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Peterchens Mondfahrt

Gerdt von Bassewitz: Peterchens Mondfahrt - Kapitel 11
Quellenangabe
titlePeterchens Mondfahrt
authorGerdt von Bassewitz
typefairy
year1979
isbn3-423-07912-6
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
senderendres@dfki.uni-sb.de
noteAbsatzformatierung folgt nicht dem Original
firstpub1900
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Die Mondkanone

Ein bissel unheimlich sah es doch in der Schlucht aus. Da waren so finstere Schatten und so sonderbar geformte Steine, daß man sich eigentlich hätte fürchten können, wenn man Zeit dazu gehabt hätte. Wenn man aber keine Zeit dazu hat, dann fürchtet man sich eben nicht. Das ist eine alte Geschichte. »Halt Petz!« rief das Sandmännchen plötzlich. Der Bär war noch so im Lauf, daß er auf allen vieren ein Stück weiterrutschte, ehe er sich gebremst hatte. Dicht neben einem großen Felskegel, der einen pechschwarzen, langen, spitzen Schatten über einen freien Platz warf, hielt er still. Genau an der Stelle, wo der Schatten aufhörte, stand die Mondkanone auf einem kleinen grauweißen Hügelchen. Sie war halb darin versunken und mußte wohl schon viele tausend Jahre hier stehen, denn der Mondstaub lag so dick auf ihr, daß nur hie und da noch das Metall des gewaltigen Kanonenrohres ein wenig hervorblitzte. Aus grauem Silber war dieser Kanonenlauf; noch dicker als ein Regenwasserfaß und wohl zehnmal so lang. Ein kleines Leiterchen lehnte neben der Mündung, die steil in die Luft gerichtet war, und nicht weit davon stand ein Kanonenwischer, zum Putzen des Laufes, ehe geschossen wird. Der Wischer sah eigentlich sehr lächerlich aus, wie eine mächtige, kreisrunde Igelbürste, mit einem langen Stiel daran. »Wir sind am Ziel der Reise!« sagte jetzt das Sandmännchen. Also kletterten sie eiligst von dem großen Bären herunter, der sich augenblicklich zum Heimgalopp umdrehte; er hatte seine Pflicht getan, wollte sein Futter haben und seine Ruhe im Bärenstall. Damit hatte er natürlich recht, bekam zum schönen Dank von den Kindern noch ein Äpfelchen, vom Sandmann einen freundlichen Klaps auf den dicken Bärenschinken und trottete davon. Die drei Abenteurer aber standen am Fuße des himmelhohen Berges, und das Sandmännchen nahm eine sehr feierliche Miene an. Jetzt kam nämlich das große Ereignis, dessentwegen sie die Reise gemacht hatten: die Begegnung mit dem Mondmann und die Eroberung des Beinchens. Hoch oben, auf der höchsten Spitze des Berges, hauste der Mondmann, und dort stand auch in einem kleinen Wald die Birke, an der das Beinchen damals hängengeblieben war. Mit großer Wichtigkeit erklärte der Sandmann den Kindern, daß er sie jetzt in die Kanone hineinladen würde, zuerst den Sumsemann, dann das Peterchen, dann die kleine Anneliese, denn man müsse auf den Berg hinaufgeschossen werden; anders sei es unmöglich, dort hinaufzukommen. Wenn sie aber alle oben wären, müßten sie in dem kleinen Wald das Beinchen suchen, es von dem Bäumchen herunternehmen und dem Sumsemann vorsichtig, an der richtigen Stelle, mit Spucke wieder ankleben. Sollte ihnen beim Suchen etwa der Mondmann begegnen, der dort oben immerfort herumliefe, so sei das auch weiter nicht schlimm. Artigen Kindern könne er nichts tun, wenn er auch noch so grimmig täte. Würde aber der greuliche Kerl gar nicht zu besänftigen sein, dann gäbe es ein unfehlbares Mittel: die Kinder sollten nur ihre Sternchen zur Hilfe rufen. Sie würden schon sehen, wie das dem Mondmann bekäme. Als das Sandmännchen mit seiner Erklärung fertig war, schnaubte es sich die Nase, denn ihm war wieder ziemlich gerührt zumute. Daß es von den beiden, lieben Kindern Abschied nehmen sollte, ging ihm doch nahe; und schließlich – der Mondmann da oben? Es könnte möglicherweise einen wirklichen Kampf geben, und einfach war das nicht. Als die Kinder merkten, daß dem guten Sandmännchen so ein wenig weich ums Herz war, fielen sie ihm plötzlich um den Hals, um sich zu bedanken, und gaben ihm herzhafte Küßchen. Na, das war was für das Sandmännchen!

Nun aber hieß es, ans Werk zu gehen; denn, kam der Morgen, ehe die Kinder das Beinchen hatten, so war alles umsonst. Der Sandmann ergriff den Kanonenwischer, kletterte auf dem Leiterchen zur Mündung der Kanone und putzte den Lauf umständlich und gründlich. Es war ja, seit der Mondmann damals vor tausend Jahren hinaufgeschossen wurde, nicht mehr daraus geschossen worden; und wenn der Lauf innen nicht so blitzblank war wie eine Kakaobüchse, konnten sich die Kinderchen leicht beim Herausfliegen die Nasen abscheuern. Ernsthaft und aufmerksam guckten sie zu. Ordentlich schwitzen tat das Sandmännchen, und wenn es sich mal einen Augenblick verpustete, gab es den Kindern noch gute Ratschläge, wie sie den Mondmann behandeln müßten; natürlich höflich, denn auch die rohesten und gräßlichsten Leute muß man immer höflich und freundlich behandeln, dann werden sie nämlich meistens verlegen und ganz zahm. So, jetzt war der Lauf blank!

