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Peterchens Mondfahrt

Gerdt von Bassewitz: Peterchens Mondfahrt - Kapitel 7
Quellenangabe
titlePeterchens Mondfahrt
authorGerdt von Bassewitz
typefairy
year1979
isbn3-423-07912-6
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
senderendres@dfki.uni-sb.de
noteAbsatzformatierung folgt nicht dem Original
firstpub1900
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Die Ankunft der Kinder im Schloß der Nachtfee

Alle Gäste der Nachtfee waren nun eingetroffen, und nur das Sandmännchen fehlte noch in dem großen Kreise. Es war sonst immer sehr pünktlich, und daher wunderte sich die Nachtfee und wollte eben ein Sternchen damit beauftragen, einmal durch das große Wolkenfenster die Milchstraße entlang zu gucken, ob denn der Sandmännchenschlitten noch nicht zu sehen sei, da kam plötzlich der Milchstraßenmann wieder herbeigelaufen und lachte so fürchterlich, daß er kaum noch Luft bekam; ganz krumm stand er da und trat immer von einem Bein aufs andere. Die Nachtfee wollte wissen, was denn nun schon wieder los sei, und alle anderen natürlich auch; aber der Milchstraßenmann bekam vor Lachen kaum ein Wort heraus; man verstand nur den einen Satz:

»Frau Nachtfee, das Sandmännchen ist verrückt!
Ich glaube, es hat den Mondstich gekriegt!«

Dazu wies er mit der Hand immerfort nach dem Eingang hinter sich, und richtig, da kam das Sandmännchen schon herein, allerdings in einer Begleitung, die höchst erstaunlich war: »Zwei Kinder im Nachthemd und ein Maikäfer!«

Einen Augenblick war alles stumm vor Erstaunen, dann aber ging ein ungeheures Getöse los. Der Sturmriese heulte vor Lachen, der Donnermann trommelte sich den Bauch und hätte sich beinah bei einem Dönnerchen verschluckt, der Wassermann quakte wie ein betrunkener Frosch, der Regenfritz jaulte vor Freude wie ein verstimmter Leierkasten, die Blitzhexe schrie und stank, die Windliese pfiff und summte, der Eismax meckerte wie ein Ziegenbock vor Vergnügen – kurz, es war ein Höllenlärm. In dem allem stand das Sandmännchen ganz ruhig, hatte die beiden Kinder, jedes an einer Hand, den Maikäfer hinten an seinem Schlafrockzipfel, und sah sehr klug aus. Es dachte: »Das Getöse wird sich schon legen!«

So war es denn auch. Die Nachtfee stand auf und reckte die Hand aus; da waren alle still. Und nun fragte sie, was das zu bedeuten habe: zwei Kinder im Nachthemd, und ein Maikäfer, hier in ihrem Schloß beim Fest der Naturgeister?

Jetzt trat das Sandmännchen vor, verneigte sich und erzählte klar und einfach, wer dieser Maikäfer sei, und was die Kinder hier wollten.

Natürlich war nun das Erstaunen noch größer; aber es lachte keiner mehr, sondern alle waren von dem Mut der Kinder entzückt, besonders der Eismax, der sich so nahe herandrängte, um Peterchen zu betrachten, daß ihm beinahe der Schnurrbart von der Sonne abgeschmolzen worden wäre. Die Nachtfee sah den Käfer an:

»Da hast du also wirklich zwei artige Kinderchen gefunden, die so viel Mut haben und so viel Liebe zu den kleinen Tieren, daß sie so große Gefahren bestehen wollen für dich, Maikäferlein?« fragte sie. »Zu dienen, zu dienen, Frau Nachtfee!« stotterte der Sumsemann, zitternd vor Aufregung, und machte mindestens sechs Kratzfüßchen hinter dem Rücken des Sandmännchens. »Donnerwetter, hat der Kerl ein Glück!« bullerte der Donnermann. »Kolossal!« schnarrte der Eismax, und alle anderen waren derselben Ansicht. Die Nachtfee aber kam herunter von ihrem Thron, nahm die Kinder in die Arme und küßte sie auf die Stirn. »Fürchtet ihr euch denn gar nicht, ihr kleinen Wesen?« fragte sie. Anneliese sagte nichts; sie faßte Peterchen nur bei der Hand und machte ganz große Augen; Peterchen aber schüttelte energisch den Kopf und zog sein Holzschwert. »Angst haben sie nicht!« meinte der Sandmann schmunzelnd; er hatte es ja schon verschiedene Male festgestellt. Man konnte ihm auch wirklich glauben, denn Peterchen stand wie ein kleiner Soldat so stramm mit seinem Schwert vor der wilden Gesellschaft im Saal. Das machte natürlich dem Eismax viel Vergnügen, und auch der Morgenstern und der Abendstern, die Söhne der Sonne, blitzten sich an. Der Junge gefiel ihnen wirklich. »Gut!« sagte die Nachtfee und strich Peterchen über den Kopf; denn nun sollten sie ihr Abenteuer mit dem Mondmann mit Hilfe der großen Naturkräfte bestehen, weil es wirklich ein sehr gefährliches Abenteuer war.

