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Ossip Schubin: Peterl - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePeterl
authorOssip Schubin
firstpub1900
year1900
publisherGebrüder Paetel Verlag
addressBerlin
titlePeterl
pages1-132
created20050212
sendergerd.bouillon
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Peterl.

Eine Hundegeschichte

von

Ossip Schubin

Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1900.


Meinen lieben Nichten

Annie und Liesl

                    in herzlicher Liebe

                                        gewidmet.

Bonrepos 1900.                            


Motto:
Plus je connais l'homme
Plus j'aime le chien!
Montaigne.

Warum liebte man ihn nicht mehr – warum liebte ihn gar Niemand – aber Niemand auf der weiten Welt mehr?

Er schüttelte seinen kleinen Kopf und die unverhältnißmäßig großen Ohren, die daran waren, nachdenklich. Immer und immer wieder drehte er die Frage in seinem Gehirn herum und konnte keine Antwort darauf finden.

Wenn er überhaupt nie geliebt worden wäre, so hätten ihn seine Entbehrungen nach der Richtung hin nicht viel beschäftigt; aber er war der verwöhnteste kleine Hund gewesen in ganz Böhmen – und darum konnte er sich in seinen verstoßenen Zustand nicht hinein finden.

Warum liebte man ihn nicht mehr? – Er war ein schmutziger, schlecht gehaltener, struppiger weißer Spitz und lag mißmuthig blinzelnd, an einen Pflock gebunden, vor einem verfallenen Hundehaus, neben ihm ein drahtumflochtenes Thonschüsselchen mit schmutzigem Wasser, rings um ihn herum ein Gemüsegarten, der sich zwischen zwei mit Brettern abgesteckten Bauplätzen in einer ärmlichen und übelriechenden Vorstadt ausdehnte.

Zwei Gärtnerburschen wanderten mit roth angestrichenen Gießkannen zwischen den Kohlrüben- und Gurkenbeeten herum, thaten, was sie konnten, um den Garten vor dem Verdursten zu bewahren, und brachten es nicht zu Stande. Ehe sie zu dem Bottich gelangten, aus dem sie die Kannen füllten, mußten sie an Peterl vorbei. Mißmuthig von der Hitze, versäumten sie es nie, ihm bei dieser Gelegenheit einen Fußtritt zu geben oder ihm mindestens ein Schimpfwort an den Kopf zu werfen.

Peterl seufzte, rasselte mit seiner Kette, vergrub den Kopf zwischen den Vorderpfoten – und dachte an alte Zeiten.

Das Erste, woran er sich erinnern konnte, war ein großer, ganz mit sauberem gelben Stroh gefüllter Verschlag (box nannten es die Menschen) in einem gemüthlichen Pferdestall, in den das Licht durch kleine, hoch in den Wänden angebrachte Fenster brach, so daß es den Pferden in weißen Streifen über Kopf und Rücken schwebte, ohne ihnen je in die Augen zu fallen. Zwei Paar Pferde standen in dem Stall, ein Paar große und ein Paar kleine. Die Box befand sich am äußersten Ende des Stalles, neben einem der großen Pferde. Alle Tage wurde das Stroh darin erneuert, und in dem Stroh spielte Peterl Verstecken mit seinen kleinen Geschwistern – zwei winzigen Hündchen, die so weiß und weich und zottig waren wie er selber. Manchmal spielte die Mama der Kleinen mit ihnen – die Vorderbeine ausgestreckt, den Kopf an der Erde, stand sie auf der Lauer, zum Sprung bereit, und ehe sich's einer versah, hatte sie sich auch schon auf ihn geworfen und rollte ihn mit ihren Tatzen hin und her wie einen Ball, während die anderen, vor Freude bellend, um sie herum rasten und einander aus einer Ecke des Verstecks in die andere jagten.

Die Mama war sehr schön – ein weißer Spitz war sie mit schwarzen Augen und einem schwarzen Näschen, mit kleinen, spitzigen rosigen Ohren und einem schlanken Körper, der ganz mit langen, dichten, weißen Haaren bedeckt war. Sie hatte keinen guten Charakter und war sehr naschhaft. Aber man ließ sie gewähren, weil sie eben schön war.

Anfangs wollte sie sich gar nicht von den Kleinen rühren, aber später wurde es ihr lästig, immer fort mit ihnen beisammen zu sein. Sie stellten auch zu große Anforderungen an sie und zerrten mit ihren spitzigen Zähnchen gar zu unbarmherzig an ihr herum.

Auf die Dauer war das nicht auszuhalten. So entfernte sie sich denn immer häufiger von ihnen und blieb auch immer länger weg – nur so manchmal, ganz unerwartet und plötzlich, kam sie noch über das Brett gesprungen, das vor die Oeffnung des Verschlags gestellt worden war, damit Peterl und seine Geschwister nicht davon laufen könnten – und da hüpften sie an ihr hinauf und wälzten sich mit ihr herum, daß sich die ganze Familie in dem gelben Stroh ausnahm wie ein riesiger weißer Knäuel. Und jeden Abend legte sie sich noch zu ihnen in die warme, mit Heu ausgepolsterte Kiste, die ihnen zur Lagerstätte diente. Dann duckten sie sich alle zusammen in sie hinein und schliefen wundervoll und träumten, daß der nächste Tag gerade so schön sein würde wie der jüngst vergangene.

Aber die Tage blieben nicht immer so schön – so ganz allmählich ging es den Hündchen schlechter.

Einmal verging ein ganzer Tag, ohne daß die Spitzmama kam. Und sie kam auch nicht am Abend – sie schlief nicht mehr bei ihnen.

