Harmonie und Macht und Schönheit, daß man wie verzaubert davorstand. Die Mönche beugten ihre Knie vor dem neuen Heiligenbild, und der ergriffene Abt sprach also: ›Wahrlich, nicht Menschenkunst allein kann solch ein Bild vollenden; die heilige Gewalt von oben führte deine Hand, des Himmels Segen hat auf deinem Werk geruht.‹

Um jene Zeit gerade verließ ich selbst die Kunstakademie, erhielt die goldene Medaille und damit die Anwartschaft auf eine Reise nach Italien – den schönsten Traum des zwanzigjährigen Malers. Doch vorher hieß es noch von meinem Vater Abschied nehmen, den ich schon seit zwölf Jahren nicht gesehen hatte. Ich muß gestehen, daß sogar sein Äußeres meinem Gedächtnis ganz entschwunden war. Ich hatte mancherlei von seiner harten Heiligkeit und seinem strengen Wandel reden hören und machte mich darauf gefaßt, dem rauhen Antlitz eines Eremiten zu begegnen, dem alles auf der Erde fremd geworden wäre außer seiner Klause und seinem unermüdlichen Gebet, der abgemagert und vertrocknet wäre von dem Fasten und Kasteien. Wie staunte ich, als mir ein wunderbarer, fast göttlich schöner greiser Mönch entgegentrat! Nicht eine Spur von Abgezehrtheit zeigte sein Gesicht, es strahlte hell in Himmelsheiterkeit. Ein schneeig weißer Bart und dünne, luftig leichte Locken von der gleichen Silberfarbe wallten auf die schwarze Kutte nieder bis zu dem Strick, mit dem sein dürftiges Mönchsgewand gegürtet war. Doch mehr als alles andre überraschten mich seine schönen Worte und Gedanken über meine Kunst. Sie werden immerdar in meiner Seele weiterklingen; o trüge jeder Künstler sie ins Herz geprägt.

›Ich habe dich erwartet, lieber Sohn‹, so sprach er, als ich ihn um den Vatersegen bat. ›Jetzt liegt der Weg vor dir, auf dem dein Leben wandeln soll. Dein Weg ist rein – laß dich nicht in die Irre leiten! Du hast Talent: Talent ist Gottes kostbarstes Geschenk – verdirb es nicht! Erforsche und erkunde alles, was du siehst, und mach es deinem Pinsel untertan! Doch suche überall die innere Idee und mühe dich, als erstes dieses herrliche Geheimnis in jedem Ding, das Gott geschaffen hat, ans Licht zu heben! Gesegnet ist der Bildner, der das kann. Für ihn gibt es nichts Niedriges in der Natur. Der schöpferische Künstler zeigt uns das Geringe mit derselben Größe wie das Große, und was die Welt verachtet, scheint bei ihm nicht mehr verächtlich, weil unsichtbar des Künstlers Seelenschönheit es durchleuchtet, und das Verachtete gewinnt Erhabenheit, weil es im Fegefeuer seines Herzens reingeglüht ist . . . Ein Strahl von Gottes Himmelsparadies glänzt für die Erdenkinder aus der Kunst, und darum ganz allein schon steht sie über allem andern. Wie feierliche Ruhe hundertfältig höher ist als jede Unrast dieser Welt, wie Schaffen hundertfältig höher ist als sinnloses Vernichten, wie Gottes Engel durch die reine Unschuld ihrer lichten Seelen unendlich höher sind als alle unermessene Kraft und alle stolze Leidenschaft des Satans, so ist ein edles Kunstwerk hundertfältig höher als alles andre in der Welt. Drum bringe du der Kunst dein ganzes Ich zum Opfer und liebe sie mit deiner ganzen Leidenschaft – nicht mit der Leidenschaft, die lechzt vor irdischem Verlangen, nein, mit der stillen, reinen Himmelsleidenschaft. Denn nur kraft ihrer hat der Mensch Gewalt, sich von der Erde zu erheben, und nur kraft ihrer zieht mit wunderbarem Klingen die Ruhe in ihn ein. Um Frieden und Besänftigung in die Welt zu bringen, steigt ein erhabenes Kunstwerk auf die Erde nieder. Es kann die Seele nicht zum Murren reizen, es löst ein klingendes Gebet zu Gott in ihren Tiefen. Doch gibt es Augenblicke, dunkle Augenblicke . . .‹

Mein Vater fiel in Schweigen, und ich sah sein lichtes Antlitz plötzlich finster werden, als husche eine flüchtige Wolke darüber hin.