»Vorwärts Sumsemann! rein in die Kanone!« rief das Sandmännchen. Ja ... wo war denn der? Nirgends war der Maikäfer zu sehen!

»Er hat sich gewiß versteckt, weil er immer so Angst hat«, meinte Anneliese. Na das hatte gerade noch gefehlt! Um sein Beinchen ging es, und da kniff er womöglich im letzten Augenblick aus, der Jammerpipps?

Peterchen fand das höchst unmännlich. Sie machten sich natürlich schleunigst auf die Suche nach dem Auskneifer, und richtig! – da lag er hinter der nächsten Felsennase, ganz still und stellte sich tot. So ein Feigling!

Sandmännchen packte ihn am Kragen und rüttelte ihn gehörig.

»Summ – summ – wenn es schießen tut,
Hab' ich Angst, hab' ich Angst, ich geh' kaputt!«

stotterte der edle Ritter, als man ihn zur Rede stellte. »Ach was«, polterte der Sandmann, »Seinetwegen wird die Sache gemacht, und da strampampelt Er hier? Vorwärts, rein in die Kanone!«

Im Augenblick war er gepackt, hochgehoben und, obwohl er wie toll zappelte, köpflings in den Lauf gestopft. Die Kinder mußten laut lachen, so komisch sah das aus. Sandmännchen aber lief geschäftig zum hinteren Ende der Kanone, richtete die Mündung nach dem Gipfel des Berges, zielte genau, rief: »Achtung – Augen zumachen!« und riß an der dicken Abzugsschnur. Bums!!! ... gab es einen gewaltigen Knall, ein dicker Dampfstrahl fuhr aus dem Lauf der Kanone, und mitten darin sah man den Sumsemann wie ein braunes Kanonenkügelchen gen Himmel sausen. Der Sandmann beobachtete den Schuß ganz genau. Ja, er hatte gut gezielt; der Maikäfer war oben!

Nun kam Peterchen an die Reihe. Er wurde hochgehoben. »Glück auf die Reise!« sagte das Sandmännchen und ließ ihn sacht in den Kanonenlauf hinunterrutschen. Komisch war's da drin, wirklich wie in einer großen Kakaobüchse!

Peterchen wollte sich gerade noch ein bißchen diese sonderbare Umgebung besehen, da hörte er, wie draußen das Sandmännchen rief: »Augen zu!«

Schnell kniff er die Augen zu. In demselben Augenblick gab es auch schon einen Knall rings um ihn herum und ... sirrrrrrr... schwirrte er aus der Kanone, in einem wunderschönen Bogen himmelwärts den Berg hinauf. Wupp! da saß er oben auf der Kante des Berggipfels, dicht neben dem Sumsemann. Beide guckten sich ganz erstaunt an, aber sie hatten sich noch gar nicht so recht besonnen – bums... . wupp! – saß auch schon Anneliese als dritte neben ihnen. »Ach!« sagten sie alle drei und sperrten die Mäuler auf. Dann aber mußten sie über ihre eigenen, erstaunten Gesichter lachen. Selbst der Sumsemann grinste, nachdem er sich vorher genau befühlt hatte, ob auch noch alles heil an ihm sei. Es war eigentlich das erste Mal, daß er grinste; seine Fühlerhörnchen bibberten ordentlich vor Vergnügen. Er war überzeugt, daß dieses Erlebnis ihn für alle Zeiten zum Helden der Maikäfer machen würde. Aus einer Kanone war noch nie ein Maikäfer geschossen worden; das war ein Abenteuer, eine Tat des Mutes und der Männlichkeit, wie sie noch keiner der vielen Frühlingsritter auf den Kastanien, Linden oder Buchen der Erde vollbracht hatte!

Er erhob sich umständlich, plusterte sich auf, daß er noch einmal so dick wurde, wie er sonst war, und spazierte mit sehr komischen stolzen Gebärden vor den Kindern umher. ›Ein Denkmal muß mir gesetzt werden‹, dachte er; ›im Rasen bei der dicken Kastanie, unter einem breiten Maiglöckchenblatt und in der Stellung eines Ritters, der auf einer Kanonenmündung sitzt. An jedem Sonntagabend, wenn der Mond kommt, müssen sich alle Maikäfer der Gegend dort versammeln und ein feierliches Baßgeigenkonzert mit Paukenbegleitung veranstalten. Extra komponiert wird es zur Erinnerung an die Taten des großen Nationalhelden Sumsemann.‹

Er sah wirklich schon beinahe aus wie ein Maikäfer-Nationaldenkmal, als er sich nach diesem weltbewegenden Gedanken vor den beiden Kindern aufpflanzte und mit geheimnisvoll düsterem Tone sagte:

»Nun laßt uns das Beinchen suchen gehn, Damit die Tat vollkommen werde, Und alle Käfer staunend stehn vor dem Ruhme Sumsemanns auf der Erde!

Peterchen und Anneliese mußten natürlich innerlich ein wenig lächeln über diesen komischen Stolz des guten Herrn Sumsemann; aber sie ließen sich das nicht merken, weil sie höfliche Kinder waren. Sie erhoben sich also ebenfalls, strichen ihre Hemdchen glatt, nahmen ihre Sachen und begaben sich auf die Suche nach dem Beinchen.

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