Die Nacht war ihnen recht traurig zu Muthe, sie weinten bis in den Morgen hinein. Dann kam die dicke Kutschersfrau und brachte ihnen ihr Frühstück, Milch in einem hübschen weißen Napf. Erst wollten sie nicht fressen – dann tauchten sie ihre kleinen Mäuler vorerst neugierig in den Napf und zogen sie schnell wieder heraus, und dann schmeckte ihnen die Milch so gut, daß sie den ganzen Napf leer schlürften, und wie sie fertig waren, da fingen sie an, sich alle unter einander zu küssen, nur um sich den süßen Rahm von den Schnäuzchen herunter zu lecken, und das war wieder eine Freude!

Die dicke Kutschersfrau fütterte sie jetzt sehr oft im Tag – alle zwei Stunden – und dabei redete sie mit ihnen und streichelte und lobte sie und versicherte ihnen, daß sie die hübschesten Hunde seien in ganz Böhmen. Häufig stand nicht nur die Frau, sondern auch der Kutscher und der kleine, blau- und weißgestreifte Stallbub – vor dem Brett, hinter dem sich die zottigen weißen Knirpse in ihrem Verschlag tummelten, und bewunderten die schönen jungen Hunde.

Dann eines Tages kam ein Diener aus dem Schloß und meldete, daß die kleinen Herrschaften die jungen Hunde kennen zu lernen wünschten. Da wurden die drei Spitze noch ganz besonders gebürstet und gekämmt, dann wickelte sie der dicke Kutscher in seine Schürze und trug sie in das Schloß bis in den Flur, denn es regnete – da konnten sie unmöglich zu Fuß gehen.

Im Schloß waren zwei kleine Knaben, und die geriethen in das hellste Entzücken beim Anblick der jungen Hunde, und sie herzten und küßten sie und gaben ihnen Leckerbissen zum Fressen und lachten, wenn die kleinen, weißen Dinger sich auf dem Teppich überpurzelten – und wenn sie sich dann auf den Hintertheil setzten wie große, alte Hunde und gähnend ihre rosigen Mäuler aufrissen und mit ihren winzigen, kindischen Stimmen anfingen, zu kläffen und zu bellen, da freuten sich die jungen Herren noch mehr.

Außer den kleinen Jungen war noch eine alte Dame im Schloß, die Tante der Kleinen, welche die Aufsicht über sie zu führen hatte während der Abwesenheit des Papas. Der Papa befand sich nämlich gerade auf der Hochzeitsreise.

Er durchstreifte Italien mit seiner jungen Gattin, welche er genau drei Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau – der Mutter der beiden Jungen und eines kleinen Mädchens, das Peterl erst später kennen lernen sollte – geheirathet hatte.

Die Kinder kannten die Stiefmama noch nicht, aber sie haßten sie schon. Erstens war sie die Stiefmama, und zweitens war sie gelehrt. Die Köchin und die Kinderfrau hatten es den Jungen gesagt, daß sie gelehrt sei – und die mußten es wissen. Daß alle gelehrten Frauen unausstehlich sind, hatte ihnen einmal früher ihr Papa mitgetheilt – früher, viel früher, ehe er noch von der Existenz seiner jetzigen Frau eine Ahnung gehabt hatte. Jetzt dachte er wahrscheinlich anders, sonst wäre es unbegreiflich gewesen, daß er gerade diese Wahl getroffen. Denn seine Frau war wirklich ganz vollgepfropft voll Weisheit – oder vielmehr von Wissenschaft, was ja bekanntlich zweierlei ist. In Weisheit verwandelt sich die Wissenschaft nämlich erst, wenn sie gut verdaut ins Blut übergegangen ist.

Wie weit diese junge Gattin und Stiefmutter bereits auf dem Wege gekommen war, wo Wissenschaft Weisheit wird, soll hier noch nicht verrathen werden – vorläufig nur so viel: sie war wirklich gelehrt – sie kannte sich in der deutschen Philosophie aus wie ein Professor und hatte über Alles, wenn auch nicht ihre eigenen, doch die vornehmsten modernsten Ansichten Anderer. Mit der Religion war sie natürlich ganz und gar fertig, besonders mit dem Christenthum, nebstbei betrachtete sie auch Kant, Hegel und Schopenhauer als überwundene Standpunkte, und selbst in Nietzsche, für den sie, wie sie lächelnd einzugestehen pflegte, eine Schwäche besaß, sah sie nur eine Uebergangsstation, die an und für sich sehr interessant gelegen war, aber einstweilen noch nach keiner Richtung hin vernünftigen Anschluß hatte. Doch auch abgesehen von der Philosophie war ihre geistige Ausstattung imponirend. Sie hatte zwei Jahre lang in Zürich Medicin studirt.

Das war alles ganz und gar unerhört und gegen das Hergebrachte, und die beiden jungen Herren, ihre Stiefsöhne, grübelten jetzt schon darüber nach, was für Schabernack sie der neuen Frau ihres Vaters anthun wollten. Unter Anderem hatten sie sich's fest vorgenommen, daß sie ihr auf keinen Fall Mama sagen wollten, sondern immer nur gnädige Frau.