›Einmal hab ich etwas erlebt . . .‹, begann er wieder. ›Und ich kann bis heute nicht begreifen, wer jenes sonderbare Wesen war, von dem ich dazumal ein Bildnis malte. Es muß in Wahrheit eine Ausgeburt des Satans gewesen sein. Ich weiß wohl, daß die Welt die Existenz des Teufels leugnet, und will darum nicht weiter von ihm reden. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann mit Widerwillen malte und dabei auch nicht den Schatten einer Liebe für mein eigenes Schaffen in mir spürte. Ich zwang mich mit Gewalt dazu und ahmte, allen innern Widerspruch betäubend, in seelenloser Stumpfheit die Natur getreulich nach. So wurde dieses Bild kein Kunstwerk, und aus dem Grund sind die Gefühle, die es im Beschauer weckt, chaotisch und erregt, nicht die Gefühle eines Künstlers; denn einem Künstler bleibt, selbst wenn er wilde Leidenschaft gestaltet, seine hohe Ruhe treu. Es wurde mir erzählt, daß dies Porträt von einer Hand zur andern wandert und quälende Gedanken weckt, wohin es kommt: es zeugt im Künstlerherzen Neid, finsteren Neid auf Brüder und Genossen, boshafte Lust, den Nächsten zu verfolgen und zu drücken. Mag der Allmächtige dich vor solcher Leidenschaft behüten! Es gibt nichts Schlimmeres als sie. Es ist dem Menschen besser, alle Bitternis hartherziger Bedrückung zu erdulden, als daß er selbst den kleinsten Druck auf seinen Bruder übe. Wahre die Reinheit deines Herzens! Wem ein Talent gegeben ist, der sollte reineren Herzens sein als alle anderen. Den anderen wird viel verziehen, was einem solchen nicht verziehen wird. Denn geht ein Mann in lichtem, hochzeitlichem Kleide aus dem Haus, so braucht ein Wagenrad nur einen kleinen Tropfen Kot auf sein Gewand zu werfen, und schon umringt ihn alles Volk und zeigt mit Fingern auf ihn hin und schilt ihn, weil er schmutzig ist. Dasselbe Volk jedoch sieht gar nichts von den vielen Flecken auf den Kleidern all der Leute, die ihren Weg im Werkeltagsgewande ziehen; denn auf dem Werkeltagsgewand merkt man die Flecken nicht.‹

Mein Vater gab mir seinen Segen und umarmte mich. Niemals in meinem Leben wieder wurde mir solch eine hohe Stunde der Ergriffenheit beschert. Ehrfürchtig und voll eines tieferen Gefühls als Sohnesliebe sank ich an seine Brust und drückte einen Kuß auf seine langen silberweißen Locken. In seinen Augen blitzte eine Träne auf.

›Mein Sohn, um eines noch will ich dich bitten!‹ sagte er, als wir nach einer Weile Abschied nahmen. ›Wenn es geschieht, daß du, wann es und wo es sei, das Bildnis siehst von dem ich dir gesprochen habe – erkennen wirst du es sogleich an seinen unerhört lebendigen und scharfen Augen –, dann vernichte dieses Bild um jeden Preis . . .!‹

Sie können sich wohl denken, daß ich fest versprach und es auf meinen Eid nahm, diese Bitte zu erfüllen. In fünfzehn langen Jahren hab ich nie ein Bild gefunden, das nur entfernt an die Beschreibung meines Vaters hätte mahnen können; doch heute, hier auf der Auktion . . .«

Der Maler führte seine Rede nicht zu Ende, er drehte seinen Kopf zur Wand hinüber, um das Porträt noch einmal zu betrachten. Und alle Augen folgten seinem Blick und suchten nach dem Bild. Doch Wunder über Wunder! Sahen sie denn recht? Es hing nicht mehr an seinem Platz! Undeutliches Gemurmel und Gewisper wogte durch den Saal, und dann erklang aus manchem Munde laut das Wort: »Gestohlen!« Der Täter hatte die Gelegenheit benutzt und seinen Raub in Sicherheit gebracht, während die Menge, von dem Bilde abgelenkt, gespannt auf die Erzählung lauschte. Noch lange stand der ganze Kreis in dumpfem Zweifelsbann. Wer konnte mit Gewißheit sagen, ob er das sonderbar lebendige Augenpaar in Wirklichkeit gesehen hätte oder ob es nichts weiter als ein Traum gewesen sei, eine aus Luft geborene und in Luft zergangene Täuschung seiner müden Augen, die von dem Betrachten all der alten Bilder übermüdet waren . . .?

 

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