Sturmriese, Donnermann und Wassermann wurden also von der Nachtfee gefragt, ob sie den Kindern helfen wollten. Natürlich wollten sie es, und der Donnermann, dem das viel Spaß machte, trat ganz dicht an Peterchen und Anneliese heran, um zu prüfen, ob es mit der Furchtlosigkeit auch wirklich stimmte.

»Potz Knatter, Knäblein, Er will es wagen?
Kann Er denn einen kräftigen Donner vertragen?«

bullerte er. »Herr Donnermann, ich hab' keine Angst!« meinte Peterchen unerschrocken und nahm Anneliese dicht in seine Arme. Bums! ... gab es plötzlich einen fürchterlichen Donnerschlag, daß der Boden der Halle bebte und die Säulen der Kuppel an zu klingen fingen. Aber Peterchen stand mutig vor dem wilden, rothaarigen Donnerriesen und sagte: »Das war noch gar nichts, Herr Donnermann! Mach's ruhig noch mal!«

Auch Anneliese hatte keine Miene verzogen. Sie hielt dem Donnermann nur einen rotbäckigen Apfel zur Besänftigung unter die dicke Nase. Daß jetzt der Donnerriese sich freute, war selbstverständlich. Er fraß den Apfel schmunzelnd auf, meinte, daß Peterchen Artilleriegeneral werden würde, und schwor, ihm gegen den Mondmann zu helfen. Ebenso tat der Sturmriese, nachdem er einen plötzlichen, fürchterlichen Wirbelwind mit vollkommener Finsternis gemacht hatte, ohne die Kinder umzublasen oder auch nur zu erschrecken. Auch der Wassermann versprach ihnen seine Hilfe, weil er von den Wassernixen wußte, daß die Kinder nicht wasserscheu wären und daß sie Schwamm, Badewanne, Seife und Zahnbürste tüchtig gebrauchten. Als Peterchen ihm gar sagte, daß er schon schwimmen könne wie ein kleiner Frosch, war der dicke Wassermann vollkommen zufrieden und rutschte quaksend wieder in seine Wanne zurück. So war auch diese Probe glücklich überstanden; nur der Maikäfer war schon anfangs bei dem großen Donner umgefallen und hatte die ganze Zeit auf dem Rücken gelegen. Das war aber gleichgültig; es hatte zum Gelingen der Fahrt nichts zu bedeuten, da es nur auf den Mut der Kinder ankam. Die halfen nun dem umgefallenen, zitternden Sumsemann freundlich wieder auf die Beine. Von dieser Hilfsbereitschaft war die Nachtfee und besonders die Sonne sehr erfreut.

Jetzt aber sollte die Reise schnell fortgesetzt werden, denn bis zum Mondberg war es noch sehr weit, und vor Tag mußten Peterchen und Anneliese wieder in ihrem Bettchen auf der Erde sein, sonst hätten sie nie mehr zurückgefunden. Da gab's nur einen Rat: Sie mußten auf dem großen Bären zum Mond hinüberreiten; der konnte nämlich furchtbar schnell laufen. Also befahl die Nachtfee dem Milchstraßenmann, schleunigst den großen Bären herbeizuholen. Der Milchstraßenmann bekam einen Schreck und meinte, das ginge heute nicht, weil der Bär sehr böse sei, grüne Augen habe und selbst ihn, den Milchstraßenmann, beim Füttern beinahe gebissen hätte. Er solle den Bären nur aus dem Stall holen, befahl die Nachtfee, man würde ihn schon zähmen können. So trottete der Milchstraßenmann zum Bärenstall, um das Ungetüm loszubinden und herbeizuführen; er mußte gehorchen. Die Nachtfee aber gab nun dem Sandmännchen den Auftrag, den Kindern weiter als Führer zu dienen. Er solle den Bären zunächst nach der Weihnachtswiese auf dem Monde lenken. Dann solle die Reise über die Mondhügel, Täler und Wiesen, am Osternest vorbei bis zu der silbernen Riesenkanone gehen, die am Fuße des höchsten Mondberges steht. In diese Kanone müßten die Kinder und der Maikäfer hineingeladen und auf den Berg hinaufgeschossen werden, denn anders könnten sie nicht hinaufkommen. Oben auf dem Berge aber sei das Abenteuer mit dem Mondmann zu bestehen. Bis dahin solle Sandmännchen helfen, und gern sagte es zu, alles dies nach der Ordnung zu besorgen, denn es hatte die beiden Hemdenmätze schon schrecklich lieb, weil sie so brav und mutig waren. Nun kam der große Bär, vom Milchstraßenmann an der Kette geführt, durch die Wolken herbei. Ein riesengroßes Ungetüm war dieser Bär. Schneeweiß war sein Fell und dick und zottelig. Er war größer als der größte Elefant, und wenn' er brummte, klang es beinahe wie das Bullern vom Donnermann. So stand er mitten im Saal, brummte und glotzte böse mit leuchtend grünen Augen umher. Der Milchstraßenmann machte ein sehr besorgtes Gesicht zu der Geschichte. Er wußte ganz genau, wie stark der Bär war und was er für grimmige Zähne hatte. Er mußte erst besänftigt werden, denn so hätte man ihn gewiß nicht besteigen können. Da hatte der Sandmann wieder einen guten Gedanken: Die Kinder sollten ihm Äpfelchen zu fressen geben! Der Bär war nämlich ein großer Schleckerfritze; das wußte Sandmännchen von den Sternen, die ihm manchmal ein wenig Milchstraßenhonig zu lecken gaben, wenn sie ihm im Fell wühlen wollten. Peterchen ging denn auch gleich mit einem Apfel in der Hand auf den Bären los. Alle guckten. Es war wirklich ein sehr spannender Augenblick, als das großmächtige Ungetüm dem kleinen Peterchen gegenüber den Rachen aufriß und wild mit den bösen Augen glotzte. Schwupp! flog ihm der Apfel, gut gezielt, in den weiten, roten Schlund. Schwapp! klappte der Rachen zu, und, das war sehr komisch, abwechselnd grün und rot wurden die Augen, als wüßte der Bär nicht, ob er noch böse oder schon gut sein sollte. »Seht ihr, halb ist er schon bezähmt und gut!« rief das Sandmännchen sehr vergnügt. »Nun schnell noch einen zweiten Apfel, dann ist er zahm wie ein Kätzchen!«