Die Gesellschaft der jungen Hunde stimmte sie so vergnügt, daß sie für eine halbe Stunde gänzlich der Stiefmutter vergaßen, und die Tante, welche, wie bereits erwähnt, interimistisch die Aussicht über sie führte, freute sich mit ihnen an den allerliebsten weißen Geschöpfchen. Erst als diese sehr deutliche Beweise von mangelhafter Salonfähigkeit zu geben anfingen, fand man es gerathen, sie nach Hause zu schicken. Dann wurden sie noch draußen von dem ganzen Dienstpersonal angestaunt und bewundert, so daß, als sie in den Stall zurückkehrten, sie sehr hochmüthig geworden waren, d. h. die beiden Geschwister Peterl's waren hochmüthig geworden – Peterl selbst machte sich aus der Bewunderung nicht so viel, dem hatte nur die Freundlichkeit wohlgethan. Er ließ sich lieber streicheln als bewundern. Manche Hunde sind so! Andere wieder lassen sich lieber bewundern als streicheln – und noch anderen ist das Liebste – ihr Fressen. Das sind die häufigsten.

Peterl war die Liebe das Nothwendigste, und darum blieb er auch den Stallleuten, die ihn aufgezogen hatten, am anhänglichsten.

Als er zu ihnen zurückkam, konnte er gar nicht aus noch ein vor Freude, wedelte sich fast sein damals noch sehr kurzes Schweifchen ab und bellte mit seinem jungen, schrillen Stimmchen von einem Athemzug zum andern. – Die Kutschersfrau begriff sofort, was er wollte, nämlich ihr erzählen, was er im Schloß alles erlebt. Sie klopfte ihm auf den Hals und versicherte ihn, daß er ein kluges Hündchen sei – und der Kutscher streichelte ihn auch, befaßte sich aber gleich darauf mit seiner höheren Ausbildung. Er lehrte ihn das Pfötchen geben, damit er sich das nächste Mal im Schloß auszeichnen könne.

Der kleine Stallbursch stand daneben und grinste andächtig, und die schwarze Katze, die auch zum Stall gehörte, sprang dem Pferde, dessen Stand an den Verschlag der Hündchen stieß, auf den Rücken, von wo aus sie zusah, wie Peterl seine ersten Lectionen nahm.

Die Katze hieß Diblik (was auf Böhmisch »Teufelchen« bedeutet), und während sie auf dem Pferde hockte, stand ihr der Schweif vom Rücken kerzengerade in die Höhe wie eine schmale, schwarze Feder, und sie machte ihrem unheimlichen Namen alle Ehre. Das Pferd hieß Lepidus. Es war auch schwarz, aber es hatte doch einen weißen Stern auf der Stirn und sah gutmüthig aus.

Die Katze war ganz schwarz, sie hatte keinen weißen Stern auf der Stirn und war auch nicht gutmüthig. Nicht nur, daß sie selber kein gutes Herz besaß, betrachtete sie noch alle Thiere, die eins hatten mit Geringschätzung. In ihren Augen war ein gutes Herz ein Beweis von Dummheit. Sie verachtete alle Hunde, weil sie ihrem Herrn anhänglich waren, weil sie folgten – und weil sie sich bemühten, etwas zu lernen.

Sie war Niemandem anhänglich – sie folgte nie – und sie nahm sich nicht die geringste Mühe, etwas zu lernen.

Peterl konnte indes nicht begreifen, was der dicke Kutscher von ihm wollte, während er da in dem sauberen Stroh vor ihm kniete, warum er ihn immer wieder beim Vorderpfötchen nahm und ihm hierauf wieder die Hand hinreichte. Er blickte mit seinen hübschen dunkelgrauen Hundeaugen aufmerksam in das breite, glatt rasirte Gesicht des Mannes, zog seine kleine, mit zarten weißen Härchen bedeckte Stirn zusammen vor Aufmerksamkeit und kraute sich mit seiner winzigen Hinterpfote nachdenklich hinter dem Ohr. – Aber er konnte nicht begreifen . . .

Da befahl der Kutscher dem Stallbuben, in den Verschlag zu springen und auf allen Vieren herum zu kriechen, dann hieß er ihn das Pfötchen geben, und schließlich lobte und streichelte er ihn dafür.

Nun hatte Peterl die Sache weg. Er lief auf den Kutscher zu und legte ihm die Pfote in die Hand – erst einmal, dann zwanzigmal – er war so stolz auf seine Kunstfertigkeit, daß er nicht aufhören wollte, sie zu produciren.

Und das ganze Stallpersonal schlug die Hände zusammen über seine Klugheit und rief einmal über das andere: »Der kann's – der kann's, unser Peterl ist ein Mordskerl!« Und Peterl wedelte mit dem Schweif und war selig.

Wir ersehen hieraus, daß er sich ebenso gern loben ließ wie seine Geschwister, nur in einer anderen Tonart. – Es gibt eine Art Lob, das auf das Gemüth wie Liebkosungen wirkt, und ein anderes, das nur eine Befriedigung der Eitelkeit ist.

Aus der zweiten Sorte machte sich Peterl nichts, für die erste hätte er sein Leben gelassen.

Wenn man ihn so lobte, wie ihn die armen Leute im Stall lobten, da war's ihm, als ob man seine kleine Seele gestreichelt hätte. Hunde haben nämlich auch eine Seele, wenn auch die Menschen zu hochmüthig sind, es zugeben zu wollen.

Er konnte gar nicht aufhören, sich schön thun zu lassen; er fand immer wieder eine beredtere Art, sein Wohlbehagen auszudrücken, und die Stallleute fanden immer neue Schattirungen von Anerkennung, bis die schwarze Katze, die nach wie vor beobachtend auf dem Rücken des schwarzen Pferdes saß, auf ihre vier Beine sprang und anfing, vor Aerger und Neid zu fauchen. Denn obwohl sie selber mit der Liebe der Menschen gar nichts anzufangen gewußt hätte, gönnte sie selbe doch keinem Anderen. – Da wurde der schwarze Lepidus unter ihr unruhig, sprang mit seinen Vorderbeinen in seinen marmornen Trog hinein, und der Kutscher mußte sich von Peterl trennen, um nach dem Rechten zu sehen.

