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Peter Michel

Friedrich Huch: Peter Michel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Huch
titlePeter Michel
publisherBuchverlag Der Morgen
printrunNeuauflage (1. Auflage 1965)
year1984
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1. Kapitel

Peter Michels Vater war Schuhmacher in einem Dorfe. Er hatte träumerische Augen, die sich nie mit Bewußtsein dauernd auf eine Stelle konzentrieren konnten, und einen Geist, der fortwährend grübelte, ohne an etwas Festem zu haften. Er dachte über die abenteuerlichsten Fragen nach, ohne aber je zu einem Resultate oder zur Annäherung an ein solches zu gelangen. Er hatte eine unbegrenzte Hochachtung für andere; vor allem für seine Frau, welche gar keinen Maßstab an sich legte, sondern sich unbesehen für etwas ganz Bedeutendes hielt. – Beobachtung fehlte Herrn Michel beinahe gänzlich; doch hatte er ein gutes Auge für die Füße anderer: er maß einem jeden sogleich in Gedanken Stiefel an. Einmal ereignete es sich, daß eine fremde, durchreisende Dame ihm ihr Schuhwerk zur Ausbesserung bringen ließ, kleine Stiefelchen aus feinem gelbem Leder. Er, der gewöhnt war, pfundschwere Ware unter den Händen zu haben, fühlte sich einer so zierlichen Aufgabe nicht gewachsen. Da war es aber seine Frau, die ihre ganze Energie einsetzte, der fremden Dame zu zeigen, daß es auch in ihrem Dorfe Leute gäbe, »welche mit der Welt in Verbindung ständen«. Sie fuhr persönlich in das nächste größere Städtchen, kaufte feines Leder, feine Stifte, Glanzwichse, und die Schuhe wurden repariert. Diese Dame machte auf den kleinen Peter einen großen Eindruck. Wenn er später etwas von Prinzessinnen las, dachte er stets sogleich an gelbe Schuhe, eine Ideenverbindung, die sich erst in seinem weiteren Leben verlor.

Sein Vater war sehr beliebt im Dörfchen. Er verdarb es mit niemandem, hörte jeden an und stimmte jedem bei, in aufrichtiger Bewunderung der fremden Größe. Er glaubte alles, was man ihm sagte. Der Schulze und der Pastor erprobten zuweilen die Tragfähigkeit dieses Glaubens, indem sie sich gegenseitig überboten in den plumpsten Lügenbauten. Herr Michel übernahm alles mit der größten Ausdauer und sagte nur manchmal: »Aber nein! Wirklich? Was doch alles in der Welt vorgeht!« Dann steckte er die Enden seines spärlichen Schnurrbartes in die Mundwinkel und sah nachdenklich vor sich hin. Peterchen schwieg dann erschüttert mit, blickte auf seinen Vater – und dessen gesicherte Unangreiflichkeit gab ihm selbst eine innere Festigkeit und Ruhe: Er fühlte sich geborgen. Solche Szenen ereigneten sich übrigens niemals im Beisein der Mutter oder des Großvaters. Frau Michel besaß einen sicheren Instinkt, Betrügereien zu durchschauen, nachdem sie sich im ersten Augenblick hatte verblüffen lassen. Und der Großvater – Frau Michels Vater – genoß bei dem Pastor und dem Schulzen noch dieselbe Ehrfurcht wie vor Jahren, als er den Rohrstock über ihnen schwang.

Die Erziehung des Kindes Peter lag fast ausschließlich in den Händen der Mutter. Herr Michel war ein reines Kind, wo es sich um Lebensfragen handelte. – Eine Eigenschaft war beiden Eltern ihrem Sohne gegenüber gemeinsam: die der vollständigen Ehrlichkeit. Frau Michel log bloß manchmal heimlich ein wenig, wenn sie genau wußte, daß es niemand merken konnte, und wenn sie einen nicht schlimmen Zweck damit verband. Herr Michel, welcher keine Zwecke kannte, log nie. So wuchs das Kind im felsenfesten Zutrauen auf die Welt heran.

Mit aller natürlichen, hausbackenen Aufgewecktheit verband Frau Michel aber eine Eigenschaft, die ihr oft schadete: ihre verwundbare Stelle war die Eitelkeit. Durch Schmeicheln konnte man alles von ihr erlangen. Merkte sie dann aber einmal, daß man sie ausgebeutet hatte, so ging ihr Temperament vollkommen mit ihr durch. In ihrer Kleidung war sie etwas auffallend und nicht sehr geschmackvoll. Das eigentliche Zartgefühl ging ihr ab, und auch von Gemüt hatte sie soviel wie nichts. Peter, der in beidem mehr dem Vater nachschlug, fand in ihm eine verwandtere Natur und schloß sich ihm mehr an als seiner Mutter.