Anneliese stellte sich auf die Zehenspitzen mit einem Apfel im Händchen. Sie war wirklich noch sehr klein, denn sie reichte lange, lange nicht hinauf bis an den großen Rachen, der über ihr aufklappte, als der Duft von dem Äpfelchen kam. Also hob das Sandmännchen die kleine, tapfere Anneliese hoch, daß sie ordentlich zielen konnte, und – happs! hatte der Bär das Äpfelchen verschluckt. In demselben Augenblick bekam er rote, gutmütige Augen und leckte sich, zufrieden wie ein kleiner Hund, die Schnauze. Das war eine Freude!

»Er kann auch Kunststückchen machen«, sagte der Milchstraßenmann. Natürlich mußte er Peterchen nun die Pfote geben und vor Anneliese gar ein Männchen machen. Oooooh, wie das aussah!

Bis oben in die Kuppel des Saales reichte er hinauf, als er sich gutmütig aufrichtete vor Anneliese, die wie ein winzig, winzig kleiner, weißer Floh vor ihm stand in ihrem Hemdchen. Der Eismax war ganz begeistert von der Kühnheit dieses kleinen Mädchens. Er kam und küßte ihr die Hand, wie einer großen Dame. Nun war Anneliese natürlich wieder ein bissel verlegen. Es gab aber jetzt keine Zeit mehr zu verlieren. Der Milchstraßenmann kam schon mit einer Leiter zum Aufsteigen herbei, während die Kinder der Nachtfee und ihren Gästen ade sagten. Eine Menge Küßchen bekamen sie dabei von allen. Peterchen dachte: ›Der vom Taumariechen hat am besten geschmeckt – wunderschön! und der von der Blitzhexe am schlechtesten: so ein bißchen brenzlig!‹

Anneliese fand den Kuß vom Morgenstern am schönsten und den vom Regenfritzen gar nicht sehr schön – so ölig! Heimlich wischte sie sich das Mäulchen ab, aber ganz heimlich nur, denn es war doch sehr nett, daß alle diese wilden Wesen so freundlich zu ihnen waren. Man durfte sie gewiß nicht beleidigen. Inzwischen hatte der Milchstraßenmann die Leiter an den großen Bären gelegt, und nun kletterten die vier auf den Rücken des gewaltigen Tieres. Sandmännchen saß vorn und lenkte ihn bei den Ohren, dann kam Peterchen, dann Anneliese und ganz zuletzt der Maikäfer, der wieder eine bedeutende Angst hatte und so dicht an Anneliese heranrutschte, als es nur irgend möglich war. Als sie sicher oben im weichen Fell saßen, winkte ihnen die Nachtfee mit allen ihren Gästen noch einmal lieb und freundlich zum Abschied; und dann ging's los!

»Hopp, Petz!« rief das Sandmännchen. Der gewaltige Bär schnaufte einmal und noch einmal wie eine Lokomotive und stürmte aus dem Saal, über die Wolkenberge, die das Schloß trugen, hinaus ins Weite, so rasend schnell, daß den Reitern fast Hören und Sehen verging.

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