Die beiden Geschwister Peterl's lagen indessen phlegmatisch in ihrer Kiste zusammengerollt, die der Stallbursche mit frischem, duftigem Heu ausgestattet hatte, und blinzelten nur manchmal überlegen nach dem betriebsamen Peterl hin, der nicht aufhören wollte, das Pfötchen zu geben.

Seit dem Besuch im Schloß war eine große Unruhe in die kleine Hundegesellschaft hinein gerathen. Sie fühlten sich in ihrem Behälter nicht mehr zufrieden und trommelten mit ihren Vorderpfoten gegen das Schutzbrett, was das Zeug hielt, den ganzen Tag bis sie müde waren. Und wenn die Thür in den Stall aufging, dann kläfften und quietschten sie jämmerlich.

Der Kutscher, der nun auch fand, daß seine zottigen, weißen Schützlinge etwas von der Welt kennen lernen sollten, und daß der Verschlag für die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeiten nachgerade zu eng geworden war, führte sie dann eines Tages heraus, ließ sie draußen herumtollen nach Herzenslust, und zwar auf den etwas verwilderten Rasenplätzen, welche sich von der Rückseite des Schlosses an bis zu dem Stall zogen.

Das war wunderschön! – Es regnete diesmal nicht wie am Tage ihrer Vorstellung im Schloß, aber kurz zuvor war ein Gewitterschauer über den Rasen niedergegangen, und an den hohen Halmen glänzten die Wassertropfen – sie glänzten auch in den Kelchen der gelben Butterblumen und weißen Maßliebchen, die noch über die Grashalme hinaus ragten, und über denen weiße und blaue Schmetterlinge hingaukelten.

Die kleinen Hunde hetzten einander, daß es eine Lust war. Hier war es noch viel schöner zu spielen als in dem Stall – und wenn sie es satt hatten, einander nachzulaufen, so liefen sie Schmetterlingen nach, und dann erblickte Peterl plötzlich die großen, weißen Blüthendolden in den Kastanienbäumen, bildete sich ein, daß es eine besondere Abart weißer Hunde sei, setzte sich auf sein kleines Hintertheil und bellte zu den Kastanienbäumen hinauf wie toll.

»Peterl, kusch dich, kusch dich, Peterl!« rief der Kutscher, aber Peterl war nicht zum Schweigen zu bringen, als er plötzlich ein feines, weiches Stimmchen hörte, das zweimal hinter einander »Peterl! . . . Peterl!« rief.

Er sah sich um, ob ihn die Schmetterlinge gerufen hätten oder die Blüthen. Wer sonst konnte denn ein so feines, weiches Stimmchen haben? . . . Da erblickte er . . . ein kleines, wunderhübsches Menschenkind. Es war, bis auf seine rothen Schuhe, ganz weiß gekleidet; auch sein Hut war weiß. Es war eigentlich gar kein Hut, nur eine weit vorspringende Batistkrause, die einen Schatten über die kleine, von hellbraunen Haaren umkräuselte Stirn und über die großen, schelmischen braunen Augen warf. – Unter den Augen hörte der Schatten auf. Das seine Stumpfnäschen, der rothe Mund und die Grübchen in den Wangen waren frei, so daß der Sonnenschein sie nach Herzenslust küssen konnte.

»Peterl, Peterl!« rief das kleine Mädchen noch einmal mit ihrem zarten, glockenreinen Stimmchen. Da hüpfte Peterl von dem Rasenplatz herunter auf den Kiesweg und trippelte auf die kleine Schönheit zu.

Er setzte sich vor sie hin und wollte ihr das Pfötchen geben. Sie neigte sich zu ihm nieder, schüttelte seine dargereichte Pfote und rief in einem fort: »Peterl! . . . Peterl!«

Sie selber hieß »Liesel« – das erfuhr Peterl durch die Domestiken, welche indessen Alle herbeigelaufen waren, um sich den neuen Freundschaftsbund anzusehen.

Peterl vernahm es mit großem Interesse, daß sie »Liesel« hieß – er versuchte auch sofort, den Namen auszusprechen, aber es kam nicht viel Gescheidtes dabei heraus. Die Deutlichkeit der Articulation hatte ihm die Natur versagt. Er konnte nur bellen, und das that er denn auch in den verschiedensten Tonarten inniger Hundezärtlichkeit, und dabei drehte er den Kopf nach allen Richtungen und leckte die winzigen rothen Schuhe des kleinen Fräuleins; schließlich, um sein untertäniges Entzücken ganz besonders deutlich kund zu geben, legte er sich auf den Rücken, gerade vor die Kleine hin, focht mit den Vorderbeinen in der Luft und knurrte beseligt.

Die Kleine war indessen auch ganz außer Rand und Band vor Freude; sie zappelte und hüpfte und tanzte und lachte und bückte sich schließlich zu dem Hunde nieder, nahm ihn in die Arme und küßte ihn und drückte ihn an sich, daß ihm darüber der Athem verging, und er fast gestorben wäre.

Es that dem Peterl weh, aber es war doch schön!

Die Kleine wollte ihn auch gar nicht mehr hergeben. Obgleich die Kinderfrau energisch erklärte, daß es für sie Zeit sei, ins Schloß zurückzukehren, um ihre Milch zu trinken, hielt sie ihn noch immer fest an sich gedrückt. Offenbar konnte sie nicht begreifen, warum der Peterl nicht mit ihr Milch trinken solle!