Einen guten Vermittler zwischen beiden Eltern bildete der Großvater. Er war, der Familientradition folgend, Lehrer geworden, und dies war der ihm ureigenste Beruf. Er mußte ein Gebiet haben, wo er herrschen konnte. Peter zog er unbefangen den anderen Schülern vor, und als ihm einmal der Dorfschulze, dessen Sohn die Schule ebenfalls besuchte, gelinde Vorstellungen darüber machte, brauste er heftig auf und erklärte, das wäre doch sein Recht! Dieses Gefühl eigener Machtvollkommenheit lag in der Familie. Er hatte es von seinem Vater, es ging zum Teil auf seine Tochter über und von dieser auf ihren Sohn Peter, bei dem es sich aber in unschuldigerer, fast gutmütig-komischer Form äußern sollte.

Der Großvater hatte viel Einfluß auf Frau Michel. Dieselbe Ansicht, von ihrem Manne ausgesprochen, schalt sie dumm und von Unwissenheit zeugend, im Munde des Großvaters war sie das Produkt jahrelanger, reifer Forschung. Übrigens kamen bei ihrer Beurteilung der Menschen rein äußerliche Dinge stark in Betracht; wenn ihr Vater mit seinem kraftvollen, schallenden Organ eine Meinung aussprach, so klang diese von vornherein ganz unumstößlich, während die schwache, zögernde Stimme ihres Mannes dessen eigenen Behauptungen auch den letzten Rest einer Möglichkeit raubte.

Peter empfand in solchen Momenten zwiespältig. Er hatte Sinn für alles Mächtige; in seinem Großvater sah er ein höheres Wesen, einen Giganten; aber für seinen Vater empfand er ein unbewußtes, zärtliches Mitleid; er sah in ihm seine eigene schwache Natur, und ihn befiel eine dunkle Beklommenheit vor der Welt und seinen einstigen Schicksalen in ihr.

Solche Stimmungen überschlichen ihn, wenn der Großvater zur Feierabendstunde herüberkam, wenn der Lärm draußen allmählich einschlief, die Dunkelheit dichter und dichter wurde, das Gespräch schließlich ganz verstummte und alle nur noch unbewußt auf jenen kleinen, auf des Großvaters Pfeife liegenden rotglühenden Kreis starrten, der trübe im Grenzenlosen zu schweben schien. In solchen Augenblicken kam ihnen wohl allen die Schwere des Daseins deutlicher zum Bewußtsein.

Wenn dann der Großvater nach Hause ging, so mußte ihn Peter mit einer kleinen Handlaterne begleiten. – Sie boten einen sonderbaren Anblick, diese beiden: Peter voran, die Stirn gefaltet, während seine Augen die dämmernde Finsternis zu durchdringen suchten; hinter ihm die hohe, hagere Gestalt des Großvaters, der in solcher Beleuchtung noch älter und verwitterter erschien. Gesprochen wurde auf diesen nächtlichen Wanderungen kaum ein Wort. Peter mußte auch alle Sinne anstrengen, auf den gewundenen und holperigen Pfaden stets richtig vorwärts zu kommen. Das Bewußtsein, daß sich sein Großvater so völlig seiner Führung anvertraute, erfüllte ihn mit Stolz und Eifer. Unter der Türe gab ihm dann der alte Mann die glatte, harte Hand und sagte liebevoll: »Nun gute Nacht, mein Junge!« – Es wäre ihm wohl schwer geworden, seinem Enkel auf dessen Heimfahrten je zu folgen. Peter wartete gerade noch den Augenblick ab, wo sich die Tür hinter seinem Großvater schloß, dann schoß er blindlings in die Finsternis hinein, die Augen weit geöffnet, ohne das Geringste zu sehen. Die Lampe behielt er krampfhaft in der Hand, und wenn er zu Boden fiel oder ein paar Stufen hinunterkollerte, streckte er sie schnell empor, um sie vor dem Zerschmettertwerden zu bewahren. Dann schoß er wie ein Feuerschwärmer weiter, bis er schließlich atemlos ins Haus hineinstürzte und die Tür dem etwa folgenden Gespenste vor der Nase zuwarf. Der Türmer aber, der von seiner Höhe herab das kleine Licht in seinen tollen Zickzacksprüngen auf dem Grunde der Finsternis verfolgte, bis er es plötzlich nicht mehr sah, schüttelte den Kopf, murmelte ein Gebet und bekreuzte sich.

Das Michelsche Heim bestand aus drei Stuben, einer Küche und einer kleinen Mansardenkammer, welche Peter gehörte. Frau Michel bewahrte überall einen hausbackenen, aber nicht unfreundlichen Geschmack. Einige kleinere Möbel stammten aus der Familie ihres Mannes, was man ihrer Dürftigkeit sofort ansah. Unter ihnen der Spiegel, welchen seine Mutter sehr hochgehalten hatte und der auch in seinen Augen schön und reich war. In der Schlafstube standen grün angestrichene, buntgeblümte alte Möbel; als Hauptstück das große, breite Ehebett, mit einem runden, gemalten Blumenstrauß. Nach diesem gruppierte Peter stets die Blumen, die er auf den Wiesen pflückte. Das Gärtchen bildete den Stolz des Herrn Michel. Er hatte viel Sinn für Blumen und hübsche Anordnung; auch einen kleinen Springbrunnen hatte er angelegt, der aber kein Wasser spie, ohne daß man recht wußte, wo der Fehler lag; auch eine kleine Geißblattlaube gab es dort, in deren Nähe sich ein hölzerner Verschlag befand – Herrn Michel ein Dorn im Auge; aber es ließ sich durchaus nicht anders einrichten.