Schließlich mußten die Beiden mit Gewalt getrennt werden.

Während die Kinderfrau Liesel ins Schloß schleppte, trug der Kutscher seinen weißen Schützling in den Stall.

Am Abend bellte Peterl öfter aus dem Schlaf. Die Kutscherfrau behauptete, er träume zu lebhaft.

Er träumte von Liesel!

Sie waren gute Freunde, das Kind und der Hund.

Da die drei weißen Spitze wirklich schon viel zu groß waren, um in den Verschlag eingesperrt zu bleiben, so spielten sie den ganzen Tag draußen in dem Stallhof. Sehr oft kam Liesel mit ihrer Kinderfrau, die Hunde besuchen, aber sie kümmerte sich nicht um Peterl's Geschwister, nur den Peterl liebte sie – sie holte sich ihn jeden Tag ab zum Spaziergang.

Er war aber auch ein gar zu kurzweiliger Spielgefährte.

Erst trug sie ihn ein Stückchen, und dabei lehnte er den Kopf gegen ihre Schulter wie ein Kind. Dann wurde er ihr zu schwer, sie setzte ihn auf die Erde. Ein Weilchen stapfte er bedächtig neben ihr hin; so lange sie sich um ihn bekümmerte, nahm er nie Reißaus. Wenn sie ihn aber nicht mehr zu beachten schien, fühlte er sich beleidigt und lief davon. Dann vermißte sie ihn sofort und rief mit ihrem feinen Stimmchen: »Peterl! . . . Peterl!«

Er ließ sich ein Weilchen rufen, lief eine Strecke weit, dann duckte er sich in das hohe Gras neben dem Weg, an dem sie vorüber gehen mußte, und wenn sie wirklich kam, streckte er den Kopf vor und bellte, und wie sie das Händchen nach ihm ausstrecken wollte, war er fort.

Die Kinderfrau mußte sie sehr festhalten, damit sie ihm nicht aus die Parkwiesen nachlaufe. Dort belustigte sich indessen Peterl in der ausbündigsten Weise, tollte in weiten Kreisen über den hohen Rasen, in dem der Wind Wellen zog und der kleine Hund wie in einem Meere versank.

Und Liesel rief ganz empört: »Peter! . . . Peter!« und wenn sie schon fest überzeugt davon war, daß er wirklich gänzlich in Verlust gerathen sei, da kam er plötzlich aus der Richtung, von wo sie ihn am allerwenigsten erwartete, herangestürmt und legte sich ihr demüthig vor die Füßchen, von denen er mit seiner rosigen Zunge den Staub herunter leckte. Und Liesel wiederholte strafend: »Peter, Peter!« und dann bückte sie sich zu ihm nieder und klopfte ihn tüchtig durch mit ihren kleinen, weichen Händchen – manchesmal auch züchtigte sie ihn mit einem Blumenstengel.

Wenn die Tage sehr schön und die Wiesen ganz trocken waren, da durfte sich Liesel mit Peter darauf herum treiben zwischen dem hohen Gras und dem röthlichen Sauerampfer und den gelben und violetten Blumen – und zuweilen haschten sie sich – da lief Peterl immer recht langsam, damit sie ihn einholen könne.

Manchmal überließ die Kinderfrau die Kleine für ein Weilchen der Obhut des zottigen Freundes. Sie ging ins Schloß, um etwas zu holen. Und wenn sie wieder kam, fand sie Alles in Ordnung. Peterl hielt einen Zipfel von Liesel's Kleidchen zwischen den Zähnen, damit sie nicht davon laufen könne, und Liesel lachte und trommelte mit den dicken Fäustchen auf ihm herum.

Alle verwöhnten Peterl. – Nur einer mochte ihn nicht, und das war sein eigener Papa!

Derselbe hieß auch Peter, und zwar nannte man ihn immer »Peter den Großen«, um ihn von Peterl zu unterscheiden. – Ursprünglich hatte man ihm den Namen beigelegt, weil er aus Rußland oder vielmehr aus Sibirien stammte und von illustrer Herkunft war. Sein Großvater, hieß es, war eine wichtige Persönlichkeit am russischen Hof, spielte eine große Rolle in Gatschina, wo er ein vertrauter Freund des jungen Kaisers war. – »Peter der Große« war durch einen der deutschen Verwandten des Zaren an seinen jetzigen Herrn gekommen, und dieser Herr besaß sogar eine Photographie, auf welcher man Peter's hochgeborenen Großvater mit der vollzähligen russischen Kaiserfamilie abgebildet sehen konnte.

Wie stolz Peters Herr sich durch den Besitz dieses vornehmen Hundes fühlte, kann man sich vorstellen.

Uebrigens war Peter der Große, ganz abgesehen von seinem tadellosen Stammbaum, wirklich ein Prachtstück. Er hatte einen kurzen, hochmüthig gebogenen Nacken, der aus einer breiten Halskrause hervorragte, rosa durchschimmerte, sehr spitzige Ohren, ein Paar leuchtende Raubthieraugen, ein Fell wie ein Eisbär, so tadellos weiß und zottig, und einen Schweif wie ein Federbusch. So einen Schweif hatte die Welt noch nicht gesehen. Wenn er durch ein grünes Getreidefeld lief im Mai, wo die Halme schon lang sind, so daß sein ganzer Körper darin versteckt war, da leuchtete der Schweif von Weitem wie ein weißes Banner aus den Feldern heraus. – Seinem vornehmen Aeußeren entsprechend hatte Peter auch einen ganz eigenthümlichen Charakter.

Seinen Herrn liebte er über alle Maßen, die Dienerschaft behandelte er mit freundlicher Herablassung, allen fremden Elementen aber brachte er das unbegrenzteste Mißtrauen entgegen. Wenn Besuch ins Schloß kam, so versteckte er sich sofort in einen Winkel, aus dem er nicht eher heraus zu bringen war, als bis sich der Besuch entfernt hatte. Wenn er aber außerhalb des Schlosses ein unberufenes Element witterte, so schoß er sofort darauf los, biß, was er erreichen konnte, oder riß den Leuten wenigstens die Kleider vom Leibe.

Es hieß, Peter der Große habe den Park von Monplaisir von Vagabunden gesäubert. Und das war immerhin gut; denn der Park von Monplaisir besaß zwar drei verschlossene Thore, aber sehr lückenhafte Mauern dazwischen. Darum that ein wenig Aufsicht wohl. Der dicke Kutscher behauptete immer, Peter der Große sei eine ganze Gensdarmerie-Compagnie werth.

Daß Peter der Große in seiner drakonischen Strenge mitunter zu weit ging, ja daß er sich durch das Ungestüm seines vornehmen Raubthierblutes dazu hinreißen ließ, viele unschuldige Röcke, Schürzen und Beinkleider zu zerreißen, für die sein Herr dann bußfertig Schadenersatz leisten mußte, kann leider nicht geleugnet werden. Aber dafür war er eben ein »Ueberhund«.

Peterl's Geschwister waren längst an zwei mit dem Besitzer von Monplaisir besonders befreundete Hundeliebhaber verschenkt worden, Peterl aber blieb in Monplaisir: der Kutscher sollte ihn für die kleinen Herrschaften erziehen. Der Kutscher lehrte ihn Kunststücke, er lehrte ihn aufwarten und auf den Hinterbeinen gehen, apportiren und Purzelbäume schlagen, springen und auf Leitern kriechen. Und Peterl lernte Alles. Er war immer so sichtlich bemüht zu begreifen, runzelte die Stirn und sah dabei aufmerksam in das Gesicht seines Lehrmeisters. Seine Augen waren wunderschön, sanfte, dunkelgraue Augen, aus denen ein Menschenherz heraussah – vielleicht ganz einfach ein gutes Hundeherz. Denn wenn ein Hundeherz gut ist, so ist es besser, als das beste Menschenherz.

Er begriff sehr rasch, und wenn er einmal begriffen hatte, dann wedelte er immer auf das Unbändigste mit seinem Schweif.

Der Kutscher behauptete, er lache mit dem Schweif.

Er war so brav, wie nie ein Hund vor ihm. – Wenn die Kutscherfrau in den Wald ging, um Holz zu sammeln, sammelte er mit, legte große und kleine Stücke bedächtig auf einen Haufen zusammen; wenn sie Gras für ihre Kaninchen sichelte, trug er ihr's in seinem Maul in den Korb, – wenn sie Abends müde nach Hause kam, zog er ihre Pantoffeln unterm Bett hervor, um sie ihr zu bringen; artig, ohne etwas für sich zu verlangen, sah er zu, während die Katze ihre Milch aus einem Schüsselchen trank, und nur, wenn er sehr hungrig war, zupfte er die Kutscherfrau am Schürzenzipfel, um sie daran zu erinnern, daß er auch etwas haben möchte, und nie steckte er sein schwarzes Näschen in den Milchnapf, selbst wenn dieser auf der Erde stand. Draußen vertrug er sich mit allen Hunden und schnappte nach keinem Menschen, seinen Stall aber vertheidigte er bis aufs Blut. Er hätte sich lieber todtschlagen lassen, als einem Fremden, sei's Hund oder Mensch, zuzugeben, daß er über die Schwelle trete, wenn er nicht von berufener Seite ausdrücklich Befehl dazu erhielt.

Ja, er war ein rührendes Hündchen.

Aber im vierten Monat seiner kleinen Existenz stellte sich etwas heraus – etwas recht Fatales – daß die Mutter Peterl's nämlich offenbar nicht von ganz reiner Rasse gewesen war. Seine Beine wurden zu hoch, und sein Schweif blieb zu dünn, und in seinem Fell zeigten sich ein paar verfängliche gelbe Flecken.

Der Mangel an Rassereinheit trat bei Peterl merkwürdiger Weise viel auffälliger hervor als bei seiner Mutter. Der Kutscher, welcher sich in der Sache nicht zurechtfinden konnte, wendete sich um Aufklärung an den Förster, der ein wissenschaftlicher Hundekenner war.

Kurz darauf kam er zu seinem Weib zurück mit dem Bescheid, der Förster habe ihm mitgetheilt, das sei der »Atavismus« – die am Peterl wahrnehmbaren Schönheitsfehler nämlich. Aber darüber, was der »Atavismus« sei, hatte der Förster dem Kutscher keine nähere Auskunft gegeben, da er momentan viel zu sehr mit seinen geometrischen Arbeiten beschäftigt war. – Der Kutscher konnte sich nicht klar darüber werden, ob es eine Erbschaft oder eine Krankheit sei. Jedenfalls war es kein Trost! – Mit täglich wachsender Unruhe beobachtete das Stallpersonal seinen Schützling. Für den Stall war Peterl schön genug, – der Stall fand ihn reizend, so wie er war, und machte sich gar nichts aus einer Unregelmäßigkeit in Katja's Stammbaum. Aber was würde der gnädige Herr sagen . . . der gnädige Herr hielt auf Rassereinheit.

Mitten in diese aufgeregte und besorgte Stimmung des Stallpersonals hinein schneite ein Telegramm, welches die Ankunft des Herrn mit seiner jungen Gattin meldete.