Peter stand oft nachdenklich an seinem Kammerfenster, sah unverwandt hinaus auf die blauen Hügel und glaubte, da hinten sei's nun aus mit der Welt. Dann wurde sein Blick immer verlorener, bis mit einem Male ein Lächeln über sein Gesicht ging, wenn dort am Zaune im Garten sein Vater stand und ihm freundlich winkte herunterzukommen. Dann polterte er eilends die schmale Holztreppe hinab.

Die beiden verstanden sich ausgezeichnet und schienen auch im Alter gar nicht so entfernt voneinander. Herrn Michels kindliche Natur fand in Peter geeigneten Boden zu ihrer völligen Entfaltung, und Peter wiederum hatte bei aller Kindlichkeit ein Stück von der Gesetztheit seiner Mutter. Er war wohl der einzige Mensch, der seinen Vater wirklich kannte. Sie waren gegenseitige Vertraute. Seine vielen Fragen beantwortete Herr Michel nach bestem Wissen. So erkundigte sich Peter, ob wohl die Sterne drei Häuser hoch über der Erde wären, und er meinte lächelnd und mit sagenhaftem Ton: »Nein! Hundert Meilen!« Oft wußte er überhaupt keine Antwort zu geben und wurde dann verlegen wie vor einem Erwachsenen. Peter blickte dann nachdenklich in die Ferne und dachte: Man kann es also nicht wissen. Oder aber er erfand selbst eine Antwort, die seinem Vater meist einleuchtete, obwohl er dunkel fühlte, daß doch wohl nicht alles ganz beim Rechten war. Im Beisein anderer führten sie solche Gespräche niemals, beide hielt alsdann eine Scheu zurück.

Frau Michel entging dies intime Verhältnis zwischen Vater und Sohn natürlich nicht; sie hätte gern teil daran genommen, aber sie wußte nicht, wie sie das machen sollte. Sie war wohl liebevoll gegen ihren Sohn, aber es fehlte ihr die Weichheit. Sie wollte ihn zu einem möglichst guten, tüchtigen Menschen machen und glaubte dies am besten dadurch zu erreichen, daß sie ihn streng erzog, ihm gegenüber stets nur Dinge sagte, die eine Nutzanwendung hatten und den Wert der Arbeit einschärften. Derartige Reden verfehlten nun ihre Wirkung durchaus nicht, aber Peter zog sich unwillkürlich mehr von seiner Mutter zurück und suchte lieber die Gesellschaft seines Vaters, in der er sich wohler fühlte. Jeder wußte, daß er dem anderen notwendig war. Blieb Herr Michel auf Spaziergängen einmal stehen und sah in die Ferne, so blickte Peter erst seinen Vater an und sah dann ebenfalls in die Ferne. Machten sie Rast im Grase und veränderte der eine seinen Platz, so rückte der andere nach, wie Spatzen auf den Dächern tun.

Der dritte im Bunde war Fanny, der Hund, ein gelbes Tier mit Teckelbeinen und biederen, treuen Augen. Übrigens war es ein Männchen.

So lagerten alle drei einmal einmütig an einem Waldesrande, als Fanny plötzlich leise knurrte und fortgesetzt nach einer Richtung schnupperte. Die beiden anderen bemerkten anfangs nichts, bald aber entdeckten sie am Horizont etwas Rotes, das sich rotierend in der Luft bewegte, wie eine Windmühle. Als es näher kam, sahen sie etwas Langes, Hellgelbes darunter, und plötzlich sagte Herr Michel ängstlich: »Ist das nicht Tante Olga?« – Sie war es wirklich. In der rechten Hand drehte sie einen großen, rotwollenen Schirm, bald im Kreis, bald auf und nieder. Sie lachte für sich, bewegte die Lippen und schien nichts um sich herum zu sehen. Plötzlich blieb sie stehen, lauschte zu einem Baumwipfel empor und winkte einen Gruß hinauf. Mit einem Male aber tat sie einen Sprung und lag im Grase. Peter lachte laut auf. Jetzt erst bemerkte sie die beiden. »Au!« sagte sie und rieb sich ihr Bein. Dann streckte sie ihnen die Hand entgegen und blickte ihren Bruder geistesabwesend an. Man half ihr auf; sie sah nachdenklich auf ihren roten Schirm, nahm ihn unter den Arm, steckte die Hände in ihre Kleidertaschen, öffnete den Mund zum Niesen, schloß ihn aber sogleich wieder und sagte: »Also allons!« –