Das ältere Fräulein, die Tante, welche während der Abwesenheit des Herrn das Haus geführt hatte, seufzte. Es war bisher Alles so schön friedlich gegangen; sie fragte sich, was nun werden solle. Sie würde das Scepter niederlegen müssen, welches sie seit dem Tode der ersten Frau ihres Neffen über dem Haushalt geschlungen, – das war ihr klar; alles Andere war ihr dunkel. Die Regierung aufgeben zu müssen, ist selbst für den entmuthigtsten Herrscher eine mißliche Sache. Doch war sie bereit, sich in das Unvermeidliche mit Würde zu fügen. Was sie kränkte, war, daß sie nun den Einfluß über die Kinder verlieren mußte, an denen sie drei Jahre Mutterstelle vertreten hatte.

Natürlich brachte sie der Stiefmutter Mißtrauen entgegen; das aber ließ sie sich nicht merken, sondern nahm ein für die Umstände zurechtgemachtes vergnügtes Gesicht an, um den Kindern die Ankunft der Eltern zu melden. Liesel lachte nur, wie sie immer lachte, wenn ihr die bevorstehende Ankunft von Gästen verkündigt wurde. Das bedeutete für sie jedesmal eine rosa oder blaue Schleife ins Haar und eine besonders gute süße Speise zum Nachtisch.

Die beiden Jungen faßten die Sache anders auf, ernster und mißmuthiger. Erstens fragten sie die Tante, was sie unter dem Ausdruck »Eltern« verstehe, – und als die Tante ihnen dies etwas zögernd erklärte, gaben sie zur Antwort: von einer neuen Mama wüßten sie nichts, sondern nur von einer neuen Frau ihres Vaters.

Die Tante Elisabeth zuckte die Achseln und zog sich in ihr Zimmer zurück, wo sie sofort daran ging, ihre Koffer zu packen.

Während der Hofmeister den beiden jungen Herren, seinen Schülern, einen Ferientag gab, um sich in aller Muße dem Entwurf eines Gedichts zur Feier der Ankunft der Neuvermählten widmen zu können, beriethen sich die Bürschchen über allerhand ruchlose Dinge, mit denen sie die Stiefmama zu ärgern und zu demüthigen gedachten.

Wie sie wußten, sollten außer den großen Pferden auch die Ponies (der Jungen specielles Eigenthum) nach der Bahn entsendet werden – und zwar letztere, um das Gepäck der Ankommenden abzuholen. Daß sie die Ponies nie und nimmer zu diesem Zweck hergeben würden, stand bei ihnen fest.

Sie unterließen es auch keineswegs, ihr empörendes Vorhaben auszuführen. Am nächsten Morgen benutzten sie den Moment, wo der Kutscher und sein blau und weiß gestreifter Adjutant mit Wagenwaschen im Schuppen beschäftigt waren, um sich in den Stall zu schleichen, die Ponies loszumachen und auf den ungesattelten Thieren in den Wald zu jagen, von wo aus die jungen Herren binnen kurzer Frist, die Hände in den Hosentaschen, den Hut auf dem Ohr und die österreichische Volkshymne auf den zum Pfeifen gespitzten Lippen, wohlgemuth zurückkehrten.

Als der kleine Groom die Ponies anspannen wollte, waren sie nicht zu finden. Der arme kleine Stalljunge, der sich aufs Kutschiren gefreut hatte, weinte bitterlich; der alte Kutscher, welcher immer auf der Seite der jungen Herrschaften stand und genau wußte, wieviel es geschlagen hatte, behauptete, es sei ihm unbegreiflich, wo die Thierchen hineingerathen seien, und schickte zum Vorsteher des nächsten Dorfes mit der Bitte, die Ponies austrommeln zu lassen. Ehe er selber auf die Bahn fuhr, kam er ins Schloß, sich respectvoll zu erkundigen, ob Niemand der Herrschaft entgegen fahren wolle. Er wußte im Vorhinein, was die Antwort sein würde, und der Empfang war dementsprechend.

Es war ein etwas kühler Tag, Anfang Mai. Gegen Abend, als der Wagen vor dem Schloß hielt, befand sich Niemand auf der Freitreppe außer dem Hofmeister mit seinem Gedicht, das er vergeblich versucht hatte, einem seiner hoffnungsvollen Zöglinge einzutrichtern, und dem Diener mit einem Regenschirm. Die jungen Herren waren unter dem Vorwand, die Ponies zu suchen, verschwunden, Tante Elisabeth war mit Packen beschäftigt, und Liesel saß mit ihrer Wartefrau im Kinderzimmer, ganz vertieft in ihr aus süßem Milchbrei bestehendes Abendbrot.

In schwungvollem Bogen fuhr der Kutscher vor. Nicht einmal vor der neuen »gnädigen Frau« wollte er sich eine Blöße geben. Zum Dank für seine Kunstfertigkeit wurde er von seinem Herrn sofort wegen seines zu raschen Fahrens heruntergeputzt, welches der gnädigen Frau Schwindel verursacht hatte.

Als der gnädige Herr sich ausgeschimpft hatte, und während der Kutscher mit brennenden Ohren dem Stall zufuhr, fing der Hofmeister an, sein Gedicht zu declamiren.

Erhabenes Paar!
Seht, zum Empfang bereit
Steht hier die Kinderschar,
Strahlend vor Dankbarkeit!

»Ja, zum Teufel!« unterbrach ihn Herr von Feldeck, »wo ist denn die Kinderschar?«

Darüber konnte der Hofmeister keine Auskunft geben.