Tante Olga war eine etwas jüngere Schwester von Herrn Michel. Von ihrer frühesten Kindheit an hatte sie ein sonderbares Wesen an den Tag gelegt. Sie war scheu, unstet, verschlossen und oft heimtückisch gewesen. Es erfolgten zuweilen leidenschaftliche Ausbrüche gegenüber Personen, deren sie tags zuvor kaum gedacht hatte und die sie am nächsten Tag auch wieder vergaß. Zum Lernen war sie absolut untauglich gewesen. Nur in Handarbeiten hatte sie ein besonderes Geschick gezeigt. – Sie wurde später schwärmerisch religiös, legte sich selbst erdachte Strafen für begangene Sünden auf, trug sich einfach und absonderlich, hatte am Halse ein schwarzes Kreuzchen hängen und verliebte sich plötzlich tätlich in ihren Geistlichen. Dieser zeigte ihr das Sündhafte ihres Begehrens, pries Gott und begab sich schnurstracks zu ihrer Mutter, welche weinte und weder aus noch ein wußte. Fräulein Michel aber machte das ganze Christentum für die Abweisung ihrer Liebe verantwortlich, erkannte, daß es ruchlos sei, und wurde eine aufrichtige Atheistin. Aber auch dieser Zustand währte nicht lange. Sie erschien wieder bei ihrem Pfarrer und erklärte, fortan die Kirche wieder besuchen zu wollen, wenn es ihr erlaubt sei, dort ab und zu etwas aus ihrem atheistischen Büchlein vorzulesen. Jetzt begann man an ihrem Verstände zu zweifeln. Sie aber mischte von nun an alles durcheinander und wußte bald selbst nicht mehr aus noch ein zu finden. Sie wurde magerer, ihr Blick unstet, ihre Bewegungen eckig und fahrig, ihre Gedankengänge noch sonderbarer als früher; sie nahm eine Burschikosität des Wesens an, die die wildesten Schößlinge trieb, wenn sie allein war. Dabei ließ sie sich von jedem leiten wie ein Kind. Diesem Zustand mußte ein Ende gemacht werden. Eines Tages setzte man sie in einen Postwagen und fuhr sie zu einem Ort in der Nachbarschaft, wo sie durch Vermittlung des Pfarrers eine Stelle als Handarbeitslehrerin bekam. Jahrelang verhielt sie sich ruhig; aber dann holte sie aus dem Strickbeutel ihr atheistisches Büchlein und las vor, während die Kinder arbeiteten. Die Sache wurde ruchbar, und es kam zu einem Skandal. Vor einigen Tagen nun hatte sie öffentlich in dem angrenzenden Flüßchen gebadet und ihren intimen Verkehr mit der Natur so weit ausgedehnt, daß sie nach dem Bade nur mit einem Hemdchen bekleidet, ihre übrigen Kleidungsstücke aber am Arme schlenkernd, den Rückweg über Wiesen und Felder antrat. So verlor sie ihre Stelle wieder, was ihr übrigens gleichgültig war. Was sie besaß, verschenkte sie – und als wäre es selbstverständlich, machte sie sich auf den Weg zum Michelschen Dorfe. Unterwegs verzehrte sie mit Appetit ein Stückchen Apfelkuchen, pflückte einen Strauß Blumen, den sie aber bald wieder fortwarf, und kokettierte mit den Tieren des Waldes, bis sie dann schließlich, schirmschwenkend, am Horizonte vor dem ahnungslosen Herrn Michel auftauchte.

Auf Fanny machte die Tante einen eigenartigen Eindruck: Er stieß kurze, scharfe Belltöne aus, sah bald auf sie, bald auf Herrn Michel, bald auf Peter, jagte plötzlich über die Felder, eine Staubbahn hinter sich ziehend, kehrte um, schoß gerade auf sie zu, blieb vor ihr stehen, hob zögernd eine Pfote, näherte sich ihr, stieß ruckweise mit der Schnauze an ihr Bein, bellte von neuem, kniff wieder aus und sprang endlich wie behext um sie herum. Peter wurde eifersüchtig: »Das ist mein Hund!« sagte er. »Er gehört mir.« Die Tante sah ihn absonderlich durchdringend an und fragte: »Was ist das für ein Bengel?« – »Mein Sohn Peter!« antwortete Herr Michel stolz und klopfte ihm die Backen. Sie sah ihn abermals aufmerksam an, näherte sich vorsichtig auf den Fußspitzen, streckte schüchtern die Hand aus und klopfte ihm ebenfalls die Backen. So wurde Peterchen von beiden Seiten plötzlich beklopft. Er rollte seine verlegenen Augen und wühlte mit den Fingern in der Tasche. Die Tante klopfte noch immer: Ihre Finger trommelten auf seiner elastischen Backe, während sich ihr Augapfel unruhig bewegte. Mit einem Male packte sie ihn um den Leib, hielt ihn wie eine lebendige Garbe in ihren Armen und bot ihn wie ein Opfer dem Himmel dar. Peter brüllte erschrecklich, die Tante blieb in verzückter Stellung. Herr Michel aber war halb tot vor Angst: »Aber liebe Olga, ich bitte dich! Sei doch vernünftig! Nein, das ist ja schrecklich!« – Der arme Mann hatte in aller Verwirrung den Hut abgenommen und drehte ihn in seiner Hand. Sie stellte Peterchen augenblicklich auf die Erde. Dieser umschlang die Beine seines Vaters. Herr Michel nahm in aller Verlegenheit sein Taschentuch, um die Stiefelspuren auf dem Kleide seiner Schwester zu entfernen; aber diese wich zurück, hielt schützend die Hände vor ihren Leib und rief hastig: »Nein, nein! Niemals!« Dabei sah sie ihren Bruder fast feindselig an. Herrn Michel überkam eine plötzliche Angst. Er faßte Peter beim Handgelenk und zog ihn vorwärts. Er wagte nicht, sich wieder umzuschauen. Anfangs hörte er ihre Schritte hinter sich, dann merkte er, wie sie zurückblieb; und als er es schließlich über sich gewann, sich umzublicken, da war die Tante verschwunden. Peter sah ihn scheu von der Seite an: »Papa, was war das für eine Frau?« – »Es war bloß Tante Olga! Aber sage niemandem, daß wir sie getroffen haben; sie wohnt in einer fremden Stadt und geht nur manchmal hier spazieren.« – Herr Michel wußte selbst nicht, warum er dies sagte. Er hatte das dunkle Gefühl, als würde ein Unglück hereinbrechen.

Auf Peter hatte diese Begegnung den tiefsten Eindruck gemacht. Als er abends im Bette lag, konnte er lange Zeit nicht einschlafen. Immer schwebte ihm die gelbe Gestalt vor, mit ihren unheimlichen grauen Augen und dem roten Schirme. Dann glaubte er sich wieder in ihren Armen und fühlte, wie sie sich mit ihm im Kreise drehte. Und schließlich war er es selbst, der seinen Kreisel peitschte, daß er schnurrte, und da war es plötzlich wieder die Tante, die mit aufgespanntem rotem Sonnenschirm um sich selbst wirbelte, allmählich zu taumeln begann und schließlich lautlos, wie ein Stück Holz, zu Boden fiel. Als er am anderen Morgen zur Kaffeestunde in das Wohnzimmer trat, prallte er zurück und bohrte den Kopf in den Schoß seiner Mutter, die hinter ihm das Wohnzimmer betreten wollte. Diese blieb mit einem plötzlichen Ruck auf der Schwelle stehen; Herrn Michel aber rührte fast der Schlag: denn da saß in dem Lehnstuhl Fräulein Michel mit untergeschlagenen Beinen, übergeschlagenen Armen und lächelte. »Nun,« sagte sie endlich, »was ist da weiter?« Dann stand sie auf und verschwand ohne ein weiteres Wort in die gute Stube, schloß hinter sich zu, schnellte sich auf das Sofa und entschlief sofort. – Sie war die ganze Nacht hindurch ohne Ziel und Zweck umhergeirrt, hätte endlich einen Heuschober gefunden, von dem sie wieder vertrieben wurde, und war am Morgen auf rätselhafte Weise in die verschlossene Michelsche Wohnung gedrungen, wo sie drei Stunden wartend und lächelnd gesessen hatte. – Natürlich gab es eine stürmische Szene, in der Frau Michel ihrem Manne ohne jeden Grund alle Schuld beimaß. – Gegen Mittag wurde die Tante geweckt; sie schien sehr gut gelaunt, erzählte ihre Geschichte, machte beim Essen allerhand Mätzchen, kicherte, als gebetet wurde, und stieß gegen Schluß der Mahlzeit fast männlich auf. Herr und Frau Michel zogen sich darauf zur Beratung in die Geißblattlaube zurück. Als sie das Zimmer wieder betraten, fanden sie die Tante, Peterchen in ihren Schoß geklemmt, ihn im Stricken unterweisend, Zucker kauend, den sie aus dem Schrank geholt, trotz Peters Bemerkung: »Ich weiß genau, daß wir das nicht dürfen!« –