Vielleicht war das der Umstand, welcher den Hausherrn dazu bestimmte, die weitere Declamation des Pädagogen mit einem unfreundlichen »Schon gut« abzuschneiden. Der tief gekränkte Mann senkte beschämt sein Haupt, erhob es jedoch wieder, als er die junge Frau sagen hörte: »Du hättest den armen Menschen doch ausreden lassen sollen; er ist der Einzige, welcher mir einige Freundlichkeit bezeigt hat bei meiner Einkehr ins neue Heim!«

»Ach was!« brummte Herr von Feldeck. Der wohlerzogene Gleichmuth seiner Gattin trug nichts dazu bei, ihn aufzumuntern.

Ehe der Abend vollständig hereingebrochen war, machte er seiner inneren Aufregung noch in einer Reihe von Zornesausbrüchen Luft. Die Tante, welche nach kurzer Begrüßung der Schwägerin fortfuhr, ihre Koffer zu packen, meinte, er feire seine eigene Ankunft mit »Böllerschüssen«.

Sie besaß unleugbar eine humoristische Ader, welcher Umstand ihr über viele Unannehmlichkeiten des Lebens hinübergeholfen hatte, ihr auch im Ertragen des neuen Regierungsumschwungs in Monplaisir nützlich war.

Die Verstimmung des Hausherrn dauerte weiter bis zum nächsten Tag, und sogar darüber hinaus, obwohl die junge Frau ihn freundlichst versicherte, »es würde Alles gut werden, sobald sie nur die Zügel in den Händen hielte.«

Unbegreiflicher Weise schien es ihm jetzt, da es zu spät war, an eine Aenderung zu denken, gar nicht recht geheuer, ihr die Zügel anzuvertrauen. Aber, was war zu machen – man mußte der Sache ihren Lauf lassen!

Als Herr von Feldeck am Tage nach seiner Rückkehr im Stall erschien, sich dort umzusehen, bemerkte er Peterl, der etwas verschüchtert mit seinem Hundeinstinct Böses ahnend hinter dem Kutscher stand und höflich mit dem Schweif wedelte.

»Was hast denn Du da für einen scheußlichen Köter, Petrzilka?« fuhr Feldeck den Kutscher an.

»Ich bitt'r Gnaden, bitt' ich – das ist eins von der Katja und dem Peter!« gab der Kutscher ängstlich zur Antwort.

»Weißt Du' s gewiß?« fragte Herr von Feldeck mürrisch.

»Ja, ganz gewiß!«

Die schwarze Katze, welche sich mittlerweile wieder einmal auf den Rücken ihres Freundes Lepidus geschwungen hatte, um den Herrn genauer betrachten zu können, stellte ihren Schweif in die Höhe und fauchte mit bedeutsamen, funkelnden Augen.

»Er wird noch schön werden,« behauptete kleinlaut der Kutscher; dann, mit inniger Ueberzeugung, setzte er hinzu: »Und er ist ein so guter, braver Hund und . . .«

Der dicke Kutscher kraute sich hinter den Ohren und stotterte: »Wenn der Hund auch nicht schön ist, für uns ist er gut genug, und wenn der gnädige Herr es erlaubt, so will ich ihn für mich behalten; auf das Bißchen Essen für das Thier kommt's mir nicht an.«

Dem Herrn war Alles recht; wenn der Kutscher den Hund behalten wolle; so solle er ihn in Gottes Namen behalten, aber nur auf das Eine streng sehen, daß der Hund sich nicht im Schloß zeige, – denn ein so garstiger Köter sei eine Schande fürs ganze Haus. Dann ging der Herr.

Das Trio im Stall aber versammelte sich jetzt um Peterl. – Einer nach dem Anderen wollte den armen Beschimpften liebkosen, und Einer nach dem Andern entdeckte eine neue Schönheit an ihm. Der Kutscher, welcher seinem Herrn noch nie etwas übel genommen hatte, nicht einmal seine zweite Heirath, war diesmal sehr böse auf ihn. – »Marjanko!« erklärte er seinem Weibe feierlich, »der gnädige Herr wird's noch bereuen, daß er uns den Hund geschenkt hat! Denk an mich, der Hund wird sich auswachsen! – Dann aber geb' ich ihn dem Herrn nicht mehr zurück – lieber verlass' ich den Dienst!«

»Prahlhans!« sagte das Weib, mit den Achseln zuckend; dann bückte sie sich zu Peterl und setzte ihm eine Schale Suppe vor. Peterl aber fühlte sich, trotz der ihm von hoher Stelle bewiesenen Geringschätzung, sehr glücklich.

Noch eine Person gab's auf der Welt, der Peterl's Schönheitsmängel ganz gleichgültig waren, – und das war Liesel.

Im Schloß durfte sich Peterl nicht mehr sehen lassen. Aber im Park draußen hatte Liesel zahllose und endlose Zusammenkünfte mit ihm, und da jetzt die gute Jahreszeit sich voll entfaltet hatte und Liesel von früh bis Abends draußen herumtollte, so konnten sie nach Herzenslust einander Gesellschaft leisten.

Ach, was war es schön, sich so stundenlang mit dem kleinen Mädchen zwischen dem immer höher und üppiger anwachsenden Wiesengras herumzutreiben und sich von dem herzigen Geschöpfe tyrannisiren zu lassen!

Er folgte der Kleinen jetzt meistens auf den Wink; nur manchmal noch spielte er sich auf den Unfolgsamen hinaus, damit sie das Vergnügen haben möge, sich possirlich über ihn zu ärgern und ihm mit den kleinen Fäustchen auf den Kopf zu trommeln.

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