»Peter, geh mal in den Garten!« sagte sein Vater.– Dann ergriff Frau Michel das Wort und teilte Tante Olga mit, sie würde für ein paar Tage im Wirtshaus wohnen, das weitere würde sich finden. Die Tante lachte bei allem nur, fabelte noch einiges von ihren Koffern, die unterwegs wären, ließ sich von ihrem Bruder ein Geldstück in die Hand drücken, wollte ihrer Schwägerin einen Kuß geben und schwänzelte zur Tür hinaus. Peter zog sich sogleich in den hölzernen Verschlag zurück, als er sie kommen sah. Sie suchte ihn auch wirklich ratlos, ließ sich dann aber von ihrem Bruder weiterziehen und in das Wirtshaus bringen. – Später wohnte sie dann bei einer alten Frau, die sie gegen ein gutes Trinkgeld bemuttern mußte. Frau Michel schenkte ihr abgelegte Kleider, Herr Michel machte ihr ein Paar Stiefel, und Peter verehrte ihr seine alte Fibel mit Abbildungen, die sie nun abwechselnd mit ihrem atheistischen Büchlein las. Ab und zu durfte sie zu Michels kommen, aber nie des Abends, weil dies die Stunde des Großvaters war. Und dem war jeder Atheist ein Greuel; wieviel mehr noch eine Atheistin! Frau Michel verfehlte nie, sich anderen Leuten gegenüber ihrer guten Tat zu rühmen; und so gewann sie nach und nach an einer Sache, die ihr anfänglich nur widerwärtig war, Geschmack, indem sie sich zunehmend als Wohltäterin der Menschheit fühlte.

Peter lernte nun die Tante näher kennen. Aber so klein er war, er bemerkte sehr bald, daß er über ihr stand. Ihre Sprunghaftigkeit gab ihm selbst mehr Festigkeit ihr gegenüber; und wenn sie ihn in läppischster, täppischster Weise als ganz kleines Kind behandelte, so empfand er ein fast majestätisches Mitleid.

Peter besuchte die Dorfschule. Doch während des Sommers war der Unterricht sehr dürftig bestellt, da die meisten Kinder draußen auf dem Felde helfen mußten. So saß er jeden Morgen vorn auf dem Mistwagen und trieb das Pferd vorwärts, nur mit einem Hemd und einer blauen Hose bekleidet, auf dem Kopfe einen alten Strohhut, unter dem sein Haarschopf hervorlugte und alle Erschütterungen des Wagens mitmachte. Für jede Fahrt bekam er vom Großvater – dem das Feld gehörte – einen Heller zum Lohne; und er hob sie sich alle gut auf in einer alten Pomadenbüchse seiner Mutter. Durch emsiges Reiben zwischen Gaumen und Zunge wußte er ihnen einen schönen Glanz zu geben, und der Anblick eines besonders gut gereinigten Stückes machte ihm herzliche Freude. Mit Wintersanbruch saß er nun täglich wieder in der großen, niedrigen Schulstube und hörte auf die Worte des Großvaters, der seine Stimme weit und mächtig erschallen ließ. Er mußte nun schon aus dem Bette, wenn draußen noch dichte. Finsternis lag. Drinnen aber brannte die kleine Lampe, die er liebhatte und mit zur Familie rechnete. Lautlos schritt er dann durch den weichen Schnee, die schwarze Mütze aus Katzenfell mit den Ohrklappen fest über den Kopf gezogen. Um diese Zeit hatte noch niemand Lust zum Schneeballen, allen lag noch der Druck des Schlafes in den Gliedern. Dann zeigte sich das Schulhaus mit seinem finsteren First, und unter allgemeinem Getrampel bewegte sich die Schar in die dumpfe, düstere, Stube, in deren Ecke ein mächtiger brauner Kachelofen glühte. Nun packte jeder sein Lichtchen aus, entzündete es, und der Unterricht begann. Allmählich mischten sich dann starke blaue Lichter in die gelben, und schließlich erklärte der Großvater, nun sei es so hell, daß man die Kerzen löschen könne. Auf dem Heimwege gab es gewöhnlich ein großes Schneeballen. Peter traf fast niemals, erhielt aber stets sehr viele Bälle ins Gesicht. Fanny, der ihn meist von der Schule abholte und natürlich eine willkommene Zielscheibe bot, machte sich nicht viel daraus, oder vielmehr richtete er seinen Zorn nur gegen die Geschosse selbst. Oft zuckte er auch nur zusammen, wenn ihn eines traf, und sah zerstreut in die Ferne. Plötzlich jagte er dann wieder hinter den Bällen her, als gelte es das Leben. – Wenn Peter allein den Heimweg machte, blinzelte er oft in die Höhe, um auszuspähen, woher denn eigentlich die Flocken kämen, und ob, man sie schon von ganz oben herab verfolgen könne. Aber er sah stets nur einen Schwarm Millionen tanzender, grauer Punkte, ohne einen einzigen festhalten zu können – dann wünschte er so viel Jahre zu leben, als er Flocken sähe, und dann schneiten sie ihm in die Augen, und er sah schließlich gar nichts mehr. Nachmittags machte er seine Schularbeiten im Wohnzimmer, während der Vater in der Ecke Sohlen zuschnitt. Frau Michel nähte und flickte, und Peter lernte auf seinen Wunsch Strümpfe stopfen. Einmal schenkte sie ihm einen Perlmutterknopf, und den trug er nun tagelang im Munde herum und freute sich an seinem Schimmer. Die Tage wurden kürzer und kürzer, und so kam das Weihnachtsfest heran. Schon seit mehreren Tagen war er abends sehr frühzeitig zu Bett geschickt, und ein Zwinkern in den Augen seines Vaters sagte ihm, daß sich da unten herrliche Dinge vorbereiteten. So lief er denn freudig-erwartungsvoll die kleine Stiege zu seiner Kammer hinauf und entkleidete sich beim Sternenscheine. Licht anzuzünden hatte ihm seine Mutter strengstens verboten, seitdem er einmal eine Gardine in Brand gesteckt und als Entschuldigung nur gewußt hatte: »Ich wollte mal sehn, ob das brennt!«

Klappernd vor Kälte schloß er das knirschende Fenster und zog sich mit großer Schnelle und vielen Verrenkungen die Kleidungsstücke aus, schritt mit fast herausfordernder, langsamer Sicherheit bis zum Bettrande und vergab seiner Würde nur am Schlüsse etwas, indem er plötzlich einen hastigen Sprung ins Bett tat, voller Angst, das Gespenst könne ihn noch im letzten Augenblick unter dem Bett hervor bei den Beinen erwischen. Dann horchte er unter der Decke, ob sich nichts regte, und allmählich tauchte erst sein Haarschopf, dann sein dickes Gesicht empor, wie ein Mond über dem Horizonte.

Die gemeinsame Tätigkeit und Liebe für ihren Jungen brachte die Gatten einander näher; sie redeten über allerhand Dinge; er in schüchtern-zutraulichem Tone, sie etwas gönnerhaft. Herr Michel nannte Tante Olga eine »verschrobene Person«. Dieser Ausdruck gefiel seiner Frau ausnehmend gut, und sie lobte ihn darum. Hierüber nun, sowie über ihre Einträchtigkeit überhaupt, freute sich Herr Michel so, daß er leise schluckte. Schließlich hatte er sein Kleisterwerk vollendet – er pappte für Peterchen eine Burg – und sah sie mit zufriedenen Blicken an. Frau Michel fand auch nichts daran auszusetzen und nannte ihn einen geschickten Mann. – Dann kam das Fest, und Peter schmiegte sich an seinen Vater und sah selig-versunken in den Weihnachtsbaum. Dann schlug er sogleich ein Loch in die Trommel. Herr Michel meinte, man könne sie reparieren. »Aber sie ist doch vom Himmel?!« fragte Peter. Worauf seine Mutter erklärte, man würde es trotzdem versuchen. Viel später als sonst ging er müde und glücklich zu Bette. Herr Michel durfte zur Feier des Abends eine Zigarre rauchen, und in Frieden suchte endlich auch das Ehepaar sein Lager auf.

Die Tante lag seit drei Tagen zu Bette. Eines Abends trieb sie das Bedürfnis, sich einmal im Weltall aufgehen zu lassen, aus den Federn. Sie trat ans offene Fenster und schaute verzückt und betend in den funkelnden, kalten Sternenhimmel über sich. Am nächsten Morgen hatte sie eine tüchtige Erkältung und schalt auf die göttliche Bosheit.

Bald nach Weihnachten nahte sich ein anderes Fest, der siebzigste Geburtstag des Großvaters, der auf Silvester fiel. So war dieser Tag ein doppeltes Fest für die Familie und das ganze Dorf. Die Bewohner gratulierten, und die Dorfkinder sagten ein Sprüchlein her, das der Kantor verfaßt hatte. Dann gingen sie der Reihe nach vor und küßten ihm die Hand. Das neue rote, gewürfelte Seidentuch, mit dem sich der Großvater die Augen wischte, die sorgfältig gekämmten und gescheitelten Haare, der Sonntagsrock und die große schwarze Halsbinde – das alles gab ihm eine besondere, feierlich-fremde Weihe und ließ in Peter alle zärtlichen Gefühle fast zurücktreten vor dem einzigen großen einer unbegrenzten Verehrung. – Auf besonderen Wunsch des Großvaters durfte er an der Abendgesellschaft, die er gab, teilnehmen. Herr Michel bat ihn schüchtern, doch auch seine Schwester einzuladen, da diese sonst ganz allein wäre. Der Großvater sah ihn an. Er dauerte ihn, und er willigte ein. Fräulein Michel war glücklich. Ihr Bruder schärfte ihr ein, sich recht zusammenzunehmen, was sie als etwas Selbstverständliches versprach.

Peter sah mit Hochachtung auf die vielen Gedecke und Gläser. Bald erschien der Pastor, sehr freundlich und etwas pathetisch, der Kantor, der Apotheker und der Schulze. Die beiden letzteren hatten ihre Frauen mitgebracht, die alsbald die Toilette der Frau Michel musterten und ihrerseits gemustert wurden. Man unterhielt sich etwas feierlicher als sonst, und schließlich fragte Frau Michel: »Aber lieber Vater, warum gehen wir denn nicht zu Tische?« – »Olga ist noch nicht da!« entgegnete dieser. – »Olga? Olga Michel?« Sie schoß einen Blick auf ihren Mann, der es feige vermied, sie anzublicken, während die Damen kicherten. Aber Fräulein Michel kam nicht, und endlich setzte man sich ohne sie zu Tische. Der Pastor hielt das Gebet. – »Großpapa«, sagte Peter plötzlich, »Großpapa! Tante Olga sagt, es gäbe keinen lieben Gott und das Tischgebet wäre ein Mastgebet. Was ist das, ein Mastgebet?« – Herr Michel versank beinahe unter dem Tisch, seine Frau trat ihren Sohn mit dem Fuß, die Damen warfen sich vielsagende Blicke zu, und der Großvater blickte finster drein. – »Aber meine Lieben!« sagte der Pastor endlich, »lassen wir uns durch diesen unliebsamen Zwischenfall nicht stören, sondern genießen wir weiter die gesegneten Speisen!« Peter sah verschüchtert auf seinen Teller. Herr Michel aber war nur noch des einen Gedankens fähig: Hoffentlich kommt sie nun nicht mehr. Bei jedem Geräusch schreckte er auf, ihm schmeckte kein Bissen mehr. Richtig! Es klingelte, und sogleich darauf schwebte die Tante herein, seltsam angetan. Sie bat um Entschuldigung, daß sie so spät erscheine, sie wisse selbst nicht, wie es sich zugetragen, es würde ihr aber schon wieder einfallen. Dann gratulierte sie dem Großvater ganz normal. Als aber der Pastor eine Rede über die Güte Gottes hielt, erinnerte sie sich, daß sie ja Atheistin war, und sagte: »Wenn man Gott als Materie faßt« – aber da fiel Peter plötzlich mit einem Krach unter den Tisch. Alle schrien auf. Und die Tante vergaß ihre erste Rede und hub an zu erzählen, wie sie sich einst in der Klasse auf die Stuhllehne gesetzt hätte, hintenübergefallen wäre und eine Gehirnerschütterung abbekommen habe, damals, als sie noch Lehrerin war. – »Meine Herrschaften!« sagte der Großvater plötzlich, »es ist elf vorbei; ich denke, wir beginnen mit dem Punsch!« – Peter durchschauerte es bei diesem dunklen Worte. Die Gesellschaft begab sich ins Wohnzimmer, wo ein freundliches Kaminfeuer brannte. Fräulein Michel hatte sich in den Lehnstuhl niedergelassen, schnellte aber sogleich in die Höhe und überließ ihn voller Ehrfurcht dem Großvater. Man sprach über das verflossene Jahr, über Leid und Freud, die es gebracht, und Fräulein Michel begann plötzlich bitterlich zu weinen. Frau Michel, die sich gerade vom Apotheker den Hof machen ließ, sah unzufrieden zu ihr hinüber. Sie aber lächelte gleich wieder und versicherte, es sei nichts von Bedeutung. Plötzlich verlangte sie, Peter auf den Schoß zu nehmen. Dieser drückte sich noch tiefer in die Arme seines Vaters, auf dessen Knien er saß. Der gab ihm einen leichten Anstoß und sagte: »So geh nur!« – So saß er auf der Tante hagerem, hartem Schöße. Sie hielt ihn so, daß er sie immer ansehen mußte, und ihre Augen tauchten zärtlich in die seinen. Dabei schnurrte sie wie eine Katze.

Endlich nahte der große Moment. Die alte Kirchenuhr schlug langsam und nachdrücklich die zwölfte Stunde. Die Fenster wurden geöffnet, und während die kalte Luft hereindrang, erwartete man unter lautloser Spannung den letzten Schlag. Dann drückte man sich die Hände, küßte sich und wünschte sich ein gutes neues Jahr. Peter mußte herumgehen und »Prosit Neujahr!« sagen, was er widerwillig und mit einer gewissen Nachsicht tat, indem er nicht verstand, was es bedeutete. – »Was ist denn das da draußen für ein Gemurmel?« fragte der Schulze plötzlich. Alle eilten ans Fenster, während der Kantor schnell das Zimmer verließ. Da zeigte sich ihnen ein buntes, strahlendes Bild. Auf dem glitzernden Schnee standen etwa dreißig kleine Gestalten, eine jede mit einem farbigen, sanft leuchtenden Lampion, während der klare Vollmond und alle Sterne das Ganze mit einem träumerischen Glänze überschimmerten. Ein leichter Windhauch trieb einen feinen weißen Sprühregen von den Dächern, der leise niederrieselte. Als der Großvater am Fenster erschien, erscholl ein lautes Hurra, und dann stimmten sie erst langsam, aber bald energischer, einen Choral an, und unter lautem »Prosit Neujahr!«-Rufen sprangen sie endlich auseinander. Der Großvater dankte dem Kantor gerührt für diese Ovation. Er hatte seine armschwenkende, schwarze Gestalt wohl bemerkt drunten auf dem weißen Schnee. Jetzt dankte man dem Großvater für den schönen Abend und verabschiedete sich. Fräulein Michel nannte ihn einen »heiligen Mann«. Peter aber träumte diese Nacht von Weinflaschen, Punschgläsern und farbigen Laternen.

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